Einführung in die messianischen Psalmen und Psalm 88
In unserer Serie über die messianischen Psalmen, das heißt über die Psalmen, die speziell Bezug auf das erste Kommen des Messias, Jesus Christus, nehmen, kommen wir heute zu Psalm 88.
Dieser Psalm ist wieder einer dieser Kreuzespsalmen, die die Leiden des Herrn Jesus prophetisch vorwegnehmen. Besonders zu beachten ist, dass diese messianischen Kreuzespsalmen uns noch mehr über die Empfindungen des Herrn am Kreuz offenbaren, als wir in den Evangelien beschrieben finden.
In den Evangelien werden uns die äußeren Tatsachen der Kreuzigung Jesu gezeigt, während uns das Psalmenbuch die Empfindungen in der menschlichen Seele des Sohnes Gottes offenbart.
Lesen wir zusammen Psalm 88, alle Verse:
Ein Psalmlied der Söhne Korach, vorzusingen zum Reigentanz im Wechsel, eine Unterweisung Hemanns des Esrachiters.
Herr, Gott, mein Heiland, ich schreie Tag und Nacht vor dir,
lass mein Gebet vor dich kommen,
neige deine Ohren zu meinem Schreien,
denn meine Seele ist übervoll an Leiden
und mein Leben ist nahe dem Tode.
Ich bin denen gleichgeachtet, die in der Grube fahren,
ich bin wie ein Mann, der keine Kraft mehr hat,
ich liege unter den Toten verlassen,
wie die Erschlagenen, die im Grabe liegen,
derer du nicht mehr gedenkst
und die von deiner Hand geschieden sind.
Du hast mich hinunter in die Grube gelegt,
in die Finsternis und in die Tiefe.
Dein Grimm drückt mich nieder,
du bedrängst mich mit allen deinen Fluten.
Meine Freunde hast du mir entfremdet,
du hast mich ihnen zum Abscheu gemacht.
Ich liege gefangen und kann nicht heraus,
mein Auge sehnt sich aus dem Elend.
Herr, ich rufe zu dir täglich,
ich breite meine Hände aus zu dir.
Wirst du an den Toten Wunder tun,
oder werden die Verstorbenen aufstehen und dir danken?
Wird man im Grabe erzählen deine Güte
und deine Treue bei den Toten?
Werden denn deine Wunder in der Finsternis erkannt
oder deine Gerechtigkeit im Lande des Vergessens?
Aber ich schreie zu dir, Herr,
und mein Gebet kommt früh vor dich.
Warum verstoßest du, Herr, meine Seele
und verbirgst dein Antlitz vor mir?
Ich bin elend und dem Tode nahe von Jugend auf.
Ich erleide deine Schrecken, dass ich fast verzage.
Dein Grimm geht über mich,
deine Schrecken vernichten mich,
sie umgeben mich täglich wie Fluten
und umringen mich allzumal.
Meine Freunde und Nächsten hast du mir entfremdet,
und meine Verwandten hältst du fern von mir.
Die Bedeutung der Überschrift und die Herkunft des Psalms
Hier eine wichtige Überschrift: Ein Lied, ein Psalm von den Söhnen Koras.
Es ist so, dass all diese Überschriften, die in den meisten Bibeln jeweils als Vers 1 oder als Teil von Vers 1 gezählt werden, zum hebräischen Text gehören. Man muss also klar unterscheiden zwischen diesen Überschriften und den sonst eingefügten Zwischentiteln, wie sie in den meisten Bibelübersetzungen vorkommen.
In der „Alten Elberfelder“, die ich als deutsche Bibel benutze, wurde von Anfang an auf solche Zwischentitel verzichtet. Der Grund dafür war, dass der Bibelleser nicht bereits durch eine Auslegung auf eine bestimmte Fährte geführt werden sollte. Der Text sollte völlig unbeeinflusst bleiben. Das war die Überlegung der ursprünglichen Übersetzer.
Das soll kein Wort gegen Zwischentitel sein. Natürlich haben sie ihre Berechtigung: Man kann sich schneller zurechtfinden, etwas leichter wiederfinden und einen Hauptgedanken in einem größeren Abschnitt schneller erfassen. Dennoch gehören sie nicht zum Bibeltext.
Ich habe das schon wiederholt erlebt, gerade in Bibelkreisen: Wenn man sagt, wir lesen diesen Abschnitt, liest jemand zuerst die Überschrift in seiner Übersetzung und dann den Bibeltext, als gehöre die Überschrift zum Text dazu. Gerade bei den Psalmen kommt es oft vor, dass der Psalm vorgelesen wird, aber nicht der Titel, der zum Originaltext gehört.
Dieser Titel gehört mit zum inspirierten Text. Von wem ist dieser Psalm? Von den Söhnen Koras.
Wer sind die Söhne Koras? Oder anders gefragt: Wer war Kora? Während der Wüstenwanderung, in 4. Mose 16, haben Korah, Dathan und Abiram eine Revolution ausgelöst. Mit 250 Männern wollten sie gegen die Autorität von Mose als Volksführer und Aaron als hohem Priester aufstehen. Sie wollten klar machen: Ihr müsst nicht meinen, ihr seid etwas Besseres, dass ihr über uns regieren könnt. Wir haben die gleichen Rechte wie ihr.
Gott hat diese Rotte Koras bestraft. Ganz kurz: Sie sank ins Erdreich.
Zunächst war es so, dass die ganze Rotte zur Stiftshütte kam. Gott rief Mose auf, das ganze Volk Israel, das sich zum Zelt der Zusammenkunft versammelt hatte, zur Absonderung aufzurufen. Sie sollten sich ganz deutlich von den Zelten der Sippen Koras absondern.
Frauen und Kinder standen an den Eingängen der Zelte. Plötzlich öffnete sich die Erde und verschlang alle, die zu den Sippen der Söhne Koras gehörten, mit aller ihrer Habe. Die übrigen Israeliten schrien und suchten das Sichere.
So wurden die Aufständischen weggerafft, und man hat den Eindruck, es gab keine Überlebenden. Doch die Bibel macht deutlich, dass es Nachkommen von Kora gab. Diese hatten sich offensichtlich im rechten Moment abgesondert und überlebten.
Von ihnen erfahren wir in etwa zehn Psalmen, die in den Überschriften immer mit „von den Söhnen Koras“ gekennzeichnet sind. Das waren solche, die sich bewusst waren: Unser Vater kam in einer Revolution, einem Aufstand gegen Gottes Autorität, um. Er wurde unter das gerechte Gericht Gottes gestellt.
Wir wurden aus reiner Gnade verschont, weil wir uns vom Bösen getrennt haben. Das verleiht den Liedern der Psalmen der Söhne Koras ein besonderes Gewicht. Schon bevor sie etwas sagen, sprechen sie von der Gnade Gottes und auch vom gerechten Zorn Gottes.
Heman der Esrachiter und die musikalische Leitung im Tempel
Nun wird allgemein von den Söhnen Korahs gesprochen, aber hier wird ein spezieller Dichter hervorgehoben, nämlich Heman der Esrachiter. Wer war dieser Heman? War er unbekannt? Er war einer der Kollegen von Asaf und Jedutun.
David hatte im Hinblick auf den damals zukünftigen Salomotempel die Leviten neu organisiert, was Gesang und Musik betrifft. Er stellte einen Chor von mehreren Tausend Leviten zusammen. Diese sollten nach bestimmten Abteilungen und Ordnungen täglich für den Gesang im Tempel sorgen. Dabei sang nicht jeder gleichzeitig, sondern in Gruppen. An die Spitze setzte David drei Dirigenten.
Das können wir kurz in 1. Chronik 25 nachlesen. Diese drei – Asaf, Jedutun und Heman – hatten die oberste Leitung über die Musiker und Sänger im Tempel. Man kann sie als Hauptdirigenten bezeichnen. Außerdem war die Organisation so gestaltet, dass jüngere Leute immer wieder nachrekrutiert und geschult wurden. Deshalb wird in Vers 8 von Kundigen und Lehrlingen gesprochen. Diese mussten eine musikalische Ausbildung im Tempel durchlaufen.
