Serie•Teil 15 / 17E21 Hauptkonferenz 2025
Generierte Mitschrift
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Einführung in die Grundfrage der Rettung
Sola gratia, aus Gnade allein – was bedeutet das, und was bedeutet das nicht? Es geht um die zentrale Frage: Wie werden Menschen gerettet? Ich würde sagen, das ist eine entscheidende Frage, die sich jeder Mensch stellen sollte.
Die Antwort ist kurz und knapp: Gott allein ist es, der rettet. Und wir finden in der Bibel diese Kurzform immer wieder in der Formulierung, dass die Errettung vom Herrn kommt, zum Beispiel in Psalm 3,9 oder Jona 2,10 oder auch in Apostelgeschichte 4,12: In keinem anderen Namen ist das Heil.
Ich denke, viele von uns, viele Christen, würden diesen Satz unterschreiben, dass Rettung vom Herrn kommt. Das ist ja auch tatsächlich biblisch. Ich denke, da sind wir uns heute einig. Aber die andere Frage ist: Wie genau sieht es eigentlich aus, dass Errettung vom Herrn kommt?
Einer der fünf Grundsätze der Reformation lautet sola gratia, also Errettung allein aus Gnade. Das ist Ausdruck der Überzeugung, dass das Heil ganz und gar ein Geschenk Gottes ist, das man nicht verdienen kann, sondern nur empfangen kann. Damals, als die Reformatoren diese Erkenntnis wiederentdeckt haben, stand das natürlich im Gegensatz zur Lehre der katholischen Kirche, die Werken wie zum Beispiel Ablasszahlungen oder Pilgerfahrten eine Rolle bei der Erlösung zugeschrieben hat. Die Reformatoren betonten dagegen: Der Mensch kann das Heil nicht erkaufen, es ist allein Gottes unverdiente Gnade, die rettet.
So weit, so gut, da sind wir alle dabei. Aber was bedeutet sola gratia heute genau, und was eben nicht?
Ihr habt sicherlich schon mal die eine oder andere Redewendung gehört, die so in christlichen Kreisen kursiert, nämlich: Wenn du einen Schritt auf Jesus zumachst, dann ist er dir bereits eintausend Schritte entgegengekommen. Oder neunundneunzig Schritte entgegengekommen, und jetzt musst du einfach noch den letzten Schritt auf Jesus zumachen. Oder vielleicht hast du auch den Satz gehört: Einmal gerettet, immer gerettet.
Das sind so Sätze, die man hört, wenn es um die Frage der Errettung geht. Und die Frage ist: Stimmen solche Überzeugungen, solche Redewendungen, mit dem überein, was die Bibel über Errettung lehrt?
Ich denke, es bestehen heute viele Verzerrungen. Und mein Anliegen ist es, dass die Lehren der Gnade uns tatsächlich als Trost dienen, sodass wir heute hier rausgehen und sagen: Gott, ich bin ja so dankbar, dass Errettung allein vom Herrn kommt.
Also es geht um die Lehren der Gnade. Diese sogenannten Lehren der Gnade betonen ja, dass alle Menschen Sünder sind, die sich selbst eben nicht retten können, sondern Gottes Eingreifen brauchen, um gerettet zu werden.
Orientierung an der Kirchengeschichte und am Aufbau der Lehre
Und wie möchte ich jetzt vorgehen, um diese Frage zu beantworten? Ich mache Anleihen in der Geschichte, denn ich bin ja nicht der Erste, der diese Frage stellt: Wie werden Menschen gerettet?
Christen haben sich schon seit jeher diese Frage gestellt. Und ich denke, es ist auch an vielen von uns nicht vorübergegangen, dass es Christen gibt, die diese Frage, wie werden Menschen gerettet, unter einem Akronym zusammenfassen, nämlich TULIP, vom Englischen Tulpe, also aus diesen Buchstaben T-U-L-I-P.
Das ist eine Zusammenfassung einer Synode damals in den Niederlanden aus dem siebzehnten Jahrhundert. Und dieses Akronym TULIP, also auf Deutsch Tulpe, steht für folgende Begriffe: Das T für Total Depravity, also auf Deutsch „völlige Verdorbenheit“, das U für Unconditional Election, also bedingungslose Erwählung, L für Limited Atonement, also begrenzte Sühne, I für Irresistible Grace, also unwiderstehliche Gnade, und dann haben wir als Letztes noch das P für das Ausharren der Heiligen.
Wir wollen uns heute jeden dieser fünf Punkte mal kurz, also Betonung auf kurz, anschauen. Also eine Sache, die in der Geschichte zusammengefasst wurde: Wie rettet Gott Menschen?
Und ich möchte zu Beginn einige Dinge klarstellen. Diese fünf Punkte werden auch als Lehren der Gnade bezeichnet. Aber auch wenn sie als Lehren der Gnade bezeichnet werden, werden sie von vielen nicht als gnädig empfunden. Ich vermute, dass es auch einige unter uns gibt, die Einwände und Bedenken gegen diese Lehren der Gnade haben.
Mein Wunsch ist, dass du dich heute nicht vielleicht von deinen Einwänden, von deinen Bedenken abhalten lässt, sondern dass du bereit bist, auch einen neuen Blick auf diese Lehren der Gnade zu wagen.
Ein englischer Dichter aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert hat diese Lehren der Gnade einmal folgendermaßen beschrieben. Er hat gesagt: Diese Lehren sind grausam in den Formulierungen, aber voller Trost für den leidenden Einzelnen. Er hat gesagt, diese Lehren sind wie ein Lamm im Wolfskostüm, also wie ein Lamm, wie ein Schaf, wie etwas sehr Wohliges, etwas Angenehmes, aber in einer rauen Form.
Denn wenn ich die Worte, die ich eben so vorgelesen habe, also bedingungslose Erwählung, so höre, dann können sie auf den ersten Blick betrachtet eigentlich ziemlich knurrend, ziemlich zähnefletschend sein, vielleicht wie ein Wolf. Und ich denke, viele oder auch unzählige Christen haben entdeckt, dass sich unter dieser Haut von einem Wolf eigentlich die Sanftheit eines Lammes verbirgt.
Aber es gibt einige, die sehen in den Aussagen dieser Lehren der Gnade eben kein Lamm mehr, sondern sie sehen nur noch das Wolfskostüm. Oder manche sehen nur noch das Lamm. Aber ich denke, diese Lehren der Gnade haben tatsächlich beides: Sie haben das Potenzial, uns zu verletzen, und sie haben das Potenzial, uns zu trösten. Es ist beides.
Vorgehensweise und Blick auf die Dreieinigkeit
Aber ich habe gesagt: Diese Lehren der Gnade sind sicherlich auch kirchengeschichtlich herausgearbeitet worden. Doch mir geht es heute gar nicht darum, Kirchengeschichte zu verteidigen. Das ist gar nicht der Punkt. Vielmehr möchte ich aufzeigen, wie diese fünf Punkte ihren Ursprung in der Heiligen Schrift haben. Ich möchte nämlich biblische Wahrheiten verteidigen.
Meine Vorgehensweise wird folgendermaßen sein: Ihr habt das auf dem Handout. Ihr seht, dass ich dort fünf Zeilen habe, und diese fünf Punkte möchte ich dann durchgehen. Dazu habe ich jeweils vier oder fünf Unterpunkte, die ich ansprechen werde. Nämlich: Was ist die zentrale Frage, die in diesem Punkt bewegt wird? Was ist die biblische Antwort darauf? Was ist die Lehre, die damit abgelehnt wird? Und dann möchte ich auch zeigen, dass es Verzerrungen gibt, dass es vielleicht Strohmänner gibt, dass es vielleicht Vorstellungen von dieser Lehre gibt, die überzeichnet werden oder auch manchmal tatsächlich falsch angewendet werden. Darauf möchte ich ebenfalls eingehen.
Und wenn ihr einmal auf dieses Handout schaut, möchte ich euch noch auf etwas hinweisen. Ihr werdet feststellen, dass ich das dort ein wenig versteckt habe. Ich habe jetzt auch keine Fettmarkierungen in der eigentlichen Tabelle gemacht. Aber wenn ihr zum Beispiel bei der biblischen Antwort schaut und immer den ersten Buchstaben oder die ersten Buchstaben seht, dann stellt ihr fest: Errettung beginnt mit dem natürlichen Menschen, dann kommen Gott der Vater, Jesus Christus, der Sohn, der Heilige Geist, und dann kommt wieder die Gesamtheit von Gott, die Dreieinigkeit. Wir haben die Dreieinigkeit, die alle zusammen dazu beitragen, dass der Mensch gerettet wird. Ihm soll alle Ehre gehören.
Der Zustand des Menschen vor Gott
Vom missverständlichen Bild zur biblischen Diagnose
Beginnen wir damit, dass wir uns mit dem ersten Punkt, totale Verderbtheit, beschäftigen. Und ihr seht schon bei der Tabelle, was ich da gemacht habe: Ich habe das Wort total durchgestrichen und durch radikale ersetzt. Dazu möchte ich ganz kurz etwas sagen.
