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Die Quasten des Messias und Gesetzlichkeit

Das Matthäusevangelium mit Roger Liebi, Teil 33/90
17.04.2021Matthäus 14,34-15,28
SERIE - Teil 33 / 90Das Matthäusevangelium mit Roger Liebi

Guten Tag, ich möchte alle ganz herzlich begrüßen – nicht nur die, die hier anwesend sind, sondern auch jene, die uns über den Livestream zugeschaltet sind.

Wir fahren fort in Matthäus 14 und kommen heute zu Vers 34.

 Matthäus 14,34: „Und als sie hinübergefahren waren, kamen sie ans Land nach Genezareth. Als die Männer jenes Ortes ihn erkannten, schickten sie ihn in die ganze Gegend und brachten alle Leidenden zu ihm. Sie baten ihn, dass sie nur die Quaste seines Gewandes anrühren dürften. Und so viele ihn anrührten, wurden völlig geheilt.“

Geografische und kulturelle Einordnung des Ortes Genezareth

Zunächst einmal bis hierhin, und dann fahren wir weiter in Kapitel 15.

Zuerst stellt sich uns eine geografische Frage: Was ist eigentlich mit Genezareth gemeint? Der See heißt ja See Genezareth, und jetzt heißt es, sie sind mit dem Schiff hinübergefahren nach Genezareth. Was soll man darunter verstehen? Keine Idee.

Ob es sich dabei um eine Gegend rund um den See Genezareth handelt, ist eine andere Frage. Sonst würde man ja überall nach Genezareth fahren, egal wohin man fährt. Genau, es ist im Norden, ich sehe es, und zwar in der Nähe von Kapernaum.

Wer sich auskennt, weiß, dass zwischen Kapernaum und Tiberias ein Kibbutz liegt. Wie heißt der? Ja, genau: Ginosar, Kibbutz Ginosar. Ginosar hängt zusammen mit Genezareth. Also ist das genau das Gebiet etwa von diesem Kibbutz heute.

Dorthin kommt der Herr also mit dem Schiff. Dort bringen sie alle Arten von kranken Menschen zu ihm, und ihr Anliegen ist, seine Quaste zu berühren.

Bedeutung und Herkunft der Quaste am Gewand

Was ist die Quaste? Ja, Philipp?

Das ist ein Pendel, beziehungsweise mehrere Pendel. Sie mussten der Thora, dem fünften Chirurgen, als Symbol und Bedeutung für das Wort und für Gott getragen werden. Deshalb ist auch noch blauer Faden mit eingearbeitet, gewonnen aus einer Schnecke, die man dafür braucht.

Ich fasse zusammen, für diejenigen, die es im Livestream nicht gehört haben: Du sagst, das sei ein Bändel, den man als Jude trägt. Darin sind auch Fäden aus blauem Purpur enthalten, gewonnen aus der Purpurschnecke, wie du erklärt hast. Korrekt?

Ja, genau. Man sieht, dass das blaue Fäden aus blauem Purpur sind. Auf Hebräisch heißt das „Techelet“. Jahrelang wusste man nicht mehr, wie man diesen Farbstoff herstellt. Im Judentum und auch in der übrigen Welt ist dieses Wissen aus der Antike verloren gegangen. Man kann sagen, dass man etwa seit 700 nach Christus nicht mehr wusste, wie man Blau und Purpur herstellt.

Damals trugen die meisten Juden keinen Purpur mehr, da dieser sehr teuer war. Man musste nicht mehr mit Purpur färben, oder der zweite Purpur war schlicht zu kostspielig. Ja, der Purpur ist sehr teuer. Auch heute haben viele keinen Purpur. Man könnte zum Beispiel Jeansfarbe verwenden, denn die Farbe für blaue Jeans ist ja nicht teuer. Warum macht man das nicht?

Der Grund ist, dass die Rabbiner gesagt haben: Wir wissen nicht mehr, wie Techelet hergestellt wird. Aber wir können auch nicht irgendein Blau nehmen. Deshalb nehmen wir lieber kein Blau. Darum sieht man bei den meisten Orthodoxen, hier habe ich einen Gebetsschal, an dem diese Quasten auch befestigt sind. Nicht nur bei der üblichen Kleidung, sondern auch am Gebetsschal findet man die Quasten. Diese sind meist ganz weiß.

Genau, aus dieser Tradition heraus macht man das nicht mehr. Erst seit einigen Jahren wurde das Verfahren zur Herstellung von Techelet wieder neu entdeckt. Es ist eine dramatische Geschichte. Ich habe einmal einen Vortrag darüber gehalten, nur über blauen und roten Purpur. Man kann das im Internet nachschauen. Es sind die erstaunlichsten Farben der Weltgeschichte. Es ist dramatisch, wie das wiederentdeckt wurde.

Die Quasten sind ziemlich teuer. Für diese Quaste habe ich etwa 70 Schweizer Franken bezahlt. Das ist wirklich teuer. Aber es liegt nicht nur am Preis, sondern daran, dass man das Wissen verloren hatte. Deshalb nimmt man lieber nur die weißen Fäden.

Biblische Vorschrift und Bedeutung der Quastenfarben

Und jetzt hast du gesagt, Philipp, das findet sich im Alten Testament als Vorschrift. Und ja, wir schlagen auf im vierten Buch Mose und werden gleich noch die Bedeutung der verschiedenen Farben miteinander anschauen.

Also, viertes Buch Mose 15,37: Der Herr sprach zu Mose und sagte: Rede zu den Kindern Israel und sprich zu ihnen, dass sie sich eine Quaste an den Zipfeln ihrer Kleidung machen bei ihren Geschlechtern. Und dass sie an die Quaste des Zipfels eine Schnur aus blauem Purpur setzen.

Es soll euch zu einer Quaste sein, dass ihr, wenn ihr sie ansieht, euch an alle Gebote des Herrn erinnert und sie tut. Und dass ihr nicht umherspäht euren Herzen und euren Augen nach, denen ihr nachhurt. Damit ihr euch an alle meine Gebote erinnert, sie tut und eurem Gott heilig seid. Ich bin der Herr, euer Gott, der ich euch aus dem Land Ägypten herausgeführt habe, um euer Gott zu sein. Ich bin der Herr, euer Gott.

Wir sehen also eine Quaste. Das deutsche Wort Quaste bedeutet Fäden. An diese Quaste muss noch eine Schnur aus blauem Purpur hinzugesetzt werden. Das macht klar, dass die biblische Quaste zweifarbig ist, nämlich die natürliche Farbe des Leinens und dazu noch das Purpur.

Gott hat angeordnet, dass diese Quasten immer wieder an die Gebote Gottes erinnern sollen. Diese Quasten sollen an den Kleidern angebracht sein, damit man zwischendurch, wenn man die Kleider zurechtrücken muss, sie sieht und wieder daran denkt: „Ah, das soll uns erinnern, dass wir an Gottes Wort festhalten und es umsetzen, auch im Alltagsleben.“

So heißt es: „Damit ihr euch an alle meine Gebote erinnert, sie tut und eurem Gott heilig seid.“ Das Blau der Quaste spricht vom Himmel, vom Himmelblau, und macht klar, dass die Gebote in der Bibel keine menschlichen Traditionen oder Erfindungen sind, sondern dass Gott sie gegeben hat.

Das ganze Wort Gottes kommt von Gott und hat darum Autorität in unserem Leben. Wir sollen es umsetzen. Das Weiß erinnert daran, dass wir auf dem richtigen Weg sind, um Sünde zu vermeiden und den Weg der Wahrheit und der Gerechtigkeit gehen zu können.

Das war in der europäischen Kultur manchmal eine Erinnerungsmöglichkeit: Man machte sich einen Knoten ins Taschentuch, um an etwas Bestimmtes zu denken. Jedes Mal, wenn man das Taschentuch herausnahm, erinnerte man sich daran. Heute nimmt man meistens Papiertaschentücher, und das funktioniert nicht mehr.

Der Knoten im Taschentuch sollte also erinnern. Plötzlich, wenn man sich wieder mal die Nase reinigen musste, dachte man: „Oh ja, das hätte ich fast vergessen“, weil man den Knoten mit etwas Bestimmtem verknüpfte.

So mussten die Israeliten in ihrem Kopf verknüpfen: Die Fäden bedeuten Gottes Wort vom Himmel, das praktisch in Gerechtigkeit im Leben umgesetzt werden soll.

Die heilende Kraft der Quaste am Gewand Jesu

Und nun, hier ist der Hintergrund zu Matthäus 14. Es ist interessant, dass diese leidenden Menschen zum Herrn Jesus kommen. Sie wissen, dass sie bei ihm die Lösung ihrer Probleme finden können. Doch sie wollten speziell seine Quaste berühren. Warum gerade die Quaste? Wer hat eine Idee?

Ich denke, wenn man ein bisschen Abstand hat, merkt man nicht so viel, wenn man jemanden berührt. Du meinst also, dass sie den Herrn Jesus sozusagen unbemerkt berühren konnten. Aber hier steht ausdrücklich, dass sie alle Leidenden zu ihm brachten und ihn baten, dass sie nur die Quaste seines Gewandes anrühren dürften. Das sollte also ganz bewusst geschehen.

Die Kraft zur Heilung kam zwar vom Herrn aus, aber warum genau die Quaste? Der Herr Jesus, der Messias, und das ist ja das zentrale Thema des Matthäus-Evangeliums, ist der König Israels, der Messias. Er ist der Einzige, der die Tora eingehalten und in seinem Leben vollkommen umgesetzt hat.

Die Tora sagt in 3. Mose 18: Wer alle diese Gebote einhält, wird durch sie leben. Das bedeutet, es gab die Verheißung, dass wer die Tora, die Gebote Gottes, einhält, nicht sterben wird. Doch alle Generationen seit Mose, als Israel die Tora, das Gesetz, erhalten hatte, sind gestorben.

Und jetzt kam jemand, der von Kindheit an das Gesetz Gottes vollkommen eingehalten hat.

Messianische Erfüllung und das Gesetz im Herzen Jesu

Dazu können wir noch Psalm 40 aufschlagen. Dieser Psalm ist messianisch, das heißt, er weist prophetisch auf den kommenden Messias hin. Er wird auch im Hebräerbrief, Kapitel 10, zitiert und direkt auf Jesus Christus bezogen.

