Rückblick auf Judas im messianischen Kontext
Wir hatten im Rahmen der messianischen Psalmen zuletzt Psalm 109 miteinander betrachtet. Dabei fanden wir einen speziellen Hinweis auf Judas, der im Neuen Testament direkt aufgegriffen wurde. Es handelt sich um Psalm 109, Vers 8: „Seine Tage seien wenige, sein Amt empfange ein anderer.“
In Apostelgeschichte 1,20 wird diese Stelle wieder aufgegriffen. Deshalb wurde Matthias als Nachfolger von Judas gewählt, damit die Zahl der Apostel wieder auf zwölf stieg. Diese Zahl entspricht den zwölf Stämmen Israels. Der Auftrag dieser zwölf Apostel richtete sich ganz speziell auf das Volk Israel. Im Gegensatz dazu erhielt der Apostel Paulus ein spezielles Apostelamt mit Blick auf die nichtjüdischen Völker.
Letztes Mal hatte ich angekündigt, dass wir noch einige weitere Verse aus früheren Psalmen anschauen wollen, die wir bisher nicht betrachtet hatten, die aber ebenfalls Judas betreffen. Nun schlagen wir Psalm 55 auf, ebenfalls ein messianischer Psalm.
Ab Vers 12 beziehungsweise 13, je nach Bibelausgabe und Zählweise, hören wir plötzlich die Stimme des Herrn. Psalm 55,12-15 oder 13-15 lautet:
„Verderben ist in ihrer Mitte, und Bedrückung und Betrug weichen nicht von ihrem Marktplatz. Denn nicht ein Feind höhnt mich, sonst würde ich es ertragen; nicht mein Hasser hat groß getan gegen mich, sonst würde ich mich vor ihm verbergen. Sondern du, ein Mensch meinesgleichen, mein Freund und mein Vertrauter, mit dem wir die Süße der Gemeinschaft miteinander erlebten, ins Haus Gottes gingen in festlicher Unruhe. Der Tod möge sie überraschen, lebendig mögen sie hinabfahren in den Scheol, denn Bosheiten sind in ihrer Wohnung, in ihrem Innern.“
Die vielfältige Messianische Thematik in den Psalmen
Messianische Psalmen, wie Sie hier betrachtet wurden, bedeuten nicht, dass es keine weiteren messianischen Hinweise in den Psalmen gibt. Wir haben uns auf die ganz ausdrücklich messianischen Psalmen konzentriert, doch es gibt noch viele weitere Psalmen, in denen sich manchmal nur einzelne Verse direkt auf den Messias beziehen.
Man muss sich vor Augen halten: Die Psalmen sind hauptsächlich prophetisch. Die zentrale Thematik ist der Messias, und zwar sowohl sein erstes Kommen in Niedrigkeit als leidender Messias als auch sein zweites Kommen in Herrlichkeit, um als König über alle Könige zu regieren.
Wir haben uns speziell auf die messianischen Psalmen fokussiert, die das erste Kommen Jesu betreffen, also den leidenden Messias. Es gäbe jedoch viele weitere Psalmen, die sein zweites Kommen als König beschreiben.
Als Beispiel für einen ausdrücklich messianischen Psalm im Hinblick auf das zweite Kommen Jesu betrachten wir Psalm 97. Liest jemand bitte die ersten fünf Verse? Diese Verse beschreiben die Wiederkunft Christi in Macht und Herrlichkeit, in flammendem Feuer – ähnlich wie es zum Beispiel im 2. Thessalonicherbrief 1,7-10 beschrieben wird. Das tausendjährige Reich steht im Blickfeld dieses Psalmes: „Der Herr regiert, lass sich die Erde freuen.“
Ein weiteres Beispiel ist Psalm 99. Liest jemand bitte nur die ersten zwei Verse? Auch hier wird die Königsherrschaft des Messias im tausendjährigen Reich beschrieben, und zwar von Zion, von Jerusalem aus.
Dies war jedoch nicht unser Thema. Wir finden also viele Psalmen, in denen der Messias entweder im Zusammenhang mit seinem ersten Kommen oder seinem zweiten Kommen spricht oder beschrieben wird.
Doch wer spricht sonst noch in den Psalmen? Es ist der gläubige Überrest aus Israel, also der Rest oder die Minderheit, die vor der Wiederkunft Jesu umkehren wird. Das geschieht insbesondere nach der Entrückung der Gemeinde, wenn es eine Erweckung in Israel geben wird.
Dieser Überrest Israels wird durch die große Drangsal hindurchgehen. In diesen Nöten wird er sich dem Herrn zuwenden, Buße tun über die eigene Schuld. In diesem Zusammenhang finden wir eine ganze Reihe von Bußpsalmen.
Während der großen Drangsal wird dieser Überrest auch die Hilfe des Herrn im Gebet suchen. So sind diese Psalmen des Herzens, in denen Menschen ihre ganze Not vor dem Herrn ausschütten, besonders auf die große Drangsal bezogen.
Der Überrest Israels und seine Verbindung zum Herrn Jesus
Aber nicht nur auf den Überrest Israels in der Zukunft im Zusammenhang mit dem zweiten Kommen Jesu, sondern wir sehen auch in den Psalmen den Überrest zur Zeit des Herrn Jesus. Denn auch damals gab es einen Teil des Volkes, der umkehrte, auf die Predigt von Johannes dem Täufer hörte, die Taufe der Buße auf sich nahm und seine Schuld bekannte.
Der Herr Jesus hat sich mit diesem Überrest eins gemacht, mit ihm verbunden. Wo sehen wir das ganz speziell im Neuen Testament? Dort, wo er die Jünger seine Brüder nennt. Er gibt auch Maria Magdalena den Auftrag: Gehe hin zu meinen Brüdern (Johannes 20) und sage ihnen, ich fahre auf zu meinem Gott und zu eurem Gott, zu meinem Vater und zu eurem Vater.
Noch viel früher, bei der Taufe im Jordan, drückt sich diese Verbindung des Herrn mit dem Überrest ganz deutlich aus. Schlagen wir Matthäus 3 auf. Dort sehen wir den Überrest, der Buße tut auf die Predigt von Johannes dem Täufer hin. Das beginnt in Matthäus 3,1 und folgende Verse. Besonders wichtig ist auch Matthäus 3,13-17.
Das Volk lässt sich taufen, alle, die umkehren. Sie müssen ihre Schuld bekennen und sich im Jordan taufen lassen. Diese Taufe geschah damals in Änon, am Jordan, ganz nahe der Mündung ins Tote Meer, unweit von Jericho und Qumran, auf der anderen Seite des Jordans.
Der Herr Jesus kommt ebenfalls dorthin und lässt sich taufen. Johannes der Täufer ist schockiert. Wie kann das sein, dass er sich taufen lässt? Denn die Taufe war für diejenigen, die Buße tun. Der Herr Jesus jedoch musste über keine einzige Sünde Buße tun; er war vollkommen.
Doch der Herr überzeugt Johannes, dass er sich trotzdem taufen lassen will. Mit dieser Taufe bezeugt Jesus: Ich mache mich eins mit all denen, die ihre Schuld bekannt haben und sich taufen ließen. Allerdings bestand das Risiko, dass die Menschen dachten, auch er sei ein Sünder wie die übrigen.
Darum kam es zu einem Ereignis, das im Judentum im Talmud als Badkoll bezeichnet wird – eine akustisch hörbare Stimme aus dem Himmel. Diese Art der Offenbarung Gottes war aus biblischen Zeiten bekannt. Genau hier erleben wir einen solchen Badkoll.