Also, der erste Punkt, das T: totale oder radikale Verderbtheit. Ich möchte damit beginnen, dass manche Menschen, wenn sie hören, dass der natürliche Mensch total verdorben ist oder radikal verdorben ist, denken: Der Mensch ist so schlecht, wie er sein könnte. Alle Sünder sind so verdorben, wie sie nur sein können, und nichts, was wir tun, kann in irgendeiner Weise gut sein oder irgendwie edel oder gütig.
Ich wundere mich gar nicht, wenn man diese Vorstellung von totaler Verderbtheit hat, dass man irgendwie ein Problem damit bekommt. Denn dann stellt man sich die Großmutter Hildegard vor, die nette, die nicht gläubig ist und die immer so fürsorglich ist, und man fragt sich: Das passt doch nicht mit der Lehre der totalen Verdorbenheit zusammen, oder? Es gibt Nichtchristen, die tatsächlich nett und freundlich sind. So total verdorben, das kann ich irgendwie nicht erkennen. Das ist doch nicht unsere tägliche Erfahrung, wie wir Nichtchristen wahrnehmen, oder?
Und das haben auch die Reformatoren damals erkannt, dass Sünder in ihrem gefallenen Zustand immer noch dazu in der Lage sind, etwas zu tun, das äußerlich tatsächlich dem Gesetz Gottes entspricht, dass gefallene Sünder eben nicht das Schlimmste sind, was sie sein können. Und dann stellt sich natürlich die Frage: Können wir tatsächlich nur von totaler Verderbtheit oder Verdorbenheit sprechen?
Ich habe das Wort total deshalb durchgestrichen, weil ich denke, dass es nicht ganz so hilfreich ist.
Radikale Verderbtheit als Wurzelproblem
Wenn wir an die schlimmsten Menschen denken, denkt man in Deutschland meistens an wen? Dann denkt man an Adolf Hitler, oder? Vermutlich war Adolf Hitler gegenüber seiner Mutter aber freundlich und nett, zumindest vielleicht zeitweise. Das kann man von Nero ja nicht sagen, der seine eigene Mutter umgebracht hat.
Aber das Schlimmste, was wir uns vorstellen können, würde uns Adolf Hitler wohl auch sagen: Er wird ebenfalls Phasen gehabt haben, in denen er freundlich und nett gewesen ist, zumindest zu bestimmten Menschen. Die Lehre der völligen Verderbtheit war jedoch nie dazu gedacht, völlige Verderbtheit so zu beschreiben, dass jeder Mensch das Böseste ist, was er sein kann. Deshalb habe ich das durchgestrichen und einen anderen Begriff hingeschrieben, nämlich radikale Verderbtheit.
Was soll damit zum Ausdruck gebracht werden? Statt zu behaupten, dass wir so schlimm sind, wie wir nur sein können, behauptet diese Lehre der radikalen Verderbtheit einfach, dass jeder Teil von uns von der Sünde betroffen ist. Was heißt radikal? Es heißt, von der Wurzel her betroffen zu sein. Das bedeutet: Der ganze Mensch ist von der Sünde betroffen.
Worum dreht es sich hier bei dieser ersten Frage? Die zentrale Frage lautet: Was ist der geistliche Zustand des natürlichen Menschen nach dem Sündenfall? Ist der Mensch lediglich eingeschränkt, also vielleicht nur ein bisschen behindert oder beeinträchtigt, auf Gott zuzugehen? Oder ist er völlig unfähig, auf Gott zuzugehen?
Man kann ganz kurz sagen: Ist der natürliche Mensch gesund und gut? Oder ist der natürliche Mensch krank? Oder ist der natürliche Mensch tot?
Ich denke, für uns ist klar, dass der Mensch nach dem Sündenfall nicht einfach mehr als gut zu bezeichnen ist. Das ist sicherlich klar. Aber womit wir meistens kämpfen, sind eigentlich diese zwei Möglichkeiten: Ist der natürliche Mensch in seinem Denken, in seinem Wollen, in seinem Handeln, in seinen Fähigkeiten, also auch in der Fähigkeit, überhaupt auf Gott zuzugehen, nur beeinträchtigt? Oder ist er unfähig?
Die biblische Antwort auf die geistliche Unfähigkeit
Was ist also meine nächste Frage? Was ist die biblische Antwort darauf?
Die Bibel lehrt meiner Meinung nach, und ich denke auch eindeutig und unmissverständlich, dass der natürliche Mensch geistlich tot ist. Denn die Konsequenz nach dem Sündenfall in 1. Mose 3 wird dort beschrieben: Der Tod ist eingetreten. Wir sprechen natürlich vom körperlichen Tod, und ich denke, das sehen wir alle. Unsere Haare werden grauer oder auch weniger, unsere Kräfte schwinden mit der Zeit, wir werden krank, und am Ende sterben wir.
Aber die Bibel sagt nicht nur, dass wir körperlich sterben werden, sondern auch, dass sich die Erbsünde, nämlich die Sünde von Adam und Eva damals, tatsächlich auf die ganze Menschheit ausgewirkt hat. Und wir können das nachlesen, nicht nur in 1. Mose 3, sondern auch in Römer 3. Dort steht eindeutig und klar: Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer.
Und dann geht es weiter, und wir kommen noch an eine andere Stelle, nämlich Epheser 2. Epheser 2, die Verse 1 bis 3, sind es wert, gelesen zu werden, weil sie die Frage beantworten: Ist der natürliche Mensch einfach nur beeinträchtigt, oder ist er tatsächlich unfähig und tot?
Wenn wir Epheser 2,1-3 lesen, lesen wir dort: Auch euch, die ihr tot wart durch Übertretungen und Sünden, in denen ihr einst gelebt habt nach dem Lauf dieser Welt, gemäß dem Fürsten, der in der Luft herrscht, dem Geist, der jetzt in den Söhnen des Ungehorsams wirkt. Unter ihnen führten auch wir alle einst unser Leben in den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken taten. Wir waren von Natur Kinder des Zorns, wie auch die anderen.
Wir werden hier übrigens nicht nur beschrieben, also unser vergangener Mensch wird nicht nur beschrieben als ein Toter, also man kann sagen: so ein toter Mensch, der noch herumgeistert, so ein Zombie ungefähr, sondern er wird auch beschrieben als ein Versklavter. Wir führten einst unser Leben in den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken taten. Menschen, die versklavt sind unter der Sünde. Und das ist, was hier gemeint wird: dass der Mensch total, also radikal verderbt ist. Das heißt, er ist gar nicht auf dem Weg, Gott zu suchen.
Und Römer 3, ich habe es vorhin übersprungen, aber Römer 3 sagt auch eindeutig: Da ist niemand, der nach Gott fragt.
Was diese Lehre verneint und warum sie tröstlich ist
Und diese Lehre bringt nicht nur zum Ausdruck, dass der natürliche Mensch in seinem ganzen Sein von der Sünde betroffen ist und daher nicht fähig ist, von sich aus zu Gott zu kommen, sondern sie lehnt damit auch gleichzeitig ab, dass der natürliche Mensch frei in seinem Willen sei, sich für Gott zu entscheiden.
Wir denken manchmal, dass der Wille des Menschen oder der Mensch von Natur aus einfach neutral ist. Aber der Wille ist eben nicht unberührt vom Sündenfall geblieben.
Ich möchte hier auch ganz klar deutlich machen: Es geht nicht darum, dass ich hier sagen würde, und die Bibel sagt das auch nicht, dass der Mensch seit dem Sündenfall keinen Willen mehr habe. Dass er sich nicht für manche Dinge entscheiden kann, darum geht es hier gar nicht. Hier geht es um die Frage, nicht ob der Mensch einen Willen hat. Das ist von der Bibel her unbestreitlich. Die Frage ist, ob dieser Wille das Richtige will.
Und die Schrift sagt uns zum Beispiel in Johannes 6,44, dass niemand zu Gott kommen will. Er kann es auch gar nicht, es sei denn, der Vater tut es. Der freie Mensch, der die freie Wahl hat, ist eigentlich gar nicht frei, weil er eigentlich seinen natürlichen sündhaften Neigungen folgt.
Der Wille, und das möchte ich klar machen, ist nicht ausgelöscht. Wir haben nach dem Sündenfall immer noch einen Willen. Aber dieser Wille ist moralisch unfähig, das Gute, nämlich Gott, zu wählen. Jonathan Edwards, von dem wir vorhin einiges gehört haben, unterscheidet deshalb zwischen der natürlichen Fähigkeit eines Menschen, nämlich entscheiden zu können, und der moralischen Fähigkeit, nämlich seiner Entscheidung eigentlich immer für das Böse zu wählen, also nicht Gott zu wählen.
Wir besitzen einen Willen, das tun wir, und wir haben die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, eben nicht verloren. Wir sind immer noch Geschöpfe im Bilde Gottes. Aber wir haben die Fähigkeit verloren, vollkommen rechtschaffen zu sein, auch in unserem Willen.
Ebenso wie Edwards ist auch Calvin nicht jemand, der diese Entscheidungsfähigkeit des Menschen leugnet. Calvin behauptete, dass wir in der Lage sind, zu wählen, was wir wollen. Er hielt sogar den Begriff des freien Willens für etwas hochtrabend. Er sagte, ich zitiere jetzt mal: Warum sollte eine so kleine Sache wie der freie Wille des Menschen mit einem so stolzen Titel gewürdigt werden?
