Einführung in die messianischen Stellen Jesajas
Wir stehen bei der Betrachtung der messianischen Stellen im Buch Jesaja, Kapitel 42. Bereits beim letzten Mal haben wir damit begonnen.
Wir lesen nochmals Jesaja 42,1-9:
Siehe, mein Knecht, den ich halte, mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt. Er wird das Recht zu den Nationen hinausbringen. Er wird nicht schreien und seine Stimme nicht erheben. Auf der Straße wird man seine Stimme nicht hören.
Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue bringt er das Recht hinaus. Er wird nicht verzagen noch zusammenbrechen, bis er das Recht auf Erden aufgerichtet hat.
Und die Inseln warten auf seine Weisung, so spricht Gott, der Herr, der die Himmel schuf und sie ausspannte, der die Erde ausbreitete und was ihr entsprosst, der dem Volk auf ihr den Atem gab und den Lebenshauch denen, die auf ihr gehen.
Ich, der Herr, habe dich in Gerechtigkeit gerufen und ergreife dich bei der Hand. Ich behüte dich und mache dich zum Bund des Volkes, zum Licht der Nationen, um blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker herauszuführen und aus dem Gefängnis jene zu befreien, die in der Finsternis sitzen.
Ich bin Yahweh, das ist mein Name, und meine Ehre gebe ich keinem anderen, noch meinen Ruhm den Götterbildern. Das Frühere siehe, es ist eingetroffen. Neues verkündige ich, bevor es aufsprosst, lasse ich es euch hören.
Die Bezeichnungen des Messias und ihre Bedeutung
Namen finden wir hier vom Messias. Jawohl, Knecht oder noch genauer: mein Knecht. Gott nennt den Messias „mein Knecht“, dann auch „mein Auserwählter“.
In den weiteren Kapiteln werden wir verschiedene Abschnitte sehen, in denen der Messias speziell als Gottesknecht vorgestellt wird. Übrigens: Der berühmteste messianische Abschnitt in Jesaja ist Kapitel 53. Dieses beginnt eigentlich schon ein wenig früher, nämlich in Jesaja 52, Vers 13. Dort finden wir ebenfalls diesen Titel für den Messias.
Jesaja 52,13 lautet: „Siehe, mein Knecht wird einsichtig handeln. Er wird erhoben und erhöht werden und sehr hoch sein, wie sich viele über dich entsetzt haben. So entstellt war sein Aussehen mehr als das irgendeines Mannes und seine Gestalt mehr als die der Menschenkinder. Ebenso wird er viele Nationen besprengen, über ihn werden Könige ihren Mund schließen. Denn sie werden sehen, was ihnen nicht erzählt worden war, und was sie nicht gehört hatten, werden sie wahrnehmen.“
Auch hier wird der Messias genannt: „Avdi“, mein Knecht, in Vers 13 – derselbe Name wie in Jesaja 42.
Übrigens war im Judentum von alters her klar, dass das Kapitel, das jetzt die Leiden des Gottesknechtes beschreibt – Jesaja 53 – vom Messias handelt. Im Targum Jonathan ben Ussiel zu den Propheten, der aramäischen Übersetzung des hebräischen Alten Testaments, die man in jeder Rabbinerbibel findet, wird dies deutlich.
In diesen Bibeln steht der Grundtext in großen Druckbuchstaben. Darunter folgen die Targumim, die aramäischen Übersetzungen, in etwas kleinerer Schrift. Noch kleiner sind die wichtigen Kommentare über den Bibeltext, und die weniger wichtigen Kommentare stehen in noch kleineren Buchstaben. Das ist eine typische Rabbinerbibel: Grundtext, aramäische Übersetzung und verschiedene Kommentare, geordnet nach Wichtigkeit.
Im Targum Jonathan ben Uzziel, der ebenfalls aus der Antike stammt, wird im Aramäischen an dieser Stelle eingeschoben: „Siehe, mein Knecht“ und dann „Meschicha“, das ist Aramäisch für den Messias. So war in der Übersetzung klar gemacht, dass es hier um den Messias geht, der der Knecht Gottes ist.
Moralische Eigenschaften des Messias in Jesaja 42
Nun, in Jesaja 42 erfahren wir vieles über den moralischen Charakter des Messias. Es gibt Prophezeiungen, die eher äußerliche Merkmale beschreiben, an denen man den Messias erkennen konnte. Zum Beispiel musste er in Bethlehem geboren werden (Micha 5,1). Er musste im Jahr 32 nach Christus als Fürst in Jerusalem auftreten (Daniel 9,25). Die Jahrwochen Daniels führen genau auf das Jahr 32.
Außerdem musste er ein Nachkomme aus dem Haus Davids sein. Zur Zeit Jesu konnte man dies anhand der vorhandenen Geschlechtsregister belegen, die zentral in Jerusalem aufbewahrt wurden. Dies sind eher äußerliche, eindeutige Kennzeichen des Messias.
In Jesaja Kapitel 42 hingegen werden seine moralischen Eigenschaften gezeigt. Das bedeutet, Gott hat sein Wohlgefallen an ihm, „an welchem meine Seele Wohlgefallen hat“. Bereits beim letzten Mal haben wir gesehen, dass wir uns nicht mehr wundern müssen über die Taufe am Jordan durch Johannes den Täufer. Dort öffnete sich der Himmel, und die Volksmenge am Jordan, in der Nähe von Jericho, konnte die Stimme Gottes hören: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe.“
Man muss sich das so vorstellen: Seit dem Sündenfall haben alle Menschen Gott verunehrt. Keiner ist über diese Erde gegangen, ohne Gott zu verunehren. Plötzlich erscheint ein Mensch, der Gott in allem verherrlicht hat – in seinen Taten, in seinen Worten und in seinen Gedanken war alles Gott wohlgefällig. Dieser Kontrast ist enorm.
Am Ende seines öffentlichen Dienstes, vor etwa drei Jahren, öffnete sich auf dem Berg der Verklärung nochmals der Himmel, und dieselbe Stimme sagte erneut: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe.“
Übrigens finden wir dieses Wort im Neuen Testament siebenmal. In den Evangelien wird es in Verbindung mit der Taufe durch Johannes erwähnt, in den drei Evangelien Matthäus, Markus und Lukas. Auch der Berg der Verklärung wird in diesen drei Evangelien beschrieben, also sechsmal insgesamt. Ein siebtes Mal nimmt Petrus dieses Erlebnis in seinem zweiten Brief auf, den er aus der Todeszelle in Rom geschrieben hatte. Dort zitiert er das Wort „Dieser ist mein geliebter Sohn“ erneut.
Das entspricht genau diesem Charakter: „Siehe, meinen Knecht, den ich stütze, meinen Auserwählten, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat.“
König und Knecht: Ein theologisches Paradoxon
An einigen Stellen wird der Messias als König Israels vorgestellt, an anderen als Knecht. Das ist ein Paradoxon – der Kontrast zwischen König und Knecht.
Schauen wir uns das kurz an: Wo wird der Messias ausdrücklich als König beschrieben? Eine der bekanntesten Stellen ist Zacharja 9,9. Dort wird der Einzug des Königs nach Jerusalem auf einem Esel prophezeit.
Zacharja 9,9 lautet: „Tochter Zion, siehe, dein König kommt zu dir; gerecht und siegreich ist er, demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen, dem Jungen einer Eselin.“ Hier wird der Messias also als König Israels und Jerusalems dargestellt.
Im Gegensatz dazu wird er in Jesaja 42 als „mein Knecht“, der Knecht Gottes, bezeichnet.
Welches Evangelium im Neuen Testament legt den Schwerpunkt besonders auf den König? Das Matthäusevangelium. Dort wird Jesus immer wieder als König Israels dargestellt.
In welchem Evangelium hingegen liegt der Akzent auf dem Knecht? Im Markusevangelium. Interessant ist auch die Reihenfolge der Evangelien: Matthäus, Markus, Lukas, Johannes. Zuerst wird der König vorgestellt – die erhabenste Stellung, die ein Mensch auf Erden haben kann. Im nächsten Evangelium, Markus, wird Jesus als der Knecht Gottes dargestellt, was die niedrigste Stellung ist.
Man kann das auch in Bezug auf die drei Ämter des Messias sehen. Hier geht es aber speziell um den Kontrast zwischen König und Knecht. Nicht der Prophet, sondern der Knecht steht im Gegensatz zum König.
Wie wird der Akzent im Lukasevangelium gesetzt? Dort wird die wahre Menschheit Jesu Christi besonders betont. Das Evangelium wurde von einem Arzt geschrieben, und die Geburtsgeschichte ist dort ausführlich beschrieben. So soll gezeigt werden, dass der Messias ein wirklicher Mensch ist.
Auch im Alten Testament wird die Menschheit des Messias betont. Eine bekannte Stelle ist Zacharja 6,12. Diese Stelle war im Judentum schon lange als messianisch bekannt.