Plötzlich ertönt aus dem Himmel die Stimme Gottes: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ Damit wird von Gottes Seite sofort erwiesen, dass dieser nicht ein Sünder ist wie die übrigen, obwohl er sich taufen ließ. Er ist der vollkommene Sohn Gottes, der in allem das Wohlgefallen des Vaters hat.
So hat sich Jesus mit dem Überrest verbunden. Diese Verbindung kommt in den Psalmen ganz eindrücklich zum Ausdruck. Wenn man bestimmte Psalmen liest, hört man die Stimme des Überrestes, der seine persönliche Schuld bekennt und Gottes Hilfe sucht.
Plötzlich, ohne wirklichen Übergang, kann man in einigen Versen die Stimme des Herrn Jesus, des Messias, hören. Das erklärt sich dadurch, dass der Herr sich mit dem Überrest eins macht. Dieses Motiv zieht sich in den Psalmen immer wieder eindrücklich durch.
Zum Beispiel im Psalm 55 finden wir eine solche Stelle, wo für einige Verse die Stimme des Messias zu hören ist. Er spricht dort von seinem Verräter. Wie nennt er ihn? Fassen wir das kurz zusammen: Psalm 55,13 oder 14. Dort heißt es: „Freund, mein Vertrauter“ und noch vorher „Ein Mensch meinesgleichen“.
Die Menschlichkeit Jesu und die besondere Beziehung zu Judas
Der Herr Jesus wurde, wie Hebräer 2,14 sagt, ein wirklicher Mensch. Wir können das ganz kurz aufschlagen: Er wurde ein wirklicher Mensch – aber mit einem ganz wesentlichen Unterschied, der dort in Hebräer zum Ausdruck kommt.
Hebräer 2,14 sagt: Der Herr Jesus musste, um Menschen erlösen zu können, Mensch werden. Er wurde kein Engel, denn für die Engel gibt es keine Erlösung. Die gefallenen Engel sind definitiv gefallen; es gibt kein Zurück. Darum heißt es hier, er nimmt sich nicht der Engel an oder er ergreift nicht die Engel, das heißt, um sie herauszuführen, sondern der Herr nimmt sich der Menschen an.
Und da steht nun: Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er gleicherweise an demselben teilgenommen. Das „gleicherweise“ kann man auch übersetzen mit „in ähnlicher Weise teilgenommen“. Das heißt, er ist ein wirklicher Mensch geworden, aber es gibt einen Unterschied – und darum steht „in ähnlicher Weise“.
Denn wir können das auch in Hebräer 4,14 finden. Dort heißt es, dass Jesus „ausgenommen der Sünde“ ist, so übersetzt die alte Elberfelder. Jesus ist ein wirklicher Mensch geworden und weiß auch, was Schwachheiten sind. Schwachheiten bedeuten im Hebräerbrief nie Sünde. Wir sagen manchmal umgangssprachlich, Sünden seien Schwachheiten, aber das ist völlig unbiblisch.
Mit Sünden hat der Herr kein Mitleid, aber mit Schwachheiten – das heißt, wenn wir müde sind, und natürlich sind wir dann je nachdem leichter anfechtbar. Der Herr Jesus war müde von der Reise (Johannes 4) und setzte sich an den Brunnen, den Jakobsbrunnen. Er war durstig und hungrig. Das sind Schwachheiten.
Es wird gesagt, dass er in allem in gleicher Weise versucht worden ist, ausgenommen der Sünde. Das heißt, der Herr Jesus hatte als Mensch nicht die Sünde in sich, wie wir sie alle geerbt haben von Adam seit dem Sündenfall. Die Sünde in uns bedeutet, dass wir von Adam eine Natur geerbt haben, die sich als eine Kraft in uns erweist, die uns zum Bösen drängen will.
Das war nicht in dem Herrn Jesus. Er war ein vollkommener Mensch, ein Mensch meinesgleichen, sagt er zu Judas, aber eben mit dem Unterschied, dass der Herr Jesus ohne Sünde war.
Wir haben also diese drei Bezeichnungen: „Mensch“ für Judas, „meinesgleichen“ – mein Freund, mein Vertrauter. Weiter im Vers davor heißt es noch genauer: Nicht „mein Hasser“. Es war also nicht jemand, der schon lange sein Feind war, sondern einer seiner Jünger.
Und noch davor: Nicht ein Feind, sondern einer seiner Jünger.
Der Ausdruck „mein Vertrauter“ – worin hat sich das ganz besonders gezeigt im Leben des Judas, dass er ein Vertrauter des Herrn Jesus war? Ja, wo steht das? Können wir das ganz kurz aufschlagen?
Ausgerechnet er hatte die Kasse, die Gruppenkasse. Das ist Johannes 12. Es geht im Zusammenhang um Maria, die Schwester von Martha, die den Herrn mit Narde gesalbt hat, einige Tage vor seinem Tod.
Das war eine sehr, sehr kostbare Sache, denn die Narde ist eine ganz kleine Blume, die im Himalaya-Gebiet auf 500 bis 5000 Meter Höhe wächst. Von dieser kleinen Blume, aus der Wurzel, gewinnt man den Rohstoff, um diese kostbare Salbe herzustellen.
Wenn man sich vorstellt, was die ganzen Transportkosten vor 2000 Jahren aus Indien, aus dem Hochgebirge, waren, versteht man, warum das eine so teure Sache war.
Judas ist entsetzt. Er denkt, man hätte doch dieses Geld besser einsetzen können. Johannes 12,4 sagt: Er war ein Dieb und hat Geld veruntreut, das dem Herrn gehörte, zusammen mit den Jüngern.
Ausgerechnet ihm hat der Herr diese Sache anvertraut. Aber man muss sagen, das war ein Testmaterial. So ist es, dass Gott uns allen gewisse Dinge anvertraut. Wir müssen immer bedenken, dass das, was Gott uns anvertraut, Testmaterial ist, ob wir damit treu oder untreu sind.
Bei Judas kam heraus, dass er ein echtes Problem mit Geld hatte. Wir sehen das auch am Schluss, dass er bereit war, für dreißig Silberlinge seinen Herrn zu verraten. Das zeigt sein Geldproblem.
Aber eben, der Herr Jesus spricht in Psalm 55 an: „Mein Vertrauter, mein Freund.“ Und weiter im nächsten Vers wird das noch deutlicher.
Das Gesetz, die Tora, schrieb vor, dass alle Männer in Israel dreimal im Jahr nach Jerusalem zum Tempel gehen mussten. Das war obligatorisch am Passafest, am Pfingstfest und am Laubhüttenfest.
So war es also sehr oft der Fall, dass der Herr mit seinen Jüngern nach Jerusalem ging. Jedes Jahr, in diesen drei Jahren seines öffentlichen Dienstes, ging er mindestens dreimal hinauf.
Wir sehen aber, er ging auch noch mehr. In Johannes 10,22 war der Herr Jesus auch am Chanukka-Fest, dem Tempelweihfest, in Jerusalem. Das ist das Fest der Makkabäer, das jeweils im Dezember gefeiert wird.
Also in der kalten Zeit des Dezembers war der Herr Jesus auch im Tempel in Jerusalem. So ging er mit seinen Jüngern immer wieder hinauf.
Es heißt hier: „Die wir trauten Umgang miteinander pflegten, ins Haus Gottes wandelten mit der Menge.“ Das Hinaufziehen nach Jerusalem war immer ein großes Ereignis.
Aus dem ganzen Land, auch aus Galiläa, also von sehr weit her, gingen die Leute zu Fuß nach Jerusalem. Sie mussten mehrere Tage Reise auf sich nehmen und gingen gewöhnlich in Gruppen hinauf.
