
Übergang vom Alten zum Neuen Testament und prophetische Kontinuität
Nachdem wir das Alte Testament gemeinsam überflogen haben – am Schluss mit deutlicher Beschleunigung – gehen wir nun über die sogenannten 400 stummen Jahre zwischen dem Alten und dem Neuen Testament hinweg zu Matthäus.
Ich lese Matthäus 1, Vers 1: „Buch des Geschlechts Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“
Weiter heißt es: „Abraham zeugte Isaak.“ Und dann in Vers 6: „David aber zeugte Salomo.“
In Vers 16 lesen wir: „Jakob aber zeugte Joseph, den Mann der Maria, von der Jesus geboren wurde, der Christus genannt wird.“
Und im Kapitel 2, Verse 1 und 2:
„Als aber Jesus in Bethlehem in Judäa geboren war, in den Tagen des Königs Herodes, siehe, da kamen Magier vom Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der König der Juden, der geboren worden ist?“
Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass diese scheinbare Lücke von 400 Jahren zwischen dem Alten und dem Neuen Testament nur eine scheinbare Lücke ist. Prophetisch sind diese 400 Jahre gefüllt durch das, was das Alte Testament über diese Zeit ausgesagt hat.
Im Buch Daniel finden wir die Prophetie von vier Weltreichen (Daniel 2 und Daniel 7). Es geht um die Abfolge: Babylonien, Medopersien, Griechenland und Rom.
Das Erstaunliche ist: Bei den letzten Büchern des Alten Testaments erleben wir noch gerade die Zeit der babylonischen Weltherrschaft und dann der persischen. Im Teil davor haben wir Zephanja bis Maleachi betrachtet. Zephanja lebte noch in der Zeit, in der Babylonien zur Weltherrschaft kam. Die nächsten Propheten – Haggai, Sacharja und Maleachi – lebten bereits zur Zeit der persischen Weltherrschaft.
Die Weltherrschaft der Griechen fiel dann bereits in die zwischentestamentliche Zeit. Danach folgte die römische Herrschaft. In den 60 Jahren des ersten Jahrhunderts marschierten die Römer in Jerusalem ein.
Wenn man also am Schluss des Alten Testaments liest, befindet man sich noch quasi in der persischen Zeit. Kommt man nun zu Matthäus, stellt man sehr schnell fest: Jetzt sind wir in der Zeit, in der die Römer die Weltherrschaft innehaben.
Die prophetische Erfüllung der 400 Jahre und die Bedeutung des Geschlechtsregisters
Was ist geschehen? Nun, das ist alles überbrückt. Daniel zeigt eben dieses Schema, diese Abfolge der vier Weltreiche: Babylonien, Medo-Persien, Griechenland, Rom – und noch viel mehr. Gerade in Daniel 11 finden wir sehr detaillierte Prophezeiungen über große Teile dieser 400 Jahre. Das macht klar: Es gibt keine Lücke in der Bibel. Prophetisch ist alles ausgefüllt und überbrückt. So ist Gottes Wort.
Nun haben wir in Matthäus 1 ausgewählte Verse gelesen. Jetzt lese ich die Zusammenfassung aus dem Skript: Das Matthäusevangelium betont, dass Jesus Christus der König Israels ist, der verheißene Messias des Alten Testaments. Deshalb wird viel Wert darauf gelegt, zu zeigen, dass sich in ihm die Voraussagen der Propheten über den kommenden Erlöser nachweislich erfüllt haben. Dieses Buch stellt eine wunderbare Brücke vom Alten zum Neuen Testament dar.
Matthäus betont also ganz besonders die Erfüllung des Alten Testaments in dem Kommen des Messias, Jesus. Er wird im ersten Vers genannt: Jesus Christus, der Sohn Davids. Das Alte Testament betonte, dass der Messias ein biologischer, ein wirklicher Nachkomme von König David sein wird. Darum hat man im Judentum unter all den Titeln, die man dem Messias gibt, aus der Schrift heraus ganz wichtig den Titel Ben David, der Sohn Davids. Das ist ein fester Begriff in der rabbinischen Literatur: Maschiach Ben David, der Messias, der Sohn Davids.