Zacharja 6,12 lautet: „Und sage ihm: So spricht der Herr der Heerscharen: Siehe, ein Mann, dessen Name ‚Spross‘ ist. Er wird unter seinem Volk sprießen und den Tempel des Herrn bauen.“
Hier wird der Messias als „ein Mann“ bezeichnet – also als wirklicher Mensch.
Was ist das Thema im Johannesevangelium? Dort wird besonders die Gottheit Christi betont. Das Evangelium beginnt mit den Worten: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“
Weiter heißt es, dass es Gott der Sohn ist, der in die Welt gekommen ist. Johannes 1,18 sagt: „Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht.“
Im Johannesevangelium wird also speziell der Sohn Gottes vorgestellt.
Auch Psalm 2 weist im Judentum klar auf den Messias hin und sieht ihn als Sohn Gottes. Psalm 2,7 lautet: „Ich will die Anordnung des Herrn bekanntgeben: Er hat zu mir gesprochen: ‚Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.‘“
In Vers 12 heißt es: „Küsst den Sohn, damit er nicht zürnt und ihr umkommt auf dem Weg, denn leicht entbrennt sein Zorn. Glücklich sind alle, die bei ihm Zuflucht suchen.“
Hier wird der Sohn Gottes als derjenige dargestellt, bei dem man Schutz finden muss.
Im Psalm 2 kommen die Wörter „Ben“ und „Bar“ vor. „Bar“ ist im Aramäischen das übliche Wort für Sohn, im Hebräischen wird es ebenfalls verwendet. Psalm 2 ist hebräisch geschrieben, daher kommen beide Wörter als Varianten vor.
Der Unterschied könnte folgender sein: Jesus ist in zweierlei Hinsicht Sohn Gottes. Einerseits ist er Sohn Gottes durch seine Menschwerdung, also durch Zeugung. „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“ bezieht sich auf diese Menschwerdung.
Andererseits ist er von Ewigkeit her Sohn Gottes in seiner Gottheit, in einem ewigen Verhältnis als Sohn zum Vater. Er ist als Sohn in die Welt gekommen, also Mensch geworden.
Man muss also zwischen seiner ewigen Sohnschaft und seiner Sohnschaft als Mensch unterscheiden.
Psalm 2,7 bezieht sich direkt auf seine Sohnschaft als Mensch, während der Begriff „Sohn“ allgemein auch seine ewige Sohnschaft meint. Daher gibt es diese zwei Varianten.
Die vier Evangelien als Einheit der messianischen Offenbarung
Jetzt ist es interessant zu sehen, wie die Evangelien das aufnehmen, was im Alten Testament als Bild vom Messias gemalt wird: der König im Matthäusevangelium, der Knecht im Markusevangelium, der Mensch im Lukasevangelium und der Sohn Gottes im Johannesevangelium.
Jedes Mal entsteht dabei ein Kontrast. König ist die höchste Stellung, die ein Mensch haben kann, das höchste Amt. Der Knecht hingegen ist das niedrigste Amt. Auch bei Lukas und Johannes gibt es einen Kontrast: Die Betonung auf den Menschen spricht von Erniedrigung. Wir sind als Menschen nicht die höchsten Geschöpfe, sondern unter Gott gestellt. Im Johannesevangelium wird jedoch gezeigt, dass der Sohn Gottes Gott selbst ist. Hier steht also der Kontrast Mensch und Gott, Knecht und König.
Es ist auch interessant festzustellen, dass König und Knecht Ämter sind. Mensch und Gott hingegen sind keine Ämter, sondern Wesensmerkmale. Man ist Mensch, man kann nicht einfach die Stellung eines Menschen einnehmen, man ist Mensch. Ebenso ist Gott Gott.
Die ersten beiden Evangelien zeigen Ämter des Herrn Jesus: König und Knecht. Die anderen beiden zeigen ihn als das, was er wesensmäßig ist: Er ist Mensch geworden und war von Ewigkeit her Gott. So sehen wir, dass die Evangelien zusammen eine Einheit bilden. Wenn man sie auseinanderreißt, geht das ganze Muster kaputt.
Es gibt noch viele weitere Strukturen, die deutlich machen, dass die vier Evangelien im Neuen Testament eine in sich geschlossene Einheit sind. In den letzten Jahren hörte man in den Medien immer wieder, es seien neue Evangelien entdeckt worden, zum Beispiel das Judas-Evangelium oder das Thomas-Evangelium. Manche erwarten dadurch neue, richtigere oder korrektere Informationen über Jesus von Nazaret.
Diese sogenannten neuen Evangelien sind jedoch allesamt gnostische Evangelien. Sie wurden im zweiten Jahrhundert verfasst. Das Thomas-Evangelium wird von Forschern allgemein auf etwa 140 nach Christus datiert, das Judas-Evangelium sogar auf das zweite oder dritte Jahrhundert. Sie stammen also eindeutig nicht von Augenzeugen.
Dagegen sind das Matthäusevangelium und das Johannesevangelium gemäß den ältesten Überlieferungen aus der frühesten Christenheit tatsächlich Augenzeugenberichte. Es gibt sogar ein griechisches Fragment des Matthäusevangeliums aus dem ersten Jahrhundert, womit eindeutig belegt werden kann, dass die Evangelien der Bibel auf Augenzeugen zurückgehen.
Die Judas- und Thomas-Evangelien hingegen sind gnostische Fälschungen aus späterer Zeit. Gnostisch bedeutet, dass sie aus einer Sekte stammen, die in der Kirchengeschichte behauptete, Jesus sei nicht wirklich Mensch geworden, sondern habe nur einen Scheinkörper angenommen. Diese Denkweise stammt aus der griechischen Philosophie und geht auf Platon zurück.
Platon lehrte, dass alles Irdische und Materielle minderwertig sei. Das Wahre sei nur das Geistliche, die Ideen im Jenseits. Der Mensch müsse sich vom Stofflichen lösen und immer höher hinaufarbeiten. Die Gnostiker übernahmen dieses platonische Denken und folgerten: Wenn die Materie minderwertig ist, dann konnte Jesus nicht wirklich Mensch geworden sein, denn er hätte sonst einen minderwertigen Körper angenommen.
So leugneten sie seine wahre Menschheit. Im Neuen Testament heißt es im ersten Johannesbrief, dass man Antichristen daran erkennt, dass sie nicht bekennen, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist. Das heißt, sie leugnen, dass er als wirklicher Mensch mit einem echten Körper gekommen ist.
Leute, die mit solchen gnostischen Evangelien operieren wollen, müssen darauf hingewiesen werden, dass diese Evangelien nicht die Wahrheit enthalten. Diese Fälschungen stammen aus späterer Zeit und tragen falsche Namen. Thomas war bereits lange vor 140 nach Christus gestorben. Der letzte Apostel Jesu Christi war Johannes, der um das Jahr 100 nach Christus starb.
Diese Erkenntnisse sind wichtig, um den Herausforderungen durch solche Texte nüchtern zu begegnen und klarzustellen, dass die Evangelien der Bibel verlässliche Augenzeugenberichte sind. Das wurde auch durch den Roman Sakrileg von Dan Brown stark gefördert. Manche lasen diesen Roman in der Hoffnung, die wahren Ursprünge des Christentums zu erfahren. Doch wer sich sachlich informieren möchte, sollte keine Romane lesen, sondern Sachbücher.
So lässt sich sagen: Die Evangelien in der Bibel sind authentische Berichte aus erster Hand, während die sogenannten neuen Evangelien gnostische Fälschungen aus späterer Zeit sind.
Der Geist des Messias und seine Botschaft an die Nationen
Ja, also gehen wir zurück. Das war ein kleiner Exkurs, um den Begriff „mein Knecht“ heilsgeschichtlich noch besser einzuordnen. Jetzt gehen wir weiter.
In Jesaja 42,1 wird gesagt: „Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt.“ Die Erfüllung davon war dann am Jordan, als der Geist bei der Taufe durch Johannes wie eine Taube auf Jesus Christus herabkam. „Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt“, und dann wird gesagt, er wird den Nationen das Recht kundtun. Man konnte also schon als Jude im Alten Testament ahnen: Der Messias wird sich nicht nur mit unserem Volk, dem jüdischen Volk, beschäftigen. Sondern er hat eine Botschaft für die anderen Völker. Er wird den Nationen das Recht kundtun.
Wir kommen gleich auf diesen Punkt zurück, aber zuerst sehen wir weiteres über seinen Charakter.
Vers 2: Was erfahren wir da über den Messias? Liest das nochmals jemand? „Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf dem Gast.“ Jawohl, was bedeutet das? Wer schreit auf den Gassen? Marktschreier. Gut, er wird kein Händler sein. Aber wenn der Messias als König erwartet wurde, dann hatte das eine politische Bedeutung.