Zum Beispiel war es beim Laubhüttenfest üblich, dass man – nein, allgemein bei diesen Reisen hinauf – die Stufenlieder sang. Das sind die Psalmen 120 bis 134, insgesamt 15 Psalmen.
Sie sind alle überschrieben mit einem Stufenlied, „Schir ma’alot“ auf Hebräisch. „Ma’alot“ ist die Mehrzahl von „Ma’alah“ und bedeutet eigentlich „Stufe“ oder „Treppe“ – gleichzeitig auch „Hinaufzug“.
Der Sinn ist, dass „Schir ma’alot“ ein Lied ist, das man beim Hinaufzug nach Jerusalem sang, da Jerusalem im Bergland von Judäa liegt. Diese Lieder wurden unter Flötenbegleitung gesungen.
Also nicht nur die Gottesdienste im Tempel waren ein besonderes Ereignis, sondern auch die ganzen Reisen hinauf. So sagt der Herr: „Die wir ins Haus Gottes wandelten mit der Menge.“
Judas als Verräter im Licht von Psalm 41
Ja, ergänzen wir Psalm 55 jetzt noch mit Psalm 41, Vers 9. Jawohl, gut! Dieser Vers wird im Neuen Testament ausdrücklich auf den Herrn Jesus beziehungsweise auf Judas bezogen. In Johannes 13 können wir das kurz aufschlagen. Dort wird der letzte Abend vor der Kreuzigung beschrieben, im Obersaal, wo die Jünger das Passa essen sollten.
Da sagt der Herr noch, bevor Judas hinausgegangen war, Folgendes in Johannes 13, Vers 18: "Jawohl, und das ist ein drittes Zitat aus Psalm 41: Der mit mir das Brot isst, hat seine Verse wieder mich erhoben." Die weiteren Verse beschreiben dann, wie der Herr sich mit seinen Jüngern nicht einfach zu Tische gesetzt hatte, sondern wie er sich zu Tische legte. Denn am Passafest saß man im Judentum damals nicht auf Stühlen am Tisch, sondern lag auf Polstern – so wie es die Römer eingeführt hatten, ab ihrer Eroberung Jerusalems im Jahr 63 v. Chr.
Die Rabbiner erklärten, dass die freien Römer eben zu Tisch liegen, und wir sollen das auch am Passafest tun, weil das eigentlich die Art und Weise ist, wie freie Menschen essen. Wir feiern am Passa ja unsere Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten. So hat sich also der Herr zu Tische gelegt mit den Jüngern.
Plötzlich geht dann Judas hinaus. Der Herr sagt ihm: "Was du tust, tue schnell." Die Jünger meinten, Judas würde noch etwas im letzten Moment für das Fest einkaufen. Das heißt also, er ist ganz am Anfang hinausgegangen. Der Herr hatte ihm davor einen Bissen gegeben. Das hat nichts mit dem Pasalamahl, der Hauptmahlzeit, zu tun, sondern es gab immer eine Vorspeise. Dort tauchte der Herr ihm Brot in eine Soße. Das war übrigens die symbolische Handlung, mit der ein Hausvater den geehrtesten Gast auszeichnete.
Diesen Brotbissen bekam Judas, und dann ging er hinaus, um seine Verrätertat zu tun. Das zeigt übrigens auch, dass Judas nicht am Abendmahl teilgenommen hatte, das erst im Verlauf der Hauptmahlzeit eingesetzt wurde, sondern er ging schon bei der Vorspeise hinaus. Dies steht in Übereinstimmung mit Psalm 41, Vers 10: "Selbst der Mann meines Friedens" – das ist die hebräische Ausdrucksweise für Freund – "der Mann meines Friedens, auf den ich vertraute." Auch hier wird das Vertrauen nochmals hervorgehoben, das sich durch das Anvertrauen der Kasse besonders zeigte. "Der mein Brot aß" – eben diesen Ehrenbissen der Vorspeise – "hat seine Verse wieder mich erhoben."
Was bedeutet diese Aussage, oder woher kommt das "Verse erheben"? Was bedeutet das?
Die Wendung "die Verse erheben" kommt von der Situation her, in der zwei Personen hintereinander sitzen. Plötzlich schlägt jemand mit seiner Ferse hinterrücks aus, feindlich gegen den, der hinten ist. Das würde man nicht erwarten – ein richtig hinterhältiger und unerwarteter Angriff gegen jemanden von hinten.
Jawohl, das ist absolut falsch. Judas dürfte nicht dabei sein. Das ist auch bei Leonardo da Vinci falsch dargestellt. Sie sitzen dort alle an einem Tisch, aber sie lagen eben auf den Polstern am Triklinum, einem dreiteiligen Tisch.
Das "Erheben der Ferse" bedeutet quasi ein Ausschlagen, mit dem Fuß gegen jemanden kämpfen. Wenn der Schlag nach vorne wäre, dann schlägt man eigentlich nicht mit der Ferse, sondern mit dem Fußballen. Aber das Zurückschlagen, das noch unerwarteter ist, ist ein Zurückschlag mit der Ferse.
Ja, genau, aber das ist ganz wichtig.
Die Auserwählung der Zwölf Apostel trotz Judas’ Verrat
Lukas beschreibt seine Berichte nicht immer in zeitlicher Reihenfolge. In der Einleitung zu Theophilus, im Lukas 1, sagt er ausdrücklich, dass er seine Berichte nicht immer chronologisch geordnet hat. Er habe alle diese Dinge „der Reihe nach“ berichtet. Der griechische Ausdruck dafür bedeutet jedoch nicht speziell in chronologischer Reihenfolge, sondern nach einem Ordnungsprinzip.
Wir können sagen, dass bei Lukas und auch bei Matthäus die Dinge nicht immer in der zeitlichen Reihenfolge dargestellt werden, sondern nach einem inhaltlichen Prinzip. Das heißt, nach inhaltlichen Kriterien werden gewisse Ereignisse zusammengefügt, um dadurch eine bestimmte Aussage zu ermöglichen. Im Gegensatz dazu berichten Markus und Johannes sehr streng chronologisch, also in der zeitlichen Reihenfolge.
Lukas hebt in seiner Darstellung dadurch noch dramatischer die Feindschaft des Judas gegen den Herrn hervor. Judas war am Tisch anwesend, an dem der Herr das Abendmahl eingesetzt hat. Johannes, der ganz strikt chronologisch berichtet, zeigt dagegen, dass Judas bereits während der Vorspeise hinausgegangen war. Dennoch war er an dem Tisch, an dem Jesus das Abendmahl einsetzte, zunächst anwesend, stand dann auf und ging hinaus.
Nun zu einer weiteren Frage: In Lukas 6, Vers 12 wird ausdrücklich erwähnt, dass die Auserwählung der Zwölf Apostel aus der Menge der zahlreichen Jünger eine Nacht im Gebet vorausging. Der Herr wusste alles im Voraus, auch wer ihn verraten würde. Das wird nur an dieser Stelle in Johannes 6 ausdrücklich gesagt. Dort heißt es, dass Jesus von Anfang an wusste, wer sein Verräter sein würde.
In Johannes 6, Vers 70 antwortete Jesus: „Habe ich nicht euch, die Zwölfe, auserwählt? Und von euch ist einer ein Teufel!“ Er sprach von Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, denn dieser sollte ihn überliefern, obwohl er einer von den Zwölfen war. Der Herr wusste das ganz genau im Voraus, und das macht das Ganze umso dramatischer: Jesus verharrte eine ganze Nacht im Gebet zum Vater und traf dann die Auserwählung.
Diese Auserwählung hat natürlich nichts mit der Auserwählung vor Grundlegung der Welt zu tun, wie sie von den Erlösten in Epheser 1,3 und den folgenden Versen beschrieben wird. Hier geht es um eine Auserwählung für ein Amt auf Erden.
