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Der Messias im Alten Testament (AT), Teil 15/60

Der Messias im Alten Testament (AT), Teil 15/60
10.02.2008Psalm 41,1-14
SERIE - Teil 15 / 60Der Messias im Alten Testament (AT)

Einführung in die messianischen Psalmen und Psalm 40

Wir beschäftigen uns zurzeit mit den messianischen Psalmen, das heißt mit den Psalmen, die prophetisch auf Jesus Christus hinweisen. Beim letzten Mal haben wir uns mit Psalm 40 beschäftigt. Vor uns steht ein Psalm, der im Neuen Testament ausdrücklich auf Christus bezogen wird.

Diese Erkenntnis hat uns geholfen, eine schwierige Stelle besser einzuordnen. Psalm 40, Verse 12 und 13 sagt der Messias plötzlich: „Den Übel bis zur Unzahl haben mich umgeben, meine Ungerechtigkeiten haben mich erreicht.“ Wie kann sich eine solche Stelle überhaupt auf Christus beziehen?

Wir haben gesehen, dass hier der Messias beschrieben wird als jemand, der am Kreuz zur Sünde gemacht wurde. Der Gerechte ist mit unserer Schuld beladen. Er hat fremde Schuld quasi zu seiner eigenen gemacht. Deshalb sagt er: „Meine Ungerechtigkeiten.“ Das bedeutet nicht, dass er selbst eine einzige Sünde begangen hat. Vielmehr hat er unsere Sünden zu seinen eigenen gemacht und ist dafür von Gott gestraft worden.

Dieses Verständnis wird uns helfen, auch weitere schwierige Psalmstellen, die auf den Messias hinweisen, gut zu verstehen.

Psalm 41 als messianischer Psalm und seine neutestamentliche Bezüge

Jetzt gehen wir zunächst zu Psalm 41 und lesen den ganzen Psalm gemeinsam durch. Kann ich dich, Peter, bitten?

Warum können wir Psalm 41 als messianisch betrachten? Was gibt uns das Recht dazu?

Schauen wir uns Vers 10 noch einmal an. Kannst du ihn bitte vorlesen? Auf wen bezieht sich dieser Vers? Genau! Kannst du dazu noch einen weiteren Beweis liefern? Wer hat noch ein Argument dazu?

Ja, Judas wird genannt. Diese Stelle wird ausdrücklich vom Heiligen Geist in Johannes 13 auf dieses Ereignis bezogen.

Im Johannes 13, und zwar Vers 18, ist der Herr am Vorabend der Kreuzigung mit seinen Jüngern im Obersaal versammelt, um das letzte Passa zu feiern. Er hat den Jüngern die Füße gewaschen. In diesem Zusammenhang wird in Vers 18 ausdrücklich unser Psalm zitiert.

Wer kann uns diesen Vers vorlesen? Jawohl, danke.

In Johannes 13,18 wird ausdrücklich Psalm 41, Vers 10 zitiert: „Der mit mir das Brot isst, hat seine Ferse wider mich erhoben.“

Und das wird vom Herrn selbst zitiert, der dann sagt: „Von jetzt an sage ich es euch, ehe es geschieht, auf dass ihr, wenn es geschieht, glaubt.“

Die Fusswaschung und ihre Bedeutung im Kontext des Passaessens

Vielleicht sollten wir noch die ersten drei Verse aus Kapitel 13 hinzunehmen, um den Rahmen dieser Ereignisse vollständig zu erfassen. Danach folgt die Fußwaschung. Diese fand also gleich zu Beginn dieses Abendessens, dieses Passamahls, statt.

Alle hatten bereits ein Ritualbad genommen. Doch es ist so, dass man, wenn man ein Ritualbad genommen hatte und ein wenig herumlief, schnell wieder Staub an den Füßen hatte. Deshalb fügte der Herr diese Fußwaschung als letzte Reinigung hinzu.

Er erklärt dazu in Vers 8: Petrus wollte sich nicht die Füße waschen lassen. Er fand es unmöglich, dass unser Meister diesen demütigen Dienst verrichtet. Doch der Herr sagt ihm schon in Vers 7: „Was ich tue, weißt du jetzt nicht; du wirst es aber später verstehen.“

Simon Petrus spricht zu ihm: „Du sollst mir niemalsmehr die Füße waschen.“ Jesus antwortet ihm: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du kein Teil an mir.“ Daraufhin sagt Simon Petrus: „Herr, nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt.“

Jesus erklärt ihm: „Wer gebadet ist, also das Ritualbad vor dem Passa, hat, braucht sich nicht mehr zu waschen – außer die Füße –, sondern ist ganz rein. Ihr seid rein, aber nicht alle.“ Er erkannte nämlich den, der ihn überlieferte, und deshalb sagte er: „Ihr seid nicht alle rein.“

Das Ritualbad symbolisiert in der Sprache des Neuen Testaments die Wiedergeburt. Diese wird genannt in Titus 3,5: „das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung durch den Heiligen Geist.“

Die Bedeutung der Fusswaschung für das geistliche Leben der Jünger

Der Herr Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Ihr seid schon rein.“ Sie waren alle wiedergeboren, und das Ritualbad war ein Bild davon.

Ein Wiedergeborener, der sich in dieser Welt bewegt, kommt jedoch ständig mit der Sünde in Kontakt. Deshalb braucht es immer wieder diese Nachreinigung der Füße. Aus diesem Grund hat der Herr seinen Jüngern die Füße gewaschen.

Das bedeutet, dass wir uns nur einmal bekehren müssen. Eine echte Bekehrung führt dazu, dass Gott von seiner Seite die Wiedergeburt bewirkt. Wenn ein Gläubiger jedoch in seinem Leben wieder sündigt, braucht er, dass der Herr immer wieder neu die Füße wäscht. Diese ständige Reinigung bedeutet, dass Dinge, die ins Leben hineingekommen sind, vor Gott als Sünde bekannt werden und so die Vergebung neu angenommen werden kann.

Jesus sagt zu Petrus: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Teil an mir.“ Das heißt, keine Gemeinschaft mit ihm. Petrus wird durch dieses Argument überzeugt und sagt: „Dann wasche mich ganz, nicht nur die Füße, sondern auch die Hände und den Kopf.“ Doch der Herr antwortet: „Nein, das ist nicht nötig.“

Nicht alle sind rein. Damit meint er Judas, der nicht wiedergeboren war, aber äußerlich wie ein Gläubiger wirkte. In Vers 18 weist der Herr darauf hin, dass dieser Judas ihn schließlich verraten wird. Dabei verweist er auf einen Psalm: „Der mit mir das Brot isst, hat seine Ferse gegen mich erhoben.“

Diese Stelle zeigt, dass Judas trotz seiner äußeren Zugehörigkeit nicht wirklich Teil der Gemeinschaft mit Jesus war.

Judas’ Verrat und die Sitzordnung beim letzten Abendmahl

In den weiteren Versen, die wir bereits gelesen haben (Johannes 13,21-30), sehen wir folgendes: Der Herr Jesus gibt Judas einen Bissen Brot, den er in eine Sauce taucht. Sobald Judas diesen Bissen genommen hat, verlässt er den Raum, um schließlich seine Verrätertat auszuführen.

Dies war jedoch noch nicht das eigentliche Passamahl, also nicht die Hauptmahlzeit mit dem Passalam. Es fand im Rahmen einer Vorspeise statt. Der gesamte Ablauf des Sedermahls, wie man es nennt, war genau festgelegt. Zunächst gab es eine Vorspeise. Der geehrteste Gast erhielt vom Hausherrn einen eingetauchten Bissen. In diesem Fall nahm der Herr Jesus ungesäuertes Brot (Matze), tauchte es in eine Sauce und gab es Judas als Zeichen, dass er der Ehrengast des Abends war.

Nachdem Judas den Bissen erhalten hatte, verließ er den Raum. Die Jünger dachten, er müsse noch schnell etwas für die weitere Feier einkaufen. Doch tatsächlich war dies der Moment, in dem es besiegelt wurde: Judas würde den Herrn verraten.

In diesem Augenblick öffnete sich Judas dem Bösen so sehr, dass es in Johannes 13,27 heißt: „Satan fuhr in ihn.“ Das bedeutet, dass Judas sich innerlich dem Bösen ausgeliefert hatte und nun bereit war, den Herrn zu überliefern. Satan erhielt somit das Recht, in ihn einzufahren, sodass er besessen wurde.

Das Erstaunliche daran ist, dass Judas an diesem Abend eigentlich den Ehrenplatz erhielt, um dann bereits bei der Vorspeise zu verschwinden. Dies gibt uns auch einen Hinweis darauf, wie die Sitzordnung am Tisch war.

