
Wir fahren weiter, und zwar in Matthäus 26, wo wir die Verse 57 und 58 lesen. Christian, bitte.
„Die aber Jesus gegriffen hatten, führten ihn weg zu Kaiphas, dem Hohen Priester, wo die Schriftgelehrten und die Ältesten versammelt waren. Petrus aber folgte ihm von weitem bis zu dem Hof des Hohen Priesters und ging hinein und setzte sich zu den Dienern, um den Ausgang zu sehen.“
Danke!
Wir kommen jetzt zu dem Prozess, der verschiedene Phasen umfasst. Wie viele Phasen gab es in diesem Prozess? Sechs, wie aus einem Maschinengewehr.
Diese sechs Phasen kannst du aufteilen in drei jüdische und drei heidnische Phasen. Die siebte Phase war dann Golgatha, die Ausführung dessen, was in dem Prozess entschieden wurde.
Ja, das ist dann die siebte Phase am Kreuz.
Die drei jüdischen Phasen waren zunächst bei dem Hohenpriester Annas, also dem nicht mehr amtierenden Hohenpriester. Diese Phase wird nur im Johannesevangelium berichtet.
Nach dieser Phase wurde das Ganze in den Palast von Kajafas verlegt und danach in den Sanhedrin. Dieser befand sich in der Königin-Säulen-Halle, der Südhalle des Tempelplatzes, genau in der Südostecke.
Warum sind sie nicht sofort in den Sanhedrin gegangen? Es gab ein rabbinisches Gesetz, das es verbot, offizielle Prozesse in der Nacht zu führen. Diese mussten am Tag stattfinden. Da Judas die Situation jedoch beschleunigte, musste alles schnell gehen. Deshalb entschieden sie, den Prozess zunächst nicht offiziell im Sanhedrin, also im Tempel in der Königin-Säulen-Halle, durchzuführen. Stattdessen fand die erste Phase in einem Privathaus statt. Das war kein offizieller Prozess, sondern eine Vorbereitung, damit beim offiziellen Prozess später alles schnell abgewickelt werden konnte.
Warum sind sie zu Annas gegangen? Man muss sich das vor Augen halten: Jesus hatte zu Beginn seines Dienstes in Johannes 2 die königliche Säulenhalle geräumt. Er sagte: „Macht nicht das Haus meines Vaters zu einem Kaufhaus.“ Im Talmud wird diese königliche Säulenhalle „Chanut“ genannt, was Kaufhaus bedeutet. Dort durften auch Nichtjuden beten, doch dieser Bereich wurde ständig durch den Marktbetrieb gestört.
Der Talmud erwähnt diesen Marktbetrieb und verwendet dafür den Begriff „Bazar von Hannas“ oder „Annas“. Offensichtlich war der Hohepriester in diesen Verkauf involviert. Jesus hatte damals die Tische umgeworfen.
Ganz am Ende seines Dienstes, nämlich in der Passionswoche am Montag, räumte er nochmals die königliche Säulenhalle. Er schickte die Verkäufer hinaus und warf erneut die Tische um. Das zeigt eine persönliche Feindschaft von Hannas gegenüber Jesus.
So gab es zuerst eine Phase bei Annas zu Hause, dann die nächste bei dem amtierenden Hohenpriester Kajafas. Sobald die Sonne aufging, versammelten sie sich im Sanhedrin, damit der Prozess am Tag stattfinden konnte, wie die Evangelien deutlich machen.
Ich habe ein Blatt ausgeteilt. Diejenigen, die über den Livestream zugeschaltet sind, können den Link unten – aus meiner Sicht rechts, vom Betrachter links – anklicken und so das Skript erhalten.
Es geht um 21 Gesetzesbrüche in diesem Prozess, und zwar Gesetzesbrüche gegen Bestimmungen der Bibel, des Alten Testaments sowie der rabbinischen Literatur.
Das beginnt schon, wenn man das Blatt zur Hand nimmt: Man durfte keine Bestechung zulassen. Doch das Ganze begann mit der Bestechung von Judas. Ihm wurden dreißig Silberlinge versprochen, wenn er auf hinterhältige Weise Jesus von Nazaret verraten würde. In 2. Mose 23,8 und 5. Mose 16,19 wird klargemacht, dass Bestechung ein No-Go ist und überhaupt nicht erlaubt. Aber so hat es begonnen, wie wir in Matthäus 26,14-16 bereits betrachtet haben.