Es ist wichtig zu sehen, dass im Alten Testament bereits vorausgesagt wurde, dass einer der Vertrauten des Herrn sein Verräter werden würde. Trotz des Wissens um Judas’ Verrat traf Jesus die Auserwählung zum Apostelamt in Lukas 6.
Das wirft die Frage auf: Ist Judas eine tragische Figur? In der Antike bedeutete „Drama“ oft eine menschliche Figur, die etwas Schlimmes tut, aber eigentlich gar nicht schuldig ist, sondern in Unwissenheit in schwere Schuld gerät. Das ist tragisch. Ich habe zunächst von einem Drama gesprochen, aber korrekter ist der Begriff Tragik. Das heißt, jemand tut etwas Böses, will es aber eigentlich nicht, er gerät einfach in eine schlimme Lage, ohne wirklich schuld zu sein.
Ist das auch bei Judas so? Einer musste es wohl tun, und es wurde eben Judas. Wie beantwortet die Bibel das? Ja, die Prophetie im Alten Testament musste in Erfüllung gehen. Wie lässt sich das mit freiem Willen vereinbaren? Jesus wusste, dass Judas es tun würde. Judas hatte den freien Willen, aber Jesus hatte die Vorkenntnis.
Nirgends wird gesagt, dass Judas von Gott bestimmt war, diese Tat zu tun. Dazu können wir Apostelgeschichte 2,22-23 heranziehen. Dort spricht Petrus anlässlich seiner Pfingstpredigt über die Kreuzigung Jesu. Menschen haben Jesus ans Kreuz gebracht, und dadurch hat Gott die Erlösung geschaffen.
In diesem Zusammenhang heißt es: „Diesen übergeben nach dem bestimmten Ratsschluss und nach Vorkenntnis Gottes habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geheftet und umgebracht.“ Der Begriff „Vorkenntnis Gottes“ wird auch als „Vorherwissen“ oder „Vorsehung“ übersetzt. Im Griechischen steht hier „Prognosis“, was wir von einer Wetterprognose kennen.
Bei einer Wetterprognose legt niemand fest, wie das Wetter sein muss, sondern man erkennt, wie es voraussichtlich wird. Diese Vorherkenntnis beeinflusst jedoch nicht die natürlichen Abläufe. So ist es auch mit der Prognose Gottes: Gott weiß im Voraus, was jeder Mensch tun wird, aber der Mensch ist dadurch nicht festgelegt.
Im gleichen Zusammenhang wird auch vom bestimmten Ratschluss Gottes gesprochen. Gott wusste, dass diese Menschen in ihrer Bosheit und ihrem verdorbenen Willen seinen Sohn ans Kreuz bringen würden. Er wusste, dass Judas aus Geldliebe den Herrn verraten würde. Gott hat beschlossen, dass dies möglich sein kann.
Gott weiß nicht nur, was geschehen wird, sondern auch, was geschehen wäre. In Matthäus am Ende des Kapitels schildert Jesus die Städte Kapernaum, Horazin und Bethsaida, in denen viele Wunder geschehen sind, die ihn aber dennoch ablehnten. Er sagt: „Wehe dir, Bethsaida, Kapernaum, Horazin! Denn wenn diese Wunder früher in Tyrus geschehen wären, hätten die Menschen dort Buße getan in Sack und Asche. Ebenso wäre es in Sodom gewesen.“
Gott weiß also sogar, was geschehen wäre, wenn die Wunder in anderen Städten oder Zeiten stattgefunden hätten. Das zeigt Gottes Allwissenheit. Er kennt nicht nur den Ablauf der Weltgeschichte, sondern auch alle möglichen Alternativen.
Hier haben wir also die Vorkenntnis Gottes und seinen Ratsschluss, durch den er beschließt, dass das Geschehen möglich ist. Die jüdischen Führer in Jerusalem fassten im Sanhedrin den Entschluss: „Dieser Mann muss sterben!“ Sie überlieferten ihn den Römern zur Kreuzigung. Gott hat zugelassen, dass Judas seine Tat tun konnte.
Gott könnte auch Dinge in unserem Leben verhindern. Manchmal stirbt jemand in einem bestimmten Alter, und man fragt sich, warum Gott das zuließ. Vielleicht hat Gott diesen Menschen vor noch Schlimmerem bewahrt. Das ist Gottes Souveränität und Allwissenheit. Er kann Dinge verhindern, aber er verhindert nicht alles. Er beschließt in seiner Weisheit, was geschehen kann.
Das nimmt dem Menschen jedoch nicht die Verantwortung für seine Taten. Gott zieht den Menschen zur Rechenschaft. Augustinus, um 400 nach Christus, hat darüber spekuliert: Wird Gott Menschen auch für Sünden bestrafen, die sie getan hätten, wenn sie die Möglichkeit dazu gehabt hätten? Diese Überlegung ist nicht unbiblisch.
Im Vaterunser geht es genau darum, dass Gott seine Gottesfürchtigen bewahrt, damit sie nicht in Sünde fallen, in die sie fallen könnten. Die Frage ist: Wird Gott Menschen zur Rechenschaft ziehen für Sünden, die sie getan hätten, wenn sie die Möglichkeit bekommen hätten? Die Antwort ist eindeutig: Ja.
Ein logisches und biblisches Argument findet sich in Offenbarung 20. Dort wird das letzte Gericht nach dem Tausendjährigen Reich beschrieben. Alle Toten seit Kain, die verloren gehen, werden auferstehen und gerichtet werden.
In Offenbarung 20,12 heißt es: „Die Toten wurden gerichtet nach ihren Werken.“ Es geht also nur um das, was tatsächlich geschehen ist. Alles ist in himmlischen Büchern dokumentiert, unser ganzes Leben – auch unsere Gedankenwelt.
In Jakobus 1,13-15 wird unterschieden: Der Mensch wird nicht von Gott versucht, sondern von seiner eigenen Lust, also von dem bösen Verlangen der sündigen Natur, die wir von Adam geerbt haben. Wenn die Lust empfangen wird, gebiert sie die Sünde, und die Sünde, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.
Hier sehen wir drei Generationen: Lust, Sünde, Tod. In einem Bibelquiz könnte man fragen: Wie heißt die Großmutter des Todes? Die Antwort lautet: die Lust. Wichtig ist, dass zwischen Lust und Sünde unterschieden wird.
Als Gläubige spüren wir Tag für Tag die Gegenwart der Sünde in uns, etwa durch böse Gedanken. Dafür können wir nichts, dass sie kommen. Wenn wir diesen Gedanken aber nachgehen und Gefallen daran finden, wird daraus Gedankensünde. Von der Gedankensünde ist es dann noch ein weiterer Weg bis zur sündigen Tat.
Diese Unterscheidung ist wichtig, denn die Bibel differenziert diese drei Generationen klar in Jakobus 1,13-15. Das Gericht wird auch nach entsprechenden Gedanken erfolgen. In 1. Korinther 4 wird im positiven Zusammenhang gesagt, dass auch die Gedanken und Ratschläge des Herzens vor Gottes Thron ans Licht gebracht werden.
Dort heißt es im Blick auf die Gläubigen: „Dann wird jedem das Lob von Gott zuteilwerden.“ Für Gläubige wird es also sogar eine Belohnung für Dinge geben, die sie sich nur in Gedanken vorgenommen hatten, vielleicht aber nie umsetzen konnten.
Die biblische Lehre unterscheidet sich hier deutlich von der weltlichen Auffassung, die sagt: „Gedanken sind frei.“ Nein, es braucht eine Gedankenzucht, damit Lust nicht zur Sünde wird, weder in Gedanken noch in Tat.
