Guten Abend, ich möchte alle ganz herzlich begrüßen. Wir kommen heute zu Lukas 23, ab Vers 1. Ich schlage vor, dass wir zunächst die Verse 1 bis 12 lesen. Danach können wir dann weiterfahren.
Die ganze Versammlung stand auf und führte Jesus vor Pilatus. Sie begannen, ihn zu verklagen, und sprachen: „Wir haben gefunden, dass dieser das Volk verführt und es davon abhalten will, dem Kaiser die Steuer zu zahlen. Er behauptet, er sei Christus, der König.“
Da fragte Pilatus ihn und sprach: „Bist du der König der Juden?“ Er antwortete ihm: „Du sagst es mir.“ Pilatus sagte daraufhin zu den obersten Priestern und der Volksmenge: „Ich finde keine Schuld an diesem Menschen.“
Sie jedoch bestanden darauf und erklärten: „Er wiegelt das Volk auf, indem er ganz Judäa lehrt, angefangen in Galiläa bis hierher.“ Als Pilatus hörte, dass Jesus aus Galiläa stammte, fragte er, ob der Mann ein Galiläer sei. Als er erfuhr, dass er aus dem Herrschaftsgebiet des Herodes stammte, sandte er ihn zu Herodes, der zu dieser Zeit selbst in Jerusalem war.
Herodes aber freute sich sehr, als er Jesus erblickte, denn er hatte ihn schon lange gerne sehen wollen, weil er viel von ihm gehört hatte. Er hoffte, ein Zeichen von ihm zu sehen. Er stellte ihm viele Fragen, doch Jesus gab keine Antwort.
Die obersten Priester und die Schriftgelehrten standen dabei und verklagten ihn heftig. Herodes behandelte Jesus verächtlich und verspottete ihn zusammen mit seinen Kriegsleuten. Nachdem er ihm ein prächtiges Gewand hatte anlegen lassen, schickte er ihn wieder zu Pilatus.
An demselben Tag schlossen Pilatus und Herodes Freundschaft miteinander, denn zuvor waren sie Feinde gewesen.
Überblick über die Prozessphasen Jesu
Vielen Dank, zunächst einmal bis hierhin. Ich habe hier nochmals die Übersicht aufgeschrieben, die wir schon beim letzten Mal hatten.
Im Prozess gegen den Herrn Jesus gab es sechs Phasen, und zwar drei jüdische sowie drei heidnisch-römische. Die erste Phase war die nächtliche Verhandlung bei Annas, dem Hohenpriester. Diese wird nur kurz im Johannes-Evangelium beschrieben, und zwar in Johannes 18.
Anschließend ging es in das Haus des Hohenpriesters Kajafas. Kajafas war der amtierende Hohepriester; sein Schwiegervater Annas war von den Römern abgesetzt worden, und daraufhin wurde der Schwiegersohn Kajafas eingesetzt.
Die dritte Phase begann bei Sonnenaufgang im Sanhedrin, offiziell in der königlichen Säulenhalle am Südende des Tempelplatzes.
Danach folgte die erste Prozessphase bei Pontius Pilatus. Diese wird nur im Lukas-Evangelium erwähnt. Da sie zu keinem Ergebnis führte, gab es eine zweite Prozessphase bei Herodes Antipas. Anschließend wurde das Verfahren wieder an Pontius Pilatus zurückgegeben.
In der dritten Phase kam es schließlich zur Verurteilung und Kreuzigung. Diese Abfolge ist nur im Lukas-Evangelium zu erkennen. In den anderen Evangelien sind die Phasen eins und drei zusammen beschrieben, sodass nicht offensichtlich wird, dass es sich um zwei separate Phasen handelt.
Nun weiß man auch, woher das Sprichwort „von Pontius bis Pilatus gehen“ stammt. Es beschreibt den ersten Prozess bei Pontius Pilatus, der nichts bewirkte, und die darauf folgende zweite Verhandlung, die ebenfalls bei Pilatus stattfand. Es handelt sich also um ein erfolgloses Hin- und Hergehen von einem Amt zum anderen. Dieses Sprichwort stammt tatsächlich aus dem Lukas-Evangelium.
Gesetzesverstöße im jüdischen Prozess
Nun wollen wir noch die Gesetzesverstöße betrachten, die im jüdischen Prozess gegen Jesus stattgefunden haben. Darauf habe ich ja bereits in den vergangenen beiden Malen hingewiesen. Ich habe ein Blatt ausgeteilt, und für diejenigen, die über den Livestream zuschauen, gibt es unten in der Videobeschreibung einen Link. Dort kann man das Blatt mit zwanzig Beispielen öffnen. Wir können diese kurz durchgehen.
Erstens: Ein Gesetzesbruch im Prozess Jesu bestand darin, dass das Gesetz Mose klarstellt, dass das Gesetz in Israel nichts mit Bestechung zu tun haben durfte (2. Mose 23,8; 5. Mose 16,19). Doch in Matthäus 26,4.14-16 sehen wir, dass sogar der Sanhedrin Judas eine erhebliche Geldsumme gab, damit er die Übergabe veranlasste – und zwar so, dass es zu keinem Volksauflauf käme. Bestechung spielte also eine wesentliche Rolle, was im völligen Widerspruch zur biblischen Belehrung über Gerichte stand.