Sie saßen nicht einfach am Tisch, sondern lagen an ihm – nach römischer Sitte. Herr Bar hat Recht, es war in dieser Zeit üblich, das Passa zunehmend an einem Triklinum zu feiern. Ein Triklinum ist ein dreiseitiger, niedriger Tisch. An den drei Seiten lagen Matten, auf denen man sich hinlegte. Man kann sich vorstellen, dass der Kopf dabei dem Tisch am nächsten war.

Der Ehrengast wurde an einer bestimmten Stelle platziert. Zunächst kam ein Jünger mit besonderer Dienstfunktion, dann der Hausherr, und als Nummer zwei und drei die geehrten Eingeladenen. Judas war einer davon. Johannes war so nah am Herrn, dass er sich, wenn er sich ein wenig zur Seite bewegte, mit dem Kopf an die Brust Jesu legen konnte.

Deshalb steht in Johannes 13,23: „Einer aber von seinen Jüngern, den Jesus liebte, lag zu Tisch in Jesu Schoß.“

Die besondere Gemeinschaft zwischen Jesus und Johannes

Es ist ganz natürlich zu verstehen, dass der Kopf so an die Brust des Herrn kam. Johannes war der Jünger, der sich am meisten bewusst war, dass der Herr die Seinigen liebt. Darum nennt er sich in seinem Evangelium wiederholt nicht einfach Johannes, sondern „der Jünger, den Jesus liebte“. So heißt es zum Beispiel in Johannes 13,23, aber auch an anderen Stellen in diesem Evangelium.

Er war sich dieser Liebe also ganz besonders bewusst. Für ihn war das der größte Ehrenplatz – dieser Dienerplatz –, aber zugleich auch eine ganz besondere Gemeinschaft mit dem Herrn.

Diese Gemeinschaft bildet übrigens die Beziehung zwischen dem ewigen Sohn und dem ewigen Vater ab. In Johannes 1, Vers 18, in der Einleitung des Johannesevangeliums, die sich von Johannes 1,1 bis 1,18 erstreckt, steht:

„Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt.“

Das hat überhaupt nichts mit der Vorstellung zu tun, dass ein Kind im Schoß des Vaters getragen wird. Nein, es ist der ewige Sohn im Schoß des Vaters.

Es geht also um das Bild der Tischgemeinschaft, also zwei Personen, die am Tisch sitzen, und bei denen der Kopf an die Brust des Nächstliegenden kommt. So war der Herr Jesus als der ewige Sohn, als Gott der ewige Sohn, in ständiger Gemeinschaft mit dem ewigen Vater. Dieser Ausdruck bringt das zum Ausdruck.

Ganz wichtig ist: Der Herr Jesus wird in der Bibel niemals „Kind Gottes“ genannt, sondern immer „Sohn Gottes“. Die Gläubigen in der heutigen Zeit, die Gott als ihren Vater kennen – als Abba, Vater –, werden in der Bibel „Kinder Gottes“ genannt. Aber der Herr Jesus wird nie „Kind Gottes“ genannt, sondern nur „Sohn Gottes“.

Judas’ Nähe und Petrus’ Stellung beim letzten Abendmahl

Welche Jünger hat am meisten über die Beziehung zwischen dem ewigen Sohn und dem ewigen Vater geschrieben? Das war Johannes. Er selbst erlebte beim letzten Passah, was es bedeutet, im Schosse Jesu zu liegen und sich der Liebe des Sohnes Gottes bewusst zu sein. Er beschreibt sich als „der Jünger, den Jesus liebte“ oder, wie es in Johannes 13,25 heißt, als den Jünger, der sich an die Brust Jesu lehnte.

Judas war ebenfalls ganz in der Nähe. Der Herr sagt ihm: „Was du tust, tue schnell.“ Doch nicht alle verstanden das sofort. Einer der Jünger war ziemlich weit weg und gab Johannes ein Zeichen, dass er herausfinden sollte, was vor sich geht und wer der Überlieferer sei. Wer war der Jünger auf dem letzten Platz? Wahrscheinlich Petrus. Es hat ihn offensichtlich sehr gekränkt, an diesem Abend den letzten Platz einnehmen zu müssen.

Man versteht dann auch, warum Petrus sich an diesem Abend so ermutigt fühlte zu sagen: „Herr, wenn alle dich verlassen, ich werde dich nicht verlassen. Ich werde mit dir bis in den Tod gehen.“ Der Herr antwortet ihm: „Noch ehe der Hahn dreimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Das war eine schlimme Angelegenheit mit Petrus.

Doch dieser Petrus kam wieder zurecht. Er war einer von denen, von denen der Herr sagt: „Ihr habt nicht nötig, ganz gewaschen zu werden, ihr seid schon rein, nur die Füße.“ Diese Füße hat der Herr ihm später auch wieder gewaschen.

Jesus sagt in Lukas 22: „Der Satan hat Begehr, euch zu sichten wie den Weizen, ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre.“ Obwohl Petrus in jener Nacht den Herrn verleugnete, wurde er wiederhergestellt.

Interessanterweise wird in 1. Korinther 15 gesagt, dass der Herr als Auferstandener verschiedenen Frauen zuerst erschien. Von den Männern erschien er zuerst Petrus. Doch von dieser Begegnung wird in den Evangelien nichts berichtet. Das heißt, wir wissen nicht, was bei diesem Gespräch gesagt wurde. Von anderen Begegnungen wissen wir sehr genau, was gesprochen wurde, aber von dieser Begegnung nichts. Es war eine Unterredung zwischen Petrus und dem Herrn allein.

Diese Begegnung war die Grundlage für Petrus’ spätere Wiederherstellung. So konnte er an Pfingsten der Evangelist sein, als dreitausend Menschen zum Glauben kamen. Petrus kam wieder zurecht – aber Judas nicht.

Judas’ Ehrenplatz und sein Versagen

Und dieser Judas hatte also den Ehrenplatz an diesem Abend. Das hat der Herr ganz bewusst so eingerichtet, weil er wusste, was kommen wird. Dennoch zeigte er ihm noch einmal seine Liebe.

Während dieser etwa drei Jahre hat der Herr Judas seine Liebe gezeigt. Er hat ihm sogar die Kasse anvertraut und ihm somit bewusst einen Vertrauensvorschuss gegeben. In Johannes 12 lesen wir jedoch, dass Judas ein Dieb war. Er legte immer wieder Geld aus der Kasse beiseite. Das anvertraute Gut war zugleich ein Testmaterial.

Judas ist in all diesen Jahren nie zurechtgekommen, obwohl er immer wieder die Predigten des Herrn gehört hat, die das Gewissen bis ins Letzte ausleuchten. Dennoch zog er keine Konsequenzen. Wegen des Geldes – dreißig Silberlinge, die er vor sich sah – war er bereit, seinen Herrn zu verleugnen.

Daraus folgt: Judas hatte den Ehrenplatz, gerade nach dem Tischherrn. Mit anderen Worten, wenn der Herr sich ein bisschen bewegte, kam sein Kopf an die Brust von Judas. Vor einer solchen Tat ist der Puls verständlicherweise etwas höher als normal. Das Herz klopft dadurch mit einer Intensität, die stärker ist als gewöhnlich.

Wenn das so ist, hat man das Gefühl, jeder merkt, was in der Brust vor sich geht. Man stelle sich das unangenehme Gefühl vor, wenn der Kopf des Herrn in die Nähe seiner Brust kommt und das Herz unruhig schlägt. Doch Judas ging, als der Herr sagte: „Was du tust, tue schnell.“

Psalm 41, Vers 10 und der Ausdruck „mein Freund“

Und jetzt kommen wir zurück zu Psalm 41 und schauen uns Vers 10 noch ein bisschen genauer an. Liest nochmals jemand, wie es dort im hebräischen Text steht? Wer liest nochmals? Ja, 41, Vers 10, bitte. Ah, dann wäre es Vers 9 in Ihrer Übersetzung. Nein, also 41, Vers 9 beziehungsweise 10.

Der Ausdruck hier, „mein Freund“, ist ganz wörtlich im Hebräischen „der Mann meines Friedens“. So hat es auch die Alte Elberfelder Übersetzung. „Der Mann meines Friedens“ ist der Ausdruck für einen Freund. Frieden bedeutet hier nicht einfach die Abwesenheit von Krieg, sondern eine Beziehung, eine schöne Beziehung wird damit ausgedrückt.

So nennt der Herr Jesus Judas „den Mann meines Friedens“. Tatsächlich wurde das ja schon von Petrus genannt, als Judas im Garten Gethsemane kam – mit einer ganzen Schar von Soldaten aus der Burg Antonia, begleitet von levitischen Tempelpolizisten und so weiter. Also ein riesiges Aufgebot von Männern.

