
Überblick über Sauls Königtum
Heute Morgen betrachten wir noch den Schluss von 1. Samuel 14 und gehen anschließend weiter mit Kapitel 15. Gestern haben wir bis Kapitel 14, Vers 46 studiert. Nun folgt hier noch ein zusammenfassender Abschnitt, der das Königtum Sauls übersichtlich beschreibt.
Eine ähnliche Zusammenfassung hatten wir bereits in Kapitel 7. Dort, in den Versen 13 bis 8, Vers 3, gab es einen zusammenfassenden Abschnitt zum letzten Richter Samuel. Hier hingegen geht es um König Saul.
1. Samuel 14,47: Saul erlangte das Königtum über Israel und kämpfte gegen alle seine Feinde. Er führte Krieg gegen Moab, die Kinder Ammon, Edom, die Könige von Zoba – das liegt im heutigen Syrien – sowie gegen die Philister. Überall, wohin er sich wandte, übte er Strafe aus. Er tat Mächtiges, schlug Amalek und rettete Israel aus der Hand seines Plünderders.
Die Söhne Sauls waren Judatan, Jeschwi und Malkischua. Seine beiden Töchter hießen Merab, die Älteste, und Michal, die Jüngere. Sauls Frau war Achinoam, die Tochter des Achimats. Sein Heeroberster hieß Abner, der Sohn Nehos, des Onkels Sauls.
Wir hatten bereits von Sauls Onkel gelesen, allerdings ohne Namensnennung. Saul hatte ihm nichts von der Salbung durch den Propheten Samuel erzählt. Hier wird er nun namentlich genannt: Nehos, der Onkel Sauls. Kis, der Vater Sauls, und Nehos, der Vater Abners, waren Söhne Abiels.
Der Kampf gegen die Philister war heftig und dauerte alle Tage Sauls. Wenn Saul einen kriegstüchtigen und tapferen Mann sah, schloss er ihn in seine Reihen ein.
Zusammenfassend wird hier gesagt, dass Saul in militärischer Hinsicht Großes geleistet hat. Dabei sehen wir Gottes Gnade, die zugunsten Israels wirkte – trotz der falschen Entscheidung, einen König zu wollen. Das Volk hatte ja selbst gesagt: Zu all dem Bösen, das wir sonst schon getan haben, haben wir nun noch hinzugefügt, dass wir einen König wollten.
Gott beantwortete das, indem er Saul viel Gelingen gab. Doch Saul blieb ein Problem. Dies führt uns nun zu Kapitel 15.
Gehorsam und Gottes Auftrag an Saul
Ich lese ab Vers 1: Und Samuel sprach zu Saul: Der Herr hat mich gesandt, um dich zum König über sein Volk Israel zu salben. So höre nun auf die Stimme der Worte des Herrn.
Hier gibt es nochmals einen Gehorsamstest. Wir haben bereits gesehen, wie Saul in Bezug auf Gehorsam völlig versagt hatte. Er wartete in Kapitel 13 sieben Tage auf Samuel. Als Samuel nicht kam, handelte er eigenmächtig, was einen klaren Bruch mit dem Wort Gottes darstellte.
Jetzt haben wir hier erneut einen Gehorsamstest. So ist es auch in unserem Leben: Gott lässt uns immer wieder Situationen begegnen, in denen er unseren Gehorsam gegenüber seinem Wort prüft. Man kann sogar sagen, dass alles, was der Herr uns anvertraut, eigentlich Testmaterial ist.
Denken wir nur an Judas, um ein Beispiel aus dem Neuen Testament zu nehmen. Johannes 12 sagt uns, dass Judas die Kasse trug. Ausgerechnet Judas war für die Gruppenkasse des Herrn und der zwölf Apostel verantwortlich. Johannes 12 berichtet, dass er ein Dieb war und sich immer wieder selbst aus der Kasse bediente. Dennoch hatte der Herr ihm gerade diese Verantwortung anvertraut. Das war ein Test, ob er treu sein würde.
Nun hier ein weiterer Test: So höre nun auf die Stimme der Worte des Herrn. Saul hat erneut eine besondere Gelegenheit, zu zeigen, dass er Gottes Wort ernst nimmt.
So spricht der Herr der Heerscharen: Ich habe angesehen, was Amalek Israel getan hat, wie er sich ihm in den Weg gestellt hat, als es aus Ägypten heraufzog. Nun zieh hin und schlage Amalek, verbünde alles, was er hat, und verschone ihn nicht! Töte vom Mann bis zur Frau, vom Kind bis zum Säugling, vom Rind bis zum Kleinvieh, vom Kamel bis zum Esel.
Das sind sieben Gebote. Mit meiner Unterstreichungsmethode kann man das sehr schnell erkennen, wie ich gestern Abend erklärt habe.
Erster Befehl: Zieh hin, schlage Amalek, verbünde alles und verschone nicht! Dann heißt es: Töte vom Mann bis zur Frau, vom Kind bis zum Säugling, vom Rind bis zum Kleinvieh, vom Kamel bis zum Esel.
Es sind acht Punkte, Verzeihung, acht Punkte, die er nun umsetzen soll.