Zweitens: Ein Prozess durfte nur im Tempel durchgeführt werden. Das wissen wir aus dem Babylonischen Talmud (abgekürzt Bt), Traktat Avodatzara 8b, und auch im Traktat Sanhedrin 11,2. Der Prozess begann jedoch in einem Privathaus bei Annas und wurde bei Kaiaphas fortgesetzt – was absolut verboten war. In der Beschreibung sieht man, dass sie versuchten, die Sache etwas zu drehen, denn die dritte Prozessphase im Sanhedrin fand erst statt, sobald die Sonne aufgegangen war. Doch zu diesem Zeitpunkt war bereits alles durchgespielt, das heißt, der Prozess wurde tatsächlich nachts durchgeführt. Dieses rabbinische Gesetz wurde auf schändliche Weise gebrochen. Das ist besonders wichtig, denn ein wesentlicher Grund, warum der Sanhedrin Jesus zum Tod verurteilte, war ja, dass sie sagten, er sei nicht der Messias, weil er die Überlieferung der Ältesten – das sind die talmudischen Gesetze – bricht. Jesus hatte immer wieder Dinge getan, etwa am Sabbat, die der Tradition widersprachen, aber nicht Gottes Wort. Die Tradition wurde so hochgehalten, dass jemand, der sie brach, nach ihrer Meinung nicht der Messias sein konnte. Doch im Prozess gegen ihn brachen sie ein Gesetz nach dem anderen – aus Tradition und aus Gottes Wort.
Drittens: Der Schuldspruch durfte erst am Folgetag gefällt werden (Sanhedrin 4,1). Nun könnte jemand sagen, das haben sie ja gemacht: der Prozess war nachts, und am nächsten Tag im Sanhedrin wurde das Urteil gefällt. Doch nach jüdischer Zählung des Datums begann am Vorabend der fünfzehnte Nissan. Die Nacht war somit schon vorbei, und der folgende Tag war immer noch der fünfzehnte Nissan bis etwa 18 Uhr. Das heißt, die Urteilsverkündung fand nicht am Folgetag, sondern am selben Tag statt.
Viertens: Mosche ben Maimon (auch Maimonides genannt) macht in seinem Kommentar zum Traktat Sanhedrin im Talmud (2007) klar, dass kein schnelles Vorgehen erlaubt war. Der Prozess gegen Jesus war jedoch ein kurzer Prozess. Mosche ben Maimon hat im Judentum bis heute eine so große Autorität, dass man ihn den „zweiten Mose“ nennt. Es ist bekannt, dass es bei Diskussionen im Judentum viele verschiedene Meinungen gibt. Wenn man aber eine Meinung durchsetzen will, beruft man sich auf Moshe ben Maimon – so autoritativ ist seine Aussage.
Fünftens: Ein Beschluss durfte nicht vor einem Festtag gefasst werden (Babylonischer Talmud, Sanhedrin 4,1). Das Todesurteil wurde jedoch am fünfzehnten Nissan gefällt, also vor dem Sabbat der Passawoche. Ein Sabbat ist ein Festtag, und dieser war sogar ein besonderer Festtag, nämlich ein Sabbat in der Passawoche (16. Nissan). Das war verboten.
Sechstens: Eine Hinrichtung durfte nicht an einem Festtag vollzogen werden (Sanhedrin 35a). Doch die Hinrichtung fand am Passa statt, und zwar am Freitag, dem 15. Nissan.
Siebtens: In einer Verhandlung muss mit Entlastungszeugen begonnen werden (Sanhedrin 4,1 und 33a). In den Evangelien wird jedoch kein einziger Zeuge erwähnt, der am Anfang eine Aussage gemacht hätte.
Achtens: Die Richter müssen bei einem Prozess um Leben und Tod traurig sein. In Sanhedrin 5,5 heißt es, sie dürften nur wenig essen und keinen Wein trinken. Wein ist ein Symbol der Freude (Psalm 104). Doch in Markus 14,11 lesen wir, dass sie sich freuten, den Herrn töten zu können, als Judas ihnen diese Möglichkeit eröffnete. Sie waren also nicht traurig, sondern froh.
Neuntens: Richter müssen dem Angeklagten mit Achtung begegnen. Das schreibt Mosche ben Maimon in Sanhedrin 25. Vor diesem Hintergrund muss man die Misshandlungen und den Spott gegen Jesus in Matthäus 26,67 und Lukas 22,63-65 betrachten. Der Spott und die Verachtung fanden nicht vor den römischen Soldaten statt, sondern vor dem Sanhedrin.
Zehntens: Zeugen zugunsten des Angeklagten müssen aufgerufen werden (Sanhedrin 4,1 und 33a). Im Vorhof von Kaiaphas waren Petrus und Johannes anwesend, die anderen Jünger waren geflohen. Diese beiden hätten als Zeugen dienen können. Doch der Teufel hatte ein großes Interesse, zumindest Petrus zu neutralisieren. Er wurde in eine Falle gelockt, so dass er Jesus verleugnete und blockiert war. Petrus und Johannes wurden nicht aufgerufen, ebenso wenig Nikodemus und Joseph von Arimathäa. Ich habe bereits erklärt, dass nicht alle 71 Richter des Sanhedrins anwesend sein mussten; eine Mindestzahl von 23 reichte. Offensichtlich wurde dieser überstürzte Prozess nachts so einberufen, dass strategisch bestimmte Personen nicht dabei sein konnten. Jesus hatte während des Passamahls die Situation ausgelöst, dass Judas sofort gehen musste. Es gibt zwei Gelegenheiten beim Passafest, bei denen man eintauchen muss. Jesus nutzte diese Zeichen, um zu zeigen, wer der Verräter ist. Judas ging daraufhin hinaus, um das Geld zu holen. Der Prozess wurde also in kürzester Zeit einberufen, überstürzt. Dabei wurden nur die passenden Sanhedrin-Mitglieder mobilisiert, die auf der von ihnen gewünschten Seite standen. Nikodemus und Joseph von Arimathäa wurden nicht als Zeugen aufgerufen.