Ein zweites Prinzip besagt, dass ein Prozess nur im Tempel durchgeführt werden darf. Das findet man im babylonischen Talmud (bt), da dort die großen babylonischen Rabbiner eine wichtige Rolle spielten. Der babylonische Talmud ist der verbindliche Talmud im Judentum.
Im Jahr 70 wurde Jerusalem durch die Römer zerstört, und unzählige Juden flohen, möglichst aus dem römischen Reich hinaus. Viele gingen in den heutigen Irak, nach Babylonien. Auch im Zweiten Krieg der Römer gegen die Juden von 132 bis 135 flüchteten insgesamt Hunderttausende Juden dorthin. Dort entwickelte sich die wichtigste rabbinische Gelehrsamkeit des Mittelalters. Deshalb ist der babylonische Talmud der Talmud.
Im babylonischen Talmud, Abu Dazara 8b und im Traktat Sanhedrin 11,2 heißt es, dass Prozesse nur im Tempel durchgeführt werden durften. Das konnten sie aber nicht, weil es nachts war. Deshalb gingen sie quasi inoffiziell in Privathäuser, doch der eigentliche Prozess wurde dort durchgeführt, und das Todesurteil fiel ebenfalls dort. Das war nur eine Farce. Damit wurde das zweite Gesetz auf dem Blatt gebrochen.
Weiterhin durfte der Prozess nur am Tag, nicht in der Nacht oder nach Sonnenuntergang, stattfinden. Damit wurde das Gesetz aus Sanhedrin 4,2 verletzt.
Der vierte Punkt besagt, dass kein Prozess vor dem Morgenbrandopfer durchgeführt werden durfte. Dieses Opfer wurde um die dritte Stunde dargebracht, also etwa um neun Uhr morgens. Das steht ebenfalls im babylonischen Talmud, Sanhedrin 4,2. Die dritte Stunde entspricht neun Uhr morgens. Doch die Verhandlung fand gerade bei Sonnenaufgang statt. Um sicherzugehen, dass Tag war, gingen sie in das Synedrium im Tempel. Auch das war illegal, denn es war noch vor dem Morgenbrandopfer um neun Uhr. Auch dieses Gesetz wurde gebrochen.
Weiterhin darf der Schuldspruch erst am Folgetag gefällt werden. Die Evangelien zeigen jedoch, dass der Prozess und der Schuldspruch nachts außerhalb des Tempels stattfanden – alles am fünfzehnten Nissan. Das war ein Freitag, immer noch vom Vorabend her. Der fünfzehnte Nissan ist der Tag, an dem man abends das Passalam isst. An genau diesem Tag wurde Jesus, das wahre Passalam, gekreuzigt. Sie haben also nicht den Folgetag abgewartet.
Das sechste Prinzip besagt, dass es kein schnelles Vorgehen geben darf. Das findet man bei einem der größten Rabbiner des Judentums, Mosche ben Maimon, in seinem Buch über Sanhedrin, Kapitel 27. Doch wir werden sehen, dass es ein kurzer Prozess war.
Das siebte Gesetz besagt, dass der Beschluss nicht vor einem Festtag gefasst werden darf. Das steht im babylonischen Talmud, Sanhedrin 4,1. Der fünfzehnte Nissan war jedoch selbst ein Festtag, das Pessach, und lag direkt vor dem Schabbat, der folgte. Der nächste Tag war ein Wochensabbat. Vor einem Festtag darf man keinen Beschluss fassen. Doch genau das haben sie getan und damit dieses Gesetz gebrochen.
Hätte man alles anders organisiert, wäre das nicht passiert. Aber weil Jesus an diesem Passabend Judas mit zwei Zeichen entlarvt hatte, gerieten sie in Zugzwang und handelten überstürzt. Eins nach dem anderen ging schief, das muss man so sehen.
Weiterhin darf eine Hinrichtung nicht an einem Festtag ausgeführt werden. Das findet man im babylonischen Talmud, Sanhedrin 35a. Die Hinrichtung fand jedoch am Pessach, am Freitag, den fünfzehnten Nissan, statt.
Punkt neun: Man muss mit Entlastungszeugen beginnen. Das steht im babylonischen Talmud, Sanhedrin 4,1 und 33a. Doch wir werden gleich sehen, dass es überhaupt keine Entlastungszeugen gab.