Im Hebräerbrief hören wir, was der Herr Jesus gesagt hat, als er in die Welt kam. Psalm 40, Vers 7 lautet: „An Schlacht und Speisopfer hattest du kein Gefallen, Ohren hast du mir bereitet, Brand- und Sündopfer hast du nicht gefordert. Da sprach ich: Siehe, ich komme! In der Rolle des Buches steht von mir geschrieben: Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust, und dein Gesetz ist in meinem Innern.“

Der Messias sagt hier, dass Schlacht-, Speise-, Brand- und Sündopfer nicht das Wesentliche waren, was Gott wollte. Diese Opfer waren nur Hinweise auf das Opfer des Messias, der einmal für unsere Sünden sterben sollte, wie es in Jesaja 53 angekündigt wird. Darum sagt er: „Das ist es ja nicht, was du gewollt hast. Da sprach ich: Siehe, ich komme!“ Der Messias kommt also, um die Opfer zu erfüllen.

Weiter heißt es: „In der Rolle des Buches steht von mir geschrieben.“ Dies bezieht sich auf die vielen Prophezeiungen, die das Kommen des Messias ankündigten. Dann sagt er: „Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust.“ Bei uns würde man eher sagen: „Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Last.“ Doch der Herr Jesus sagt: „Meine Lust.“ Und „dein Gesetz ist in meinem Innern.“ Die ganze Tora war in seinem Herzen, und er hat sie vollkommen umgesetzt.

Dazu müssen wir noch Matthäus 5 aufschlagen. In der Bergpredigt sagt der Herr Jesus in Kapitel 5, Vers 17: „Denkt nicht, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, aufzulösen.“ Das griechische Wort „katalyo“ bedeutet „zerstören“. Jesus kam also nicht, um das Gesetz und die Propheten, also das Alte Testament, zu zerstören, sondern um sie zu erfüllen.

Das Wort „erfüllen“ bedeutet, das Gesetz und die Propheten völlig zur Geltung zu bringen, also in ihrer ganzen Fülle darzustellen. Durch sein Leben wollte Jesus zeigen, dass kein Mensch das Gesetz vollständig einhalten kann. Er bewies, dass alle Sünder sind und Vergebung brauchen. Gleichzeitig zeigte er, wie es aussieht, wenn man das Gesetz wirklich einhält.

Dies hat er 30 Jahre lang so wunderbar getan, dass bei seiner Taufe am Jordan, wie in Matthäus 3 beschrieben, der Himmel sich öffnete und eine Stimme hörbar wurde: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ Man muss sich vorstellen, dass in der gesamten Menschheitsgeschichte alle Menschen Gott verfehlt haben. Und da kam ein Mensch, der in allem, wie er dachte, handelte und reagierte, Gott verherrlichte. Deshalb erklang diese Stimme aus dem Himmel: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe.“

Gegen Ende seines Dienstes erklang diese Stimme noch einmal auf dem Berg der Verklärung. Auch dort drückte sie Gottes Wohlgefallen an seinem Sohn aus.

Jesus als Mittler zwischen Gott und Menschen

Nun, er hat alles eingehalten. Jetzt kommen diese Leidenden und suchen Hilfe bei dem, der vollkommen ist. Und er war der Einzige, der in der Lage war, Ungerechte zu Gott zu führen.

Dazu lesen wir in 1. Petrus 3, Vers 18: „Denn Christus hat einmal für Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er uns zu Gott führe.“ Er ist der Gerechte, der genau das, was diese Fäden ausdrücken, vollkommen ausgeführt hat.

Das Wort Gottes als das himmlische Wort, blauer Purpur – das hat er in seiner ganzen Fülle dargestellt. Alle seine Taten entsprachen vollkommen der Gerechtigkeit Gottes. Deshalb musste er, der Gerechte, am Kreuz sterben an unserer Stelle, um die Ungerechten zu Gott zu führen.

Es ist tiefsinnig, dass diese Leidenden die Quasten des Herrn anrührten. Denn das war der Ausdruck: Das ist der Vollkommene, der Gottesgedanken als einziger Mensch vollkommen ausgeführt hat. Nur er kann helfen.

Die Notwendigkeit eines Fürsprechers und das Fehlen menschlicher Vermittler

In Hesekiel 14 heißt es, dass, wenn in einem Land, über das Gott das Gericht bringen muss, Noah wäre oder wer noch? Hiob, der gerechte Hiob, oder Daniel, dieser weise und gerechte Daniel, das Land nicht verschont werden könnte. Diese drei Männer kämen nur gerade für sich selbst weg, sagte Hesekiel 14. Niemand ist da, der in den Riss treten könnte.

Dazu noch eine weitere Stelle aus Hesekiel 14 habe ich erwähnt, aber auch aus Hesekiel 22, Vers 30. Gott sagt: „Und ich suchte einen Mann unter ihnen, der die Mauer zumauern und vor mir in den Riss treten möchte für das Land, damit ich es nicht verderbe. Aber ich fand keinen. Und ich gieße meinen Zorn über sie aus, vernichte sie durch das Feuer meines Grimmes. Ich bringe ihren Weg auf ihren Kopf“, spricht der Herr, der Ewige.

Damals, zur Zeit von Hesekiel, war keiner da, der hätte in den Riss treten können. Kein Mensch, auch kein Engel, niemand. Und dann kam der Herr Jesus. Diese Menschen haben genau gemerkt: Das ist der Eine, dort finden wir die Lösung unseres Problems. Und darum haben sie seine Quaste angerührt.

Beispiel aus Matthäus 9: Die Frau mit dem Blutfluss berührt die Quaste

Und das führt uns jetzt zu Kapitel 15. Im Evangelium gibt es eine Stelle, an der Jesus in der Volksmenge predigte. Es stellte sich später heraus, dass eine Frau ihn angerührt hatte. Ich denke, das ist ein gutes Beispiel.

Wir haben noch ein weiteres Beispiel. Ich wiederhole es für den Livestream: Eine Frau, die an Blutfluss litt, kam zu Jesus. Genau so, wie Philipp sagte, wollte sie nicht, dass der Herr merkte, dass sie ihn berührte. Sie kam von hinten in der Volksmenge und berührte seine Quaste.

Wir können gerade nachschlagen: Matthäus 9, dort wird die Quaste nochmals erwähnt. Vers 20: „Und siehe, eine Frau, die zwölf Jahre an Blutfluss litt, trat von hinten herzu und rührte die Quaste seines Gewandes an, denn sie sprach bei sich selbst: Wenn ich nur sein Gewand anrühre, werde ich geheilt werden.“ Jesus aber wandte sich um, und als er sie sah, sprach er zu ihr: „Sei guten Mutes, Tochter, dein Glaube hat dich geheilt.“ Und die Frau war von jener Stunde an geheilt.

Also, Philipp, es heißt wirklich, sie rührte die Quaste an. Das sollte ganz unauffällig geschehen, und es war wieder ein Volltreffer. Gemäß 3. Mose 15 war sie unrein. Denn als Frau ist man nach dem Gesetz während der Tage der Menstruation rituell unrein.

Wichtig ist: Rituell bedeutet nicht moralisch, sondern symbolisch. Diese Unreinheit hat eine symbolische Bedeutung. Sie soll zum Ausdruck bringen, dass der Mensch, der sündige Mensch, nur einen Sünder auf die Welt bringen kann.

Darum sagt 3. Mose 15 auch, dass, wenn bei einem Mann ein Erguss abgeht, das ebenfalls verunreinigend ist. Warum? Alles, was aus der Quelle des Lebens kommt – bei Mann und Frau – verunreinigt nach dem Gesetz, aber eben nur rituell.

Das Rituelle soll uns an eine tiefere geistliche Bedeutung erinnern: Ein Mann und eine Frau, die heiraten, können nur sündige Kinder bekommen. Das ist der Grundsatz, dass der Mensch durch und durch in seinem Wesen ein Sünder ist.

Diese Frau war speziell. Es war nicht nur so, dass sie ein paar Tage im Monat daran erinnert wurde, dass wir durch den Sündenfall vor Gott unrein sind. Bei ihr war es ein krankhafter Blutfluss, verbunden mit vielen Leiden, Müdigkeit, Eisenmangel und so weiter – zwölf Jahre lang.

Sie wusste, die Lösung findet sie nur beim Messias, bei dem, der Gottes Gesetz vollkommen erfüllt hat. Deshalb berührte sie auch die Quaste und wurde geheilt.

Das zeigt wieder, wo wir das Problem nicht nur der rituellen, sondern der wirklichen Unreinheit in unserem Leben gelöst bekommen können – durch den Herrn Jesus. Er ist der Einzige, der durch sein Leben bewies, dass er vollkommen ist. Am Kreuz hat er unseren Platz eingenommen, um uns auch von dem Problem der Unreinheit zu befreien.

Dieser Hinweis auf diese Geschichte ist sehr gut. Er macht klar, dass ein innerer Zusammenhang bei all diesen Stellen über die Quaste besteht.

Vollständige Heilung bei Jesus im Gegensatz zu anderen Heilern

Und das führt uns jetzt zum nächsten Kapitel.

Übrigens möchte ich noch auf Kapitel 14,36 hinweisen. Am Schluss heißt es dort: „Und so viele ihn anrührten, wurden ganz gesund, völlig geheilt.“

Also, wenn man irgendwelche Heiler trifft, die Menschen nur halb gesund machen oder sie für ein paar Tage gesund sind und dann wieder alles wie vorher ist – das habe ich selbst erlebt. Einmal, als ich nach Togo ging, sollte ich in Lomé, der Hauptstadt, Vorträge halten. Dort wurde mir im Voraus gesagt: „Du wirst es ganz schwer haben.“

Vor kurzem sei ein Prediger dort gewesen, auf dem Fußballplatz, und viele Menschen wurden geheilt. Kurz darauf waren sie aber alle wieder im alten Zustand. Die Leute waren so frustriert, dass sie gar nichts mehr wissen wollten. Es gab überhaupt keine Offenheit mehr. Da ist genau das Gegenteil passiert.

Dieser Prediger war kein Heiler, der von Gott gesandt war, obwohl er sich selbst als einen der ganz großen Evangelisten betrachtete. Er bezeichnete sich sogar als „Mähdrescher Gottes“. Doch dann erfährt man, dass er die Türen fürs Evangelium geschlossen hat. Das ist tragisch. Es entsteht eine Spannung und eine aufgeheizte Situation. Dann kann der Körper plötzlich ganz überraschend reagieren.

Manche Menschen bekommen plötzlich das Gefühl: „Ich bin gesund, ich bin gesund.“ Doch wartet man ein bisschen ab, merkt man, dass das gar nichts war.