Judas kommt in den Garten, in den Garten Gethsemane am Westabhang des Ölberges. Wie begrüßt er den Herrn? Können wir das mal nachschlagen? Matthäus 26, Vers 47. Mit dem berühmten Kuss, aber noch mehr: Man hört so viel vom Judas-Kuss, aber hat man auch schon mal etwas vom Judas-Gruß gehört? Also, wir lesen den Judas-Gruß.

 Matthäus 26, Verse 47-50: Der Herr spricht ihn an mit „Freund, wozu bist du gekommen?“ Wir können sicher sein, dass der Herr ihn angeschaut hat. Es gibt Leute, die können nicht in die Augen schauen, die müssen immer zur Seite schauen. Gut, es ist auch unangenehm, wenn Leute ständig in die Augen schauen, das ist auch nicht normal. Aber der Herr hat ihn angeschaut und gesagt: „Freund, wozu bist du gekommen?“

Das erinnert eben an diesen Ausdruck in Psalm 41: „Ich schlommi, der Mann meines Friedens“, mein Freund. Judas hat also das Zeichen gegeben, einen Kuss, quasi einen Bruderkuss, und den Gruß: „Sei gegrüßt, Rabbi!“ Auf Griechisch steht hier „Chaire Rabbi“, das heißt ganz wörtlich „Freue dich, Rabbi“. Im Altgriechischen hat man sich so gegrüßt – „Freu dich“, ein schöner Gruß.

Natürlich hat Judas hier nicht Griechisch gesprochen, sondern Hebräisch oder Aramäisch, das waren die beiden jüdischen Sprachen, die im Land damals gesprochen wurden. In Jerusalem war Hebräisch absolut vorherrschend, an anderen Orten, in Galiläa, war es Aramäisch.

Wir können das rückübersetzen: Auf Hebräisch hat er gesagt „Schelam, Rabbi“, auf Aramäisch „Schelam, Rabbi“. Hebräisch und Aramäisch sind so nah beieinander wie Deutsch und Holländisch. Wenn man Deutsch kann, kann man auch schon bald Holländisch, wenigstens lesen, das ist so nah beieinander.

Darum also „Schelam“ – das ist genau die gleiche Wurzel wie „Shalom“. Das heißt eben Frieden, Wohlfahrt, Gelingen und so weiter. Das sagt er ihm angesichts des Kreuzes: „Shalom, Rabbi!“ Das ist ein abscheulich sarkastischer Gruß, eben neben diesem abscheulich sarkastischen Kuss.

Und Jesus reagiert: „Freund, wozu bist du gekommen?“ Und dann wird er verhaftet. Also genau so, wie es hier steht in Psalm 41: „Selbst der Mann meines Friedens, mein Freund, auf den ich vertraute, der Herr hat ihm die Kasse anvertraut, aber er hat vollkommen versagt in dieser Aufgabe.“ Der „mein Brot aß“ bezieht sich eben auf dieses Stück Matze während der Vorspeise des Passamahls.

Das Abendmahl und die Bedeutung der Passa-Kelche

Übrigens wurde das Abendmahl ganz spät an diesem Abend eingesetzt. Beim Sederabend, an dem das Passa gefeiert wird, gibt es vier Weinkelche auf dem Tisch. Der letzte Kelch wird jedoch gar nicht getrunken. Dieser Kelch ist für Elija, den Vorläufer des Messias, bestimmt.

Im Judentum gab es immer die Hoffnung, dass das Passa vielleicht das letzte vor dem Kommen des Messias ist, der Frieden bringt. Deshalb sollte der letzte Kelch bereitstehen, falls Elija, der Vorläufer, zufällig zu Besuch kommt. Jeder Kelch hat einen bestimmten Namen. Der dritte Kelch, der ganz zum Schluss unter den Anwesenden verteilt wird, heißt auf Hebräisch „Kos Bracha“.

Kann das jemand übersetzen? Ja, genau: „Bracha“ bedeutet Segen, und „Kos“ ist der Kelch. Also bedeutet „Kos Bracha“ Kelch des Segens oder Kelch der Segnung. So nennt auch der Apostel Paulus den Abendmahlskelch in 1. Korinther 10. Ich erwähne das, um deutlich zu machen, dass das Abendmahl ganz spät im Verlauf des Passaessens eingesetzt wurde.

Damit wird in der chronologischen Abfolge, die bei Johannes sehr klar zum Ausdruck kommt, deutlich, dass Judas beim Abendmahl nicht dabei war. Oft wird als Argument verwendet, dass beim Abendmahl jeder teilnehmen könne, egal ob jemand im Ehebruch lebt oder nicht, schließlich habe Judas auch daran teilgenommen. Aber das können wir klar verneinen: Judas war nicht dabei.

Dieser Ausdruck findet sich in 1. Korinther 10, Vers 16. Darin heißt es: „Der Kelch der Segnung, den wir segnen, ist nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?“ Jawohl, bis dahin. Der Kelch der Segnung, Kos Bracha, entspricht dem dritten Kelch der Passafeier.

Der Herr hat sein Vertrauen gezeigt, indem er die Kasse gegeben hat, auf die er vertraute. Er hat ihm diesen ersten Bissen der Vorspeise als besonderes Ehrenzeichen gegeben. Wer mein Brot aß, hat mich wieder erhoben. Er hat ein Abkommen mit den führenden Priestern getroffen: Für dreißig Silberstücke wird er mit dem Zeichen eines Kusses überliefert.

Feindschaft gegen Jesus und die frühe Verschwörung zu seinem Tod

Ja, und hier wird auch klar die Verbindung zu Psalm 41, Vers 5 oder je nach Bibelausgabe Vers 6 deutlich. Dort spricht der Herr über seine Feinde. Was sagt er da? Das Schreckliche war, dass sich die Führerschaft im damaligen Judentum verschworen hat. Dieser Mann muss weg.

Das hat ganz früh begonnen, also schon sehr in der ganz frühen Phase der drei Jahre, in denen der Herr Jesus öffentlich gewirkt hat – von 29 bis 32 nach Christus. Das sehen wir übrigens im Markus-Evangelium. Dort werden in den Kapiteln 1 und 2 die ersten Ereignisse dieser drei Jahre beschrieben.

Dann kommen wir zu Kapitel 3, wo der Herr Jesus einen Behinderten in der Synagoge heilt, der eine verdorrte Hand hat, also eine Hand, die versteift war. Er heilt ihn am Sabbat. Die Führerschaft verurteilt diese Tat aus Unverständnis als Arbeit.

Ihre Reaktion steht in Kapitel 3, Vers 6: „Und die Pharisäer gingen hinaus und hielten mit den Herodianern zur Verträge, wie sie ihn umbringen könnten.“ Ja, das entspricht dem Vers 6 aus Psalm 41: „Meine Feinde wünschen mir Böses, wann wird er sterben und sein Name vergehen?“

Der Vers davor stört ein bisschen, oder? Scheinbar. Dort heißt es: „Ich sprach: Herr, sei mir gnädig, heile meine Seele, denn ich habe gegen dich gesündigt.“ Aber das bezieht sich bereits auf den Herrn, der als Stellvertreter am Kreuz unsere Schuld auf sich genommen hat – genauso wie wir es im Psalm 40, Vers 12 gesehen haben. Wir werden das noch in anderen Psalmen finden.

Es ist auch so, dass das, was der Herr hier in diesem Psalm betet, nicht einfach in chronologischer Reihenfolge steht. Vielmehr sind Gedanken aneinandergereiht, die sich auf diese letzten Ereignisse beziehen. Darum beschreibt Vers 6, wie die Feinde ihm allgemein Böses wünschen, seinen Tod wollen und das Verschwinden seines Namens.

Und eben in Vers 7 hat sich selbst ein Freund gegen ihn erhoben.

Der Name Jesu im Talmud und die Feindschaft gegen ihn

Übrigens wird Jesus im Talmud nicht Jeshua genannt. Weiß jemand, wie sein Name an den Stellen im Talmud geschrieben wird, an denen Jesus Christus vorkommt?

Das scheint eine spätere jüdische Interpretation zu sein. Man verwendet dort das Wort „Jeschu“, das man mit den Buchstaben Jut und Shin schreibt, also Sch, und Waw, das als V oder U ausgesprochen wird. So entsteht „Jeschu“. Im Hebräischen werden ja nur die Konsonanten geschrieben. Später wurde im Judentum diese Form so interpretiert, dass es eine Abkürzung sei. Weiß jemand, was genau dahintersteckt?