Ja, jetzt schauen wir uns das genau an. Vers 59 liest uns Christian bis 68 vor:
Die Hohenpriester und der ganze Hohe Rat suchten falsches Zeugnis gegen Jesus, um ihn zu Tode zu bringen. Sie fanden jedoch keines, obwohl viele falsche Zeugen herzutreten versuchten. Zuletzt traten zwei falsche Zeugen herbei und sagten: „Dieser sagte, ich kann den Tempel Gottes abbrechen und ihn in drei Tagen wieder aufbauen.“
Der Hohepriester stand auf und sprach zu ihm: „Antwortest du nichts? Was sagen diese gegen dich?“ Jesus aber schwieg. Darauf sagte der Hohepriester zu ihm: „Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes.“
Jesus antwortete ihm: „Du hast es gesagt. Doch ich sage euch: Von nun an werdet ihr den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen auf den Wolken des Himmels.“
Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: „Er hat gelästert! Was brauchen wir noch Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Lästerung gehört. Was meint ihr?“ Sie antworteten: „Er ist des Todes schuldig.“
Dann spien sie ihm ins Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten. Einige schlugen ihn ins Gesicht und sprachen: „Weissage uns, Christus, wer ist es, der dich schlug?“
Danke, es ist ganz knapp und kurz beschrieben, aber diese Konzentration ist bemerkenswert. Da müssen die liberalen Theologen enttäuscht werden. So etwas kann nicht irgendjemand am Schreibtisch erfunden haben, der weit von den Ereignissen entfernt war. Alles, was wir da haben, ist ein so fokussiert ausgewähltes Konzentrat. Nicht wahr?
Wir haben zuerst in Vers 58 gesehen, dass Petrus, der ja auch geflohen war, nun wieder Mut fasste. Er folgte Jesus von weitem bis zu dem Hof des Hohenpriesters und ging dann sogar hinein.
Im Johannesevangelium, in der Parallelstelle, sehen wir, dass auch Johannes hineinging. Er hatte eine Beziehung zur hohnpriestlichen Familie, deshalb war es ihm möglich, und er ermöglichte es auch Petrus, in den Vorhof zu gelangen. Doch damit betrat er ein gefährliches Terrain, auf dem der Glaube von Petrus schwer geprüft wurde. In dieser Prüfung versagte er völlig.
Der Herr hat jedoch einen Plan damit, das wissen wir und haben es bereits betrachtet, daher wiederhole ich es nicht. Schauen wir uns an, warum sie hineingehen wollen: Es steht ein Prozess bevor. Was muss beim Prozess im Judentum zuerst geschehen? Das ist Punkt zehn auf dem Blatt: Zeugen zugunsten des Angeklagten müssen aufgerufen werden (vgl. Babylonischer Talmud, Sanhedrin 4,1 und 33a). So müsste der Prozess beginnen, doch es müssen auch Zeugen anwesend sein.
Darum war es für Johannes wichtig, dass Petrus auch hineinkommt. Ein einzelner Zeuge kann nicht vor Gericht aussagen, sagt 5. Mose 19, Vers 15. Mindestens zwei, besser drei Zeugen sind erforderlich. Die Zeugen waren bereit, wurden aber nicht aufgerufen. Sie blieben draußen und wurden nicht in den Palast hineingelassen.
Es gab noch einen Kontakt zwischen Petrus und dem Herrn. Doch zu diesem Zeitpunkt war der Prozess bereits vorbei. In Lukas 22, als der Prozess beendet war und das Todesurteil von Kajaphas gefällt worden war, öffnete sich die Tür. Die Augen des Herrn Jesus trafen die Augen von Petrus, nachdem dieser ihn dreimal verleugnet hatte. Danach ging Petrus weinend weg.
Das ist schon dramatisch: Der Herr in der größten Bedrängnis, doch sein Herz ist immer für Petrus zugänglich. Das müssen wir sehen. Es ist sehr dramatisch, dass nur angedeutet wird, dass Petrus in den Vorhof ging. Das hat aber eine ganz besondere Bedeutung vor dem jüdischen Hintergrund: Zuerst müssen Zeugen, die etwas Positives aussagen könnten, aufgerufen werden.
