Einführung in die messianischen Psalmen und deren Schwerpunkt
Wir beschäftigen uns mit den messianischen Psalmen, das heißt mit den Psalmen, die auf Jesus Christus hinweisen. Dabei betrachten wir jedoch nicht alle Psalmen, die auf Christus verweisen. Unser Fokus liegt ganz besonders auf den Psalmen, die auf das erste Kommen des Herrn Jesus hinweisen, also auf sein Kommen als der leidende Messias.
Würden wir auch das zweite Kommen berücksichtigen, müssten wir deutlich mehr Psalmen miteinander studieren. Deshalb haben wir uns bewusst auf die Psalmen beschränkt, die in besonderer Weise das erste Kommen des Messias thematisieren. Ansonsten müssten wir im Prinzip alle Psalmen durchgehen.
Zwischendurch werde ich jedoch auch wieder auf einzelne Stellen aus anderen Psalmen zurückgreifen. Wenn wir zum Beispiel Psalm 41 behandelt haben und nun zu Psalm 69 springen, bedeutet das nicht, dass wichtige Psalmen wie Psalm 45 übersehen wurden. Psalm 45 ist ein besonders bedeutender messianischer Psalm, der jedoch vor allem das zweite Kommen Jesu in den Vordergrund stellt.
Wir werden also immer wieder auch auf bestimmte Abschnitte aus verschiedenen Psalmen zurückkommen und diese in Verbindung miteinander betrachten.
Messianische Hinweise in Psalm 34 und die Kreuzigung Jesu
Vielleicht möchte ich noch einige wenige Stellen aus frühen Psalmen herausgreifen, die wir bisher nicht speziell behandelt haben, bevor wir zu Psalm 69 übergehen. Zum Beispiel Psalm 34, Vers 20. Könnte das bitte jemand vorlesen? Ja, in Ihrer Zählung wäre das dann Vers einundzwanzig. Also, das war jetzt Vers zwanzig, oder? Ja, in meiner Zählung wäre das Vers neunzehn. Jetzt geht es mir um den nächsten Vers, also einundzwanzig, bitte.
Jawohl, das ist eine spezielle Verheißung. In einem Psalm, in dem es nicht in jedem Vers um den Messias geht, finden wir manchmal messianische Hinweise. Es ist ein Psalm, der nicht durchgängig vom ersten Kommen Christi spricht, aber hier gibt es eine ganz besondere Verheißung auf den Gerechten. Das ist insbesondere der Herr Jesus, der im Neuen Testament siebenmal der Gerechte genannt wird. Kein Gebein, kein Knochen von ihm wird zerbrochen werden. Diese Verheißung hat sich am Kreuz auf sehr eindrückliche Weise erfüllt.
Die Kreuzigung Jesu fand damals im Jahr 32 an einem Freitag statt. Um sechs Uhr abends begann der Sabbat, und die jüdischen Führer waren besonders besorgt, dass das Gebot aus dem fünften Buch Mose eingehalten wird. Dort heißt es, dass ein Gehängter nicht über Nacht am Holz hängen darf. Deshalb baten sie Pilatus, die Kreuzigung vorzeitig zu beenden, damit die Körper noch vor Beginn des Sabbats abgenommen werden könnten. Pilatus erlaubte dies.
So lesen wir im Johannesevangelium, Kapitel 19, Vers 31: Im Vers davor sagt Jesus noch: „Es ist vollbracht.“ Er neigt sein Haupt und übergibt den Geist, er stirbt. Die Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt waren, waren aber noch nicht tot. Nun liest bitte jemand die Verse 31 und folgende. Es wäre hilfreich, wenn man bei diesem längeren Text ans Mikrofon nach vorne kommen könnte.
„Und die Leichname sollten nicht am Kreuz bleiben über den Sabbat, denn dieser Sabbat war ein hoher Festtag. Die Juden baten Pilatus, dass er ihnen die Beine brechen und die Leichname abnehmen lasse. Da kamen die Soldaten und brachen dem Ersten die Beine und auch dem anderen, der mit ihm gekreuzigt war. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus. Der, der das gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr. Er weiß, dass er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt. Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde: ‚Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.‘ Und wiederum sagt die Schrift an anderer Stelle: ‚Sie werden den sehen, den sie durchbohrt haben.‘“
Bei der Peinigungsart durch Kreuzigung verliert man normalerweise nicht extrem viel Blut. Die Römer hatten diese Art der Kreuzigung so perfektioniert, dass die Leiden je nach Fall bis zu vierzehn Tage andauern konnten. Man konnte genau voraussagen, welche Körperfunktionen nacheinander zusammenbrechen würden, aber der Tod konnte sehr lange auf sich warten lassen.
Die Soldaten hatten den Befehl, den Verurteilten die Beine zu brechen. Sie kamen mit großen Hämmern und schlugen die Unterschenkel zusammen. Dadurch konnte der Gekreuzigte nicht mehr auf den Nägeln stehen, um zwischendurch Luft zu holen. Innerhalb von drei Minuten erstickten die Verurteilten so. Das war eine gnädige Geste der römischen Soldaten, um diese Kriminellen schneller aus dem Leben zu befördern.
Doch als sie zu Jesus kamen, war die Überraschung groß: Er war schon tot. So erfüllte sich Psalm 34, Vers 20: Kein Bein oder Knochen von ihm wird zerbrochen werden. Bei der Kreuzigung wurden also keine Knochen gebrochen. Nur bei dieser Handlung, dem Brechen der Beine, wurde das normalerweise gemacht. Aber der Herr hat das nicht mehr erlebt, Gott hat eine solche Schändung nicht zugelassen.
Die Öffnung der Seite mit dem Speer war der endgültige Beweis für den Tod Jesu. Blut und Wasser kamen heraus. Wenn man Blut spendet und ein Gefäß voll Blut hat, ist alles schön rot. Wenn das Gefäß dann eine längere Zeit steht, sinken die roten Blutbestandteile auf den Boden, und oben entsteht eine durchsichtige Flüssigkeit. Diese besteht zu einem großen Teil aus Wasser, einem wichtigen Bestandteil des Blutes. So trennt sich das Blut.
Wenn wir am Leben sind, ist das Blut ständig in Bewegung und gut durchmischt. Sobald der Kreislauf stoppt und wir gestorben sind, entsteht diese Blutsenkung auch im Körper. Die Öffnung der Seite Jesu zeigt, dass das Blut nicht mehr zirkulierte. Das ist der eindeutige Beweis, dass der Tod eingetreten war.
Dieses Ereignis ist ein wichtiges Argument gegen diejenigen, die sagen, der Tod Jesu sei nur ein Scheintod gewesen. Deshalb sei auch die Auferstehung keine wirkliche Auferstehung, sondern nur das Wiedererscheinen eines Scheintoten. Nein, das Zeugnis, das Johannes hier gibt, ist besonders wichtig.
Er betont in Vers 35: „Der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahrhaftig. Er weiß, dass er sagt, was wahr ist, damit auch ihr glaubt.“ Es war ihm ganz besonders wichtig, auf dieses Ereignis hinzuweisen. Ein glaubwürdiges Zeugnis eines Augenzeugen ist ein klarer Beweis, dass der Tod Jesu eingetreten war.
Kein Bein wird von ihm zerbrochen werden.
Das Passahlamm als Hinweis auf Jesus und archäologische Funde
Und nun ist es ganz eindrücklich: An diesem Kreuzigungstag war nach jüdischer Zeitrechnung der fünfzehnte Nisan, der am Vorabend begann. Nach Newton beginnt der neue Tag immer am Vorabend gegen sechs Uhr, also etwa um 18 Uhr im Durchschnitt. Am fünfzehnten Nisan wurde ja das Passalam gegessen.
