
Einführung in das Thema und Gebet für die Verantwortungsträger
Schönen guten Morgen, liebe Gemeinde! Ich freue mich, dass wir an diesem Wahlsonntag zum Wesentlichen zusammenkommen, nämlich zur Anbetung unseres Herrn.
Danke, George, auch für dein Gebet, das du gesprochen hast. Wir handeln gemäß 1. Timotheus 2, wo wir ermahnt werden, Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagungen für alle Menschen darzubringen.
Besonders beten wir heute für Könige und alle, die in hoher Stellung sind. Wir bitten, dass Gott diejenigen segnet, die in unserem Land Verantwortung tragen und auch in Zukunft tragen werden. So können wir ein ruhiges und stilles Leben führen, in aller Gottesfurcht und Ehrbarkeit.
Wir bitten, dass wir das Evangelium im Frieden verkündigen können und Menschen in Freiheit zum Evangelium einladen dürfen. Wir danken Gott für seine Gnade in den vergangenen Jahrzehnten und befehlen uns ihm auch für die Zukunft an. Amen!
Lesung und Rückblick auf das erste Kapitel des Römerbriefs
Wir sind im Römerbrief und machen heute mit Kapitel 2 weiter. Ich weiß, dass ihr gerade eben gestanden habt, aber vielleicht noch einmal: Es ist ein kurzer Text. Zur Lesung stehen wir doch noch einmal auf.
Römer Kapitel 2, Verse 1 bis 3:
Darum bist du nicht zu entschuldigen, o Mensch, wer du auch seist, der du richtest. Denn worin du den anderen richtest, verurteilst du dich selbst, denn du, der du richtest, verübst ja dasselbe. Wir wissen aber, dass das Gericht Gottes der Wahrheit entsprechend über die ergeht, welche so etwas verüben. Denkst du etwa, o Mensch, der du richtest, welche so etwas verüben und doch das Gleiche tust, dass du dem Gericht Gottes entfliehen wirst?
Bis hierhin das Wort Gottes, wir nehmen Platz.
Am letzten Sonntag haben wir über das erste Kapitel gehört, ab Vers 18, in dem der Apostel Paulus vom geoffenbarten Zorn Gottes spricht. Wir haben verstanden, dass das Evangelium, das Paulus in den Versen 16 und 17 vor Augen malt, erst dann von uns verstanden werden kann, wenn wir nicht nur die gute Seite der Nachricht des Evangeliums von Jesus hören – nämlich dass er für Sünder gestorben ist. Zuvor müssen wir aber die schlechte Nachricht verstehen, nämlich dass wir alle Sünder sind.
Dem Apostel Paulus ist das in dieser Sache nicht nachlässig, sondern es ist ihm ein großes Anliegen, dass die Römer, die das damals gelesen haben, aber nicht zuletzt auch wir alle, das wirklich verstehen: Wir sind vor Gott in Schuld und hoffnungslos verloren.
Er beschreibt in diesen Versen, ab Vers 18 bis Vers 32, in welch tiefe Abgründe uns unsere Auflehnung gegen Gott führt. Er sagt – und das ist nur ein kurzer Auszug zur Erinnerung – in Vers 29: Die Menschheit ist voll von aller Ungerechtigkeit, Unzucht, Schlechtigkeit, Habsucht, Bosheit, Vollneid, Mordlust, Streit, Betrug und Tücke. Und die Liste geht weiter und weiter und weiter.
Das ist eine schwere Anklage, die die Bibel, die Gott durch den Apostel hier erhebt. Paulus nimmt kein Blatt vor den Mund. Mit großer Wucht fällt der Vorwurf auf uns alle schuldig.
Die Falle der Selbstgerechtigkeit und der Wechsel zum persönlichen Urteil
Wer den Vorwurf hört, mag meinen, dass diese Anschuldigungen wohl auf andere zutreffen, aber doch nicht auf mich. Es ist ein Reflex, der sofort in uns Raum einnehmen will. Wir hören die Analyse aus Kapitel 1 und sagen: Ja, da draußen sind Gottesverächter, Freche, Treulose, Lieblose, aber ich bin nicht so.