Orthodoxe Juden, die wirklich christusfeindlich sind, benutzen diesen Namen ganz bewusst so. Sie würden niemals „Jeshua“ sagen. Gläubige Juden, die an den Messias glauben, sprechen hingegen von „Jeshua Hamashiach“, also „Jesus der Messias“, was Jesus Christus entspricht. Aber die orthodoxen, die gegen das Christentum eingestellt sind, sagen bewusst „Jeshu“.

Weiß jemand, was das für eine Abkürzung sein soll? Es heißt, „Jeshu“ stehe für „Jemache Shmo Usichrono“, was bedeutet: „Er möge seinen Namen und sein Gedächtnis auslöschen“. Es ist also ein Fluch, der die Auslöschung seines Namens bedeuten soll.

Das zeigt sich auch in der Haltung: „Meine Feinde wünschen mir Böses. Wann wird er sterben und sein Name vergehen?“ Das ist eine sehr starke Feindschaft, die sich hier ausdrückt.

Was man auch im orthodoxen Judentum erleben kann, ist, dass man den Namen Jesu gar nicht ausspricht. Ich hatte einmal ein Gespräch mit einem orthodoxen Juden, der orthodox aufgewachsen ist und eine orthodoxe Schule besucht hat. Der Lehrer sprach immer von „ihm“, ohne den Namen zu nennen.

Zum Beispiel war der Fall, dass ein Schüler ein Datum nannte, etwa den 2. April 1968, und der Lehrer fragte: „Wie kannst du diese Zeitrechnung benutzen, die von ihm ist?“ Dabei sagte er nicht einmal „Jeschu“, also gar keinen Namen. Man müsse die jüdische Zeitrechnung verwenden, denn das neue Jahr fällt ja ganz anders, nämlich im Herbst, und das ist eine ganz andere Zeitrechnung.

Der orthodoxe Jude, mit dem ich sprach, erzählte mir, dass er sich als Schüler immer fragte, wer „er“ eigentlich sei. Das weckte sein Interesse am Christentum. Er wollte wissen, wer Jesus ist.

Ich traf ihn dann am Flughafen in Zürich, vor einem Flug nach Tel Aviv. Der Flug hatte Verspätung, und die Fluggesellschaft El Al gab allen einen Gutschein für ein Abendessen. Er schloss sich uns an, obwohl wir keinen Kontakt gesucht hatten. Er wollte mit uns sprechen und kam mit uns zum Essen. Er sagte, er sei sehr interessiert und wolle mehr über das Christentum erfahren, eben wissen, wer Jesus ist.

Aber der lange Rede kurzer Sinn: Es geht mir darum, wie diese Feindschaft sich ausdrückt. Man erwähnt nicht einmal den Namen Jesu, sondern sagt vielmehr: „Möge sein Name vergehen“, wie es in Vers 6 heißt.

Bedeutung des Wortes „Verse“ und die Besessenheit Judas

Ich habe noch eine Frage: Was bedeutet das Wort „Verse“ hier im Prinzip?

Ist eine „Verse“ ein Tipp mit der Verse, wenn jemand nach hinten ausweicht? Ja, aber man hebt die Verse an und schaut sie nicht einmal an. Die Verse ist besonders hart und stabil. Deshalb kann der Schlag mit der Ferse umso heftiger sein als mit dem Fußballen vor den Zehen.

Also lesen wir nochmals weiter, ab Vers sechs.

Ja, gut. Manchmal wird gesagt, der Besessene hätte keine Chance mehr gehabt, von dem Moment an, wo er besessen war. Aber das ist nicht wahr. Natürlich hat der Herr noch viele Besessene geheilt. Er hat auch den Gadarener geheilt, der von einer Legion Dämonen besessen war.

Eine Legion umfasst ungefähr sechstausend. Das bedeutet, Besessenheit heißt nicht, dass die Chance auf Heilung vorbei ist.

Und dieser Gruß „Freund, wozu bist du gekommen?“ war nochmals eine Chance, um zurückzutreten. Jawohl, er hat also die Sünde dem Menschen bekannt gemacht und nicht Gott. Das ist ein wichtiger Punkt und sehr aktuell.

Es gibt Menschen, die denken, sie bekommen Vergebung, wenn sie Menschen ihre Sünden bekennen, so wie Judas es den Priestern bekannt gemacht hat. Aber man muss es Gott bekennen. Darauf kommen wir später noch zurück, auf diesen ganzen Gedankenkomplex.

Doch halten wir fest: Bis dahin hatte er Chancen, und erst danach kam der Selbstmord. Aber darauf kommen wir später zurück.

Die Feindschaft gegen Jesus und sein Schweigen vor Gericht

Lesen wir jetzt noch weiter, nochmals Vers 7. Liest jemand vor? Jawohl, also da haben wir auch viele Beispiele in den Evangelien, wie Menschen zum Herrn gekommen sind und versucht haben, ihn durch bestimmte Fragen zu Fall zu bringen.

Und dann weiter Vers 8. Da haben wir ja schon gesehen, Markus 3, Vers 6, da beginnt es: „Sie wurden mit Unverstand erfüllt und haben sich miteinander besprochen: Wie können wir ihn töten?“ Jawohl, und dann kommt eben als Höhepunkt der Feindschaft: Ein Freund wird zu einem Anführer der Feinde, selbst der Mann meines Friedens.

Vers 11 bis 12, kann jemand nochmals lesen? „Du aber, Herr, sei mir gnädig und richte mich auf, dass sich es ihnen vergelten. Daran erkenne ich, dass du Gefallen an mir hast, dass meine Feinde nicht über mich aufstehen.“ Jawohl, hier spricht er von seiner Lauterkeit.

Und der gleiche Redner sagte doch in Vers 5: „Heile meine Seele, denn ich habe gegen dich gesündigt.“ Wie geht das? Jemand, der lauter ist, gerecht und gleichzeitig sagt: Ich habe gesündigt – das ist der Herr Jesus, der in sich vollkommen sündlos war und sündlos blieb, aber eben unsere fremde Schuld auf sich genommen hat.

Hier wird gezeigt, dass, wenn auch im ersten Moment so aussah, als würden die Feinde über ihn triumphieren, er letztlich über sie triumphieren und sogar ihr Richter werden wird. Aber zuerst hat der Herr ihnen die Möglichkeit zur Vergebung gegeben, indem er am Kreuz, Lukas 23, gebetet hat: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Also selbst seinen schlimmsten Feinden hat er die Möglichkeit der Vergebung angeboten – aber natürlich nur, wenn sie umkehren. Vergebung ohne Bereuen der Sünde, ohne das Bekennen der Sünde Gott gegenüber, gibt es nicht. Darum ist dieses Gebet „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ immer unter der Bedingung, dass diese Feinde ihre Sünde bekennen.

Wenn sie das nicht tun, wird der Herr schließlich ihr Richter werden: „Richte mich auf, dass ich es ihnen vergelte.“ Jesus ist am dritten Tag auferstanden, aber er wird in der Zukunft kommen, eben als der Richter der Welt.

Petrus’ Erkenntnis der Blindheit der Führer und die Möglichkeit der Umkehr

Petrus gesteht den Führern sogar eine gewisse Blindheit in dieser Sache zu. Wenn wir die Apostelgeschichte aufschlagen, finden wir eine sehr wichtige Stelle: Apostelgeschichte 3. Dort hält Petrus seine zweite evangelistische Predigt nach Pfingsten.

Es versammelte sich eine große Volksmenge in der Säulenhalle Salomos im Tempelbezirk, und Petrus predigte zu ihnen. Lesen wir dazu Apostelgeschichte 3, Vers 17. Petrus sagt dort, dass sie in Unwissenheit gehandelt haben. Er räumt ihnen also ein, dass sie in einer Verblendung, ja sogar einer bösartigen Verblendung, gehandelt haben. Gleichzeitig betont er aber, dass es die Möglichkeit zur Umkehr gibt.

Deshalb fordert er: "So tut nun Buße und bekehrt euch, damit eure Sünden ausgetilgt werden." Ohne Buße, ohne eine Umkehr um 180 Grad, gibt es keine Vergebung. Hätte Israel als Ganzes wirklich Buße getan, wäre Jesus Christus zurückgekommen.

Petrus sagt weiter: "So tut nun Buße und bekehrt euch, damit eure Sünden ausgetilgt werden, damit Zeiten der Erquickung kommen vom Angesicht des Herrn und er den euch zuvor verordneten Jesus Christus sende." Diese Chance bestand noch bis zur Steinigung von Stephanus.

Stephanus sieht als Märtyrer den Himmel offen und sieht den Sohn des Menschen zur Rechten Gottes stehen – nicht sitzen. Obwohl der Herr sich gesetzt hat, steht er dort bereits, um zurückzukommen. Wenn der Sanhedrin, der oberste Gerichtshof, Buße getan hätte, wäre Jesus gekommen.