Bei Jesus sehen wir jedoch, dass er die Menschen völlig geheilt hat. Im Markus-Evangelium gibt es zwar ein Beispiel, wo ein Blinder zuerst undeutlich sieht und sagt: „Ich sehe wie Bäume, die umhergehen.“ Erst in der zweiten Phase heilt Jesus ihn völlig. Das ist eine spezielle Ausnahme.

Aber alles, was Jesus tut, hat eine symbolische Bedeutung. Wenn er zum Beispiel das Brot vermehrt, wie wir das im letzten Mal bei der Speisung der Fünftausend in Kapitel 14 gesehen haben, soll das bedeuten: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Als er Lazarus auferweckte, sollte das zeigen: „Ich bin die Auferstehung.“

Alles, was Jesus tut, hat also eine symbolische Bedeutung. Diese Heilung sollte zeigen, dass Menschen zum Glauben kommen und zum ersten Mal beginnen zu sehen.

Doch oft sieht man, dass die Sicht noch nicht klar ist. Diese Menschen brauchen, dass Jesus nochmals in ihrem Leben wirkt, damit sie die Wahrheit ganz klar erkennen. So hatte auch diese Heilung in zwei Phasen eine symbolische Bedeutung.

Das Normale war jedoch, dass Jesus die Menschen sofort und völlig heilte – ohne zwei Phasen.

Konflikt um die Überlieferung der Ältesten und die Waschung der Hände

Ja, und jetzt gehen wir weiter zu Kapitel fünfzehn. Man denkt, das ist ja ein völlig anderes Thema. Warum schließt Matthäus das hier an?

Dann kommen Pharisäer und Schriftgelehrte von Jerusalem zu Jesus und sagen: „Warum übertreten deine Jünger die Überlieferung der Ältesten? Denn sie waschen ihre Hände nicht, wenn sie Brot essen.“

Eine Delegation von hochkarätigen Schriftgelehrten und Rabbinern aus Jerusalem kommt also nach Galiläa. Was ist ihr Anliegen? Sie sind informiert worden. Dieser Jesus aus Nazareth hält sich nicht an die rabbinischen Überlieferungen.

Was genau ist gemeint mit der Überlieferung der Ältesten (Vers 2)? Wie würde man das jemandem erklären, der beginnt, die Bibel zu lesen und sich fragt: Was ist da die Überlieferung der Ältesten?

Es handelt sich um jüdische Schriften. Meint man damit die Bibel? Nein, das sind zusätzliche jüdische Schriften zur Bibel hinzu. Die Bibel ist ja von Gott inspiriert, aber es gibt zusätzliche Schriften.

Diese nennt man Halacha. Mit Halacha bezeichnet man all die rabbinischen Überlieferungen, die erklären, wie man die Gebote im Gesetz, in der Tora, ganz genau im Leben anwenden soll. Halacha kommt von „Halach“ – gehen. Die Halacha ist also die Lehre darüber, wie man entsprechend der Heiligen Schrift gehen muss.

Diese rabbinischen Erklärungen zeigen, wie man das Gesetz genau praktisch anwenden muss. Es gibt hunderte von Geboten, die mündlich überliefert wurden. Darum hört man immer wieder, wenn man mit dem Judentum in Kontakt kommt, von dem schriftlichen Gesetz und vom mündlichen Gesetz.

Das mündliche Gesetz steht im Gegensatz zum schriftlichen Gesetz, das in der Bibel, in den fünf Büchern Mose, festgelegt ist. Die mündlichen Gesetze sind die rabbinischen Bestimmungen.

In den rabbinischen Schriften werden diese Überlieferungen genannt „die Worte der Ältesten“, die „Divrei Seckenim“. Das ist hier gemeint mit der Überlieferung der Ältesten, also der Rabbiner früherer Generationen.

Man nennt sie auch „Mitzvot Seckenim“, die Gebote der Ältesten, oder „Divrei Sofrim“, die Worte der Schriftgelehrten.

Nun ist es so, dass Jesus tatsächlich solche Überlieferungen nicht eingehalten hat. Und wegen ihm halten auch die Jünger sie nicht ein.

Interessant ist, dass sie zu Jesus sagen: „Warum übertreten deine Jünger?“ Sie sagen nicht: „Warum übertrittst du?“ Das zeigt eine gewisse Zurückhaltung. Warum die Jünger? Die haben das natürlich von ihrem Lehrer gelernt.

Hier geht es ganz speziell um die Frage, dass sie ihre Hände nicht waschen, wenn sie Brot essen.

Es gab solche mündlichen Überlieferungen, die sagten, man müsse die Hände vor dem Essen waschen. Und zwar nicht einfach so unter einem Wasserhahn, wie wir das tun, sondern mit einem kleinen Gießbecken.

In dieses Gießbecken muss etwa ein bisschen weniger als eineinhalb Deziliter Wasser, also 0,137 Liter, gefüllt sein. Dann gießt man das Wasser über die eine Hand und danach auch über die andere Hand, und zwar bis an die Knöchel.

Das steht aber nirgends im Gesetz Mose.

Im Gesetz Mose finden wir Anweisungen über Bäder. Zum Beispiel musste eine Frau nach der Periode ein spezielles Tauchbad nehmen, also im Wasser baden oder sich waschen, wie es in 3. Mose 15 steht.

Auch ein Mann, der unrein geworden war, musste ein solches Reinigungsbad nehmen.

Um auf Nummer sicher zu gehen, haben die Rabbiner noch zusätzliche Waschungen eingeführt, die auf diesen Geboten aufbauen.

Die Idee des Zauns um das Gesetz und die Entwicklung der mündlichen Überlieferung

Woher kommt es, dass man manchmal etwas weitergeht als das Wort selbst? Das hat seinen Ursprung in einem Grundsatz, der im Judentum überliefert ist. Im Traktat Pirkei Avot, den Sprüchen der Väter, steht: Um die Tora herum muss man einen Zaun errichten. Das bedeutet, man muss einen Sicherheitsabstand um das Gebot herum schaffen. Dadurch soll verhindert werden, dass man nicht nur das Gebot selbst verletzt, sondern auch darüber hinausgeht. So hat man mehr Sicherheit.

Man wusste sehr wohl um diese Notwendigkeit. In dem rabbinischen Kommentar Bereshit Rabbah, dem großen Buch über den ersten Mose, wird in 1. Mose 3 erklärt, wie Eva von der Schlange versucht wurde. Die Schlange sagt zu ihr: Ihr dürft von keinem Baum essen. Eva antwortet, dass sie von allen Bäumen essen dürfen, außer von dem Baum in der Mitte, den Gott verboten hat anzurühren. Doch in 1. Mose 2 hat Gott Adam nur gesagt, er dürfe nicht von dem Baum der Erkenntnis essen. Von „Anrühren“ war keine Rede.

Eva ging also über das Gebot hinaus. Hat sie das vor dem Ungehorsam bewahrt? Nein. Interessanterweise gab es auch Rabbiner, die darauf hinwiesen, dass ein zu starker Zaun um die Gebote nicht immer schützt. Eva hat das auch gemacht, aber es hat ihr nicht geholfen. Sie ist trotzdem gefallen. Das zeigt, dass das Überziehen der Gebote nicht automatisch schützt. Dennoch war genau das der Gedanke dahinter: Man errichtete zusätzliche Gebote als einen Zaun um das eigentliche Gebot Gottes.

Diese Überlieferung wurde mündlich von einem Rabbiner an seine Schüler weitergegeben. Die Schüler nennt man Jünger. Das hebräische Wort Talmid bedeutet Jünger, Student oder Schüler. Auch Jesus sammelte Jünger um sich. Er handelte somit genauso wie andere Rabbiner, die Schüler um sich hatten. Er lehrte sie.

Dabei war es sehr wichtig, dass die Schüler die Lehrsätze wortwörtlich auswendig lernten und nichts daran veränderten. Das führte im Judentum zu einer Kultur des Auswendiglernens. Zudem wurde gelehrt, dass diese Überlieferungen der Ältesten nicht aufgeschrieben werden sollten. Sie sollten eine mündliche Tora bleiben.

Man könnte nun sagen: Aber der Talmud ist doch ein riesiges Werk im Judentum, das in elf Bänden vorliegt und vieles schriftlich enthält. Wie passt das zusammen? Der Talmud besteht aus dem eigentlichen Text und vielen Kommentaren, die wiederum von weiteren Kommentaren begleitet sind. So entstehen Schichten von Text und Kommentaren.

Der Talmud ist also schon ein Kommentar. Wie kann man dann sagen, dass es wichtig war, alles auswendig zu lernen und nicht aufzuschreiben? Das Problem entstand erst im Jahr 70 nach Christus. Damals zerstörten die Römer Jerusalem und den Tempel. Es kam zu einer massiven Fluchtwelle der Juden aus dem Römischen Reich in den heutigen Irak, nach Babylonien. Dort begann die weltweite jüdische Zerstreuung.

Die Rabbiner erkannten, dass die mündliche Überlieferung dadurch verloren gehen könnte. Deshalb mussten sie handeln. Das ist eine dramatische Erfahrung, die man auch in anderen Zusammenhängen beobachten kann. Zum Beispiel in Thailand, wo Bergstämme wie die Lahu und Karen früher in China lebten und dann nach Burma oder Myanmar zogen. Dort wurden sie verfolgt und flüchteten nach Thailand. Viele wussten nichts mehr über ihre alte Tradition. Ein massiver Einschnitt wie Krieg kann also dazu führen, dass die Überlieferung eines Volkes verloren geht.

Die Rabbiner erkannten das Problem und beschlossen, die mündlichen Gesetze aufzuschreiben. So entstand im zweiten Jahrhundert die Mischna, die Grundlage des Talmuds. Das zweite Jahrhundert umfasst die Jahre 100 bis 199. In der Mischna sind die Überlieferungen der Ältesten zusammengestellt, die auch in Matthäus 15,2 erwähnt werden.

Spätere Rabbiner kommentierten die Mischna. Diese Kommentare nennt man Gemara. Die Gemara ist also ein Kommentar zur Mischna, die selbst schon ein Kommentar ist. Darüber hinaus entstanden weitere Kommentare über die Gemara, also Kommentare über Kommentare. So funktioniert das System.

Der Talmud umfasst also viele Generationen von Rabbinern und enthält zahlreiche Diskussionen darüber, wie man die Gebote umsetzen oder nicht umsetzen soll. Dieses Werk ist sehr heterogen. Man kann es mit homogener Milch vergleichen, die keine kleinen Bröckchen enthält und gleichmäßig ist. Der Talmud hingegen ist ungleichmäßig, mit vielen verschiedenen Traditionen, Erklärungen und Hintergründen aus der Zeit der Evangelien und davor.