Während der Apostel in den vorherigen Versen im ersten Kapitel die Täter solcher furchtbaren Sünden im Plural benennt, wechselt er in Kapitel 2 nun in den Singular. Erst schreibt er in der Mehrzahl in Kapitel 1, zum Beispiel Vers 21: „Denn obgleich sie das sind, die vielen Gott erkannt haben, haben sie ihn doch nicht geehrt.“ In Vers 24 heißt es: „Darum hat Gott sie auch dahingegeben.“ Und in Vers 25: „Sie, welche die Wahrheit Gottes mit der Lüge vertauschen.“
Aber jetzt wechselt er zum Du: Vers 1: „Darum bist du nicht zu entschuldigen, o Mensch, wer du auch seist, der du richtest. Denn wenn du den anderen richtest, verurteilst du dich selbst, denn du, der du richtest, verübst ja dasselbe.“
Eben gerade noch, vielleicht auch am letzten Sonntag, mag unser innerer Finger auf die anderen gezeigt haben. Aber jetzt stehen wir plötzlich selbst im Lichtkegel des Scheinwerfers Gottes und hören ihn sagen: Auch du bist nicht zu entschuldigen.
Hier spielt keine Rolle, ob Paulus bereits an dieser Stelle explizit religiöse Juden meint, auf die er dann später in Vers 17 wörtlich zu sprechen kommt, oder ob er Heiden allgemein im Sinn hat, die sich über andere Sünder erheben. Letzten Endes betrifft es jeden, denn wir stehen alle in der Gefahr, auf andere zu zeigen und uns über ihr Verhalten zu empören.
Dabei vergessen wir, dass auch wir uns vor Gott für unser Leben rechtfertigen müssen. Kommen wir dann wirklich besser davon als all die anderen da draußen?
Zwei Wahrheiten über das Gericht Gottes als Schutz vor Selbstgerechtigkeit
Unser Text will uns heute Morgen helfen, uns vor der Falle der Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit zu bewahren. Dazu werden uns zwei Wahrheiten über das Gericht Gottes vor Augen gestellt.
Diese zwei Wahrheiten möchte ich folgendermaßen gliedern: Wenn wir sie verinnerlichen, können sie uns davor bewahren, selbstgerecht und überheblich zu werden.
Das Gericht Gottes macht nicht Halt vor äußerer Moral
Das Erste, was wir hier sehen, ist, dass das Gericht Gottes auch vor äußerer Moral nicht Halt macht. Das Gericht Gottes macht auch vor äußerlicher Moral nicht Halt.
Schauen wir uns noch einmal Vers 1 an: „Darum bist du nicht zu entschuldigen, o Mensch, wer du auch seist, der du richtest.“ Hier sind offensichtlich Menschen gemeint, die sich moralisch überlegen fühlen. Sie richten andere, empören sich über deren Verhalten, schimpfen und verurteilen – mal laut, mal leise, mal innerlich, mal äußerlich.
Dabei merken sie nicht, dass auch sie trotz ihrer äußeren Moral schuldig sind. Paulus schreibt weiter: „Worin du den anderen richtest, verurteilst du dich selbst, denn du, der du richtest, verübst ja dasselbe.“ Also ist auch der Mensch, der meint, das Recht zu haben, auf die schlimmen Sünder zu zeigen, schuldig.
Das Gericht Gottes kommt nicht nur über solche, die offensichtlich unmoralisch leben und sich damit sogar prahlen, wie wir in den Versen 26 und 27 gelesen haben. Dort wird beschrieben, wie sie sich in entehrende Leidenschaften gegeben haben, wie Frauen den natürlichen Verkehr vertauscht haben und auch die Männer gegeneinander entbrannt sind. Es wird dargestellt, wie sie Unzucht in allen möglichen Richtungen treiben.