Elftens: Alle im Sanhedrin dürfen entlasten, aber nicht alle Richter dürfen belasten (Sanhedrin 4,1, 17a und Maimon über Traktat Sanhedrin 9,1). Das bedeutet: Alle Richter durften Argumente zugunsten des Angeklagten vorbringen, aber es durfte nie sein, dass alle den Angeklagten belasten. Es gab sogar das Gesetz, dass eine einstimmige Verurteilung zu einem Freispruch führte. Denn wenn völlige Einigkeit herrscht, muss etwas faul sein – man hat sich abgesprochen. In Matthäus 26,59 lesen wir jedoch, dass das ganze Synedrium den Schuldspruch suchte. Das wäre die Grundlage für einen Freispruch gewesen, doch das Gegenteil geschah.
Zwölftens: Die Zeugenaussagen müssen in Details exakt übereinstimmen (Sanhedrin 5,1-3 und 40a). In Markus 14 treten falsche Zeugen auf, deren Aussagen nicht übereinstimmten. Die Evangelien Matthäus und Markus zeigen, dass die Zeugenaussagen auseinandergehen: Einige sagten, Jesus habe gesagt, er könne den Tempel abbrechen und in drei Tagen wieder aufrichten, andere sagten, er habe gesagt, er werde den Tempel abbrechen und in drei Tagen wieder aufbauen. Das ist nicht das Gleiche. Ob jemand sagt, „ich mache das“ oder „ich könnte das machen“, ist ein großer Unterschied. Die Zeugenaussagen waren also nicht übereinstimmend, und deshalb konnte kein Urteil auf dieser Grundlage gefällt werden.
Dreizehntens: Man darf nicht aufgrund der Aussage des Angeklagten verurteilen (Maimon, Sanhedrin 4,2). In Matthäus 26,63-65 stellt der Hohepriester Kaiaphas Jesus unter Schwur. Nach 3. Mose 5 musste man vor Gericht aussagen, wenn man unter Schwur gestellt wurde. Jesus schwieg jedoch im Prozess, erfüllte damit Jesaja 53, wo es heißt, dass das Lamm stumm vor seinen Scherern ist. Als Kaiaphas Jesus jedoch aufforderte, zu sagen, ob er der Christus sei, antwortete Jesus: „Du sagst es.“ Daraufhin erklärte Kaiaphas, man habe es gehört, und Jesus sei des Todes. Jesus hielt sich ans Gesetz und sprach, doch genau das durfte nicht geschehen. Warum nicht? Weil man mit der Möglichkeit rechnen musste, dass jemand ein Geständnis unter Folter ablegt, und ein solches Geständnis ist wertlos. Es gibt auch Fälle, in denen jemand selbstmordgefährdet ist und aus diesem Grund ein Geständnis ablegt, oder jemand möchte den wahren Schuldigen schützen und übernimmt dessen Schuld. Bei uns ist es üblich, dass ein Unfallbeteiligter unter Schock sofort die Schuld zugibt – doch nach jüdischem Gesetz war das nicht zulässig.
Vierzehntens: Tatbestände müssen ganz genau und detailliert untersucht werden (5. Mose 13,14). Die Evangelien zeigen jedoch einen kurzen Prozess ohne Detailuntersuchung. Das Urteil war bereits im Voraus festgelegt.
Fünfzehntens: Der Hohepriester durfte kein Urteil fällen, bevor nicht die jüngsten Richter ohne Beeinflussung ihr Urteil geäußert hatten (Talmud, Sanhedrin 4,2). Doch Kaiaphas stellte Jesus unter Schwur, Jesus antwortete, und Kaiaphas sagte: „Jetzt habt ihr es gehört!“ Damit war seine Beurteilung klar. Der Talmud schreibt vor, dass zuerst die jüngsten Richter gefragt werden müssen, damit sie nicht von den älteren beeinflusst werden. Das Gegenteil geschah.
Sechzehntens: Der Hohepriester durfte nicht seine Kleider zerreißen (3. Mose 21,10). Doch nachdem Jesus unter Schwur geantwortet hatte, zerriss der Hohepriester seine Kleider (Matthäus 26,65).
Siebzehntens: Bei der Todesstrafe für Lästerung musste der Name Gottes, also im Hebräischen JHWH, der Ewige, ausgesprochen werden. Ein Ersatzname reicht nicht aus (Talmud, Sanhedrin 56a). Der Hohepriester stellte Jesus unter Schwur, Jesus antwortete, dass er der Christus sei und sagte: „Ihr werdet den Sohn des Menschen zur Rechten der Macht sitzen sehen und in Herrlichkeit mit den Wolken des Himmels kommen.“ „Zur Rechten der Macht“ heißt auf Hebräisch „zu Rechten von Gwura“. Gwura ist ein Ersatzname für den geheiligten Namen Gottes. Jesus sprach also nicht den Gottesnamen aus, sondern nur Gwura. Damit durfte das nicht als Lästerung mit Todesstrafe beurteilt werden.
Achtzehntens: Richter, die das Todesurteil gefällt haben, durften den ganzen Tag nicht essen. Das sagte Rabbi Akiva im Babylonischen Talmud. Im Johannes-Evangelium (18,28) sind die führenden Priester vor Pontius Pilatus, und in Johannes 19 sagen sie, sie könnten nicht in das Praetorium hineingehen, um nicht unrein zu werden, da sie das Passa essen wollten. Sie wollten also essen, aber das Passa war bereits am Tag zuvor gegessen worden. Einige Ausleger sagen, dass es eine Kalenderverschiebung gab, Jesus habe das Passa mit seinen Jüngern vorgezogen. Das ist jedoch nicht möglich, denn in 4. Mose 9 steht, dass die Todesstrafe auf das Verschieben des Passa stand. Das Passa an einem anderen Tag zu essen, war mit dem Tod bestraft. Jesus aß das Passa also am richtigen Tag. Außerdem hätten die Priester die Passalämmer nicht einen Tag zu früh im Tempel schlachten dürfen. Der Herr hat es zum richtigen Zeitpunkt geschlachtet.