Also, die Grundhaltung des nicht wiedergeborenen Menschen ist eigentlich die eines Flüchtlings, nämlich die von Gott weg. Und ich meine, das sagen uns die Schriftstellen, die ich hier angekündigt habe.
Und jetzt könnte man sagen: Na ja, aber was ist denn hier so nützlich an dieser Lehre? Diese Lehre ist doch zunächst mal zutiefst verletzend, oder sie spricht über den Menschen als nicht nur krank, sondern als tot. Also man kann ja eigentlich gar nicht schlimmer von sich denken, als was hier gesagt wird.
Und ich würde sagen, das ist eine heilsame und auch eine notwendige Lehre, an der wir festhalten sollen. Warum? Weil sie den Stolz des Menschen bricht und eigentlich Raum schafft für wahre Demut.
Wenn wir darüber nachdenken, dass Rettung allein vom Herrn ist, dann müssen wir hier beginnen. Denn hier beginnt nämlich die Gnade, weil wir gar nicht beim Menschen ansetzen können, weil der Mensch völlig unfähig ist, zu Gott zu kommen.
Es ist klar: Wenn wir hier diesen Punkt, diesen ersten Punkt, klar haben, dann müssen wir sagen, folgen die anderen Punkte eigentlich auch automatisch. Denn wenn der Mensch gar nicht anders kann, als zu Gott zu kommen, dann braucht es tatsächlich jemanden von außen, der kommt.
Und deshalb wäre es hier gerechtfertigt zu sagen: Rettung kommt allein vom Herrn. Es braucht ein Eingreifen von außen.
Gottes freie Erwählung und die Frage nach Gerechtigkeit
Von der Kapitulation zur souveränen Entscheidung
Ich denke, dieser erste Punkt bringt uns direkt weiter zum U, nämlich unconditional election, bedingungslose Erwählung.
Bedingungslose Erwählung, das hört sich für uns vielleicht an wie bedingungslose Kapitulation. Gerade in diesem Monat, ich meine, wir haben jetzt Mai 2025, ich weiß nicht, ob ihr das mitbekommen habt, aber vor 80 Jahren ist ja der Zweite Weltkrieg beendet worden, zumindest hier in Europa. Auf dem Schlachtschiff haben dann deutsche Generäle die deutsche totale bedingungslose Kapitulation erklärt.
Eine bedingungslose Kapitulation sieht ja so aus, dass eigentlich alle Verhandlungen abgeschlossen sind. Das heißt, die Verliererseite hat nicht mehr irgendetwas zu melden. Sie kann nicht sagen: Ich mache das, wenn du das machst. Sondern eigentlich sagt man, sie strecken ihre Waffen aus. Das ist bedingungslose Kapitulation. Der besiegte Feind gibt alles auf, kein Anspruch mehr, während der Sieger alles beanspruchen kann.
Und genau das trifft auch auf die Errettung von Menschen zu. Auch hier habe ich ein Wort durchgestrichen, dieses „Bedingungslose“, von dem ich ja gerade eigentlich gefeiert habe: völlige Kapitulation. Aber ein alternatives Wort wäre souveräne Erwählung statt bedingungslose Erwählung.
Ich möchte euch auch sagen, warum: weil nämlich souveräne Erwählung jetzt gar nicht unbedingt den Menschen im Blick hat, sondern tatsächlich Gottes Seite, Gottes Erwählung im Blick nimmt. Oder mit anderen Worten: Ich sage das Wort, das ihr vielleicht nicht hören wollt, aber darum geht es. Es geht um Prädestination, was so viel bedeutet wie Vorherbestimmung.
Ich würde sagen, jede Gemeinde hat irgendeine Form der Lehre von der Prädestination oder von der Vorherbestimmung entwickelt. Warum? Einfach deshalb, weil Vorherbestimmung tatsächlich ein biblischer Begriff ist. Er wird zum Beispiel in Epheser 1 oder in Römer 9 verwendet. Das heißt, Vorherbestimmung ist ein biblisches Wort, ein biblisches Konzept. Wir müssen also prüfen: Ist unser Verständnis von Vorherbestimmung ein biblisches Konzept?
Aber an dieser Lehre der Vorherbestimmung kommen wir eigentlich gar nicht vorbei. Das heißt also nicht die Frage: Lehrt die Bibel Prädestination? Die Frage ist vielmehr: Was genau lehrt die Bibel, oder was versteht sie darunter, wenn sie über Vorherbestimmung, Prädestination oder Erwählung nachdenkt?
Die biblische Grundlage der Erwählung
Und auch hier: Was ist eigentlich die zentrale Fragestellung bei diesem Punkt? Die zentrale Fragestellung gründet sich auf die Frage nach der Entscheidung Gottes, bestimmte Menschen zum Heil zu erwählen oder eben nicht. Und die Frage ist: Basiert diese Erwählung Gottes auf Gottes Vorherwissen menschlicher Entscheidungen, also darauf, dass Gott im Voraus erkennt, wer sich für ihn entscheidet? Oder ist diese Entscheidung Gottes, diese souveräne Erwählung Gottes, einzig und allein auf Gottes souveränen Ratschluss zurückzuführen, unabhängig von jeglichen vorhergesehenen Werken oder Glaubensakten der Menschen? Darin gründet sich die eigentliche Frage.
Diese Frage betrifft, würde ich sagen, das tiefste Verständnis von Gottes Wesen, nämlich seiner Souveränität, seiner Gnade und der Frage der Gerechtigkeit. Und das hat, denke ich, entscheidende Auswirkungen für unser Verständnis von Erlösung.
Und was ist die biblische Antwort darauf? Die Bibel lehrt klar, dass Gottes Erwählung allein auf seinem souveränen Willen und seiner freien Gnade beruht und nicht auf irgendwelchen vorhergesehenen menschlichen Reaktionen. Zentrale biblische Stellen möchte ich dazu vorlesen: Epheser 1,3-6. Dort schreibt der Apostel Paulus: Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jedem geistlichen Segen in den himmlischen Regionen in Christus, wie er uns in ihm auserwählt hat vor Grundlegung der Welt, damit wir heilig und tadellos vor ihm seien in Liebe. Er hat uns vorherbestimmt zur Sohnschaft für sich selbst durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob der Herrlichkeit seiner Gnade, mit der er uns begnadigt hat in dem Geliebten.
Und dieser Abschnitt betont, dass die Erwählung vor Grundlegung der Welt stattfand, also quasi in Gottes ewigem Ratschluss stattgefunden hat, nicht basierend auf irgendwelchen menschlichen Entscheidungen. Und diese Erwählung geschah nach dem Wohlgefallen seines Willens, also ist es ein Akt völliger göttlicher Freiheit, nicht menschlicher Leistung oder Vorhersehung von Menschen.
Aber eben, und das ist vielleicht auch wichtig, nicht ein Akt der Willkürlichkeit. Dass Gott nach dem Wohlgefallen seines Willens wählt, bedeutet eben nicht, dass seine Entscheidungen irgendwie launisch oder willkürlich sind. Eine willkürliche Entscheidung wird ja ohne jeglichen Grund getroffen, heute mal so, heute mal so. Wie als Eltern sind wir manchmal ein bisschen willkürlich, und das macht Erziehung für unsere Kinder manchmal so anstrengend, weil sie nicht wissen, wie reagiert der Papa jetzt. Und ich glaube, manche von uns haben genau diese Herausforderung mit der Frage: Wenn Gott souverän wählt, ist das ein bisschen so: Was macht der da oben eigentlich? Aber hier ist ganz klar: Gott ist nicht einfach willkürlich oder launisch, sondern handelt nach dem Wohlgefallen seines Willens, also so, wie es ihm entspricht.
Aber was hier zum Ausdruck gebracht wird, ist, dass der Grund nicht etwas ist, was Gott in uns findet, sondern in ihm zu finden ist, in ihm. Die Erwählung von uns ist nicht in uns zu sehen, sondern in ihm zu sehen.
Jakob und Esau als Beispiel für Gottes Freiheit
Und die zweite Stelle, um die es geht, ist Römer 9,10-18. Weil manche kämpfen und sagen, vielleicht ist jeder Mensch in Christus ausgewählt, so haben wir vorhin gelesen. Jetzt schauen wir mal, was Paulus damit macht in Römer 9,10-18.
Ich lese dort:
Als Rebekka von dem einen, unserem Vater Isaak, schwanger war, obwohl die Kinder noch nicht geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten, damit der gemäß der Erwählung gefasste Vorsatz Gottes bestehen bleibe, nicht aus Werken, sondern aus dem Berufenden, wurde zu ihr gesagt: Der Ältere wird dem Jüngeren dienen. Wie auch geschrieben steht: Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst.
Was sollen wir nun sagen? Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott? Das sei ferne! Denn er sagt zu Mose: Ich werde mich erbarmen, wessen ich mich erbarme, und werde Mitleid haben mit dem, über den ich mich erbarme. So liegt es nun nicht an dem Wollenden oder an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott. Denn die Schrift sagt zum Pharao: Eben hierzu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name verkündigt werde auf der ganzen Erde. Also: Über wen er will, erbarmt er sich, und wen er will, verhärtet er.