Nicht nur solche, heißt es jetzt, die offensichtlich unmoralisch leben, fallen unter das Gericht Gottes, sondern auch diejenigen, die nach außen hin scheinbar alles recht machen und sich all dieser Punkte überhaupt nicht anklagbar erweisen. Auch sie fallen unter das Gericht Gottes.
Unsere Grundannahme – und ich glaube, das ist ein Problem, dem wir häufig aufsitzen – ist die Annahme, Gott würde die Menschheit in zwei Gruppen unterteilen: nämlich in die moralisch Aufrechten und in die Unmoralischen. Diese Annahme ist falsch.
Richtig ist, dass Gott die Menschheit in zwei Gruppen teilt. Aber nicht in die, die moralisch einwandfrei nach außen hin leben, und die, die unmoralisch in der Sünde sich suhlen. Vielmehr erkennt er nur zwei Gruppen: die, die ihr Vertrauen auf Jesus Christus setzen und dem Glauben an den auferstandenen Jesus Christus folgen, und die, die sagen: „Nein, ich habe meine eigene Gerechtigkeit, ich brauche nicht die eines anderen.“
Denn es heißt: „Wir sind ja allesamt geworden wie Unreine, und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid. Wir sind alle verwelkt wie die Blätter, und unsere Sünden trugen uns fort wie der Wind.“ Auch die moralisch „Einwandfreien“ fallen in diese Kategorie.
Nachdem Paulus also zuerst über die sprach, die offen ihre Unmoral ausleben, nimmt er nun die ins Visier, die zwar äußerlich anständig daherkommen und ein augenscheinlich korrektes Leben führen, aber ihre Gerechtigkeit aus sich selbst beziehen, sich überheben und aus ihrer Selbstgerechtigkeit über andere urteilen.
Seine Botschaft lautet: Auch du stehst unter dem Gericht Gottes und kannst ihm nicht entfliehen. Das bedeutet, jeder, der nicht in Jesus Christus ist und seine Hoffnung allein auf ihn setzt, ist der gleichen Sünde schuldig, die er an anderen kritisiert – egal wie wohlerzogen, rechtschaffen und fein wir auch daherkommen.
Der Maßstab, den wir an andere legen, fällt auf uns zurück
Paulus argumentiert weiter. Er sagt, der Maßstab, den wir an andere legen, fällt uns auf die eigenen Füße. Vers 2: Denn worin du den anderen richtest, verurteilst du dich selbst.
Du legst eine Norm an andere an, die sie nicht erreichen. Und du richtest, du überhebst dich über sie. Während du dies tust, so Paulus, darfst du nicht vergessen, dass die Messlatte, die du an anderen anlegst, auch an dich angelegt wird. Und diese Messlatte verurteilt auch dich.
Ich habe mich an die Zeit der Klimakleber erinnert. Zwei Mitglieder der Gruppe Letzte Generation sollten am 30. Januar 2023 vor dem Amtsgericht in Bad Cannstatt erscheinen, um sich für eine Straßenblockade in Stuttgart zu verantworten. Ich weiß nicht, ob ihr euch daran erinnert. Damals gab es viele Gerichtsprozesse. Diese zwei sollten also erscheinen, weil sie sich festgeklebt hatten, um den Maßstab der CO2-Reduktion an die „bösen“ Autofahrer zu hängen.
Nun sollten sie vor Gericht erscheinen, um sich zu verantworten für das, was sie veranstaltet hatten, und für die entstehenden Kosten. Doch die beiden erschienen nicht, weil sie im Flugzeug saßen, auf dem Weg in den Urlaub nach Bali und Thailand. Könnt ihr euch erinnern? Damals ging eine Welle der Empörung durch die Medien – zumindest teilweise.
Warum hat das die Leute empört? Weil man die beiden der Heuchelei bezichtigte. Sie legten einen Maßstab an andere an und richteten über sie, wurden aber ihrer eigenen Norm nicht gerecht. Sie setzten sich ins Flugzeug und verursachten eine Menge CO2-Ausstoß. Genau das meint Paulus hier.