Historischer Hintergrund des Befehls gegen Amalek
Man erinnert sich nach dem Auszug der Kinder Israel aus Ägypten an das Passahfest, das in 2. Mose 12 beschrieben wird. Dann brechen sie um Mitternacht auf und ziehen aus Ägypten hinaus, wie in den Kapiteln 13 und 14 weiter erzählt wird.
Der erste Feind, der sich Israel entgegenstellte, war Amalek, wie in 2. Mose 17 berichtet. Das geschah nach dem Ereignis mit dem Wasser aus dem Felsen. In Vers 8 heißt es: „Und Amalek kam und kämpfte gegen Israel in Rephidim, da wo der Felsen war, aus dem Wasser geflossen war.“ Mose sprach zu Joshua: „Erwähle uns Männer und sieh zu, kämpfe gegen Amalek! Morgen will ich auf dem Gipfel des Hügels stehen, mit dem Stab Gottes in meiner Hand.“
Dann kam es zu diesem erbetenen Kampf mit Amalek. Das war der erste Feind, der sich Israel entgegenstellte. Mose betete auf dem Berg und wurde schließlich von Joshua und Hur unterstützt. Immer wenn Mose betete, hatte Israel gegenüber Amalek die Oberhand. Doch die Lage war sehr ernst mit Amalek.
In 5. Mose 25 wird beschrieben, was für eine Art Feind Amalek war – hinterhältig, gemein und niederträchtig. In Vers 17 heißt es: „Erinnere dich daran! Das ist ein Gebot, also vergiss es nicht: Erinnere dich daran, was Amalek dir getan hat auf dem Weg, als ihr aus Ägypten zogt.“
Auch in 1. Samuel wird dies so dargestellt. In 1. Samuel 15, Vers 2 spricht der Herr der Heerscharen: „Ich habe angesehen, was Amalek Israel getan hat, wie er sich ihm in den Weg gestellt hat, als er aus Ägypten heraufzog.“ Dies bezieht sich direkt auf 2. Mose 17.
Noch einmal 5. Mose 25, Vers 17: „Erinnere dich daran, was Amalek dir getan hat auf dem Weg, als er aus Ägypten zog, wie er dir auf dem Weg entgegentrat, auf dem Weg ins verheißene Land, auf dem Weg in den Segen Gottes. Und deine Nachzügler schlug er, alle Schwachen hinter dir her, als du erschöpft und müde warst. Er fürchtete Gott nicht.“
Dieser Hass gegen Israel kam aus tiefer Gottlosigkeit. Der Feind hatte es besonders auf die Schwachen abgesehen, nicht auf die Starken. Er ging auf diejenigen los, die zurückgeblieben waren, weil sie nicht so schnell mithalten konnten – die Nachzügler, die Schwachen.
In Vers 19 heißt es weiter: „Und es soll geschehen, wenn der Herr dein Gott dir Ruhe verschafft hat vor allen deinen Feinden ringsum, in dem Land, das der Herr dein Gott dir als Erbteil gibt, es zu besitzen, so sollst du das Gedächtnis Amaleks unter dem Himmel austilgen. Vergiss es nicht!“
Hier macht Mose in seiner Abschiedsrede klar, noch bevor das Volk mit Joshua über den Jordan ins verheißene Land zieht, dass es ein Gericht über Amalek geben wird – aber nicht sofort. Erst wenn das Volk im Land lebt und der Herr ihnen Ruhe von den Feinden gegeben hat, soll dieses Gericht vollzogen werden.
Das war nun mit Saul der Fall. Er hatte gewaltige militärische Erfolge, wie wir gerade gelesen haben. Nun kommt Samuel und macht deutlich: 5. Mose 25, Vers 19 ist jetzt dran. Das Gericht über Amalek steht bevor und dient als Gehorsamstest. Dieses Gebot der Tora darf nicht vergessen werden.
Sauls militärischer Einsatz gegen Amalek und die Keniter
Ich lese weiter in Vers 4: Da rief Saul das Volk zusammen und musterte sie in Telahim. Es waren zweihunderttausend Mann zu Fuß und zehntausend Männer aus Juda. Das sieht nach Gehorsam aus.
Saul kam bis zur Stadt der Amalekiter und legte einen Hinterhalt im Tal. Dann sprach Saul zu den Kenitern: „Geht, weicht, zieht hinab aus der Mitte der Amalekiter, damit ich euch nicht mit ihnen vernichte.“
Hier sollte man sich merken: Wer sind diese Keniter? Als Parallelstelle kann man Richter 1,16 und 4,11 heranziehen. Schauen wir zunächst auf Richter 1,16. Dort geht es im Zusammenhang darum, wie Israel das Land Kanaan eroberte. In Vers 16 lesen wir: „Die Kinder des Keniters, des Schwagers Moses, waren mit den Kindern Judas aus der Palmenstadt, das ist Jericho, in die Wüste Juda gezogen, die im Süden von Arad liegt, und sie wohnten beim Volk.“
Die Keniter waren also Midianiter. Mose hatte ja eine midianitische Frau geheiratet, Zipporah, die Tochter eines gläubigen Mannes unter den Heiden, der den wahren Gott noch kannte, Jethro. Er war Priester Gottes unter den gottlosen Midianitern. Jethro hatte einen zweiten Namen, Reguel, was „Freund Gottes“ bedeutet – sehr eindrücklich. Von Abraham lesen wir dreimal in der Schrift, im Alten und im Neuen Testament, dass er ein Freund Gottes war. Aber es gibt noch einen anderen, der ausdrücklich so genannt wird: Reguel, Jethro, Freund Gottes.