Die oberste Verantwortung lag also bei diesen drei Männern. Einer dieser drei, Heman der Esrachiter, ist der Hauptdichter mit den Synchoras, die in Psalm 88 erwähnt werden.
Hier wird auch angegeben, wie dieses Lied gesungen werden soll: nach Machalat le'anot. Wie steht das in anderen Übersetzungen? In der neuen revidierten Fassung heißt es „nach Machalat zu singen“. In meiner Ausgabe ist noch „Leonod“ nicht erwähnt, aber ein „Maskil“ steht dort. Steht das in anderen Übersetzungen nicht oder ist es bereits übersetzt?
Das ist eine eigenartige Übersetzung. Machalat bedeutet, wie auch in der alten Elberfelder Übersetzung schön erklärt, „in schwermütiger Weise zu singen“. Leonod heißt „mit gedämpfter Stimme vorzutragen“. Das passt zum Inhalt des Psalms, aber „in Reigentänzen“ passt überhaupt nicht.
Bei Machalat ist auch die Wurzel enthalten, die „schwach sein“ oder „krank sein“ bedeutet. Es heißt also, in schwermütiger Weise zu singen und eben mit gedämpfter Stimme. In den Psalmen finden sich immer wieder solche Anweisungen, wie ein Psalm genau vorgetragen werden musste. Dieser Psalm sollte ganz verhalten, mit gedämpfter Stimme gesungen werden.
Der Psalm handelt von den Leiden des Herrn Jesus unter dem Zorn Gottes. Genau, das ist die Bezeichnung seiner Sippe, nicht eines Stammes. Denn das wird später noch einmal erwähnt, in Psalm 89, von Ethan, ebenfalls einem Esrachiter.
Darf ich dazu noch etwas hinzufügen? Ja.
Zur Übersetzung von „Sechitzrath“ (Esrachiter) ist die Übersetzung unsicher. Luther übersetzte es mit „von der Schwachheit des Elenden“. Hier haben wir das Wort „schwach“, wie ich sagte, die Wurzel „Challah“. Das ist gut, aber die andere Übersetzung kann man vergessen. Man hätte nicht nur „unsicher“ schreiben sollen, sondern „ganz falsch“. Es drückt eine innere Schwermut oder Krankheit in der Seele aus, eine Schwäche, die zum Ausdruck kommen soll.
Der Zorn Gottes und die Leiden des Herrn Jesus im Psalm 88
Nun, wo sehen wir denn Herrn Jesus in diesen Versen unter dem Zorn Gottes? Können wir diese Verse gemeinsam betrachten?
Was steht in Vers 2? Das bezieht sich mehr auf die Zeit, aber jetzt geht es ausdrücklich darum, wo der Zorn Gottes über den Herrn kommt.
Eine der Ausrufe am Kreuz lautet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wo kommt das vor?
Nun, die Frage wurde wahrscheinlich nicht ganz verstanden. Ich wollte sagen: Wo in diesen Versen wird der Zorn Gottes ausdrücklich erwähnt? War es Vers 4? Gut, das ist nicht speziell der Zorn Gottes, oder?
Genau, das wären die Zorngluten Gottes, erwähnt in Vers 17. Aber jemand hat schon gesagt, es ist Vers 8, nämlich der Zorn. Genau, bei mir steht: „Dein Grimm, dein Zorn.“ Das ist ein anderes Wort, nicht wahr? Einfach zur Unterscheidung: Wir haben die Zorngluten in Vers 17 und hier „Grimm“ als ein anderes Wort. „Zorn“ ist natürlich auch richtig, aber es soll klar sein, dass es zwei verschiedene Wörter sind.
Wo noch? Vers 1 sagt: „Ich trage deine Schrecken.“ Jawohl. Das drückt einfach aus, dass keine Gemeinschaft mit Gott besteht. Aber wo eben ausdrücklich der Zorn Gottes erwähnt wird, ist nun ganz wichtig, um das Geschehen am Kreuz richtig zu verstehen.
Schlagen wir dazu Jesaja 53 auf. Jemand liest Vers 10? Jawohl. Die Elberfelder Übersetzung trifft es hier noch trefflicher anstatt „Krankheit“ mit „Doch dem Herrn gefiel es, ihn zu zerschlagen, er hat ihn leiden lassen.“ Es geht also nicht speziell um Krankheit, sondern einfach um Leiden. Es ist ganz klar Gott, der das tut: „Doch dem Herrn gefiel es, ihn zu zerschlagen, er hat ihn leiden lassen.“
Und dann Vers 8 am Schluss, wer liest das? Wenn er sein Leben als Schuldopfer eingesetzt hat, dann Vers 8. Ja: „Wegen der Übertretung meines Volkes wurde er hinweggenommen, aus langsamem Gericht.“ Wie bei mir Vers 8. Weiter: „Wegen des Vergehens seines Volkes hat ihn die Strafe getroffen.“ Jawohl, er hat die Strafe getroffen. Da wird ganz klar gesagt: Anstelle seines Volkes. Sein Volk hätte es verdient, aber ihn hat die Strafe getroffen.
Das ist ganz wichtig, um zu verstehen, was am Kreuz geschehen ist. Das, was die Menschen in ihrer Bosheit dem Herrn angetan haben, hat die Sünden nicht weggenommen, sondern hat einfach die Schuld der Menschheit vor Gott bis zur Spitze getrieben. Aber was wirklich die sühnenden Leiden des Herrn waren, das war in den Stunden der Finsternis, als Gottes Zorn den Herrn Jesus traf für unsere Schuld.
Das heißt, Gott hat ihn mit fremder Schuld, mit der Schuld aller, die an ihn glauben oder glauben würden, beladen und dafür gestraft. Das Gericht Gottes, die Strafe Gottes, die über den Herrn Jesus kam, ist zu unterscheiden von dem, was die Menschen in ihrer Bosheit dem Herrn angetan haben.
Diese Dimensionen werden uns in Ewigkeit übersteigen, was dort zwischen Gott und seinem Sohn am Kreuz geschehen ist. Und das steht direkt in Verbindung mit der Tatsache, dass Gott seinen Sohn dann verlassen hat. Es wurde ja eben schon erwähnt: Das war eines der sieben Worte des Erlösers am Kreuz, Matthäus 27, und das war nicht nur irgendein Ausruf der Not, sondern die wirkliche Tatsache, dass Gott den Herrn Jesus verlassen hat wegen der Schuld, mit der er beladen war.
Wenn wir dazu noch lesen aus 2. Korinther 5, wird das Ganze in seiner Dramatik noch deutlicher. 2. Korinther 5, Vers 21. Kann das jemand lesen? Jawohl. Also der Herr Jesus wurde zur Sünde gemacht. Das heißt, dass Gott seinen Sohn am Kreuz betrachtete, als wäre er die Ursache alles Bösen in unserem Leben.
Die Sünde in der Einzahl ist besonders in den Briefen an die Römer und Galater ein Ausdruck für die verdorbene sündige Natur des Menschen, aus der die Tatsünden hervorgehen. So hat Gott seinen Sohn zur Sünde gemacht, das heißt, ihn juristisch hingestellt, als wäre er die Ursache aller Sünden, die aus der sündigen Natur des Menschen kommen.
Natürlich blieb der Herr Jesus in sich selbst vollkommen der Heilige, der Gerechte, aber er hat diese Stellung so eingenommen. Zweitens, zur Sünde gemacht und mit den Sünden beladen, können wir dazu aus 1. Petrus 2 lesen. Den Zusammenhang lesen wir mal von Vers 21 an.