Schlagen wir nun in 2. Mose 12 auf, dort sehen wir, wie dieses Passalam eindrücklich auf Jesus Christus hinwies. Besonders in 2. Mose 12, Vers 46, vielleicht im Zusammenhang ab Vers 43, kann man das gut lesen.
Das war eine erstaunliche Vorschrift, deren Bedeutung nicht sofort klar war. Bei diesem Lamm, das beim Passah gefeiert wurde, durfte man beim Schlachten und Zubereiten keinen Knochen brechen. Das soll ein Hinweis darauf sein, dass kein Knochen des Messias gebrochen werden sollte, wenn er stirbt und sein Blut gibt – so wie das Blut der Passalämmer fließen musste.
Das nur als kleiner Nachtrag. Übrigens hat man archäologisch vor einigen Jahren die Knochen eines Gekreuzigten aus dem ersten Jahrhundert in Jerusalem gefunden. Das habe ich bereits erwähnt. Er hieß Hans, weil auf seinem Sarg, seiner Knochenbox, einem sogenannten Ossuarium, der Name Jochanan stand. Das ist Hebräisch für Hans oder Johannes.
Hans wurde gekreuzigt. Man hat sogar den Fersenknochen gefunden, durch den ein Nagel getrieben war. Der Fersenknochen hat viele Zwischenräume, was ich schon erklärt habe. Wenn man einen Nagel hindurchtreibt, zersplittert dieser Knochen nicht, weil er sehr konsistent ist. Die Zwischenräume sind so angeordnet, dass der Knochen eine sehr hohe Stabilität besitzt. Er trägt den Nagel, ohne zu zerbrechen.
Das wurde bei diesem Gekreuzigten gefunden. Die Unterschenkel waren zerbrochen – ein Beispiel für einen Gekreuzigten, dem die Knochen gebrochen wurden, um den Tod zu beschleunigen.
Einführung in Psalm 69 und seine Bedeutung für die Kreuzesleiden
Ja, jetzt wenden wir uns Psalm 69 zu. Wie gesagt, werde ich zwischendurch immer wieder auf einzelne frühere Psalmen zurückgreifen. Psalm 69 ist ein Psalm, der ganz besonders die Kreuzesleiden des Messias voraussagt. Er wurde von König David im elften Jahrhundert vor Christus verfasst.
Kann jemand den Psalm vorlesen? Von David, nach der Weise „Lilien“.
Gott, hilf mir, denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.
Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist.
Ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.
Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiß,
meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange auf meinen Gott warten muss.
Die, die mich ohne Grund hassen, sind mehr als die Haare auf meinem Haupt.
Die, die mir zu Unrecht Feind sind und mich verderben wollen, sind mächtig.
Ich soll zurückgeben, was ich nicht geraubt habe.
Gott, du kennst meine Torheit, und meine Schuld ist dir nicht verborgen.
Lass nicht zu, dass die deiner Harren sich an mir schämen, Herr, Herr Zebaoth.
Lass nicht zu, dass die sich schämen, die dich suchen, Gott Israels.
Denn um deinetwillen trage ich Schmach, mein Angesicht ist voller Schande.
Ich bin fremd geworden meinen Brüdern und unbekannt den Kindern meiner Mutter,
denn der Eifer um dein Haus hat mich gefressen,
und die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.
Ich weine bitterlich und faste, und man spottet meiner dazu.
Ich habe einen Sack angezogen, aber sie treiben ihren Spott mit mir.
Die im Tor sitzen, schwatzen von mir, und beim Zechen singt man von mir.
Ich aber bete zu dir, Herr, zur Zeit der Gnade.
Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.
Errette mich aus dem Schlamm, dass ich nicht versinke,
dass ich errettet werde vor denen, die mich hassen, und aus den tiefen Wassern.
Lass mich die Flut nicht ersäufen und die Tiefe nicht verschlingen,
und das Loch des Brunnens sich nicht über mir schließen.
Erhöre mich, Herr, denn deine Güte ist tröstlich.
Wende dich zu mir nach deiner großen Barmherzigkeit und verbirg dein Angesicht nicht vor deinem Knecht.
Denn mir ist Angst, erhöre mich eilends!
Nähre dich zu meiner Seele und erlöse sie, erlöse sie um meiner Feinde willen.
Du kennst meine Schmach, meine Schande und Scham,
meine Widersacher sind dir alle vor Augen.
Die Schmach bricht mir mein Herz und macht mich krank.
Ich warte, ob jemand Mitleid hat, aber da ist niemand,
und auf Tröster warte ich, aber ich finde keinen.
Sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst.
Ihr Tisch werde ihnen zur Falle, zur Vergeltung und zum Strick.
Ihre Augen sollen finster werden, dass sie nicht sehen,
und ihre Hüften sollen immerfort wanken.
Gieße deine Ungnade über sie aus, und dein grimmiger Zorn ergreife sie.
Ihre Wohnstadt soll verwüstet werden, und niemand wohne in ihren Zelten,
denn sie verfolgen den, den du geschlagen hast,
und reden gern von dem Schmerz dessen, den du hart getroffen hast.
Lass sie aus einer Schuld in die andere fallen,
dass sie nicht kommen zu deiner Gerechtigkeit.
Tilge sie aus dem Buch des Lebens,
dass sie nicht geschrieben stehen bei den Gerechten.
Ich aber bin elend und voller Schmerzen,
Gott, deine Hilfe schütze mich.
Ich will den Namen Gottes loben mit einem Lied
und will ihn hoch ehren mit Dank.
Das wird dem Herrn besser gefallen als ein Stier, der Hörner und Klauen hat.
Die Elenden sehen es und freuen sich,
und die Gott suchen, denen wird das Herz aufleben.
Denn der Herr hört die Armen und verachtet seine Gefangenen nicht.
Es lobe ihn Himmel und Erde, die Meere mit allem, was sich darin regt.
Denn Gott wird Zion helfen und die Städte Judas bauen,
dass man dort wohne und sie besitze.
Und die Kinder seiner Knechte werden sie erben,
und die seinen Namen lieben, werden darin bleiben.
Psalm 69 im Neuen Testament – Anwendung und Auslegung
Wo wird im Neuen Testament ausdrücklich dieser Psalm auf Jesus Christus bezogen? Gibt es eine solche Stelle? Vers 22 wird ausdrücklich im Neuen Testament erwähnt, aber wo genau? Nein, ich meine, wo wird Psalm 69 ausdrücklich im Neuen Testament zitiert und auf Jesus Christus angewendet?
Schlagen wir kurz auf, denn hier haben wir nicht nur die Auslegung der Menschen, sondern tatsächlich die Auslegung des Heiligen Geistes vor uns. Und zwar im Johannes-Evangelium Kapitel 2. Lesen wir des Zusammenhangs wegen die Verse ab Vers 13.
Da stehen wir also ganz am Anfang des öffentlichen Dienstes des Herrn Jesus. Hier findet die erste Tempelreinigung Jesu statt. Es gab insgesamt zwei Tempelreinigungen: diese hier am Anfang seines öffentlichen Dienstes und dann noch eine am Ende seines öffentlichen Dienstes, kurz vor der Kreuzigung. Genauer gesagt am Montag vor der Kreuzigung. Am Sonntag war Palmsonntag, der Einzug Jesu nach Jerusalem. Am Montag, was aus dem Markus-Evangelium deutlich wird, hat er dann den Tempel nochmals von den Händlern gereinigt.