Paulus betont hier ausdrücklich, dass Gottes Erwählung eben nicht, wie vorhin auch schon, von Werken oder menschlichem Wollen abhängt, sondern allein von seinem souveränen Willen. Und was er hier macht, ist: Er wählt zwei Menschen aus, Isaaks Kinder, Jakob und Esau, vor ihrer Geburt. Und es ist spannend, dass Gott genau dieses Bruderpaar auswählt. Es sind nicht einfach nur Brüder, es sind Zwillinge.
Ich weiß nicht, ob sie eineiige Zwillinge waren, so vermute ich nicht, weil wir wissen ja, wie sie aussahen. Aber es sind Zwillinge, bei denen man sagen müsste: Das ist doch so etwas von gleich. Und Gott wählt diese zwei Personen, um deutlich zu machen: Nicht sie haben irgendetwas gemacht, es sind Brüder einer Familie, sie haben dieselben Eltern. Aber es liegt an Gott, wen er erwählt.
Gerechtigkeit, Gnade und die Grenze menschlicher Ansprüche
Und ich weiß, und hier kommt eigentlich ein Einwand, dass Leute sagen: Ja, aber damit habe ich echt Schwierigkeiten. Nämlich nicht nur mit der menschlichen Freiheit, sondern vor allen Dingen mit der Frage: Ist Gott eigentlich gerecht, wenn er das macht, wenn er einfach sagt, vor der Geburt: Jakob habe ich geliebt, Esau habe ich gehasst? Hier ist die Frage der Gerechtigkeit Gottes, die hier gestellt wird.
Und das Gute, finde ich, ist hier, dass Paulus tatsächlich auf diese Frage reagiert und eingeht. Na ja, tut er das wirklich? Ich bin mir gar nicht mehr so sicher. Aber Paulus sagt: Hier stellt die Frage: Was sollen wir nun sagen, ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott?
Jetzt denkst du dir: Super, jetzt beantwortet Paulus unsere Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Weil, wie kann das Gerechtigkeit Gottes sein? Du bist dabei, du bist nicht dabei. Wir haben drei Jungs, und die Frage der Gerechtigkeit ist immer da, oder? Ob etwas gleich ist. Aber sind alle gleich behandelt, haben alle gleich großes Zimmer, haben alle ... Genau, immer nach gleich. Also, es endet ja gar nicht, immer die Frage nach der Gerechtigkeit.
Und wir wissen selbst: Wenn wir unsere Kinder gleich behandeln, sind wir immer noch nicht gerecht gewesen. Aber wir haben manchmal den Anspruch, dass Gott jedem Menschen gegenüber gleich handeln muss, um gerecht zu sein.
Und jetzt kommt der Vorwurf, und Paulus reagiert darauf, sagt: Ist Gott denn jetzt ungerecht, ist bei ihm Ungerechtigkeit zu finden? Und ich finde es so schön, dass Paulus eben sagt: Hey, das sei ferne. Aber eigentlich wird die Frage, worin jetzt genau die Gerechtigkeit Gottes besteht, nicht wirklich beantwortet. Ich fühle mich hier wirklich in ganz guter Gesellschaft, nämlich in der Gesellschaft mit Apostel Paulus, die Frage nach der Gerechtigkeit uns gar nicht erklären zu müssen, worin sie jetzt genau bei Gott besteht.
Wir sind nicht diejenigen, und wir haben, glaube ich, heute noch was vom, oder war es gestern, vom Töpfer? Nein, gestern war es vom Töpfer und vom Ton gehört, aus dem Buch Jeremia. Was ist und was kommt? Paulus greift es wieder auf: Was hat eigentlich der Ton zum Töpfer zu sagen?
Wir stellen die Frage der Gerechtigkeit, und Paulus nimmt wahr, dass diese Frage gestellt wird. Aber er sagt: Wer sind wir, dass wir diese Frage stellen können?
Die Unterscheidung zwischen Gerechtigkeit und Gnade
Aber etwas sollten wir dennoch beachten: die Unterscheidung von Gerechtigkeit und Gnade. Gott schuldet niemandem Gnade. Gnade, die geschuldet wird, ist nämlich keine Gnade. Die Gerechtigkeit hat nicht dieselbe Verpflichtung wie die Gnade. Die Gerechtigkeit hat eine Verpflichtung, während die Gnade ihrem Wesen nach freiwillig und frei ist.
Es scheint dennoch oft so, als würde man fragen: Ist das fair, wenn Gott einem Menschen Gnade schenkt? Und wir sagen manchmal, dann müsste er doch dem anderen auch Gnade schenken. Unser Verständnis von Gerechtigkeit ist nämlich oft, dass Gott etwas tun muss. Aber gerade dieses Müsste ist dem biblischen Gnadenbegriff völlig fremd.
Die biblische Geschichte macht doch deutlich, dass Gott zwar nie ungerecht zu jemandem ist, aber eben nicht alle Menschen gleich behandelt. Was diese Lehre tatsächlich ablehnt, ist die Vorstellung, dass Gott in dem Menschen etwas vorhergesehen habe, was er tun werde, und dann gesagt habe: Dann werde ich mich dafür entscheiden, ihn zu erwählen oder nicht zu erwählen. Stattdessen ist es sein souveräner Wille gewesen, seine souveräne Entscheidung gewesen, vor Grundlegung der Welt. Und sie ist bedingungslos, also ohne Grund in uns zu finden.
Wenn wir das nämlich nicht so sehen, wenn wir sagen, Gott habe vorhergesehen, wie wir reagieren werden, und deshalb habe er sich entschieden, dann verlagern wir den Ursprung unserer Errettung, vielleicht unbewusst, aber doch von Gott hin zu einer menschlichen Entscheidung. Aber Glaube ist nicht die Ursache unserer Erwählung. Glaube ist das Ergebnis unserer Erwählung. Also noch einmal: Glaube ist nicht die Ursache unserer Erwählung, Glaube ist das Ergebnis unserer Erwählung von Gott.
Wenn Gott nur diejenigen erwählt, die er bereits als gläubig voraussieht, dann liegt die Grundlage der Erwählung im Menschen, in seinem zukünftigen Verhalten, und eben nicht allein bei Gott. Wir sagen ja, die Bibel sagt: Errettung ist allein beim Herrn. Oder Römer 9,16: So liegt es nicht an dem Wollen oder Laufen, sondern an dem begnadigenden Gott.
Gottes Erwählung ist nicht gerecht im Sinne von verdient, sondern gnädig und souverän. Und das bedeutet: Niemand wird aufgrund seiner eigenen Verdienste erwählt. Die Grundlage der Erwählung liegt nicht im Menschen, sondern allein in Gottes souveränem Willen. Erwählung ist Gnade und nicht Gerechtigkeit.
Eine wichtige Korrektur zum Gedanken der doppelten Prädestination
Und auf eine Verzerrung möchte ich aber noch eingehen, die ich, glaube ich, hier erwähnt habe. Nämlich: Gott erwähle Menschen willkürlich, das habe ich schon ein bisschen angesprochen, aber er verdamme Menschen in gleicher Weise. Manchmal kommt dann die Frage: Na ja, wenn Gott bestimmte Menschen zum Heil erwählt, dann hat er ja andere Menschen dazu vorherbestimmt, nicht zu glauben. Das heißt: Ist Gott nicht nur der Urheber davon, dass Menschen begnadigt werden? Ist nicht Gott auch der Urheber davon, dass Menschen verdammt werden?
Hier müssen wir aufpassen. Die Frage ist also nicht, ob die Vorherbestimmung doppelt ist, sondern die Frage ist, wie sie doppelt ist. Es gibt nämlich unterschiedliche Auffassungen von der doppelten Prädestination. Manche meinen: Genau auf dieselbe Art und Weise, wie Gott Menschen zum Heil erwählt, verdammt Gott auch Menschen auf genau die gleiche Art und Weise. Aber hier müssen wir aufpassen: Die Erwählung zum Heil und die Bestimmung zur Verdammnis sind nicht symmetrisch zu sehen. Es ist nicht wie ein exaktes Gleichgewicht. Gott handelt tatsächlich unterschiedlich, wenn er zum Heil erwählt und wenn er Menschen ihrer Sünde überlässt.
Man kann sagen: Gott verfügt positiv über die Erwählung der einen, und er verordnet negativ über die Verwerfung der anderen. Der Unterschied zwischen positiv und negativ bezieht sich nicht auf das Ergebnis, sondern auf die Art und Weise, wie Gott seine Entschlüsse verwirklicht. Die positive Seite bezieht sich auf Gottes aktives Eingreifen in das Leben der Auserwählten, um in ihrem Herzen Glauben zu wirken. Das Negative bezieht sich nicht darauf, dass Gott den Unglauben in den Menschen bewirkt, sondern einfach darauf, dass er an diesen Menschen vorübergeht und ihnen seine Gnade, seine erneuernde Gnade, vorenthält.
Gott ist nicht derjenige, der aktiv den Unglauben in ihnen weckt, sondern er geht an ihnen vorüber. Er hält seine Gnade zurück. Er ist nicht derjenige, der den Unglauben einpflanzt. Warum lehnen wir das ab? Weil sonst Gott zum Urheber der Sünde werden würde. Und deshalb müssen wir aufpassen, wenn wir darüber nachdenken. Gott ist derjenige, der zum Heil erwählt, das will ich damit gleichzeitig sagen. Und in genau derselben Art und Weise sorgt Gott dafür, dass Menschen verstockt sind: Er geht an ihnen vorüber.