Zuerst haben wir die Leiden des Herrn von Seiten der Menschen. Insofern hat Christus ein Beispiel hinterlassen, weil auch Gläubige müssen leiden unter der Ungerechtigkeit der Menschen um sie herum. Da hat der Herr ein Beispiel hinterlassen.
Aber wenn es darum ging, dass der Herr unter der Hand Gottes gelitten hat, da war er einzig in seinem Leiden. Es gibt keine Parallelen zu dem, was wir leiden können. Seine stellvertretenden Leiden waren einzigartig. Das hängt damit zusammen, eben Vers 24, dass er unsere Sünden an seinem Leib auf dem Holz getragen hat.
Gott hat alle Sünden auf ihn gelegt, und darum kam der Zorn Gottes über ihn. Wenn wir zurückgehen zu Psalm 88, Vers 8: „Auf mir liegt schwer dein Grimm.“ Dann im gleichen Vers: „Mit allen deinen Wellen hast du mich niedergedrückt.“
Die Wellen spielen hier natürlich auf das Gericht Gottes in der Sintflut an. Dort kam der Zorn Gottes in Form von Wasser und Wellen über die Erde. Herr Jesus vergleicht hier das Gericht Gottes, das er erduldet hat, mit den Wellen Gottes, die ihn niederdrückten.
Dann, wie gesagt, in Vers 17 oder schon Vers 16 am Schluss: „Ich trage deine Schrecken“ und „Deine Zorngluten sind über mich hingegangen“ und im gleichen Vers: „Deine Schrecknisse haben mich vernichtet.“
Diese vier Begriffe: Grimm, dein Grimm, deine Wellen, deine Schrecken, deine Zorngluten, deine Schrecknisse. Und dann nochmals in Vers 18: „Sie haben mich umringt wie Wasser den ganzen Tag.“
Übrigens, Eddy, du hast ja am Anfang diese Stelle gelesen. Bei dir steht „jeden Tag“ oder wie genau? Vers 18: „Sie haben mich umringt wie Wasser. Sie umgeben mich täglich wie Fluten und umbringen mich allzumal.“
Nicht „jeden Tag“, sondern „täglich“ – das ist ein Übersetzungsfehler. Im Hebräischen steht hier „kol ha-yom“, das bedeutet „den ganzen Tag“. Wenn es „kol yom“ ohne Artikel stünde, hieße es „täglich“ oder „jeden Tag“. Auch im modernen Hebräisch macht man diesen Ausdruck so.
„Den ganzen Tag“ heißt „kol ha-yom“, „täglich“ „kol yom“. Eine kleine Nuance, aber es geht darum, dass Herr Jesus dieses Gericht nicht über mehrere Tage getragen hat, sondern an diesem einen Tag, als der Zorn Gottes ihn am Kreuz traf.
Was zu sagen ist: An diesem einen Tag gab es eine Zeit des Lichts und eine Zeit der Finsternis. Das kommt bereits in Vers 2 zum Ausdruck. Peter, das hast du ja schon erwähnt, oder? Kannst du es nochmals lesen? Jawohl.
Das Gleiche hatten wir schon in Psalm 22 gefunden, wo der Psalm beginnt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich rufe des Tages, und du antwortest nicht, und des Nachts, und mir wird keine Ruhe.“
Dort haben wir einen ganz klaren Kreuzigungspsalm vor uns. Er beginnt gerade mit diesem einen Wort, einem der sieben Worte des Herrn Jesus am Kreuz. Es wird auch gleich betont: „des Tages, des Nachts.“
Diese Finsternis war etwas ganz Ungewöhnliches. Man hat auch außerbiblisch ein Zeugnis davon. Der samaritanische Geschichtsschreiber Thallus hat im Jahr 52 über diese Finsternis berichtet. Leider ist sein Werk verloren gegangen.
Wie oft bei antiken Geschichtsbüchern wurden diese in späteren Büchern zitiert. Julius Africanus hat im Jahr 220 etwa nach Christus diesen Thallus zitiert und schreibt, dass Thallus diese Finsternis erwähnt und sie als Sonnenfinsternis erklärt – unbegründet, wie mir scheint.
Der Einwand von Julius Africanus ist großartig, denn die Kreuzigung war um die Zeit von Passa, und das fällt immer in die Zeit des Vollmondes. Um Vollmond ist eine Sonnenfinsternis unmöglich wegen der Position des Mondes. Sonst gäbe es keinen Vollmond.
Eine Sonnenfinsternis kann höchstens eine Verdunkelung von wenigen Minuten bewirken. Die Evangelien berichten aber von einer Finsternis von drei Stunden, von zwölf Uhr mittags bis drei Uhr nachmittags.
Eine Sonnenfinsternis ist also ausgeschlossen, und trotzdem ist die Finsternis geschehen. Sie wird im Neuen Testament durch Matthäus und Lukas bezeugt, aber auch außerbiblisch durch Thallus.
Sie war prophetisch angekündigt durch Andeutungen in Psalm 88, Psalm 22 und noch deutlicher in Jesaja 50. Jesaja 50, Vers 3: „Ich kleide die Himmel in Trauerschwärze und lege ihnen Sacktuch als Kleid an.“
Der nächste Vers spricht dann über den leitenden Messias. Vielleicht können wir nicht alles lesen, aber lesen Sie gleich Vers 5: „Der Herr hat mir das Ohr geöffnet, und ich bin nicht widerspenstig gewesen, ich bin nicht zurückgewichen.“
Vers 6: „Ich bot meinem Rücken den Schlagenden und meinen Wangen den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.“
Da haben wir den leitenden Messias, der gepeitscht wird. „Ich bot meinem Rücken den Schlagenden“ – er wurde von Soldaten misshandelt. „Meinen Wangen den Raufenden“ – das sagt übrigens, dass der Messias, wie für alle Juden üblich, im Altertum einen Bart trug. Raufen kann man ja nicht mit glatten Wangen.
„Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.“ In diesem Zusammenhang eben Vers 3: „Ich kleide die Himmel in Schwarz oder Trauerschwärze und mache Sacktuch zu ihrer Decke.“
Das wird also angedeutet in Psalm 88. Wir müssen auch den Bezug sehen zu dem Ausdruck in Vers 6: „Du hast mich in eine tiefe Grube gelegt“ oder wörtlich sogar „Du hast mich in die tiefste Grube gelegt in Finsternisse.“
Wo haben wir Finsternis nochmals? Vers 13: „Werden in der Finsternis bekannt werden deine Wunder.“ Das bezieht sich schon auf das Totenreich.
Vers 7: „Du hast mich in Finsternisse gelegt.“ Das Maß der Leiden des Herrn kommt eindrücklich in Vers 4 zum Ausdruck: „Satt ist meine Seele von Leiden.“
Der Tod wird auch schrecklich beschrieben. Wir müssen uns ganz klar sein, was das für den Herrn war. Wir sind durch die Folgen der Sünde so daran gewöhnt, dass der Tod etwas ist, das einfach dazugehört.
Aber wir müssen immer wieder aus biblischer Perspektive sehen: Der Tod ist etwas völlig Unnatürliches. Es war nie Gottes Wille, dass der Tod in dieser Schöpfung herrschen sollte. Das kam erst mit dem Sündenfall.
So ist der Tod, wie Hiob 18 sagt, eigentlich der König der Schrecken. Aber der Herr Jesus kam in diese Welt und konnte sagen, Johannes 14, Vers 6: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Er war das Leben in Person.
Nun sollte er in den Tod gehen, weil er mit unseren Sünden beladen worden war, mit den Sünden aller, die an ihn glauben, und zur Sünde gemacht.
Darum sind all diese Verse, die vom Tod sprechen, für ihn noch viel schrecklicher als für uns. Vers 4: „Und mein Leben ist nahe am Scheol.“
Vers 5: „Ich bin gerechnet zu denen, die in die Grube hinabfahren.“
Wo finden wir das Grab weiter erwähnt? Jawohl, und das wird noch weiter ausgeführt.