Offensichtlich war Nikodemus im Sanhedrin nicht dabei. Nikodemus war einer der Obersten (Johannes 3,1). Er war ein Oberster, der nachts zu Jesus kam. Jesus sprach mit ihm über die Wiedergeburt, was schließlich das Herz von Nikodemus öffnete, sodass er an den Messias glaubte. Doch bei diesem Prozess war er nicht anwesend. Man wusste natürlich, dass man ihn nicht hineinlassen würde, wenn es schnell gehen musste. Alles war überstürzt.
Es heißt, das ganze Synedrium sei versammelt gewesen (Vers 59). Das bedeutet nicht alle einundsiebzig Mitglieder, sondern mindestens dreiundzwanzig, die für den Prozess notwendig waren. Nicht alle einundsiebzig, aber alle, die anwesend waren, suchten falsches Zeugnis. Das macht klar, dass Nikodemus nicht dabei war. Auch Joseph von Arimathäa, ein Ratsmann und einer der höchsten Priester, war nicht anwesend.
So waren eigentlich nur solche Personen anwesend, die gegen den Herrn waren. Das war natürlich ein abgekartetes Spiel. Alles wurde in dieser Nacht schnell entschieden, nachdem Judas unerwartet das getan hatte, was Jesus ihm noch schnell gesagt hatte: „Was du tust, tue schnell.“ Die Nacht verging.
So kam es, dass in Vers 59 die führenden Priester und das Synedrium falsches Zeugnis gegen Jesus suchten, um ihn zu Tode zu bringen. Nicht die positiven Zeugen, sondern nur schlechte Zeugen wurden gesucht. Doch weil alles so übereilt war, waren sie völlig überfordert und nicht organisiert. Die Zeugen wurden nicht zusammengebracht.
Sie fanden keinen, obwohl viele falsche Zeugen herzutreten versuchten. Schließlich traten zwei herzu und sagten: „Dieser sagte: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und ihn in drei Tagen aufbauen.“
Wenn man das mit Markus 14,58 vergleicht, können wir das kurz nachschlagen. Dort sehen wir, wie eindrücklich die Evangelien einander ergänzen. Markus 14,58 lautet: „Wir würden Ihnen sagen: Ich werde diesen Tempel, der mit Händen gemacht ist, abbrechen, und in drei Tagen werde ich einen anderen aufbauen, der nicht mit Händen gemacht ist. Jesus von Nazareth hat gesagt: Ich werde diesen Tempel abbrechen.“
In Matthäus 26 wird gesagt: „Ich kann den Tempel Gottes abbrechen.“ Nun schauen wir auf dem Blatt Punkt 11: Die Richter müssen bei einem Prozess um Leben und Tod traurig sein, wenig essen und keinen Wein trinken. So steht es im babylonischen Talmud Sanhedrin 5.
Aber in Markus 14,11 lesen wir: „Sie aber freuten sich, als sie es hörten, als Judas kam, um den Verrat anzukündigen, und versprachen, ihm Geld zu geben, und er suchte, wie er ihn zu gelegener Zeit überliefern könnte.“ Also haben sie sich sogar über diesen Prozess gefreut. Das darf nicht sein. Haben sie dieses Gesetz gebrochen?
Dann Punkt 12: „Richter müssen dem Angeklagten mit Achtung begegnen.“ So erklärt Mosche ben Maimon in Sanhedrin 25 in seiner Schrift. Wir werden sehen, wie der Herr mit Misshandlung und Spott überschüttet worden ist.
Jetzt Punkt 13: Alle dürfen entlasten, aber nicht alle Richter dürfen belasten. Einstimmige Verurteilung führt zu Freispruch (babylonischer Talmud, Sanhedrin 4,1,17a; Mosche ben Maimon, Sanhedrin 9,1). Aber hier haben wir gelesen, dass die führenden Priester und das ganze Sanhedrin falsches Zeugnis gegen Jesus suchten. Das wäre der Grund für einen Freispruch gewesen. Warum? Wenn alle genau dasselbe sagen – ein ganzes Gerichtsgremium –, dann muss man vermuten oder zumindest an die Möglichkeit denken, dass sie sich miteinander abgesprochen haben. Das geht nicht. In der Juristensprache nennt man das Kollusion, also Absprache, und das verfälscht alles.
Alle durften zwar entlasten, also für den Angeklagten sprechen. So wird das Optimum in dieser Art von jüdischer Rechtsprechung angestrebt. Aber hier sehen wir, dass genau gegen ihre eigenen Gesetze verstoßen wurde.
