
Was nützt es, wenn man von Manfred Herbst zu den jungen Burschen gezählt wird, aber gehandicapt ist und den Weg zur Bühne nur schwer findet?
Haben Sie ein wenig Geduld, ich sehe nichts. Normalerweise begrüße ich meine Zuhörer sehr gerne mit den Worten „Schön, Sie zu sehen“. Heute Abend muss das aber etwas anders sein. Ist das hier die Bühne oder ist das eine Box irgendwo? Ich weiß es nicht.
Oh, da sehen Sie sich. Machen Sie sich keine Sorgen, alles ist gut. Legen Sie Ihre Sorgen wieder beiseite. Ja, ich vermute mal, Sie sind da. Ich höre den einen oder anderen und begrüße Sie daher sehr herzlich.
Wenn Sie sich einmal in jemanden versetzen möchten, der nichts sieht, empfehle ich Ihnen das Dialogmuseum. In welche Richtung muss ich mich eigentlich wenden? Sind Sie da oder da? Ist das so einigermaßen oder lieber so? So ist besser, ja, schön, okay. Sie wollen ja keine kalte Schulter zeigen.
Ich empfehle Ihnen also das Dialogmuseum in Frankfurt. War schon einmal jemand dort? Niemand? Dort wird man in kleinen Gruppen von einem blinden Führer durch absolut lichtlose Räume geführt. Das ist eine Ausstellung, in der es nichts zu sehen gibt. Dort wird gegessen, was auf den Tisch kommt.
Ich möchte heute Abend über jemanden sprechen, der blind war. Jemand, der Tag und Nacht nicht unterscheiden konnte, der freundliche Blicke weder empfangen noch erwidern konnte und in allem von anderen abhängig war.
Tag für Tag saß er am Rande des Marktes. Sein Gehör funktionierte natürlich, auch sein Geruchssinn war in Ordnung. So konnte er den Fischverkäufer, den Knoblauchhändler und den Schweinepriester gut auseinanderhalten.
Dass seine Geschichte einmal in der Bibel aufgeschrieben werden würde und ein ganzes Kapitel füllen würde, in dem Gott eine entscheidende Rolle in seiner Biografie spielt, hätte dieser Mann nie für möglich gehalten. Er hätte nie geahnt, dass ihm eine solche Ehre zuteilwerden würde.
An den anderen Abenden habe ich jeweils einen Text aus der Bibel vorgelesen. Auch heute Abend möchte ich Ihnen den Mann, von dem ich spreche, vorstellen. Wir müssen es jetzt irgendwie so machen: Sehen Sie vielleicht den Text vorne? Das ist schon eine große Hilfe.
Im Vorbeigehen sah Jesus einen Mann, der von Geburt an blind war. Die Jünger fragten Jesus: „Rabbi, wer hat gesündigt, dass er blind geboren wurde – er selbst oder seine Eltern?“ Jesus erwiderte: „Weder er ist schuld, noch seine Eltern. Er ist blind geboren, damit die Werke Gottes an ihm sichtbar werden.“
Jesus sagte weiter: „Wir müssen die Taten Gottes wirken, solange es Tag ist. Es kommt eine Nacht, in der niemand mehr wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“
Als Jesus das gesagt hatte, spuckte er auf den Boden, rührte einen Brei mit seinem Speichel an und strich diesen Brei auf die Augen des Mannes. Dann befahl er ihm: „Geh zum Teich Siloah und wasche dir das Gesicht.“ Siloah bedeutet „der Gesandte“.
Der Mann ging hin und wusch sich das Gesicht. Als er zurückkam, konnte er sehen. Welch ein Moment!
Es sind doch so viele da. Schön, wirklich schön, sie zu sehen. Es ist Sabbat, an diesem Tag steigen wir hier im Johannes-Evangelium, Kapitel 6, ein. Ein Tag, der eigentlich Gott vorbehalten ist, an dem die Menschen aufgefordert sind, die Arbeit einfach ruhen zu lassen. Auf dem Marktplatz ist entsprechend wenig los, es geht gelassener zu als an anderen Tagen.
Dementsprechend bekommt unser Freund wenig in seinen Hut, dafür aber gleich einen offenen Deckel. Er hört eine Unterhaltung mit, die lautet: Wer hat hier gesündigt, er oder seine Eltern? Diese Wortfetzen sind nicht zu überhören. Wer hat hier gesündigt? Waren es seine Vorfahren oder vielleicht seine Urgroßeltern? Was ist die Ursache dafür, dass dieser Mann behindert ist und nicht so ist wie andere?
Das klingt beinahe frech, was die Jünger von sich geben, aber so ist es. Wenn du irgendwo nicht perfekt bist, dann wirst du oft reserviert oder abgeschoben. Schnell bist du fertiggemacht. Ohne Jesus hätten die Jünger diesen Mann wohl links liegen lassen, wären einfach vorbeigegangen und hätten ihn gedanklich verurteilt. Hat er selbst gesündigt oder seine Eltern?
Was bei dieser Frage auffällt, ist, dass sich die Sichtweise der Menschen bezüglich Unglück und Elend seit der Zeit von Jesus drastisch verändert hat. Denn heute geben wir eher Gott die Schuld: Warum lässt Gott das zu? Das ist eine häufige Frage, die wir als Christen gestellt bekommen.
Hier dagegen fragen sie: Wer ist schuld? Gott steht hier überhaupt nicht zur Debatte. Ist es er selbst oder seine Eltern? Heute klagen wir Gott sehr schnell an, während die Jünger sich Gedanken um den Betroffenen machen.
Bei ihrer Frage ist der erste Teil schwer verständlich. Es geht um den Mann selbst, denn wir müssen bedenken, dass er blind geboren wurde. Das steht so im Text. Wenn seine Blindheit eine Strafe Gottes gewesen sein soll, hätte er dann vor seiner Geburt sündigen müssen. Das ist schwer vorstellbar.