Vorher: „Von denen, die im Grab liegen, der du nicht mehr gedenkst, denn sie sind von deiner Hand abgeschnitten.“ Genau.
Weiter: Da haben wir zwei Ausdrücke, das Grab und dann den Abgrund. Wir kommen auf diesen Ausdruck noch zurück. Gleich der Vers davor: „Die Gestorbenen“, wörtlich im Hebräischen „die Schatten“, werden als Schatten beschrieben.
Vers 13: Jawohl, also haben wir eine Fülle von Beschreibungen des Zustandes des Todes.
Der Begriff „Scheol“ und seine Bedeutung im Alten Testament
Beginnen wir mit Sheol in Vers 4. Wahrscheinlich wird dieser Begriff bei anderen Stellen nicht mit dem hebräischen Wort wiedergegeben, sondern mit einer Übersetzung. Wie steht es dort? Totenreich, ja. Wir müssen uns kurz darüber klar werden: Was ist der Sheol nach der Bibel? Was meint dieser Ausdruck genau? Vielleicht sollten wir das noch etwas präzisieren. Gibt es weitere Beiträge dazu, was der Sheol im Alten Testament bedeutet?
Also, Sheol kommt von der Wurzel Sha'al, was „verlangen“ oder „fordern“ bedeutet. Der Sheol ist also der Fordernde, der ständig, wie Erich sagt, Opfer verlangt und sie verschlingt. Was ist der Sheol noch? Er wird als grimmig und unersättlich beschrieben. Vielleicht als Parallele dazu, wo die Wortherkunft deutlich durchschimmert, heißt es in Sprüche 30,15: „Der Blutegel hat zwei Töchter. Wie heißen sie? ‚Gib her, gib her!‘“ Und jetzt kommt es: Drei sind es, die nicht satt werden, vier, die nicht sagen „genug“: der Sheol, das Totenreich, der Fordernde, der nie genug bekommt; der verschlossene Mutterleib, der kein Kind hervorbringt; die Erde, die des Wassers nicht satt wird; und schließlich das Feuer, das nicht sagt: „Genug!“ Je mehr Holz man nachschiebt, sagt das Feuer nie: „Jetzt reicht es, ich bin satt.“ So ist also der Sheol einer von denen, die nie satt werden.
Weiter zum Sheol: Sheol kommt von „sha'al“, Fragen oder Fordern. Im Alten Testament ist der Sheol einfach der Zustand des Todes. Je nach Bibelstelle wird damit entweder der diesseitige oder der jenseitige Aspekt bezeichnet. Der diesseitige Aspekt des Sheol ist das Grab – schlicht das Grab, also sehr oft bedeutet Sheol einfach das Grab, der Ort, wo der tote Körper hingelegt wird.
Wenn es hier heißt „im Sheol“, wer steigt da auf, um dich zu preisen? Wo war das? Im Psalm 88. Dort heißt es: „Wirst du an den Toten Wunder tun, oder werden die Schatten auferstehen und dich preisen?“ Alle, die im Grab sind, diese Körper, bekommen nichts mit von dem, was Gott auf der Erde tut und welche Wunder er an seinem Volk vollbringt. Sie stehen auch nicht auf und preisen Gott nicht mehr. Und ohne Körper – wie würden wir heute Gott loben? Wir hätten keine Stimme zum Beispiel. Es ist ja nicht nur die Stimme, sondern unser ganzer Körper ist der Resonanzkörper, damit wir singen können. Wenn wir singen, schwingt eigentlich, oder es sollte so sein, wenn man richtig singt, der ganze Körper mit. All das fällt weg. Die, die im Grab sind, haben nichts mehr damit zu tun.
In Vers 13 wird dann vom Land der Vergessenheit gesprochen, sie sind in der Finsternis. Das ist der diesseitige Aspekt. Sheol kann aber auch den jenseitigen Aspekt bedeuten. Für den geretteten Menschen bedeutet das schon im Alten Testament das Paradies.
Bereits im Prediger 12 wird uns gezeigt, dass mit dem Tod nicht einfach die Existenz ausgelöscht ist. Schlagen wir auf Prediger 12, Vers 5, ganz am Schluss: „Denn der Mensch geht hin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse.“ Wörtlich steht dort: „Der Mensch geht zu seinem ewigen Haus.“ In der Übersetzung war das etwas umschrieben, aber der Ausdruck „das ewige Haus“ ist im Hebräischen der Ausdruck für den Friedhof. Das sieht man an jüdischen Friedhöfen, die Bet Haolamim genannt werden, das „Haus der Ewigkeiten“ – das ist der Friedhof.
Also, der Mensch geht zu seinem ewigen Haus, dem Friedhof. Die Klagenden ziehen umher auf der Straße – das ist der Trauerzug. Salomo sagt ab Vers 1, der Mensch soll an seinen Schöpfer denken, bevor er alt wird und nicht mehr kann oder mag. In Vers 6 heißt es weiter: „Bevor zerrissen wird die silberne Schnur, zerschlagen die goldene Schale, zerbrochen der Eimer am Quell.“ Das ist eine eindrückliche Beschreibung des Todes und seiner Folgen.
Die silberne Schnur ist das Rückgrat, etwas ganz Wesentliches und zugleich Delikates, dem man besondere Sorge schenken muss. In dieser silbernen Schnur sind wichtige Neuronen und Nervenbahnen untergebracht, aber sie zerbricht. Dann wird die goldene Schale zerschlagen – das ist das, worauf der Mensch im Allgemeinen stolz ist: die Schale oben, in der sich das Gehirn befindet. Das ist die goldene Schale, der Schädel, der kaputtgeht. Zerbrochen ist auch der Eimer am Quell und zerschlagen die Schöpfwelle an der Zisterne.
Die Schöpfwelle an der Zisterne ist ein Bild für das Herz, den Motor, mit dem man die Flüssigkeit aus dem Brunnen heraufholt. Die Pumpe, das Herz, die Schöpfwelle. Der Eimer am Quell ist das Gefäß, das die Flüssigkeit enthält, die durch die Schöpfwelle bewegt wird. Wir sprechen hier von den Blutgefäßen. Der Eimer am Quell sind die Blutgefäße, aber alles geht kaputt: Der Eimer am Quell zerbricht, die Schöpfwelle an der Zisterne wird zerschlagen. Der Mensch kehrt zum Staub zurück.
Doch das war der lange Rede kurzer Sinn: Der Geist kehrt zu Gott zurück. Schon alttestamentlich zeigt sich, dass es einen diesseitigen Aspekt des Sheol gibt – der Mensch kehrt zum Staub zurück, die Schale geht kaputt, die silberne Schnur wird zerbrochen usw. – und einen jenseitigen Aspekt: Der Geist geht zu Gott.
Ganz besonders macht uns das Neue Testament klar: Für den verlorenen Menschen, der zu Lebzeiten nicht die Vergebung Gottes in Anspruch genommen hat, bedeutet das etwas Schreckliches – das Gefängnis, der Ort der Qual. Noch ist das nicht die Hölle. Sie ist bis heute leer. Der Ort der Qual wird vom Herrn Jesus in Lukas 16 als Hades bezeichnet, wo der reiche Mann nach seinem Tod hinkommt. Dieser Ort wird in Lukas 16, Vers 23 genannt.
Dabei ist wichtig zu beachten, dass dies eine Geschichte ist, die der Herr erzählt über den reichen Mann und Lazarus, die ins Jenseits kommen. Es wird nicht gesagt, dass der Herr hier ein Gleichnis erzählt. Es ist auch kein Gleichnis, denn im Neuen Testament gibt es kein einziges Gleichnis, in dem Eigennamen vorkommen. Hier aber wird über Lazarus, Abraham und die Propheten gesprochen. Das kommt in Gleichnissen nie vor. Das ist eine Geschichte.