Weiter zu Punkt 14: Die Zeugenaussagen müssen in Details exakt übereinstimmen (babylonischer Talmud, Sanhedrin 5,1-3 und 40a). Doch in Markus 14,56 lesen wir: „Denn viele gaben falsches Zeugnis gegen ihn, aber die Zeugnisse waren nicht übereinstimmend.“
Nun haben wir gelesen, hier in Matthäus 26,61: „Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und ihn in drei Tagen aufbauen.“ Aber in Markus 14,58 wird bezeugt, er hat gesagt: „Ich werde.“ Das ist nicht dasselbe. Ob jemand etwas macht oder ob jemand etwas kann, ist nicht gleich. Darum war das für sie ungültig, das hat nicht funktioniert.
Und es ist so: Warum wird genau das erwähnt? Die Römer interessierten sich nicht für religiöse Streitfragen. Mit diesen Argumenten hätte man bei Pilatus nichts erreichen können. Aber damals hatten die Römer seit dem Jahr 6 nach Christus dem Sanhedrin die Befugnis über die Todesstrafe entzogen. Der Sanhedrin hatte das Schwert nicht mehr.
Sie konnten zwar Prozesse mit Todesurteil durchführen, aber das musste von Rom mit der Schwertgewalt ausgeübt werden, wie in Römer 13 beschrieben: Der Staat hat das Schwert. Deshalb mussten sie Argumente zusammenbringen, die Rom überzeugen konnten.
Es gab eine Ausnahme: Die Römer erkannten die Sensibilität des Tempels an. Zum Beispiel, wenn ein Nichtjude die Frechheit hatte, über die Zwischenwand der Umzäunung zu gehen – die Zwischenwand trennte Juden von Nichtjuden. Dort gab es Warntafeln, die man in Originalform auf Griechisch gefunden hat, sogar mit der Farbe noch erhalten. In roten Buchstaben stand geschrieben, dass jeder Fremdstämmige, der über diese Zwischenwand geht, selbst schuld ist, wenn der Tod folgt. Die Römer erlaubten den Juden, in diesem Zusammenhang die Todesstrafe ohne Gerichtsverhandlung anzuwenden.
Das war ein sehr sensibles Thema. Wenn also jemand sagte, er wolle den Tempel zerstören, war das für Rom relevant. Aber jetzt merken Sie selbst: Wenn jemand sagt, er kann den Tempel zerstören, ist das nicht dasselbe, wie wenn jemand sagt, ihr werdet sehen, bald ist der Tempel am Erdboden, weil ich das machen werde.
Darum wird das hier erwähnt, weil es von besonderer Bedeutung war. Viele falsche Aussagen wurden gemacht, aber dann wird erklärt, was und warum das nichts bringt.
Der Hohepriester stand auf und sprach zu Jesus: „Antworte! Wenn du nicht antwortest, was bringen diese Dinge gegen dich vor?“ Jesus aber schwieg.
Genauso wie es in Jesaja 53 heißt, dem Messias betreffend, schlagen wir das auf: Jesaja 53,7. Dort steht: „Er wurde misshandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf, wie das Lamm, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern, und er tat seinen Mund nicht auf.“ Ja, jetzt schweigt der Herr.
Und warum schweigt er? Weil es ja gar kein richtiger Prozess war. Das Todesurteil wurde schon längst verkündet – und zwar nicht erst zu diesem Zeitpunkt. Schon in Johannes 11 sehen wir, dass der Hohepriester dem Sanhedrin einige Zeit vorher vorgeschlagen hatte: „Es ist gut, dass einer für die Nation stirbt, anstatt dass alle umkommen.“ Das Todesurteil war also bereits vom obersten Richter ausgesprochen, lange bevor überhaupt ein Prozess angesetzt wurde. Und auch das war völlig illegal.
Übrigens habe ich auf den Blättern, die ich ausgeteilt habe, 21 Verstöße aufgelistet – aber es gibt noch mehr. Man muss also nicht weinen, als hätte ich alles vollständig gemacht. Eines war eben, dass das Todesurteil nicht schon vorher feststehen durfte. Es musste ein offener Prozess sein. Aber der Herr wusste, dass es kein offener Prozess war. Darum nützte es nichts, wenn er zu seinen Gunsten argumentierte.