Der Schwager von Mose war Hobab. Er begleitete die Israeliten auf der Wüstenreise. Da er eine Art Beduine war, der sich in der Wüste auskannte, sollte er das Auge für Israel sein und den Weg auskundschaften. So lesen wir das in 4. Mose. Nach den elf Kapiteln der Vorbereitung wird beschrieben, wie sie loszogen, und dort findet man diesen Hobab. Solche Midianiter waren also mit Israel gezogen.
Hier sehen wir, dass sie bei Jericho, der Palmenstadt, nach der Eroberung wohnten. Dann gingen sie weiter in den Süden, in die Wüste, südlich von Arad, das ist die heute sogenannte Negev-Wüste. Dort fühlten sie sich zu Hause. Von dort kamen auch die Midianiter ursprünglich; ihr Zuhause lag noch viel südlicher in der Wüste. Sie lebten dort mit den Israeliten zusammen.
Wir lesen noch weiter in Kapitel 4 bezüglich der Keniter, und zwar in der Zeit von Deborah und Barak. Damals errang schließlich eine Frau den Sieg über die Feinde Israels. Wer war das? Jael, eine Keniterin. In Richter 4,17 heißt es: „Sisera, der Heeroberste der Kanaaniter, floh zu Fuß in das Zelt Jaels, der Frau Hebers, des Keniters, denn es war Frieden zwischen Jabin, dem König von Hazor, und dem Haus Hebers, des Keniters.“ Diese Keniterin hatte Israel in großem Maße geholfen.
Jetzt sehen wir, dass sie immer noch dort unten in der Wüste wohnten (1. Samuel 15) und bei den Amalekitern lebten. Saul wollte sie schonen und sagte: „Ihr müsst euch jetzt wegwenden.“ Es ging um ein Gericht nicht über die Keniter, sondern über Amalek. Er betonte in Vers 6 in der Mitte: „Denn du hast Güte erwiesen an allen Kindern Israel, als sie aus Ägypten heraufzogen.“ Die Keniter wichen also aus der Mitte der Amalekiter.
Saul schlug die Amalekiter von Havila bis nach Suhr, das vor Ägypten liegt. Er ergriff Agag, den König der Amalekiter, lebend. Das hätte er aber nicht tun dürfen. Der Befehl war die Vernichtung Amaleks, damit der Judenhass ein Ende finden würde. Dieser Hass ging von Generation zu Generation weiter, auch die kleinen Babys waren betroffen. Sie waren zwar lieb, als sie auf die Welt kamen, aber dann wurden sie im Judenhass, im Israelhass erzogen, und der Hass setzte sich fort.
Saul schlug die Amalekiter von Havila bis nach Suhr. Agag, der König der Amalekiter, wurde lebend ergriffen. Das ganze Volk verbannte Saul mit der Schärfe des Schwertes. Doch Saul und das Volk verschonten Agag sowie das Beste vom Kleinvieh und Rindvieh, die Tiere vom zweiten Wurf, die Mastschafe und alles, was gut war. Sie wollten diese nicht vernichten.
Gott hatte jedoch gesagt, alles zu verbannen. Sie wollten es nicht tun. Alles Vieh, auch das Geringe und Schwächliche, wurde vernichtet. Das war nicht richtig. Sie wollten das Beste für sich behalten und vernichteten das Geringe und Schwächliche. Gerade dafür hatte Amalek eine besondere Verachtung. Die Schwachen wollte Amalek ganz besonders bekämpfen.
Samuels Reaktion auf Sauls Ungehorsam
Vers 10
Da erging das Wort des Herrn an Samuel mit den Worten: „Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe, denn er hat sich von mir abgewandt und meine Worte nicht erfüllt.“ Der Gehorsamstest wurde eindeutig nicht bestanden. Samuel entbrannte daraufhin und schrie die ganze Nacht zum Herrn.
Die Edelfelder erklärt in der Fußnote sehr schön, dass das hebräische Wort für „entbrannte“ sowohl Betrübnis als auch Zorn bezeichnet. Samuel hat sich so stark mit der Sache des Herrn identifiziert, dass es für ihn nicht einfach nur klar war, dass Saul scheitern würde. Es war nicht nur eine nüchterne Erkenntnis, dass Saul der König nach dem Herzen der Menschen ist und dass das schiefgehen wird. Vielmehr schmerzte es ihn tief. Die ganze Nacht rief er deshalb zum Herrn.
Die Sache war ihnen so wichtig, dass Samuel sich nicht einfach hätte sagen können: „Gut, jetzt geht er weg, das war ja mein Konkurrent. Die wollten ihn anstatt mich, okay.“ Aber Samuel war ganz anders.
Vers 12
Am Morgen machte sich Samuel früh auf den Weg, um Saul zu begegnen. Es wurde ihm berichtet, dass Saul nach Karmel gekommen sei. Dabei handelt es sich nicht um den Berg Karmel bei Haifa im Norden Israels, sondern um ein Karmel in Juda im Süden des Landes. Dieses Karmel wird in Josua 15,55 erwähnt.