Gott ist allen Menschen gegenüber gerecht, aber gewissen Menschen gegenüber gnädig. Warum ist das so wichtig? Weil damit klargemacht wird: Errettung ist allein beim Herrn. Errettung ist allein Gottes Werk, nicht unser Verdienst. Und was macht das, wenn nichts in uns zu finden ist? Wenn wir im Vergleich zu anderen Menschen nichts sagen können wie: Wir sind irgendwie der Grund dafür, dass ich vielleicht auch nur ein bisschen schlauer war, vielleicht auch nur ein bisschen reifer war, an Gott zu glauben, sondern dass es einzig und allein beim Herrn liegt, würde ich sagen, führt das zu Demut bei uns, und Gott bekommt die ganze Ehre.
Und ist das nicht tröstlich zu wissen? Dann muss ich nicht auf mein Leben gucken und sagen: Habe ich jetzt genug? Sondern ich weiß: Gott schaut auf seine Entscheidung zurück. Und das bringt uns zum dritten Punkt, nämlich zur limited atonement oder auf Deutsch: begrenzte, limited, begrenzte Sühne.
Das Werk Christi am Kreuz und seine Wirksamkeit
Warum Begrenzung hier Wert bedeutet
Ich vermute, hier sind wir an dem Punkt, an dem diese Lehre am häufigsten missverstanden wird. Und ich denke, einige, die diese Lehre vertreten, haben auch dazu beigetragen, nämlich indem sie dieses Begrenzte so besonders betont haben.
Ich denke, man kann das Gleiche zum Ausdruck bringen, wenn wir über persönliche Sühne nachdenken. Worüber reden wir hier? Eben haben wir über Gott, den Vater, gesprochen, der vor Grundlegung der Welt vorherbestimmt hat, welche Menschen erwählt werden und welche nicht. Hier geht es jetzt um das Werk von Jesus Christus, um Jesus Christus am Kreuz.
Trotzdem möchte ich noch einmal ganz kurz über dieses Limited, über das Begrenzte, nachdenken. Begrenzung klingt in unseren Ohren ja häufig negativ. Und ich möchte euch einladen, diesen Begriff noch einmal neu und auch positiv zu betrachten. Ich glaube, das kennen wir. Ich würde sagen, das kennen wir aus unserem ganz normalen Leben.
Es gibt immer Dinge, die sind begrenzt. Es gibt zum Beispiel eine Limited Edition, das kennt ihr vielleicht. Woher kennen wir das? Wir kennen das manchmal bei Nutella. Dann gibt es diese Limited Edition. Du weißt, die gibt es nur für eine kurze Zeit. Jetzt könntest du sagen: schlimm, oder die Sachen gibt es nur begrenzt.
Aber wenn es etwas nur begrenzt gibt, was macht das? Es steigert den Preis, es macht etwas wertvoll. Wir haben drei Jungs zu Hause, Lego-Freaks haben wir zu Hause. Wenn es gewisse Lego-Produkte gibt und sie gibt es nur ganz kurz, begrenzt, und die Stückzahl ist begrenzt, was weißt du dann? Wenn du das Ding hast, dieser Porsche 911 in Lego, dann ist das wertvoll. Limited Edition bedeutet wertvoll.
Und ich glaube, wenn wir jetzt über diesen Punkt nachdenken, Limited Edition, dann haben wir häufig den Eindruck, über etwas nachzudenken, was ein bisschen negativ ist. Etwas ist begrenzt. Und wir denken jetzt über den Tod von Jesus am Kreuz nach und denken: Das ist begrenzt. So wollen wir nicht über den Tod von Jesus nachdenken, über den Sühnetod von Jesus, dass er begrenzt ist, oder?
Aber wenn wir das jetzt in Verbindung bringen mit diesem Legostein: Der Tod von Jesus ist limited in dem Sinne einer Limited Edition. Das heißt, er ist nicht einfach begrenzt, sondern er ist für eine ganz bestimmte Gruppe total wertvoll. Lasst uns so über diese Frage nachdenken, nämlich dass Limited etwas Wertvolles ist. Aber es ist für mich trotzdem okay, dass wir sagen: Lasst uns das einfach hier persönliche Sühne nennen. Das ist für mich auch okay.
Für wen Christus gestorben ist
Aber worum geht es hier bei dieser Frage, worum geht es hier zentral? Es geht um den Tod von Jesus am Kreuz. Wie wirksam ist dieser Tod von Jesus? Ist der Tod von Jesus lediglich, und ich formuliere das jetzt einfach mal so, ein Angebot, oder ist dieser Tod von Jesus am Kreuz tatsächlich wirksam? Also: Ist es quasi ein Angebot zur Wirksamkeit, oder ist er tatsächlich wirksam?
Manche sagen: Für wen ist Christus jetzt tatsächlich gestorben, für alle oder nur für die Auserwählten? Aber ich denke, die Frage, die hier tiefer geht, ist: War es Gottes Ziel, das Heil, die Errettung, für alle Menschen lediglich möglich zu machen oder tatsächlich für die Auserwählten sicherzustellen? Das ist die Frage.
Also: Entweder für alle Menschen einfach möglich zu machen oder für die Auserwählten tatsächlich sicher zu machen. Das ist hier die entscheidende Frage. Was war nämlich Gottes Absicht, als er Jesus Christus, seinen Sohn, gesendet hat? Lediglich ein Angebot zu schaffen oder tatsächlich etwas umzusetzen, etwas zu vollbringen, etwas abzuschließen?
Biblische Zeugnisse für die besondere Zielrichtung des Opfers
Was ist die biblische Antwort darauf? Nämlich, dass durch die Taten der Dreieinigkeit, also der Erwählung, der Erlösung und der Berufung, ganz bestimmte Menschen unfehlbar und unwiderruflich gerettet werden. Die alternative Sicht trennt diese Handlungen voneinander. Sie macht die Erwählung, die Erlösung und die Berufung voneinander getrennt und macht den Menschen damit zum entscheidenden Faktor bei seiner Errettung.
Lass uns kurz nachdenken. Ich denke, worin viele von uns übereinstimmen, ist, dass der Wert des Sühneopfers von Christus unbegrenzt ist, dass Christus am Kreuz gestorben ist und dass sein Blut ausreichend für die ganze Welt ist. Aber die Wirkung dieses Blutes, die Wirkung dieser Sühne am Kreuz, wird tatsächlich beschränkt auf eine ganz bestimmte auserwählte Gruppe. Also werden hier der Wert und die Wirksamkeit unterschieden.
Die reformierte Theologie betont, dass das Sühneopfer von Christus objektiv unendlich genug ist, um die Sünden der ganzen Welt zu decken. Lest zum Beispiel 1. Johannes 2,2. Dort steht: Und er ist die Sühne für unsere Sünden, nicht allein für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. Also zeigt dieses Wort, denke ich, nicht, dass hier Allversöhnung gelehrt wird. Das ist hier heute nicht gerade unser Thema. Aber hier gilt: Der Tod von Jesus reicht aus, das Opfer reicht aus, es ist für alle Menschen genug, um deren Schuld zu sühnen. Unerschöpflich, umfassend, gar keine Frage. Der Wert von Jesu Tod am Kreuz ist unbegrenzt und vollkommen genügend, objektiv.
Die Wirksamkeit ist eine andere Frage. Wer profitiert tatsächlich vom Tod von Jesus? Johannes 10,14-15: Dort sagt Jesus: Ich bin der gute Hirte, ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, und ich gebe mein Leben für die Schafe. Also zeigte Jesus, dass sein Leben speziell für seine Schafe hingegeben worden ist und eben nicht für die Böcke, also für die, die zu ihm gehören, die Auserwählten, eine ganz bestimmte Zielgruppe.
Oder Johannes 17,9. Das ist das hohepriesterliche Gebet von Jesus. Und dort sagt er: Ich bitte für sie, nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, die du mir gegeben hast, denn sie sind dein. Also sagt Jesus hier explizit noch einmal: die, die du mir gegeben hast. Man kann sagen, die Jesus sich auch erkauft hat.
Oder Epheser 5,25, das kennen wir von den Hochzeiten her. Dort steht: Wie auch der Christus die Gemeinde geliebt hat und sich selbst für sie hingegeben hat. Also wird der Tod von Jesus hier als Akt der Liebe speziell für die Gemeinde beschrieben, die aus den Auserwählten besteht. Sein Opfer hat also ein ganz bestimmtes Ziel: das Heil und die Heiligung seiner Gemeinde.
Und so könnten wir weitergehen, Hebräer 9,28. Auch noch einmal eine Stelle, dass Christus sich zwar einmalig für viele geopfert hat, aber eben nicht für alle.
Der Wert des Kreuzes und die Frage nach der Wirksamkeit
Und die Frage ist: Welche Art von Errettung wäre es, wenn der Tod von Jesus nur eine Errettung möglich macht, sie aber nicht tatsächlich auch sichert? Das ist hier die Frage.
Stellen wir uns das einmal so vor: Du hast einen Freund, und dein Freund hat etwas verbockt. Er steht gewissermaßen vor Gericht, weil er vor dem Gesetz schuldig geworden ist. Er wird verurteilt, und ihm wird eine Kaution auferlegt. Weil er aber nicht genug Geld hat, um das zu bezahlen, und du sein Freund bist, gehst du hin und zahlst das Lösegeld. Du bezahlst den Preis, um ihn freizukaufen. Du machst es möglich, dass dein Freund aus dem Gefängnis kommt.