Das ist ein großer Schatz an Informationen. Man findet darin Behauptungen, deren Widerlegung, Phantasiegeschichten und ernsthafte Auslegungen, die Halacha genannt werden. Halacha beschreibt, wie man die Gebote im Alltag als Jude leben soll.

In deutscher Übersetzung umfasst der babylonische Talmud zwölf Bände. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was ich hier gezeigt habe. Auf Hebräisch braucht man weniger Platz, weil keine Vokale geschrieben werden müssen, nur Konsonanten. Auf Deutsch ist das viel umfangreicher.

Die zwölf dicken Bände des Talmuds von Lazarus Goldschmidt auf Deutsch zeigen, wie umfangreich diese Tradition ist. Nun versteht man auch besser, was mit der Überlieferung der Ältesten gemeint ist.

Jesu Kritik an der Überlieferung und die Missachtung des Gebots der Eltern-Ehre

Und jetzt macht der Herr Jesus aber deutlich, dass bei dieser Tradition ein großes Problem besteht. Das lesen wir weiter.

Der Vorwurf lautete, dass sie ihre Hände nicht waschen, wenn sie Brot essen. Tatsächlich wird im Talmud, im Traktat Chulin 105a, erklärt, wie man vor dem Essen diese Waschung durchführen muss. Nach dem Essen ist das Händewaschen zwischendurch freiwillig.

Vor einiger Zeit habe ich hier gefragt, warum dieses Thema plötzlich auftaucht – es scheint ja etwas ganz anderes zu sein. Aber wenn gesagt wird, dass sie ihre Hände nicht waschen, wenn sie Brot essen, was hatten wir in Kapitel 14 im Zusammenhang mit Brot? Dort geht es um die Speisung der 5000, wo der Herr das Brot vermehrt hat – für 5000 Männer, ihre Frauen und Kinder – mit fünf Broten und zwei Fischen. Alle wurden gesättigt.

Warum musste er das tun? Weil sie keinen Lunch mitgenommen hatten für die Predigt unter freiem Himmel. Zwar war ein Junge da, der seinen Lunch mitbrachte – wohl von seiner Mutter – fünf Brote und zwei Fische, wie wir aus Johannes 6 wissen. Das wurde zum Segen für alle.

Aber jetzt muss man mir bitte erklären, wie sie das mit dem Gefäß gemacht haben. Sie haben natürlich ohne Händewaschen gegessen.

Wenn wir noch weiterkommen, sehen wir in Matthäus 15 ab Vers 32 eine andere Geschichte. Dort geht es um sieben Brote und wenige kleine Fische, mit denen viertausend Menschen ernährt werden. Das Thema Brot taucht also nochmals auf. Und hier wäre klar: Der Herr hat seine Meinung nicht durch die Diskussion mit den Pharisäern in Matthäus 15 geändert. Denn das Wort Gottes sagt nicht, dass dieses zusätzliche Händewaschen notwendig ist.

Hier wird der Vorwurf gemacht, sie waschen ihre Hände nicht, wenn sie Brot essen. In Matthäus 15, Vers 3 antwortete Jesus ihnen: „Und warum übertretet ihr das Gebot Gottes um eurer Überlieferung willen?“ Denn Gott hat geboten – hier muss betont werden: „Gott hat geboten, nicht der Mensch.“ Gott hat geboten und gesagt: „Ehre den Vater und die Mutter.“ Das ist ein Zitat aus 2. Mose 20,12.

Und wer Vater oder Mutter schmäht, soll des Todes sterben, so steht es in 2. Mose 21,17. Jesus fährt fort: „Ihr aber sagt: Wer irgend zum Vater oder zur Mutter spricht: ‚Eine Opfergabe sei das, was irgend dir von mir zu Nutze kommen könnte‘, der wird keineswegs seinen Vater oder seine Mutter ehren. Und so habt ihr das Gebot Gottes ungültig gemacht um eurer Überlieferung willen.“

Jetzt greift der Herr Jesus ein Beispiel aus der Mischna auf. Das finden wir tatsächlich wortwörtlich in dem Satz: „Eine Opfergabe sei das, was irgend dir von mir zu Nutze kommen könnte.“ Dies kann man im Traktat Nedarim 8,7 nachlesen. Konam ist ein anderes Wort für Korban, also Gabe. „Schertah nehneli“ – genau dieser Satz: „Eine Opfergabe sei das, was irgend dir von mir zu Nutze kommen könnte.“ Auch dort steht, dass jemand zu seinem Nächsten sagen kann: „Konam“ oder „Korban“ – das ist eine Gabe Gottes. „Sei dir jeder Genuss von mir.“

Was bedeutet das? Das bedeutet Folgendes: Wenn man mit seinem Vater Streit hatte, war man zum Beispiel Pharisäer und wollte nicht, dass von seinem Geld etwas dem Vater zugutekommt, wenn dieser alt ist. Stattdessen wollte man lieber, dass die pharisäischen Freunde, die gleich sehen, wie man selbst ist, das Geld bekommen.

Dann legte man einen Eid ab – daher heißt das Traktat Nedarim, das Traktat über die Eide – und sagte: „Eine Opfergabe sei alles, was ich habe, was du von mir genießen könntest.“ Damit ist es quasi eine Opfergabe, die man nicht antasten darf. Mit diesem Schwur war die Unterstützung der Eltern erledigt.

Man sieht auch im Talmud, dass das natürlich Streit in den Familien verursacht hat. Das ist wirklich etwas Besonderes.

Ab jetzt wird die Sache noch schlimmer, was man nicht herausfinden würde, wenn man den Hintergrund des Judentums nicht kennt. Wenn jemand sagt: „Eine Opfergabe sei das“, also mein Besitz, der dir zum Nutzen sein könnte, dann musste er das nicht dem Tempel abgeben. Sondern damit war es einfach abgeschnitten von den Eltern, aber er selbst durfte es verwenden, wie er wollte. So wird es erklärt.

Das ist der absolute Hammer! Das ist der Trick, wie man um die Pflicht gegenüber den Eltern, insbesondere wenn sie alt sind, herumkommt.

Tatsächlich kann ich das auch im Talmud zeigen: Man hat erkannt, dass das eigentlich ein Konflikt mit dem vierten Gebot ist – „Ehre deinen Vater und deine Mutter“. Ehren bedeutet im Hebräischen nicht nur Achtung, sondern auch finanzielle Unterstützung. Ehren heißt unterstützen, zum Beispiel auch im Neuen Testament: „Älteste, welche wohlvorstehen, lasst doppelte Ehre würdig geachtet werden“ (1. Timotheus 5). Das bezieht sich nicht nur auf Achtung, sondern auch auf Unterstützung, etwa für Vollzeitdiener.

Aber hier macht Jesus klar: Sie haben erkannt, dass das ein Problem ist. Und der Herr Jesus zeigt genau das auf. Er sagt: „Warum übertretet ihr das Gebot Gottes um eurer Überlieferung willen?“ Ihr macht Zäune um die Gebote herum, um sogar ausdrückliche Gebote Gottes aufzuheben. Das geht gar nicht.

Er sagt: „Gott hat geboten und gesagt: Ehre den Vater und die Mutter, und wer Vater oder Mutter schmäht, soll des Todes sterben. Ihr aber sagt: Wer irgend zum Vater oder zur Mutter spricht: ‚Eine Opfergabe sei das‘, der wird keineswegs seinen Vater oder seine Mutter ehren.“ Und dann sagt Jesus: „So habt ihr das Gebot Gottes ungültig gemacht um eurer Überlieferung willen.“

Hier haben wir den Konflikt zwischen Bibel und Tradition. Und das geht gar nicht.

Weitere Beispiele und die Gefahr von Übertreibungen in der Tradition

Im Markus-Evangelium finden wir eine Parallelstelle in Kapitel 7, in der Herr Jesus erklärt, dass es viele weitere ähnliche Beispiele gibt. Tatsächlich existieren solche Beispiele.

Zum Beispiel gibt es ein Traktat, das „Schabbat“ heißt. Darin wird genau geregelt, wie man den Schabbat einhalten muss und wie man das praktisch umsetzt. Ein Problem war folgendes: Wenn ich in Jerusalem gewohnt hätte und am Sabbat nach Jericho reisen wollte, wäre das nicht erlaubt gewesen. Die Rabbiner hatten festgelegt, dass man am Sabbat nur einen sogenannten Sabbatweg, ungefähr einen Kilometer, gehen darf.

Wie konnte man dennoch nach Jericho gelangen? Die Lösung war, einfach einen Zaun rundherum zu errichten. Der Sabbatweg gilt nämlich immer von dem Ort aus, wo man zu Hause ist – also dort, wo man mit Essen versorgt ist, wo man für den ganzen Tag bereits Essen bereitgestellt hat. Am Freitag musste man also einen Sabbatweg weit gehen und an diesem Ort Essen für den Tag deponieren. Dort war man dann sozusagen „zu Hause“. Am Sabbat konnte man dann von diesem Ort aus wieder einen Sabbatweg weitergehen, da man sich dort ebenfalls zu Hause befand. Von dort aus konnte man wiederum einen Sabbatweg weitergehen zu einem weiteren Ort, an dem man ebenfalls Essen hinterlegt hatte. So konnte man die Regel umgehen.

Dieses System war also sehr ausgeklügelt. Im Judentum ist man von klein auf darin geübt, Vorschriften zu drehen, zu wenden und immer wieder neu zu interpretieren. Das hat natürlich auch den Erfindergeist gefördert. Man fragt sich, warum es so viele große Genies im Judentum gibt. Prozentual gesehen sind die allermeisten Nobelpreisträger Juden. Das ist erstaunlich. Woher kommt das? Wenn man so aufwächst, ständig Dinge dreht und neu denkt, fördert das die Kreativität.

Ein Beispiel ist Albert Einstein. Er wuchs in einer Zeit auf, in der man dachte, die klassische Physik sei am Ende. Man glaubte, alles sei erfasst. Einstein stellte sich die Frage, was passiert, wenn man die Dinge anders betrachtet. Daraus entstand die Relativitätstheorie, die alles auf den Kopf stellte. Zeit ist nicht absolut, sondern relativ, und so weiter.