Welche Leute schreien? Das Volk Höbel und die Masse, die eine Revolution will. Die Revolutionären schreien auf den Straßen. Der Messias werde nicht als Revoluzzer auftreten. Ich weiß, es gibt manchmal Vorstellungen, Jesus Christus sei ein Revolutionär gewesen. Und auch dieses üble Musical „Jesus Christ Superstar“ stellt ihn so dar. Es ist eine ganz gottlose Darstellung von Jesus Christus, die ihn als Revoluzzer darstellen will.
Der Hintergrund war natürlich die ganze neomarxistische Überfremdung ab den sechziger Jahren. Aus diesem Nährboden ist dieses Musical entstanden. Jesaja beschreibt ihn ganz anders: nicht als Revolutionär, der auf den Straßen herumschreit und die Macht auf diese rohe Art an sich reißen möchte.
Das bedeutet nicht, dass er nicht in der Öffentlichkeit predigen würde – das wäre etwas ganz anderes. Aber er wird eben nicht als Revoluzzer auf der Straße auftreten, das Volk zum Aufstand aufrufen und aufstacheln, noch wird man seine Stimme auf der Straße hören.
Und dann Vers 3: Liest das jemand? „Das beknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen; in Treue birgt er das Recht hinaus.“ Jawohl, was sagt dieser Vers über ihn aus? Er ist barmherzig – und zwar zu was für Menschen? Zu den Geknickten, zu den Einfachen, Gedemütigten. Genau. Und zu denen, wo nur noch ein Funke von Hoffnung da ist.
Er gibt die Menschen nicht einfach so auf. Dort, wo noch ein Funken von Hoffnung ist, geht er darauf ein. Er will das, was da noch ein bisschen an glimmendem Docht da ist, wieder zum Licht hinführen. Und das, was geknickt ist, will er heilen, damit es wieder wachsen kann, ohne dass man es abreißt.
Also er wird Geduld haben mit Menschen, und da, wo noch ein Funke Hoffnung da ist, geht er darauf ein. Wir könnten natürlich viele Beispiele aus den Evangelien zusammentragen, aber ein besonders anschauliches ist der barmherzige Samariter. Genau, wobei das ja ein Gleichnis ist, in dem der Herr seine Gesinnung zeigt, wie er mit denen umgeht, die halb totgeschlagen sind. Letztlich weist der barmherzige Samariter auf Jesus Christus selbst hin.
Zum Beispiel am Teich Bethesda: Dort ist ein Gelähmter, der jahrelang gelähmt war. Übrigens hat er dann nicht gebadet, sondern der Herr hat ihn einfach so geheilt – ohne das Bad in Bethesda. Man könnte auch an die samaritische Frau am Jakobsbrunnen denken. Dort ist Jesus so eindrücklich.
Obwohl Jesus manchmal vor zehntausenden von Leuten gepredigt hat, heißt es im Lukasevangelium im Griechischen von Myriaden, die kamen, um ihn zu hören. Eine Myriade ist im Griechischen zehntausend, also eine Mehrzahl von Myriaden.
Da könnte jemand einwenden: „Aber das geht doch nicht ohne Mikrofon.“ Natürlich geht das. Das wissen wir auch zum Beispiel aus der Zeit von George Whitefield, einem Evangelisten im achtzehnten Jahrhundert. Er sprach ohne Verstärkung vor Zehntausenden. Zwanzigtausend Zuhörer waren üblich, und er hatte eine sehr starke Stimme. Das war möglich.
So hat auch Jesus vor Zehntausenden gesprochen. Er muss eine sehr starke Stimme gehabt haben. Aber es war ihm nicht nur wichtig, möglichst viele Leute auf einmal zu erreichen. Gerade bei der Geschichte der Samariterin heißt es in Johannes 4, er musste durch Samaria reisen. Das war nicht der übliche Weg für Juden von Judäa nach Galiläa. Sie machten normalerweise einen Umweg, weil eine Konfrontation mit den Samaritern in Samaria gefährlich war.
Trotzdem steht dort eine Kanaanäische Frau aus dem Libanon in Matthäus 15. Ja, das ist auch so ein glimmender Docht, und der Herr geht auf sie ein – sehr schön.
Bei der Samariterin ist noch zu sagen: Johannes 4 sagt, er musste durch Samaria gehen. Dieses „Muss“ hatte nur den Grund, dass er dieser Frau begegnen sollte. Er hatte ein ganz persönliches Gespräch mit ihr am Brunnen.
Langsam kommt er nicht sofort zum Zentrum, sondern führt das Gespräch behutsam. Schließlich sagt er: „Rufe deinen Mann.“ Sie antwortet: „Ich habe keinen Mann.“ Der Herr sagt: „Du hast recht gesagt, ich habe keinen Mann. Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“ Sie lebte also nur im Konkubinat, aber das ist nicht ihr Mann vor Gott.
Kurz danach geht sie in die Stadt und ruft: „Kommt her, da ist ein Mann, der hat mir alles gesagt, was ich getan habe.“ Das kann ja nicht sein, das ist doch der Messias! Sie hat realisiert, wer das ist.
Diese Frau kann man als ein geknicktes Rohr beschreiben. Sie hatte sehr viele schlimme Erfahrungen in ihrem Leben. Der Herr kommt zu ihr, bringt sein Wort, und diese Frau findet den Messias und Vergebung für ihre ganze Vergangenheit. Das ist so ein glimmender Docht, den der Herr nicht ausgelöscht hat.
Es gibt zahlreiche Beispiele in den Evangelien, die genau dieses Wesen des Messias illustrieren. Er ist ganz anders als viele Mächtige in dieser Welt. Er ist König und Knecht in einer Person.
Unermüdlicher Dienst bis zum Ziel
Ja, und dann Vers 4, was wird daraus gesagt? Wie könnte man das mit anderen Worten umschreiben? Es ist ja oft so, dass man einen Beweis liefern kann, dass man einen Text verstanden hat, wenn man das Gleiche mit ganz anderen Worten nochmals sagen kann.
Unermüdlicher Dienst, und zwar bis zu seinem Sieg, bis zum Ziel – genau, bis zum Sieg. Es gibt Leute, die sind unermüdlich, aber dann plötzlich ist fertig, und ihr Lebenswerk ist nicht zum Ziel gekommen. Hier wird jedoch gesagt, dass er unermüdlich sein wird und das Ziel erreichen wird.
Dieses „Er wird nicht ermatten“ – dieses Unermüdliche sehen wir auch sehr schön im Markus-Evangelium, wo ja eben der Knecht beschrieben wird. Im Markus-Evangelium fällt auf, dass dort nicht über ein königliches Geschlechtsregister gesprochen wird, wie im Matthäusevangelium. Auch wird keine Geburtsgeschichte erzählt, wie im Lukasevangelium. Stattdessen beginnt das Markus-Evangelium nach einer ganz kurzen Einführung direkt mit dem Dienst Jesu Christi.
Für einen Diener ist es ja nicht wichtig, dass er königliche Abstammung hat oder wie seine Geburt war, sondern was für einen Knecht wichtig ist: dass er dient. So wird im Markus-Evangelium der Akzent auf die Taten Jesu gesetzt.
Übrigens kann man das auch statistisch zeigen: Wenn man alle Verse in den Evangelien auszählt, in denen Jesus Christus spricht, ist es ganz klar so, dass im Markus-Evangelium prozentual der Herr am wenigsten spricht. Für einen Knecht ist es ja nicht besonders wichtig, viel zu sprechen, sondern zu dienen. Der Akzent liegt auf den Taten.
Ein Wort, das das Markus-Evangelium förmlich charakterisiert, ist das Wort „und“. Es kommt im gesamten Markus-Evangelium etwa 1100 Mal vor, bei nur sechzehn Kapiteln. Ich habe das auch statistisch angeschaut in allen Büchern des Neuen Testaments, wie oft das Wort „und“ prozentual vorkommt. Mit Abstand hat das Markus-Evangelium das dichteste Vorkommen dieses Wortes.
Natürlich sollte man im Deutschen keine Aufsätze schreiben, die ständig mit „und“ beginnen. Das ist stilistisch nicht erwünscht. Aber das gilt nur für das Deutsche und kann nicht auf andere Sprachen übertragen werden. Das Markus-Evangelium schließt sehr stark an das Hebräische an. Bei der hebräischen Erzählform ist es üblich, dass Sätze mit „und“ beginnen. Die Erzählform beginnt sogar immer mit „waw“ (und), also „weihomer“ – und er sprach, oder „weyar“ – und er sah. Das liegt schon in der Erzählform drin.
Aber dieses „und“ kommt nirgends so dicht vor wie im Markus-Evangelium. Das zeigt eben den unermüdlichen Diener, der seinen Weg bis zum Schluss geht, nicht nur bis zum Kreuz, sondern auch darüber hinaus. Er steht aus den Toten auf. Das Markus-Evangelium geht noch weiter als die anderen Evangelien: Es beschreibt auch die Himmelfahrt Jesu und das Sitzen zur Rechten Gottes. Das kommt nur im Markus-Evangelium vor.