Und nun wird das hier in Matthäus 1 betont, denn es unterstreicht, dass er der verheißene König ist, der im Alten Testament verheißen wurde. Das Erste, was wir in Kapitel 1 finden, ist das königliche Geschlechtsregister. Es beginnt mit Abraham, dann erzeugt er Isaak, weiter über Jakob und so geht es bis auf David, dem verheißen wurde: Der Messias wird auf deinem Thron sitzen als König.
Wir haben gesehen, es geht dann weiter über Salomo und weiter über die Könige von Juda bis auf Jeconia und dann weiter bis auf Joseph, der Maria, die Mutter des Messias, geheiratet hat. Warum steht dieses Geschlechtsregister hier? Weil es zeigt, dass dies die Königslinie ist. Jesus Christus hat ein Anrecht auf diese Königslinie, obwohl er nicht von Salomo abstammt.
Über Maria – das werden wir noch im Lukasevangelium sehen, wo ihr Geschlechtsregister aufgeführt wird – stammt er von König David ab, aber über die Linie von Nathan und nicht von Salomo. Und Nathan führte eine Linie weiter, die nicht königlich war.
Die Bedeutung der Abstammung und das Problem der Linie Jechonia
Warum ist es jetzt wichtig, hier in Matthäus 1 dieses königliche Geschlechtsregister zu finden?
Der Grund liegt darin, dass der Letzte in dieser Reihe Jechonia ist, wie in Vers 12 erwähnt wird. Nach der Wegführung nach Babylon zeugte Jechonia Shealtiel, Shealtiel zeugte Serubabel und so weiter. Jechonia wurde jedoch von Gott verflucht wegen seines gottlosen Lebens. Dies wird im letzten Abschnitt von Jeremia 22 beschrieben. Jechonia, auch Konia genannt, ist dieselbe Person. Von ihm wird gesagt, dass niemals ein Same von Jechonia auf dem Königsthron Davids sitzen wird.
Nun wird klar: Joseph, der Mann von Maria, hatte zwar diese vornehme Abstammung. Er stammte aus der Linie Davids, über Salomo und die jüdischen Könige bis hin zu Jechonia. Dennoch hätte er niemals das Recht gehabt, auf dem Thron seines Vorfahren David zu sitzen.
Ausgerechnet Joseph heiratet Maria. Dadurch erhält Jesus Christus, der Sohn von Maria, juristisch ein Anrecht auf diese Königslinie. Denn der Fluch betraf nur die, die ein Same von Jechonia waren – also ein biologischer Nachkomme. Diese dürfen nicht auf dem Thron sitzen. Jesus Christus war jedoch kein Same von Jechonia. Durch Joseph, der sein Adoptivvater wurde, erhielt er juristisch das Anrecht auf diese Linie.
Das ist ein großes Problem im Judentum, wenn man sich mit der Sache auseinandersetzt. Wie kann der Messias ein Anrecht auf den Thron Davids haben, wenn er doch nicht aus dieser Linie stammen darf? Um ein Anrecht zu haben, muss er aber genau das haben: das Anrecht auf diese Linie. Das ist ein Widerspruch.
Dieser Widerspruch löst sich durch Psalm 132. Dort heißt es, dass der Messias von der Frucht der Lenden Davids abstammen wird – also wirklich ein echter biologischer Nachkomme Davids ist. Das hat sich erfüllt über die Linie von David, Nathan bis hin zu Maria. Ihr Geschlechtsregister findet sich in Lukas 3.
Über Joseph bekommt Jesus Christus jedoch den rechtlichen Anspruch auf diese Königslinie. Das macht deutlich, dass Joseph und Maria unbedingt heiraten mussten. Das wussten sie natürlich nicht, als sie beide die Überzeugung hatten, Gott habe sie füreinander bestimmt.
Beide mussten diese Überzeugung haben. Es reicht beim Heiraten nicht, wenn nur der Mann hundertprozentig überzeugt ist, dass sie zusammengehören, und die Frau keine Freude daran hat. Wenn die Freude nicht da ist, stimmt etwas nicht. Sie muss ebenfalls ein klares Ja geben.