Und auch noch einmal an dieser Stelle: Wir zeigen jetzt nicht auf andere, sondern denken daran, dass du nicht zu entschuldigen bist. Du tust das vielleicht nicht in Fragen des Klimaschutzes, sondern in ganz anderen Fragen. Das ist der Punkt, den Paulus hier macht. Denn worin du den anderen richtest, verurteilst du dich selbst, weil der Maßstab auch an dich angelegt wird.
Ja, was ist denn der Maßstab? Was ist dein Maßstab, mit dem du die anderen betrachtest? Vielleicht sagen einige hier: Klimaschutz, andere sagen politische Themen, wieder andere moralische Fragen. Was ist der Maßstab, mit dem du andere prüfst?
In unserer Kultur, auch wenn wir es nicht immer explizit sagen, sind es zunächst einmal grundlegend die Zehn Gebote. Schließlich basiert ein Großteil unseres Zivilrechts auf den Zehn Geboten. Wenn zum Beispiel Gesetze zum Schutz der Würde alter Menschen verabschiedet werden, dann stammt der Grundgedanke aus dem fünften Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren.
Wenn Gesetze gegen das Töten beschlossen werden, oder diskutiert wird, ob es Geschwindigkeitsbeschränkungen auf Autobahnen geben sollte, damit die Unfalltoten weniger werden – in welcher Hinsicht auch immer, wenn es um den Schutz des Lebens anderer geht und entsprechende Gesetze verabschiedet werden – dann stammen diese Grundgedanken aus dem sechsten Gebot: Du sollst nicht töten.
Auch Gesetze zum Schutz des Eigentums – Du sollst nicht stehlen – oder zum Schutz der Ehe – Du sollst nicht Ehe brechen – sind in den Zehn Geboten verankert.
Nun hören wir von den furchtbaren Taten der Gottlosen in Römer 1, letzten Sonntag eben auszugsweise zitiert, und denken bei uns: Mich trifft das nicht. Ich weiß, wie ich mich zu verhalten habe, schließlich kenne ich ja die Zehn Gebote. Oder die „Zwölf Gebote“, wie mein Onkel mal sagte, der nicht mehr genau wusste, wie viele es waren – zehn oder zwölf. „Ich kenne sie alle, die Zwölf Gebote“, rief er mir zu auf dem Friedhof, als wir seine Frau besuchten – also die tote Frau besuchten –, also nein, also ja, die Frau lag dort und wir haben sie am Grab besucht.
Du sagst: Ich bin nicht so wie die. Du siehst den Eltern Ungehorsam und berufst dich auf das fünfte Gebot, Vater und Mutter zu ehren. Aber Paulus fragt heute Morgen: Hast du das wirklich getan? Hältst du den Maßstab, den du anderen anlegst, selbst ein? Hast du immer respektvoll mit deinen Eltern gesprochen, nur gut über sie gedacht, warst du immer angemessen dankbar, hast du nie ein schlechtes Wort über sie verloren?
Oder wir berufen uns auf das sechste Gebot: Du sollst nicht töten. Ich bin besser als die anderen, wir fühlen uns gut, habe ich nie getan, sagst du, wirklich nicht. Doch Gott schaut auf unser Herz. Und Jesus verschärft dieses Gebot später in der Bergpredigt, indem er sagt: Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten. Wer aber tötet, der wird dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder ohne Ursache zürnt, wird dem Gericht verfallen sein.
Ein innerer Zorn setzt Gott gleich mit Töten. Hast du das niemals getan?
Wir sagen: Die Ehe habe ich nie gebrochen, das siebte Gebot stets gehalten, ich bin nie ausgeschert. Jesus sagt: Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, um sie zu begehren, der hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.
Das neunte Gebot sagt: Du sollst kein falsches Zeugnis reden gegen deinen Nächsten. Habe ich gehalten, sagst du. Paulus fragt heute Morgen wirklich: Das ist der Maßstab, den du anlegst an andere, dem du auch standhalten kannst? Hast du niemals die Wahrheit zu deinen Gunsten verdreht, Dinge weggelassen, damit du besser davonkommst? Hast du nie begehrt, was jemand anderem gehört? Nie etwas in deinem Leben über Gott gestellt?