Und dann gehst du nach Hause, und deine Frau fragt dich oder dein Mann, wie auch immer: Wo ist eigentlich dein Freund? Und du sagst: Na ja, er ist im Gefängnis. Dann fragt sie zurück: Aber du hast ihn doch freigekauft, oder? Stell dir vor, du würdest sagen: Ja, ich habe das Geld bezahlt, aber er ist immer noch im Gefängnis. Ich habe ihn nicht herausbekommen.
Gewissermaßen ist es so, wenn wir über den Tod von Jesus nachdenken. Das Lösegeld von Jesus ist bezahlt, aber es gibt Leute, die noch im Gefängnis sind. Woran liegt das?
Wir müssen aufpassen, wenn wir über den Tod von Jesus nachdenken. Der Tod von Jesus ist unbegrenzt in seinem Wert, aber in seiner tatsächlichen Wirksamkeit ist er natürlich nur für die, die tatsächlich auserwählt sind und die dann auch rettend glauben.
Klar, hier haben wir vielleicht noch diese Frage: In manchen Bibelstellen steht doch, dass Gott es will, dass alle Menschen gerettet werden. Oder wir haben auch ein paar Stellen, wo dann steht, dass sich Christus für alle geopfert hat. Und wir sollten hier auch aufpassen, wenn es um den Begriff alle geht, dass wir jetzt nicht meinen, jeder einzelne Mensch sei gemeint. Christus ist nicht für jeden einzelnen Menschen gestorben, sondern wir müssen diesen Begriff alle auch verschieden deuten.
Wenn ich zum Beispiel sage, also eben nach dem letzten Vortrag: Wir sagen, es gehen jetzt alle Mittagessen nach diesem Vortrag, dann ist klar, dann gehen nicht alle. Dann geht nicht jeder Mensch auf der ganzen Welt gerade Mittagessen, sondern konkret wir hier, die jetzt hier in dem Vortrag waren. Also wir verwenden diesen Begriff alle ja auch immer in einem ganz bestimmten Kontext, wo dann Menschen einbezogen werden, oder wir verwenden ihn allgemein, meinen aber gar nicht jeden Einzelnen. Da müssen wir ein bisschen aufpassen, worum jetzt hier mit dem Begriff alle gemeint ist, eigentlich konkret.
Oder wir haben hier natürlich die Frage: Ich habe es vorher kurz angesprochen, Gott will, dass alle Menschen gerettet werden. Da haben wir ein paar Bibelstellen, 1. Timotheus 2,6 usw. Wie bringen wir das damit überein, dass tatsächlich nicht alle gerettet werden?
Ich denke, da hilft es, darüber nachzudenken, dass Gott einen geoffenbarten Willen hat, den er uns bekannt macht. Er will, dass alle Menschen gerettet werden; das ist der Auftrag an uns. Und auf der anderen Seite hat Gott einen geheimen, einen souveränen Willen, nämlich den, der sich tatsächlich in dieser Welt umsetzt, also das, was in dieser Welt geschieht. Den kennen wir nicht, den wissen wir nicht. Und darin ist eingeschlossen, dass er manchen Menschen gegenüber gnädig ist und andere übergeht.
Also was wir ablehnen, ist, dass das Opfer von Jesus ein wertloses Opfer ist. Stellt euch vor, Christus stirbt am Kreuz, hypothetisch, und keiner nimmt dieses Angebot der Befreiung, der Vergebung, an. Dann wäre ja der Tod von Jesus wertlos gewesen. Und damit der Tod von Jesus nicht umsonst ist, müssen wir sagen, dass Jesus speziell für die Auserwählten gestorben ist.
Und John Owen, ein Puritaner, hat gesagt: Wenn Jesus für alle Sünden gestorben ist, dann ist er ja auch sogar für den Unglauben gestorben. Und dann wäre niemand mehr verloren. Wenn er aber nicht nur für den Unglauben gestorben ist, dann hat er eben nicht für alle Sünden bezahlt. Es bleibt also eigentlich nur eine Option: Jesus starb für die Sünden der Auserwählten und für sie vollständig.
Jetzt denkt hier wirklich dieses Begrenzte mit. Und weil das so ist, ist der Tod von Jesus nicht nur deshalb so wertvoll, weil er so weit reicht und für alle Menschen da wäre, sondern von der Wirksamkeit her ist er auf die Auserwählten begrenzt. Und damit ist dieser Wert viel erhöhter und für uns viel, viel wertvoller.
Evangelisation ohne Einschränkung und die Sicherheit des Kreuzes
Wir müssen aber jetzt aufpassen, und da gibt es sicherlich manche, die jetzt den Karren vor die Pferde spannen und sagen: Okay, was heißt das jetzt für die Evangelisation? Erst nur, wenn ich bei Menschen sehe, dass sie Anzeichen von irgendeiner Erwählung aufzeigen, dann bin ich bereit, auch das Evangelium zu erklären. Also quasi: Wir gehen auf Zehenspitzen unterwegs und gucken, weil wir ja nicht den Leuten sagen wollen: Christus ist für dich gestorben.
Aber wenn wir die Apostel beobachten, was sie in der Apostelgeschichte gemacht haben, dann sehen wir, dass sie das Evangelium ohne Unterschied verkündeten und natürlich erst im Nachhinein erkannt haben, wer von dieser Menge zum ewigen Leben bestimmt war, weil diese Auserwählten glaubten. Das ist Apostelgeschichte 13,48.
Es liegt daher niemandem fern, die begrenzte Sühne als Grund dafür zu nehmen, zu sagen: Oh, der kostbare Wert vom Blut von Jesus Christus oder das weltweite Angebot dieses Blutes quasi einzuschränken und zu sagen: Ich darf dir nicht sagen, dass Christus für dich gestorben ist.
Wir müssen aufpassen, dass wir jetzt hier nicht gesetzlich werden, aber dass wir sagen: Wirksam gestorben ist Jesus Christus tatsächlich für die Auserwählten. Und warum ist das so wichtig? Weil das uns deutlich macht: Christus hat, als er am Kreuz gestorben ist, tatsächlich gerettet. Er hat nicht Errettung nur möglich gemacht. Das Kreuz ist wirksam, nicht nur hypothetisch. Und das gibt uns die Sicherheit: Wer durch Christus erlöst ist, der wird auch wirklich erlöst. Vollständig und ewig.
Ich habe gedacht, wenn ich schon in der Spurgeon-Halle bin, dann sollte ich mindestens einmal zitieren. Und Spurgeon sagt: Wir sagen, Christus ist so gestorben, dass er unfehlbar das Heil einer Menge gesichert hat, die kein Mensch zählen kann. Deswegen: Es ist so weit, kein Mensch kann es zählen. Aber sie werden nicht nur gerettet werden können, das sagt Spurgeon, sondern sie werden gerettet. Und das ist ein Riesenunterschied.
Ich glaube, es ist für uns eine so tröstliche Botschaft, dass der Tod von Jesus am Kreuz nicht nur deine Errettung ermöglicht, sondern deine Errettung sichert. Das ist der Punkt der limited atonement: Sie sichert. Und deshalb kann Christus am Kreuz sagen: Es ist vollbracht, es ist vollbracht.
Und deshalb kann dann Offenbarung 5,9 sagen: Ich habe mit meinem Blut Männer für Gott erkauft oder Menschen für Gott erkauft, von jedem Stamm, von jeder Sprache, von jedem Volk, jeder Nation. Christus oder Gott hat dem Christus nicht nur 999 Schritte auf dich zugemacht, sondern er hat tatsächlich sichergestellt, dass du auch diesen letzten Schritt auf ihn zumachen wirst. Das ist ein echt wichtiger Punkt.
Die wirksame Gnade des Heiligen Geistes
Das bringt uns nämlich zum nächsten Punkt, nämlich zur Frage der unwiderstehlichen Gnade, oder auch, wie es manchmal besser verstanden wird, der wirksamen Gnade.
Kritiker denken gerade bei diesem Punkt oft nach, oder sie hören es zumindest so: Wenn wir sagen müssen, die Gnade ist unwiderstehlich, dann klingt das auch nicht gerade positiv. Warum? Woran denken wir dabei?
Wir denken dann vielleicht an ein Puppentheater oder an Marionetten, die einfach geführt werden. Menschen folgen dabei irgendeiner Spur. Und dieses Bild haben Sie dann vielleicht von Gott im Kopf, wenn Sie von unwiderstehlicher Gnade hören.
Aber lassen Sie sich auch auf eine andere Weise über diese Frage nachdenken, nämlich über wirksame Gnade: also über Gnade, die das bewirkt, was Gott tatsächlich beabsichtigt hat.
Die Wiedergeburt als Werk Gottes
Was ist die zentrale Frage, die hier gestellt wird? Hier ist die zentrale Frage: Welche Rolle, und jetzt kommen wir zu dieser dritten Person der Dreieinigkeit, hat der Heilige Geist bei der Wiedergeburt? Was macht der Heilige Geist eigentlich, wenn er die Wiedergeburt schafft? Oder wie wirkt der Mensch mit?