Beide hatten dieses Ja. Sie realisierten jedoch nicht, dass sich dahinter Gottes Heilsplan verbarg: Der Messias sollte aus der Linie Davids kommen können – über Maria als biologischen Nachkommen und über Joseph als rechtlichen Anspruchsträger auf die Königslinie.
Dieses Geschlechtsregister wird im Neuen Testament nur im Matthäusevangelium vorgestellt – gerade am Anfang. Warum? Weil das Matthäusevangelium betont, dass Jesus Christus der König Israels ist.
Die Bedeutung der Weisen aus dem Morgenland und die Königstitel im Matthäusevangelium
Und jetzt verstehen wir auch, warum gerade in Kapitel zwei diese Geschichte erzählt wird: Die Weisen aus dem Morgenland kommen nach Jerusalem und fragen: „Wo ist der König der Juden, der geboren worden ist?“ (Matthäus 2,2).
Diese Geschichte steht nur im Matthäusevangelium. Warum? Weil hier betont wird, dass Jesus Christus der verheißene König ist. Dieses Thema zieht sich durch das ganze Evangelium hindurch. Man kann das sogar statistisch belegen.
Die Wörter „König“, „Basileus“, „regieren“, „Basileio“ – was wörtlich „Königin“ bedeutet – also alle verwandten Wörter, die mit Königsherrschaft zu tun haben, kommen mit Abstand am häufigsten im Matthäusevangelium vor. Mehr als in Markus, Lukas und Johannes. Warum? Weil hier eben der König vorgestellt wird.
Auch das Wort „Reich“ oder „Königreich“, „Basileia“, und Ausdrücke wie „das Königreich der Himmel“ kommen zusammen mit den verwandten Wörtern am meisten im Matthäusevangelium vor. So kann man also objektiv zeigen: Hier geht es um diese Botschaft.
Außerdem führt Matthäus am meisten Zitate aus dem Alten Testament an und zeigt, wie sich diese Prophezeiungen auf den Messias hin in Jesus Christus erfüllt haben. Warum? Weil es darum geht, dass er der verheißene König des Alten Testaments ist, der Messias für Israel und auch für alle Völker.
Der Messias als Licht für die Nationen und die doppelte Bedeutung von Sohn Davids und Sohn Abrahams
Nun, es ist sehr wichtig: Das Alte Testament sagt nicht nur, dass der Messias für Israel kommt. In Jesaja 49 wird sogar zum Messias von Gott, dem Vater, gesagt: „Es ist zu gering, dass du mein Knecht seist, um Jakob wieder aufzurichten und die Zerstreuten Israels zurückzuführen. Ich habe dich gesetzt zum Licht der Nationen, dass du mein Heil seist bis an das Ende der Erde.“
Also macht das Alte Testament, zum Beispiel Jesaja 49, klar, dass der Messias für Israel und für die Völker kommt. Aber Jesaja 49 zeigt auch deutlich, dass der Messias sich zuerst um Israel mühen wird und erst danach um die Völker.
Das ist alles bereits im ersten Satz des Neuen Testaments enthalten: „Buch des Geschlechts Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“ Im Geschlechtsregister lesen wir die erste Bedeutung: Vers 6 sagt, dass David Salomo zeugte. Der Messias ist der Sohn Davids, der Ben David, und das bedeutet, dass er der große Salomo ist. Wer war der ganz große König von Juda? Salomo. Er war sogar noch größer als sein Vater David. So wird mit dem Titel Ben David, Sohn Davids, betont, dass Jesus Christus der große Salomo ist.
In Matthäus 1 bis 12 wird gezeigt, wie Jesus Christus in diese Welt kam, in Bethlehem geboren wurde und Israel das Reich angeboten hat. Seine Predigt beginnt in Kapitel 4 mit den Worten Matthäus 4,17: „Von da an begann Jesus zu predigen und zu sagen: Tut Buße!“ Das heißt, bereut eure Sünden, kehrt um, bekennt sie Gott und tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahegekommen.