So ging der Herr seinen Weg, weil er wusste, dass sein Weg nach Golgatha führen sollte, um uns zu retten.
Nun wird der Hohepriester, der genau weiß, was das Schweigen Jesu bedeutet, innerlich aufgewühlt. Er hat jetzt eine Waffe, um einen Angeklagten zum Sprechen zu bringen. In 3. Mose 5,1 geht es um das Schuldopfer, und dort wird erklärt: „Wenn man die Stimme des Fluches oder die Stimme des Schwurs hört und nicht redet, dann wird man schuldig.“ Das heißt, ein Richter konnte vor Gericht eine Person unter Eid stellen – vor dem lebendigen Gott. Dann war man verpflichtet zu sprechen.
Der Hohepriester weiß, dass Jesus sich immer ans Gesetz gehalten hat. Deshalb wird er sprechen, wenn er ihn so zwingt. Er sagt: „Ich beschwöre dich beim lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist“ – das griechische Wort für das hebräische Messias – „der Sohn Gottes.“
Und sehen wir, der Herr Jesus spricht. Jesus spricht zu ihm: „Du hast es gesagt.“ Das ist die altgriechische Art zu sagen: „Jawohl, was du sagst, ist so.“ Das heißt nicht „Das sagst du, aber nicht ich“ auf Deutsch. Im Griechischen bedeutet es: „Du hast es gesagt, jawohl, das, was du gesagt hast, ist genau so.“
Warum möchte man das eben gerade so ernst erklären mit „Du hast es gesagt“? Weil man im Deutschen, wenn man etwas gesagt bekommt, schnell antworten kann: „Das sagst du, Carlo.“ So sprechen wir miteinander, nicht wahr? Aber im Griechischen bedeutet das etwas anderes. Das kannst du auch bei Blas Debrunner, einer der Standardgrammatiken, nachlesen. Das ist also wichtig.
Der Herr bestätigt hier: Jawohl, ich bin der Messias, der Sohn Gottes. Und dann erklärt er: „Aber jetzt wird es so sein“, sagt er zu diesen Richtern, die ihn verworfen haben, „dass sie das einmal sehen werden, dass er kommen wird als der Menschensohn.“ Das ist der Titel des Messias in Daniel 7, wenn er auf den Wolken des Himmels als König der Welt kommt. Das werden sie einmal sehen.
Das macht also klar, dass selbst die Verlorenen im Hades das mitbekommen, wenn der Herr in Macht und Herrlichkeit kommen wird. „Von jetzt an werdet ihr den Sohn des Menschen zu Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ Der Bezug ist zu Daniel 7, Verse 13 und 14, wo das Kommen des Menschensohnes, des Messias, in der Vision von Daniel gesehen wird.
Und Jesus sagt: „Und ihr werdet ihn zu Rechten der Macht sitzen sehen.“ Zurück übersetzt ins Hebräische, dann ist es „Gwura“. „Gwura“ ist im Judentum ein Ersatzwort für den unaussprechlichen Namen Gottes. Yahweh wird im Judentum von Alters her im Alltag nicht ausgesprochen. Nur am Jom Kippur hat der Hohepriester zu zehn Gelegenheiten den Namen Yahweh ausgesprochen.
Darum weiß man auch heute noch, wie der Name ausgesprochen wurde, weil wir aus den frühen Jahrhunderten unter Zeitrechnung noch Umschriften mit griechischen Buchstaben haben. Das heißt, nicht Jehova, sondern Yahweh ist die richtige Aussprache. Nicht Yahwe, sondern Yahweh mit einem hörbaren „H“, auf Hebräisch „ch“ – sehr wichtig, aber eben auch das hörbare „H“.
Yahweh hat man also möglichst vermieden, um diesen Eigennamen Gottes nicht zum Eiteln auszusprechen, wie das dritte Gebot sagt: „Du sollst den Namen Jachwes, deines Gottes, nicht zum Eiteln aussprechen.“ Stattdessen hat man Ersatzwörter gebraucht, wie zum Beispiel „Herr“. In der Synagoge liest man jedes Mal, wenn „Jachwe“ kommt, normalerweise „Adonai“, also „Herr“.
Man hat auch gesagt „Himmel“, „Schamai“. Darum sagt im Gleichnis vom verlorenen Sohn der verlorene Sohn zu sich: „Ich will zu meinem Vater zurückkehren und ihm sagen, ich habe gegen den Himmel gesündigt und gegen dich, gegen Schamayen.“ Das ist Yahweh.