Es wird gezeigt, dass er hindurchgeht und wirklich das Endziel erreicht. Bedeutet das, dass vor allem das Markus-Evangelium ursprünglich hebräisch war? Nein, das kann man daraus nicht ableiten. Aber die Sprache ist vom Hebräischen geprägt. Man sagt, es enthält viele Hebraismen.
Wenn jemand Französisch als Muttersprache hat und Deutsch spricht, sagt er manchmal Dinge anders, als wir das auf Deutsch tun würden. Wenn man das zurückübersetzt, sieht man: Ach, das ist Hebräisch, das ist Französisch – so würde man das eben sagen. So gibt es im Griechischen des Markus-Evangeliums viele Hebraismen, also Ausdrücke, die vom Hebräischen geprägt sind, der Muttersprache von Markus.
Es ist aber korrektes Griechisch, allerdings stark vom Hebräischen beeinflusst. Das gilt übrigens für das ganze Neue Testament. Man hat das sogar bewusst gemacht. Zum Beispiel ein Hebraismus im Hebräerbrief: „Es geht um Jesus Christus, der alle Dinge trägt durch das Wort seiner Macht.“ Auf Deutsch würden wir nicht sagen „das Wort seiner Macht“, sondern „sein mächtiges Wort“.
Das kommt daher, dass es im Hebräischen vergleichsweise wenig Adjektive gibt. Das heißt nicht, dass man das nicht anders sagen kann, man sagt es eben mit Substantiven, die man anhängt. Also „das Wort der Macht“ ist ein mächtiges Wort, oder „der Sohn seiner Liebe“ (Kolosser 1) bedeutet „sein geliebter Sohn“.
Das findet man auch im Griechischen sehr oft so formuliert, obwohl man dort Adjektive hätte. Man empfand diese Ausdrucksweise als würdiger: „das Wort seiner Macht“, „alle Dinge durch das Wort seiner Macht tragend“, „der Sohn seiner Liebe“. Das hat eine größere Würde im Ausdruck.
Darum ist das Griechisch im Neuen Testament sehr stark von der hebräischen Sprache des Alten Testaments geprägt. Aber das heißt nicht, dass das Markus-Evangelium ursprünglich auf Hebräisch verfasst wurde.
Also dieser unermüdliche Diener – und dann gibt es noch ein Wort, das sehr charakteristisch ist und in den Evangelien nirgends so häufig vorkommt wie in Markus: das Wort „euthys“, alsbald. Immer wieder heißt es „alsbald“. Man kann zwar unermüdlich sein und „und und und“, aber man kann auch gelassen von einem Punkt zum anderen gehen.
Nein, dieses „alsbald“ zeigt, wie der Herr wirklich von einem Punkt zum anderen ging, ohne lang zu zögern.
Übrigens können wir kurz im Markus-Evangelium nachschlagen: Dort wird, und das findet man nur in Markus, auf der ersten Seite ein ganzer Tagesablauf beschrieben.
Lesen wir mal Markus 1,21: „Und sie begaben sich nach Kapernaum, und er ging am Sabbat sogleich in die Synagoge und lehrte.“ Da haben wir das Wort „sogleich“ oder „alsbald“, „euthys“. Er geht in die Synagoge, und es wird erzählt, was dort geschieht.
Nachher, Vers 29: „Und sogleich verließen sie die Synagoge und gingen mit Jakobus und Johannes in das Haus des Simon und Andreas.“ Also alsbald gehen sie hinaus aus der Synagoge und ins Haus von Simon. Dort war die Schwiegermutter krank, und der Herr erbarmt sich über sie und heilt sie.
Dann geht es weiter in Vers 32: „Als es aber Abend geworden war und die Sonne unterging, brachten sie alle Leidenden und Besessenen zu ihm. Die ganze Stadt war an der Tür versammelt.“ Der Herr heilt also. Er sagt nicht: „Ich habe ein Tagesprogramm bis 18 Uhr, bis Sonnenuntergang, und dann ist Schluss“, sondern die Sonne war schon untergegangen, es war schon Nacht, und die Leute kommen, und der Herr ist für sie da.
Wenn es dann so spät geworden ist, wie geht es am nächsten Tag weiter? Vers 35: „Und frühmorgens, als es noch sehr dunkel war, stand er auf und ging hinaus, um an einem einsamen Ort zu beten.“ Er bereitet den neuen Tag im Gebet vor.
Das ist auch wieder ganz charakteristisch für das Markus-Evangelium. Es zeigt uns, dass er der Knecht Gottes war, der unermüdlich, ohne zu ermatten und ohne niederzusinken seinen Dienst tat, bis das Ziel erreicht war.
Die Bedeutung der „Inseln“ (Iyim) in Jesaja 42
Gehen wir zurück zu Jesaja 42, Vers 4. Am Ende von Vers 4 steht: „Und die Inseln werden auf seine Lehre warten.“ Dieses Wort „Inseln“ haben wir beim letzten Mal schon kurz angesprochen, aber ich möchte es noch einmal genauer erläutern.
Es ist ganz interessant. Weiß noch jemand, was im Hebräischen für „Inseln“ steht? Iyim. Er hat letztes Mal gut Hebräisch gelernt. Iyim ist die Mehrzahl von Iy. Iy bedeutet „Insel“. Aber nicht irgendeine Insel. Das alttestamentliche Wort Iyim könnte man nicht benutzen für zum Beispiel die Galapagos-Inseln oder für Hawaii und andere Inseln im Pazifik. Iyim bezeichnet ganz speziell die Inseln des Mittelmeers, und zwar auf der europäischen Seite. Noch mehr: Iyim bezeichnet auch das Festland auf der europäischen Seite, und zwar von der Türkei bis nach Spanien.
Darum sagt das Wort Iyim, wenn man es mit „Inseln“ übersetzt, nur die halbe Wahrheit und nur einen Teil der Bedeutung. Aber wir haben kein Wort, das genau mit Iyim übereinstimmt. Man muss wissen, dass Iyim eigentlich ein Versuch ist, das Wort mit „Inseln“ zu übersetzen. Man müsste eigentlich jedes Mal noch eine Fußnote hinzufügen.
Das erste Mal kommt das Wort in 1. Mose 10 bei den Söhnen Noahs vor. Wir können kurz nachschlagen: 1. Mose 10, Verse 2-5. Wer liest? Nein, also von Vers 2 an, bitte. Ja, die Söhne. Jawohl. Dann kommen die Hamiten ab Vers 6 und noch später die Semiten. Hier wird erklärt, dass über die Linie von Japheth Gomer kam. Gomer ist eigentlich der Vater der Kelten und Germanen. Dann gibt es weitere Namen wie Madai, von dem die Meder abstammen. Das sind unter anderem die Kurden, also Völker mit iranischer Sprache, die aber nicht semitischen Ursprungs sind, eben unter anderem die Kurden. Dann Yavan, das ist später in der Bibel das Wort für Griechenland, von dem die Griechen abstammen, und so weiter.
Weiter heißt es: Die Kittim sind später in der Bibel die Bewohner der Insel Zypern. Und da wird erklärt, in Vers 5: „Von diesen aus verteilten sich die Bewohner der Inseln der Nationen.“ Und bei „Inseln“ steht das Wort Iyim. In der alten Elberfelder Bibel findet sich dazu eine gute Fußnote: Das hebräische Wort bezeichnet überall im Alten Testament die Inseln und Küstengebiete des Mittelmeers, von Kleinasien bis Spanien.
Das findet man auch im Kommentar von Keil und Delitzsch zum Alten Testament. Keil und Delitzsch waren zwei deutsche Gelehrte im 19. Jahrhundert und gehörten zu den größten Hebräisch-Spezialisten ihrer Zeit. Sie erklären im ersten Band ihres Kommentars über das ganze Alte Testament in etwa zehn Seiten, dass Iyim die Inselwelt des Mittelmeers auf der europäischen Seite plus das Festland von der Türkei bis Spanien bezeichnet.
Mit anderen Worten: Der langen Rede kurzer Sinn – Iyim ist ein ganz spezifisches Wort im Alten Testament für Europa.
Jetzt kommt das hier in Jesaja 42 vor: Der Messias wird nicht niedersinken, er wird zum Ziel kommen, und die Iyim werden auf seine Lehre harren. Wieso steht nicht „die ganze Welt wird auf ihn harren“? Die Iyim, also Europa, wird hier speziell hervorgehoben.