Dieser Mann ist im Hades, und dieser Ort wird für ihn in Lukas 16, Vers 23 als Ort der Qual beschrieben. Derselbe Ort wird in 1. Petrus 3, Vers 20 als Gefängnis bezeichnet. Ich sage das nur für die, die sich Notizen machen. Dort warten sie bis zur Auferstehung am Jüngsten Tag, nach dem Tausendjährigen Reich. Dann wird der Herr Jesus, der Sohn Gottes, auf dem großen weißen Thron sitzen, um die Toten zu richten. Das wird am Schluss von Offenbarung 20 beschrieben. Die Verurteilten werden dann in den Feuersee geworfen. Erst dann kommt die Hölle.
Das Totenreich ist für die verlorenen Menschen ein Ort des Schreckens, des Wartens auf das endgültige Gericht. In Lukas 16 hatten wir den griechischen Ausdruck Hades, der gleichbedeutend mit Sheol auf Hebräisch ist. Woher kommt das Wort Hades? Der Begriff stammt vom griechischen „Aides“. Das Alpha privativum „a-“ verneint, „ides“ bedeutet „unsichtbar“. Aides ist also „der Unsichtbare“, ein Ausdruck für den unsichtbaren Bereich des Todes. Von diesem Bereich wird auch in der Mythologie gesprochen, aber die Bibel verwendet diesen griechischen Ausdruck als Übersetzung des alttestamentlichen Sheol.
Der Hades ist der unsichtbare Bereich, in den wir Menschen nicht hineinschauen können – es sei denn, die Bibel öffnet uns den Vorhang, wie zum Beispiel in Lukas 16. Im Psalm 16, den wir auch schon als messianischen Psalm studiert haben, heißt es: „Du wirst meine Seele dem Sheol nicht überlassen.“ Diesen Vers zitiert Petrus in Apostelgeschichte 2 an Pfingsten, dort heißt es: „Du wirst meine Seele dem Hades nicht überlassen.“
Der Herr Jesus ging auch ins Totenreich, aber für ihn war das Totenreich das Paradies. Darum sagt er dem Mitgekreuzigten, der sich im letzten Moment noch bekehrte: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Für die erlösten Menschen im Alten und Neuen Testament ist der Sheol bzw. der Hades das Paradies, ein Ort der Glückseligkeit.
Paulus sagt, es ist besser, abzuschieden und bei Christus zu sein (Philipper 1, Vers 23). Bei Christus ist das Paradies. Es ist jedoch kein Zustand der Vollendung, denn der Körper fehlt. Darum ist es nicht der abgeschlossene Zustand. Paulus sagt dennoch, es ist besser, abzuschieden und bei Christus zu sein.
Diese Gläubigen warten auf den Tag der Entrückung, die Wiederkunft Jesu für die Gemeinde. Dann werden all diese Seelen, die im Paradies sind, die Auferstehung ihres Körpers erleben. Der Körper wird wieder auferweckt und mit Seele und Geist vereinigt. Das ist dann die Vollendung.
Es ist ein neuer Leib, in dem Sinn, dass er unsterblich ist und nicht mehr krank wird. Aber es ist der alte Leib, der auferweckt wird. Gott lässt die Leiber der Entschlafenen wieder auferstehen. So war es auch mit dem Leib des Herrn Jesus, der im Grab war. Dieser Leib wurde auferweckt, nicht ein anderer.
Genauso, wie Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird – nicht aus dem Nichts, sondern indem er diese Erde zuerst auflöst. Die Elemente werden im Feuer aufgelöst, wie 2. Petrus 3 beschreibt, und dann verwandelt. In Hebräer 1, Vers 10 heißt es: „Du hast am Anfang die Erde gegründet.“ Und weiter: „Himmel und Erde werden veralten und verwandelt werden.“ Das ist der gleiche Ausdruck wie in 1. Korinther 15, Vers 51 und folgende, wo es heißt, dass die Körper der Gläubigen, die die Entrückung erleben, verwandelt werden.
Das bedeutet, es ist dieselbe Substanz, die umgewandelt wird in einen unsterblichen Körper. Paulus erklärt in 1. Korinther 15, dass die Auferstehung wie bei der Landwirtschaft ist: Man sät ein Samenkorn, und aus diesem Samenkorn wächst die Pflanze. Es ist nicht wesensmäßig etwas anderes, sondern das, was herauswächst, ist wesensmäßig derselbe Samen.
So wird der Körper, der ins Grab gelegt wird, wesensmäßig derselbe Körper sein, aber umgewandelt. Paulus sagt: „Es wird gesät in Schwachheit, es wird auferweckt in Kraft; es wird gesät in Unehre, es wird auferweckt in Ehre; es wird gesät in Verweslichkeit, es wird auferweckt in Unverweslichkeit.“ Wichtig ist, dass man klar festhält: Es ist nicht plötzlich ein neuer Körper aus anderer Substanz, sondern der alte Körper wird wieder auferstehen.
Ist das dann der Kreis, der sich schließt, und das Baby, das gestorben ist, wird wieder ein Baby? Nein, es wird nicht gesagt, dass man dem Alter entspricht, bei dem man gestorben ist. In der Auferstehung wird kein Alter mehr sein, sondern der vollendete, perfekte Zustand.
Das Baby ist ein Mensch in Entwicklung, der sein Ziel noch nicht erreicht hat. Das macht das Baby nicht weniger wertvoll. Denn auch wir sind Menschen in Entwicklung. Mit fünfzig entwickelt man sich abwärts, aber man bleibt ein Mensch in Entwicklung. Es ist nicht so, dass man deswegen weniger Wert hat.
Das Ziel ist der erwachsene Mensch, so wie Gott Adam geschaffen hat. Gott hat Adam nicht als Baby erschaffen. Wären wir fünf Minuten nach der Erschaffung dazugekommen, hätten wir gedacht, er sei zwanzig oder zweiundzwanzig Jahre alt. Er war ein ausgewachsener, heiratsfähiger Mann. Das ist das Ziel.
Die Auferstehung ist so zu verstehen, dass sie uns zur Vollendung führt. In Hebräer 11 wird am Schluss die Auferstehung genannt, und damit wird auch dieser Gedanke der Vollendung mitgedacht.
Exkurs: Das Paradies und die Entrückung im Neuen Testament
Gut, jetzt sollten wir aber eine Pause machen. Ja, so ungefähr eine Viertelstunde, und dann fahren wir weiter mit Psalm 88. Das war jetzt ein kleiner Exkurs, aber ich denke, das sind ganz grundlegende Gedanken, die man immer wieder wiederholen muss.
Wir haben uns vor der Pause in einem Exkurs mit dem Scheol, mit dem Hades beschäftigt – mit dem diesseitigen und dem jenseitigen Aspekt, also zwei verschiedenen Seiten. Wir haben gesehen, dass in Psalm 88 ganz besonders der diesseitige Aspekt des Totenreiches betont wird. Aber auch der jenseitige Aspekt besteht aus zwei Seiten: Das, was der Scheol für die verlorenen Menschen ist, und etwas völlig anderes, das, was der Scheol für die erlösten Menschen bedeutet.
In der Pause wurde, ja, Erich? ... die Erfahrung von Klaus in 2. Korinther 12 eingeordnet, als er aus dieser irdischen Existenz ins Paradies entrückt wurde. Er sagte, er wisse nicht mehr, ob nur nach dem Geist oder sogar mit dem Körper, der wieder in die irdische Existenz zurückkehren muss. Ganz genau, also der Apostel Paulus – Entschuldigung, fahr weiter!
Ja, also was hat das zu bedeuten, dass Paulus in 2. Korinther 12 davon berichtet, dass er in den Himmel entrückt wurde, ins Paradies, und dort Worte hörte, die ein Mensch nicht aussprechen kann? Das war wirklich, wie du eigentlich die Antwort bereits gegeben hast, dazu da, dass der Apostel Paulus darüber berichten konnte, was das Paradies ist, was es heißt, bei Christus zu sein – nach Philipper 1 –, weil er eben in dieser Entrückung das auch tatsächlich zu Lebzeiten schon erfahren hatte.