Saul ist also nach Karmel gekommen und hat sich dort ein Denkmal errichtet. Danach hat er sich umgewandt und ist weitergegangen, um nach Gilgal hinabzuziehen.
Oh, er macht sich ein Denkmal – wofür? Für den Sieg über Amalek. Er hat es nun vollbracht. Unglaublich, womit beschäftigt er sich? Mit sich selbst und nicht mit dem Herrn, mit seiner eigenen Ehre und nicht mit der Majestät Gottes.
Doch er geht nach Gilgal. Samuel kam zu Saul, und Saul sprach zu ihm: „Gesegnet seist du vom Herrn!“ Wie schön er spricht, nicht wahr? „Ich habe das Wort des Herrn erfüllt.“ Noch besser: „Ich war gehorsam.“ Aber wir sehen, dass Samuel sich niemals täuschen lässt.
Samuel hat schon damals genau erkannt, als die Leute sagten, sie bräuchten einen König, weil seine Söhne so untreu seien. Er wusste genau, dass das daran lag, dass Saul die Ammoniter fürchtete.
Hier sagt Saul: „Was ist das für ein Blöken von Kleinvieh in meinen Ohren und ein Brüllen von Rindern, das ich höre?“ Saul antwortet, dass sie das Vieh von den Amalekitern gebracht hätten, weil das Volk das Beste vom Kleinvieh verschont habe.
Oh, das Volk – nicht er, obwohl er der König ist und das Sagen hat. Das Volk hat das Beste von Rindern und Kleinvieh verschont, um es dem Herrn, deinem Gott, zu opfern. Ach, wie schön klingt das! Es geht schließlich um Anbetung, und darum bin ich ungehorsam.
Noch etwas: Ich habe ein Wort sogar eingerahmt – „deinem Gott“. Er sagt nicht „dem Herrn, meinem Gott“, sondern „dem Gott, mit dem du, Samuel, eine Beziehung hast, und ich nicht.“
Aber das Übrige haben sie verbannt. Also sind wir ja weitgehend gehorsam gewesen, nicht wahr? Trotzdem wollen wir dem Herrn wirklich etwas darbringen.
Samuels klare Ansage und Sauls Rechtfertigung
Da sprach Samuel zu Saul: Halt, dass ich dir kundtue, was der Herr diese Nacht zu mir geredet hat. Und das war eine ganz schwere Nacht, schlaflos. Wir haben in Vers 11 gelesen, dass Samuel die ganze Nacht geschrien hat. Er hat nicht geschlafen, sondern zum Herrn wegen dieser Not geschrien – wegen dieses ungehorsamen Königs.
Und er sprach zu ihm: Rede! Auch da bricht er überhaupt nicht zusammen. Ja, so gut, jetzt sag mal, was hat der Herr zu sagen? Und Samuel sprach: Wurdest du nicht, als du klein in deinen Augen warst, das Haupt der Stämme Israels? Das haben wir gesehen, so diese natürlichen Vorzüge von Saul, und einer davon war Demut.
Der Herr salbte dich zum König über Israel. Er hat dich auf den Weg gesandt und gesagt: Ziehe hin, verbanne die Sünder, die Amalekiter, und kämpfe gegen sie, bis du sie vernichtest. Er bekam also dieses besondere Gebot zur Ausführung aus 5. Mose 25,17, das Samuel konkret am Anfang unseres Kapitels Saul als Auftrag Gottes vorgestellt hatte.
In Vers 19 fragt Samuel: Warum hast du denn der Stimme des Herrn nicht gehorcht und bist über die Beute hergefallen und hast getan, was böse ist in den Augen des Herrn? Er gibt ihm nochmals eine Chance und sagt: Warum? Jetzt kann er antworten.
Saul sprach zu Samuel: Ich habe der Stimme des Herrn gehorcht. Er ist nicht einsichtig, er verteidigt sich. Ich bin auf dem Weg gezogen, weil der Herr mich gesandt hat, und ich habe Agag, den König der Amalekiter, hergebracht, und die Amalekiter habe ich verbannt. Die hätte er auch verbannen müssen (Vers 21), aber das Volk hat von der Beute genommen. Ah, jetzt wieder das Volk – ist schuld, nicht er. Klein und Rindvieh, das Vorzüglichste des Verwandten, um dem Herrn deinem Gott zu opfern in Gilgal.
Er wiederholt die Argumentation: Ich war ungehorsam, damit man Gott besser anbeten kann. Aber dem Gott, mit dem ich gar keine Beziehung habe, wieder sagt er „deinem Gott“.
Samuel sprach: Hat der Herr gefallen an Brandopfern und Schlachtopfern, wie daran, dass man der Stimme des Herrn gehorcht? Also Gott geht es nicht in erster Linie um diese Symbole, die sehr wohl auf den Messias hinweisen. Gott geht es um die richtige Herzenshaltung gegenüber ihm. Erst dann haben die Symbole ihren Wert. Für Gott ist es ganz wichtig, das Aufmerken, das Hören und das Achten auf Gottes Wort.