Wie löst sich nun das Problem? Es gibt eine Ausnahme, dass man das Passa verschieben konnte – und hier hast du, Philipp, absolut Recht. Das steht auch in 4. Mose 9. Wenn jemand zum Beispiel im Ausland war und verhindert war, durfte er das Passa verschieben – um einen Monat, dann aber wieder am 15. des Monats. Ein Verschieben um einen Tag vor oder nach dem 15. war nicht erlaubt. Diese Verschiebung war ausdrücklich erlaubt, alles andere stand unter Todesstrafe.
Das Wort „Passa“ (Pessach) wird sowohl für das Passalamm verwendet, das an der Passafeier gegessen werden musste, als auch für das spezielle Friedensopfer, das nach der Passafeier von den Priestern gegessen wurde. Dieses spezielle Passa-Friedensopfer wurde ebenfalls Pessach genannt. Die Priester meinten also nicht, dass sie das Passa essen wollten, das zu Hause gegessen wird, sondern das spezielle Passa-Friedensopfer im Tempel.
Neunzehntens: Ein Mörder durfte nicht geschont werden (4. Mose 35,31-34; 5. Mose 19,11-13). Doch die Volksmenge, angestachelt durch führende Leute aus dem Sanhedrin, forderte vor Pilatus, Barabbas – ein Mörder – solle freigelassen werden, damit Jesus hingerichtet wird.
Historische Genauigkeit der Evangelien und Erfüllung von Jesaja 53
Wenn man das alles Punkt für Punkt betrachtet und die Evangelien im Hintergrund liest, ist man einfach überwältigt. Das ist an sich schon ein Beweis für die Präzision, mit der die Evangelien alles aufgeschrieben haben. Die Evangelisten haben die Ereignisse genau beschrieben. Sie haben keinen Hinweis auf eine Tradition gegeben, etwa: „Da und da wurde das so überliefert.“ Nein, sie haben einfach genau dargestellt, wie es war.
Wenn man dann die jüdische Tradition hinzuzieht und kennt, kann man wirklich sagen: Was ist mit diesen liberalen Theologen? Darum heißt es ja, die Theologen hätten gelogen. Ich meine hier speziell die liberalen Theologen, die behaupteten, die Evangelien seien keine historischen Berichte und nicht zuverlässig. Aber sie wussten genau um diese Details, die so präzise aufgeschrieben wurden. Es ist eine Schande, was hier geschehen ist.
Das war die Erfüllung von Jesaja 53. Schlagen wir auf, Vers 7. Heinz liest uns vor: Jesaja 53, aus dem Zusammenhang heraus bereits ab Vers 7:
„Er wurde misshandelt, doch er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das vor seinem Scherer verstummt und seinen Mund nicht auftut. Infolge von Drangsal und Gericht wurde er weggenommen. Wer will aber sein Geschlecht beschreiben? Denn er wurde aus dem Land der Lebendigen weggerissen. Wegen der Übertretungen meines Volkes hat ihn Strafe getroffen.“
Jesaja 53 ist allgemein gut bekannt. Aber einige Sätze darin brauchen eine Erklärung. Wenn diese Erklärung gegeben ist, wird das Ganze noch eindrücklicher und hebt die Größe des Herrn Jesus noch mehr hervor.
Jetzt, hier in Vers 8, heißt es: „Er ist hinweggenommen worden aus der Angst und aus dem Gericht.“ Was bedeutet dieser Satz? Das Wort „weggenommen“ (hebräisch „Lukach“) sollte eigentlich mit „hindurchgerissen worden“ übersetzt werden. „Angst und Gericht“ meint den gesamten Prozess. Es war ein Gericht, aber verbunden mit großer Angst für den Angeklagten.
Jesus wurde quasi durch Angst und Gericht schnell hindurchgerissen. Es war ein kurzer Prozess, der alle möglichen Regeln des Gesetzes brach. Aber es musste schnell durchgezogen werden, denn jetzt war die Gelegenheit. Das ist die Erfüllung: Er ist hinweg- oder hindurchgerissen worden aus Angst und Gericht.
Darum der nächste Satz: „Und wer wird sein Geschlecht aussprechen?“ Was heißt das? Wer wird beschreiben, wie schrecklich diese Generation war, die damals den Herrn verworfen hatte und ihm nicht einmal einen normalen Prozess gewährte?
Dann heißt es als Begründung: „Denn er wurde abgeschnitten aus dem Land der Lebendigen.“ Ja, wer kann diese Generation beschreiben, die ihn in einem kurzen Prozess hinrichten wollte und ihn wirklich zu Tode gebracht hat? Wer kann das beschreiben? Denn er wurde abgeschnitten aus dem Land der Lebendigen.
Aber dann erklärt Gott dazu: „Wegen der Übertretung meines Volkes hat ihn Strafe getroffen.“ Er hat das alles auf sich genommen, um das Gericht zu tragen, das eigentlich Israel verdient hätte. Er ist als Messias stellvertretend für Israel gestorben, auch im Blick auf die ganze Welt. Aber hier wird betont, dass er eben für das irdische Volk Gottes gestorben ist.
Das ist ein wichtiger Vers, denn in der modernen Auslegung, besonders im orthodoxen Judentum, wird heute gesagt, Jesaja 53 beziehe sich nicht auf den Messias, sondern auf das Volk Israel, das viel Leiden durch Verfolgung erfahren hat. Aber hier wird ganz klar gesagt, dass der Knecht Gottes, der beschrieben wird, nicht Israel ist. Denn er muss ja für Israel sterben. Er wird also ausdrücklich von dem Volk Gottes unterschieden.
Fragen zur Gültigkeit der talmudischen Traktate
Ja, Christoph, also vier verschiedene Traktate aus dem Buch, von denen die Argumentation stammt, sind alle gleichzeitig bindend. Sind sie also wie eine Verfassung, eine, die zusammengesetzt ist und aus der man die Justiz herleitet? Oder waren es zu verschiedenen Zeiten die Gesetze?