Im ersten Jahrhundert bekamen die Jünger von Jesus Christus den Auftrag (Apostelgeschichte 1, Vers 8), als er sich auf dem Ölberg verabschiedete: „Ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde.“ Auch im etwas früher gegebenen Missionsbefehl, der in Matthäus 28 am Schluss steht, sagt der Herr: „Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern und tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes usw.“
Der Herr gibt also den Auftrag, dass das Evangelium alle Völker erreichen muss. So hat es dann auch im ersten Jahrhundert angefangen. Man sieht das in der Apostelgeschichte: Das Evangelium kam im ersten Jahrhundert schon nach Afrika und wurde in Asien bis in den Irak verbreitet. Schon zur Zeit von Petrus wirkte dieser unter den irakischen Juden im Zweistromland. Petrus lässt auch von seiner Frau grüßen, die in Babylon war (1. Petrus 5).
Dann ging das Evangelium auch ganz früh nach Europa. Gerade in der Apostelgeschichte wird beschrieben, wie Paulus in Apostelgeschichte 16 eine Vision bekam, die für ihn den Auftrag bedeutete, jetzt nach Europa zu gehen und dort das Evangelium zu verkündigen. Er kommt nach Philippi. Die erste Europäerin, die durch Paulus’ Missionsarbeit gläubig wurde, war Lydia. Dort heißt es übrigens sehr schön: „Der Herr tat ihr Herz auf.“
Man kann predigen und predigen, und es geschieht nichts. Man kann gut erklären und gut predigen, und es geschieht nichts. Der Herr muss die Herzen auftun. So ist Lydia das Porträt der ersten Europäerin, die durch Paulus’ Missionsarbeit zum Glauben kam.
Im ersten Jahrhundert hätte man sich fragen können: Wo wird sich das Christentum am meisten etablieren? In Asien, in Afrika oder in Europa? Oder an allen drei Orten? Die weitere Geschichte verlief so, dass Europa der Kontinent wurde, auf dem das Christentum die größte Tiefen- und Breitenwirkung ausgeübt hat.
Wenn man bedenkt, dass die Germanen vor zweitausend Jahren als sehr wild galten – auch die Helvetier in der Schweiz, natürlich –, so gibt es eine schöne und übliche Beschreibung bei Julius Caesar. Er beschreibt die Germanen als ein sehr wildes Volk, das spärlich bekleidet sei und wilde Spiele mache, einfach nur zum Vergnügen und für die eigene Ehre. Man denkt daran, dass die Vorfahren hier noch Wein oder Alkohol aus den Schädeln ihrer Feinde tranken.
Man muss sagen, das Evangelium hat in Europa einiges verändert. Die Bibel und damit auch göttliches Recht kamen nach Europa. Natürlich könnte jemand sagen: „Brauchen wir das gar nicht, wir haben doch das römische Recht.“ Im römischen Reich war es jedoch üblich, dass Kinder ausgesetzt wurden. Massenweise wurden unerwünschte Kinder ausgesetzt. Abtreibung wurde ebenfalls praktiziert. Man hatte schon damals Mittel wie Giftkräuter und Selbstvergiftung, und dann kam es zum Ausstoß. All das war üblich.
Durch das Christentum verschwanden Kindsaussetzung, Kindsmord, Abtreibung und ähnliche Praktiken nach und nach. So wurde Europa christianisiert, auch wenn nicht alle Europäer echte Christen wurden. Die biblischen Werte haben Europa jedoch tiefgreifend verändert und geprägt. Die ganze Kultur wurde geprägt.
Man könnte zeigen, welchen Einfluss das auf die Musik hatte und in allen anderen Bereichen.
In Jesaja 42 steht in Vers 1 am Schluss: „Er wird den Nationen das Recht kundtun.“ Dieses Recht der Bibel kam wirklich zu den Nationen, den nichtjüdischen Völkern. Das ist noch allgemein. Jetzt aber wird in Vers 4 betont: „Und die Iyim werden auf seine Lehre harren.“ Tatsächlich kam die Botschaft des Messias auf dem europäischen Kontinent am nachhaltigsten an.
In Vers 6 können wir noch lesen: „Ich ergreife dich bei der Hand, ich behüte dich und mache dich zum Bund des Volkes, zum Licht der Nationen.“ Auch hier wieder sehr allgemein: das Licht der Nationen. Er wird den heidnischen Völkern Licht bringen. Aber Vers 4 ist eben spezifischer: die Iyim, Europa.
Vielleicht können wir noch Vers 10 lesen: „Singet dem Herrn ein neues Lied, seinen Ruhm vom Ende der Erde; es brause das Meer und seine Fülle, die Inseln und ihre Bewohner.“ Hier wird wieder Iyim erwähnt, ein weiterer Hinweis auf Europa.
Bei diesem Aufruf singt ein neues Lied. Ich muss erklären: Das neue Lied kommt in der Bibel siebenmal vor. Es ist eine dieser sieben Stellen im Alten und Neuen Testament. Das neue Lied ist immer das Lied der Erlösung. Hier werden Menschen aufgerufen, das Lied der Erlösung vom Ende der Erde her zu singen. Ganz speziell werden die Iyim und ihre Bewohner erwähnt. Europa soll das Lied der Erlösung singen.
Jetzt machen wir eine zwanzigminütige Pause. Wir sind stehen geblieben in Jesaja Kapitel 42, Vers 4, eben bei Europa.
Die Endzeit und die Rückkehr der Juden aus den Inseln des Meeres
Gleich im Zusammenhang mit diesen Ijin möchte ich noch auf die erste Stelle im Buch Jesaja hinweisen, wo der Begriff vorkommt, und zwar in Kapitel 11, Vers 11.
Die Endzeit, in der der Messias als König kommen wird, wird in Kapitel 11,11 beschrieben. Dort heißt es, wie Gott die Juden aus allen möglichen Teilen der Welt nach Israel bringen wird. Wer liest Vers 11, bitte?
„Aus Assur und Ägypten, aus Pathos und Chusch, aus Elam, Schamad und von den Inseln des Meeres. Und er wird den Nationen ein Feldzeichen aufrichten und die Vertriebenen Israels zusammenbringen, und die verstreuten Judas wird er sammeln über die vier Enden der Erde.“
Jawohl, also in der Endzeit werden die Juden aus der ganzen Welt gesammelt. Das ist in unserer Zeit bereits geschehen. Seit der ersten jüdischen Einwanderung 1882 sind drei Millionen Juden aus allen fünf Kontinenten und aus über hundert Ländern zurückgekehrt ins Land der Väter.
Hier werden einige detaillierte geografische Angaben gemacht, woher sie kommen werden. Unter anderem wird erwähnt, dass sie aus den Inseln des Meeres kommen, also aus Europa. Wir haben hier die Ausdrücke Assur, das ist die geografische Bezeichnung für den Nordirak, und Sinear, das ist die Bezeichnung für den Südirak.
Im zwanzigsten Jahrhundert ist die gesamte jüdische Gemeinschaft, die es noch im Irak gab, von etwa 150.000 Menschen geflohen oder ausgewandert. Dann wird Ägypten erwähnt, aber auch Patros. Im Hebräischen steht bei Ägypten „Mitzrayim“, das bezeichnet speziell Unterägypten. Patros ist das biblische Wort für Oberägypten.
Aus Ober- und Unterägypten sind im zwanzigsten Jahrhundert praktisch alle 80.000 ägyptischen Juden ausgewandert. Dann haben wir Äthiopien, das ist der hebräische Begriff Kusch. Das umfasst Sudan und Äthiopien. Dort wurden Zehntausende schwarze Juden in dramatischen Aktionen aus Sudan und Äthiopien nach Israel gebracht.
Dann folgt Elam, eine Bezeichnung für Persien. In unserer Zeit sind über hunderttausend persische Juden unter dramatischen Umständen aus dem Iran geflohen und zu Zehntausenden nach Israel gebracht worden. Weiterhin wird Hamat erwähnt, die biblische Bezeichnung für das Land Hama im heutigen Syrien. Auch aus Syrien sind praktisch alle syrischen Juden im zwanzigsten Jahrhundert evakuiert worden.
Ich glaube, ich habe jetzt alle Begriffe erklärt. Bleibt noch die Erwähnung der Inseln des Meeres, der Ijin des Meeres. Nach der Judenvernichtung durch die Nazis wurden über eine halbe Million Juden, die aus Europa übrig geblieben waren, nach Israel gebracht.
Auch hier haben die Ijin in der erfüllten Prophetie eine ganz eindrückliche Bedeutung.
Der Bund des Messias und das Licht der Nationen
Ja, dann gehen wir weiter in Jesaja 42. Liest jemand noch Vers 5?
So spricht Gott, der Herr, der die Himmel schuf und ausspannte und die Erde ausbreitete samt ihrem Gewächs, der dem Volk auf ihr Odem gibt und denen, die darauf wandeln. Ich, der Herr, habe dich berufen in Gerechtigkeit und ergreife dich bei deiner Hand, und ich will dich behüten und dich zum Bund für das Volk setzen, zum Licht für die Heiden, dass du die Augen der Blinden öffnest, die Gebundenen aus dem Gefängnis führst und aus dem Kerker, welche in der Finsternis sitzen.