Wenn man weiterliest, wird immer deutlicher, dass die Führerschaft Israels und schließlich auch die mitgerissene Masse des Volkes den Messias ablehnen. Der Höhepunkt dieser Ablehnung wird in Matthäus 12 erreicht, wo die Pharisäer, also die Führer des Volkes Israel, sagen, Jesus Christus wirke seine Wunder durch die Kraft des Teufels, durch Beelzebul.
Dabei geht es um die Heilung eines blinden Besessenen, der auch noch stumm war. Das ist sehr wichtig. Die Rabbiner erklärten, wenn ein Mensch von einem bösen Geist besessen ist, müsse man zuerst herausfinden, wie der Name des Dämons lautet. Dann müsse man ihn mit Namen ansprechen und befehlen, auszuziehen. Das wird jedoch nirgends in der Bibel so gelehrt.
Wir haben ein Beispiel, in dem der Herr Jesus fragt: „Was ist dein Name?“ Dann antwortet der oberste Dämon von Tausenden, die in diesem Menschen waren, mit „Legion“, denn es waren viele. Diese Legion wird dann ausgetrieben. Aber das ist ein einzelner Fall.
Die Rabbiner hatten damit ein Problem: Was ist, wenn ein Besessener stumm ist? Dann kann man ja seinen Namen nicht erfragen. Für sie war deshalb klar: Ein stummer Besessener kann nicht geheilt werden. Doch wer kann trotzdem einen stummen Besessenen heilen? Natürlich der Messias.
Genau das geschieht in Matthäus 12. Ich lese Vers 22: „Dann wurde ein Besessener zu ihm gebracht, blind und stumm, und er heilte ihn, so dass der Stumme redete und sah.“ Alle Volksmengen staunten und sprachen: „Dieser ist doch nicht etwa der Sohn Davids?“ Die Pharisäer aber sagten, als sie es hörten: „Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus als durch Beelzebul, den Fürsten der Dämonen.“
Man sieht hier die Reaktion des Volkes: „Das gibt’s ja nicht! Das kann doch nicht sein! Das müsste ja quasi der Messias sein, der Sohn Davids!“ Sie reagieren also genau richtig. Dieses messianische Zeichen macht klar, dass Jesus von Nazareth der König Israels, der Sohn Davids, ist.
Die Pharisäer aber leugnen dies trotz ihres eigenen Wissens und sagen: „Nein, das ist durch den Teufel.“ Das war eine offene, massive und bewusste Ablehnung des Messias.
Die Einführung der Gleichnisse und die Scheidung zwischen Ablehnung und Annahme
Und dann beginnt ab Kapitel dreizehn etwas ganz Neues. Jesus beginnt, in Gleichnissen zu sprechen. Warum? Er sagt seinen Jüngern, dass nur noch sie, die es wollen, verstehen sollen. Die anderen sollen nicht mehr verstehen.
Es wird eine Scheidung gemacht: Diejenigen, die ihn ablehnen, sollen in der Dunkelheit verschwinden. Diejenigen aber, die wollen, sollen noch mehr Klarheit bekommen. Denn Gleichnisse helfen dabei, Dinge noch besser zu verstehen – vorausgesetzt, man weiß, was die Gleichnisse bedeuten sollen.
Übrigens sagte Blaise Pascal, der Mann mit der großartigen Rechenmaschine, die er erfunden hat – er lebte von 1623 bis 1662 – einmal: „Il y a assez de lumière pour ceux qui ne désirent que de voir, et assez d'obscurité pour ceux qui ont une disposition contraire.“ Also: Es gibt genügend Licht für die, die nur den Wunsch haben, klar zu sehen, und es gibt genügend Dunkelheit für die, die eben das Gegenteil wollen.
Und so ist es genau gekommen für Israel: Für die, die nicht wollten, wurde alles unklar; für die, die wollten, wurde es noch klarer.
Das erste dieser Gleichnisse ist in Matthäus 13 das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld, wo der Same – das Wort Gottes – ausgestreut wird. Es ist ein Bild des Wortes Gottes.
In Matthäus 13 erklärt der Herr Jesus: „Der Acker bedeutet die Welt.“ Was bedeutet das? Von jetzt an geht sein Dienst über Israel hinaus zu den Völkern. Das wird in Matthäus 13, 14, 15, 16, 17 und so weiter gezeigt.