Ich wiederhole die Frage für den Leibstrich, und du sagst mir dann, ob ich dich richtig verstanden habe: Es geht um eine Frage in Bezug auf diese Traktate, die auf dem Blatt über die Gesetzesbrüche aufgeführt sind, also Sanhedrin, Avudazara usw. Waren das verbindliche Gesetze für das Gesetz? Das ist die Frage.
Ach so, genau, also eben, ob all diese Gesetze zusammen gültig sind als Regelwerk und warum nicht alles an einem Ort steht, ja?
Also, es ist so: Der Talmud besteht aus zwei Schichten. Die eine ist die Halacha, die andere ist die Haggadah. Halacha sind die ganz verbindlichen Aussagen im Talmud. In einer deutschen Talmud-Ausgabe werden diese gewöhnlich in Großbuchstaben geschrieben. Das ist dann auch die Mischna, die älteste Schicht.
Ich habe sehr oft aus Sanhedrin vier zitiert, hast du das gesehen? Das ist genau die Mischna. Also das ist wirklich halachisches Gesetz, das verbindlich ist. Es ist so: Wenn du den Talmud liest, dann wird ständig diskutiert. Ein Rabbi sagt diese Meinung, der andere sagt jene Meinung. Da sind also viele Diskussionen aufgeführt, und man weiß oft nicht so recht, was jetzt gilt.
Aber wenn es eben Mischna ist, also das, was in der deutschen Übersetzung groß gedruckt wird, dann ist das verbindlich. Halacha sind eben die verbindlichen Dinge, im Gegensatz zur Haggadah. Haggadah heißt eigentlich Erzählung, kann sogar Märchen bedeuten. Dort phantasieren Rabbiner. Sie haben alle möglichen Dinge, gerade zum Beispiel zum Thema Prophetie. Da kann man phantasieren und reden, was man will. Das ist alles ohne Problem.
Nur wenn es um die genaue Auslegung geht, also wie man die Gebote praktisch anwenden muss, und hier geht es ja um Gebote, wie das Gericht handeln muss, dann kann man keine Phantasie ertragen. Hier geht es um das Verbindliche, nicht um Haggadah.
Habe ich die Frage beantwortet? Ja, gut.
Aber eben, das ist im Judentum: Halacha und Haggadah. Wir sollten gar nichts mit Haggadah zu tun haben. Wenn man über die Bibel phantasiert, dann soll man am besten schweigen. Wir sollen über das reden, was wirklich verbindlich ist nach dem Wort Gottes. Und dort, wo man nicht klar weiß, muss man es eben auch gar nicht veröffentlichen.
Ob das, was dazu so zusammengestellt ist, allgemein im Judentum bekannt ist? Nein, bestimmt nicht. Aber es gibt einige, die über das Thema geschrieben haben, zum Beispiel Arnold Fruchtenbaum. Aber nicht überall hat er den Beleg drin. Auch andere Bücher kann man im Internet finden, wo einfach gesagt wird, das ist so und so – aber woher?
Das ist letztlich ein Problem, weil man es kontrollieren können muss. Man muss es im Text nachlesen können, ob es stimmt. Und dann stellt man oft fest, die Stelle stimmt nicht einmal, und es steht eigentlich nicht genau so.
Darum habe ich mich bemüht, hier eine Zusammenstellung zu machen – wirklich mit klaren Belegen. So hat das natürlich enorme Überzeugungskraft, gerade wenn man auch mit Juden spricht. Das sind Dinge, die muss man bekannt machen. Sie sind nicht einfach so bekannt.
Der Weg Jesu vor Pilatus und seine Bedeutung
Gut, jetzt gehen wir weiter mit Lukas 23. Zuerst sehen wir die erste Phase vor Pontius Pilatus. Der Sanhedrin verurteilt den Herrn Jesus aufgrund seiner eigenen Aussage.
In Kapitel 22, Vers 70 heißt es: „Alle aber sprachen: Du bist also der Sohn Gottes.“ Er aber sprach zu ihnen: „Ihr sagt es, dass ich es bin.“ Aufgrund dieser Aussage wird geurteilt. Sie sagten: „Was brauchen wir noch ein Zeugnis? Denn wir selbst haben es aus seinem Mund gehört.“
Im Kapitel 23 steht, dass der Sanhedrin aufsteht und der Herr zu Pilatus geführt wird. Der Weg führt von der Königin-Säulenhalle zu Pilatus. Die Königin-Säulenhalle war der Sitz des Sanhedrins am Südende des Tempelplatzes. Übrigens liegt die El-Aksa-Moschee genau auf der Königin-Säulenhalle, an der Südostecke. Dort war der Sitz des Sanhedrins, aber die Halle erstreckte sich über die ganze Südbreite des Tempelplatzes.
Von dort führte der direkte Weg über einen Aquädukt im Westen hinaus zu Pilatus. Pilatus hatte seinen Palast beim heutigen Jaffator, für diejenigen, die schon in der Altstadt von Jerusalem waren. Das Erschreckende ist, dass dieser Weg genau an der Klagemauer vorbeiführt. Sogar unter dem ersten Bogen dieser Brücke, wo man aus dem Tempel herauskam, beten heute Männer an der Klagemauer.
Genau dort, an diesem Ort, wurde der Messias damals hinausgeworfen. Ich habe dort einmal ein Foto gemacht von einem orthodoxen, ultraorthodoxen Juden. Er saß auf einem Plastikstuhl, gerade unter diesem ersten Bogen. Er hatte sein Talit, den Gebetsmantel, den Männer beim Beten tragen, nicht nur über den Kopf gezogen, sondern auch über das Gesicht und noch mehr über das Herz. So hat er gebetet.