Jawohl, bis dahin mal. Hier wird gesagt, dass der Messias eine Aufgabe hat im Blick auf das Volk Israel und im Blick auf die nichtjüdischen Völker. Es heißt, ich werde dich behüten und dich setzen zum Bund des Volkes – da ist gemeint das Volk Israel. Und zweitens: zum Licht der Nationen.
Frage: Welcher Bund ist hier gemeint? Ich werde dich setzen zum Bund des Volkes. Wie? Der neue Bund. Der neue Bund wurde ja schon im Alten Testament an vielen Stellen angekündigt. Die ausführliche Stelle über den neuen Bund findet sich wo? Jeremia 31, ja. Und zwar kann man sie gut merken: 31, 31.
Ja, liest jemand? Wir haben mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund. Nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern machte, als ich sie bei der Hand hatte, dass ich sie aus Ägyptenland führte, welchen Bund sie nicht gehalten haben und ich sie zwingen musste, spricht der Herr.
Sondern: Was soll der Bund sein, den ich mit dem Hause machen will? Nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.
Jawohl, das ist ja schon sehr beachtenswert. Im Alten Testament spricht Gott über einen neuen Bund, über ein neues Testament. Das Wort Testament heißt ja Bund. Im Alten Bund spricht Gott über den neuen Bund, den er machen wird. Mit wem soll dieser neue Bund geschlossen werden? Wo steht das? In welchem Vers? Ja, Jeremia 31, richtig.
Mit dem Haus Juda, aber es steht auch noch mit dem Haus Israel. Was heißt das? Ja, das sind die zwölf Stämme: das Haus Israel, das sind die zehn Stämme, die so genannt werden, und das Haus Juda, das sind die zwei Stämme Juda und Benjamin. Also, der neue Bund wird mit Israel geschlossen werden.
Das ist wichtig, weil viele Christen sagen, der neue Bund sei mit der Gemeinde geschlossen. Das steht aber nirgends in der Bibel, weder im Alten noch im Neuen Testament. Aber als der Herr Jesus das Abendmahl einsetzte an diesem Vorabend der Kreuzigung, als die Schatten von Golgatha bereits auf ihn gefallen waren, da hat er den Kelch genommen und gesagt: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.
Also, Jesus sagt, der neue Bund wird nun geschlossen werden auf der Grundlage seines Todes am Kreuz. Schon der erste Bund am Sinai wurde geschlossen, indem Opfertiere dargebracht wurden. Also musste dieser Bund mit Blut eingeweiht werden, und der neue Bund sollte eben auch mit einem Opfer eingeweiht werden, aber mit dem Opfer nicht von Stieren und Böcken, sondern mit dem Opfer des Messias.
Der Bund wird dann einmal in der Zukunft offiziell mit dem Volk Israel geschlossen werden. Grundsätzlich wurde dieser Bund aber schon durch den Tod des Messias gegründet. Und wenn Gott also sagt in Jesaja 42: „Ich werde dich behüten und dich setzen zum Bund des Volkes“, dann heißt das, dass er eben zum Opfer werden wird, auf dessen Grundlage Gott schließlich den neuen Bund mit Israel schließen wird.
Im Judentum hat man also verstanden, dass der Messias einen neuen Bund schließen wird, gründen wird, und mit diesem neuen Bund wird es auch eine Änderung des Gesetzes geben. Das findet man aus diesen Gedanken auch in der rabbinischen Literatur.
So heißt es zum Beispiel in einem Kommentar, der Kommentar zum Midrasch Kohelet, zum Buch Prediger: Dort heißt es, du kannst die Tora, die wir in dem heutigen Zeitalter lernen, nicht vergleichen mit der Tora des Messias. Man musste, wenn der Messias kommt, wird er ein neues Gesetz, eine neue Tora bringen.
Diese neuen Gesetze finden wir eben im Neuen Testament. Und das macht eben die Unterschiede aus im Neuen Testament und im Alten Testament. Es gibt ja Kritiker, also Ungläubige und Atheisten, die sagen, die Bibel sei voller Widersprüche. Warum kann es im Neuen Testament so heißen, im Alten Testament anders?
Das heißt nicht, dass es Widersprüche gibt. Es muss so sein, weil es die Tora von Sinai gibt und dann die neue Tora des Messias. Und dieser Ausdruck „die Tora des Messias“ kommt sogar so vor in der Bibel, im Neuen Testament. Wo? Galater 6, richtig. Aber der Römerbrief behandelt eben ein ähnliches Thema.
Galater 6 können wir gerade aufschlagen, Vers 2. Jawohl. Und wenn ich jetzt eben zurückübersetze auf Hebräisch: Gesetz ist auf Hebräisch Tora, und Christus ist Messias – Christus ist eben Griechisch und Messias Hebräisch. Also die Tora des Messias.
Und diese neue Tora des Messias im Neuen Testament ist eben genau so, wie das im Judentum erwartet worden war: Du kannst die Tora, die wir in der heutigen Zeit lernen, nicht vergleichen mit der Tora des Messias.
Man erwartete ein Gesetz, das höher sein wird als das Gesetz von Sinai. Dieser Unterschied ist zum Beispiel erkennbar daran: Die Tora von Sinai sagte, du sollst nicht Ehe brechen. Aber die Tora des Christus sagt in Epheser 5,25: Ihr Männer, „liebet eure Frauen, gleichwie der Christus die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat.“
Also das Gesetz des Christus erwartet, dass der Mann bereit ist, bis zum Letzten für seine Frau zu leben. Das haben die zehn Gebote nicht verlangt, nur: Du sollst nicht Ehe brechen.
Ich glaube, es gibt Ehen, die sind von dem hier gesehen intakt, und trotzdem fehlt das Wesentliche. Und dann, vielleicht ein bisschen mehr als nur das Wesentliche, ist vielleicht schon einiges noch da, aber Hingabe bis in den Tod – das ist etwas ganz anderes.
Der Unterschied kommt daher, dass das Gesetz von Sinai Israel gegeben wurde, das heißt einem Volk, das nach dem Auszug aus Ägypten hauptsächlich aus nicht bekehrten Menschen bestand. Man wurde ja nicht durch Bekehrung Israelit, sondern durch die Geburt, und durch die Beschneidung wurde das bestätigt.
Das Gesetz vom Sinai richtet sich in dem Sinne an ein Volk, von dem nicht erwartet wird, dass es innerlich erneuert ist. So sind all diese Gesetze in der Tora, im Alten Testament, Gesetze, um das Leben eines Volkes zu regeln, aber von einem Volk, von dem man nicht erwartet, dass alle erneuert sind.
Im Neuen Testament geht die Bibel davon aus, dass das Gesetz des Christus sich an Menschen richtet, die sich bewusst bekehrt haben, die bewusst ihre Schuld vor Gott im Gebet bekannt und bereut haben und die ganz bewusst die Vergebung durch den Opfertod Jesu in Anspruch genommen haben.
Solchen Menschen gibt Gott eine neue Natur, das ewige Leben, und so haben sie von Gott her die Kraft, um das Gesetz des Christus umzusetzen.
Die Tora am Sinai sagte: Du sollst nicht stehlen. Das Gesetz des Christus sagt in Epheser 4: Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr, sondern wirke vielmehr das Gute, damit er dem Bedürftigen mitzuteilen habe.
Also nicht nur nicht wegnehmen, das Privateigentum des Nächsten zu achten, sondern da, wo einer eben Mangel an Privateigentum leidet und das Nötige nicht hat, zu geben. Das merkt man, das sind Welten dazwischen.
Man kann natürlich sagen, es ist nicht grundsätzlich etwas anderes. Ehebruch ist auch im Gesetz des Christus, im Neuen Testament, schwere Sünde, aber die Anforderungen sind noch höher: nicht nur nicht Ehe brechen, sondern die Frau lieben bis in den Tod.
So findet man natürlich zu den Gesetzen unzählige Parallelen, aber auch wichtige Unterschiede. Denn all die Gesetze über Opfer werden nicht mehr wiederholt für die Gemeinde, und auch die Gesetze über Speise nicht mehr. Zum Beispiel, dass man Schweinefleisch nicht essen dürfe, das findet man im Neuen Testament nicht mehr.
In 1. Timotheus 4 wird eigentlich alles Fleisch freigegeben zum Gebrauch. Also da gibt es diese Unterschiede.
Wenn wir die zehn Gebote anschauen, können wir sagen, man findet alle Gebote neu formuliert im Neuen Testament. Auch das Gebot: Du sollst keine anderen Götter haben. Das Neue Testament sagt nicht, jetzt dürfe man andere Götter haben, aber das Gebot ist noch viel expliziter, noch viel strenger, kann man sagen.
Aber es gibt ein Gebot in den zehn Geboten, zu dem es keine Parallele gibt: das Sabbatgebot.