Wir müssen also zwischen zwei Tempelreinigungen unterscheiden. Es gibt noch mehr Unterschiede als nur die unterschiedlichen Zeitpunkte. Hier macht der Herr den Vorwurf, sie hätten den Tempel zu was gemacht? Zu einem Kaufhaus. Bei der späteren Tempelreinigung machte er nicht nur den Vorwurf, ein Kaufhaus daraus gemacht zu haben, sondern eine Räuberhöhle.
Das mit der Räuberhöhle stimmt überein mit Quellen, die wir auch außerhalb der Bibel haben. Dort wird berichtet, dass Opfer zu völlig überrissenen, ungerechten Preisen verkauft wurden und dass sich Menschen in völlig unwürdiger Weise durch den Tempeldienst bereichert haben. Da spricht der Herr von einer Räuberhöhle. Aber hier bei der ersten Tempelreinigung war das noch nicht so. Der Vorwurf lautete, sie hätten ein Kaufhaus daraus gemacht.
Interessant ist, wenn wir dieses Wort „Kaufhaus“ zurückübersetzen auf Hebräisch. Das Johannesevangelium wurde ja auf Griechisch geschrieben, das ganze Neue Testament wurde auf Griechisch verfasst und inspiriert. Übersetzt man dieses griechische Wort zurück ins Hebräische, dann gibt es das Wort Chanut oder Chanujot. Und genau das ist der Name im Talmud für die königliche Säulenhalle.
Das war die prächtigste der Säulenhallen im Tempel, eine Basilika. Der Sitz des obersten jüdischen Gerichtshofes, des Sanhedrin, hatte dort seinen Sitz in der Südostecke des Tempelbezirks. Im Mittelbereich war der Markt, dort wurden die Opfer verkauft. Aber das sollte eben nicht hier geschehen, wo die Leute ja gestört werden, die beten wollten im Heidenvorhof.
Denn diese Basilika, also diese Säulenhalle, gehörte zum Heidenvorhof, wo die Nichtjuden beten konnten, weil sie ja nicht in die inneren Vorhöfe hinein durften. Diese waren durch eine Zwischenwand der Umzäunung abgetrennt. Nur Juden durften weitergehen in die inneren Bereiche.
So waren die Betenden ständig durch das Marktgeschrei der Verkäufer gestört. Übrigens gab es auch einen Verkaufsort für Opfertiere auf dem Ölberg, dort war es in Ordnung, kein Problem. Aber nicht im Tempel. Darum sagte Jesus, er mache nicht aus dem Haus seines Vaters ein Chanut, ein Kaufhaus.
Der Vorwurf ist also sehr treffend, denn das war die normale Bezeichnung im Judentum für diesen Teil des Tempels. Die Jünger, als sie den Eifer des Herrn gesehen hatten, wurden an Psalm 69 erinnert: „Der Eifer um dein Haus verzehrt mich“ – wörtlich: „Der Eifer um dein Haus frisst mich“. Das ist Psalm 69, Vers 10.
Dieses Verzehren weist darauf hin, dass die Verkäufer die Erlaubnis vom obersten Gerichtshof bekommen hatten. Der Sanhedrin hatte die Erlaubnis gegeben, hier Opfer zu verkaufen. So konnten sich die sadduzäischen Priester in ungebührlicher Weise schrecklich bereichern.
Aber als Jesus, ein Mann aus Galiläa, kam und all diese Verkäufer hinauswarf, opponierte er gegen den obersten Gerichtshof. Das war sehr gefährlich, denn das musste ihm den Tod bringen.
Nach 5. Mose 19 können wir das kurz aufschlagen. Nein, genauer in 5. Mose 17, dort wird dem Gerichtshof im Tempel höchste Autorität von Gott zugemessen. Lesen wir 5. Mose 17 ab Vers 8.
Hier geht es um einen Gerichtsfall, der für die örtlichen Gerichte zu schwierig ist. In Vers 8 heißt es: „In deinen Toren“ – das heißt in den verschiedenen Städten. Der Ausdruck „Tor“ bezeichnet eine Stadt mit Stadtmauern. Die Gerichte waren jeweils in den Torgebäuden stationiert.
Wenn irgendwo in Israel ein örtliches Gericht mit einem Rechtsfall überfordert war, musste dieser an den Ort gebracht werden, den der Herr, dein Gott, erwählen wird. Mose erwähnt diesen auserwählten Ort 21 Mal. Später wird in der Zeit Davids klar, dass Jerusalem dieser Ort ist, an dem der Herr seinen Namen wohnen lassen wollte.
Darum hat Salomo, Davids Sohn, dort den Tempel gebaut, an diesem auserwählten Ort. Zur Zeit Jesu, also zur Zeit des zweiten Tempels, war der Sanhedrin, der oberste Gerichtshof Israels, im Tempel stationiert.
5. Mose 17 erklärt, dass dieses Gericht so hohe Autorität hat, dass sein Urteil verbindlich ist. Wer sich dagegen auflehnt, ist ein Mann des Todes. Am Schluss heißt es in Vers 12: „Und du sollst das Böse aus Israel hinwegschaffen.“
Mose geht davon aus, dass die Richter gemäß der Bibel entscheiden und dass eine Auflehnung gegen dieses Urteil etwas Böses ist. Doch der Verfall war so weit fortgeschritten, dass dieser oberste Gerichtshof erlaubte, dass im Haus Gottes Marktgeschrei herrschen durfte.
Nun kam ein bis dahin noch nicht so bekannter Mann aus Galiläa und trieb all die Händler hinaus, und zwar auf eine aufsehenerregende Weise. Der Sanhedrin musste Stellung nehmen zu diesem Mann. Er war ein Mann des Todes, denn er hatte rebelliert.
Oder man musste sich fragen: Vielleicht ist dieser Mann der Messias? Dann stünde er aber über dem Gerichtshof. Von da an konnten sie nicht mehr neutral bleiben. Sie mussten sich entscheiden: Entweder ist er ein Verführer, den man töten muss, damit das Böse hinweggeschafft wird. Oder er ist der Messias, dann muss sich der Gerichtshof von ihm korrigieren lassen.
Die Jünger erkannten, dass dieser Widerstand gegen den Sanhedrin gewissermaßen das Todesurteil über den Herrn Jesus bedeutete. „Der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt“ – so heißt es wörtlich.
Dieser selbe Vers aus Psalm 69 wird in der zweiten Hälfte auch in Römer 15 zitiert. Dort erklärt der Apostel Paulus, dass sich das auf Christus bezieht. In Römer 15, Verse 2 und 3, eigentlich auch Vers 4, finden wir die praktische Anwendung.
Dort wird genau derselbe Vers zitiert, aber das, was in Johannes 2 nicht zitiert wurde. Dort stand nur: „Der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt.“ Die andere Hälfte des Verses besagt genau das, was Paulus erklärt: Es bezieht sich auf Christus.
Es ist nützlich beim Bibellesen im Neuen Testament, immer wieder, wenn der Name Christus vorkommt oder sogar „der Christus“, das griechische Wort „Christos“, zurückzuübersetzen ins Hebräische. Das entsprechende Wort ist „Mashiach“, was verdeutscht „Messias“ heißt.
Man setzt also ein: Der Messias hat nicht sich selbst gefallen, sondern wie geschrieben steht: „Die Schmähungen der, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.“ Es wird ausdrücklich gesagt, dass dieser Vers sich auf den Messias bezieht.