Und das war so eine überwältigende, spezielle Offenbarung, dass er dann auch sagt in 2. Korinther 12, dass Gott ihm deswegen einen Dorn im Fleisch gegeben hat, ein Leiden, das ihn demütig halten sollte wegen der Überschwänglichkeit der Offenbarungen, die er erfahren hatte. Aber es ist, wie du sagst, dazu da, damit wir wirklich durch direkte Offenbarung Gottes wissen, was das Paradies beinhaltet.
Wer war im Neuen Testament auch zu Lebzeiten schon im Paradies entrückt? Johannes in Offenbarung 4,1 sagt: „Ich sah eine geöffnete Tür im Himmel, und dann sagte eine Stimme: ‚Komm hierherauf!‘“ Er kommt hierherauf und ist gleich im Allerheiligsten, im dritten Himmel. Denn er sieht den Thron Gottes, dazu gehört ja auch die Bundeslade mit den vier lebendigen Wesen, den Cherubim, um den Thron Gottes herum.
Dann sieht er das Lamm Gottes, den Herrn Jesus, im Paradies, er sieht die 24 Ältesten usw. usf., er sieht die Engel. Offenbarung 4,5 gehört alles direkt zusammen, auch Kapitel 6 noch. Das war auch eine Entrückung in den dritten Himmel, ins Paradies. So wird also wirklich in der Bibel dieser Vorhang zum Jenseits auf ganz erstaunliche Weise gelüftet, sodass wir direkte Informationen haben und nicht einfach von Vermutungen und Mutmaßungen sprechen, sondern wirklich ganz klare Offenbarung darüber.
Ja, also der Berg der Verklärung, Matthäus 17, das war jetzt aber keine Entrückung in den Himmel, sondern sie waren ja dort auf dem Berg hier auf Erden. Aber Mose und Elija erlebten eine – das heißt, Mose erlebte eine Vorauferstehung, war dort körperlich gegenwärtig. Und der Herr Jesus wurde auf diese Art verwandelt, wie er dann im tausendjährigen Reich als König erscheinen wird.
So war das für sie eine Vorwegnahme des tausendjährigen Friedensreiches hier auf Erden. Und der Herr Jesus sagt ja gerade davor in Matthäus 16 am Schluss: „Es sind gewisse unter euch, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie den Sohn des Menschen in der Herrlichkeit seines Reiches gesehen haben.“ Das waren dann eben Petrus, Johannes und Jakobus, die das wirklich auf Erden schon erlebt haben.
Der Sinn dafür ist der: Das war für sie gewissermaßen wie ein Unterpfand, eine Garantie, dass all die Prophezeiungen aus dem Alten Testament über den verherrlichten, triumphierenden Messias auch noch in Erfüllung gehen werden. Aber zuerst sollte der Messias kommen als der Leidende, verachtet und abgelehnt. Die Verheißungen über sein Königtum sind erst für die Zukunft aufbehalten.
Diese Erscheinung war gewissermaßen eine weitere Bestätigung, dass das alles noch kommen wird.
Ezechiel 40–48: Ja, in Ezechiel 1 sah er den Thron Gottes mit den Cherubim. Das war eigentlich eine Vision von Gottes Gegenwart im Allerheiligsten des Salomonstempels. Das war die Zeit kurz bevor der Salomonstempel zerstört werden sollte. Die Herrlichkeit des Herrn, also die Wolkensäule, sollte den Tempel verlassen.
So wie es im Tempel diese vier Cherubim gab, aus Gold – nämlich die zwei von der Bundeslade und zwei weitere, die Salomo gemacht hatte, aus Olivenholz überzogen mit Gold –, das waren Abbilder einer wirklichen Realität von Engeln, die im Allerheiligsten gegenwärtig waren. Dazu dann die Wolke der Herrlichkeit, die in Ezechiel 1 die Herrlichkeit des Herrn genannt wird.
Ezechiel sieht also diesen Thron Gottes, übrigens mit Rädern. Ja, und das muss man auch darauf hinweisen: Salomo hat ja auch Räder gemacht auf der Seite dieser vier Cherubim im Allerheiligsten. Das steht nur an einer Stelle, ich kann das gleich angeben: 1. Chronik 28,18. Das ist nicht so bekannt, dass es auch noch Räder im Allerheiligsten gab, als die Indianer in Amerika noch nichts davon wussten.
So sah Ezechiel gewissermaßen die Realität dessen, was im Salomonstempel nur bildlich dargestellt war. Und er sah dann auch in den Kapiteln 8 bis 11, wie diese vier Cherubim zusammen mit der Wolke der Herrlichkeit den Salomonstempel nach Osten verließen.
Ist das die Antwort genügend? Gut.
Jetzt hat man mir noch eine Frage gestellt in der Pause: Wir haben ja vom Auferstehungskörper etwas gehört, und da gibt es ja diesen schwierigen Ausdruck in 1. Korinther 15. Es wird auferweckt werden ein geistlicher Leib. Und das könnte ja ein Argument dafür sein, dass der Auferstehungskörper nicht wirklich körperlich ist, sondern irgendwie etwas Geistiges, ja?
Ich gebe die Stelle nur an: Das ist 1. Korinther 15, Vers 44. Da steht: „Es wird gesät ein natürlicher Leib, es wird auferweckt ein geistlicher Leib. Wenn es einen natürlichen Leib gibt, so gibt es auch einen geistlichen. So steht auch geschrieben: Der erste Mensch Adam wurde eine lebendige Seele, der letzte Adam ein lebendig machender Geist.“
Ja, was ist das? Ein natürlicher Leib – also das ist der körperliche, stoffliche Leib – und dann eben der Auferstehungsleib, der nicht stofflich, sondern geistig sein soll, könnte man sagen.
Aber was steht eigentlich im Griechischen für „natürlicher Leib“? Weiß das jemand? Ja, psychischer Leib, seelischer Leib habe ich gehört. Ja, es steht Psychikos, also der Leib heute wird bezeichnet als ein seelischer Leib.
Ist er deswegen nicht so ganz stofflich? Nein, er ist hundertprozentig stofflich.
Warum heißt er seelischer Leib? Weil Adam, von dem wir abstammen und dessen Bild wir tragen, nach seiner Erschaffung als eine lebendige Seele bezeichnet wurde, ein lebendiges Wesen. Wir tragen sein Bild, und darum ist unser Leib ein psychischer, ein seelischer Leib.
Nun, warum wird der Auferstehungsleib geistlicher Leib genannt? Christus, der hier genannt wird, der letzte Adam, ist ein lebendig machender Geist.
Und zwar merken wir bei Adam, es ist passiv: Er wurde zu einer lebendigen Seele. Bei Christus heißt es, er ist ein lebendig machender Geist, weil er die Kraft in sich hat, Tote aufzuerwecken. Nicht nur, dass er passiv das Leben hat wie Adam, sondern er ist der, der Leben gibt.
Aber der Herr Jesus war nach seiner Auferstehung eben nicht einfach ein Geistwesen. Darum heißt es auch in Lukas 24, als der Herr in der Mitte der Jünger erscheint und sie erschrecken und meinen, es sei ein Gespenst, ein Geist: Dann sagt der Herr Jesus: „Kommet, seht, ein Geist hat nicht Fleisch und Bein“, das heißt Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich habe. Also sein Auferstehungskörper war ganz klar stofflich – Fleisch und Knochen.
Man findet im Alten Testament eben beide Ausdrücke: Man findet für den natürlichen Körper „Fleisch und Blut“ oder auch „Fleisch und Knochen“. Adam sagt zum Beispiel von Eva: „Diese ist nun Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch.“ Sie sollte „Mennen“ heißen.
Und so sagt der Herr: Er hat Fleisch und Knochen, also einen wirklich stofflichen Körper.