Gottes Gericht beruht auf der Dokumentation aller Werke der Menschen, aber nur auf den tatsächlich vollbrachten Werken, nicht auf denen, die sie hätten tun können.
So ist es Gottes Souveränität, wenn ein Mensch sagt: „Warum hast du mich nicht schon von Mutterleib an sterben lassen? Dann hätte ich nie diese Verbrechen begangen.“ Das ist Gottes Souveränität, und der Mensch kann nicht zum Töpfer sagen: „Was machst du da?“
Wir müssen an Jesaja 55 denken, wo Gott sagt: „Meine Gedanken sind höher als eure Gedanken, so viel höher, wie der Himmel höher ist als die Erde.“ Wir wissen, dass das Weltall riesige Dimensionen hat, die wir erst ansatzweise erforscht haben. Gottes Gedanken sind weit über uns Menschen erhaben.
Wer sind wir also, dass wir Gott fragen könnten, warum er so gehandelt und nicht anders? Es ist Gottes vollkommene Weisheit.
Zurück zu Judas: Er ist keine tragische Figur in der Geschichte. Er ist ein Mensch, der vor Gott verantwortlich ist und sich bewusst entschieden hat, gegen den Herrn Jesus zu handeln. Er wird dafür zur Rechenschaft gezogen werden.
Judas war nicht einfach von Gott bestimmt. Gott wusste in seiner Vorkenntnis, dass Judas das tun würde. Deshalb konnte er seinen Propheten im Alten Testament mitteilen, dass es so kommen würde.
Einführung in Psalm 118 – Lobpreis und messianische Verheißung
Ja, noch etwas dazu, sonst machen wir jetzt zwanzig Minuten Pause. Nach diesem Nachtrag über Judas gehen wir weiter zum messianischen Psalm 118.
Zunächst lesen wir den Psalm gemeinsam:
Preist den Herrn, denn er ist gut, denn seine Gnade währt ewig. Er sagte zu Israel: Ja, seine Gnade währt ewig. Es sage das Haus Aaron: Ja, seine Gnade währt ewig. Es sagen die, die den Herrn fürchten: Ja, seine Gnade währt ewig.
Aus der Bedrängnis rief ich zu ihm, und der Herr antwortete mir in der Weite: Der Herr ist für mich, ich werde mich nicht fürchten. Was könnte ein Mensch mir tun? Der Herr ist für mich unter denen, die mir helfen. Ich werde herabsehen auf meine Hasser.
Es ist besser, sich beim Herrn zu bergen, als sich auf Menschen zu verlassen. Es ist besser, sich beim Herrn zu bergen, als sich auf Edle zu vertrauen.
Alle Nationen hatten mich umringt, doch im Namen des Herrn wehrte ich sie ab. Sie hatten mich umringt und eingeschlossen, doch im Namen des Herrn wehrte ich sie ab. Sie hatten mich umringt wie Bienen, sie sind erloschen wie Dornenfeuer. Im Namen des Herrn wehrte ich sie ab.
Hart hat man mich gestoßen, um mich zu Fall zu bringen, aber der Herr hat mir geholfen.
Meine Stärke und mein Gesang ist der Herr, er ist mir zur Rettung geworden. Klang von Jubel und Heil ist in den Zeiten der Gerechten.
Die Rechte des Herrn tut Gewaltiges, die Rechte des Herrn ist erhoben, die Rechte des Herrn tut Gewaltiges.
Ich werde nicht sterben, sondern leben und die Taten des Herrn erzählen. Hart hat er mich gezüchtigt, aber dem Tod hat er mich nicht übergeben.
Öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit, ich will durch sie eingehen und den Herrn preisen. Dies ist das Tor des Herrn, Gerechte ziehen hier ein.
Ich will dich preisen, denn du hast mich erhört und bist mir zur Rettung geworden.
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist dies geschehen. Es ist ein Wunder vor unseren Augen.
Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat. Seien wir fröhlich und freuen uns in ihm.
Ach Herr, hilf doch! Ach Herr, gib doch Gelingen!
Gesegnet sei, der kommt im Namen des Herrn! Vom Haus des Herrn aus haben wir euch gesegnet.
Der Herr ist Gott, er hat uns Licht gegeben.
Bindet das Festopfer mit Strecken bis an die Hörner des Altars.
Du bist mein Gott, ich will dich preisen, mein Gott, ich will dich erheben.
Preist den Herrn, denn er ist gut, ja, seine Gnade währt ewig.
Vielen Dank.
Der Überrest Israels in der großen Drangsal und der Messias als Eckstein
Wir sehen in diesem Psalm erneut ein Beispiel, in dem der gläubige Überrest spricht. Dieser Überrest wird durch die Nöte der großen Drangsal hindurchgehen. Dabei handelt es sich um etwa ein Drittel des jüdischen Volkes, das in dieser Zeit schließlich überleben wird.
Zwei Drittel der Bevölkerung in Israel werden in den Kriegen der großen Drangsal umkommen. Diese Drangsal dauert dreieinhalb Jahre und findet direkt vor dem Wiederkommen des Herrn Jesus als Richter und König der Welt statt.
Zum Beispiel lesen wir in Vers 10: „Alle Nationen hatten mich umringt, gewiss im Namen des Herrn vertilgte ich sie.“ So wird der Überrest in seiner Existenz bedroht werden, ebenso wie das ganze Volk Israel in der großen Drangsal. Doch schließlich wird es mit der Hilfe des Herrn einen überwältigenden Sieg erlangen.
Wir sehen also diesen Überrest, der hier spricht. Aber warum ist dieser Psalm messianisch? In Vers 22 heißt es: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.“ Dieser Vers wird im Neuen Testament vom Heiligen Geist aufgenommen und direkt auf den Herrn Jesus bezogen. Das Neue Testament macht somit klar, dass Psalm 118 ein messianischer Psalm ist.
Wir werden noch weitere Stellen finden, in denen direkt der Herr prophezeit wird. Allerdings ist es hier nicht so, wie im Psalm 22, wo der Messias im ganzen Psalm spricht. Vielmehr spricht hier überwiegend der Überrest, und in einzelnen Versen finden sich prophetische Hinweise auf den Messias, auf den Herrn Jesus.
Bereits zu Beginn der ersten Stunde habe ich diese Klärung vorgenommen: Von wem sprechen die Psalmen? Sie sprechen vom Messias. Wir hören ihn sprechen im Zusammenhang mit seinem ersten Kommen und seinem zweiten Kommen. Wir finden den gläubigen Überrest aus Israel zur Zeit seines ersten Kommens oder im Zusammenhang mit seinem ersten Kommen sowie im Zusammenhang mit seinem zweiten Kommen.
Dabei müssen wir die Psalmen nicht darauf beschränken. Diese Unterscheidung ist jedoch wichtig, um zu verstehen, was in diesem Psalm ganz direkt ausgesagt wird.
Beispiel Psalm 10 – Der Gesetzlose und der Überrest
Ich möchte vielleicht ein Beispiel geben. Schlagen wir einfach Psalm 10 auf. Liest jemand Psalm 10, Verse 1 bis 3?
Hier finden wir den Gesetzlosen, in Vers 2, also hebräisch Rascha, den Gesetzlosen oder in anderen Übersetzungen den Gottlosen. Das bezieht sich sehr direkt auf den Antichristen, diesen Menschen der Sünde, der kurz vor dem Kommen des Herrn Jesus als Richter der Welt als falscher Messias in Israel auftreten wird und die Masse verführen wird.