Der zweite Teil der Frage betrifft seine Eltern. Das würde bedeuten, dass er die Folgen der Sünde seiner Vorfahren tragen müsste. Ist es gerecht, dass ein Kind, das geboren wird, wegen eines Fehlers in der Familie mit einer Einschränkung bestraft wird?
Blindheit kann durchaus die Folge einer Geschlechtskrankheit der Eltern sein. Hat der Mann selbst gesündigt oder seine Eltern? Ich habe auch gelesen, dass eine okkulte Belastung Ursache für Blindheit bei Kindern sein kann. Hat er selbst gesündigt oder seine Eltern?
Jesus beendet diese Mutmaßungen unmissverständlich: Es ist weder seine Schuld noch die seiner Eltern. Das stellt Jesus hier klar. Es geht nicht um eine spezielle oder protokollierte Schuld.
Natürlich hatte dieser Mann gesündigt, und auch seine Eltern hatten gesündigt. Jeder sündigt. Wer sich einbildet, ohne Schuld zu sein, hat Jesus einmal gesagt, soll den ersten Stein werfen. Wer meint, sich selbst nichts vorwerfen zu können, lebt in Illusionen.
Wir alle wissen, wenn wir ehrlich sind, dass es so etwas wie Sünde in unserem Leben gibt. Natürlich gehörte dieser Mann dazu, genauso wie seine Vorfahren. Aber das ist nicht die Ursache für sein individuelles Leiden.
Ob es generell einen Zusammenhang zwischen Sünde und Leid gibt, ist eine wichtige Frage, die wir nicht einfach übergehen dürfen. Bestimmte Christen werfen anderen vor, dass sie leiden, weil in ihrer Biografie etwas passiert sein muss. Solchen Leuten wünsche ich nichts Schlechtes, aber das kann die Betroffenen zerstören.
Dann grübelt der Leidende vielleicht, ob er etwas vor Gott unausgesprochen gelassen hat und warum Gott ihn straft. Jesus sagt hier, und ich betone das noch einmal: Es ist nicht seine Schuld, dass er diese Behinderung trägt.
In Jeremia Kapitel 2 lässt Gott seinem Volk mitteilen: „Deine eigene Bosheit wird dich strafen, deine Untreue bringt dich zu Fall.“ Das klingt durchaus so, als gäbe es einen Zusammenhang zwischen unserer Lebensführung und der Strafe Gottes. „Deine Bosheit wird dich strafen.“
Dann geht es weiter: „Erkenne doch, wie schmerzlich und bitter es ist, dass du mich, den Herrn, deinen Gott, verlassen hast, mir keine Ehrfurcht mehr erweist.“ Das sagt der allmächtige Gott.
Solche Aussagen kommen immer wieder im ersten Teil der Bibel, dem Alten Testament, vor. Wenn Propheten mit der Frage nach dem Leid konfrontiert werden, kommen sie zu der Aussage, dass Menschen, die Gott den Rücken kehren, mit Leid rechnen müssen. Wenn sie sich von Gott, der Quelle des Lebens, abwenden, gehen sie ein großes Risiko ein, ihr Leben an die Wand zu fahren.
Deshalb wirbt Gott immer wieder durch diese Männer Gottes, die Propheten: „Kehrt um, kommt her zu mir!“ Wie Jesus einmal gesagt hat: „Ich wollte euch gerne wie eine Henne ihre Küken versammeln, ihr habt nicht gewollt, ihr seid immer davongelaufen.“
Wundert euch nicht, wenn ihr dann schutzlos den Umständen des Lebens ausgeliefert seid. Gott bietet an: „Kommt her zu mir.“ Diese Aussage findet sich durch die ganze Bibel hindurch, immer dieses Werben: „Kommt her zu mir.“
Ein Leben in Sünde geht nicht gut aus. Das ist schmerzlich und bitter, wie es hier in Jeremia Kapitel 2 heißt.
Sehen Sie, ich bin überzeugt davon, dass Gott ein Gott der Ordnung ist – so sagt uns die Bibel. Das heißt, dass jenseits von Gott Chaos herrscht. Ich glaube, dass Gott ein Gott des Friedens ist – das sagt uns die Bibel, und das glaube ich. Das heißt, dass jenseits von Gott Krieg herrscht.
Ich glaube, dass Gott ein Gott der Liebe ist – der erste Johannesbrief sagt das, und ich glaube das. Ich habe das erfahren.
Das hat Manfred Herbst erfahren: diese Geborgenheit, diese Ruhe, die nur durch Jesus geschenkt wird.
Das heißt aber, dass jenseits von Jesus das Gegenteil von Liebe herrscht: Hass, Unfrieden und Unruhe, dieses ganze Aufgewühlte, von dem wir gestern Abend gesprochen haben, diese Welt. Jenseits von Gott, also in der Gottesferne, wenn Menschen sich von diesem Gott, der Quelle ihres Lebens, entfernen, da müssen wir mit dem größten Leid rechnen.
Das bestätigen auch die großen Zusammenhänge, die uns Gott eröffnet. Im Paradies gab es noch kein Leid, und im Himmel wird es kein Leid mehr geben. Aber jetzt, dazwischen, in der Gegenwart, seit dem Sündenfall, gibt es Schweiß und Blut, Schmerzen und den Tod – all das, was uns Menschen quält.
Leid hat etwas mit Sünde zu tun, und zwar generell, nicht individuell. Jesus sagt, es ist nicht seine Schuld, auch nicht die seiner Eltern.
Warum lässt Gott Leid zu? Diese Frage beschäftigt viele Menschen. Manche stellen sie aus intellektuellen Gründen, weil sie ein gutes Argument suchen, um sich mit der Sache Gott nicht auseinandersetzen zu müssen. Andere sind persönlich betroffen.
In der Verwandtschaft – und ich habe vorhin, als Manfred seine Geschichte erzählt hat, hier Schluchzen gehört – bist du, wenn du diese Hoffnung nicht hast, einer solchen Situation völlig ausgeliefert. Da liegt jemand an Infusionsflaschen, und du stehst daneben und verstehst die Welt nicht mehr.