So wird das Matthäus-Evangelium zweigeteilt: Matthäus 1–12 beschreibt den Sohn Davids, den König der Juden, der abgelehnt wird. Ab Kapitel dreizehn wird gezeigt, dass der Messias auch der Sohn Abrahams ist.
Ja, Matthäus 1,1: „Das Buch des Geschlechts Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“ Und dort lesen wir auch Vers 2: „Abraham aber zeugte Isaak.“
Der Messias als Sohn Abrahams und die universelle Segnung
Der erste Sinn von „Sohn Abrahams“ ist Isaak. Dies soll darauf hinweisen, dass der Messias der große Isaak ist. Was geschah mit Isaak? Vater Abraham war bereit, alles hinzugeben. Er war sogar bereit, seinen geliebten Sohn als Opfer in den Tod zu geben. Dies wird in 1. Mose 22 beschrieben. Doch schließlich durfte Abraham seinen Sohn verschonen, denn der Tod eines Sünders nützt anderen Sündern nichts. Nur der Tod eines Vollkommenen kann stellvertretend etwas bewirken.
Gleich nachdem Abraham bereit war, seinen Sohn als Opfer zu geben, spricht Gott eine Verheißung aus. Ich lese aus 1. Mose 22, Vers 18: „Und in deinem Nachkommen werden alle Nationen der Erde gesegnet sein.“ Der Nachkomme Abrahams war zunächst Isaak, doch hier wird auf den großen Isaak, den Messias, hingewiesen. Durch ihn sollen alle Völker der Welt gesegnet werden, nicht nur Israel.
Nun verstehen wir: Der Ben David, der Sohn Davids, ist der König Israels, wie Salomo. Der Sohn Abrahams ist der große Isaak, der Segen für alle Nationen bringt. Wir können daher Matthäus Kapitel 1 bis 12 mit „Ben David, der König für Israel“ überschreiben und Kapitel 13 bis 28 mit „Ben Avraham, der Sohn Abrahams, der große Isaak, Segen für alle Völker“.
Wenn wir den Bogen bis zum Schluss spannen, sehen wir in Matthäus 28, nachdem der große Sohn Abrahams wirklich als Opfer am Kreuz gestorben ist, dass er von den Toten aufersteht. Dort heißt es in Matthäus 28, Vers 18: „Und Jesus trat herzu, redete zu ihnen und sprach: Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf der Erde. Geht nun hin, macht alle Nationen zu Jüngern, tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.“
Zuerst stellt er sich vor als der Ben David, der große Salomo: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf der Erde.“ Nicht nur wie Salomo, der über ein Großreich herrschte – das heutige Israel, Libanon, Syrien, Jordanien –, sondern über alle Gewalt im Himmel und auf der Erde.
Dann stellt er sich vor als der große Ben Abraham, der Sohn Abrahams, der große Isaak. Er sagt: „Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern und tauft sie ...“ So schließt sich der Kreis.
Im ersten Vers steht Ben David, Ben Abraham, und am Schluss Ben Abraham. Das Ganze ist in zwei Teilen gegliedert: Kapitel 1 bis 12, der Sohn Davids, und Kapitel 13 bis 28, der Sohn Abrahams, der sich als Opfer hingibt.
Einführung in das Markus Evangelium: Jesus als der Diener Gottes
Dann gehen wir weiter zum Markus-Evangelium. Auf dem Skript habe ich, wie bei allen Büchern des Neuen Testaments, versucht, mit wenigen Worten und ganz kurzen Sätzen jedes biblische Buch zu charakterisieren.
Das Markus-Evangelium stellt Jesus Christus als den vollkommenen Diener Gottes vor. Es betont die Taten des Herrn Jesus. Von allen Evangelien enthält es daher am wenigsten Worte Jesu.
Markus lässt die Geburtsgeschichte weg, ebenso das königliche Geschlechtsregister. Nach einer knapp gehaltenen Einleitung beginnt er sogleich mit der Beschreibung des öffentlichen Dienstes Jesu in Israel.
Der nur in diesem Evangelium zu findende Vers aus Kapitel 37 umschreibt treffend die Botschaft von Markus: Er hat alles wohlgemacht.