Dieses Drehen und Wenden hat also sowohl positive als auch negative Seiten. Im negativen Sinn sehen wir das hier im Markus-Evangelium. Herr Jesus sagt in Matthäus 15, Vers 7: „Ihr Heuchler! Treffend hat Jesaja über euch geweissagt, indem er spricht…“ Dann folgt ein Zitat aus Jesaja 29,13, das damals schon über 700 Jahre alt war: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit entfernt von mir. Vergeblich aber verehren sie mich, indem sie Menschengebote lehren.“

Es ist übrigens erstaunlich, dass liberale Theologen oft behaupten, das Matthäusevangelium sei nicht von Matthäus, Markus nicht von Markus, Lukas nicht von Lukas und Johannes nicht von Johannes geschrieben worden. Woher wissen sie das? Sie sind ja erst zweitausend Jahre später auf die Welt gekommen. Sie glauben das einfach, weil sie es glauben wollen.

Wir haben jedoch Überlieferungen aus der frühen Christenheit, die ganz klar belegen, dass Matthäus tatsächlich Matthäus geschrieben hat, Markus Markus, und dass Petrus dies bestätigt hat. Auch Lukas, der Arzt, hat das Lukasevangelium geschrieben, und Johannes, der Jünger, das Johannesevangelium. Die Kritiker wollen das besser wissen, lehnen diese Überlieferungen aber ab. Sie behaupten, diese Angaben seien später erfunden worden.

Dabei ist die Präzision beeindruckend. Der Herr zitiert hier ein Beispiel: „Eine Opfergabe sei das, was irgend je von mir zu Nutze kommen könnte.“ Im Judentum war das damals noch nicht schriftlich festgehalten, denn zur Zeit Jesu gab es noch keine schriftlichen Gebote in diesem Zusammenhang – alles war mündlich überliefert. Das Aufschreiben erfolgte erst später.

Hier jedoch haben wir diese Worte genau in diesem Wortlaut überliefert. So können wir in vielen Details zeigen, dass die Schreiber der Evangelien mit dem Hintergrund der Geschichte genau vertraut waren. Das haben wir in den letzten Bibelstunden auch im Zusammenhang mit dem See Genezareth und den Fischen gesehen, wie das in Matthäus 13 erwähnt wird, mit den koscheren und unkoscheren Fischen und so weiter.

Wer hätte das wissen können, wie die Situation am See Genezareth genau war? Nur Leute, die genau von dort kamen. Matthäus stammte zum Beispiel aus Kapernaum und kannte die Situation genau. So können wir im Detail durch die Evangelien hindurch zeigen, dass nur Personen diese Berichte weitergeben konnten, die aus der Kultur des Sees Genezareth und des Judentums stammten.

Ein weiteres Beispiel ist die Formulierung von Herrn Jesus in Matthäus 15, Vers 7: „Ihr Heuchler! Treffend hat Jesaja über euch geweissagt, indem er spricht.“ Diese Redewendung findet sich auch in den rabbinischen Schriften. Es ist eine typische Formulierung, etwa „schön“ oder „trefflich hat er gesagt“. Genau hier heißt es: „Trefflich hat Jesaja geweissagt, indem er spricht.“

Bereits der Prophet Jesaja hatte vorhergesehen, dass dieses Problem der Tradition entstehen würde – nämlich menschliche Traditionen, die dem Wort Gottes widersprechen.

Pause und Fortsetzung mit dem Thema Tradition versus Wort Gottes

Machen wir an dieser Stelle eine zehnminütige Pause. Danach fahren wir mit Matthäus 15 fort. Wir haben dort ein Zitat aus Jesaja gesehen, das das Problem der Tradition im Gegensatz zur Lehre des Wortes Gottes vorausgesagt hat.

Dabei ist wichtig zu beachten, dass im Zitat aus Jesaja steht: „Vergeblich aber verehren sie mich, indem sie als Lehren Menschengebote lehren.“ Das Wort „Lehren“ steht hier in der Mehrzahl. Das ist ganz typisch. In der Bibel wird über die wahre biblische Lehre immer in der Einzahl gesprochen – also immer von der Lehre. Zum Beispiel im Zweiten Johannesbrief spricht man von der Lehre Christi, nicht von den Lehren Christi. Es geht um die Lehre über Jesus Christus, wer er ist.

Man kann sich auch merken: 1. Timotheus 1,3, 1. Timotheus 4,1 und viele weitere Stellen, zum Beispiel Hebräer 13,9. Das sind alles Stellen, in denen „Lehren“ in der Mehrzahl vorkommt, um falsche Lehren zu bezeichnen. Noch einmal: 1. Timotheus 1,3; 4,1; Hebräer 13,9; Kolosser 2,22; Markus 7,7 und auch Matthäus 15. Immer wenn es um die Lehre in der Einzahl geht, ist die richtige Lehre gemeint.

Dazu ein paar Beispiele herausgegriffen: 1. Timotheus 1,10 spricht von der gesunden Lehre, Kapitel 4,6 von der guten Lehre, der du genau gefolgt bist, sagt Paulus. In 1. Timotheus 4,16 heißt es: „Habe Acht auf dich selbst und auf die Lehre“ – Einzahl. Ebenso in 1. Timotheus 5,17 und 6,1 und weiteren Stellen.

Warum ist das so? Weil es nur eine richtige Auslegung der Bibel gibt, nicht mehrere. Es ist eine Katastrophe, wenn zum Beispiel ein Bibelschullehrer sagt: „Zu diesem Thema gibt es sechs verschiedene Ansichten.“ Er skizziert schnell alle und sagt dann: „Ich selber neige zu Ansicht zwei, könnte aber auch mit Ansicht vier leben.“ Am Ende weiß der Bibelschüler nicht, was richtig ist. Er wird völlig im Unklaren gelassen.

Das ist ein Lehren von Lehren in der Mehrzahl. Das führt zu Verwirrung. Das Wort Gottes hat aber eine klare Bedeutung. Wenn man diese nicht versteht und sagen muss: „Ich verstehe das jetzt nicht“, dann sollte man auch nicht darüber predigen. Dann sollte man schweigen und warten, bis Gott Licht gibt. Aber das, was man mit Überzeugung weitergibt, muss wirklich der Lehre des Wortes Gottes entsprechen.

Jesus zeigte den Rabbis, dass sie als Lehren Menschengebote lehren. Sie gingen immer wieder über das Wort Gottes hinaus. Man kann sagen, die Pharisäer – um die es in Vers 1 geht – hatten das Problem, dass sie vom Weg abgewichen sind, und zwar nach rechts. Sie fügten der Bibel durch ihre Tradition hinzu.

Die Sadduzäer waren die Liberalen jener Zeit. Sie akzeptierten nur die fünf Bücher Mose und lehnten den Rest des Alten Testaments ab. Außerdem glaubten sie nicht an ein Weiterleben nach dem Tod. Deshalb waren sie sehr genusssüchtig und wollten die Jahre bis zum Tod ausnutzen. Sie wichen also nach links ab.

Das sind die zwei großen Gefahren: Entweder von der Bibel wegnehmen oder der Bibel etwas hinzufügen. Genau dasselbe wiederholte sich in der Kirchengeschichte über zweitausend Jahre hinweg. Besonders ab dem zweiten bis fünften Jahrhundert wurden ständig Traditionen zur Bibel hinzugefügt.

In der katholischen Kirche lehrt man, dass es ganz wichtig sei, nicht nur die Bibel allein zu haben, sondern die Bibel und die Tradition. Wie bitte? Das war genau das Problem! Das hat Jesus hier aufgedeckt: Das geht nicht! Wenn die menschliche Tradition dem Wort Gottes widerspricht, dann müssen wir die menschliche Tradition ablehnen und verwerfen.

Das war die Entdeckung der Reformatoren. Sie sahen, dass der Bibel so viel hinzugefügt wurde und dass man zurückkehren muss zur Bibel allein. Deshalb entdeckten sie das Prinzip „Sola Scriptura“ – die Schrift allein. Das war nicht ihre Erfindung, sondern ihre Entdeckung. Das Wort Gottes, hier Jesus Christus, lehrt genau das: das Wort und nicht die Tradition.

Umgang mit Traditionen im Licht der Bibel

Jetzt können wir natürlich fragen: Sind Traditionen grundsätzlich schlecht? Sollten wir solche sein, die sofort ablehnen, sobald sie eine Tradition riechen? Nein, sagt man, warum nicht?

Im Lukasevangelium, Lukas 4, heißt es, dass Jesus seiner Gewohnheit nach in die Synagoge ging. Es gibt noch weitere Stellen, in denen über Gewohnheiten im positiven Sinn gesprochen wird. Also gibt es gute Traditionen und schlechte Traditionen.

Gute Traditionen entdeckt man, wenn man sie mit der Bibel vergleicht und sie übereinstimmen. Wenn Traditionen jedoch der Bibel widersprechen, müssen wir sie verwerfen. Wir sind also nicht einfach konservativ, weil wir gern das Alte so behalten, wie es schon immer war. Vielmehr sind wir Menschen, die ihre Traditionen anhand des Wortes Gottes überprüfen.

Wir müssen bereit sein, zum Beispiel auch den Musikgeschmack, der unserer jetzigen Tradition entspricht, mit der Bibel zu überprüfen. Je nachdem muss man ihn über Bord werfen.

Ja, was wolltest du sagen, Philipp?

Eine klare Aussage noch zur Tradition: Es gibt die biblische Tradition, die wirklich positiv ist. Aber es gibt auch in dem Land, in dem wir leben, gewisse Traditionen, die nicht schlecht sind. Zum Beispiel, wenn man als Familie am ersten August zusammen sitzt.

Ja, genau. Ich stimme dir voll zu. Es gibt das, was das Wort Gottes sagt, und dann gibt es gute Traditionen, die der Bibel nicht widersprechen. Diese müssen wir nicht einfach über Bord werfen.

Aber wir müssen traditionskritisch sein und nicht einfach alles stehen lassen, nur weil es so ist. In unserer Kultur macht man das halt so, und man verhält sich so, weil es alle so machen.

Ja, machen alle so.

Alle sündigen.

Ja, genau. Darum müssen wir das immer anhand des Wortes Gottes kontrollieren. Das zeigt, dass Bibeltreue nicht einfach konservativ sind, indem sie alles, was von früher herkommt, einfach so übernehmen.

Nein, sie wollen erstens nur das hochhalten, was die Heilige Schrift sagt. Und all das aus der Tradition, was sich bewährt hat und gut ist, und in Verbindung mit dem Wort Gottes standhält, das müssen wir nicht unbedingt ändern, nur damit man es anders macht.

Aber es ist keine gute Tradition, nur weil es ein Feiertag ist oder weil jemand ein Kind hat, das getauft wird.

Du sagst also, die Kindertaufe ist zum Beispiel eine Tradition?