Warum lässt Gott zu, dass Menschen aus dem Leben gerissen werden? Warum lässt Gott zu, dass Menschen schwer krank werden? Warum lässt Gott es zu, dass man arbeitslos wird und nicht mehr für die Familie sorgen kann? Warum lässt Gott zu, dass Ehen zerbrechen und Menschen in tiefem Leid zurückbleiben?
Dieses Leid, das wir erleben müssen, kann sich unterschiedlich auf unser Leben auswirken. Es kann Menschen von Gott trennen oder sie zu Gott hinführen.
Eine mögliche Reaktion ist, dass Menschen sagen: „Da ist etwas Schlimmes passiert, und wenn Gott das zulässt, dann will ich mit diesem Gott nichts mehr zu tun haben. Komm mir nicht mit Gott!“ Manchmal wird aus der Ferne ein Beispiel herangezogen, etwa dass Gott zulässt, dass Menschen in einem Krieg oder auf einem Flüchtlingsschiff sterben. In solchen Fällen sagen sie: „Dann will ich mit diesem Gott nichts zu tun haben.“
Leid trennt also entweder Menschen von Gott oder bewirkt das Gegenteil. Es gibt Menschen, die plötzlich in eine schwierige Situation geraten. Vorher ging es ihnen gut, und sie hatten keinen besonderen Anlass, zu beten oder zu Gott zu rufen. Doch plötzlich merken sie, dass am Fundament ihres Lebens gerüttelt wird. Dann beten sie zum ersten Mal, flehen zu Gott: „Gott, wenn es dich gibt, dann hilf mir!“ Und sie erfahren, dass dieser Gott tatsächlich ein lebendiger Gott ist, der solche Hilferufe erhört.
Das sind die zwei unterschiedlichen Auswirkungen von Leid. Leid kann durchaus Umkehr bewirken.
Ein harmloses Beispiel erzähle ich, das war bei einem Straßeneinsatz. Ich bin oft auf der Straße gewesen, habe Menschen angesprochen im Blick auf den Glauben an Jesus. Da hatten wir wieder so einen Busseinsatz, einen Straßenkaffee. Wir laden Leute ein, eine Tasse Kaffee mitzutrinken und dann über wichtige Themen wie Tod, Leid, Gott und Leben zu reden.
Nicht weit vom Bus saß auf einer Bordsteinkante ein junger Mann, etwa 17 Jahre alt, wie sich später herausstellte. Er sah irgendwie fertig aus. Ich bin zu ihm hingegangen und habe gesagt, ich kann dir helfen. Ich merkte, dass er fast darauf wartete, dass ihn jemand anspricht. Dann habe ich ihn eingeladen: „Komm, setz dich zu uns rüber.“ So kamen wir ins Gespräch.
Er erzählte mir, dass vor einer Woche seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hatte. Er war ein Jahr lang mit ihr zusammen gewesen, und plötzlich war Schluss. Er litt sehr darunter. Ich habe richtig mitgelitten, als er mir das erzählte.
Dann sagte er einen interessanten Satz. Wörtlich meinte er: „In meiner pubertären Phase habe ich immer gesagt, es gibt keinen Gott. Aber seit einer Woche erwische ich mich die ganze Zeit dabei, dass ich bete.“ Das fand ich sehr interessant.
Manche Menschen sagen, es gehe ihnen gut und sie bräuchten keinen Gott. Doch plötzlich ist man in einer schwierigen Situation. Er war nicht zu stolz, um zu beten. Es gibt Leute, die meinen, wenn sie die ganze Zeit ohne Gott gelebt haben, wollen sie ihn nicht belästigen, wenn es ihnen schlecht geht. Er war aber nicht zu stolz, zu beten und zu Gott zu rufen.
Das war ein sehr guter Einstieg in ein tiefgehendes und gutes Gespräch.
Falsches Bemitleiden
Es gibt Menschen, die in schwierige Situationen geraten sind und dennoch die Nähe und den Frieden Gottes erfahren haben. Manche werden von einem plötzlichen Schicksalsschlag getroffen und finden trotzdem Halt und ein festes Fundament in Jesus Christus.
Ich hatte einen alten Freund, im wahrsten Sinne des Wortes alt – Heinz wurde 88 Jahre alt. Er überlebte ein schweres Zugunglück, bei dem viele andere, etwa 40 Personen, ums Leben kamen. Seit diesem Tag war er taub, denn er erlitt einen doppelten Schädelbasisbruch und konnte nichts mehr hören.
Trotz dieser Einschränkung war er ein sehr lebensfroher Mensch. Natürlich litt er darunter, dass er nie an geselligen Runden teilnehmen konnte. Gespräche, die kreuz und quer verliefen, brachten ihn oft zur Verzweiflung. Im direkten Gespräch von Angesicht zu Angesicht konnte er sich gut unterhalten, da er geschickt darin war, Lippenbewegungen abzulesen. Dennoch neigte er auch zu Schwermut, was ihm zu schaffen machte.
Für mich war er dennoch ein großes Glaubensvorbild. Eine Zeit lang habe ich ihn, als er in Dillenburg wohnte, mindestens einmal pro Woche besucht. Er versicherte mir mehrfach glaubhaft: „Markus, ich kann Gott für meine Behinderung heute danken. Ich hätte nie eine so innige Beziehung zu Gott bekommen, wenn dieser Unfall damals nicht passiert wäre.“
Irgendwann bekam er einen Schlaganfall. Ich besuchte ihn noch einmal, als er im Krankenhaus in Frankfurt lag. Dort saß kein bemitleidenswerter Mann im Bett, sondern ein beneidenswerter alter Kreis, der zu mir sagte: „Markus, ich finde den ganzen Tag Gründe, Gott zu danken. Mir ist hier nicht langweilig. Ich finde den ganzen Tag Gründe, Gott zu danken.“ Er war für mich ein großes Vorbild.