Da habe ich gedacht, das passt genau zu 2. Korinther 4. Können wir das mal aufschlagen? Heinz, liest du uns bitte 2. Korinther 4, die letzten Verse, ab Vers 16, vor?
„Doch bis zum heutigen Tag liegt eine Decke auf ihren Herzen, so oft Mose gelesen wird. Sobald sich jemand aber zum Herrn bekehrt, wird die Decke weggenommen. Der Herr ist aber der Geist, und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.
Wir alle aber, indem wir mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen wie in einem Spiegel, werden verwandelt in dasselbe Bild, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, nämlich vom Geist des Herrn.“
Die Decke ist also auf ihrem Herzen, und ihr Sinn ist verstockt worden. Bis auf den heutigen Tag bleibt beim Lesen des Alten Bundes, also des Alten Testaments, dieselbe Decke unaufgedeckt. Diese Decke wird in Christus, das heißt im Messias, weggetan.
In der Gemeinde gilt übrigens 1. Korinther 11: Jeder Mann, der betet oder weissagt und dabei etwas auf dem Haupt hat, entehrt sein Haupt. Für die Gemeinde gilt also, dass Männer beim Beten nichts auf dem Kopf haben dürfen. Früher war das ganz normal, auch in der Armee – in der Schweizer Armee hat man beim Beten am Tisch den Helm oder Hut abgenommen.
Das ist genau anders als im Judentum, wo Männer den Talit tragen. Aber hier erklärt Paulus, dass die Decke auf ihrem Herzen liegt, weil sie blind für den Messias sind. Sobald sie sich aber zu ihm bekehren, müssen sie den Talit nicht mehr tragen. Dann ist diese Decke vor den Augen und vor dem Herzen weg.
So können wir mit aufgedecktem Angesicht den Herrn anschauen und werden in seine Herrlichkeit verwandelt – in einem Prozess.
Genau dort unten sitzt er, an dem Ort, wo der Herr als Messias aus dem Tempel hinausgeworfen wurde. Er trägt diese Decke auf seinem Herzen. Sobald er sich bekehren und den Messias, Jesus, erkennen würde, dürfte er ohne Talit beten.
Nur so nebenbei: Das zeigt auch, dass diejenigen, die heute sagen, 1. Korinther 11 sei nur kulturell zu verstehen und habe heute keine Bedeutung mehr, nichts von Kultur verstehen. Denn damals war es genau gegen die Kultur, dass Männer beim Beten keine Bedeckung auf dem Kopf haben durften. Für Juden damals war das ein Problem.
Ich selbst habe das schon erlebt. Ich war eingeladen in eine messianische Synagoge, habe dort einen Vortrag gehalten und sogar die Toralesung am Sabbat gemacht. Dort wäre ich mit einer Kippa auf dem Kopf gut angekommen, und das hätte ihnen gefallen. Aber ich habe bewusst keine Kippa getragen. Es geht nicht, denn beim Beten und Weissagen, also beim Vorlesen von Gottes Wort, dürfen wir keine Kippa tragen, weil wir diese Decke nicht mehr haben.
Nun ging es um diesen Weg zu Pilatus, den direkten Weg über den Aquädukt. Warum hat der Sanhedrin das so gemacht? Weil Rom dem jüdischen Volk damals das Recht auf die Vollstreckung der Todesstrafe entzogen hatte. Der Sanhedrin konnte zwar etwas beschließen, aber nicht ausführen. Das konnte nur die römische Besatzungsmacht.
Jetzt mussten sie Pilatus überzeugen, dass er ihren Beschluss umsetzt. Aber die Aussage „Ich bin der Christus“ war für Pilatus nicht gerade überzeugend. Sie mussten es ihm so verkaufen, dass er zum Schluss kommt: „Jawohl, dieser Mann muss sterben.“
Noch etwas kommt hinzu: Hätte der Sanhedrin die Todesstrafe ausführen dürfen, hätten sie die Steinigung vollzogen. Aber in Psalm 22 hat König David vorausgesagt: „Sie haben meine Hände und meine Füße durchgraben.“ Das sagt der Messias. Er musste gekreuzigt werden.
Da der Sanhedrin nicht die Todesstrafe ausführen durfte, musste es Rom machen. Dadurch wurde Jesus gekreuzigt.
Die Anklagepunkte gegen Jesus bei Pilatus
Ja, gehen wir weiter. In Lukas 23,2 können wir zusammentragen, welche Argumente die jüdischen Führer gegenüber Pilatus vorbringen.
Erstens: Sie sagen, Jesus verführe die Nation Israel.
Zweitens: Er halte die Leute davon ab, dem Kaiser Steuern zu zahlen. Das ist eine Lüge, eine absolute Lüge, aber darauf kommen wir gleich noch zurück.
Und drittens: Er sei der Messias.
Was bedeutet Messias? Ein König. Damit wollen sie klar machen, dass Jesus ein Problem für das römische Reich ist. Er stellt sich gegen das Steuerzahlen.
Die Wahrheit war, dass Jesus am Dienstag vor Karfreitag auf dem Tempelplatz in Diskussionen gefragt wurde, ob man dem Kaiser Steuern zahlen dürfe. Sie wussten, wenn er „Nein“ sagt, hätten sie einen Grund, ihn bei Rom, bei Pilatus, anzuklagen. Wenn er „Ja“ sagt, könnten sie sagen, er sei nicht loyal gegenüber dem jüdischen Volk. Jesus zeigte daraufhin eine Münze, ein Denar, auf dem das Bild des Kaisers war, und sagte: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“ Alle verstummten.
Jetzt gehen sie zu Pilatus und sagen, Jesus sage, man dürfe keine Steuern bezahlen. Und dann die Aussage, er sei ein König – das soll bedeuten, er sei eine Gefahr für das römische Reich, weil er quasi einen Aufstand anzetteln wolle.