Genau. Viele machen das aus Tradition. Aber wenn wir das mit der Bibel vergleichen, sehen wir: Nein, getauft wurde jemand, der sich zuerst bekehrt hat. Ein Säugling kann sich noch nicht bekehren, das dauert noch eine Weile.

Darum müssen wir solche Traditionen – gesellschaftliche und religiöse – anhand des Wortes Gottes überprüfen.

Tradition als Weitergabe des Glaubens in der Familie und Gemeinde

Und jetzt, ja? Ich habe noch ein gutes Beispiel.

In 2. Timotheus 1 schreibt Paulus an Timotheus, dass er mit Freude erfüllt ist, wenn er an den ungeheuchelten Glauben in ihm denkt. In Vers 5 heißt es: Paulus erinnert sich an den Glauben in Timotheus, der zuerst in seiner Großmutter Lois und seiner Mutter Eunike wohnte. Paulus ist überzeugt, dass dieser Glaube auch in Timotheus lebendig ist.

Hier zeigt sich, dass es bereits eine vorausgehende Entwicklung gab – eine Tradition, um das Wort bewusst zu verwenden, obwohl es im Text nicht ausdrücklich steht. Diese Tradition war in Timotheus zum Segen bewahrt.

Genau, 2. Timotheus 1, Vers 5 spricht von drei Generationen in der Familie Timotheus’. Die Großmutter war eine gläubige Frau, ebenso seine Mutter, die diesen Weg ebenfalls ging. Es gab also eine Traditio, das heißt ein Weitergeben.

Das, was weitergegeben wurde, war eine Tradition im Sinne von: Die Großmutter gab ihren geliebten Glauben an ihre Tochter weiter, diese wiederum an ihren Sohn Timotheus. Das waren gesegnete Überlieferungen und Weitergaben.

Genauso müssen wir noch die Stelle in 1. Korinther 11, Vers 23 betrachten: „Ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch überliefert habe.“ Diese Stelle spricht von apostolischer Überlieferung. Das bedeutet, dass der Apostel Paulus, was er direkt durch Inspiration erhalten hatte, an die Gemeinden weitergab. Er bezeichnet dies als Überlieferung.

Es gibt also auch göttliche Überlieferungen. Genau.

Jesu Lehre über Reinheit und Unreinheit

Und nun gehen wir weiter zu Matthäus 15, Vers 10. Nachdem der Herr Jesus also wirklich diese Rabbiner von ihrem Irrtum hatte überführen können, sagte er in Vers 10: Er rief die Volksmenge herzu und sprach zu ihnen: „Hört und versteht! Nicht das, was in den Mund eingeht, verunreinigt den Menschen, sondern das, was aus dem Mund ausgeht, das verunreinigt den Menschen.“

Was das bedeutet, wird gleich noch weiter ausgeführt. Hier spricht der Herr Jesus einen ganz wichtigen Punkt an. Die Ausdrücke „rein“ und „unrein“ – Tamä ist unrein, Tahor ist rein – oder bei den Speisen spricht man von „kascher“, also was koscher ist und somit rein zum Essen. Diese Ausdrücke sind in der rabbinischen Literatur sehr wichtig, werden aber meistens für äußere Dinge verwendet.

Wir müssen jedoch ganz klar festhalten: Diese Angaben über koscheres Essen und was unkoscher ist, hat Gott Israel gegeben, zum Beispiel in 3. Mose 11 und anderen Stellen. Diese äußeren Vorschriften sollten eine geistliche Botschaft weitertragen. Für diese geistliche Botschaft hatte man jedoch keine offenen Ohren.

Darum sagte der Herr Jesus hier, an die Volksmenge gerichtet: „Hört!“ – also habt ein offenes Ohr – und „versteht!“ Das sind zwei verschiedene Dinge. Man muss zuerst das richtige Wort überhaupt hörend aufnehmen, und das ist die Grundlage, um es dann auch verstehen zu können. Aber meistens brachten die Leute diese Ausdrücke „rein“ und „unrein“ in Verbindung mit äußeren Dingen, nicht mit moralischen Dingen, also mit dem, was gerecht oder ungerecht ist, was Sünde ist und was vor Gott bestehen kann.

Jesus weist darauf hin: Das ist der Unterschied. Nicht das, was in den Mund hineingeht – also nicht koscheres Essen – macht den Menschen moralisch unrein, sondern nur symbolisch. Diese Symbolik hat eine wichtige Bedeutung, das ist klar. Aber diese Rabbiner haben sich in diesen symbolischen Dingen verloren und haben die eigentliche geistliche Botschaft aus den Augen verloren. Das ist sehr schlimm.

Darum lesen wir weiter: Dann traten seine Jünger herzu und sprachen zu ihm: „Weißt du, dass die Pharisäer Anstoß genommen haben, als sie das Wort hörten?“ Die Jünger hatten die Antwort des Herrn gehört, und es bereitete ihnen Mühe, dass diese Leute mit der Antwort von Jesus große Schwierigkeiten hatten. Sie nahmen Anstoß. Das griechische Wort für „Anstoß nehmen“ bedeutet eigentlich eine Falle, über die man stolpern kann und stürzt.

Sie nahmen Anstoß, das heißt, das brachte sie zu Fall, sodass sie sagten: „Das kann unmöglich der Messias sein.“ Der Messias, wenn er kommt, würde die Tradition und Überlieferung der Ältesten beachten. Darum waren die Jünger besorgt.

Aber in Jesaja wurde vorausgesagt, dass der Messias ein Anstoß sein wird. Schauen wir kurz in Jesaja 8, Vers 14: „Den Herrn der Heerscharen sollt ihr heiligen, er sei eure Furcht und euer Schrecken. Er wird zum Heiligtum sein, aber zum Stein des Anstoßes und zum Fels des Strauchelns für die beiden Häuser Israels.“

Der Messias wird zum Stein des Anstoßes werden, an dem man sich stößt und über den man zu Fall kommt, zum Fels des Strauchelns, und zwar für die beiden Häuser Israels – das heißt das Haus Juda (Juda und Benjamin) und das Haus Israel, die zehn Stämme. Das zwölfstämmige Volk Israel war damals vertreten, wobei die zehn Stämme zahlenmäßig kleiner waren.

Wichtig ist auch Jesaja 8, Vers 14, der in der rabbinischen Tradition auf den Messias bezogen wird. Im Judentum wusste man, dass diese Stelle vom Messias spricht: Er wird zum Heiligtum sein. In Johannes 2 sagt Jesus: „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten.“ Er sprach vom Tempel seines Leibes. Er wird zum Fels des Strauchelns.

Und jetzt kommt noch das Schlimmste: Er wird zur Schlinge und zum Fallstrick für die Bewohner Jerusalems. Viele werden straucheln, fallen, zerschmettert, verstrickt und gefangen werden. Jahre später kam es zum Untergang Jerusalems im Jahr 70 n.Chr. Die Stadt und der Tempel wurden zerstört, und über eine Million Menschen kamen ums Leben. Darunter waren natürlich auch Leute aus jener Generation, wie in Matthäus 15 beschrieben.

Das hilft uns zu verstehen, was danach kommt. Jesus sagt in Matthäus 15, Vers 13: „Er aber antwortete und sprach: Jede Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, wird ausgerissen werden. Lasst sie! Sie sind blinde Leiter der Blinden.“

Eine Pflanze, die ausgerissen wird – das ist ein wichtiger Hinweis. Im Deutschen ist das nicht so klar, wenn man „Pflanze“ sagt. Was ist damit gemeint? „Pflanze“ umfasst alles – nicht nur Unkraut, sondern jede Blume, jedes Gras, jeden Busch und auch Bäume. Das griechische Wort ist weiter gefasst als unser deutsches Wort „Pflanze“.

Man kann sich das so vorstellen: Eine Pflanze, die nicht selbst gepflanzt wurde, wird ausgerissen. Das kann ein Baum sein, ein Strauch oder jede andere Pflanze. Wenn man das im Garten hat und sie nicht selbst gepflanzt hat, wird sie ausgerissen.

Schlagen wir Psalm 1 auf, dort sehen wir eine Pflanze, die der himmlische Vater gepflanzt hat. Dort wird der Treue, der Gerechte beschrieben. Psalm 1, Vers 3: „Und er ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und dessen Blatt nicht verwelkt; und alles, was er tut, gelingt.“

Und wer ist das? Vers 2 sagt: „Er hat seine Lust am Gesetz des Herrn.“ Nicht an den Lehren der Menschen, die in großer Zahl existieren, sondern er hat Interesse an der Lehre des Wortes Gottes. Er hat seine Lust am Gesetz des Herrn, über das Tag und Nacht nachgedacht wird.

Oder eine weitere Stelle: Psalm 92. Dort heißt es: „Der Gerechte wird sprossen wie die Palme, wie eine Zeder auf dem Libanon wird er emporwachsen.“ Die Palme wächst gerade und aufrecht. So wird der Gerechte beschrieben, der vom himmlischen Vater gepflanzt wurde.

Der Herr Jesus sagt: Jede Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, wird ausgerissen werden. Das Gericht wird über sie kommen, genau wie es in Jesaja 8,14 vorausgesagt ist. Dann sagt Jesus: „Lasst sie! Sie sind blinde Leiter der Blinden.“ Die Jünger hatten Sorge um diese Menschen, doch Jesus sagt, dass man sie lassen muss. Jeder muss sich selbst entscheiden; das können wir anderen nicht abnehmen.

Weiter sagt Jesus: „Wenn aber ein Blinder einen Blinden leitet, werden beide in eine Grube fallen.“ Genau das geschah. Diese Menschen lehrten andere mit falschen Lehren, doch das führte sie in die falsche Richtung.

Dann stellt einer der Jünger eine Frage. Petrus antwortete und sprach zu ihm: „Deute uns dieses Gleichnis.“ Wenn man die Parallelstellen in Markus 7 liest, sieht man, dass alle Jünger eine Frage hatten. Matthäus erwähnt, dass Petrus sprach. Wer Widersprüche sucht, sollte die Paralleltexte in den Evangelien vergleichen – dort findet man eine große Sammlung.

Alle Jünger hatten die Frage, aber Petrus formulierte und sprach sie aus. So geht es den Menschen oft: Nicht nur er hatte die Frage, doch hier heißt es, Petrus antwortete und sprach: „Deute uns das Gleichnis.“ Das tat er im Sinne der anderen Jünger.

Jesus antwortete: „Seid auch ihr noch unverständlich? Begreift ihr nicht, dass alles, was in den Mund eingeht, in den Bauch geht und in den Abort ausgeschieden wird? Was aber aus dem Mund ausgeht, kommt aus dem Herzen hervor und verunreinigt den Menschen.“ Und jetzt meint er moralisch, nicht symbolisch.

Aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken: Mord, Ehebruch, Hurerei, Diebstahl, falsche Zeugnisse, Lästerungen. Diese Dinge verunreinigen den Menschen. Mit ungewaschenen Händen essen verunreinigt den Menschen nicht.

Jesus sagt das nicht nur zu Petrus, sondern auch zu den anderen Jüngern als Antwort auf ihre Frage: „Seid ihr auch noch unverständlich?“ Sie hätten doch sofort begreifen müssen, was er meint, da er zuvor gesagt hatte: „Hört und versteht!“ Noch einmal: „Nicht das, was in den Mund eingeht, verunreinigt den Menschen, sondern das, was aus dem Mund ausgeht, das verunreinigt den Menschen.“

Dieser wichtige Unterschied zwischen symbolischer Unreinheit und moralischer Unreinheit ist grundlegend. Jesus macht Petrus und den Jüngern den Vorwurf: Begreift ihr das nicht?

Wir sehen, dass diese Aussage Petrus noch lange beschäftigte. Lange nach Pfingsten, als er auf dem Dach war und Hunger hatte (Apostelgeschichte 10), hörte er aus dem Himmel eine Stimme, die ihm sagte, er solle unreine Tiere schlachten und essen. Petrus antwortete: „Niemals, Herr! Ich habe niemals etwas Unreines gegessen, etwas, das nicht koscher ist.“

Gott erklärte ihm, dass diese unreinen Tiere die Völker rund um Israel symbolisierten. Sie galten als unrein, doch Gott sagte, er habe sie jetzt gereinigt. Das war für Petrus schwer zu verstehen.

Man muss nur Apostelgeschichte 10 lesen. Er lernte die Lektion und musste zum Haus eines Heiden, Cornelius, gehen, um das Evangelium zu predigen und zu erleben, wie Menschen, die als unrein galten, durch den Glauben wirklich gereinigt wurden – nicht nur symbolisch, sondern tatsächlich.

Christoph meinte dazu: Es ist materiell gemeint, und es gibt viele Dinge in der Welt, die einen Einfluss auf uns nehmen können, die in uns hineinkommen.

Genau, hier ist gemeint, dass das, was in den Mund hineinkommt – die unreinen, rituell unreinen Dinge wie unkoscheres Fleisch – im Judentum im Vordergrund stand. Der Herr macht aber klar: Im Gegensatz dazu gibt es Dinge, die aus dem Herzen herauskommen, und diese machen den Menschen wirklich unrein.

Was Christoph angesprochen hat, ist, dass es auch viele Botschaften und Bilder gibt, die uns verunreinigen können. Das entspricht genau der geistlichen Übertragung von 3. Mose 11. Die koscheren Tiere sind ein Hinweis auf den Herrn Jesus, den Messias. Gerade die Tiere, die zum Opfer zugelassen waren, wie Schafe, weisen auf das Lamm Gottes hin. Ziegen, Stiere und andere reine Tiere weisen auf Gläubige hin, die den Weg mit dem Herrn gehen.

Man kann diese Dinge im Detail übertragen. Es gibt auch im Internet Livestreams, in denen das Thema der reinen und unreinen Tiere behandelt wird. Dabei geht es genau darum, welche Einflüsse von außen wir nicht zulassen dürfen.

Das bekannteste unkoschere Tier ist das Schwein, aber es gibt noch viele andere. Das Schwein kann man zwar waschen, doch in kürzester Zeit wälzt es sich wieder im Dreck. Darum heißt es in 2. Petrus 2, dass jemand, der äußerlich zum Glauben kommt, sich aber nicht wirklich bekehrt oder wiedergeboren wird, der nach einer Zeit wieder zurückkehrt in sein altes Leben. Petrus sagt, es wäre besser, so jemand hätte den Weg der Wahrheit nie erkannt, als nach der Erkenntnis wieder zurückzukehren.

Er vergleicht das mit dem Sprichwort: Die gewaschene Sau kehrt zurück, um sich wieder im Dreck zu wälzen. So sehen wir, wie diese Dinge eine geistliche Bedeutung haben und Menschen symbolisieren, die so leben, wie es durch die unkoscheren Tiere dargestellt wird.

Alles, was wir über einen solchen Lebensstil lesen, sehen und aufnehmen, verunreinigt uns. Es kommt auf das Herz an, auch wenn jemand sich kleidet. Äußerlichkeiten zeigen oft etwas von innen.

Ich finde es schwierig, dass das oft gegeneinander ausgespielt wird. Diejenigen, die sehr nahe an dem glauben, was die Bibel sagt, werden oft verurteilt, weil sie auf Äußerlichkeiten achten. Andere hingegen genießen mehr Freiheit.

Das ist gut, dass du das ansprichst. Oft wird behauptet, für Gott sei nur das Herz wichtig, nicht das Äußere, zum Beispiel auch nicht die Kleidung. Dem muss man aber widersprechen, denn das Neue Testament spricht ganz klar über Kleidung und betont, wie wichtig es ist, dass Kleidung sittsam ist.

In 1. Timotheus 2 finden wir eine klare Belehrung. Dort stehen keine genauen Maße, wie lang ein Rock sein muss, aber die Ausdrücke sind klar genug, um zu verstehen, was gemeint ist. Das steht ganz klar im Neuen Testament.

Dennoch gibt es Christen, die sagen, wenn jemand auf solche Dinge achtet, sei er gesetzlich. Aber hier geht es nicht um Gesetzlichkeit im Sinne von Matthäus 15, also um das Hinzufügen zum Wort Gottes, was Gott nicht gesagt hat. Das ist eine schlimme Sache.

Wenn Christen, die nach dem gehen wollen, was die Bibel sagt – und ich meine hier nicht nur die Gebote für Israel vom Sinai, wie das koschere Essen, das Gott nur Israel gegeben hat – wenn sie dann als gesetzlich bezeichnet werden, ist das falsch.

Der Bund vom Sinai wurde mit Israel geschlossen. Im Neuen Testament haben wir jedoch Gebote, die für Gläubige aus allen Nationen gelten. Wer das als gesetzlich bezeichnet, irrt.

Man muss sagen: Wer von der Bibel wegnimmt, wird ein Sadduzäer. Wer etwas hinzufügt, wird ein Pharisäer. Aber wir müssen festhalten, was das Wort Gottes direkt sagt.

Damit wird klar, wie der Herr Jesus diese Dinge deutlich macht und zeigt, wo die Prioritäten liegen. Das geistliche Leben hat Vorrang. Die wörtlichen Gesetze für Israel, die gegeben wurden, hatten eine geistliche Belehrung zum Ziel.

Begegnung mit der kanaanäischen Frau und Ausweitung des Wirkens Jesu

Und jetzt gehen wir noch ein bisschen weiter, Vers 21. Darf ich noch einen Vers nennen? Paulus schreibt dem Timotheus, dem Zweiten Timotheus. Wahrscheinlich kennen die meisten von uns den Vers aus 2. Timotheus 2,5:

„Wenn aber auch jemand kämpft, so wird er nicht gekrönt, wenn er nicht gesetzmäßig kämpft.“

In der Elberfelder Fußnote heißt es: „nach den Gesetzen des Kampfspiels“. Das bedeutet, wir kennen das alle. Wer beim Fußball foult, verstößt gegen die Regeln. Das heißt also, im Kampf des Glaubens, im „guten Kampf des Glaubens“, gibt es Regeln, die Gott uns gegeben hat – sozusagen Leitplanken.

Ganz genau. 2. Timotheus 2,5 macht klar, dass der Gläubige sich ganz genau an die Anweisungen der Bibel halten muss, um den Glaubenskampf gottgemäß führen zu können. Darum ist es eine ganz gefährliche Sache, wenn eine treue Hingabe an den Herrn, bei der man genau nach dem Wort Gottes lebt, als Gesetzlichkeit abgetan wird. Das ist keine Gesetzlichkeit, sondern Treue.

Um das noch zu unterstreichen, ist ein weiteres Wort hilfreich: 2. Timotheus 2,5. Außerdem noch 2. Timotheus 3,10, wo Paulus zu Timotheus sagt:

„Du aber hast genau erkannt meine Lehre.“

Die Elberfelder Fußnote erklärt, dass man das auch übersetzen kann mit:

„Du aber bist genau meiner Lehre gefolgt.“

Also nicht ungefähr, sondern Timotheus ist ganz genau dem nachgegangen, was der Apostel Paulus sagt. Nicht so ungefähr, sondern ganz genau. Aber eben nicht über das Wort hinausgehen und nicht von dem Wort wegnehmen.

Dann noch Matthäus 15,21. Wir haben noch ein paar wenige Minuten.

„Und Jesus ging aus von dort und zog sich zurück in das Gebiet von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau, die aus jenem Gebiet hergekommen war, schrie und sprach: ‚Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter ist schlimm besessen.‘

Er antwortete ihr kein Wort. Und seine Jünger traten herzu und baten ihn und sprachen: ‚Entlass sie, denn sie schreit hinter uns her.‘

Er antwortete und sprach: ‚Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.‘

Sie aber kam und warf sich vor ihm nieder und sprach: ‚Herr, hilf mir!‘

Er antwortete und sprach: ‚Es ist nicht schön, das Brot der Kinder zu nehmen und den Hündlein hinzuwerfen.‘

Sie aber sprach: ‚Ja, Herr, und doch fressen die Hündlein von den Brotkrumen, die von dem Tisch ihrer Herren fallen.‘

Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: ‚O Frau, dein Glaube ist groß, dir geschehe, wie du willst!‘ Und ihre Tochter war von jener Stunde an geheilt.“

Die Bedeutung des Wirkens Jesu über Israel hinaus

Über diesen Abschnitt könnte man schreiben: Jesus im Libanon. Es ist großartig, was hier gesagt wird. Hier wird deutlich gemacht, dass der Herr Jesus über die Grenzen Israels hinausging, bis in den heutigen Libanon, das Gebiet von Tyrus und Sidon.

Es wird jedoch klar gesagt, dass er sich zurückzog. Diese Konfrontation mit Menschenlehren, die das Wort Gottes sogar aufhoben, war schrecklich für ihn. Es war belastend zu sehen, wie Menschen einfach nicht hören wollten. Die Erfahrung, wenn Menschen sich trotz der wahren Lehre des Wortes nicht bewegen lassen, sondern Widerstand leisten und ihre Blindheit weiterhin verfolgen, ist sehr belastend. So war es für den Herrn, und deshalb zog er sich ins Ausland zurück.