Wenn ich ihn besuchte, war er nicht derjenige, der mehr von dem Besuch profitierte, sondern ich. Ich wurde immer bereichert, manchmal auch beschämt. Einen zweiten Schlaganfall, eine Woche später, überlebte er nicht.
Ich glaube, wir beneiden manchmal die Falschen. Ich kenne jemanden hier in Bayern, der im Rollstuhl sitzt, aber eine solche Lebensfreude ausstrahlt, dass er gar nicht anders kann, als mit allen Menschen, die ihm begegnen, von Jesus und dem Grund seiner Freude zu sprechen.
Wir mitleiden manchmal mit den Falschen – und andererseits beneiden wir auch manchmal die Falschen. Natürlich gibt es Menschen, die schön und reich sind und äußerlich den Eindruck erwecken, als fehle es ihnen an nichts. Doch oft sind diese Menschen innerlich völlig ausgebrannt. Sie sind ständig auf der Suche nach mehr und können ihren Lebenshunger kaum stillen. Dann verrennen sie sich und greifen zu Alkohol oder führen zerstörerische Beziehungen, in denen viele innere Verletzungen zurückbleiben.
Ich glaube, wir beneiden manchmal die Falschen. Wie setzen wir unsere Prioritäten? Wen haben wir eigentlich zu bemitleiden und wen zu beneiden?
Nun, in einer von Sünde durchsetzten Welt besteht Handlungsbedarf. So ist es sinngemäß zu verstehen, was Jesus hier im vierten Vers sagt: Wir müssen etwas tun. Solange es Tag ist, müssen wir die Werke Gottes wirken, die er uns vor die Füße legt. Wörtlich übersetzt bedeutet das, die Werke Gottes sollen sichtbar werden.
Es geht hier also nicht nur um ein Werk. Es geht in dieser Geschichte nicht allein um die Heilung des Blinden. Wäre das der Fall, müssten wir uns mit so einem Text nicht weiter beschäftigen. Dann wäre es eine einmalige Geschichte, die mit unserem Leben nicht viel zu tun hätte.
Jesus sagt die Werke Gottes – es geht also um Gottes heilendes Handeln insgesamt, wie Jesus es beschreibt. Das betrifft auch uns, die wir an ihn glauben. Ich weiß nicht, wer du bist. Vielleicht bist du jemand, der zaghaft glaubt, vielleicht bist du aktiv bei dieser Aktion hier diese Woche mit dabei, oder du stehst eher am Rande und bist ganz interessiert.
Lukas hat hier verschiedene Alternativen aufgezählt, die einen motivieren können, zu einem Abend wie diesem zu kommen. Wir sollen handeln, solange es Tag ist, das heißt, solange wir Gelegenheit dazu haben. Bringt euch ein in diese schwierige Welt voller Leid!
Für Jesus bedeutete die Nacht seinen baldigen Tod. Wir wirken bis zu unserem Tod oder bis Jesus wiederkommt, um uns zu sich zu holen – so sagt uns das die Bibel.
Jetzt halte ich fest: Bis dahin, bis wir keine Gelegenheit mehr haben, die Werke Gottes zu wirken, werden wir sogar größere Werke tun als die, die Jesus zu Lebzeiten getan hat. Das mag undenkbar erscheinen, aber Jesus sagt: „Ich versichere euch, wer mir vertraut und glaubt, wird Dinge tun wie ich, ja sogar noch größere Taten vollbringen, denn ich gehe zum Vater.“
(John 9,4-5; Johannes 14,12)
Jetzt stelle ich die Frage: Was ist die größere Tat? Einem Menschen sein physisches Augenlicht wiederzugeben oder einem Menschen die Augen zu öffnen für seinen Zustand vor Gott? Ihm zu erklären, dass er Jesus braucht, den Erretter, der uns innerlich die Augen öffnen möchte für die ganze Wirklichkeit – für die Realität Gottes, die gekommen ist, um für unsere Sünden zu sterben und alles wieder gutzumachen?
Was ist die größere Tat? Das Wesentlichste, was wir als Christen und was die Kirche als Aufgabe in dieser Welt hat, ist, Jesus zu predigen als das Licht der Welt. Damit Menschen wieder klar sehen können und etwas von der Realität Gottes erkennen.
Jesus ist das Licht der Welt. Solange ich in dieser Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Das hat sich übrigens bewahrheitet, wenn man sich die Weihnachtsgeschichte vor Augen hält. Es gibt ja Leute, die einen Bibeltext gut kennen – das ist Lukas 2, die Weihnachtsgeschichte – weil sie nur an Weihnachten zur Kirche gehen. Den hören sie dann jedes Jahr. Das ist immerhin schon mal der Anfang der Geschichte von Jesus.
Wir lesen dort, dass die Hirten auf dem Feld waren und plötzlich ein helles Licht sie umleuchtete, obwohl es Nacht war. Als Jesus geboren wurde, war es Nacht, aber es war auf einmal taghell. Als Jesus starb auf dem Hügel Golgatha vor Jerusalem, war es Tag, doch plötzlich wurde es stockdunkel über diesem Hügel und über der ganzen Stadt.
Als Jesus geboren wurde, war es Nacht, und als Jesus starb, war es Tag – und es wurde dunkel. Jesus ist das Licht der Welt. Jesus ist das Licht der Welt, und wer ihm nachfolgt, wird nicht im Finsteren wandeln.
Die körperliche Heilung ist allenfalls vorübergehend. Ihr werdet größere Werke wirken als das, aber in Bezug auf unseren Zustand vor Gott – dass wir Vergebung brauchen, ewiges Leben und so weiter – das ist eine sehr viel größere Sache.