Im Markus-Evangelium haben wir einen Kontrast zum Matthäusevangelium. Dort geht es um Jesus Christus als König, hier hingegen ist Jesus Christus der Diener. Das ist genau das Gegenteil. König bezeichnet die höchste Position, die ein Mensch haben kann, Diener die tiefste Position. Aber es ist dieselbe Person.
Nun versteht man, dass bei einem Vorstellungsgespräch in einer großen Firma niemand fragt, ob jemand einen Gentest gemacht hat oder königliche Abstammung besitzt, wenn er eine untergeordnete, dienende Funktion einnehmen soll. Das interessiert niemanden. Wichtig ist, dass jemand gut arbeitet und während der Arbeit nicht zu viel spricht. Das ist oft ein Problem: Leute, die sprechen, anstatt zu arbeiten. Und bezahlt werden muss die Zeit ja trotzdem als Arbeitgeber.
Daher versteht man auch, warum Markus in seinem Evangelium nichts über ein königliches Geschlechtsregister schreibt. Auch das Abstammungsregister von Maria in Lukas 3 erwähnt nicht, dass Jesus von David abstammt, obwohl dies über eine Seitenlinie möglich wäre.
Nach einer kurzen Einleitung wird im Markus-Evangelium der Dienst beschrieben. Bereits in Kapitel 1, Vers 14 heißt es: „Nachdem aber Johannes überliefert worden war, kam Jesus nach Galiläa, predigte das Evangelium des Reiches Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahegekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium.“
Hier geht es also nicht um eine besondere Geburtsgeschichte, wie in Lukas, oder um besondere Geschlechtsregister, wie in Matthäus und Lukas, sondern darum, zu zeigen, was Jesus Christus getan hat.
Wenn man alle Bibelverse in den vier Evangelien heraussucht, in denen der Herr Jesus spricht, stellt man objektiv fest, dass er im Markus-Evangelium am wenigsten spricht. Ich habe das statistisch mit Prozentzahlen ausgerechnet, und der Fall ist klar.
Das liegt daran, dass es hier um den Diener geht. Die Betonung liegt auf seinen Taten.
Das Sondergut im Markus Evangelium und die Verbindung zu den Gottesknechtgedichten
Im Markus-Evangelium finden sich viele Geschichten, die auch in den anderen Evangelien erzählt werden. Es gibt nur wenige Abschnitte, die man als Sondergut bezeichnet. Sondergut sind Erzählungen oder Abschnitte, die ausschließlich in einem Evangelium vorkommen. Deshalb ist es wichtig, einen besonderen Blick auf die Passagen zu werfen, die nur im Markus-Evangelium zu finden sind.
Dazu gehört zum Beispiel Markus 7,31, wo die kurze Geschichte von der Heilung eines Tauben erzählt wird. Die Reaktion des Volkes darauf steht in Vers 37: „Und sie waren überaus erstaunt und sprachen: ‚Er hat alles wohlgemacht. Er macht sowohl die Tauben hören als auch die Stummen reden.‘“ Diese Geschichte kommt nur hier vor. Hier wird besonders betont, wie wunderbar der Messias handelt – als der Knecht Gottes.
Wenn es um den Knecht Gottes geht, ist das tief im Alten Testament verwurzelt. Im Buch Jesaja finden sich fünf Gottesknechtgedichte, nämlich in Jesaja 42, 49, 50, 53 und 61. Dort wird der Messias als „Knecht Gottes“ bezeichnet. Zum Beispiel beginnt Jesaja 53 schon in Kapitel 52, Vers 13: „Siehe, mein Knecht wird einsichtig handeln, er wird erhoben und erhöht werden und sehr hoch sein.“ Das Markus-Evangelium ist stark in diesen Prophezeiungen über den Messias, den Knecht Gottes, verwurzelt. Deshalb betont es das Handeln des Herrn Jesus, und zwar wie unermüdlich er handelt.