Das entspricht auch den vielen Psalmen, in denen Gott angerufen wird, aufzustehen und zu kommen, zum Beispiel Psalm 68, Vers 1. Der Herr wäre gekommen, doch die Masse kehrte nicht um. Stephanus wurde gesteinigt.

Das ist die absolute Grundlage dieser Aussage.

Die Bedeutung der Sündenerkenntnis und der Umkehr

Und es ist so: Wenn wir einen Maßstab für Sündenerkenntnis und Reue hätten, würden wir bei jedem Gläubigen unterschiedliche Grade finden. In der Bibel gibt es keine Hinweise darauf, wie hoch dieser Grad sein muss. Er ist ganz unterschiedlich.

Es geht darum, dass jemand sich wirklich als Sünder vor Gott erkennt, Abscheu vor der Sünde hat und sein Vertrauen auf Jesus Christus setzt, der die Schuld getragen hat. Dann richtet er sein Leben neu aus.

Beim Ritualbad, das ich bereits erklärt habe, ging man auf dem breiten Weg nach unten und tauchte ins Wasser ein. Danach ging man auf dem schmalen Weg wieder hinauf. Dieses Ritual zeigt genau den Weg, auf dem man sich um 180 Grad dreht.

Man geht also zuerst auf dem breiten Weg, der ins Verderben führt. Dann wechselt man auf den schmalen Weg, der zur Herrlichkeit führt, und geht wieder hinauf. Dieses Bild des Ritualbades symbolisiert die Wiedergeburt im Zusammenhang mit Buße und Umkehr.

Wenn wir uns selbst kritisch untersuchen – wie tief war meine Sündenerkenntnis, mein Sündempfinden – müsste jeder Gläubige Zweifel an seinem Heil haben. Doch es hängt nicht davon ab, was wir getan haben, sondern von dem, was der Herr getan hat. Wichtig ist, dass wir unser Vertrauen auf sein Werk stützen.

Das bestätigt Jesaja 1,18: Dort finden wir eine kräftige Zusage völliger Vergebung, wenn wir umkehren.

Pause und Ausblick auf die ersten Verse von Psalm 41

Gut, es ist aber Zeit für eine Pause, leider. Wir machen jetzt 20 Minuten Pause und versuchen uns danach wieder pünktlich einzufinden, um weiterzumachen.

Wir fahren fort mit Psalm 41, denn wir haben bisher noch gar nichts zu den ersten vier Versen gesagt. Ich lese noch einmal Psalm 41, Verse 1 bis 4:

Dem Vorsänger oder Dirigenten, ein Psalm von David: Glückselig, wer Acht hat auf den Armen! Am Tag des Übels wird der Herr ihn erretten, der Herr wird ihn bewahren und ihn am Leben erhalten. Er wird glücklich sein auf Erden, und du wirst ihn nicht der Gier seiner Feinde preisgeben. Der Herr wird ihn stützen auf dem Krankenlager; du wandelst um wie auf einem Lager in seiner Krankheit.

Hier haben wir also eine Seligpreisung, eine Glückseligpreisung. Aber für welche Menschen gilt sie? Was kennzeichnet diese Menschen? Was machen sie? Nein, was wird hier glückselig gepriesen? Was tun diese Menschen?

Sie könnten krank werden und empfangen dann die Unterstützung des Herrn. Aber warum? Was macht sie glückselig? Wo steht das hier?

Es gibt eine Verheißung, dass Gott zu ihnen steht. Aber was tun sie? Was macht sie glückselig? Sie achten auf die Armen – wörtlich steht hier sogar die Einzahl: auf den Armen.

Der Arme als Bild für Christus und seine Erniedrigung

Nun, wer ist der Arme par excellence, also der ausgezeichnete Arme? Dazu müssen wir 2. Korinther 8,9 betrachten. Natürlich kann man allgemein an die Armen denken, und es ist auch gut, auf sie zu achten. Doch hier hat es eine tiefere Bedeutung, wenn es heißt: „Glückselig, wer Acht hat auf den Armen.“

Diese vier Verse bilden einen eigenen Abschnitt im Psalm. Und zwar nicht in irgendeinem Psalm, sondern in einem messianischen Psalm, der auf Christus hinweist.

Liest uns jemand 2. Korinther 8,9 vor, bitte? „Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, dass er, da er reich war, um eurer willen arm wurde, damit ihr durch seine Armut reich würdet.“

Jawohl, das ist natürlich der Arme, der ewige Sohn Gottes, der sich so erniedrigt hat – bis zum Tod, wie es Philipper 2,5 und folgende beschreibt, bis zum Tod am Kreuz.

In Philipper 2,5-10 sehen wir den Herrn Jesus, der es nicht für einen Raub hielt, gottgleich zu sein. Obwohl er gottgleich war, erniedrigte er sich selbst. Dort werden sieben Stufen der Erniedrigung beschrieben. Die sechste Stufe ist, dass er gehorsam bis zum Tod war – nicht irgendeinem Tod, sondern dem Tod am Kreuz.

Das ist der Arme, der von Gott hoch erhoben wurde und einen Namen erhielt, der über jeden Namen ist. Das finden wir auch in Psalm 41, wo das Erheben des Herrn als Sieger beschrieben wird. Das haben wir bereits in Vers 11 gelesen: „Du aber, Herr, sei mir gnädig und richte mich auf!“

Der Vater hat ihn nicht nur aufgerichtet, sondern auch hocherhoben und ihm den höchsten Namen gegeben. Welcher Name ist das eigentlich? Wie ist das zu verstehen?

Diesen Namen hatte der Herr Jesus schon seit seiner Geburt. Mit der Beschneidung am achten Tag erhielt er den Namen Immanuel, der in Matthäus 1 in Verbindung mit seiner Menschwerdung erwähnt wird – Gott mit uns.

Christus ist der Herr Jesus eigentlich schon vor seiner Menschwerdung. In 1. Samuel 2 wird er bereits als Christus, also Messias, genannt – und zwar als eine Person, die schon existiert. Samuel sagt, er bezeuge diese Dinge vor Gott und seinem Gesalbten, Christus oder Messias, noch vor seiner Menschwerdung.

Bei der Geburt sagen die Engel, beziehungsweise der Engel, in Lukas 2: „Siehe, ich verkündige euch eine große Freude, die für das ganze Volk sein wird, denn euch ist heute ein Retter geboren.“ Wer ist dieser Retter? Christus. Er war schon Christus, auch lange vor der Salbung am Jordan.

Wird er dort als Christus beschrieben? Nein, der Titel, den er dann erhielt, ist der Titel „Herr“. In dem Namen Jesu soll sich jedes Knie beugen – das irdische, das unterirdische – und jede Zunge bekennen, dass Jesus Herr ist, Kyrios.

Dieser Titel Kyrios ist der Titel des erhobenen Christus als Mensch. Der Herr Jesus hat als Gott schon immer den Titel Kyrios, Herr, gehabt. Aber als Mensch hat Gott ihm diesen Titel gegeben. So wurde er nicht nur erhoben, sondern über alle Maßen erhöht.

Er ist dieser Arme, der sich erniedrigt hat. Hier werden die Glückseligen gepriesen, die Acht haben auf den Armen – im Gegensatz zu denen, die achtlos oder mit Verachtung an Jesus Christus vorbeigehen.

Ganz genau. Darum habe ich gesagt, man könnte denken, glückselig sei, wer auf die Armen im Allgemeinen achtet, was ja Gottes Wille ist. Und 1. Korinther 1 sagt, dass Gott auch die Armen, das Geringe, auserwählt hat.

Aber gerade weil diese Glückseligpreisung in einem messianischen Psalm zu finden ist, in dem er sich so tief erniedrigt hat und sogar von einem Freund auf die grässlichste Weise verraten wurde, hat das eine ganz spezielle Bedeutung in Bezug auf ihn.

Weil er der Arme par excellence ist, haben wir ein ganz anderes Verhältnis zu den Armen schlechthin. Wir sehen, dass sich sogar unser Erlöser bis zum tiefsten Punkt erniedrigt hat, der überhaupt möglich ist.

Ja, genau, wie in Matthäus 25 beschrieben: „Was ihr einem dieser geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Klar.

Gott hat die Armen auserwählt, um im Glauben reich zu sein, sagt Jakobus 2. Der Herr Jesus hat damit das Beispiel gegeben, wie unser Verhältnis zu Armut und zum Armen sein soll – eben weil er der Arme par excellence ist.

Diese Seligpreisung hat hier einen besonderen Bezug zu ihm, denn in den weiteren Versen geht es ganz spezifisch um ihn.