Die Richtlinien, anhand derer wir andere verurteilen, sind derselbe Maßstab, der uns anklagt. Römer 2, Vers 2 noch einmal: Denn worin du den anderen richtest, verurteilst du dich selbst.
Dann gibt es Leute, die sagen: Na ja, die Zehn Gebote, gut, das ist eine Sache. Ich bin mehr der Bergpredigttyp, ich halte mich eher an die Lehren des sanften Jesus.
Wenn jemand so etwas sagt, zeigt das, dass er Jesus vermutlich nicht wirklich kennt. Denn in der Bergpredigt, wie ich eben schon gezeigt habe, schwächt Jesus die Gebote nicht ab. Er transferiert sie von den Äußerlichkeiten tief in unser Herz hinein. Er macht deutlich, dass die Sünde bereits im Herzen beginnt und wir tatsächlich deswegen allesamt schuldig sind.
Gott geht es nämlich nicht um unser äußerliches Verhalten, worauf wir so vordergründig achten, sondern um unsere innere Übereinstimmung mit seinem Wort.
Wer sich auf die Bergpredigt beruft, meint dann meistens die Seligpreisungen. Dort stehen wunderbare Dinge wie: Glückselig sind die geistlich Armen, glückselig sind die Trauernden, die Barmherzigen, die reinen Herzen sind, die Friedfertigen, die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden.
Die meisten moralischen Menschen sehen sich zumindest in dieser Beschreibung gut wiedergegeben. Sie halten sich für sanftmütig, für barmherzig, für rein und friedfertig. Sie bilden sich ein, dass sie tatsächlich nach Gerechtigkeit dürsten und manchmal deswegen sogar verfolgt werden.
Aber sind wir mal ehrlich: Wer verkörpert diese Eigenschaften wirklich? Kennst du jemanden, der voll und ganz diesen Kategorien standhält? Wohl kaum.
Die einzige Person, die das tat, ist Jesus selbst. Er war sanftmütig, er war immer barmherzig. Er allein verkörpert Gerechtigkeit, und er allein litt wirklich dafür.
Nun gibt es Menschen – vielleicht bist du auch heute Morgen hier und sagst: Na ja, also das mit dem Moralischen, mit diesem religiösen Kram, das ist nicht so meins. Zehn Gebote, lass mal, und Bergpredigt auch nicht. Weißt du, Pastor, ich habe ganz andere Qualitäten. Mein Maßstab ist mein geradliniger Charakter.
Vielleicht haben wir ja heute Morgen auch hanseatische Kaufleute vom alten Schlag hier, für die der Handschlag und das Wort noch etwas gelten. Das sind Menschen, die an das Prinzip „Fair Play“ glauben: Ich bin fair, geradeaus, stehe zu meinem Wort, ich war immer fair, sagen sie.
Paulus fragt: Stimmt das wirklich? Es gibt schlicht niemanden, der sich immer korrekt anderen gegenüber verhält.
Was ist dein Maßstab, mit dem du dich vor anderen und auch vor dir selbst in ein gutes Licht rückst? Um vor anderen besser dazustehen und auch um dein eigenes Gewissen zu beruhigen, indem du schaust, wer nicht so gut abschneidet wie du.
Unsere Doppelmoral prangert Jesus in der Bergpredigt mit diesen Worten an: Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders? Und den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht. Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Halt, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, der Balken ist in deinem Auge?
Du Heuchler, sagt Jesus: Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen.
Wir lernen heute Morgen, dass das Gericht Gottes nicht Halt macht vor den äußerlich moralisch einwandfreien Menschen, sondern dass wir alle unter seinem gerechten Gericht stehen.
Das Gericht Gottes ist wahr und unausweichlich
Zweitens lernen wir, dass das Gericht Gottes wahr und unausweichlich ist.