Die Anwendung findet sich in Vers 4: Alles, was zuvor geschrieben ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben. Wenn Christus bereit war, Schmach und Schande zu tragen, weil er sich für die Ehre Gottes einsetzte, dann sollen auch wir bereit sein, auf unsere Ehre zu verzichten und bereitwillig die Schmach Gottes zu tragen. Das hat der Messias auch getan.
Das Paradox der Schuld und Unschuld im leidenden Messias
Und wie? Gehen wir zurück zu Psalm 69. Der Leidende in Psalm 69 ist ein Mensch, der leidet, nicht weil er gesündigt hat, sondern weil er gerecht ist. Sie hassen ihn ohne Ursache; sie haben keinen Grund, ihn zu hassen. Durch sein Leiden erstattet er schließlich Gott gegenüber das, was er selbst gar nicht geraubt hat. Was ich nicht geraubt habe, muss ich alsdann erstatten.
Wenn man jedoch einen Vers weitergeht, ist man überrascht. Das ist genau das Gegenteil. Wer liest Vers 6 vor? Das ist doch in sich ein Paradox, ein Widerstreit. Vers 5 sagt: „Ohne Ursache hassen sie ihn.“ Er hat nicht geraubt, aber er erstattet – und zwar zweimal – „ohne Ursache“, ohne Grund. Und was er nicht geraubt hat, muss er erstatten.
Dann spricht der nächste Vers über seine Torheit und seine Vergehungen. Wie soll man das verstehen? Jawohl, das ist eigentlich keine Überraschung mehr für uns, denn das haben wir zur Genüge in früheren Psalmen gesehen.
Psalm 40, der auch ausdrücklich auf Christus bezogen wird, enthält plötzlich Verse, in denen von seinen Sünden gesprochen wird. Können wir kurz Psalm 40 aufschlagen? Dort sagt er in Vers 8: „Siehe, ich komme; in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben: Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust.“ Der Messias sagt hier, dass er in die Welt kommt, weil von ihm im Alten Testament geschrieben steht, dass er Gottes Plan erfüllen wird.
Dann liest man weiter in Vers 13. Hier sagt der Herr Jesus, dass er die Sünden auf sich genommen hat – und zwar so, dass er fremde Schuld zu seiner eigenen Schuld macht. Der Gerechte ist, wie vorhin gesagt wurde, zur Sünde gemacht.
2. Korinther 5,21: „Den, der Sünde nicht kannte, hat Gott für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.“
Ja bitte? Ich habe eine Frage: Ist bekannt, wann Jesus im alttestamentlichen Sinne bereit war, die Sünden auf sich zu nehmen? Wann wusste er, dass er diesen Leidensweg für uns gehen würde? Das wusste er von Anfang an.
Denn wir haben ja vor einiger Zeit Psalm 40 durchgenommen, gerade diese Stelle: „Siehe, ich komme; in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben, um deinen Willen, oh Gott, zu tun.“ Das haben wir gefunden, zitiert im Hebräerbrief, Hebräer 10. Dort erklärt der Heilige Geist, dass der Herr Jesus diese Worte gesprochen hat, als er in die Welt kam.
Als er in die Welt kommt, sagt er: „Siehe, ich komme, um deinen Willen, oh Gott, zu tun.“ Und dann wird in Hebräer 10 erklärt, dass dieser Wille Gottes Wille war, dass Jesus sein Leben als Mensch, seinen Leib als Opfer darbringt.
Also kam der Herr Jesus in diese Welt mit der Absicht, das Opfer zu werden. Er wurde Mensch, nahm Fleisch und Blut an, damit er als Mensch sterben konnte. Gott kann ja nicht sterben, aber als Mensch mit Fleisch und Blut konnte er sterben.
Natürlich ist das das Problem: Wie kann jemand in die Welt kommen und dann sprechen? Wir haben es sechsmal ausprobiert, und die Kinder konnten jedes Mal nicht sprechen, als sie auf die Welt kamen, sondern nur schreien. Aber der Herr Jesus kam als Gottes Sohn in diese Welt und hörte nie auf, Gott und Gottes Sohn zu sein, auch als er ein Kind wurde.
So ist das für uns natürlich etwas Unverständliches: diese zwei Naturen, Gott und Mensch, in einer Person. Es ist auch ein Geheimnis, aber die Bibel lüftet etwas den Vorhang zu diesem Geheimnis. Wir sehen, dass der Sohn Gottes Mensch wurde, ein Kind wurde, aber dass er als ewiger Sohn Gottes in diesem Moment sagte: „Ich komme, um deinen Willen, oh Gott, zu tun.“
Das heißt, der Weg des Herrn Jesus war von Anfang an klar: Er würde kommen, um zu leiden, geboren werden, um zu sterben.
Das erklärt eben dieses Paradoxon, diesen inneren Widerspruch in Psalm 69. Vers 5 sagt, er ist unschuldig, Vers 6 sagt, er ist schuldig. Der Gerechte wurde zur Sünde gemacht. Er hat sich mit unserer Schuld so identifiziert, dass er sie auf sich genommen hat, als wären es seine eigenen Sünden gewesen.
Schlagen wir noch 1. Petrus 2 auf. Dort sehen wir den Herrn Jesus als Sündenträger, „durch dessen Striemen ihr heil geworden seid.“ Hier steht also, dass er unsere Sünden, die einzelnen Tatssünden, an seinem Leib oder sogar in seinem Leib getragen hat, am Holz.
Ja, wir kommen auf dieses Thema zurück, in Verbindung mit unserem Psalm.
Der Messias als Einzelgänger und die Ablehnung durch seine Brüder
Jetzt möchte ich noch auf etwas hinweisen, und zwar auf Vers 9 aus Psalm 69. Wer liest das vor? Was wird hier über den Messias ausgesagt? Ganz offensichtlich konnte man aufgrund dieser Stelle wissen, dass der Messias zum Einzelgänger wird. Aber sogar gegenüber wem? Der Messias wird Brüder haben und von diesen Brüdern abgelehnt werden.
Jesus hatte ja eine ganze Reihe von Brüdern und Schwestern, natürlich Halbbrüder und Halbschwestern, denn er war der Erstgeborene von Maria. Das wird klar gesagt in Matthäus 1. Dort steht auch, dass Joseph und Maria keinen Verkehr hatten, auch nachdem sie verheiratet waren, bis zur Geburt des Erstgeborenen.
Können wir das ganz kurz aufschlagen? Dort wird mir auch klar, dass Maria keine ewige Jungfrau war. Das ist eine falsche Lehre der katholischen Kirche. In Matthäus 1, Vers 24 wird nämlich durch eine Offenbarung Gottes im Traum durch einen Engel klargemacht, dass Maria, seine Verlobte, obwohl sie schwanger war, sich nicht versündigt hatte. Es war ein Wunder Gottes, dass sie schwanger war.
Matthäus 1, Vers 24 liest jemand? Dort heißt es, dass Joseph seine Frau zu sich nahm. Das bedeutet, er heiratete sie. „Lakach ischa“ ist auf Hebräisch der Ausdruck für heiraten. „Lakach ischa“ heißt, er nahm die Frau zu sich, also heiratete er sie.
Dann heißt es, dass er sie nicht erkannte. Das ist der übliche hebräische Ausdruck für Geschlechtsverkehr. Er hatte also keinen Geschlechtsverkehr mit ihr, bis sie ihren Erstgeborenen Sohn geboren hatte. Das bedeutet nicht, dass Maria ewig Jungfrau blieb, sondern nur bis zu diesem Zeitpunkt.