Darum sagt er: Siehe, Gehorchen ist besser als Schlachtopfer, Aufmerken besser als das Fett der Widder. Und jetzt wird das ganz pointiert in Vers 23: Denn wie Sünde der Wahrsagerei ist Widerspenstigkeit und der Eigenwille wie Abgötterei und Götzendienst. Also Gott widerstehen, seinem Wort nicht gehorsam sein, wird hier verglichen mit Götzendienst, Okkultismus und Esoterik. So schrecklich!
Weil du das Wort des Herrn verworfen hast, so hat er dich verworfen, dass du nicht mehr König sein sollst.
Saul sprach zu Samuel: Ich habe gesündigt. Ah, wie schön, wie schön! Das sollte später auch David sagen, als er sich schwer mit Batschewa verschuldete. Wir schlagen kurz auf und halten hier einen Finger rein: 2. Samuel. David hatte sich in dieser Sache so verstockt, und zwar über neun Monate hinweg, ohne Buße zu tun.
Genau diese Erfahrung beschreibt er im Psalm 32, wo er sagt: „Als ich schwieg, war mir das wohl nicht gut.“ Innerlich ist der Mann wirklich kaputtgegangen, bis schließlich der Prophet Nathan kam und ihn mit einem Gleichnis von der Sünde überführte und ihm sagte: „Du bist der Mann!“, 2. Samuel 12,7. So dramatisch war das.
In Vers 13, darauf wollte ich hinaus, 2. Samuel 12,13, sprach David zu Nathan: „Ich habe gegen den Herrn gesündigt.“ Nicht wahr, wie Saul? „Ich habe gesündigt, dass ich den Befehl des Herrn und deine Worte übertreten habe.“ Aber schauen wir bei David: „Ich habe gegen den Herrn gesündigt.“ Und Nathan sprach zu David: „So hat auch der Herr deine Sünde weggetan. Du wirst nicht sterben.“ Wunderbar! Er sagt nicht, jetzt warten wir noch einige Monate. Sofort kann er ihm sagen, der Herr hat vergeben, und zwar weil der Herr das Herz von David gesehen hat. Er war zusammengebrochen, und Psalm 51 ist ein ganz eindrücklicher Beweis, dieser Bußpsalm gerade in der Sache wegen Batschewa, wie er da zusammenbricht und sagt: „Ich habe gegen dich, oh Gott, gegen dich allein gesündigt.“
Es wurde ihm klar: Die Sünde ist wirklich eine Sünde gegen Gott. Er hat sich an Menschen ganz schwer versündigt, aber letztlich geht alle Sünde auch gegen Menschen, gegen den Schöpfer, gegen Gott.
Schauen wir nun den Kontrast zu 1. Samuel im Zusammenhang mit Saul. Ich wiederhole nochmals Vers 24: Saul sagt: „Ich habe gesündigt, dass ich dem Befehl des Herrn und deinen Worten übertreten habe, denn ich habe das Volk gefürchtet und auf seine Stimme gehört.“ Ja, es ist eine Entschuldigung: Eigentlich wollte ich ja nicht, aber ich hatte irgendwie Angst vor dem Volk. Dann habe ich halt beachtet, was das Volk wollte. Also ist es Volksschuld und nicht seine.
Aber er sagt ja, ich habe gesündigt. Vers 25: „Und nun, vergib doch meine Sünde und kehre mit mir um, dass ich vor dem Herrn anbete.“ Wer soll vergeben? Samuel oder der Herr? Er sagt zu Samuel: „Vergib doch meine Sünde.“ Gott muss vergeben! Wer kann vergeben außer Gott? Natürlich!
Damals in Kapernaum (Markus 2) waren die Schriftgelehrten bei der Untersuchung, ob der Messias, der da in Kapernaum predigt, wirklich der Messias ist. Sie hörten gut zu, und der Herr Jesus sagte dem Gelähmten: „Deine Sünden sind dir vergeben.“
Im Untersuchungsprozess, in der ersten Phase, sollten sie nur beobachten, nichts sagen. Darum heißt es dort, sie überlegen bei sich selbst: „Wer kann Sünden vergeben außer Gott?“ Und sie sagen, er lästert. Aber sie haben das nur gedacht, und der Herr wusste, was sie denken. Er sagt, dass er, der Sohn des Menschen, Gewalt hat, auf Erden Sünden zu vergeben. Warum? Weil er eben Gott ist.
Man hätte doch an Jesaja 9,6 denken sollen, wo der Messias beschrieben wird – und das hat man im alten Judentum so verstanden: Ein Kind ist uns geboren. Der Messias würde als Mensch geboren werden. Ein Kind ist uns gegeben, ein Sohn uns gegeben. Der ewige Sohn wurde geschenkt, und das Kind wurde geboren.
Dann heißt es: Man nennt seinen Namen „Wunderbarer Berater, starker Gott.“ Also, wenn er geboren wurde als Kind, dann war er ein richtiger Mensch, eher der Sohn des Menschen. Er kann Sünden vergeben. Warum? Weil sein zweiter Name in Jesaja 9 „El Gibbor“, starker Gott, ist. Darum konnte er Sünden vergeben.
Aber Samuel konnte nicht Sünden vergeben. Er konnte ihm seelsorgerlich helfen, und das versucht er hier. Hier sehen wir einen Seelsorger, der sich um die Not eines Menschen kümmert.