Das Ganze wird gelöst, indem man sieht: Der Gegensatz ist eben nicht einfach natürlich – geistig, sondern seelisch – geistig. Aber die Ausdrücke haben keinen Bezug auf das Wesen des Körpers, seine Stofflichkeit oder Nichtstofflichkeit, sondern die Ausdrücke beziehen sich auf das Vorbild Adam, eine lebendige Seele, und Christus, ein lebendig machender Geist.
Die Leiden und der Tod des Herrn Jesus im Psalm 88
Gut, gehen wir weiter in Psalm 88. Zwischendurch kann man ja immer noch Fragen einbringen.
Wir haben gesehen, wie schrecklich es für den Herrn war, in den Tod zu gehen, weil er das Leben ist. Das macht uns übrigens auch verständlich, warum der Herr im Garten Gethsemane so intensiv gebetet hat. Einerseits hat er als der Vollkommene gesehen, dass er mit dem Schmutz der Sünde beladen werden sollte, zur Sünde gemacht werden sollte – ein so schrecklicher Gedanke. Er hat auch gesehen, dass er unter das Gericht Gottes kommen wird, als Stellvertreter. Drittens hat er gesehen, dass er, der das Leben ist, als Mensch in den Tod gehen muss.
So hat der Herr intensiv gebetet. Sein Schweiß ist geworden wie Blutstropfen. Das ist ein Phänomen, das man in der Medizin kennt, aber nur in ganz, ganz extremen seelischen Nöten. Dabei tritt effektiv Blut aus der Blutbahn ins Gewebe aus, und man schwitzt wortwörtlich Blut.
Ja, so hat der Herr gebetet: „Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber.“ Aber es war nicht möglich, weil wir sonst alle verloren gegangen wären. So hat der Herr das auf sich genommen.
Schauen wir mal in Psalm 88, wie er betet, in Vers 15: „Wer liest? Warum, Herr, verwirrst du meine Seele, verwirrst du dein Angesicht vor mir?“ Hier merken wir die Parallele zu Psalm 22, Vers 2: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Dieses „Warum“ macht deutlich, dass er das nicht verdient hat. Wenn man verdienterweise unter dem Zorn Gottes steht, muss man nicht mehr fragen „Warum?“ Die beiden Mitgekreuzigten wussten, warum sie gekreuzigt wurden. Einer von ihnen hat in Lukas 23 zum Ausdruck gebracht: „Wir empfangen, was unsere Taten wert ist.“ Dieser aber hat nichts Ungeziemendes getan. Für sie war es also kein „Warum“ zu leiden, aber der Herr kann fragen: „Warum, Herr, verwirfst du meine Seele, verbirgst dein Angesicht vor mir?“
Gott hat sich wirklich von dem Herrn Jesus in den Stunden der Finsternis, als er Sündenträger war, abgewandt. Aber warum stellt er die Frage „Warum?“ Damit wir sie beantworten können – und wohl uns, wenn wir sie beantworten können: wegen meiner Sünde. Wegen meiner Sünde, die der Herr getragen hat, hat Gott ihn verworfen und sein Angesicht vor ihm verborgen.
Dann sehen wir noch einen Schmerz des Herrn, den er am Kreuz erlebt hat. Vers 9 zeigt das: „Seine Bekannten von mir entfernt, alle seine Jünger haben ihn verlassen.“ Der letzte Vers sagt: „Oder Freunde und Genossen, meine Bekannten entfernt.“ Das hat der Herr erlebt, als eben die Jünger geflohen sind.
Wir sehen aber, wie Frauen in der Nähe waren, also abseits des Kreuzes. Können wir das kurz aufschlagen? Matthäus 27, Verse 55 und folgende. Dort wird beschrieben, wie sie abseits stehen, während der Herr verlassen und allein ist. Er sagt sogar in Vers 9: „Du hast mich ihnen zum Gräuel gesetzt.“ Damit meint er, dass er durch die Misshandlungen so entstellt wurde.
Das Peitschen der Römer war nicht nur ein Peitschenhieb, sondern an den Riemenenden waren normalerweise Widerhaken oder spitze metallene Gegenstände angebracht. Diese haben den ganzen Rücken in eine blutige Masse verwandelt.
Davon spricht auch ganz ausdrücklich Psalm 129, Vers 3: „Pflüger haben auf meinem Rücken gepflügt, haben langgezogen ihre Furchen.“ Genau so sieht das aus, wenn man ein richtiges Bild sieht, zum Beispiel von geschlagenen Sklaven im alten Amerika. Es sieht aus wie Furchen, die durch den Acker gezogen worden sind.
In Jesaja 52 lesen wir Folgendes. Kann uns jemand Jesaja 52, Vers 14 vorlesen? Der hebräische Text ist ziemlich schwierig zu übersetzen. Ganz wörtlich auf Deutsch kann man es sinngemäß gut übersetzen. Der Sinn ist folgender: „Gleich wie sich viele über dich entsetzt haben, so entstellt war sein Aussehen, weg von dem irgendeines Mannes, und seine Gestalt weg von der der Menschenkinder.“ Das heißt, er war nicht mehr menschenähnlich durch die Misshandlung.
Auch die Dornenkrone, die er trug, ließ das Blut in Rinnsalen herunterfließen, verfilzt mit dem Haar. Das bot eine Schreckenserscheinung. Das umschreibt der Herr so: „Du hast mich ihnen zum Gräuel gesetzt.“
Wir erinnern uns nochmals: Am Anfang haben wir gesehen, dass dieser Psalm in schwermütiger Weise mit gedämpfter Stimme vorgetragen werden musste. Aber wo haben die Leviten die Psalmen aufgeführt? An den großen Festen – am Passafest, Pfingstfest und Laubhüttenfest. Da waren so viele Leute da, dass man in den Frauenvorhof ging. Das war also die Synagoge unter freiem Himmel für die großen Feste.
Außerhalb dieser drei Wochen im Jahr, wo wurden die Psalmen aufgeführt? Im innersten Vorhof beim Altar. Dort, wo man täglich die Opfer schlachtete und auf dem Altar darbrachte, wurde auch dieser Psalm gesungen.
Es ist klar aus der Beschreibung von Heman im Alten Testament, dass dieser Psalm mit seinem Leben keinen Bezug hatte. Heman war ein Prophet, und wir haben ja gelesen in 1. Chronik 25, dass er und andere mit Musikinstrumenten weissagten. Dort wird ausdrücklich der weissagende, prophetische Charakter ihres Dienstes beschrieben. Das war eine prophetische Weissagung hin auf die Leiden des Christus, aber eben gesungen in Verbindung mit den Opfern.
Nicht irgendwo im Tempel, sondern wirklich beim Altar. Das macht das Ganze noch ergreifender und auch klarer. Man sieht, dass es ein Hinweis auf die Leiden des Messias ist.
Ach so, nein, der Ausdruck „Söhne“ bedeutet einfach Nachkommen. Der Herr Jesus wird ja auch Sohn Davids genannt, aber er war ein Nachkomme von David über viele Generationen zurück. „Sohn“ bedeutet in der Bibelsprache einfach Nachkomme, normalerweise gerade der unmittelbare Nachkomme als Sohn, aber dann auch allgemein.
Die Söhne Koras, die die Psalmen gedichtet haben, lebten zeitgleich mit Heman. Sie wussten ganz besonders von dem Zorn Gottes, der über Kora, ihren Vorfahren, gekommen ist. Aber sie waren verschont. Warum? Weil ein anderer den Zorn Gottes für sie tragen sollte. Das macht das stellvertretende Leiden unter dem Zorn Gottes hier in Psalm 88 noch eindrücklicher.