Jetzt möchte ich noch einmal an etwas erinnern, das wir kürzlich im fünften Kapitel besprochen haben. Dort begegnet Jesus einem Mann, der an einer langjährigen Krankheit litt. Es heißt, er war 38 Jahre krank und konnte sich kaum bewegen. Jesus heilt diesen Mann und trifft ihn später im Tempel wieder. Er sagt zu ihm: „Hör zu, du bist jetzt gesund, sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres passiert.“
Da stellt sich die Frage: Gibt es etwas Schlimmeres, als 38 Jahre dahinzuvegetieren und keine Hoffnung zu haben? Und dann sagt Jesus: „Sündige nicht mehr, damit dir nicht Schlimmeres widerfährt.“ Gibt es wirklich etwas Schlimmeres als so lange krank zu sein? Ja, das gibt es – nämlich eine Ewigkeit in der Gottesferne.
Ich glaube, dass das, was die Bibel uns über Leben und Tod sagt, wahr ist. Ich glaube, dass es einen Himmel gibt, und ich glaube, dass es eine Hölle gibt. Die Bibel bezeichnet die Trennung von Gott als Hölle.
Wenn wir unvergebene Schuld mit in die Ewigkeit nehmen – Sünde, die das genaue Gegenteil von dem ist, was Gott darstellt, nämlich Licht, absolute Heiligkeit und Vollkommenheit – dann passt das nicht zusammen. Dunkelheit kann nicht einfach zum Licht gehen, das ist unmöglich. Wenn das Licht aus ist, dann ist es dunkel. Aber Dunkelheit kann nicht zum Licht.
Das ist ein erschreckender Vers. Viele sagen, das Alte Testament sei trübsinnig, und sie lesen nur das Neue Testament, weil es dort nur um Liebe gehe. Doch im Neuen Testament steht, dass Gott ein unzugängliches Licht bewohnt. Das ist beunruhigend, wenn da „unzugänglich“ steht. Es bedeutet, dass ein sündiger Mensch nicht zu Gott kommen kann.
Jesus greift das auf, wenn er sagt: „Ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit, ich bin das Leben; niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich.“ Wer Vergebung in Jesus in Anspruch nimmt, ist frei von aller Dunkelheit, von allem, was unser Gewissen belastet. Er kann mit gutem Gewissen vor Gott und seinen Mitmenschen leben und kommt am Ziel an.
Das ist das Größte: Wenn ein Mensch sich bekehrt und das ewige Leben findet. Das Schlimmste dagegen ist die Sünde. Vielleicht lässt Gott manchmal Leid in unserem Leben zu, um uns vor diesem Schlimmeren zu bewahren. „Sündige nicht, damit dir nicht Schlimmeres widerfahre.“
Wenn jemand leidet und sich in seiner Not an Gott wendet, darf er erwarten, dass Gott ihn retten wird.
Gestern Abend haben wir Psalm 50, Vers 15 zitiert: „Rufe mich an in der Not.“ Dabei ist nicht das Telefon gemeint, sondern dass du aus deinem Herzen zu Gott rufst. Schrei aus deiner Not zu ihm, und er wird dich erretten. Dann wirst du ihn preisen.
Die Folge wird sein, dass du gar nicht anders kannst, als Gott zu loben für diese wunderbare Errettung. Deshalb singen wir solche Lieder. Ich gebe zu, das kann in den Kirchen und Gemeinden manchmal ein bisschen fröhlicher klingen. Gestern hatten wir hier Afrikaner in der Runde, und da wurde alles offen gesagt: Wir Deutschen freuen uns zwar tief innen, lassen das aber manchmal nicht so heraus.
„Rufe mich an in der Not“ ist erst einmal ein Schrei. Wir können im Gebet auch unsere Stimme erheben und sagen: „Gott, hilf mir!“ Gott sagt zu: „Ich werde dich erretten.“ Und du wirst ihn preisen. Du wirst Lieder singen – ob du es zu Hause machst oder in der Gemeinde, in der Kirche. Du kannst nie anders, als Gott zu loben.
Sündige nicht mehr, damit dir nicht Schlimmeres widerfahre.
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie möchten einen Vergleich gebrauchen. Sie sind Vater oder Mutter, ich bin ebenfalls Vater von zwei kleinen Kindern. Unsere Mathilda ist drei Jahre alt. Sie haben also so einen kleinen Knirps und stehen an einer stark befahrenen Straße, wie hier.
Sie passen gerade auf, und plötzlich reißt sich das Kind los, rennt auf die Straße, und ein großer LKW kommt angerast. Was würden Sie als Vater oder Mutter tun? Sie würden doch alles versuchen, um Ihr Kind zurückzuziehen. Sie würden Ihren Knirps packen, selbst wenn Sie dabei seine Kleidung zerreißen. Sie würden versuchen, Ihren Sohn oder Ihre Tochter zurückzuziehen, selbst wenn Sie ihm oder ihr dabei den Arm auskugeln.
Man könnte auf den ersten Blick sagen: Das ist aber ein grausamer Vater, der seinem Sohn den Arm auskugelt. Aber dabei sieht man nicht den größeren Zusammenhang.
Verstehen Sie nun langsam den Vers: "Sündige nicht mehr, auf dass dir nicht Schlimmeres widerfahre." Vielleicht lässt Gott manchmal Leid in unserem Leben zu, um uns vor Schlimmerem zu bewahren, damit ein Mensch aufmerksam wird. Damit ein Mensch eben aus der Not heraus, wenn wir schon nicht beten, weil wir meinen, es geht uns gut und wir brauchen Gott nicht, dann in einer solchen Situation zu Gott schreit.
Jesus hat einmal gesagt, es ist besser, mit verstümmelten Gliedmaßen oder blinden Augen in den Himmel zu kommen, als kerngesund in die Hölle zu gehen.
Ich möchte nicht behaupten, dass jede Art von Leid eine pädagogische Maßnahme von Gott ist. Aber ich glaube, das ist ein Ansatz in diese Richtung. Die Frage ist ja auch nicht: Warum verursacht Gott Leid? Das wäre grausam. Er lässt es zu.