Das ist der Gesetzlose, so wird er auch genannt in 2. Thessalonicher 2, Vers 8, der Gesetzlose, der Mensch der Sünde. Hier sehen wir also den Überrest, der von diesem Gesetzlosen, vom Antichristen, verfolgt wird. Der Überrest spricht in Vers 1 von den Zeiten der Drangsal, durch die sie hindurchgehen müssen.
Wenn wir erkennen, was das in prophetischer Hinsicht bedeutet, darf uns das nicht davon abhalten, uns zu fragen, was das für uns bedeutet. Die Psalmen waren immer dazu da, um den Gläubigen, die durch ähnliche Situationen hindurchgehen, ganz direkten Trost zu geben. Denn zu allen Zeiten kann der Gläubige erleben, wie Gesetzlose sich gegen ihn wenden.
Zu allen Zeiten kann der Gläubige erleben, wie er durch Zeiten der Drangsal hindurchgehen muss. Das ist natürlich nicht die große Drangsal, aber die Parallelen sind ganz direkt. So gab das Buch der Psalmen den Erlösten, den Gläubigen zu allen Zeiten Trost, und zwar direkten Trost.
Das schwächt also nichts ab, wenn wir sagen, Psalm 10 bezieht sich eigentlich in der direkten Auslegung speziell auf die große Drangsal vor der Wiederkunft des Herrn Jesus. Aber in der Anwendung bezieht sich das auf alle Zeiten. So können wir das auf alle Zeiten anwenden.
Die Erlösten im Alten Testament haben mit den Psalmen gewaltigen Trost erlebt und konnten in so vielen Psalmworten direkt ihre Empfindungen und Gefühle ausdrücken und vor Gott bringen. Das gilt auch für die ganze Geschichte der Kirche in den vergangenen 2000 Jahren.
Die Erlösten in allen Jahrhunderten konnten immer wieder direkten Trost aus diesem Buch schöpfen, weil es genau ihre Gefühle, ihre Empfindungen, ihre Nöte und auch ihr Schreien zu Gott ausdrückte.
Anwendung der Psalmen auf das Leben der Gläubigen heute
Nehmen wir mal Hebräer 13 dazu. Dann sehen wir, wie das Neue Testament die Psalmen ganz direkt auf uns anwendet. Hebräer 13: Kann jemand die Verse 5 und 6 vorlesen? Jawohl. Jetzt die Frage: Woher kommt dieses Wort „Der Herr ist mein Helfer, ich will mich nicht fürchten, was wird mir ein Mensch tun?“ Ja, laut! Nein, ganz wörtlich: „Der Herr ist mein Helfer.“
Psalm 118, Vers 6 hatten wir doch gerade vorhin. Wir haben vorhin gelesen, Vers 6: „Der Herr ist für mich, ich werde mich nicht fürchten, was sollte der Mensch mir tun?“ Das ist ein Zitat aus Psalm 118. Der Hebräerbrief erklärt nun, dass wir kühn sagen können: Sehen wir also, wie Psalm 118, obwohl es sich auf den Überrest bezieht, der von den umgebenden Nationen bedroht wird, die Israel ausrotten wollen, vom Hebräerbrief direkt auf uns bezogen wird.
Wir können so sprechen wie der Überrest. Diese Unterscheidung zwischen Auslegung und Anwendung ist wichtig, damit wir nicht alles durcheinanderbringen. Wir müssen sagen: Auslegung ist die Erklärung, was der Text direkt bedeutet. Anwendung ist, wenn der Text auf eine bestimmte, ähnlich gelagerte Situation übertragen wird. Das ist keine Abschwächung, also das Bibelwort verliert dadurch nicht an Kraft.
So müssen wir die Psalmen lesen und auch direkt auf unser Leben übertragen, obwohl wir immer im Hinterkopf behalten, dass sich das Wort oft auf Israel bezieht und auf eine bestimmte Zeit. Dennoch hat das Wort Gottes immer seine volle moralische Kraft für unser Herz. Wir können uns auf diese Verse ganz für uns stützen und kühn sagen: „Der Herr ist mein Helfer, ich will mich nicht fürchten, was wird mir ein Mensch tun?“
Übrigens, wenn wir gerade bei Hebräer 13 sind: Woher kommt denn dieses Wort „Ich will dich nicht verachten, noch dich versäumen, noch dich verlassen“? Gerade davor steht Josua 1, Vers 5. Wenn wir dort nachschlagen, sehen wir, dass Gott das zu Josua gesprochen hat, bevor er das Land eroberte.
Hier wird gesagt, dass dieses Wort direkt auf uns bezogen wird. Also: „Begnügt euch mit dem, was vorhanden ist. Keine Geldliebe.“ Wir haben einen Herrn, der uns versprochen hat, uns nicht zu versäumen, uns nicht zu verlassen. Könnte jemand sagen: „Das hat Gott Josua gesagt.“ Ja, natürlich hat er das Josua gesagt. Aber das Wort Gottes hat eine so starke moralische Kraft, dass der Herr es auch uns sagen will.
Obwohl wir nicht gerade dabei sind, das verheißene Land einzunehmen, stehen wir vor Aufgaben, die Gott uns gegeben hat und die uns vielleicht zu groß erscheinen. Dann dürfen wir uns auf dieses Wort berufen. Dabei müssen wir natürlich bedenken: Gott hat Josua auch gesagt, er solle über das Wort Gottes Tag und Nacht nachdenken, danach handeln und nicht davon abweichen, weder nach rechts noch nach links. Das gehört natürlich mit dazu.
So müssen wir sagen: In der Auslegung bezieht sich Josua 1, Vers 5 auf Josua, aber in der Anwendung auf uns Gläubige. Diese Unterscheidung von Auslegung und Anwendung ist darum so wichtig, weil es natürlich Verse gibt, die wir jetzt nicht anwenden können. Wenn wir mit dem Licht des Neuen Testaments schauen, sehen wir: Nein, das können wir jetzt nicht auf die Gemeinde übertragen.
Zum Beispiel 5. Mose 28. Dort sagt Gott: Wenn ihr treu das Wort beobachtet und einhaltet, dann werde ich euch segnen. Es werden irdische Segnungen aufgezählt: Im Stall wird es gut gehen, auf dem Feld wird es gut gehen, Gott wird vor Krankheit bewahren und viele andere irdische Segnungen geben.
Das Neue Testament zeigt uns jedoch: Wir, die wir zur Gemeinde gehören, haben keine Zusage für irdischen Segen. Die Gemeinde hat vor allem den himmlischen Segen. Epheser 1, Vers 3: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern.“
Aber wir haben nirgends einen Vers, der uns sagt, dass Gott uns mit jeder irdischen Segnung gesegnet hat. Nun, wir können gerade in unserer heutigen Zeit und hier in Europa sagen: Wir haben gewaltigen irdischen Segen. Ja, gut, aber das war nicht verheißen. Wenn Gott uns das gegeben hat, dann ist das ein Supplement, also eine Zusatzgabe, die eigentlich gar nicht in der Verheißung Gottes drin ist.
Wir dürfen sie dankbar aus der Hand Gottes nehmen, aber sind dann natürlich auch gefordert, damit richtig umzugehen, als gute Verwalter Gottes. Wir dürfen uns nicht in diesen Dingen verlieren oder unser Herz daran binden. Aber das ist nicht die Verheißung Gottes an uns.
Wenn Gläubige krank werden und durch schwere Schicksalsschläge gehen, heißt das nicht automatisch, dass sie untreu waren. Denn diese irdischen Verheißungen waren typische Verheißungen, die Gott seinem irdischen Volk gegeben hat. Genauso hat Gott seinem himmlischen Volk typischerweise die himmlischen Segnungen gegeben.