Der Abschluss der Psalmenbücher und Psalm 41, Vers 13

Und jetzt kommt eigentlich nur noch ein Vers dazu, den wir unbedingt behandeln müssen: Vers 13. In der alten Elberfelder Übersetzung ist dieser Vers so abgesetzt und gedruckt, ganz für sich. Bei den meisten ist es Vers 14. Liest das jemand vor? Jawohl.

Dieser Vers ist eben nicht nur der Schluss von Psalm 41, sondern auch der Schluss des ganzen ersten Psalmbuches. Wie, ja, sag es! Des ersten Psalmbuches. Man sieht die Überschrift vor Psalm 42: „Zweites Buch“. Die Psalmen sind ja eingeteilt in fünf Bücher unterschiedlicher Länge.

Tatsächlich werden diese Psalmbücher immer beschlossen mit einem Refrain: „Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, von Ewigkeit bis in Ewigkeit!“ Und dann folgt diese ungewöhnliche Verdopplung „Amen, ja Amen!“

Schauen wir uns mal den Abschluss in Psalm 72 an, übrigens wieder ein messianischer Psalm, den wir später behandeln werden. Liest jemand dort Vers 18 und 19? Haben Sie nicht zweimal „Amen, ja Amen“? Oh, das fehlt aber. Ja, die haben das zu leicht genommen. Also: Amen, ja Amen.

Wir merken uns: Es ist ein Refrain mit Variation, bereits erweitert, wie man es in der Musik auch macht. Ein Thema wird verarbeitet und erweitert. Aber wir haben genau die Übereinstimmung: „Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels!“ Haben wir auch da. Gepriesen sei der Herr, aber noch ein bisschen erweitert: „Gott, der Gott Israels“. Und dann wird angehängt: „Der Wunder tut eh allein“. Danach wird das nochmals verdoppelt und gepriesen, das heißt: „Ein herrlicher Name in Ewigkeit!“ Und wir hatten da im Psalm 41 „von Ewigkeit bis in Ewigkeit“ und den Abschluss „Amen, ja Amen“.

Nun der Abschluss des dritten Psalmbuches: Psalm 89, wieder ein messianischer Psalm, den wir später behandeln. Er wird beschlossen durch Vers 52. Also haben wir alle Elemente wieder mit drin.

Das vierte Buch wird beschlossen in Psalm 106. Hier bitte der letzte Vers. Jawohl! Hier ist es effektiv einmal „Amen“ und wird noch mit „Halleluja“ bekräftigt.

Der Schluss des fünften Psalmbuches ist dann eben dieser krönende Lobpsalm 150. Da weiß ja jeder, dass die Psalmen am Ende sind. Aber wieder mit einem Refrain wird im hebräischen Grundtext diese Einteilung in fünf Bücher so markiert.

Einführung in Psalm 38 und seine Verbindung zum stellvertretenden Opfer

Ja, gut, jetzt haben wir Psalm 41 angeschaut, und ich möchte nochmals zu Psalm 38 zurückkehren. Diesen habe ich bewusst nicht vor Psalm 40 genommen, weil es ein großes Problem darstellt, wenn der Messias sagen soll: „meine Sünde“.

Durch Psalm 40 haben wir sehr gut gesehen, was das bedeutet, wenn der Herr Jesus zur Sünde gemacht wird. In diesem Sinn wollen wir jetzt Psalm 38 betrachten.

Liest jemand den ganzen Psalm am Mikrofon vor?

Was hier schon auffällt, ist die Überschrift: „Ein Psalm von David zum Gedächtnis“ oder „zum Gedächtnisopfer“. Das heißt, dieser Psalm war dafür bestimmt, im Zusammenhang mit einem Opfer im Tempel vorgelesen zu werden. Der Bezug zum stellvertretenden Opfer des Herrn Jesus ist hier also schon direkt angedeutet.

Übrigens können wir kurz 3. Mose 2, Vers 2 aufschlagen. Dort wird das Speisopfer beschrieben, das in Begleitung mit den blutigen Opfern dargebracht werden musste. Kann jemand bitte 3. Mose 2, Verse 1 und 2 vorlesen?

Jawohl. Ein Teil des Speisopfers konnte von den Priestern gegessen werden, ein anderer Teil wurde auf dem Altar verbrannt. Genau wie hier steht: „Räuchere das Gedächtnisteil desselben auf dem Altar“.

Im Zusammenhang mit diesem Verbrennen des Speisopfers spricht dies vom Herrn Jesus, dem vollkommenen Menschen. Das Speisopfer war mit Öl gemengt, geweiht vom Heiligen Geist, und mit Öl gesalbt – Christus, der Messias, der mit dem Heiligen Geist Gesalbte.

In diesem Zusammenhang musste also dieser Psalm gesungen werden. Die Schwierigkeit, hier einen messianischen Psalm zu erkennen, liegt darin, dass in Vers 5 beziehungsweise Vers 6 (je nach Zählung) gesagt wird: „Es stinken, es eitern meine Wunden wegen meiner Torheit.“

Aber das ist genau dasselbe wie in Psalm 40: Der Jesus wurde zur Sünde gemacht, hat unsere Sünden zu seinen eigenen gemacht. Hier wird der Herr Jesus prophetisch in den Stunden der Finsternis am Kreuz beschrieben, als Gott ihn verlassen hatte.

Er wurde zur Sünde gemacht, nach 2. Korinther 5,21. Das bedeutet, Gott hat ihn juristisch so betrachtet, als wäre er die Quelle unserer Sünden gewesen. Die Sünde ist im Römerbrief und im Galaterbrief die Beschreibung für die sündige Natur des Menschen.

Er wurde zur Sünde gemacht und mit unseren Sünden beladen, nach 1. Petrus 2. So hat Gott in den Stunden der Finsternis den Herrn Jesus verlassen und ihn geschlagen. Jesaja 53, Vers 10 sagt: „Es gefiel dem Herrn, ihn zu zerschlagen; er hat ihn leiden lassen.“

Und in Sacharja 13, Vers 7 heißt es: „Schwert, erwache gegen meinen Hirten, gegen den Mann, der mein Genosse ist.“

So finden wir den Herrn Jesus hier beschrieben. Er wird dargestellt, als wäre er schwer krank, in Vers 6: „Es stinken, es eitern meine Wunden“ und in Vers 8: „Denn vollbrannt sind meine Lenden, und nichts Heiles ist an meinem Fleisch.“

Man darf das nicht falsch verstehen: Der Herr Jesus war am Kreuz nicht krank, und er war auch nie krank in seinem Leben. Krankheit ist grundsätzlich eine Folge des Sündenfalls von Adam.

Jesus kam vollkommen in diese Welt. In ihm ist keine Sünde, sagt Johannes 3. Er hat nie eine Sünde getan, sagt Petrus 2. Und 2. Korinther 5,21 bezeugt, dass er die Sünde nicht kannte.

Jesus war in sich vollkommen und hat keine Krankheit gekannt. Aber der gefallene Mensch wird als krank durch die Sünde beschrieben. Schlagen wir Jesaja 1 auf, dann wird der Bezug klar.

Bitte liest jemand Jesaja 1, Verse 5 und 6 vor.

Jawohl, das ist die Beschreibung des Menschen in seiner moralischen Verdorbenheit: „Nichts Gesundes vom Scheitel bis zur Fußsohle, alles krank.“

Weil der Herr Jesus unseren Platz eingenommen hat und am Kreuz zur Sünde gemacht wurde, beschreibt er sich so in Vers 4: „Nichts Heiles ist an meinem Fleisch, wegen deines Zornes; kein Frieden in meinen Gebeinen, wegen meiner Sünde.“ Obwohl er der Vollkommene war.

Das gehört zu den tiefsten Leiden, in die wir Mühe haben, wirklich einzudringen: dass er, der Heilige, so zur Sünde gemacht wurde, der mit Sünde überhaupt nichts zu tun hatte. Er konnte sagen: „Wer von euch überführt mich der Sünde?“ Niemand konnte etwas vorbringen.

Er wurde so mit unserer Sünde identifiziert. Was das für seine Seele bedeutete, können wir nie erfassen. Aber damit wir etwas davon begreifen können, hat Gott uns diese Psalmen gegeben, die uns in die Tiefen der Leiden des Herrn hineinblicken lassen.

Das ist in den Evangelien nicht möglich. Die Evangelien beschreiben die Leiden des Herrn von außen, aber die Psalmen zeigen uns das Herz des Erlösers am Kreuz. Gerade durch die messianischen Psalmen bekommen wir einen Eindruck von der Tiefe dessen, was der Herr Jesus gelitten hat – und zwar nicht nur von den Leiden durch Menschen.