Maria und Joseph hatten also zusammen Kinder, die werden zum Beispiel in Matthäus 13, Vers 55 erwähnt. Dort ist Jesus in der Synagoge in Nazareth, und die Leute reagieren wie folgt: In Vers 55 werden vier Brüder namentlich genannt: Jakobus, Joseph, Simon und Judas. Außerdem wird in der Mehrzahl von seinen Schwestern gesprochen, also mindestens zwei. Wir haben gelernt, dass die Mehrzahl im Plural zwei oder mehr bedeutet.
In Johannes 7 sehen wir, dass diese Brüder große Schwierigkeiten mit dem Erstgeborenen Marias hatten. Johannes 7, Verse 3 bis 5, jemand liest? Dort wird klar gesagt, dass sie nicht an ihn glaubten. Das entspricht genau dem, was in Psalm 69, Vers 9 gesagt wird: „Entfremdet bin ich meinen Brüdern und einem Fremdling gewordenen Söhnen meiner Mutter.“
Er sagt nicht, dass er seiner Mutter entfremdet sei. Sie wusste und glaubte von Anfang an, dass das Kind, das sie geboren hatte, der Messias ist. Aber die Brüder, die Halbbrüder, glaubten nicht.
Was können wir jetzt aus dieser Stelle ableiten? Es wird auch die Mutter erwähnt, die immer glaubte, dass er der Messias ist. Aber was man jedenfalls aus dieser Stelle sehen kann, ist, dass der Herr diese Blutsverwandtschaft nicht besonders hoch einstufte. Er sagt, die Beziehung zu ihm durch den Glauben und den Gehorsam gegenüber Gottes Wort steht sogar über dieser natürlichen Beziehung.
Natürlich wird in Lukas 1 auch gesagt, dass Maria, weil sie die Mutter des Messias wurde, von allen glücklich gepriesen wird. Das war etwas ganz Besonderes. Aber nicht so besonders, dass es über der Beziehung steht, die jeder wahre Gläubige zum Erlöser hat.
Der Herr sagt: „Wer ist meine Mutter, wer sind meine Brüder?“ Diejenigen, die sein Wort hören und den Willen des Vaters tun, werden von ihm als seine wirklichen Geschwister eingestuft. Das stellt den ganzen Marienkult auf den Boden zurück.
Eine sehr eindrückliche Stelle. Aber es kommt eben dazu, dass die Brüder nicht an ihn glaubten. Das war ein schlimmes Leiden des Herrn. Später gab es jedoch eine Wende: Jakobus kam zum Glauben. Er war sogar einer der Ersten, denen der Auferstandene erschienen ist (1. Korinther 15).
Paulus erwähnt dort, dass Jesus Jakobus, dem Bruder des Herrn, erschienen ist. Jakobus nahm später in der Apostelgeschichte eine sehr wichtige leitende Position in der ersten Gemeinde der Kirchengeschichte in Jerusalem ein.
Jakobus, der Bruder des Herrn, und ein anderer Bruder, Judas – von dem wir wissen, dass er den Judasbrief geschrieben hat – kamen später doch noch zum Glauben. Aber der Herr hat in diesen 33 Jahren sehr unter dem Unglauben seiner Brüder gelitten. Er war entfremdet von den Söhnen seiner Mutter.
Als Ergänzung zu dieser Entfremdung von seinen Brüdern sei Markus 3 erwähnt. Das war auch in der Frühzeit des öffentlichen Dienstes des Herrn. Dort heißt es, dass seine Angehörigen kamen (Markus 3, Vers 20).
Vers 31 ist die Parallelstelle zu dem, was wir schon vor der Pause gesehen haben. Aber jetzt in Vers 20 noch etwas anderes: Sie kommen in ein Haus, und wiederum versammelt sich eine Volksmenge, so dass Jesus nicht einmal essen konnte.
Als seine Angehörigen das hörten, gingen sie hinaus, um ihn zu greifen, denn sie sagten: „Er ist außer sich, er ist verrückt.“ Das zeigt noch mehr das Leiden des Herrn: „Entfremdet bin ich meinen Brüdern, einem Fremdling geworden den Söhnen meiner Mutter.“
Die Leiden des Herrn Jesus und die Trennung von Gott am Kreuz
Wir sehen, dass der Herr Jesus in seinem Leben durch den Unglauben und die Sünde der Menschen gelitten hat. Vor seiner Kreuzigung erfuhr er zudem Leiden durch all die Misshandlungen. Diese Leiden waren jedoch nicht die Sühnung unserer Sünden. Die Sühne geschah erst am Kreuz, als Gott ihn schließlich mit fremder Schuld beladen hatte.
Als Gott dies tat, kam eine Finsternis über das ganze Land. Der Herr Jesus wurde um neun Uhr morgens gekreuzigt. Ab zwölf Uhr mittags breitete sich eine Finsternis über das Land aus, die bis drei Uhr nachmittags anhielt. Um drei Uhr starb der Herr.
In diese Zeit der Finsternis fällt auch der Ruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Diesen Ruf hatten wir bereits näher betrachtet, als wir Psalm 22 studiert haben. Dort wird dieser Ruf am Anfang prophetisch wiedergegeben. Hier sehen wir die Verbindung zu Psalm 22, insbesondere Vers 18.
Lesen wir Psalm 69, Vers 18: „Der Herr, verberge dein Angesicht nicht vor mir.“ Dieses Gebet drückt eines der schrecklichen Leiden des Herrn aus: die Trennung von Gott. Als Mensch hatte Jesus auf Erden Tag für Tag Gemeinschaft mit Gott. Er erlebte niemals eine Zeit in seinem Leben, in der er von Gott getrennt war.
Wir alle kennen Jahre unseres Lebens, in denen wir von Gott getrennt waren. Erst mit der Bekehrung kommt ein Mensch überhaupt in die Gemeinschaft mit Gott. Doch der Herr Jesus war von Anfang an in völliger Gemeinschaft mit Gott. Er hat nie das Getrenntsein von Gott erlebt, weil er von Anfang an vollkommen war.
Darum sagt er auch in Psalm 22 als Mensch: „Von Mutterleib an bist du mein Gott.“ Niemand von uns kann das sagen, denn wir hatten nicht von Mutterleib an eine Beziehung zu Gott. Diese Beziehung kann erst später entstehen. Der Herr Jesus aber war immer in Gemeinschaft mit Gott.
In den Stunden der Finsternis wurde er Sündenträger. Weil Gott mit Sünde keine Gemeinschaft haben kann, hat er ihn verlassen. Dieser Schmerz drückt sich aus in den Worten: „Verbirg dein Angesicht nicht vor deinem Knecht, denn ich bin bedrängt, eilends erhöre mich.“
Wir müssen also unterscheiden zwischen den Leiden vonseiten der Menschen und den Leiden vonseiten Gottes. Gott hat ihn verlassen, als er der Sündenträger war. Zudem hat Gott ihn bestraft.
Hier greifen wir etwas vor und schauen kurz in Jesaja 53, wo der leidende Messias ausdrücklich als Sündenträger beschrieben wird. Wer liest Vers 5?
„Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hätten; durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Hier sehen wir, dass er als Stellvertreter handelt. Gott wirft unsere Sünden auf ihn.
Lesen wir weiter Vers 10:
„Doch dem Herrn gefiel es, ihn zu zerschlagen; er hat ihn leiden lassen.“
Hier wird ausdrücklich gesagt, dass Gott ihn geschlagen hat.