Das ist ein richtiger Unterschied: Das Irdische ist vergänglich, während das Himmlische bleibt. Ich will damit eben zeigen, wie wichtig es ist, immer die Unterscheidung zwischen Auslegung und Anwendung zu machen. Bei der Anwendung muss man immer beachten, ob es in Übereinstimmung mit dem steht, was das Neue Testament für die Gemeinde lehrt.
Wenn wir diese Unterscheidung nicht machen, haben wir hinterher den ganzen Salat und das Durcheinander, das wir in der Christenheit sehen. Da wird gesagt: „Eigentlich sollten Christen, wenn sie treu sind, kein Rost am Auto haben, dann sollte es ihnen gut gehen.“ In der dritten Welt rennen viele solchen Predigern nach, die nichts anderes kennen als Armut.
Plötzlich kommen amerikanische oder deutsche Prediger und sagen: „Gott will, dass es uns gut geht, Gott will den Wohlstand.“ Das ist nichts anderes als Verführung und Ehrlehre. Dann kommen sie mit Bibelstellen, die das so sagen. Ja, klar steht es so. Aber wem sagt das Gott? Israel, jawohl, und nicht der Gemeinde.
Das dürfen wir nicht einfach so übertragen. Wir müssen mit Bedacht sehen, was die Auslegung des Textes ist und dann die Anwendung im Rahmen und im Licht des Neuen Testaments. Wenn das Neue Testament es so auf uns bezieht, dann können wir von ganzem Herzen kühn sagen: „Der Herr ist mein Helfer, was sollte der Mensch mir tun?“
Gut, gehen wir zurück zu Psalm 118. Das war nur ein kleiner Exkurs.
Bedeutung des Namens Jahwe und Lobpreis im Psalm 118
Genau, welchen Vers meinen Sie jetzt? Das ist also eine Kurzform von Yahweh. Yahweh heißt „der Ewigseiende“ oder „der Unwandelbare“. Diese Kurzform kommt einige Male in poetischen Texten des Alten Testaments vor, aber nicht zum ersten Mal hier. Sie taucht schon vorher auf. Übrigens steht jedes Mal, wo sie vorkommt, „Halleluja“. Das sind eigentlich zwei Wörter.
Zum Beispiel sieht man in Psalm 111 in der Überschrift, dass „Halleluja“ oft mit „Lobet den Herrn“ übersetzt wird. Im hebräischen Text steht jedoch „Halleluja“, das sind zwei Wörter: „Hallelu“ heißt „Lobet“, die Befehlsform von „Halal“ – also „Lobet!“. Und ja, das ist dann die Kurzform von Jahwe. Das „H“ sollte hörbar sein: „Halleluja“. Ebenso sollte man „Jahwe“ mit einem hörbaren „H“ aussprechen, nicht mit einem „Ch“. Manche sagen „Jahwe“ mit stummem „H“, das ist falsch. Es heißt „Jahweh“, also mit hörbarem „H“.
Aber wenn man es falsch ausspricht, ist das nicht so wichtig. Wichtig ist, dass man weiß, was es bedeutet.
Nun sehen wir also den Überrest in der Not, der Drangsal, und wie Gott ihn befreit. Der Überrest sagt in Vers 14: „Meine Stärke und mein Gesang ist Jahwe. Und er ist mir zur Rettung geworden.“ Gott rettet den Überrest und wird ihm zum Retter. Von diesem Retter ist auch in Vers 22 die Rede. Liest jemand Vers 22 vor? Jawohl.
Der Messias wird hier als Eckstein oder einfach als „der Stein“ genannt. Bevor wir näher auf die Bedeutung eingehen, eine Erklärung zum Ausdruck „Bauleute“: Zur Zeit des Herrn Jesus nannten die Rabbiner im Hebräischen beziehungsweise im Aramäischen die Bibellehrer „Bauleute“. Darum musste man diesen Vers zur Zeit Jesu so verstehen: Der Stein, den die Bibellehrer, also die Rabbiner, verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.
Wenn vom Eckstein die Rede ist, müssen wir uns fragen: Was bedeutet ein Eckstein? Das ist uns heute in der modernen Architektur nicht mehr so geläufig. Wie war das in der Antike? Ein Eckstein ist ein tragender Stein, der an einer bestimmten Stelle im Bauwerk sitzt. Das wäre nicht der Schlussstein, den wir in Sacharja 4 finden, sondern etwas anderes.
Der Eckstein ist eigentlich der erste Baustein, der auf das Fundament gelegt wird. Das Fundament sollte ein Felsfundament sein. Durch seine Position gibt der Eckstein zwei Mauerlinien vor. So ist er der wichtigste Stein, denn er legt alles Weitere fest.
In Jesaja 28 finden wir nochmals eine Stelle über den Messias als Eckstein, Jesaja 28,16. Auch die Rabbiner im Altertum bezogen diese Stelle auf den Messias. Sie sagten: „Dieser Eckstein ist der Messias.“ Wer liest Jesaja 28,16? Jawohl.
Hier wird der Messias wieder als Stein genannt, allerdings als ein Stein in Zion. Was ist Zion? Zion ist Jerusalem, aber genauer: Zion bezeichnet den Tempelberg in Jerusalem. Auf seinem Südabhang war ursprünglich das Städtchen Salem, auf dem Jerusalem gebaut wurde. Diese Stadt eroberte David und nannte sie „Davids Stadt“. Von dort aus baute Salomo die Stadt bis auf die Bergspitze aus und errichtete dort den ersten Tempel.
In der Zeit der Könige wuchs Jerusalem nach Westen und auf die Nachbarhügel hinaus. So wuchs Jerusalem. Im Alten Testament wird „Zion“ dann als Ersatzname für Jerusalem verwendet. Ursprünglich bezeichnete der Name den Tempelberg, auf dessen Südabhang die kleine Stadt Jerusalem lag. Im erweiterten Sinn steht „Zion“ für die ganze Stadt Jerusalem, auch in ihrer späteren Vergrößerung.
Das ist ein Beispiel für „pars pro toto“ in der lateinischen Poesie: Ein Teil steht für das Ganze. Zum Beispiel bezeichnet der Ausdruck „Schiffsbug“ das ganze Schiff. Oder „unter den Balken kommen“ – der Hausbalken steht für das ganze Haus. So steht Zion, der Tempelberg, für ganz Jerusalem.
Wichtig ist die Aussage: „Siehe, ich gründe einen Stein in Zion.“ Das heißt: Ein Stein im Zusammenhang mit dem Tempelberg. Dieser Stein wird weiter beschrieben als ein bewährter Stein, also wörtlich ein Stein der Bewährung, ein Stein, der sich wirklich eignet. Gestein kann zu schwach oder zu weich sein. Zum Beispiel war Golgatha ein Steinbruch außerhalb der Tore Jerusalems. Dort gab es einen etwa zwölf Meter hohen Felsen, der zu weich war, um als Baumaterial verwendet zu werden.
Diesen Steinbruch gab man auf, und die Römer machten daraus eine Kreuzigungsstätte. Ein Stein der Bewährung ist also ein Stein, der wirklich als Baustein dienlich ist. Weiter heißt es, es sei ein kostbarer Eckstein. Das zeigt den besonderen Wert dieses Steines. Außerdem steht bei mir noch „Grundstein“. Genau, wohl gegründet. Im Hebräischen heißt es wörtlich: ein Stein fester Gründung.
Das heißt, dieser Stein ist gleichzeitig ein Fundament. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise ist der Eckstein der erste Stein, der auf das Fundament gelegt wird. Hier aber ist dieser Stein auch das Fundament. Wie geht das?