Wir haben hier zwei Begriffe, die ich hier aufgelistet habe: Synergismus oder Monergismus. Die Frage ist: Mono, also alleine, oder Syn, also mit? Arbeitet der Mensch bei seiner Wiedergeburt mit, oder ist es etwas, das eigentlich Neuschöpfung ist, die Gott alleine macht, nämlich die Wiedergeburt?
Und was ist die biblische Antwort? Dass der Heilige Geist die Wiedergeburt im Menschen bewirkt, so dass er glauben kann, glauben will und auch definitiv glauben wird. Das heißt, die Wiedergeburt verändert uns und schenkt uns dann den Glauben.
Hier muss ich jetzt noch ganz persönlich bekennen: Ich erinnere mich, dass ich in meinem eigenen Theologiestudium saß. Ich war damals versucht, meine Hand im Unterricht aufzustrecken und den Dozenten an der Frage zu korrigieren, weil er nämlich aufgelistet und gesagt hat, da war die Frage: Wiedergeburt kommt vor dem Glauben. Das war diese Frage damals.
Und ich habe so gedacht: Das war jetzt einfach wahrscheinlich, hat er einfach beim Vorbereiten in der Präsentation einen Fehler gemacht und wollte eigentlich andersherum schreiben: Wir glauben, und dann schenkt Gott die Wiedergeburt. Und ich wollte mich eigentlich schon melden. Aber dann fing er an zu erklären, wie das da zusammenhängt, und ich dachte: Gut, dass ich meine Hand unten gehalten habe, das wäre peinlich geworden.
Aber genau um diese Frage geht es hier. Die Frage ist nämlich: Ist es verändernde Gnade oder ist es vorauseilende Gnade? Das ist der Unterschied, über den wir hier nachdenken.
Gnade, die den Willen befreit
Die Bibel lehrt nämlich, dass die Wiedergeburt ein souveränes Werk Gottes ist und der Heilige Geist sie allein in uns bewirkt, ohne vorherige Mitwirkung des Menschen. Und ich meine, das hat halt so etwas wie eine Geburt an sich, oder? Dass das so geschieht. Keiner hat sich irgendwie ausgesucht, geboren zu werden, auch nicht, in welcher Familie und so; das ist nicht unser Thema gewesen.
Genau das haben wir hier. Die Gnade ist nicht bloß ein Angebot, sondern ein wirksames Handeln Gottes, das das Herz des Sünders verändert. Und durch diese verändernde Gnade kann, will und wird auch der Mensch glauben. Der Glaube ist das Ergebnis und nicht die Voraussetzung der Wiedergeburt.
Johannes 6,37. Dort sagt Jesus: Alles, was mir der Vater gibt, das wird zu mir kommen. Das ist garantiert. Römer 8, die goldene Kette: Die er aber berufen hat, die hat er auch gerechtfertigt. Gott, wenn er jemanden berufen hat, dann macht er das Ding bis zum Ende. Epheser 2,8-10 endet dann mit: Aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben, und das nicht aus euch; Gottes Gabe ist es.
Die Gnade Gottes, die die Wiedergeburt schafft, sie ist monergistisch. Gott allein wirkt es in uns. Warum ist das notwendig? Zum Punkt eins zurück: Der natürliche Mensch ist geistlich tot. Er fragt nicht nach Gott. Er braucht von außen. Er muss verändert werden, damit er überhaupt glauben kann. Er braucht eine Neugeburt, bevor er glauben kann. Die Wiedergeburt geht dem Glauben voraus.
Was diese Gnade nicht ist und warum sie Hoffnung gibt
Und was lehnt diese Lehre damit ab? Die Vorstellung, dass der Heilige Geist lediglich das Herz so vorbereitet, dass es dem Menschen möglich ist zu glauben. Das heißt, dann liegt es immer noch am Menschen, ob er glauben will oder nicht. Und falls er glaubt, folgt dann die Wiedergeburt. Das nennt man häufig die vorauseilende Gnade.
Aber hier geht es darum, dass diese rettende Wirkung der Gnade erst durch die Entscheidung des Menschen zustande kommt. Und wir sind immer noch in der großen Frage sola gratia, aus Gnade allein, und diese Gnade bewirkt die Errettung in uns. Wir, die wir tot sind in unseren Sünden, sollten irgendwie uns selbst für Gott entscheiden. Das sei ferne, würde Paulus sagen. Und damit würde die Gnade letztlich von der freien Entscheidung des Menschen abhängig gemacht und eben nicht von Gott.
Aber bitte auch hier nicht missverstehen: Wenn wir jetzt über unwiderstehliche Gnade sprechen, ich denke, wirksame Gnade wäre ja passender, dann sollen wir nicht denken, der Wille des Menschen sei völlig ausgeschaltet. Um den geht es hier gar nicht. Der Mensch ist nicht wie eine leere Hülle oder wie eine Puppe, in die dann Gottes Hände hineingreifen. Nein, was wir hier haben, ist, dass Gott den Willen, unser Wollen und das Vollbringen schenkt. Der Wille des Menschen wird befreit von der Knechtschaft der Sünde und neu ausgerichtet auf Gott. Das ist, was Gott tut.
Ich glaube auch, dass das eine Botschaft von ganz großem Trost und großer Hoffnung ist. Sie zeigt uns, dass unsere Errettung nicht von der Stärke unseres Glaubens oder unserer Entscheidungskraft abhängt, sondern von Gottes souveräner Gnade. Niemand ist zu weit von Gott entfernt, dass er nicht durch den Heiligen Geist zum Glauben erweckt werden könnte.
Ist das nicht eine tröstliche Botschaft für uns alle, die wir glauben? Da draußen ist jemand, den wir so sehr lieben, der zu unserer Familie gehört, der mit uns befreundet ist, und wir würden uns so sehr wünschen, dass wir die Ewigkeit mit dieser Person verbringen. Aber wir sehen bei diesen Menschen keine Anzeichen von Umkehr, von der Suche nach Gott. Wisst ihr, was wir wissen dürfen, wenn Gott jemanden ruft? Dann wird er ihn auch zu sich ziehen.
Und deshalb ist das eine tröstliche Botschaft und ich würde sagen auch eine Ermutigung für jedes Gebet. Warum würde es sich sonst lohnen zu beten, wenn wir nicht wüssten, dass Gott tatsächlich nicht nur will, sondern auch kann? Und das ist, was dieser Punkt bedeutet, nämlich wirksame Gnade. Gott tut, was wir niemals tun könnten. Er schenkt uns neues Leben, einen neuen Willen. Diese Neugeburt, diese Wiedergeburt sorgt dafür, dass wir an Gott glauben.
Die Bewahrung der Glaubenden bis zum Ende
Das bringt uns dann zum allerletzten Punkt, zum P, nämlich zur Bewahrung. Ich habe es zunächst als das Ausharren der Gläubigen formuliert, also als die Beharrlichkeit oder die Lehre vom Ausharren der Gläubigen oder der Heiligen.
Ich denke jedoch, dass auch dieser Begriff etwas irreführend ist, weil er den Eindruck erweckt, dass das Bleiben im Glauben und der Gehorsam allein durch den Gläubigen selbst erreicht werden könnte, also durch das Ausharren der Gläubigen. Es ist zwar richtig, dass der Gläubige im Glauben beharrt und in der Frömmigkeit bleibt, aber ich habe es deshalb umformuliert mit Bewahrung der Gläubigen, weil wir hier auch diesen passiven Gedanken mit drin haben. Nicht nur der Mensch ist beharrlich, sondern er wird beharrlich gemacht. Er wird bewahrt.
Wir halten durch, weil wir von Gott bewahrt werden. Wenn wir uns nämlich selbst überlassen würden, bliebe keiner von uns durch. Nur weil wir durch die Gnade Gottes bewahrt werden, sind wir überhaupt in der Lage, durchzuhalten.
Die Frage nach der Treue Gottes
Hier ist die ultimative Frage, die zentrale Frage: Wessen Treue sorgt letztlich dafür, dass ein Christ bis zum Ende seines Lebens dranbleibt? Manche würden sagen: Können wiedergeborene Christen ihr Heil verlieren, oder wird jeder, der wahrhaft gläubig ist, von Gott bis ans Ende bewahrt werden? Was ist die biblische Antwort darauf?
Gottes Treue besteht in der unaufhebbaren Verheißung des Heils und dem beständigen Wirken des Heiligen Geistes in den Erwählten. Denn die Bibel lehrt, dass diejenigen, die wahrhaft gerettet sind, von Gott auch bis ans Ende bewahrt werden. Und diese Bewahrung ist nicht in erster Linie eine eigene Leistung des Gläubigen, sondern ein Werk der göttlichen Gnade in uns.
Diese sogenannte Beharrlichkeit oder Bewahrung der Gläubigen bedeutet, dass Christen im Glauben bleiben. Warum? Weil Gott sie im Glauben bewahrt. Jesus sagt unmissverständlich in Johannes 6,39: Und das ist der Wille des Vaters, der mich gesandt hat, dass ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern dass ich es auferwecke am letzten Tag.
Oder was sagt er noch? Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir nach. Ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden in Ewigkeit nicht verloren gehen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Johannes 10,27-28.