Das finden wir auch in Psalm 69, Vers 27. Wer liest Vers 27?
„Den du geschlagen hast, haben sie verfolgt.“
Der von Gott Geschlagene wird von den Menschen geplagt und verfolgt. Auch hier haben wir ganz klar die Leiden vonseiten Gottes.
Bild der Flut und der Arche als Symbol für das Gericht und die Rettung
In diesem Psalm vergleicht Jesus sein Leiden mit dem Überströmtwerden von Wasser. Das Gericht Gottes, das am Kreuz über ihn kam, wird hier mit einer Flut verglichen, die ihn überschwemmt. Liest man Vers 2, also den Anfang des Textes nach dem Titel, wird deutlich, dass hier das Bild der Sintflut verwendet wird.
Gott hat die Sünde dieser Welt durch eine weltweite Flut in den Tagen Noahs gerichtet. Jesus vergleicht sich und das Gericht Gottes am Kreuz mit der Arche, über die die Wasser kamen. In Vers 15 wird dieses Bild weitergeführt. Dort heißt es: „Die Flut der Wasser soll mich nicht überspülen, und die Tiefe soll mich nicht verschlingen; die Pforte der Tiefe soll ihren Mund nicht über mir verschließen.“
In der Sintflut war die Arche das rettende Mittel. Alle, die dem Gericht Gottes entgehen wollten, mussten in die Arche gehen. Die Arche ist somit ein Hinweis auf Jesus Christus, die einzige Rettung. In der Arche gab es nur eine Tür. Jesus sagt in Johannes 10 in Übereinstimmung: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird errettet werden.“
Wer hat die Tür geschlossen? Gott selbst. In Hiob 12, Vers 13 und 14 steht: „Siehe, er reißt nieder, und es wird nicht wieder aufgebaut; er verschließt über jemandem zu, und es wird nicht geöffnet.“ Das zeigt: Wer in der Arche war, konnte nicht mehr hinaus; diese Menschen waren gerettet. Wenn Gott schließt, kann niemand mehr öffnen.
Die Arche ging durch die Brandung der Wasser hindurch. Sie wurde von der Flut getroffen, doch die, die in der Arche waren, blieben verschont. Erstaunlich ist, dass Noah die Arche mit Erdharz verpichen musste. Im Hebräischen heißt dieses Harz „Kopher“. Ich gebe nur die Stelle an: 1. Mose 6,14: „Du sollst sie von innen und von außen mit Harz verpichen.“
Das Wort Harz („Kopher“) hat eine Doppelbedeutung. Es bedeutet auch „Sühnung“. Die Wurzel des Wortes „Kopher“ heißt „bedecken“. Man kann es sich vorstellen wie etwas, über das man streicht. Das Wort „Sühnung“ im Hebräischen, „Kopher“ oder auch „Kippur“ (wie in „Jom Kippur“, dem Versöhnungstag), bezeichnet den Tag, an dem der Sünder vor dem Zorn Gottes bedeckt wird und so verschont bleibt.
Sühnung geschieht immer so, dass Gottes Zorn ausgeübt wird, aber jemand anderes getroffen wird. Am Jom Kippur wurde für das Volk ein Sündenbock in die Wüste geschickt, beladen mit der Schuld des Volkes, und er starb. Er wurde getroffen, quasi von der Strafe, die das Volk verdient hatte. Das Volk selbst wurde zugedeckt und verschont.
Daher kommt die Doppelbedeutung: „Kopher“ kann sowohl Harz als auch Sühnung bedeuten. Eine Stelle, in der „Kopher“ in diesem Sinn vorkommt, ist Hiob 33, Vers 24: „Da sagt der Messias: Erlöse ihn, dass er nicht in die Grube hinabfahre; denn ich habe eine Sühnung bewirkt.“ Sühnung ist hier „Kopher“.
Man kann sagen, die Arche war mit Sühnung „verpicht“. Symbolisch ging sie durch die Brandung, das Wasser traf die Arche, doch die, die darin waren, blieben verschont. Für sie wurde gesühnt.
Schließlich landete die Arche auf dem Berg Ararat. Welcher Tag das war, weiß heute kaum jemand. Wenn man jedoch den Grund kennt, warum sie an diesem Tag landete, vergisst man das Datum nicht mehr. 1. Mose 8,4: Die Arche landete auf dem Ararat. Das Gericht war endgültig vorbei.
Dieses Bild ist ein Bild der Auferstehung des Herrn Jesus. Die Arche ging durch das Gericht, dann landete sie auf dem Ararat am siebzehnten Tag des siebten Monats. Nun muss man eine kleine Überlegung anstellen.
Als später die Kinder Israel aus Ägypten auszogen, sagte Gott in 2. Mose 12: „Dieser Monat soll euch der erste der Monate sein.“ Der bisherige Kalender, der seit der Schöpfung immer im Herbst im Monat Tischri begann, wurde verändert. Der siebte Monat wurde nun zum ersten Monat erklärt. Der Auszug fand im Monat Nisan statt, der jetzt der erste Monat war, auch Abib genannt.
Der Herr Jesus wurde am 15. Nisan, Abib, gekreuzigt. An diesem Tag aß man am Vorabend das Passah. Jesus stand am dritten Tag auf, also am 15., 16. und 17. Nisan. Der 17. Nisan war der Auferstehungstag.
Diese Parallelen sind eindrücklich und zeigen die Übereinstimmung. So versteht man besser das Bild in Psalm 69: die Flut des göttlichen Gerichts, die über den Herrn Jesus am Kreuz kommt, als Gott ihn zerschlug und leiden ließ – den Unschuldigen, der die fremde Schuld auf sich nahm.
Die Erfüllung der Speisung mit Gift und Essig am Kreuz
Und jetzt lesen wir noch ganz speziell die Verse 21 und 22. Und? Im nächsten Vers steht: „Und sie gaben mir Gift zur Speise und Essig zu trinken für meinen Durst.“ Wörtlicher übersetzt heißt es: „Und sie gaben in meine Speise oder als meine Speise Gift, und in meinem Durst tränkten sie mich mit Essig.“
In diesem Vers wird ausgesagt, dass er wirklich Essig trinkt – „sie tränkten mich mit Essig“. Aber in der ersten Vershälfte wird nicht gesagt, dass er das Gift tatsächlich zu sich nimmt. Die Aussage ist nur, dass man ihm Gift gibt. Man merkt, die Präzision der Übersetzung ist hier wichtig und macht einen Unterschied.
Wie hat sich das erfüllt? In Matthäus 27,33-34 lesen wir: Sie gaben ihm Wein, und dann heißt es? Wörtlich steht dort eigentlich nicht Wein, sondern Essig, mit Gift vermischt, zu trinken. Der Sinn dahinter ist natürlich richtig: Das Gift sollte betäuben. Dieses Gift war wohl ein Opiat, das schmerzstillend wirken sollte. Manchmal gaben die römischen Soldaten, um gnädig zu sein, ein Rauschmittel, damit die Kreuzigung besser zu ertragen war.
Aber der Herr Jesus schmeckt das und will es nicht trinken. Er lehnt es ab, denn er wollte ohne irgendeine menschliche Erleichterung, auch ohne Schmerzmittel, der Sündenträger sein. Das ist jetzt kein Argument dagegen, dass wir in der Medizin keine Schmerzmittel benutzen dürften. Aber es geht hier um die Leiden des Herrn, die Sühnung des leidenden Herrn, und da wollte er keine Erleichterung durch ein Schmerzmittel. Diese Drogen hat er abgelehnt.