Aber das Gegenteil war wahr: Jesus kam als Knecht in Niedrigkeit und plante nicht, das römische Joch mit Gewalt abzuschütteln. Dennoch wird alles so dargestellt, als ob es das suggeriert.
Pilatus stellt die Frage: „Bist du der König der Juden?“ Und was ist die Antwort von Jesus?
Was bedeutet das jetzt? Es gibt Leute, die sagen, Jesus sagt etwas und sagt doch nichts. Er sagt: „Du sagst es.“ Aber wie können wir entscheiden, ob das ein Ja ist oder bedeutet, dass er sagt: „Du sagst das, ich sage es nicht“?
Hier ist es wichtig, die Grammatik zu berücksichtigen. Es ist manchmal eine Gefahr, wenn man nur einzelne Wörter mit dem Computer nachschaut, ohne Grammatik und Satzbau zu beachten. Das Nachschlagen der Wörter kann hilfreich sein, aber die Grammatik muss immer mitberücksichtigt werden. Dafür sollte man eine Standardgrammatik verwenden, zum Beispiel die von Blass-De Brunner zum Neuen Testament. Das ist im deutschsprachigen Raum eine der besten Grammatiken zum neutestamentlichen Griechisch.
Dort wird erklärt, dass die Redewendung „Du sagst es“ ein klares „Ja“ ist, eine Bestätigung der vorherigen Aussage.
Darum ist klar: Auch wenn Jesus in Lukas 22,70 sagt: „Du bist also der Sohn Gottes“, antwortet er: „Ihr sagt, dass ich es bin.“ Das heißt: Ja, ich bin der Sohn Gottes.
Das ist ganz wichtig, weil es Leute gibt, die behaupten, Jesus habe nie gesagt, dass er der Sohn Gottes sei. Natürlich hat er es gesagt. Hier, wenn er „Du sagst es“ sagt, heißt das „Ja, diese Aussage ist richtig. Das ist meine Aussage.“ Und hier ist es genauso.
Wer wollte noch etwas fragen? Fangen wir mal mit Heinz an.
Johannes 18,33: Pilatus betritt das Prätorium, ruft Jesus und fragt ihn: „Bist du der König der Juden?“ Jesus antwortet: „Redest du das von dir selbst aus, oder haben es dir andere von mir gesagt?“ Pilatus antwortet: „Bin ich denn ein Jude? Dein Volk und die obersten Priester haben dich mir ausgeliefert. Was hast du getan?“ Jesus antwortet: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, so hätten meine Diener gekämpft, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Nun aber ist mein Reich nicht von hier.“
Da spricht Pilatus zu ihm: „So bist du also ein König?“ Jesus antwortet: „Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme.“
Pilatus fragt: „Was ist Wahrheit?“ Und nachdem er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und sprach zu ihnen: „Ich finde keine Schuld an diesem Menschen.“
Das ist sehr klar. Jesus hat sich als König bezeichnet. Aber warum sagt Pilatus dann trotzdem in Lukas 23,4 zur Volksmenge: „Ich finde keine Schuld an diesem Menschen“?
Wäre es nicht klar, dass Volksaufwiegelung vorliegt, wenn jemand sagt, er sei König, aber von Rom nicht als König anerkannt wird?
Jesus hat aber ganz klar erklärt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Darum haben seine Knechte nicht gekämpft. Für Pilatus war klar, dass dieser Mann keine politische Gefahr für das römische Reich ist. Deshalb sagt er, er ist unschuldig.
Die jüdischen Führer bestehen aber darauf. In Vers 5 heißt es: „Er wiegelt das Volk auf, indem er durch ganz Judäa hin lehrt, angefangen von Galiläa bis hierher.“ Also im ganzen Land Israel, im Norden und im Süden, hat er gelehrt. Jawohl, aber er hat nirgends gesagt, man solle sich gegen Rom erheben.
Das Stichwort „Galiläa“ war für Pilatus wie eine Bombe. In Vers 6 heißt es, als Pilatus diesen Begriff hört, geht er der Sache nach und fragt: „Ist dieser Jesus ein Galiläer?“ Das wird bestätigt.
Das ist für ihn wie ein Stein, der vom Herzen fällt. Denn er war Landpfleger von Judäa, aber nicht von Galiläa. Dort war der Tetrarch Herodes Antipas zuständig. Übrigens war Herodes Antipas kein König, sondern ein Tetrarch, ein Titel, der niedriger ist als König.
Er war ein Nachkomme von Herodes, dem König Herodes, dem Kindermörder von Bethlehem, der über das ganze Land Israel regiert hatte. Nach seinem Tod wurde sein Reich aufgeteilt, und einer seiner Söhne, Herodes Antipas, bekam Galiläa.
Also müsste eigentlich Herodes zuständig sein, und er war gerade zur Passawoche zu Besuch in Jerusalem. Deshalb schickt Pilatus Jesus zu Herodes.
Wenn man das so liest, in Vers 8, ist das ja wunderbar. Man könnte denken: Als Herodes Jesus sah, freute er sich sehr. Gibt es etwas Schöneres, als wenn ein Ungläubiger sich freut, den Herrn Jesus zu sehen?
Noch mehr: Er wünschte schon seit langer Zeit, ihn zu sehen. Also war er vorbereitet und hatte den Wunsch, Jesus kennenzulernen, weil er von ihm gehört hatte.
Dann heißt es, er hoffte, durch Jesus ein Zeichen zu sehen. Eine Show wollte er.
Man ist entsetzt: Er befragte Jesus mit vielen Worten, stellte also viele Fragen, weil er sie endlich stellen konnte. Aber Jesus antwortete nicht.
Warum antwortete er nicht? Bei diesem falschen Prozess antwortete Jesus nicht, weil der Beschluss schon im Voraus gefasst war. Reden hätte nichts genützt.
Bei Pilatus hingegen sprach Jesus, weil da noch Hoffnung war. Pilatus wollte Jesus eigentlich freilassen, stand aber unter dem Druck der Volksmenge.