Vers 2 sagt: „Wir wissen aber, dass das Gericht Gottes der Wahrheit entsprechend über die ergeht, welche so etwas verüben.“ In diesem Vers steckt eine sehr befreiende und frohmachende Information: Gott spricht sein Gericht in Wahrheit. Er ist nicht wie ein Richter, der eine Waage der Gerechtigkeit in der Hand hält und diese zu einer Seite ausschlagen lässt, weil ein Geldsack daran hängt oder ein Mensch, von dem er sich Vorteile verspricht.
Nein, die Gerechtigkeitswaage Gottes ist balanciert. Das ist eine sehr gute Nachricht. Wir können darauf vertrauen, dass Gottes Gericht und Urteil über die Menschheit und auch über jeden Einzelnen von uns wirklich gerechtfertigt sind. Wir brauchen nicht zu unterstellen, dass er zu einer Seite oder zur anderen zu sehr ausschlägt. Er ist weder zu lasch noch zu hart.
Die Bibel sagt, dass bei Gott kein Ansehen der Person ist. Er lässt sich nicht manipulieren oder um den Finger wickeln. Stattdessen betrachtet er mit Klarheit nicht nur die Menschheit insgesamt, sondern auch dich und dein Leben. Er ist unbestechlich in seinem Gericht. Es ist gut zu wissen, dass er dich nicht ungerecht behandelt.
Denn „der Herr, euer Gott, ist der große Gott“, heißt es in 5. Mose 10. Er sieht keine Person an und nimmt kein Bestechungsgeschenk an. Ihr schaut mich an, als wäre das selbstverständlich. Überlegt einmal, wie es in korrupten Staaten ist, wo Richter manipuliert werden und Urteile nicht gerecht gefällt werden. Es ist schlimm und furchtbar, wenn Menschen unschuldig ins Gefängnis kommen, obwohl sie nichts getan haben.
Gottes Urteil ist immer gerecht und fair (Psalm 98,9). Dort heißt es: „Denn er kommt, um die Erde zu richten; er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es Recht ist.“ Er bevorzugt niemanden. Seine Strafe entspricht dem Maß des Verbrechens. Sein Urteil erfolgt in Wahrheit, sagt der Apostel, und ist somit immer richtig.
Er spricht die Unschuldigen frei, und die Schuldigen verurteilt er. Sein Urteil ist angemessen und unanfechtbar. Es kann nicht in Frage gestellt werden. Jeder Angriff auf das Urteil Gottes ist vergeblich, weil es gerecht ist. Auch sein Strafmaß ist gerecht.
Manchmal beschleicht uns das Gefühl, wenn wir solche Texte lesen: „Ja, Herr, muss dein Urteil über den Sünder denn so radikal sein?“ Vielleicht hast du auch heute Morgen schon einmal gezweifelt oder dich gefragt, ob die ewige Verdammnis und die Hölle wirklich wahr sind. Kann man so einem Gott wirklich glauben? Wir zweifeln an seinem gerechten Urteil. Kennst du das? Vielleicht zweifelst du auch nur einen Moment daran.
Heute Morgen werden wir daran erinnert: Gottes Gericht erfolgt in Wahrhaftigkeit. Damit ist auch das Urteil, das er spricht, unanfechtbar. Er ist das einzige Wesen im gesamten Universum, das unbestechlich, absolut wahrhaftig und treu ist. Deshalb ist sein Urteilsspruch korrekt und kann von uns nicht angefochten werden.
In 5. Mose 32 heißt es: „Vollkommen ist sein Tun, ja, alle seine Wege sind gerecht, ein Gott der Treue und ohne Falsch. Gerecht und aufrichtig ist er.“ Auch sein Zorn über die Sünder, wie wir letzten Sonntag gehört haben und wie Paulus in Kapitel 1, Vers 18 beschreibt, ist gerechtfertigt. Denn sein Gericht erfolgt in Wahrheit (Vers 2).
Aber nicht nur das: Sein Gericht ist auch unausweichlich.