In Bezug auf die Gemeinde gibt es im Gesetz des Christus kein Sabbatgebot. Darum sagt auch Kolosser 2,16, dass niemand die Gläubigen der Gemeinde verurteilen soll im Blick auf Sabbate, eben weil es kein Sabbatgebot gibt für die Gemeinde.
Ja, eben indem sie die Schrift verdrehen und gerade dieses ausdrückliche Wort in Kolosser 2 einfach nicht akzeptieren.
Und dann geht es noch weiter bis zur Geschichtsverfälschung. Sie sagen ja, der erste Tag der Woche, quasi der Sonntag, sei erst durch Kaiser Konstantin eingeführt worden, als heidnischer Tag ins Christentum eingeführt.
Das stimmt nicht. Wir können mit den Quellen bis ins frühe Christentum zurückverfolgen, dass der erste Tag der Woche, übrigens der Tag, an dem der Herr Jesus als Auferstandener in der Mitte der Jünger erschien (Johannes 20), der erste Tag der Woche war.
Außerbiblisch können wir zeigen, dass dieser erste Tag der Woche, der Auferstehungstag, der Versammlungstag, der Hauptversammlungstag der Gläubigen war.
Also das ist eine Geschichtsfälschung, die die Adventisten da betrieben haben und immer noch betreiben. Ständig kommen sie mit diesem Argument.
Das stimmt nicht. Und dieser erste Tag der Woche kann auch außerbiblisch gezeigt werden, bis in die frühe Christenheit wurde er genannt: der Tag des Herrn, also wörtlich der dem Herrn gehörige Tag.
Der Tag des Herrn ist der Gerichtstag, aber der dem Herrn gehörige Tag – Kyriake Hemera – so in Offenbarung 1,10. Das ist der Auferstehungstag, also der Tag der Woche, der ganz besonders dem Herrn geweiht ist und darum der Tag für den Gottesdienst ist, eben begründet auf die Auferstehung des Messias.
Nun sehen wir in dem neuen Bund, Jeremia 31,31 sagt Gott: Dieser Bund wird ganz anders sein, und zwar wird Gott seine Gebote in die Herzen hineinschreiben.
Das meint eben die Wiedergeburt, dass Gott eine neue Natur gibt, die fähig macht, diese Gebote im Herzen eingeschrieben umzusetzen.
Man kann sagen, obwohl der neue Bund mit Israel geschlossen wird, hat aber die Gemeinde schon alle Segnungen dieses neuen Bundes bekommen, auf der Grundlage des Opfers des Herrn Jesus.
Das heißt also, alle Auswirkungen, die dieser neue Bund hat, hat die Gemeinde bekommen, aber offiziell wird der Bund nicht mit der Gemeinde geschlossen, sondern mit Israel.
Das ist ein wichtiger Unterschied, den man festhalten muss, sonst gibt es immer ein Durcheinander zwischen Gemeinde und Israel.
Praktische Fragen zum Sabbat und jüdischen Brauchtum im Neuen Bund
Ich habe noch eine Frage zum Schabbat. Es gibt heute viele Juden, einige davon erkennen Jesus als den Messias an. Unter diesen gibt es einige, die den Sonntag feiern, und andere, die weiterhin den Schabbat einhalten.
Auch der Apostel Paulus hat, wie wir in der Apostelgeschichte sehen, weiterhin die Synagoge besucht. Er hatte sogar ein Naziräergelübde abgelegt (Apostelgeschichte 18) und hat die Kosten für Opfer von Brüdern in Jerusalem übernommen (Apostelgeschichte 21).
All dies tat er im Sinne dessen, was er in 1. Korinther 9,20-22 schreibt: „Ich bin den Juden geworden wie ein Jude, um die Juden zu gewinnen, denen, die unter Gesetz sind, also unter der Tora vom Sinai. Denen, die unter Gesetz sind, bin ich wie unter Gesetz geworden, obwohl ich selbst nicht unter Gesetz bin, um die zu gewinnen, die unter Gesetz sind. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise etliche rette.“
Als Jude hat Paulus – wie auch andere jüdische Gläubige – weiterhin bestimmte jüdische Praktiken beibehalten. So hat er zum Beispiel Timotheus beschnitten, um der Juden willen (Apostelgeschichte 16). Dies tat er, um eine offene Tür für die Judenmission zu erhalten.
Den Gläubigen aus den heidnischen Völkern hingegen hat er grundsätzlich verboten, sich aus religiösen Gründen beschneiden zu lassen oder die jüdischen Feste zu feiern. Das wird im Galaterbrief ganz klar und mit aller Schärfe dargelegt.
Man muss also unterscheiden: Messiasgläubige Juden, die sich bekehrt haben, gehören zur Gemeinde. Da sie jüdisch leben, haben sie eine offene Tür zu ihren Volksgenossen. Das sind zwei Dinge, die nebeneinander bestehen. Obwohl Paulus als Erretteter sagt, er sei nicht mehr unter dem Gesetz von Sinai, konnte er als Jude diese Dinge praktizieren. Er hat Timotheus beschnitten, weil dessen Mutter jüdisch war. Titus hingegen hat er nie beschnitten, da dieser ganz klar ein Nichtjude war.
So muss man das ordnen. Leider herrscht in der Praxis viel Verwirrung. Es gibt Organisationen, die nichtjüdische Christen einladen, jüdische Feste zu feiern. Dadurch entsteht ein heilloses Durcheinander.
Wir gehen zurück zu Jesaja 42. Dort heißt es: „Ich setze dich zum Bund des Volkes.“ Das hat eine tiefe Bedeutung im Blick auf Golgatha und zugleich auf das Licht der Nationen. Sein Ziel soll sein, blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker herauszuführen und die in der Finsternis sitzen, zu befreien.
Das bedeutet: Der Herr Jesus sollte Menschen, die geistlich blind sind, die Augen öffnen. Er sollte Menschen, die gefangen sind unter der Gewalt Satans, aus dem Kerker herausführen. Er sollte Menschen, die in der Finsternis sitzen, ans göttliche Licht bringen.
Um diesen Auftrag zu unterstreichen, hat der Herr Jesus diese Dinge auch durch Wunder gezeigt. Er hat Blinden die Augen geöffnet, sogar einem blind Geborenen (Johannes 9). Er hat dämonisch Besessene befreit, indem er den Dämonen gebot, zu gehen. So zeigte er seine Macht über Blindheit und Gefangenschaft.
Die Schöpfermacht Gottes und das Ausspannen des Himmels
Jetzt ist es noch bemerkenswert: Wir haben noch gar nichts zu Vers 5 gesagt, also zu dem Gott, der dem Messias, seinem Sohn, den Auftrag gibt, Bund des Volkes zu werden, Licht der Nationen.
Dieser Gott stellt sich als der Schöpfer vor. Was wird da über den Schöpfergott gesagt? Können wir das noch kurz zusammentragen? Jawohl.
Zunächst ist zu sagen, dass im Hebräischen das Wort für Himmel immer im Plural steht. Es gibt kein Singularwort. Schamayim ist Mehrzahl, auch wenn es grammatikalisch als Singular verwendet wird. Es ist ähnlich wie im Englischen das Wort „fish“, das nur in der Einzahl vorkommt, auch wenn es viele Fische sind. Man sagt nicht „fishes“, sondern „fish“, also „ten fish“ für zehn Fische. So ist Schamayim ein Mehrzahlwort.
Darum muss man in 1. Mose 1,1 korrekt übersetzen: Bereshit bara Elohim etta Schamayim veta aretz – „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“. Dabei ist mit Himmel das Universum gemeint. Erst am zweiten Schöpfungstag erschafft Gott die Atmosphäre, die wir als blauen Himmel wahrnehmen und ebenfalls Himmel nennen.
Dort heißt es, Gott schafft die Ausdehnung. Luther hat das mit „Feste“ übersetzt, was falsch ist. Rackia meint etwas, das hauchdünn und weit ausgedehnt ist. Die alte Elberfelder Bibel hat das sehr korrekt mit „Ausdehnung“ übersetzt. Dann heißt es, Gott nannte die Ausdehnung Schamayim, Himmel.
So ergeben sich zwei Himmel: der Lufthimmel, Schamayim, und der Astralhimmel, der Kosmos, ebenfalls Schamayim. In der Bibel wird jedoch noch ein dritter Himmel unterschieden. In 2. Korinther 12 sagt der Apostel Paulus, er sei „entdrückt worden in den dritten Himmel“. Parallel sagt er, er sei „entdrückt worden ins Paradies“. Also ist der dritte Himmel das Jenseits.
Das heißt: Im Diesseits haben wir zwei Himmel, den Lufthimmel und das Universum, und dann gibt es als dritten Himmel das Jenseits.
Jetzt aber wird hier gesagt, Gott habe den Himmel erschaffen, aber noch mehr: Er habe den Himmel ausgespannt. Was sollen wir uns darunter vorstellen? Das Universum, das sich ausdehnt.
Oh, das klingt aber ganz interessant.