Man hat auch den Ersatznamen „Memra Adonai“, das Wort des Herrn, gebraucht. Und in Johannes 1 wird genau das verwendet: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ Jesus wird genannt „das Wort“. Das bedeutet, er ist Yahweh, der Ewigseiende, der Unwandelbare.
Man hat noch mehr Ersatzwörter gebraucht, aber zum Beispiel auch die Macht, „Gwura“. Und das braucht der Herr hier: „Ihr werdet den Sohn des Menschen zu Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“
Die Reaktion des Hohen Priesters: Er zerreißt die Gewänder.
Ha, hat er den dritten Mose 21,10 beachtet? Er ist so entrüstet. Aber es ist eine gespielte Entrüstung.
Liest du, Christian? Vers 10 lautet: „Und der Hohepriester unter seinen Brüdern, auf dessen Kopf das Salböl gegossen worden ist und der geweiht ist, um die heiligen Kleider anzulegen, soll seinen Kopf nicht ungepflegt lassen und soll seine Kleider nicht zerreißen.“
Ha, das ist ein direktes biblisches Gebot, das er übertritt. Also wirklich, ein Irrtum ergibt den anderen, es ist ein Konzentrat. Darum habe ich das auch hier auf dem Blatt aufgeführt.
Weiter sagt er, er habe gelästert. „Was brauchen wir noch Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Lästerung gehört. Was meint ihr?“ Sie aber antworteten und sprachen: „Er ist des Todes schuldig.“
Dann müssen wir noch ein paar weitere Punkte auf dem Blatt anschauen.
Fünfzehnter Punkt: Man darf nicht aufgrund der Zeugenaussage des Angeklagten verurteilen. Das schreibt Mosche ben Maimon im Sanhedrin 4,2. Aber hier wurde der Herr gezwungen zu sprechen. Er bezeugt: „Ich bin der Messias, der Sohn Gottes.“ Und jetzt sagt man: „So, jetzt haben wir es. Jetzt haben wir den Grund, ihn zum Tod zu verurteilen.“ Aber das Urteil basiert auf seiner eigenen Aussage, und das darf man nicht.
Warum nicht? Die Überlegung war folgende: Es kann sein, dass ein Angeklagter eine Tendenz zum Suizid hat. Es besteht die Gefahr, dass er vor Gericht etwas sagt, was dazu führt, dass er nicht sich selbst, sondern das Gericht ihn tötet. Deshalb hat man gesagt, aufgrund seiner Zeugenaussage allein geht das nicht. Man braucht andere Zeugen. Genau das geschieht hier aber nicht. Das war Punkt fünfzehn auf dem Blatt.
Dann Punkt sechzehn: Tatbestände müssen ganz genau und detailliert untersucht werden, nach 5. Mose 13,14. Aber das war alles ein kurzer Prozess. Man wollte einfach einen Grund haben, ihn zu töten.
Punkt siebzehn: Der Hohepriester durfte kein Urteil fällen, bevor nicht die jüngeren Richter ohne Beeinflussung ihr Urteil geäußert hatten. Was macht der Hohepriester? Er zerreißt die Kleider. Jetzt ist es allen klar, auch den jüngeren im Sanhedrin: „Jetzt müssen wir sagen, er ist des Todes schuldig.“ Aber der Hohepriester durfte kein Urteil abgeben oder beeinflussen. Zuerst mussten die jüngeren Richter gefragt werden, damit sie ihr Urteil aus eigener Überzeugung vorbringen. Erst dann kam es schließlich zur Verurteilung.
Also: Alles, wirklich alles geht schief. Und wenn man denkt, das sind nur ein paar Verse, so ist all dieses Konzentrat, das dort bezeugt wird, sehr bedeutend.
Punkt achtzehn: Wir haben gesehen, dass der Hohepriester seine Kleider nicht zerreißen darf (3. Mose 21,10).