Wir lesen auch in Johannes 19,27-48, besonders Vers 48. Das ist bereits um die neunte Stunde, als der Herr Jesus noch schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ In Vers 48 steht: „Und alsbald lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm, füllte ihn mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr und tränkte ihn.“
Essig war übrigens das normale Lieblingsgetränk der römischen Soldaten. Natürlich nicht unverdünnt, sondern mit Wasser verdünnt, denn das wirkt sehr durststillend. Diesen Trank hat der Herr angenommen.
Aber die Präzision ist doch erstaunlich, eben in Psalm 69,22: „Sie gaben, sie offerierten als Speise Gift, und in meinem Durst tränkten sie mich mit Essig.“
Die Ankündigung der Rache und das Gericht über die Feinde des Messias
Ab dem nächsten Vers vollzieht sich eine völlige Wende in der Sprache. Nun wird Rache für die Feinde des Messias verkündet. Man fragt sich, wer hier spricht. Diese Frage wird im Neuen Testament beantwortet. Wer spricht ab diesem Vers? Schauen wir dazu im Römerbrief nach, Kapitel 11, Vers 9. Vielleicht lesen wir aus Gründen des Zusammenhangs ab Vers 7.
Paulus schrieb diesen Brief im Jahr 57 nach Christus, einige Jahre nach der Kreuzigung. Er zitiert hier wörtlich aus Psalm 69, genau an der Stelle, an der die Wende eintritt. Wer spricht? David. Paulus sagt nicht, der Messias spreche hier. David ist der Autor dieses Psalms, wie die Überschrift im Grundtext angibt: „Dem Vorsänger, Lamna Zeach.“ Das bedeutet, er war der Dirigent, also der Chorleiter und Orchesterleiter im Tempel.
Dieser Psalm 69 sollte beim Altar im Tempel gesungen werden, dort, wo die Opfer dargebracht wurden. Es wurde über das Opfer Christi gesungen. Der Heilige Geist erklärt uns in Römer 10, dass dieser Ruf nach Rache der Ruf von König David über sein eigenes Volk ist. Er sagt: „Es werde zur Schlinge vor ihnen ihr Tisch und zum Fallstrick.“
Was ist das für ein Tisch, der zum Fallstrick werden soll? Wie soll das Abendmahl zum Fallstrick für Israel werden? Wird die Stadt irgendwo in der Bibel als Tisch bezeichnet? Wie wurde der Altar im Alten Testament genannt? Er wird als „Tisch des Herrn“ bezeichnet, zum Beispiel in Maleachi 1. Dort macht der Prophet dem Volk den Vorwurf, dass sie unwürdige Opfer auf dem Altar in Jerusalem darbringen. Um Geld zu sparen bringen sie keine vollkommene, gesunde Opfertiere, sondern lahme, die man sowieso nicht brauchen kann.
Wer liest die Verse 6 bis 8? Das reicht. Hier wird klar, dass es um den Altar und die Opfer geht, und dieser Altar wird „der Tisch des Herrn“ genannt, wie es in Vers 7 am Schluss heißt: „Ihr Tisch werde ihnen zur Schlinge.“
Diese Prophezeiung hat sich eindrücklich erfüllt. Im Jahr 70 nach Christus begann alles, doch ich muss vorher ansetzen: Im Jahr 66 gab es einen spontanen Volksaufstand der Juden gegen die Römer. Der Auslöser war, dass der letzte Landpfleger, Gessius Florus, den Tempelschatz in Jerusalem plündern wollte.
Der Aufstand gegen Rom war sehr erfolgreich, doch Rom schickte immer mehr Truppen nach Israel, um ihn niederzuschlagen. So wurde ganz Galiläa zurückerobert, ebenso die jüdischen Siedlungen im heutigen Jordanien und Judäa. Schließlich rückten die Truppen als Höhepunkt auf Jerusalem vor. Sie begannen, Armeelager um die Stadt aufzubauen.
In diesem Moment beging Kaiser Nero Selbstmord. Der General in Israel, Vespasian, stoppte den Krieg, weil er Nachfolger Neros werden wollte. Er ging nach Rom und wurde tatsächlich Kaiser. Die jüdischen Christen im Land lasen damals das Lukasevangelium. In Lukas 21, Vers 20 sagte Jesus seinen Jüngern: „Wenn ihr Jerusalem umzingelt seht von Armeelagen, so erkennt, dass alsbald ihre Verwüstung da ist. Dann sollen die, die in Judäa sind, auf die Berge fliehen, und die, die in der Mitte Jerusalems sind, sollen entweichen.“
Jesus sagte weiter, dass große Not über das Land kommen werde und das Volk unter alle Nationen zerstreut werde. Jerusalem werde von den Heiden zertreten, bis die Zeiten der Nationen erfüllt sind.
Die jüdischen Christen erkannten das Zeichen: die Armeelager um Jerusalem. Sie flohen auf die Berge im heutigen Westjordanland, gingen über den Jordan nach Pella und wurden dort von König Agrippa als friedliebende Bürger aufgenommen.
Nicht lange zuvor hatte Paulus vor Agrippa eine Rede gehalten (Apostelgeschichte 26). Agrippa war überzeugt, dass Christen nicht staatsgefährdend sind. Er sagte sogar am Schluss, man hätte Paulus entlassen können, da er nichts Todeswürdiges getan habe. Weil Paulus sich auf den Kaiser berufen hatte, musste er dennoch zum Kaiser gehen. Doch Agrippas Haltung rettete den Judenchristen das Leben, die dort Zuflucht fanden.
Im Frühjahr 70 sandte Vespasian, nun Kaiser, seinen Sohn Titus als neuen Feldherrn nach Israel, um den Krieg zu Ende zu führen. Als Titus im Frühjahr 70 ankam, kurz vor dem Passahfest, sah er, wie alle Juden aus dem ganzen Land nach Jerusalem strömten. Das war gesetzlich vorgeschrieben (5. Mose 16).
Alle mussten zum Passahfest nach Jerusalem kommen, dem ausgewählten Ort. Nur dort durfte das Passahlamm geschlachtet werden, also beim Altar im Tempelbezirk. Danach nahm man es in die Häuser und aß es dort um Jerusalem herum.
Die Judenchristen gingen nicht mehr zum Passahfest. Für sie war klar, dass der Herr gesagt hatte, sie dürften nicht mehr nach Jerusalem hinein. Obwohl das nicht auf der Linie des Gesetzes war, waren sie durch den Glauben an den Messias nicht mehr unter dem Gesetz.
Titus wartete, bis alle in Jerusalem versammelt waren und schloss dann den Belagerungsring. In 140 Tagen wurde die Stadt dem Erdboden gleichgemacht. Über eine Million Menschen starben. 96.000 Kriegsgefangene wurden abgeführt, unzählige wurden rund um Jerusalem gekreuzigt.
Von keinem einzigen Judenchristen ist bekannt, dass er dabei umgekommen wäre. Für die anderen aber wurde ihr Tisch – hier nicht mehr „der Tisch des Herrn“, sondern ihr Tisch – zum Fallstrick.
Josephus Flavius, ein jüdischer Augenzeuge, der den Krieg um Jerusalem miterlebt hatte, beschreibt die Endphase des Krieges. Als die römische Armee in den Tempelbezirk eindrang, zogen sich Aberzehntausende, vielleicht Hunderttausende Juden in den Tempel zurück, nachdem eine Stadtmauer nach der anderen gefallen war.