Das Leid in dieser Welt – hören Sie sich die Aufnahme von gestern noch einmal an – das ist der Teufel, der diese Welt im Griff hat. Als Fürst dieser Welt versucht er alles, um zu zerstören, wo es nur geht. Und Gott lässt das hier und da tatsächlich geschehen.
Vielleicht ist manchmal der Grund dafür, dass Menschen dann erst das wahre Leben finden und ihnen die Augen geöffnet werden.
Ich weiß zum Beispiel von einem sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten, der sich während des Dritten Reiches gegen das Hitlerregime geäußert hat und deshalb ins Konzentrationslager kam. Mehrere Jahre war er dort eingesperrt. Dieser Mann hieß Carlo Mierendorf und gehörte der SPD an.
Irgendwann wurde er wieder freigelassen. Sein Lebenszeugnis lautete, dass er als Atheist in das Konzentrationslager gekommen sei und als wiedergeborener Christ daraus entlassen wurde.
Was genau zwischen diesen beiden Bekenntnissen in der Dunkelheit eines deutschen Konzentrationslagers während des Dritten Reiches geschehen ist, können wir nur erahnen. Ganz offensichtlich aber war es ein Mensch, der zu Gott geschrien hat und dabei erkannt hat, dass sein Gebet nicht ungehört blieb.
Dieses Gebet blieb nicht einfach an der Decke hängen, sondern Gott hat es erhört. So wurde dieser Gott für ihn real erfahrbar.
So wie dieser Mann von Geburt an blind war, sind alle Menschen von Geburt an Sünder. Menschen ohne Gott tappen im Dunkeln. Die meisten Verbrechen geschehen in der Nacht.
Ich will niemanden beschuldigen, irgendwie kriminell zu sein, aber ich möchte Sie trotzdem persönlich fragen: Wo sind die dunklen, finsteren Seiten in Ihrem Leben?
Sie machen falsche Steuererklärungen – womit rechtfertigen Sie das? Sie schlagen Ihre Zeit tot mit sinnlosem Fernsehkonsum, indem Sie sich Filme anschauen, die Gewalt verherrlichen und Hurerei verharmlosen. Wie vereinbaren Sie das?
Und was ist mit den Leuten, die sich Christen nennen und solche Fischaufkleber hinten am Auto haben? Wie passt der Fisch auf Ihrer Heckscheibe zu obszönen Pornos, die Sie vielleicht auf Ihrem Bildschirm sehen?
Manche tragen Zeichen von Frömmigkeit nach außen. Einige haben fünf Brote und zwei Fische als Aufkleber hinten am Auto. Nach außen hin entsteht der Eindruck, dass das alles kirchliche Leute sind, die zur Elite gehören. Eine Religionslehrerin hat mir einmal gesagt, das sei die Elite, die zur Kirche geht. Dabei meinte sie eine Konfession, die mit K beginnt und mit -atolisch endet.
Ich will weder etwas gegen diese noch gegen andere Konfessionen sagen. Die Freikirchler sind oft auch nicht besser. Wir sollten uns also nicht rühmen und auf andere herabschauen.
Wo sind die finsteren, heimlichen Seiten in Ihrem Leben, die Sie am liebsten bedeckt und voller Scham verbergen wollen, damit niemand Verdacht schöpft? Viele Menschen führen ein wirklich dürftiges Leben.
Wenn Sie sich bewusst sind, dass es einen heiligen Gott gibt, wie vereinbaren Sie es mit seinem Willen, dass Sie Dinge tun, sagen, schreiben und unterschreiben, die eigentlich gegen Ihre Überzeugung sind?
All diese Dinge will Jesus ans Licht bringen. Er möchte, dass Sie mit einem guten Gewissen leben und Ihrem Nächsten mit offenen, auch strahlenden Augen ins Gesicht schauen können. Jesus ist das Licht der Welt.
Natürlich kann es peinlich sein, wenn wir über solche Themen sprechen. Ich lade dann zu einem Gesprächskreis ein, wo wir persönlich werden und unsere Sünden vor Jesus aussprechen können. Ich verlange nicht, dass man in diesem Kreis Dinge beim Namen nennt.
Ich habe oft gesagt, dass wir hier gerne allgemein beten können: „Vergib mir meine Sünden.“ Gleichzeitig empfehle ich, zu Hause einen Zettel zu machen, auf dem Sie konkret notieren, welche Sünden Ihnen einfallen. Bringen Sie das vor Gott und dann können Sie den Zettel anschließend im Klo versenken, verbrennen oder einfach noch einmal vor Augen führen. So ist es wirklich vergeben.
Es ist natürlich unangenehm, wenn diese Dinge ans Licht kommen. Aber wenn das passiert, macht uns Jesus nicht fertig, sondern gesund.
Wenn du deine Schuld loswerden willst, dann komm zu dem Heilmacher Jesus. Du wirst aus der Dunkelheit ans Licht kommen, so wie die Jungs in Thailand, die gerettet wurden und nach siebzehn Tagen der Ungewissheit endlich draußen waren.
Allerdings hat Lukas uns nicht die ganze Geschichte erzählt. Dreizehn Jungen wurden befreit, doch einer hat sein Leben verloren. Ganz am Anfang dieser Rettungsaktion, bei der Befreiung, ist ein Taucher ertrunken.
Dabei muss ich sofort an Jesus denken. Er hat als Einzelner sein Leben gegeben, damit andere leben und befreit sein können – um ins Licht zu kommen. Jesus starb an deiner Stelle am Kreuz, damit du gerettet werden kannst.
Diese Liebe zeigt sich in Jesus Christus und in seinem Opfer am Kreuz auf Golgatha.
Jesus spuckt vor diesem Mann auf den Boden. Der Mann hört das, und wahrscheinlich ist es nicht das erste Mal, dass jemand vor ihm aus Verachtung ausspuckt. Doch jetzt steht Jesus vor ihm, und das hat er mitbekommen. Wie soll er diese Geste von Jesus interpretieren? Und was wird er jetzt tun?