Saul sagt also: „Vergib doch meine Sünde und kehre mit mir um.“ Also hilf mir, wirklich eine klare Umkehr zu machen. Als Seelsorger kann man helfen, aber umkehren muss dann schließlich der, der betroffen ist. Er sagt, dass er vor dem Herrn anbeten will, dass er schlussendlich Gott allein die Ehre geben will. Das klingt alles gut.
Aber Samuel sprach zu Saul: „Ich kehre nicht mit dir um, denn du hast das Wort des Herrn verworfen, und der Herr hat dich verworfen, dass du nicht mehr König über Israel sein sollst.“ Er lässt sich da auch wieder nicht täuschen. Er sagt ihm klar: So geht das nicht, Saul, du hast den Herrn verworfen.
Vers 27: Als Samuel sich wandte, zu gehen, ergriff Saul den Zipfel seines Oberkleides, und dieser riss ab. Das geht doch gar nicht, die Kleider des Propheten kaputt machen! Später, in 1. Samuel 24, wird man sich fragen: Geht das, dass man einfach dem Kleid eines Königs einen Zipfel abschneidet – und das erst noch dann, wenn er auf die Toilette muss?
Ich war in 1. Samuel 24, da war Saul auf der Verfolgung Davids. David war damals in den Felsenklüften von Engedi, dieser wunderbaren, romantischen Gegend mitten in der heißen und unerbittlichen Wüste Judas. Dort gab es damals noch eine ganz große Höhle. Saul ging in die Höhle, und hinten in der Höhle waren David und seine Freunde.
Das heißt, Saul ging hinein, um seine Füße zu bedecken. Das ist ein Euphemismus, ein Ausdruck, wie man etwas beschönigend bezeichnet, für „auf die Toilette gehen“. Denn wenn man auf die Toilette ging mit den damals langen Kleidern, dann kamen die langen Kleider und deckten die Füße ganz zu. Also bedeutet „auf die Toilette gehen“ genau das.
Dann kommt David und schneidet ein Stück ab. Ja, es ist genau das, was er ähnlich mit den Kleidern des Propheten gemacht hat. Später, auf gute Distanz, zeigt er Saul diesen Zipfel, den er abgeschnitten hat, um zu zeigen: Ich hätte dich töten können, aber ich habe es nicht getan, weil ich dich, den Gesalbten des Herrn, habe stehen lassen.
Obwohl du der König der Menschen warst, habe ich die Herrschaft anerkannt, solange Gott dich an der Macht ließ. Ich habe dich nicht gestürzt.
Um das noch ein bisschen auszuführen: David sah nicht die Möglichkeit einer Revolution oder eines Umsturzes einer Regierung. Er wartete auf den Punkt, an dem Gott schließlich den König absetzen und einen anderen einsetzen würde, wie Daniel 2 sagt – dass Gott Könige absetzt und Könige einsetzt nach seinem souveränen Willen.
Aber eben, man muss diesen Zusammenhang sehen: 1. Samuel 15,27 mit 1. Samuel 24,5-6,12, wo dieser Zipfel von Sauls Kleid erwähnt wird. Das war natürlich sehr demütigend: Der König auf der Toilette, ihm wird ein Zipfel abgeschnitten, und er merkt es nicht.
Vers 28: Da sprach Samuel zu ihm: „Der Herr hat heute das Königtum Israels von dir abgerissen und es deinem Nächsten gegeben, der besser ist als du.“ Jetzt erklärt er ihm gerade die Symbolik von dem abgerissenen Stück am Kleid. So macht der Herr das mit dir, nicht mit mir.
Er weist wieder darauf hin, ohne den Namen zu nennen, auf David. Dein Nächster – das sollte schließlich sogar sein Schwiegersohn werden. Saul nennt ihn dann, wie wir später in 1. Samuel sehen, „meinen Sohn David“. Eine ganz enge Beziehung zu dem, den Gott erwählen sollte an Stelle von Saul.
Jetzt ein ganz zentraler Vers: „Und auch lügt nicht das Vertrauen Israels, und er bereut nicht, denn nicht ein Mensch ist er, um zu bereuen.“ Das Vertrauen Israels ist hier ein Name Gottes. Die Elberfelder erklärten in der Fußnote eigentlich die Beständigkeit Israels – der Gott, der sich nicht ändert und dessen Grundsatz und Wahrheit von Generation zu Generation, von Ewigkeit zu Ewigkeit bleibt.
Gott ist nicht mal so, mal so, und er bereut nicht. Er ist nicht so wie die Menschen, die bereuen.
Jetzt könnte jemand sagen: Wie geht das? Wir haben doch gerade in Vers 10 und 11 gelesen, dass das Wort des Herrn an Samuel erging, in dem er sprach: „Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe.“ Im gleichen Kontext.
Seht ihr, würde einer sagen: Widersprüche in der Bibel? Ja gut, gerade diese Leute müsste man fragen. Und jetzt bringt uns die Lösung für das Problem. Wenn er sie nicht findet, müsste man sagen: Du bist nicht die geeignete Person, um zu beurteilen, ob es Fehler in der Bibel gibt oder nicht.