Ich habe statistisch genau untersucht, wie oft das Wort „und“ in allen vier Evangelien vorkommt. Im Markus-Evangelium erscheint es am häufigsten, sogar häufiger als in allen anderen Teilen des Neuen Testaments. Im Deutschen lernt man, man soll nicht immer „und“ sagen. Doch das Markus-Evangelium wurde nicht auf Deutsch, sondern auf Griechisch geschrieben. Dieses Griechisch ist stark vom Hebräischen geprägt, was dem Neuen Testament eine besondere Würde der Sprache verleiht: Griechisch, aber tief im Alten Testament und Hebräischen verwurzelt.
Das Wort „und“ kommt in den sechzehn Kapiteln des Markus-Evangeliums über tausendmal vor – nirgends sonst im Neuen Testament so dicht wie hier. Warum? Weil es zeigen soll, dass Jesus der unermüdliche Diener ist. Er dient immer wieder, unaufhörlich. Auch das Wort „sogleich“ (griechisch: Euthys) kommt mit Abstand am häufigsten im Markus-Evangelium vor. Das betont, wie Jesus sofort und ohne Verzögerung ans Werk ging.
Manche Menschen handeln immer wieder, aber zwischendurch mal etwas lockerer. Beim Herrn Jesus sieht man jedoch, wie er „sogleich, sogleich, sogleich“ handelt. Das zeigt ihn als den vollkommenen Diener.
Schließlich wird dieser treue Diener abgelehnt und ermordet, genau wie es in Jesaja 53 über den Knecht Gottes beschrieben wird. Seine Leiden werden dargestellt. Doch in Markus 16 wird beschrieben, dass er am dritten Tag aufersteht – das steht in allen vier Evangelien. Außerdem wird dort seine Himmelfahrt erwähnt. Diese wird nicht in allen Evangelien erzählt, sondern nur noch im Lukas-Evangelium. Danach heißt es, er setzte sich zur Rechten Gottes auf den Thron. Diese Aussage findet sich nur im Markus-Evangelium.
Markus 16, Vers 19: „Der Herr nun wurde, nachdem er mit ihnen geredet hatte, in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes.“ Das steht nur hier. Danach heißt es: „Sie aber gingen aus und predigten überall, wobei der Herr mitwirkte und das Wort bestätigte durch die darauf folgenden Zeichen.“ Amen.
Das entspricht genau dem Gottesknechtgedicht in Jesaja 53, das in Kapitel 52 beginnt: „Siehe, mein Knecht wird einsichtig handeln.“ Im Markus-Evangelium liegt die Betonung auf seinem Handeln. Er wird aus dem Grab erhoben, dann in der Himmelfahrt erhöht und schließlich sehr hoch sein, nämlich zur Rechten Gottes auf dem Thron.
Warum wird beschrieben, dass der Diener am Ende auf dem Thron Gottes sitzt – nicht auf dem Thron Davids, sondern sogar noch höher? Der Herr Jesus hat in Matthäus 23 erklärt: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Deshalb endet das Markus-Evangelium damit, dass der Diener auf dem höchsten Thron sitzt, den es überhaupt gibt – dem Thron Gottes.
Was macht er dort als Diener? Nichts mehr? Doch, wir haben in Vers 20 gelesen: „Sie aber gingen aus und predigten überall.“ Seine Nachfolger sind ebenfalls Diener geworden, die unermüdlich dienen. Aber wir lesen weiter: „Wobei der Herr mitwirkte und das Wort bestätigte durch die darauffolgenden Zeichen.“ Amen.
Er wirkt also weiter als König auf dem Thron Gottes. Er, der Knecht, bleibt Knecht und wirkt mit. Er bestätigt das Wort, das seine Nachfolger als Diener predigen.
Ausblick auf Lukas und Johannes
So sehen wir also einen wunderbaren Kontrast zwischen Matthäus und Markus. Gleichzeitig ergänzen sie sich auf wunderbare Weise.
Beim nächsten Mal werden wir mit Lukas und Johannes weitermachen. Dabei werden wir sehen, wie auch diese beiden ein Gegensatzpaar bilden. Zusammen ergeben sie eine literarische Einheit aus vier Evangelien.
Das behandeln wir dann aber erst beim nächsten Mal.
Vielen Dank an Roger Liebi, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!
Noch mehr Inhalte von Roger Liebi gibt es auf seiner Webseite unter rogerliebi.ch