Die Römer drangen sogar in den innersten Vorhof ein und schlachteten die Menschen ab. Josephus beschreibt ein Gemetzel und Blutbad sondergleichen, genau dort beim Altar, der einst „der Tisch des Herrn“ war, nun aber „ihr Tisch“. So erfüllte sich die Prophezeiung: „Es werde zur Schlinge vor ihnen ihr Tisch und zum Fallstrick für die Sorglosen.“
Josephus berichtet, dass manche, die im Innenhof standen, im letzten Moment glaubten, Gott werde noch eingreifen und sie retten. Doch keine Hilfe kam. Gott hatte es erlaubt, den Sorglosen zum Fallstrick zu werden.
David fährt fort: „Lass dunkel werden ihre Augen, dass sie nicht sehen, und lass beständig wanken ihre Lenden.“ Auch in Römer 10 lesen wir, dass eine Verfinsterung über den ungläubigen Teil Israels gekommen ist, sodass sie den Messias nicht sehen konnten.
Diese Verblendung wird auch in Jesaja 6 beschrieben. Dort sagt Gott, die Augen dieses Volkes sollen verschlossen und ihre Ohren taub sein, damit sie nicht hören. Auf die Frage, wie lange, antwortet Gott in Jesaja 6, Vers 11: „Bis die Städte verwüstet sind und das Land entvölkert, und die Bewohner weithin weggetan sind, und noch ein Zehntel darin ist, so wird er wieder ausgerottet werden.“
Genau so ist es geschehen. Ab dem Jahr 70 wurden die Juden in einem jahrhundertelangen Prozess immer mehr aus dem Land vertrieben. In verschiedenen Phasen, zum Beispiel im siebten Jahrhundert, als die Moslems nach dem Tod Mohammeds kamen, wurden die Juden erneut verfolgt und wanderten aus. Das Land wurde entvölkert.
Der Tiefpunkt wurde um 1800 erreicht, da gab es noch etwa fünf Juden. Gott sagt: Bis sie entvölkert sind. Doch es ist wie bei einer Eiche oder einer Terebinthe: Wenn man sie umschlägt, bleibt ein Stumpf in der Erde. Eine kleine Restbevölkerung sollte im Land bleiben. Das ist die Hoffnung für die Zukunft.
Israel wird mit einem großen Baum verglichen, der umgehauen wurde. Der Staat ging unter, das Volk verlor das Land, doch ein Wurzelstock blieb für die Endzeit, damit er wieder aufsprossen kann. Gott sagt, so lange, bis das Land entvölkert ist.
Dann kam die Wende: 1882 begann die erste massive Einwanderung von Juden aus Russland, ausgelöst durch Verfolgung unter Zar Alexander III. Zunächst kamen 25 Juden, dann 40 weitere, und so ging es weiter bis heute, wo etwa drei Millionen Juden eingewandert sind.
Wo ist die Wende in der Judenmission eingetreten? Judenmission war über Jahrhunderte eine der frustrierendsten Aufgaben. Luther dachte im 16. Jahrhundert, dass die Zeit der Reformation und der Erweckung in Europa auch eine Umkehr der Juden bringen würde.
Er veranlasste eine Judenmission, doch die Juden zeigten kein Interesse. In späteren Schriften finden sich deshalb auch Luthers schlimme Verwünschungen über die Juden. Das muss man nicht entschuldigen, aber man muss verstehen, dass es ein frustrierter Luther war, der auf eine Judenerweckung hoffte, die nicht kam.
Im 19. Jahrhundert kam dann eine massive Veränderung. Tausende Juden bekehrten sich, auch Rabbiner. Viele gelehrte Juden verfassten beeindruckende Schriften über den Messias und das Neue Testament, zum Beispiel Alfred Edersheim. Sie zeigten, wie messianische Stellen wie Jesaja 53 und Psalm 22 im Judentum auch auf den Messias bezogen wurden.
Heute rechnet man weltweit mit etwa 300.000 bekehrten Juden. Seit den 1960er Jahren sollen sich etwa 100.000 Juden bekehrt haben – etwas, das es zuvor nie gab. Die Wende kam, als das Land fast entvölkert war, und begann sich wieder jüdisch zu bevölkern.
Statistisch betrachtet gibt es heute etwa 13 Millionen Juden weltweit und 100.000 bekehrte Juden seit den 1960er Jahren. Hochgerechnet auf Deutschland bedeutet das, dass sich prozentual mehr Juden als Deutsche oder Schweizer bekehren.
Es hat also eine Wende in der Verstockung eingesetzt, die nach der Entrückung der Gemeinde noch stärker werden wird, wenn Gott den Überrest in Israel erweckt.
Im Kontrast dazu steht Vers 24: „Lasst dunkel werden ihre Augen, dass sie nicht sehen, und schütte über sie aus deinen Grimm und deines Zornes Glut. Erreiche sie, verwüstet sei ihre Wohnung, in ihren Zelten sei kein Bewohner! Denn den du geschlagen hast, haben sie verfolgt, und von dem Schmerz deiner Verwundeten erzählen sie. Füge Ungerechtigkeit zu ihrer Ungerechtigkeit und lass sie nicht kommen zu deiner Gerechtigkeit. Lass sie ausgelöscht werden aus dem Buch des Lebens und nicht eingeschrieben mit den Gerechten.“
Darauf wollen wir das nächste Mal nochmals zurückkommen, besonders im Zusammenhang mit dem Buch des Lebens. Interessant ist, dass jene, die Christus verfolgt haben, eingeschrieben waren, doch hier heißt es, sie sollen ausgelöscht werden.
Abschließend wollen wir noch darauf hinweisen, wie David die Wende des Schicksals in Vers 36 beschreibt. Wer liest die zwei letzten Verse? Jawohl.
David spricht klar ein Gericht über das Volk aus, das den Messias verworfen hat. Doch er spricht auch von einer Wende des jüdischen Schicksals. Das entspricht genau dem, was wir in Joel 4, Vers 1 lesen. Dort sagt der Messias: „In jenen Tagen und zu jener Zeit werde ich das Schicksal Judas und Jerusalems wenden. Dann werde ich alle Nationen in das Tal Josaphat versammeln.“
Wenn die Wende des jüdischen Schicksals kommt, wird der Messias einmal im Tal Josaphat, im Kidrontal bei Jerusalem, sein. Das heißt, die Zeit der Wende ist die Zeit, wenn der Messias wieder auf Erden sein wird.
Hier wird beschrieben, dass Gott Zion retten und die Städte Judas bauen wird. Das hat begonnen, als ab 1882 Einwanderer in das damals zerstörte Land Palästina kamen. Sie bauten Stadt um Stadt wieder auf, zum Beispiel Rischon LeZion, eine der ersten Siedlerstädte in Judäa. Der Name bedeutet „erste Fürzion“.
1909 wurde Tel Aviv auf Wüstensand in Judäa gegründet. So entstanden alte Städte neu, heute moderne und pulsierende Städte. 1967, im Sechstagekrieg, wurden der Tempelberg und die Davidstadt erobert – Zion wurde gerettet.
Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, doch wir sehen bereits, was zweitausend Jahre lang unmöglich war. Es heißt hier: „Und sie werden da selbst wohnen und es besitzen.“ Das ist die Wende und kündigt die Zeit an, wenn der Messias kommen wird – nicht mehr als der Leidende für unsere Sünden, sondern als der Herrscher.
Das nächste Mal wollen wir mit Psalm 72 beginnen, in dem wir besonders den König Messias sehen, der eingreifen wird, wenn das Schicksal Judas gewendet wird.
An dieser Stelle wollen wir für heute schließen.