Der Punkt ist der: Das hebräische Wort „nacham“ in der Pielform in Vers 11 und es kommt nochmals in der Pielform in Vers 35 vor. Ich greife vor: „Und Samuel sah Saul nicht mehr bis zum Tag seines Todes. Denn Samuel trauerte um Saul, weil es den Herrn schmerzte, dass er Saul zum König über Israel gemacht hatte.“ Nochmals das gleiche Wort und auch die gleiche Form wie in Vers 11.
Hier haben wir in Vers 30 die gleiche Wurzel, in Vers 29 die gleiche Wurzel „nacham“ in der sogenannten Nif‘al-Form.
Wie geht das? Ist das nicht ein Widerspruch? Nein, ich muss erklären: Die Grundbedeutung dieser hebräischen Wurzel „nacham“ ist ein Seufzen, „nacham“. Wenn man traurig ist oder über etwas enttäuscht, lässt man so einen Seufzer gehen.
Darum bedeutet dieses Wort von der Grundbedeutung her, traurig sein über etwas und dabei Schmerz empfinden. Die sekundäre Bedeutung ist „bereuen“. Und es gibt noch eine Bedeutung: „trösten“.
Wie kann das Wort „trösten“ heißen? Ganz einfach: Es gibt Situationen, in denen man plötzlich sieht, jetzt gibt es eine Lösung. Das Gleiche gilt auch für dieses Seufzen, das von der Grundbedeutung her kommen kann. Es kann Ausdruck sein von Trauer, sekundär von Bereuen und auch von Trost.
So versteht man, warum ein Wort verschiedene Bedeutungen haben kann.
Jetzt ist es wichtig: Das ist ein Grundsatz der Sprachwissenschaft. Wörter sind normalerweise als ein Feld mit verschiedenen Bedeutungen zu sehen. Darum haben wir im Wörterbuch oft für ein deutsches Wort mehrere Wörter auf Portugiesisch, Englisch oder Französisch. Warum? Weil ein einzelnes Wort ein Bedeutungsfeld hat.
Im Textzusammenhang, im Rahmen eines Satzes, eines Abschnitts oder eines Buches ergibt sich dann eine Spezialbedeutung aus diesem Feld, die in diesem Zusammenhang die Bedeutung hat. So muss man übersetzen.
1. Samuel 15,11: „Es schmerzt mich, dass ich Saul zum König gemacht habe.“ Nicht „es reut mich“, sondern „es schmerzt mich“. Das Gleiche gilt für 1. Mose 6, wo es in vielen Bibelübersetzungen heißt, dass der Herr sagt, es reut ihn, dass er den Menschen gemacht hat.
1. Mose 6,6: „Und es reute den Herrn, dass er den Menschen gemacht hatte auf der Erde, und es schmerzte ihn in sein Herz hinein.“ Es sind zwei Wörter. Das erste ist wieder die Wurzel „nacham“. Das heißt trauern, sich kümmern. Man kann es darum auch übersetzen mit: „Es kümmerte den Herrn, dass er den Menschen gemacht hat auf der Erde, und es schmerzte ihn in sein Herz hinein.“
Gott muss nicht bereuen, was er getan hat. Er kann einfach gerade vorwärts gehen. Darum: „Es kümmerte mich, dass ich Saul zum König gemacht habe“ – und genauso in Vers 35.
Dann ist das Problem gelöst.
Wenn das Wort aber für Menschen verwendet wird, die umkehren müssen, dann muss man es mit „bereuen“ übersetzen.
Jetzt machen wir Pause.
Symbolische Handlung und Konsequenzen für Sauls Königtum
Vers 27
Und als Samuel sich wandte, um zu gehen, ergriff Saul den Zipfel seines Oberkleides, und dieser riss ab. Das geht natürlich gar nicht – die Kleider eines Propheten kaputtzumachen. Später, in 1. Samuel 24, wird man sich fragen, ob es erlaubt ist, einfach einem König einen Zipfel seines Kleides abzuschneiden – und das noch dazu, wenn er gerade auf die Toilette geht.
In 1. Samuel 24 war Saul auf der Verfolgung Davids. David befand sich damals in den Felsenklüften von Engedi, einer wunderbaren, romantischen Gegend mitten in der heißen und unerbittlichen Wüste Judas. Dort gab es damals noch eine große Höhle. Saul ging in diese Höhle, und hinten in der Höhle waren David und seine Freunde. Saul ging hinein, um seine Füße zu bedecken – das ist ein Euphemismus, also ein beschönigender Ausdruck für „auf die Toilette gehen“. Denn wenn man mit den damals üblichen langen Kleidern auf die Toilette ging, bedeckten diese die Füße vollständig.
David kam also, schnitt Saul ein Stück vom Kleid ab. Genau das hatte er ähnlich schon mit den Kleidern des Propheten gemacht. Später, aus sicherer Entfernung, zeigte David Saul den abgeschnittenen Zipfel, um zu beweisen, dass er ihn hätte töten können. Doch er hatte es nicht getan, weil er den Gesalbten des Herrn respektierte. Obwohl Saul König war, erkannte David seine Herrschaft an, solange Gott ihn an der Macht ließ. Er stürzte ihn nicht.