Ja, es gibt noch mehr Stellen, die darüber sprechen, dass sich das Universum ausdehnt. Nehmen wir Psalm 104 dazu. Psalm 104, Vers 2, liest das jemand? „Du, deren Licht sich hüllt wie in einem Gewand, der die Himmel ausspannt gleich einer Zeltdecke.“
Hier wird noch etwas zum Ausspannen gesagt: „wie eine Zeltdecke“. Eine Zeltdecke ist eine Decke aus Ziegenhaarfellen, wie sie bei den Beduinen heute noch üblich ist – diese dunklen schwarzen Teppiche. Wenn man ein Zelt aufstellt, rollt man diese Teppiche auf, breitet sie aus und befestigt sie.
Das Ausdehnen des Himmels wird verglichen mit dem Ausbreiten eines Ziegenhaarteppichs.
Übrigens, wer war schon in einem Beduinenzelt unter einer solchen Schwarzhaardecke? Was sieht man dort, wenn man unter dem Zelt liegt und nach oben schaut? Man sieht Sterne. Wie geht das?
Das Licht, das durch die Maschen der Ziegenhaardecke hereinkommt, wirkt wie kleine Lichtpunkte, also wirklich wie Sterne am schwarzen Firmament. Daher ist die Analogie zwischen der Zeltdecke und dem Himmel gegeben.
Das Erstaunliche ist, dass wir in Jesaja lesen, dass Gott den Himmel ausspannt. Auch Psalm 104 spricht davon, dass Gott den Himmel ausspannt. Schauen wir noch Jesaja 48, Vers 13: „Ja, meine Hand hat die Grundmauern der Erde gelegt. Meine Rechte hat die Himmel ausgespannt. Ich rufe ihnen zu, alle stehen sie da!“
Wieder wird gesagt: „die Himmel ausgespannt“. In Jesaja 45, Vers 12 heißt es erneut: „Ich habe die Erde gemacht und den Menschen darauf erschaffen. Ich habe mit meinen Händen die Himmel ausgespannt und gebiete all ihrem Heer.“
„Ausspannen“ heißt im Hebräischen wirklich „ausdehnen“ oder „ausbreiten“. Das ist interessant, weil im zwanzigsten Jahrhundert bereits in den 1920er Jahren festgestellt wurde, dass die Galaxien, also diese Sternhaufen oder Sterneninseln mit je etwa hundert Milliarden Sternen, eine Verschiebung des Lichts ins Rote zeigen.
Praktisch alle Galaxien, die man von der Erde aus sieht – heute rechnet man mit etwa hundert Milliarden Galaxien mit je etwa hundert Milliarden Sternen – zeigen eine Rotverschiebung. Je weiter eine Galaxie entfernt ist, desto stärker ist die Verschiebung des Lichts zum Roten.
Das kann man so deuten, dass sich diese Galaxien von uns wegbewegen. Die Verschiebung des Lichts ins Rote entsteht, wenn sich die Quelle vom Beobachter entfernt. Das ist ähnlich wie beim Dopplereffekt beim Ton: Wenn ein Polizeiauto an uns vorbeifährt, verändert sich der Ton. Er wird höher, wenn es auf uns zukommt, und tiefer, wenn es sich entfernt.
Das ist keine Täuschung, sondern ein physikalischer Effekt. Früher, als man das noch nicht genau wusste, wurden sogar Musiker engagiert, die auf Eisenbahnwagen spielen mussten, um diese Tonverschiebung nachzumachen. Es war klar, dass das wirklich so geschieht.
Heute können wir das erklären: Durch die Bewegung werden die Wellen gedehnt, wenn das Auto von uns wegfährt, und zusammengedrückt, wenn es auf uns zukommt. So ist es auch mit der Rotverschiebung.
Das bedeutet, das Weltall dehnt sich aus. Gestern war es kleiner als heute, vorgestern kleiner als gestern. Das führte in den 1950er Jahren dazu, dass die meisten Wissenschaftler die Urknalltheorie akzeptierten.
Man sagte: Wenn sich die Welt ausdehnt, muss sie irgendwann begonnen haben. Rechnen wir alles zurück! Vorgestern war es noch kleiner als gestern, und vor vorgestern noch kleiner. Gehen wir immer weiter zurück – wie weit sollen wir gehen? Man hörte nicht auf.
Weil Gott in der Wissenschaft heute keine Rolle mehr spielt, sagte man: Alles begann in einem Punkt. Dann begann sich das Universum auszudehnen. Diese Ausdehnung war der Urknall.
Die Bibel spricht an keiner Stelle von einem Urknall. Aber sie sagt, dass Gott Himmel und Erde erschaffen hat, auch alle Galaxien, und dass er das Weltall ausgedehnt hat und immer noch ausdehnt.
Psalm 104 spricht davon, dass Gott den Himmel ausspannt – nicht nur ausgespannt hat, sondern ausspannt.
Hier sehen wir die Schöpfungsmacht Gottes, der wirklich das Weltall ausdehnt.
Das ist das große Problem, das Wissenschaftler festgestellt haben: Je weiter entfernt die Galaxien sind, desto schneller fliegen sie weg. Das ist nicht ganz logisch.
Jetzt sucht man nach einer Kraft, die das bewirkt. So kam man auf die Idee der dunklen Materie und der dunklen Energie – einer Energie, die niemand direkt nachweisen konnte, aber die notwendig sein soll, damit das Universum so funktioniert.
Wir wissen, dass es der Schöpfer ist, der das Weltall ausdehnt. Das stimmt mit der Bibel überein.
Gott stellt hier seine Macht vor: Er ist der Gott, der nicht nur Himmel und Erde erschaffen hat, sondern auch den Himmel ausspannt und das ganze Weltall in der Hand hält.
Dieser Gott ist es, der seinen Sohn gesandt hat, um Bund des Volkes zu werden, zum Licht der Nationen.
In Vers 8 wird noch eine Frage gestellt: In Vers 5 steht, dass er dem Volk „Odem“ gibt und „Geist wehen“, die den Glauben aufwandeln. Was ist der Unterschied zwischen Odem und Geist?
Hier ist es Vers 5, Lebenshauch, vielleicht in anderen Übersetzungen anders wiedergegeben, aber es ist so: Zuerst ist „Hauch“, Neshama, und dann das normale Wort für Geist, Ruach.
Neshama, der Hauch, meint das Leben überhaupt, das Phänomen Leben im Gegensatz zu toter Materie. Gott ist der, der das Leben gibt.
Geist meint dann die Fähigkeit zu denken, zu überlegen und zu erfassen. Gott ist also der Geber des Lebens und auch der Fähigkeit, intelligent und rational zu denken – die Fähigkeit des Geistes.
Schamal heißt auch Seele. Das übliche Wort für Seele wäre eher Nefesch. Das ist das normale Wort, das auch auf Nafaschauchen zurückgeht. Nefesch ist speziell das typische Wort für Seele, hat aber verschiedene Bedeutungen.
Im Gegensatz zu Ruach ist Seele, wenn beide zusammen vorkommen, eher der Sitz der Persönlichkeit, des Ichs, und Geist die Fähigkeit, rational zu denken.
Ich habe noch eine Frage zu den Versuchen, die Sie über den Urknall erwähnten: Was sind das für Versuche? Sie wollen Bedingungen eines angeblichen Urknalls simulieren und neue Ergebnisse erzielen.
Für uns als Christen ist das interessant, weil wir neue Erkenntnisse über die Wunder der Schöpfung gewinnen können. Aber den Urknall werden Sie nicht finden.
Es ist ein bisschen schade um das Geld, das dafür investiert wird. Es gäbe andere Dinge, die noch dringender wären.
Hier müssen wir für heute einen Punkt machen. Nächstes Mal können wir vielleicht mit den Versen 8 und 9 weitermachen und dann zu Kapitel 49 übergehen.
Das heißt, beim nächsten Mal, wenn wir mit Jesaja weitermachen, haben wir ein Spezialthema, das wir später noch ansprechen werden.
Herr Jesus, wir danken dir, dass dein Wort so reich und wunderbar ist. Wir finden dich darin auf jeder Seite. Wir finden deine Herrlichkeit und deine Größe.
Heute haben wir gesehen, wie du vom Himmel gekommen bist. Du bist Mensch geworden, um an unserer Stelle als Mensch für Menschen zu sterben.
Du bist als Opfer geworden, um diesen neuen Bund mit all seinen Segnungen gründen zu können. Das beinhaltet auch, dass es möglich geworden ist, ganz neue Menschen zu werden – Menschen, die von Gott befähigt werden, dem Wort Gottes gehorsam zu sein und dir in deinen Fußstapfen zu folgen.
So bitten wir dich, dass du uns hilfst, das Gesetz Christi, diese wunderbaren Gebote des neuen Lebens, auch in unserem Leben mit deiner Hilfe und Kraft umzusetzen. Amen.