Das ist der Punkt, den wir schon in Matthäus 13 gesehen haben: Jesus begann sich immer mehr von Israel als Nation zurückzuziehen und wandte sich den Heidenvölkern zu. Darum steht diese Geschichte an dieser Stelle, und das hat einen besonderen Grund.

Nun kommt tatsächlich eine kanaanäische Frau. Dieses Volk war im Alten Testament bekannt für den schlimmsten Götzendienst, den man sich vorstellen kann. Alle Völker waren Götzendiener, aber die Kanaaniter hatten einen besonders perversen Götzendienst im Zusammenhang mit Baal – wirklich schlimm. Eine Frau aus diesem Volk kommt zu Jesus, weil ihre Tochter stark dämonisch besessen war. Sie wusste jedoch, wo sie Hilfe suchen musste: beim Messias Israels.

Der Messias Israels ist ja für Israel bestimmt. Doch sie wusste, dass man dort Hilfe finden muss – genauso wie viele aus Israel wussten, wo sie die Quaste anrühren mussten. Das war der Abschnitt vor Kapitel 15. So gab es auch im Ausland Menschen, die wussten, wo sie Hilfe finden konnten gegen Gefangenschaft in der Dämonie, in der Finsternis Satans. Sie rief ihn an als „Herr, Sohn Davids“. Warum nennt sie ihn nicht Jesus? „Ben David“ ist ein Titel für den Messias. Sie erkannte, dass dieser Mann der Messias ist und ihrer besessenen Tochter helfen kann.

Erstaunlich ist, dass der Herr Jesus gar nicht sofort reagiert. Bei anderen Menschen reagierte er sofort, wenn sie ihn anriefen, hier aber nicht. Doch der Herr Jesus handelte in jeder Situation richtig. Es gibt Momente, in denen man ungewöhnlich handeln muss, und das tat er hier.

Die Jünger fanden diese Frau überhaupt nicht angenehm. Sie wollten, dass sie weggeht. Bei den Pharisäern hatten sie sich noch Sorgen gemacht, weil diese Anstoß nahmen, und der Herr sagte: „Lasst sie.“ Nun aber sagen sie: „Entlassen Sie die, die da herumschreit, das geht doch nicht.“ Das war ihr Jonah-Komplex.

Der Jonah-Komplex hat nichts mit Sigmund Freud zu tun, sondern bezieht sich auf das Problem des Propheten Jona. Jona wollte nicht, dass Nichtjuden die Gnade Gottes kennenlernen. Er wollte nicht, dass Gott den schlimmen Assyrern in Ninive vergibt, weil diese so grausam waren. Die Assyrer haben im Krieg Menschen skalpiert, Zungen herausgeschnitten, Augen ausgestochen – furchtbar. Jona dachte, sie müssten das Gericht bekommen, keine Gnade. Deshalb wollte er nicht nach Ninive predigen. Das ist der Jonah-Komplex: Nur wir haben die Gnade, die anderen brauchen sie nicht.

Diesen Komplex hatten auch die Jünger. „Das ist ja keine Israelitin, das geht gar nicht.“ Das ist übrigens auch der Grund, warum Gott Israel nicht nur die fünf Bücher Mose gab, sondern damals schon das Buch Hiob. Gott wusste, dass sie daraus schließen würden: „Wir sind mehr als die anderen.“ Dabei war es einfach Gottes Entscheidung, dieses Volk als sein Volk zu wählen, um allen anderen Völkern zu zeigen, was geschieht, wenn ein Volk Gott gehorcht – dann wird es gesegnet. Und was geschieht, wenn ein Volk nicht gehorcht – dann kommt der Fluch. Sie aber dachten: „Nur wir.“ Das ist der Jonah-Komplex, und den hatten sie auch.

Dann erklärte Jesus: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ Er bestätigt also, dass sein Auftrag Israel gilt. Jetzt ist er im Libanon, aber sein Auftrag bleibt Israel.

Interessant ist, dass diese Frau nicht nachgibt. Sie wirft sich vor dem Herrn nieder und sagt: „Herr, hilf mir!“ Jesus antwortet: „Es ist nicht gut, das Brot der Kinder zu nehmen und es den Hündlein zu geben.“ Hier sind wir wieder beim Thema Brot, wie in Kapitel 14 bei der Speisung der Fünftausend. Warum essen deine Jünger Brot, ohne die Hände zu waschen? Und jetzt wieder Brot für die Hündlein.

Wer sind die Kinder? Die Kinder sind die Israeliten am Tisch. Die Frau antwortet: „Ja, aber wenn die Kinder am Tisch essen und etwas Brot herunterfällt, dürfen doch die Hündlein davon fressen.“ Hunde sind nach 3. Mose 11 keine koscheren Tiere, das ist klar. Interessant ist, dass Jesus „Hündlein“ sagt. Das griechische Wort ist eine Verkleinerungsform. In den rabbinischen Schriften gibt es den Ausdruck „Hündlein“, die so behandelt werden wie Hunde, denn sie werden quasi auch „hündisch“ wie die Großen. Das macht klar: Der kleine Hund ist noch nicht so schlimm, und Jesus verwendet extra diese Verkleinerungsform.

Die Frau akzeptiert das. Sie sagt: „Wir Heiden sind nicht das auserwählte Volk und in Unreinheit, weil wir Gottes Wort nicht kannten, das uns vor Unreinheit schützt – auch moralisch.“ Aber sie sagt: „Es fällt doch etwas herunter.“ Und Jesus geht darauf ein. Das war nur so, damit ihr Glaube ans Licht kommen konnte. Hätte er sofort geantwortet, wäre das nicht geschehen.

So sieht man, dass Jesus nicht nach einem festen Schema handelte. Auch Joseph handelte nicht nach Schema, als seine Brüder zum ersten Mal nach Ägypten kamen. Er sagte nicht gleich: „Ich bin Joseph, euer Bruder!“ Man könnte denken, das ist doch eine gute Lebensberatung: Man muss vergebungsbereit sein. Aber Joseph war hart zu seinen Brüdern.

Wie ist das möglich? Es musste klar werden, dass die Brüder wirklich eine Veränderung im Herzen erlebt hatten. Durch sein hartes Verhalten kamen diese Dinge wieder richtig hoch. Obwohl er nur über Dolmetscher mit ihnen sprach, hörte Joseph, wie sie auf Hebräisch sagten: „Das ist alles über uns gekommen, weil wir unseren Bruder damals so ungerecht behandelt haben.“ Doch er wartete weiter.

Es brauchte eine Zeit der Arbeit in ihren Herzen, bis der Moment kam, in dem Joseph sagen konnte: „Alle raus! Ich will allein sein mit meinen Brüdern.“ Dann sagte er: „Ich bin Joseph, euer Bruder.“ Die Männer brachen zusammen. Aber es musste ein Werk in ihren Herzen geschehen. Hätte Joseph zu früh gesagt: „Ja, hier ist alles gut“, wäre dieses Werk der Gnade Gottes verhindert worden. Das darf auf keinen Fall passieren.

So testete auch Jesus diese Frau, und dadurch kam ihr Glaube und ihre tiefe geistliche Einsicht ans Licht. Das wurde zum Segen für die vergangenen zweitausend Jahre. Es macht klar, dass Jesus nicht nur für Israel gekommen ist, sondern auch für die Völker.

Abschließend noch Jesaja 49. Das ist eines der fünf Gottesknechtgedichte über den Messias in Jesaja, in denen der Messias als Knecht Gottes beschrieben wird. Dort spricht der Messias enttäuscht darüber, dass seine Arbeit in Israel nichts gefruchtet hat, sondern nur Ablehnung erfuhr.

In Jesaja 49,4 sagt der Messias: „Umsonst habe ich mich abgemüht, vergeblich und für nichts meine Kraft verzehrt.“ Das haben wir gerade in Kapitel 15 gesehen – die Ablehnung durch die Pharisäer und Schriftgelehrten. Doch dann sagt der Herr: „Doch mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott.“

Jetzt spricht Gott der Vater zu ihm: „Der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht gebildet hat, um Jakob zu ihm zurückzubringen.“ Jakob ist ein anderer Name für Israel. Der Messias sollte die verlorenen Schafe sammeln und zurückbringen.

Dann heißt es: „Aber Israel ist nicht gesammelt worden. Aber ich bin geehrt in den Augen des Herrn, und mein Gott ist meine Stärke geworden.“ Es folgt: „Es ist zu wenig, dass du mein Knecht seist, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten von Israel zurückzubringen. Ich habe dich auch zum Licht der Nationen gesetzt, um meine Rettung zu sein bis an das Ende der Erde.“

Hier wird klar: Zuerst muss der Messias seinen Dienst für Israel tun, denn es wird eine Enttäuschung geben, weil die Mehrheit in Israel nicht umkehrt. Dann wird aber deutlich, dass es zu wenig ist, wenn der Messias nur Israel zurückbringt. Er ist auch zum Licht der Nationen gesetzt, um Rettung bis an die Enden der Erde zu bringen.

Die Enden der Erde sind immer die entferntesten Teile des Festlandes, wenn man die Weltkarte betrachtet – bis nach Kanada, bis nach Tierra del Fuego in Südamerika, bis nach Australien, Neuseeland und Tasmanien und so weiter. Nicht nur bis Libanon.

Dieser Besuch im Libanon, Jesus im Libanon, ist deshalb sehr wichtig. Anhand der Libanesen, insbesondere dieser Libanesin, wird deutlich, dass die Libanesen heute noch Kanaanäer sind. Gerade die christlichen Libanesen sind stolz darauf, Kanaanäer zu sein. Sie haben sich nicht mit den Ismaeliten vermischt, die den Islam brachten. Deshalb sind sie stolz darauf, noch richtige Kanaaniter zu sein.

Das Wort „Kanaaniter“ kann übrigens auch mit „Händler“ übersetzt werden. Die Libanesen haben ein Gespür für Handel. Nach dem Bürgerkrieg, als alles zerstört war, begann eine kleine Firma, und sie blühte auf – das steckt in ihnen. Das wissen sie auch.

Eine Libanesin, die zum Glauben kommt, wird so gewissermaßen zum Vorbild für alle Nichtjuden bis an die Enden der Erde. Sie erleben die Gnade des Herrn Jesus, die befreit von Gesetzlichkeit, von menschlichen Lehren und auch von dämonischen Mächten.

An dieser Stelle wollen wir für heute schließen.

Vielen Dank an Roger Liebi, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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