Vers 3 fragt: „Denkst du etwa, o Mensch, der du dich richtest, welche so etwas verüben, und doch das Gleiche tust, dass du dem Gericht Gottes entfliehen wirst?“ Paulus macht hier klar, dass es aus dem Gerichtssaal Gottes keinen Notausgang gibt. Flucht ist nicht möglich – weder für diejenigen, die offensichtlich unmoralisch leben, noch für jene, die sich mit äußerer Moral schmücken.
Denn in 2. Korinther 5 heißt es: „Wir müssen alle vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden.“ Und in Römer 14, Vers 10 steht: „Wir werden ja alle vor dem Richterstuhl des Christus erscheinen.“ Denn es ist geschrieben: „So wahr ich lebe“, spricht der Herr, „mir soll sich jedes Knie beugen, und jede Zunge wird Gott bekennen.“
So wird also jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben müssen.
Die einzige Hoffnung vor Gottes Gericht: Glaube an Jesus Christus
Nun haben wir anhand von Kapitel 1 und auch den ersten drei Versen aus Kapitel 2 verstanden, dass wir vor Gott schuldig sind. Sein gerechtes Urteil, sein heiliger Zorn und die ewige Verdammnis ruhen auf uns und warten auf uns.
Doch bleibt die Frage: Gibt es nicht doch einen Weg, seinem Urteil zu entgehen?
Das ist die große Botschaft des Römerbriefes, denn hier wird uns das Evangelium von Jesus Christus erklärt. Zum Evangelium gehört, dass wir verstehen müssen, dass wir verurteilt sind. Auf uns selbst gestellt, in der Gerechtigkeit, die wir zu zeigen meinen, haben wir vor Gott keinen Bestand.
Die einzige Möglichkeit, dem gerechten Urteil Gottes zu entgehen und im Gerichtssaal des Höchsten freigesprochen zu werden, besteht darin, sein Urteil über uns zu akzeptieren. Das ist der erste Schritt.
Ich weiß nicht, wie es dir heute Morgen hier in der Predigt geht. Akzeptierst du wirklich das objektive Urteil Gottes über dein Leben? Das ist der erste Schritt zur Befreiung.
Du musst anerkennen und von Herzen sagen: Herr Gott, du hast Recht. Der einzige Weg, der ewigen Strafe Gottes zu entgehen, besteht darin, anzuerkennen, dass sein Urteil richtig ist. Wir müssen dem, was er über uns sagt, von Herzen zustimmen und sagen: Ja, Herr, was mich betrifft, hast du Recht. Ich verdiene die Verdammnis.
Wir müssen bekennen: Herr, du hast Recht, ich habe mich geirrt, als ich versuchte, mich vor dir und vor Menschen zu rechtfertigen. Ich erkenne an, dass ich keine Argumente mehr habe. Ich bin tatsächlich nicht zu entschuldigen. Du hast Recht, Gott, ich verdiene die Verdammnis.
Ich strecke meine Waffen und sage: schuldig in allen Punkten.
Aber Gott, hast du nicht deinen Sohn gesandt, damit er für meine Schuld stellvertretend bezahlt? Deswegen laufe ich im Glauben zu deinem Sohn Jesus Christus und will ihm vertrauen, dass die Strafe, die er am Kreuz trug, auch meine Strafe war.
Bitte, gerechter Richter, schau nicht länger mich an, sondern sieh doch: Ich bin durch den Glauben in Christus verwurzelt. Nun stehe nicht mehr ich hier, sondern dein Sohn steht vor dir, und er ist allein ohne Schuld.
Gott, der Richter, urteilt in Wahrheit. Die Strafe für unsere Schuld trägt entweder du allein oder Jesus Christus, der Unschuldige. Wer an ihn glaubt, wird nicht zu Schanden, sondern hat das ewige Leben.
Zu glauben heißt, Gottes Urteil über mich zu akzeptieren, um meine Gerechtigkeit nicht länger in vermeintlich moralischer Überlegenheit zu suchen, sondern allein bei Jesus.
Wir entkommen dem gerechten Urteil Gottes über uns nur dann, wenn wir das Urteil Gottes zuerst akzeptieren und uns schuldig bekennen. Dann gehen wir zu Christus, der unser Urteil für uns getragen hat, damit wir es niemals tragen müssen.