Die Jünger können zwar sehen, aber sie verstehen es trotzdem nicht. Jesus bückt sich, rührt einen lauwarmen Brei aus seinem Speichel und Staub an und schmiert dem Mann diese eklige Paste auf die Augen. Das ist wirklich schwer vorstellbar. Dann sagt Jesus: „Geh zum Teich Siloah und wasch dir das Gesicht.“
Ohne Rückfrage tut der Mann artig, was ihm befohlen wurde. Vielleicht bittet er einen Freund, ihm den Weg zu zeigen – die waren auch schon bereit, ihm zu helfen. Vielleicht kennt er auch einen vertrauten Pfad und gelangt so zu dem überdimensionierten Waschbecken Siloah. Voller Erwartung beugt er sich herunter, wäscht den Schlamm von den Augen, genau wie Jesus es gesagt hat. Die Kräuselung auf dem Wasser ist das Erste, was er sieht. Er stellt fest: „Ich sehe!“
Vielleicht ging es ihm ähnlich wie dir, der du im Krankenhaus erst einmal nicht so recht wusstest, wie dir geschieht und kaum glauben konntest, was die Leute dir erzählten. Für diesen Mann war es ein Neuanfang – er konnte sehen. Was für ein Moment! Das Leben kann neu beginnen.
Ich muss an das denken, was ganz am Anfang der Bibel steht, in 1. Mose 2: „Dann nahm Gott der Herr Staub von der Erde, formte daraus den Menschen, blies Lebensatem in seine Nase – so wurde der Mensch ein lebendes Wesen.“ Hier spuckt Jesus auf den Boden, rührt einen Brei mit Speichel an und streicht ihn auf die Augen des Mannes. Das ist eine Neuschöpfung. Der Schöpfer hat so den Menschen erschaffen, und das, was Jesus macht, ist ein Schöpfungsakt. Es erinnert an den großen Schöpfergott.
Jesus sagt in der Offenbarung: „Siehe, ich mache alles neu.“ Er ist derjenige, der in deinem Leben alles neu machen kann. Dort, wo du verzweifelt warst, kann Neues entstehen – Hoffnung kann aufkommen. Dort, wo du bisher die Welt nicht verstanden hast, kannst du plötzlich glauben und auf einen Gott vertrauen, der keine Fehler macht. „Siehe, ich mache alles neu.“ Wo du traurig warst, wirst du froh.
Das bedeutet nicht, dass es unter Christen keine Depressionen gibt oder keine schlechten Nachrichten. Manchmal sitzt man an einem Krankenbett. Aber in unserem Inneren ist dieser Frieden.
Was ist das größere Wunder: die Augen geöffnet zu bekommen, um zu sehen, ohne eine Brille zu brauchen? Oder die Augen des Herzens geöffnet zu bekommen und die Wahrheit zu erkennen? Gott macht unsere Dunkelheit hell.
Ich weiß nicht, ob Sie von Joseph Haydn die Schöpfung kennen, dieses wunderbare Oratorium. Wer kennt es? Ja, einige von uns Alten kennen es.
Es ist also ein unbeschreibliches Musikstück, in dem Haydn versucht, den Text aus 1. Mose 1 musikalisch umzusetzen. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Ganz getragen klingt es: „Und die Erde war ohne Form und leer, und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.“
Und dann spricht Gott. Ganz leise hört man das Zupfen einer Violine, das wiederholt wird. Gott spricht: „Es werde Licht, es werde Licht!“ Und es ward sehr getragen.
Plötzlich fällt das gesamte Orchester in ein gewaltiges Licht! Wenn man nicht darauf vorbereitet ist, fällt man fast vom Hocker. Herzkranke sollte man unbedingt vorbereiten.
Das müsste man sich wirklich mal anhören: Joseph Haydn, die Schöpfung – und gerade dieses eine Moment. Es ist dieser gewaltige Augenblick, in dem einem Menschen plötzlich klar wird: Das ist wahr, Jesus ist das Licht der Welt. Er will auch mich retten, er will auch mir vergeben. Es ward Licht.
Und dort, wo bisher Chaos in deinem Leben herrschte, weil du versucht hast, deine Angelegenheiten selbst zu regeln, da wird es plötzlich hell.
Dort, wo bisher diese heimlichen Gedanken dich belasteten, weil du dich fürchten musstest, da soll es hell werden.
Dort, wo du bisher Angst hattest, weil du Gewissensbisse hattest, da soll es hell werden.
Wenn Jesus uns die Schuld vergeben hat, dann können wir jubeln: Es war Licht!
Am besten klingt es übrigens in C-Dur.
Das, was Jesus hört, ist eine Neuschöpfung: „Seht, ich mache alles neu.“
Jetzt bleibt am Ende noch eine Frage: Was hat es mit dieser merkwürdigen Augensalbe auf sich? Es ist ja eine seltsame Methode. Jesus hätte auch ohne diesen Brei heilen können. Es gibt zwar Schlamm mit Heilwirkung, aber damit kann man Blindheit nicht heilen. Somit liegt die Kraft also nicht in dem Brei, sondern in der Person von Jesus.
Auch hätte Jesus den Mann nicht zu diesem Teich schicken müssen. Auch hier liegt die Heilkraft nicht in dem Wasser, sondern in den Worten von Jesus.
Anweisungen sind Anweisungen, deswegen nimmt der Mann Jesus beim Wort, und das ist der springende Punkt. Echten Glauben beweist man durch Gehorsam. Das will uns dieser Text am Ende bewusst machen. Hier zeigt sich, dass beides zusammengehört, nämlich das Handeln Gottes und gehorsamer Glaube.
Jesus tut das Wunder, aber ohne das gläubige Handeln des Blinden wäre nichts passiert. Wenn dieser blinde Mann die Anweisungen von Jesus nicht befolgt hätte – geh zum Teich und wasch dich –, dann wäre er blind geblieben. Er wäre blind geboren und irgendwann blind gestorben.