Und jetzt ganz wichtig: Punkt neunzehn. Beim Tatbestand der Todesstrafe für Lästerung muss der Name „Jahwe“ ausgesprochen worden sein. Ein Ersatzname ist nicht ausreichend (Babylonischer Talmud, Sanhedrin 56a). Aber der Herr hat gesagt: „Ihr werdet mich sitzen sehen zu Rechten von Gwura und nicht Jahwe.“ Das war illegal. Er hätte das Todesurteil nicht sprechen dürfen. Aber er tut es und beeinflusst alle Richter, sodass sie einstimmig sagen: „Jawohl!“
Sie aber antworteten und sprachen: „Er ist des Todes schuldig.“ Dann kommt diese schreckliche Szene in Vers 67: Sie spucken ihm ins Angesicht und schlagen ihn mit Fäusten. Einige schlagen ihm ins Gesicht und sprechen: „Weißt du, Christus, wer dich geschlagen hat?“
Hier wird Punkt zwanzig wichtig: Richter, die das Todesurteil gefällt haben, dürfen den ganzen Tag nicht essen. Sie müssen traurig sein. Aber diese Richter sind genau darauf aus, ihn zu töten. Das freut sie, denn jetzt haben sie endlich den Grund.
Wir erfahren dann in Johannes 18,28, als die führenden Priester vor Pilatus standen, dass sie nicht ins Prätorium hineinwollten, weil sie das Passa essen möchten. Viele sagen: „Seht ihr, das Passa, das der Herr mit den Jüngern gegessen hatte, war zu einem anderen Zeitpunkt, nicht zum offiziellen. Das geht gar nicht.“
In 4. Mose 9 wird klargemacht, dass man, wenn man das Passa verschiebt, des Todes ist. Jesus hat es zum richtigen Zeitpunkt gegessen, daran kann man nichts ändern. Aber warum sagen die Priester in Johannes 18, sie möchten das Passa essen? Der Ausdruck „Pessach“ auf Hebräisch bedeutet „Passalam“, das man am fünfzehnten isst. Am nächsten Tag, nach dem Morgenbrandopfer, legt man ein besonderes Friedensopfer auf, das nur Priester essen dürfen. Dieses Friedensopfer heißt ebenfalls „Pessach“, auch in der Bibel, z.B. in 5. Mose 16, wo vom Stier gesprochen wird. Den haben sie ja nicht als Passalam gegessen, aber als Passa. Genau das ist gemeint: dieses Passa-Friedensopfer am nächsten Tag.
Aber die Priester wollen essen. Deshalb gehen sie nicht hinein. Denn wenn man in das Haus eines Heiden ging, war man rituell unrein, um das Pessach, also das Friedensopfer, zu essen.
Also geht wirklich alles schief, alles verkehrt. Man muss mit einem Angeklagten liebevoll umgehen, das war ein rabbinisches Gesetz. Was tun sie hier? Sie entwürdigen den Herrn auf schrecklichste Art und Weise.
Schließlich werden wir noch sehen, dass sie einen Mörder fordern, damit die Römer ihn freilassen, um ihn töten zu können.
Auf dem Blatt Punkt 21: Ein Mörder darf nicht geschont werden, gemäß 4. Mose 35 und 5. Mose 19. Aber alles geht daneben.
So haben diese Menschen ihn fallen lassen, weil sie es nicht wollten. Und sie verstricken sich immer mehr und mehr.
Nächstes Mal werden wir sehen, wie es mit Petrus weitergeht. Er hat sich ebenfalls verstrickt, doch tief im Herzen liebt er den Herrn. Deshalb hat der Herr ihn aus dieser Verstrickung wieder herausgeholt. Wir werden dann auch sehen, wie sich das erklären lässt.
Der Herr sagt, wie es mit dem Hahnenschrei ist und wie Petrus ihn verleugnen wird. Wenn man die verschiedenen Evangelien zusammenbringt, ergibt sich dabei ein echtes Problem. Wie war das genau? Der Zeitpunkt ist schon da, doch die Benennungen sind unterschiedlich. Trotzdem passt alles wunderbar zusammen.
Damit auch noch ein bisschen Vorfreude für das nächste Mal bleibt: Roger, kannst du vielleicht kurz erklären, warum bei Vers 67 bei mir „ihm ins Gesicht“ in Klammern steht?
Ja, einen Moment bitte. Ob ich das kann oder ob ich es tun werde... Bei mir steht das nicht in Klammern, und es ist auch kein Textproblem. Im Mehrheitstext und im Inhaltstext ist es nämlich genau gleich. Das gehört also dazu.
Gut, dann wollen wir hier schließen.
Vielen Dank an Roger Liebi, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!
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