Das können wir noch nachvollziehen, wenn wir selbst schon unter großen Schmerzen gelitten haben. Aber was die Leiden vonseiten Gottes waren, wo Gott, der Allmächtige, seinen Zorn über unsere Sünde auf ihn ausgegossen hat in den Stunden der Finsternis, das wird hier ausgedrückt.

Vers 3: „Denn deine Pfeile sind in mich eingedrungen, und deine Hand hat sich auf mich herabgesenkt.“ Oder schon Vers 2: „Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn, noch züchtige mich in deinem Grimm.“

Das muss uns auch klar sein: Als der Herr Jesus so intensiv in Gethsemane gebetet hat, kurz davor, wurde sein Schweiß wie Blutstropfen. Aus der Medizin kennen wir diese Ausnahmesituation, dass Menschen unter höchsten seelischen Anspannungen erleben können, dass Blut aus der Blutbahn ins Gewebe austritt und sie dann sogar „Blut schwitzen“.

Das gibt es in Ausnahmefällen. Das hat also etwas zu sagen, wenn Lukas das so beschreibt. In Gethsemane wurde sein Schweiß wie große Blutstropfen. Der Herr Jesus hat nicht nur gesehen, was die Menschen ihm antun würden, sondern er hat gesehen, dass er zur Sünde gemacht wird und von Gott geschlagen wird.

Das Zorngericht, das wir verdient hätten – in Ewigkeit im Feuersee – hat ihn in den Stunden der Finsternis getroffen. Darum merken wir: Das sind Dimensionen, die uns vollkommen verborgen sind.

Wir können daran denken, dass in der Stiftshütte der Altar so gebaut war, dass auf halber Höhe ein Gitter eingebaut war. Der Sauerstoff kam von unten, und gerade über dem Gitter war die Stelle, wo der Sauerstoff mit dem Feuer in Kontakt kam.

Das heißt, die heißeste Stelle des Altarfeuers war eigentlich ganz verborgen im inneren Mittelbereich des Altars. So ist uns Menschen das, was der Herr Jesus unter dem Gericht Gottes erlebt hat, etwas ganz Verborgenes.

Aber wir ahnen gerade durch einen Psalm wie Psalm 38 etwas von diesen Schrecken, die ihn getroffen haben.

Jetzt schauen wir uns noch ein paar Verse an. Liest jemand Vers 12 vor? Psalm 38, Vers 12.

Jawohl, das hat sich genau so erfüllt am Kreuz, wo die Jünger von ferne zugeschaut haben. Dort werden auch die Verwandten erwähnt, die fernab standen. Ganz am Schluss der Kreuzigung ist Maria unter dem Kreuz, aber das war nicht während der gesamten Kreuzigungszeit so.

Die Jünger haben die Flucht ergriffen und sind davon gerannt. Das war ein großer Schmerz für den Herrn.

„Meine Lieben, meine Genossen stehen fernab von meiner Plage.“

Dann der nächste Vers. Das haben wir auch in Psalm 41 gefunden: Welche Leiden das für den Herrn waren, dass die Feinde versucht haben, ihn ständig durch hinterhältige Fragen in eine Falle zu locken.

Zum Beispiel Fangfragen wie: „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuern zu geben?“

Hätte der Herr „Nein“ gesagt, hätten sie ihn bei den Römern als Revolutionär angeklagt, der sich gegen Rom erhebt. Hätte er „Ja“ gesagt, hätten sie ihn als Verräter des jüdischen Volkes bezeichnet, der die Besatzungsmacht unterstützt.

Der Herr hat gesagt: „Zeigt mir einen Denar, denn auf dem Denar ist das Bild des Kaisers abgebildet.“ Genau. Und er sagt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Niemand konnte ihn fangen, aber sie haben es ständig versucht.

Daraufhin folgt Vers 14: „Der seinen Mund nicht auftut.“

Man merkt sofort den Anklang an Jesaja 53, wo es heißt: „Wie ein Lamm, das stumm ist vor seinen Scheren, hat er seinen Mund nicht aufgetan.“

Der Herr Jesus stand einfach da vor Gericht und reagierte auf all diese Anklagen nicht mehr. Warum hat er geschwiegen?

Weil das Todesurteil schon längst gefasst war – in der Nacht davor. In Privathäusern hatten sie quasi eine Vorverhandlung gemacht und bereits beschlossen: Er ist des Todes.

Das war ganz gegen rabbinisches Recht. Im Talmud steht, dass bei Angelegenheiten um Leben und Tod keine Gerichtsverhandlung nachts stattfinden darf.

Darum sind sie auch nicht nachts in den Sanhedrin gegangen, in die königliche Säulenhalle im Tempel, sondern haben sich in Privathäusern versammelt. Damit sagten sie, das sei keine Gerichtsverhandlung, sondern eine Privatuntersuchung.

Im Prinzip war es aber eine illegale Gerichtsverhandlung. Nur der Form nach, sobald die Sonne aufgeht, versammelte sich das Synedrium.

Warum? Weil mit dem Sonnenaufgang die Nacht vorüber ist und man dann einen Prozess auf Leben und Tod führen darf.

Das heißt, bevor der Prozess begann, war das Urteil schon gefällt. Das widerspricht grundsätzlich jeder Rechtsprechung. Sonst müsste man kein Gericht mehr halten, wenn alles schon vorher bestimmt ist.

Der Herr wusste, dass das Urteil gefällt war, und er schwieg. Früher wurde er angegriffen, hat immer wieder reagiert und geantwortet, sogar auf hinterhältige Fragen. Aber hier nicht mehr.

Das war nach der Gerichtsverhandlung, aber auch während der Gerichtsverhandlung vor dem Hohenpriester hat der Herr geschwiegen.

Außer in einem Fall: Der Hohepriester sagt: „Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus oder der Messias bist.“

Wenn der Hohepriester als oberster Richter jemanden unter Schwur stellt, muss dieser antworten, sonst wird er schuldig.

Darum steht in 3. Mose 5, Vers 1: „Wenn jemand die Stimme des Schwures gehört hat und nicht gesprochen hat, ist er schuldig geworden und muss ein Schuldopfer bringen.“

Der Herr Jesus antwortete in diesem Moment: „Du sagst es, ja, ich bin der Messias.“

„Du sagst es“ heißt nicht „das sagst du“, sondern ist eine kräftige Bejahung: „Ja, so ist es.“

Der Herr Jesus sprach also nur dort, wo es vom Gesetz Gottes her notwendig war. Sonst schwieg er, wie ein Lamm, das stumm ist vor seinen Scheren.

Nun noch Vers 15. Wir sind schon am Ende unserer Zeit.

Ja, das ist nochmals der gleiche Gedanke: Der Herr hätte Gründe gehabt, aber er brachte keine vor, weil feststand, dass er sterben musste. Er war bereit, dieses Opfer zu werden.

Denken wir daran, dass dieser Psalm immer wieder im Zusammenhang mit dem Opfer im Tempel gesungen wurde.

So ist es auch gekommen: Der Herr stand vor den Richtern im Tempel in der königlichen Säulenhalle, gab keine Antwort mehr und keine Gegenrede.

Dann ist er außerhalb der Stadt als Sündopfer durch diese Leiden gegangen und ist gestorben.

Im Zusammenhang mit dem Verbrennen des Opfers zum Gedächtnis sehen wir nochmals einen tieferen Zusammenhang: Am Vorabend der Kreuzigung nahm der Herr die Matte (das ungesäuerte Brot) und sagte: „Dies ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; tut dies zu meinem Gedächtnis.“

Das war der Wunsch des Herrn, dass wir immer wieder gedenken, darüber nachdenken und uns zu Herzen gehen lassen, was er für uns getan hat.

Weil der Herr wusste, dass wir immer wieder die Prioritäten verschieben, setzte er dieses Mahl ein – eben zum Gedächtnis.

Paulus sagt in 1. Korinther 11: „Ihr verkündigt denn so oft ihr dieses Brot esst und von diesem Kelch trinkt, den Tod des Herrn, bis er kommt.“

Das ist der Übergang von diesem Psalm zum Gedächtnis, eben zum Abendmahl, das rückblickend zum Gedächtnis geschehen soll.

Dieser Psalm war ein Gedächtnis vorausblickend auf Golgatha, und jetzt ist das Abendmahl ein Gedächtnis zurückblickend auf Golgatha.

Vor allem dient es auch dazu, die Weissagung zu entkräften, wann er sterben und sein Name verloren gehen würde. Gerade durch das Abendmahl wird sein Name nicht verloren.

Ja, ganz genau. Ganz genau.

Die Gemeinde als Ort des Rufens nach Jesus Christus

Paulus schreibt zum Beispiel den ersten Korintherbrief an die Gemeinde in Korinth, doch er richtet ihn ausdrücklich an alle Gemeinden überall. Es ist interessant, wie diese Gemeinden weltweit bezeichnet werden.