Um das noch etwas auszuführen: David sah keine Möglichkeit für eine Revolution oder den Umsturz der Regierung. Er wartete darauf, dass Gott den König absetzen und einen anderen einsetzen würde – so wie es in Daniel 2 beschrieben wird, wo Gott Könige absetzt und einsetzt nach seinem souveränen Willen.
Man muss daher den Zusammenhang zwischen 1. Samuel 15,27 und 1. Samuel 24,5.6.12 sehen, wo der Zipfel von Sauls Kleid erwähnt wird. Das war natürlich sehr demütigend – der König auf der Toilette, dem unbemerkt ein Zipfel vom Gewand abgeschnitten wird.
Vers 28
Da sprach Samuel zu ihm: „Der Herr hat heute das Königtum Israels von dir abgerissen und es deinem Nächsten gegeben, der besser ist als du.“ Nun erklärt Samuel die Symbolik des abgerissenen Kleidzipfels. So macht der Herr es auch mit dir.
Er verweist dabei, ohne den Namen zu nennen, auf David – deinen Nächsten, der schließlich sogar dein Schwiegersohn werden sollte. Saul nennt ihn später, wie wir in 1. Samuel sehen, „meinen Sohn David“. Es bestand eine sehr enge Beziehung zu dem, den Gott anstelle Sauls erwählen sollte.
Jetzt folgt ein ganz zentraler Vers: „Und auch lügt nicht das Vertrauen Israels, und er bereut nicht, denn nicht ein Mensch ist er, um zu bereuen.“ Das Vertrauen Israels ist hier ein Name Gottes oder wird – wie die Elberfelder Bibel in der Fußnote erklärt – als die Beständigkeit Israels verstanden. Gott ändert sich nicht, seine Grundsätze und seine Wahrheit bleiben von Generation zu Generation, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Er ist nicht wechselhaft und bereut nicht wie Menschen.
Man könnte nun fragen: Wie passt das zusammen? Denn gerade in Vers 10 und 11 wurde gesagt, dass das Wort des Herrn an Samuel erging: „Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe.“ Im gleichen Kontext. Manche würden hier von Widersprüchen in der Bibel sprechen. Doch gerade diese Leute müsste man fragen und ihnen eine Lösung anbieten.
Das hebräische Wort „nacham“ in der Pielform erscheint in Vers 11 und auch noch einmal in Vers 35. Ich greife vor: „Und Samuel sah Saul nicht mehr bis zum Tag seines Todes. Denn Samuel trauerte um Saul, weil es den Herrn reute, dass er Saul zum König über Israel gemacht hatte.“ In Vers 30 ist die gleiche Wurzel zu finden, ebenso in Vers 29, allerdings in der sogenannten Nif‘al-Form.
Wie ist das zu verstehen? Ist das ein Widerspruch? Nein, das muss erklärt werden. Die Grundbedeutung der hebräischen Wurzel „nacham“ ist ein Seufzen – man hört es förmlich: „nacham“. Wenn man traurig oder enttäuscht ist, lässt man so einen Seufzer hören. Deshalb bedeutet das Wort ursprünglich „traurig sein über etwas“ und dabei Schmerz empfinden. Sekundär bedeutet es „etwas bereuen“. Es kann aber auch „trösten“ bedeuten.
Wie kann das Wort „trösten“ bedeuten? Ganz einfach: Es gibt Situationen, in denen man plötzlich eine Lösung erkennt. Auch das ist ein Ausdruck des Seufzens, der Grundbedeutung von „nacham“. So kann das Wort verschiedene Bedeutungen haben: Trauer, Bereuen und Trost.
Das ist ein Grundsatz der Sprachwissenschaft: Wörter sind normalerweise als Bedeutungsfeld zu sehen. Deshalb haben wir im Wörterbuch oft mehrere Übersetzungen für ein deutsches Wort in anderen Sprachen. Ein einzelnes Wort hat also ein Feld von Bedeutungen. Im Textzusammenhang, im Satz, im Abschnitt oder im Buch ergibt sich dann eine spezielle Bedeutung, die am besten passt. So muss man übersetzen.
1. Samuel 15,11
„Es schmerzt mich, dass ich Saul zum König gemacht habe.“ Nicht „es reut mich“, sondern „es schmerzt mich“. Das Gleiche gilt für 1. Mose 6, wo es in vielen Übersetzungen heißt, der Herr sagt, es reut mich, dass ich den Menschen gemacht habe (1. Mose 6,6). Dort heißt es: „Und es reute den Herrn, dass er den Menschen gemacht hatte auf der Erde, und es schmerzte ihn in sein Herz hinein.“
Es sind zwei Wörter: Das erste ist wieder die Wurzel „nacham“ und bedeutet „trauern“ oder „sich kümmern“. Man kann daher auch übersetzen: „Es kümmerte den Herrn, dass er den Menschen gemacht hatte.“ Und es schmerzte ihn in sein Herz hinein. Gott muss nicht bereuen, was er getan hat, er kann geradeaus weitergehen. Deshalb ist die Übersetzung „Es kümmerte mich, dass ich Saul zum König gemacht habe“ korrekt, ebenso in Vers 35.
So ist das Problem gelöst. Wenn das Wort jedoch für Menschen verwendet wird, die umkehren müssen, dann muss man mit „bereuen“ übersetzen.
Jetzt machen wir Pause.
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