Noch etwas? Ja, der Herr Jesus wurde in der Nacht vom Donnerstag auf Freitag verhaftet. Nachdem er die Passafeier gehalten hatte, ging er hinüber zum Garten Gethsemane, dort wurde er nachts verhaftet. Danach wurde er in Privathäuser gebracht, nämlich zu dem Hohenpriester Hannas, dem Schwiegervater des amtierenden Hohenpriesters Kajaphas. Dann wurde er auch zu Kajaphas gebracht.
Nach rabbinischem Recht durfte man nachts keine Gerichtsverhandlungen durchführen, wenn es um Leben und Tod ging. Es war also illegal, nachts eine Gerichtsverhandlung abzuhalten. Aber die Volksmenge am Fest hätte alles durcheinanderbringen können, wenn das Volk plötzlich einen Aufstand gemacht hätte und nicht mit der Verurteilung einverstanden gewesen wäre. Deshalb war es für sie wichtig, dass alles so schnell wie möglich geschieht.
Sie machten eine informelle Prozessordnung in den Privathäusern von Hannas und Kajaphas. In Matthäus 27 lesen wir: „Sobald der Morgen aufging, als das erste Licht über dem Ölberg erschien.“ Ich lese Matthäus 27, Vers 1: „Als es aber Morgen geworden war, hielten alle Hohenpriester und Ältesten des Volkes Rat, um Jesus zum Tode zu bringen.“
In der Parallelstelle, Markus 15, Vers 1, heißt es: „Und alsbald am frühen Morgen hielten die Hohenpriester Rat samt den Ältesten und Schriftgelehrten und dem ganzen Synedrium. Sie banden Jesus, führten ihn weg und überlieferten ihn dem Pilatus.“
Sie warteten also wirklich, bis das erste Licht am frühen Morgen erschien. Dann konnte man in den Tempel gehen, im Synedrium, im Sanhedrin sich versammeln – in der kölnischen Säulenhalle. Dann wurde der offizielle Prozess in aller Eile durchgezogen. Es war längst alles entschieden: Es musste mit der Todesstrafe enden.
Dann konnten sie ihn so schnell wie möglich ins Prätorium von Pilatus bringen. Das stand damals beim heutigen Jaffator, dort, wo heute das Jerusalemmuseum ist. Es steht übrigens heute immer noch ein Turm von dem Palast beim Prätorium als Mahnmal, was dort geschehen ist.
In Johannes 19 lesen wir, dass der Herr um sechs Uhr morgens, um die sechste Stunde, vor Pilatus war. Das zeigt etwas von diesem frühen Morgen. Um sechs Uhr war er bereits bei Pilatus. Die Verurteilung im Sanhedrin auf dem Tempelplatz war noch vorher.
So hat dieser Ausdruck „am Morgen“ eine ganz besondere Bedeutung. „Ich aber, Herr, schreie zu dir, und am Morgen kommt mein Gebet dir zuvor.“
Noch eine Frage? Ja, bitte.
Der Psalm kann sich natürlich auch auf uns Menschen beziehen. Der Psalm wurde ja im Tempel gesungen, und man kann einfach sagen: Ich schreie zu dir als Mensch und trete mit meinem Gebet vor dich. Natürlich können wir so beten, wie der Herr Jesus gebetet hat. Aber es ist auch so, dass wir viele andere Psalmen haben, die nicht messianisch sind.
Ich würde jetzt auch nicht Psalm 22 irgendwie persönlich nehmen. Das wird auch deutlich, wenn der Herr in Psalm 22 sagt: „Alle früheren Väter haben auf dich vertraut, und du hast sie nie verlassen.“ Aber er wurde verlassen, obwohl er auf Gott vertraut hat. Das zeigt, dass seine Leiden ganz anders sind als unsere Leiden.
Gerade dort, wo der Herr unter dem Zorn Gottes betet, ist es wirklich ein Leiden, das wir nie durchmachen. Das, was er vonseiten der Menschen erlitten hat – und das haben wir auch in anderen Psalmen – können wir sehr gut auf uns übertragen, weil wir ähnliche Dinge erleben wie der Herr in seinem Leben.
Aber gerade bei diesen Psalmen, wo man sieht, dass der Herr unter dem Zorn Gottes leidet, würde ich das eigentlich speziell für den Sohn Gottes so stehen lassen.
Was denken die Juden dabei, wenn sie diesen Psalm beten? Sie denken ja nicht an den Messias. Vielleicht bei Psalm 88 weniger, bei Psalm 22 kann man in der rabbinischen Literatur zeigen, dass das schon früher verstanden wurde, dass hier vom Messias die Rede ist. Aber das heißt natürlich noch lange nicht, dass es unter den Juden heute allgemein bekannt ist, wie oft solche Auslegungen, die sich im Herrn Jesus erfüllt haben, unter Juden normalerweise gar nicht bekannt sind.
Wenn man ihnen zeigen kann, zum Beispiel in Targumim oder bei den Rabbinern, was Rashi oder Abrabanel geschrieben haben, sind sie erstaunt, was da alles steht. Das ist aber nicht der Maßstab, wenn ein solcher Psalm gebetet wird und man nicht versteht, was er besagt.
Ich habe jemanden gekannt, der einen Juden gefragt hat: „Von wem ist Psalm 22?“ Er sagte ganz stolz: „Von unserem König David.“ „Von wem spricht er?“ „Wir wissen es nicht.“ Aber es war ihm klar, dass David dort nicht von seinen eigenen Erfahrungen schreibt. Er sagte dann so: „Wir wissen es nicht.“
Es ist ungünstig übersetzt, was die Alte Elberfelder Bibel in Vers 16 hat: „Elend bin ich und verscheidend von Jugend auf, ich trage deine Schrecken, bin verwirrt.“ Das zeigt, wie der Herr gewissermaßen in die Welt gekommen ist, um zu sterben.
In Hebräer 10 werden ja die Worte des Herrn aus Psalm 40 angeführt, wo er sagt: „Als er in die Welt kommt, spricht er: Einen Leib hast du mir bereitet. Du hast nicht Gefallen gefunden an den Opfern, ich komme, um deinen Willen zu tun, Gott.“ Dann erklärt Hebräer 10 weiter, dass sich das auf Christus bezieht, der in die Welt gekommen ist, mit dem Ziel, seinen Leib als Opfer zu geben.
„Verscheidend bin ich von Jugend auf“ – der Herr ist wirklich in diese Welt gekommen. Als er damals in die Welt kam, hat er als Sohn Gottes gesagt: „Einen Leib hast du mir bereitet, ich komme, um deinen Willen zu tun.“ Das heißt, um das Opfer darzubringen. Sein Weg war wirklich der Weg von der Krippe hin zum Kreuz.
Aber es ist nicht so, dass der Herr als Mensch krank war. Er hatte nichts von den Folgen der Sünde, weil er die Sünde nicht in sich hatte, wie Johannes 3 sagt: Sünde ist nicht in ihm. Er war der Vollkommene, ohne unter dem Fluch Adams zu stehen. Aber er kam, um den Fluch, der auf uns war, freiwillig auf sich zu nehmen.
Dann wollen wir noch am Ende zusammen beten.
Psalm 88 ist der einzige Psalm ohne irgendeinen hoffnungsvollen Ausdruck. Zum Beispiel im Vergleich zu Psalm 22 oder anderen, die optimistischer sind. Er ist erstens nur noch verloren, vernichtet und gesetzt.
Ich weiß jetzt auch nicht, ob es eine so deutliche Parallele zu Psalm 88 gibt. In Psalm 22 haben wir auch Hoffnung, wie du sagst. Psalm 69 ist auch ein trauriger Psalm, der die Leiden des Herrn beschreibt, aber dort gibt es auch Hoffnung. Psalm 35 wäre eine weitere Parallele, hat aber Hoffnung, ebenso Psalm 38. Psalm 38 käme dem noch am nächsten als Parallele.
Es ist wirklich ganz auffällig, wie der Herr hier einfach hundertprozentig als das Sünd- und Schuldopfer gezeigt wird.
Ja, dann wollen wir noch beten.