Schauen wir zum Schluss noch kurz in 1. Korinther 1,2 nach. Nachdem Paulus sich als Verfasser zusammen mit Sostenes vorstellt, heißt es dort: „Der Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, den Geheiligten in Christus Jesus, den berufenen Heiligen samt allen, die an jedem Ort den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen, sowohl ihres als unseres Herrn.“

Eine Gemeinde ist also ein Ort, an dem Menschen den Namen des Herrn Jesus anrufen. Übrigens ist diese Stelle sehr aufschlussreich. Es gibt ja Leute, die sagen, man solle eigentlich nur zum Vater beten und nicht zum Sohn. Hier sehen wir, dass das vollkommen falsch ist.

Wir beten sowohl zum Vater als auch zum Sohn. In der Bibel gibt es zahlreiche Gebete, die sich ausdrücklich an den Vater richten, und ebenso viele, die sich an den Sohn wenden. Allerdings gibt es kein Beispiel für Gebete, die direkt an den Heiligen Geist gerichtet sind.

Obwohl der Heilige Geist Gott ist und dem Vater und dem Sohn ebenbürtig, lernen wir in Epheser 6,20 und Judas 1,20, dass wir in der Kraft des Heiligen Geistes beten sollen. Der Heilige Geist befähigt uns also erst, zum Vater und zum Sohn zu beten.

Die Gemeinde ist gekennzeichnet dadurch, dass sie weltweit den Namen unseres Herrn Jesus Christus anruft. So geht sein Name nicht verloren.

Der Name „Jeschu“ ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig, besonders wenn man mit Juden spricht. Man sollte sich nicht anpassen, sondern standhaft bleiben und von „Jeschua“ sprechen. „Jeschua“ ist einfach die hebräische Aussprache von Jesus.

„Jeschu“ hingegen ist ein Fluch. Allerdings ist es ein Fluch ohne Bedeutung – so wie es in den Sprüchen heißt, ein Fluch, der nicht verdient ist. Das ist wie ein Vogel, der wegfliegt und nicht trifft.

Zum Schluss wollen wir noch beten.

Gottes Vorkenntnis und die Freiheit des Menschen am Beispiel Judas

Ich möchte noch ein paar Fragen zu der Frage aufgreifen, die vor der Pause gestellt wurde. Warum ist das so? Oh ja, klar. Ich fasse das jetzt ganz kurz zusammen und gehe beim nächsten Mal vielleicht noch etwas ausführlicher darauf ein. Das wollte ich noch sagen, aber die Zeit drängt.

Die Heilige Schrift hat ganz klar vorausgesagt, dass einer der Jünger den Herrn verraten würde. Beim nächsten Mal möchte ich auch auf andere Psalmstellen eingehen, in denen Judas weiter beschrieben wird, zum Beispiel Psalm 57 und Psalm 102.

Nun kann man sich fragen: War Judas von Gott prädestiniert, diese Verrätertat zu begehen? Nein, Gott hat niemanden zum Bösen vorherbestimmt. Das ist das Zeugnis der ganzen Heiligen Schrift. Ebenso hat Gott niemanden dazu bestimmt, verloren zu gehen. Im Gegenteil: 1. Timotheus 2,4 sagt, dass Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Calvin hat gesagt, das bedeutet alle Arten von Menschen, also Quechua-Indianer, Schweizer usw. Aber das ist nicht richtig, denn wir haben ganz klar die Umkehrung in 2. Petrus 3,9, wo es heißt, dass Gott nicht will, dass irgendjemand verloren geht.

Calvin lehrte, dass Gott eine bestimmte Anzahl von Menschen auserwählt und vorherbestimmt hat, dass diese gerettet werden. Die anderen hat er sich selbst überlassen, und sie gehen verloren, weil der Mensch böse ist, Gott hasst und nicht sucht. Sie sind selbst schuld, aber nach Calvins Meinung könnten sie auch gar nicht errettet werden, nur die, die Gott zuvor bestimmt hat.

Die Bibel lehrt jedoch, dass Gott das Heil für jeden Menschen will. Das heißt, jeder Mensch hat die Möglichkeit, errettet zu werden. Nun ist es ganz wichtig: Die Auserwählung Gottes geschieht nach seiner Vorkenntnis. 1. Petrus 1,2 sagt: „Ihr seid auserwählt nach der Vorkenntnis Gottes.“ Im Griechischen heißt das Wort „Prognosis“. Dieses Wort kennen wir von der Wetterprognose.

Wenn die Wetterprognose heute vorhersagt, dass morgen nochmals Schnee kommt, dann haben wir eine Vorkenntnis dessen, was kommen wird. Aber es ist uns klar: Die Vorkenntnis hat absolut keinen Einfluss auf die Wetterbildung. Sie ist völlig unabhängig.

Es gibt Menschen, die meinen, weil Gott etwas im Voraus weiß, hat er es auch dadurch bestimmt. Nein, das sind unabhängige Dinge. Das Vorherwissen ist nicht dasselbe wie das Vorherbestimmen. Gott wusste, welche Menschen einmal kapitulieren würden, wenn er sie zieht. Gott sieht jeden Menschen. Aber es gibt Menschen, die widerstehen bis zum Schluss.

 Römer 2,4 sagt: „Weißt du nicht, dass die Güte Gottes dich zur Buße leitet?“ Und dann heißt es weiter: „Denn nach deiner Sturheit und deinem unbußfertigen Herzen häufst du dir selbst Zorn auf am Tag des Gerichts.“ Der Sünder, der widersteht und bis zum Schluss nicht umkehrt, geht verloren. Der Sünder, der schließlich kapituliert, weil Gott ihn zieht – sonst kämen wir ja nie zu ihm –, wird gerettet.

Gott wusste im Voraus, wer schließlich nachgeben wird und wer nicht. Aufgrund seiner Vorkenntnis hat er diese Menschen dann zur Erlösung durch das Blut Jesu erwählt.

Im Fall von Judas wusste Gott in seiner Allwissenheit, dass Judas den Herrn verraten würde. Er hat ihn diesen Weg gehen lassen. Darum konnte er den Propheten in Psalm 41, David und anderen eingeben, was geschehen wird. Aber Gott hat Judas nicht dazu bestimmt. Er hat ihm immer wieder die Möglichkeit gegeben, umzukehren.

Wenn Judas jedoch vor dem großen weißen Thron steht, wird Gott sagen können, wie der Herr Jesus zu Jerusalem gesagt hat: „Wie oft habe ich euch versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel sammelt, und ihr habt nicht gewollt.“ Das ist der Punkt.

Kein Mensch geht verloren, weil Gott ihm nicht die Möglichkeit zur Rettung gegeben hätte. Es bleibt dann: „Ihr habt nicht gewollt.“ Das ist wichtig, um ein klares Bild von der Gerechtigkeit Gottes zu haben.

In diesem Punkt hat Calvin vollständig geirrt. Glücklicherweise nimmt dieses Thema in seiner „Institutio“, die ja mehrere Bände umfasst, nur wenige Seiten ein, etwa zwanzig Seiten. So vieles in der „Institutio“ ist wunderbar geschrieben und zu Herzen gehend.

Wenn man dort am Anfang zu lesen beginnt, bekommt man einen tiefen Eindruck von der größeren Majestät und Herrlichkeit Gottes. Wirklich ganz wunderbar geschrieben und ständig mit überraschenden Bibelstellen aus altem und neuem Testament ausgeschmückt.

Aber eben in diesem Punkt hat er geirrt, und das muss man klar sehen. Es war ein Irrtum. Darum haben sich auch die anderen Reformatoren davon distanziert.

In der Schweiz war es sehr schön: Der Nachfolger von Zwilling war Bullinger. Das war ein ganz geistlich gesinnter Mann, was man von Zwilling nicht so sagen kann wie von Bullinger. Übrigens war Bullinger der Sohn eines Priesters, also nicht gerade eine schöne Herkunft. Aber das spielt für Gott keine Rolle. Er hat aus Bullinger ein wunderbares Werkzeug gemacht.

Bullinger sagte zu Calvin: „Wir wollen zwar keine Kirchenspaltung, aber diese Prädestinationslehre bleibt in Genf. Wir machen einen Sicherheitsgürtel um Genf, aber wir wollen nicht, dass das nach Zürich kommt.“ Das ist doch eindrücklich, oder?

So haben die Reformatoren im Allgemeinen klar gesehen, was Gottes Vorkenntnis betrifft, nämlich dass das Heil allen Menschen als echte Möglichkeit der Rettung angeboten wird.

Ja, dann wollen wir beten. Aber beim nächsten Mal fahren wir da noch ein bisschen weiter fort.

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