Genau so war es beim Tempel Salomos und natürlich auch beim zweiten Tempel. Die Bergspitze, auf der Salomo das Allerheiligste baute, ist identisch mit dem massiven Felsblock im heutigen Felsendom auf dem Tempelplatz. Dort haben die Muslime einen Dom rundherum gebaut. Das ist der höchste Punkt des Berges.
Man sieht heute noch die Spur, wo die Südmauer auflag. Diese Zone ist etwa drei Meter fünfzehn breit. Das Fundament wurde dort künstlich abgeflacht, wie es im Altertum üblich war. Die Stelle auf dem Felsfundament, auf der die Steine aufliegen sollten, wurde vorher bearbeitet.
Nach der Beschreibung in 1. Könige wird gesagt, dass die Dicke der Mauern des Allerheiligsten sechs Ellen betrug. Die Königselle misst 52,5 cm. Sechs Ellen ergeben also 3,15 Meter. Man sieht heute keine weitere Spur mehr auf dem Felsen.
Man kann sich aber überlegen: Im Süden liegt die Mauer auf dem Felsen. Im Westen hat der Fels eine scharfe natürliche Kante. Es könnte sein, dass die Mauer entlang dieser Kante gebaut wurde, und im Norden gibt es ebenfalls eine scharfe Kante. Das ist möglich.
Wenn man das so auf einem Plan einzeichnet, ergibt sich ein Abstand von der Südmauer bis zur hypothetischen Nordmauer von zwanzig Königsellen. Das ist genau das Maß für das Allerheiligste in 1. Könige – ein Quadrat von zwanzig mal zwanzig Ellen. Dieses Quadrat kann man auf dem Felsen einzeichnen.
Dabei fällt eine Vertiefung auf, etwa 130 Zentimeter lang. Was ist das? Das ist die Vertiefung für die Bundeslade. In 1. Könige 8 lesen wir, dass Salomo das Allerheiligste als Ort zubereitet hat, um die Lade des Bundes dort aufzustellen. Diese Vertiefung ist heute noch sichtbar.
Leider darf man seit dem Jahr 2000 nicht mehr in den Dom hinein, aber ich habe sie gesehen. Die Bundeslade hat eine Grundlänge von zweieinhalb Ellen, das entspricht 131 Zentimetern. Das ist also das Allerheiligste.
Jetzt sehen wir: Dieser Fels ist das Fundament, denn die Südmauer ist darauf aufgebaut. Gleichzeitig ist er der Eckstein, denn die Mauerlinie im Westen wurde parallel zur natürlichen Kante gebaut, ebenso im Norden.
Außerdem fällt auf: Die Ostmauer des Tempelplatzes, wo auch das Goldene Tor ist, verläuft parallel zur Westkante des Felsens. Offensichtlich wurde die Ostmauer, die als einzige der äußeren Mauern seit Salomo nie ihre Richtung geändert hat, immer beibehalten. Alle anderen Mauern wurden später erweitert oder versetzt.
Die Ostmauer blieb gleich, weil das Kidrontal nicht aufgefüllt werden konnte, um die Mauerlinie nach Osten zu erweitern. Das heißt, alle übrigen Mauern wurden nach dem Felsen ausgerichtet. So war der Eckstein wirklich der Normstein für die ganze Architektur.
Interessant ist nun folgendes: Wenn man vom höchsten Punkt des Tempelbergs, des Berges Zion, eine Linie im rechten Winkel zur Ostmauer zieht, die seit Salomo ihre Richtung nie geändert hat und parallel zur Westkante des Felsens verläuft, gelangt man zum höchsten Punkt des Ölbergs.
Dort stand der Altar für die „Rote Kuh“ nach 4. Mose 19. Mit diesem Opfer wurde die Grundlage gelegt, dass man den Priesterdienst in Jerusalem tun konnte.
So sind also der höchste Punkt des Ölbergs mit dem Altar der roten Kuh und der höchste Punkt des Tempelbergs durch eine Linie verbunden, die im rechten Winkel zur Ostmauer verläuft und durch den Eckstein bestimmt wird. Das ist fantastisch, nicht wahr?
Ich war vor kurzem oben auf der Auffahrtskirche. Sie ist 60 Meter hoch, bis zur Spitze. Ich bin ganz hinaufgegangen. Es war ziemlich dramatisch, wie ich es geschafft habe, dort hochzukommen. Ich habe etwa fünf- bis sechsmal gefragt, immer jemand anders. Schließlich hat es geklappt, weil die App-Dienerin außer Haus war, sie war auf dem Markt und konnte nichts dazu sagen.
Oben hatte ich natürlich genau diese Linie zum Felsendom, wo das Tempelhaus war, das Allerheiligste, und zur Treppe, die man dort sieht, wo ursprünglich der Tempelchor vor dem Tempelhaus gesungen hat. Alles liegt in einer Linie, schön.
Jesaja 28 nimmt also wörtlich Bezug auf diesen ganz besonderen Eckstein des Tempels. Das wird zum Bild für den Herrn Jesus.
Wir fahren nächstes Mal weiter, denn dann sehen wir, dass der Stein, den die Bauleute verworfen haben, bedeutet, dass die Rabbiner den Messias verworfen haben. Dadurch wurde er zum Ausgangsstein für ein ganz neues Gebäude.
Dieses Gebäude hatte der Herr Jesus in Matthäus angekündigt, als er zu Petrus sagte: „Auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.“ Hier ist der Herr Jesus der Eckstein der Gemeinde, die entstehen konnte, nachdem die führenden Juden in Jerusalem den Messias verworfen hatten.
Abschluss mit Psalm 118, Vers 23 und Gebet
Und vielleicht zum Schluss wollen wir in diesem Zusammenhang noch Psalm 118, Vers 23 lesen. Wer liest?
Das können wir jetzt wieder mit dem verbinden, was wir in Apostelgeschichte 2 gelesen haben. Petrus sagt, dass Jesus durch die Vorkenntnis Gottes und nach dem bestimmten Ratschluss Gottes von euch Gesetzlosen überliefert wurde, um ihn zu kreuzigen.
Gott hat also beschlossen: So soll es geschehen. Der Messias wird verworfen werden, aber dann werde ich etwas ganz Neues machen – die Gemeinde. Der Vers sagt: Von dem Herrn aus ist dies geschehen. Wunderbar ist es in unseren Augen.
Dieses Wunder besteht darin, dass einerseits das irdische Volk, also die verantwortlichen Führer, den Messias verworfen hat. Andererseits hat Gott das Geheimnis und das Wunder der Gemeinde realisiert und umgesetzt. Davon wollen wir beim nächsten Mal mehr hören.
Das heißt, beim nächsten Mal, wenn wir mit den messianischen Psalmen weitermachen, wird Petrus vielleicht nochmals kurz erklären, was in der nächsten Bibelklasse geschehen wird.
Wir wollen noch zum Schluss beten: Herr Jesus, du bist mit niemandem zu vergleichen, und wir sind dir so dankbar, dass du gekommen bist und alle diese Verheißungen und Voraussagen über den Erlöser erfüllt hast.
Du bist dieser Stein, und du ließest dich von den Bauleuten verwerfen. Nun hast du etwas Wunderbares und Neues geschaffen – die Gemeinde. Wir, die wir dir angehören, dürfen Teil dieses Gebäudes sein, in dem du selbst der Eckstein bist, der alle Vorgaben gibt.
So bitten wir dich, dass du uns hilfst, uns wirklich nach dir und deinen Normen auszurichten – nicht nach menschlicher Phantasie und menschlicher Meinung, sondern nach dem, was dir und deinem Wort entspricht.
Wir danken dir für diesen Nachmittag. Wir danken dir, dass wir dich in deinem Wort wieder neu finden durften. Amen.