Und das ist eigentlich nur konsequent von den Punkten vorher, weil, wenn Gott ein Werk angefangen hat, ich meine Römer 8 mit der goldenen Kette, die Verse 29 und 30 bringen es zum Ausdruck: Wenn Gott etwas bestimmt hat vor Grundlegung der Welt, wird er auch dafür sorgen, dass es bis zum Ende geschehen wird. Oder Philipper 1,6: Der das gute Werk in euch angefangen hat, der wird es auch vollenden.
Unsere Erlösung umfasst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie begann in der Ewigkeit, sie wirkt in der Gegenwart und wird vollendet in der zukünftigen Herrlichkeit.
Warnung vor Missverständnissen und Zuspruch der Heilsgewissheit
Und ich weiß, jetzt gibt es manchmal diese Sprüche: einmal gerettet, immer gerettet. Und ich finde, solche Redewendungen sind ja auch schon sehr hilfreich, oder sie sind auch manchmal sehr tröstlich. Einmal gerettet, immer gerettet klingt ja auch echt gut. Ich denke, sie kann helfen, und wir sollten uns an biblische Wahrheiten auch immer wieder erinnern. Aber sie haben auch die Gefahr, dass sie manchmal verkürzt werden oder falsch angewendet werden.
Wenn sie so angewendet wird, einmal gerettet, immer gerettet, und wir dann sagen: who cares, wir können passiv bleiben und gleichgültig, spielt alles keine Rolle, weil ich mich ja mal irgendwann für Christus entschieden habe. Auf der einen Seite haben wir diese Zusicherung Gottes: Niemand kann seine Schafe aus seiner Hand reißen. Aber gleichzeitig warnt Jesus selbst immer wieder: Nur wer bis ans Ende ausharrt, der wird gerettet werden. Matthäus 10,22.
Stellt euch vor, die Apostel damals, als die Menschen in der Apostelgeschichte zum Glauben kamen: Was haben sie denn zu den Neubekehrten gesagt? War ihre Botschaft: Hey, super, ihr seid zum Glauben gekommen, und jetzt ist klar, ihr kommt auf jeden Fall in den Himmel? Ist das so die Art und Weise, wie sie unterwegs gewesen sind? Apostelgeschichte 13,43.
Stattdessen ermahnten sie sie, beharrlich bei der Gnade Gottes zu bleiben. Und Paulus warnt immer wieder davor. Der Hebräerbrief ist ein Beispiel dafür, aber auch an anderen Stellen, zum Beispiel 1. Thessalonicher 3,5 oder Römer 11, vor dem Abfall.
Ich glaube, es wäre eine Verzerrung, wenn wir glauben würden, die Beharrlichkeit oder das Ausharren der Heiligen oder die Bewahrung der Heiligen würde bedeuten: Jetzt haben wir als Christen einen Freifahrtschein. Jetzt können wir machen, was wir wollen. Wir haben einmal ein Übergabegebet gesprochen, sind einmal nach vorne zum Altar gekommen, haben unser Leben Jesus übergeben, unser Herz Jesus übergeben, wir haben einmal die Hand gehoben bei einer Evangelisation, und meinen jetzt, unser Leben sei abgeschlossen, und wir können das Ding jetzt einfach bis zum Ende schaukeln.
Es kommt gar nicht so entscheidend darauf an, wann jemand eine Bekehrung erlebt hat, sondern die Frage ist, ob der Glaube jetzt lebendig ist. Echter Glaube bleibt nämlich dran. Und es wäre eine Verzerrung zu sagen, einmal gerettet, immer gerettet würde bedeuten: Es spielt keine Rolle, was ich tue.
Wer die Gnade Gottes nämlich wirklich empfangen hat, lebt in Umkehr und Vertrauen. Wer aber hingegen gleichgültig ist und meint, das christliche Leben sei nur ein einmaliger Akt in der Vergangenheit gewesen, nämlich die Bekehrung, und wenn man dann ein Leben oder erzähl mal was aus dem Leben mit Gott, wie immer nur zurückgehen und sagen kann: Ja, vor zwanzig Jahren habe ich mich bekehrt, dann ist die spannende Frage: Sind wir eigentlich wirklich gerettet? Vielleicht hat nie wirklich eine Rettung stattgefunden, und wir hätten nie rettenden Glauben gehabt.
Aber wir sollten auch nicht meinen, dass wir, nur weil wir gerettet sind, niemals straucheln werden. Was wir wissen dürfen, ist, dass Gott uns niemals fallen lässt. Ich finde, die Geschichte von Petrus, die uns in den Evangelien berichtet wird, vor der Kreuzigung von Jesus und nachher, veranschaulicht sehr schön, wie Jesus ihm begegnet und sagt: Und Jesus weiß ganz genau, was geschehen wird. Er sagt: Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhört.
All die Dinge, die dann geschehen: Petrus verleugnet Jesus, aber Jesus selbst bringt diesen Petrus wieder zurück.
Bild der bewahrenden Hand Gottes
Eine Analogie, die das, finde ich, so schön zum Ausdruck bringt: Ein Kind geht mit seinem Vater einen gefährlichen Weg. Es erlebt Herausforderungen und Kämpfe. Es kann sein, dass das Kind die Hand des Vaters loslässt, aber der Vater ist es, der festhält.
Ich finde, Psalm 73 bringt das so schön zum Ausdruck. Psalm 73 endet so: Ich aber halte mich zu dir; denn du hältst mich an deiner rechten Hand. Wir halten an Gott fest, warum? Weil er an uns festhält. Und ich finde diese Lehre so tröstlich und so sichernd, so zusichernd, dass unser Heil nicht einmal von unserer zukünftigen Leistung abhängig ist.
Nicht nur, wenn wir zurückgucken, was wir alles getan haben, sondern auch, wenn ich an mich denke und daran, wozu ich fähig bin, und daran denke, ob ich jemals durchhalten werde, dann schaue ich auf mich. Aber wisst ihr: Diese fünf Punkte, sie beginnen tatsächlich bei mir, sie beginnen tatsächlich bei mir. Und ich sage: Ich kann gar nicht so schlecht denken. Ich kann nicht schlecht genug denken. Ich kann nicht schlecht genug von mir denken.
Aber dann wenden wir den Blick dahin zu Gott und sagen: Er hat nicht etwas in uns gesehen, was gut wäre, damit er sagen würde: Jetzt entscheide ich mich für Boris, damit er dazugehört. Sondern er ist diesen ganzen Weg gegangen. Er ist nicht nur die 999 Schritte gegangen, er ist die tausend Schritte gegangen, um wirklich zuzusichern, dass wir tatsächlich auch dort ankommen, wozu er uns bestimmt hat.
Das ist eine Befreiung, auch von einer lähmenden Angst: Werde ich noch dazugehören? Es gibt sogar die Gewissheit, und ich denke, Heilsgewissheit trägt auch dazu bei, Gott treuer nachzufolgen, mit mehr Freude nachzufolgen.
Wenn wir kämpfen, wenn wir auch damit kämpfen, mit Zweifel oder auch mit Sünde, und den Vers haben wir eben auch gehört, dann dürfen wir daran erinnert werden: 1. Johannes 4,4. Und wir gucken auf uns und sagen: Wir schaffen es nicht. Die Erinnerung lautet: Der, der in euch ist, der Heilige Geist, der ist größer als der, der in der Welt ist.
Und gleichzeitig ermahnt uns das zur aktiven Nachfolge, denn echter Glaube zeigt sich im Ausharren.
Schlussgedanken und Gebet
Und ihr kennt sicherlich alle das bekannte Lied Amazing Grace, und damit möchte ich enden.
Ich habe extra noch einmal im Deutschen nachgeguckt. Ich denke, im Deutschen fehlt diese Strophe, oder sie wird nicht genau so übersetzt. Aber im Englischen haben wir eine Strophe, die so geht: Die Gnade, die uns bis hierher gebracht hat, diese Gnade wird uns auch nach Hause führen.
Und das sind die Lehren der Gnade, die vielleicht in diesen fünf Punkten ein bisschen in einem Wolfskostüm rüberkommen. Weil sie vielleicht verletzlich sind, weil sie vielleicht so bedingungslos, so völlig, so radikal, so unwiderstehlich sind. Aber ich hoffe, dass wir dahinter oder darin jetzt vielleicht das Wollige, das Warme, das Gemütliche, das Tröstliche eines Schafes, eines Lammes, spüren.
Und so hoffe ich und bete ich, und das möchte ich jetzt zum Schluss tun, dass wir neu diese Schönheit und die Tiefe begreifen: dass Heil allein vom Herrn kommt.
Ich bete mit uns.
Herr, himmlischer Vater, wir danken dir, dass du vor Grundlegung der Welt alles getan hast, um die zu retten, die du aus der Welt herausgerufen hast. Und wir dürfen wissen, dass du nichts und deinen eigenen Sohn nicht geschont hast, der dieses wirksame Opfer am Kreuz vollbracht hat, um sicherzustellen und zu garantieren, dass wir ewiges Leben haben.
Vater, wir bitten dich darum, dass du in uns neu die Freude an diesem vollkommenen Werk weckst, das in aller Ewigkeit, in der Gegenwart und in der Zukunft für uns ist. Bitte bewirke es in uns durch dein heiliges Wort, durch deinen Heiligen Geist in unseren Herzen. Amen!