Paulus ruft heute Morgen ganz ernst in unsere Mitte hinein: Darum bist du nicht zu entschuldigen, o Mensch! Wer du auch seist, du brauchst Jesus. Er ist deine einzige Hoffnung.
Zusammenfassung und Aufruf zur Gemeinschaft in Gnade
Wir haben in dieser Predigt gesehen, dass wir genau der Dinge schuldig sind, die wir bei anderen verurteilen.
Wir haben erkannt, dass Gottes Urteil immer angemessen und gerecht ist. Es entspricht stets der Wahrheit. Außerdem haben wir verstanden, dass sein Gericht unausweichlich ist. Deshalb sind wir ohne Entschuldigung.
Unsere einzige Hoffnung vor dem gerechten Gott besteht darin, an den zu glauben, der für uns zur Gerechtigkeit Gottes geworden ist.
Genau das stellt Paulus diesem ganzen Abschnitt voran. Ich lese es noch einmal zum Abschluss: Römer 1,16-17
Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht, denn es ist Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, dann auch für den Griechen. Denn es wird darin geoffenbart die Gerechtigkeit Gottes, das ist die Gerechtigkeit Christi. Aus Glauben kommt sie, durch Glauben wird sie dir zuteil, wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben.
Er lebt nicht aus seiner Moral, nicht aus seinen Leistungen, nicht aus seinen Werken, nicht aus seiner Überheblichkeit und nicht aus seiner Selbstgerechtigkeit. Er lebt allein durch den Glauben an den, der alles bezahlt hat. Möge das in unseren Herzen sein.
Ich glaube, das ändert auch unseren Blick auf unseren Nächsten. Wir werden eine Gemeinschaft, die zunehmend – noch mehr als wir es schon sind – von Menschen geprägt ist, die einander lieben. Menschen, die sich nicht gegenseitig verurteilen, sondern erkennen: Ich selbst lebe täglich aus dieser Gnade.
Ich will mich nicht überheben über den anderen, sondern für ihn da sein, für ihn beten und Gott bitten, dass er Veränderung schenkt. Und er wird es tun. Amen.
Schlussgebet und Bitte um Bewahrung vor Selbstgerechtigkeit
Lass uns gemeinsam aufstehen. Ja, danke, Herr, es ist so wunderbar, dass wir hier an diesem Ort Befreiung durch das Evangelium erleben dürfen.
Du siehst, wie manche von uns – und wir alle ja immer wieder – in das Muster hineinfällen, andere zu beurteilen und zu verurteilen. Dabei vergessen wir ganz, dass wir selbst gemeint sind. Du siehst unsere Empörung über unseren Nächsten, du siehst unser Pochen auf unser Recht. Du siehst unsere Überheblichkeit und unsere Bitterkeit, die letztlich aus solch einem Verhalten entsteht. Du siehst all das Pharisäertum, all unsere Frömmigkeit.
Herr, du hast zu den Pharisäern gesagt: Ihr seid wie getünchte Gräber, von außen schön angemalt. Bewahre uns davor. Lass uns wirklich aus diesem Evangelium leben. Hilf uns, dass wir das auch an andere weitergeben.
Ich bete heute Morgen auch für Menschen, die ihr Vertrauen noch nicht ganz auf dich gesetzt haben. Wir hatten nur einige Beispiele von möglichen Maßstäben, die wir an uns selbst und an andere anlegen. Was immer es auch sein mag bei dem einen oder anderen, Herr, hilf uns zu erkennen, dass letzten Endes du der Maßstab bist, dem wir gerecht werden müssen – aber es nicht können, weil wir alle versagt haben.
Öffne unsere Augen, auch die Augen derer, die dies vielleicht zum ersten Mal hören. Schenke neues Leben und wirkliches Vertrauen in das Werk Christi auf Golgatha, so dass eine Veränderung der Herzen geschieht.
Wir danken dir für deine Gnade, die wir auch heute empfangen dürfen. Amen.