Warum spricht Jesus bei Herodes nicht? Der Grund ist, dass Johannes der Täufer immer wieder auf Herodes’ sündiges Leben hingewiesen hatte.
Herodes hatte seiner eigenen Schwägerin Herodias die Frau weggenommen, die eigentlich mit seinem Bruder Philippus verheiratet war. Das war schwere Sünde.
In Matthäus 14 wird beschrieben, wie Johannes Herodes das immer wieder vorwarf. Im Griechischen ist das ein Durativ, das heißt, Johannes sagte es ihm nicht nur einmal, sondern immer wieder.
Deshalb setzte Herodes Johannes den Täufer ins Gefängnis. Bekannt ist die Geschichte, dass die Tochter der Herodias an Herodes’ Geburtstag den Kopf von Johannes dem Täufer verlangte, und Herodes ließ ihn hinrichten.
Herodes wurde immer wieder auf sein sündiges Leben hingewiesen, doch jetzt war es zu spät. Jesus sprach nicht mehr mit ihm.
Wir können sagen: Die Gnadenzeit eines Menschen endet spätestens mit dem Tod.
Hebräer 9,27 sagt: „Es ist dem Menschen gesetzt, einmal zu sterben, danach das Gericht.“
Danach gibt es keine Möglichkeit mehr zur Vergebung, sondern nur noch das Gericht.
Jesus sagt in Markus 2, dass der Sohn des Menschen auf Erden die Vollmacht hat, Sünden zu vergeben. Warum auf Erden? Weil im Jenseits keine Vergebung mehr möglich ist, nur solange man auf der Erde lebt.
Es kann aber sein, dass die Gnadenzeit auf Erden schon vor dem Tod endet.
Ein Beispiel ist der Pharao in Ägypten. Sechsmal lesen wir, dass sein Herz verhärtet wurde im Zusammenhang mit den Plagen, die Gottes Zeugnis an ihn waren. Beim siebten Mal heißt es, Gott verhärtete sein Herz.
Von diesem Zeitpunkt an konnte er sich nicht mehr bekehren, vorher aber noch.
Hiob 33,29 sagt, dass Gott mit jedem Menschen zwei- oder dreimal spricht. Beim Pharao war es in Verbindung mit den Plagen sogar zweimal oder dreimal, dann aber war es zu spät.
Auch für Herodes war es zu spät – Jesus sprach nicht mehr mit ihm.
Das erinnert an Saul, der auch Informationen von Gott wollte, aber 1. Samuel berichtet, dass Gott ihm nicht antwortete, weil es zu spät war.
Das ist schrecklich, zu sehen, dass der Moment kommen kann, an dem Gott nicht mehr ruft.
Darum müssen wir das Wort so weitergeben und darauf hinweisen, dass man die Bekehrung nicht hinausschieben soll.
Wir wissen nicht, ob Gott uns morgen noch Gnade schenkt. Natürlich könnte morgen ein Unfall passieren und wir sterben, aber es kann auch sein, dass wir keinen Unfall haben, aber Gott nicht mehr ruft.
Deshalb ist es so wichtig, dass man, wenn Gott ruft, diesem Ruf nachgibt. „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht“, sagt der Hebräerbrief.
Dann sehen wir noch, dass die Hohenpriester und Schriftgelehrten Jesus bei Herodes anklagen.
Herodes merkt, dass nichts Todeswürdiges vorliegt. Aber er behandelt Jesus mit seinen Soldaten geringschätzig, verspottet ihn und lässt ihm ein glänzendes Gewand anziehen.
Die Bedeutung des Gewandes und die Freundschaft zwischen Herodes und Pilatus
Was hat dieses Gewand zu bedeuten? Warum trägt man also das weiße Gewand? Ist es nicht so, dass es sich um den König der Juden handelt? Warum dann ein weißes Gewand? Sollte es nicht eher ein Zeichen des Spotts über den König der Juden sein?
Ja, es handelt sich um ein glänzendes Gewand, beziehungsweise kann man es auch als ein weißes Gewand übersetzen. Das griechische Wort bedeutet glänzend, im Sinne von speziell für weiße Kleider verwendet. Es war also ein weißes Gewand.
Auf Lateinisch hieß dieses weiße Gewand Toga Candida. Kandidaten für hohe Ämter im Römischen Reich zogen eine Toga Candida an. So wusste man, dass jemand gerne eine Position übernehmen wollte.
Damals, vor der Wahl von Trump, hätte also Trump im Römischen Reich ein weißes Kleid tragen können, genauso wie seine Herausforderin, die ebenfalls die Toga Candida trug. Von hier stammt auch unser Wort „Kandidat“. Ein Kandidat ist eben jemand, der auf ein Amt oder eine Position aspiriert, sie aber noch nicht innehat.
Damit wollte man den Herrn verspotten: „Das ist einer, der gerne König der Juden sein möchte.“ Aber Er ist es natürlich nicht.
Und das Schreckliche ist: Wenn der Feind meines Feindes mein Freund ist. In Vers 12 heißt es: Herodes und Pilatus aber wurden an demselben Tag Freunde miteinander, denn vorher waren sie gegeneinander in Feindschaft.
Herodes wurde zum Feind des Herrn Jesus. Und Pilatus, dieser Mann, der nicht gerade stehen wollte, der kein Profil hatte – sonst hätte er der Volksmenge widerstanden – wurde damit ebenfalls zum Feind des Herrn Jesus.
Jetzt haben sie den gleichen Feind, und das macht sie zu Freunden. Schrecklich.
Ich würde sagen, wir stoppen an dieser Stelle und fahren beim nächsten Mal mit Vers 13 weiter. Dann kommen wir zur dritten Phase vor Pontius Pilatus und anschließend zur Kreuzigung.