Wer errettet werden will, muss einzig und allein an Jesus glauben und darauf vertrauen, dass das, was er sagt, richtig ist. Und er muss das tun, was Jesus sagt. Wenn die Bibel sagt: „Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst errettet werden“ – das ist ein Imperativ –, dann kannst du nicht sagen: „Ich kann nicht glauben.“ Die Wahrheit ist: Du willst nicht glauben.
Es gibt da ein Gleichnis, das Jesus erzählt, wo jemand viele einlädt. Im Matthäusevangelium steht dazu: „Aber sie wollten nicht kommen.“ Glauben können – das kann jeder. Jesus hat entschieden, dich zu retten, aber was er nicht entschieden hat, ist, dass du glaubst und darauf eingehst. Das ist dein Beitrag.
Mit diesem Gang zum Tümpel drückt der Blinde aus: Ich glaube dir.
Sehen Sie, die Bekehrung kann man mit einer Eheschließung vergleichen.
Morgen darf ich in Tiersheim, das im Landkreis Wunsiedel liegt und irgendwie auch zum Frankenland gehört, eine Hochzeit, eine Trauung, durchführen. Ich wurde eingeladen, wieder einmal bei einer Traupredigt zu predigen und anschließend die wichtigen Fragen zu stellen.
Also werde ich morgen gut gekleidet zwei noch besser gekleideten jungen Leuten gegenüberstehen. Dann werde ich fragen: Er heißt Daniel, sie heißt Laura. Ich werde Daniel fragen: „Willst du die neben dir Stehende?“ Und ich werde noch ein bisschen dazu ausführen. Dann erwarte ich, dass er „Ja“ sagt. Das ist ein Teil der Zeremonie.
Jetzt wird es spannend. Nun wende ich mich an die Braut: „Laura, willst du auch den neben dir Stehenden?“ Erst wenn sie ebenfalls „Ja“ sagt, dann ist die Ehe geschlossen. Ich bin kein Standesbeamter, das ist bereits am Mittwoch passiert, aber dann ist die Ehe offiziell besiegelt.
Gott hat in Jesus Christus zu uns Menschen ein absolutes „Ja“ gesagt. Darauf beschränken sich viele und sagen: „Na ja, Jesus ist doch für uns gestorben, alles gut.“ Ja, das ist ein Teil davon, aber jetzt bist du dran. Nur wenn du auch „Ja“ sagst, nur wenn du das bestätigst, dann kommt diese Beziehung zustande.
So verstehe ich diese Aktion: Jesus mobilisiert uns dazu, das Ganze auch zu tun, was er sagt. Manche fragen sich: „Wie ist das mit der Vorbestimmung?“ Ich glaube, dass Gott uns erwählt hat. Ja, wir sind Erwählte Gottes. Aber auf der anderen Seite ist unser Wille genauso gefragt. Wenn ein Vertrag nicht von beiden Seiten unterschrieben ist, dann ist er nichts wert.
Deswegen sind Sie gefragt, ob Sie sagen wollen: „Ja, Herr, ich vertraue Dir, ich will.“ „Ja, Herr, ich will.“ Glaube wird erwartet, nicht mehr und nicht weniger. Glaube, nicht unbedingt Wissen.
Der Mann wusste erstaunlich wenig. Wenn Sie den Text weiter anschauen, lesen Sie sich zuhause ruhig das Kapitel noch einmal durch. Wenn Sie weiterlesen, geht daraus hervor, dass der ehemals Blinde nur den Namen seines Heilers kannte und dass er ein Prophet war.
„Also das ist doch der Mann, der Jesus heißt“, sagt er in Vers 11 und Vers 17. Er ist ein Prophet – so suchte er irgendwie nach dem richtigen Wort für den, den er da getroffen hatte. Das war seine beste Einschätzung: ein Prophet.
Was ist die Voraussetzung dafür, Christ zu werden? Es ist keinesfalls nötig, die gesamte christliche Theologie zu durchschauen. Eigentlich musst du nur zwei Aussagen zustimmen.
Wenn du neues Leben in Gott beginnen möchtest, dann musst du wissen, dass du ein Sünder bist. Außerdem musst du glauben, dass Jesus Retter ist. Das ist alles.
Wenn dir das bewusst ist und du unter deiner Schuld leidest – und das ist wahres Leid – und du heute Abend Hoffnung schöpfst, weil du glaubst, dass Jesus Retter ist, dann sag Ja, nimm es an, bete und sage: Jesus, ich will.
Wahrscheinlich freuten sich nur wenige über das neue Leben dieses ehemaligen Blinden, aber er ging mit neuen Augen zu Bett. Als er am nächsten Tag aufwachte, merkte er, dass es kein Traum gewesen war.
Jesus hat dem Apostel Paulus Folgendes aufgetragen. Das finden wir in Apostelgeschichte 26:
„Öffne ihnen die Augen, damit sie umkehren und sich von der Finsternis zum Licht wenden und von der Macht des Satans zu Gott. Dann werden ihnen ihre Sünden vergeben, und sie werden zusammen mit allen, die durch den Glauben an mich zu Gottes heiligem Volk gehören, ein ewiges Erbe erhalten.“
Ist das nicht eine wunderbare Aussage? Jesus sagt, wer im Glauben an ihn seinen Weg geht, der wird zu diesem heiligen Volk gehören und ein ewiges Erbe erhalten.
Was ist das im Vergleich zu den wenigen zählbaren Jahrzehnten, die wir hier auf dieser Erde verbringen, mit all dem Leid?
Jesus sagt: Es werden alle Tränen von ihren Augen abgewischt werden. Da wird kein Leid, keine Krankheit, kein Tod mehr sein.
Wenn du dich heute zu Jesus bekehrst, dann bricht für dich das Licht eines Tages an, das nie wieder aufhört.
Danke, dass Sie hier waren. Gott segne Sie. Ich freue mich auf die, die ich gleich hier vorne kennenlernen werde, und wünsche ansonsten noch einen guten und gesegneten Abend.