
Einführung und Kontext der Finsternis am Kreuz
Guten Tag, ich begrüße alle ganz herzlich. Darf ich bitten, Christian, dass du uns vorliest?
„Aber von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Um die neunte Stunde aber schrie Jesus mit lauter Stimme auf und sagte: ‚Eli, Eli, Lema, Sabachthani‘, das heißt: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘“
Als einige von den Umstehenden es hörten, sagten sie: „Der ruft den Elia!“
Jetzt stellt sich die Frage, wie man diese Finsternis erklärt. Eine Sonnenfinsternis kommt nicht infrage, denn diese dauert nur wenige Minuten. Hier aber waren es drei Stunden.
Diese Finsternis wird auch in den parallelen Berichten der Evangelien bezeugt – also nicht nur im Matthäusevangelium, sondern auch in Markus und Lukas.
Außerdem berichtete Thallus, ein Samaritaner, im Jahr 52 in einer Schrift von dieser Finsternis am Kreuz. Er hielt sie wohl für eine Sonnenfinsternis. Leider ist diese Schrift von Thallus verloren gegangen, was in der Geschichte häufig vorkommt: Viele Bücher, die einst geschrieben wurden, existieren heute nicht mehr.
Andere alte Bücher sind jedoch erhalten geblieben. So nimmt Julius Africanus, ein Autor aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus, Bezug auf Thallus und erklärt, dass Thallus sich geirrt habe. Es könne keine Sonnenfinsternis gewesen sein.
Der Einwand von Julius Africanus ist sehr schlüssig, denn das Passahfest fällt immer auf die Zeit des Vollmonds. Zu dieser Zeit ist eine Sonnenfinsternis nicht möglich, da der Mond die Sonne nicht bedecken kann.
Daher fällt eine Sonnenfinsternis als Erklärung weg.
Interessant ist, dass diese Finsternis auch außerbiblisch belegt ist. Es war ein Eingreifen Gottes in ganz besonderer Weise.
Prophetische Hinweise auf die Finsternis und das Leiden des Messias
Und diese Finsternis war im Alten Testament vorausgesagt. Schlagen wir dazu Jesaja 50 auf. In Jesaja gibt es fünf Gottesknechtgedichte über den Messias: Kapitel 42, 49, 50, 53 und 61.
In Jesaja 50 sehen wir, dass es um den Messias geht. Zuerst lesen wir Vers 6: „Ich bot meinen Rücken den Schlagenden und meine Wangen den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.“ Diese Prophetie über den Messias beginnt bereits in Vers 3. Hier geht es um seine Leiden. Lesen wir Vers 3, was Gott sagt: „Ich kleide die Himmel in Trauerschwärze und lege ihnen Sacktuch als Kleidung an.“
In Verbindung mit der Prophetie über die Leiden des Messias wird von einer göttlichen Finsternis gesprochen, und diese hat sich erfüllt.
Im Psalm 22, dem sogenannten Kreuzespsalm, wo der Messias sagt, „sie haben meine Hände und meine Füße durchgraben“ – das haben wir beim letzten Mal betrachtet – lesen wir in den Versen 2 und 3: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Fern von meiner Rettung sind die Worte meines Gestöhns. Mein Gott, ich rufe bei Tage, und du antwortest nicht, und bei Nacht, und mir wird keine Ruhe.“
Hier sehen wir einen direkten Zusammenhang zu unserer Stelle.
Im nächsten Vers, den wir noch nicht betrachtet haben, spricht der Herr Jesus am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und das finden wir auch hier wieder.
In Vers 3 sagt der Messias Jesus: „Mein Gott, ich rufe am Tag, und du antwortest nicht, und bei Nacht, und mir wird keine Ruhe.“ Seine Leiden umfassen also sowohl eine helle als auch eine dunkle Zeit.
Jetzt haben wir es von neun Uhr bis zwölf Uhr hell – „ich rufe des Tages und du antwortest nicht“ – und dann die Finsternis von zwölf Uhr bis drei Uhr – „und bei Nacht und mir wird keine Ruhe“. So präzise ist diese Prophetie.
Die Bedeutung der Finsternis und das stellvertretende Leiden Christi
Wir gehen zurück zu Matthäus 27 und fragen uns: Warum kam diese Finsternis? Das ist genau der Punkt.
In Jesaja 53,10 heißt es: Es gefiel dem Herrn, ihn zu zerschlagen. Jesaja 53 spricht über das, was die Menschen dem Messias an Leiden hinzufügen würden. Und das hat sich erfüllt, wie wir letztes Mal gesehen haben, durch diese schreckliche Geißelung, die allein schon ausgereicht hätte, um jemanden zu töten. Dazu kamen die ganze Misshandlung durch die Römer und die Kreuzigung.
Aber das war nicht das sühnende Leiden, um unsere Sünden wegzutun. Das, was die Menschen dem Herrn angetan haben, hat keine Sünden gesühnt, sondern bewiesen, wie böse der Mensch ist.
Doch in den Stunden der Finsternis hat Gott die Sünden auf ihn gelegt. Und weil Gott gerecht ist, musste er den Stellvertreter bestrafen. Das ist Jesaja 53,10: Es gefiel dem Herrn, ihn zu zerschlagen, er hat ihn leiden lassen.
Diese Leiden waren für den Herrn noch viel schlimmer als das, was schon unbeschreiblich ist. Eine Kreuzigung zu erleiden, ist so unbeschreiblich brutal und widerlich, was die Römer da gemacht haben. Aber als Gott das Zorngericht, das wir verdient hätten, in Ewigkeit für unsere Sünden auf seinen Sohn als Mensch brachte, da hat Herr Jesus so gelitten, dass niemand von den Menschen sein schmerzentstelltes Gesicht sehen sollte.
Im Prinzip ist das vergleichbar mit dem, was wir sofort machen, wenn ein Unfall auf der Straße passiert und es klar ist, dass die Person tot ist: Wir nehmen so schnell wie möglich eine Decke, damit die Schaulustigen nichts zu Gesicht bekommen.
Darum hat Gott diese Finsternis gebracht.
Manche haben vielleicht gedacht, dass Gott seinen Sohn nicht sehen wollte. Das ist es aber nicht. In Psalm 139, dem Psalm über die Allwissenheit Gottes, steht Folgendes. Liest du, Christian? Psalm 139,11-12: Und spräche ich: Nur Finsternis möge mich verbergen und Nacht sei das Licht um mich her, so würde auch Finsternis vor dir nicht verfinstern, und die Nacht würde leuchten wie der Tag; die Finsternis wäre wie das Licht.
Das ist die Antwort. So kann man viele Fragen einfach mit einem Bibelvers beantworten, das ist klar. Aber das macht das Ganze umso feierlicher: Gott brachte diese Finsternis, damit die Menschen den Leidenden in seinen Sünden nicht sehen konnten.
Die Sprache Jesu am Kreuz und die Bedeutung des Ausrufs
Und dann lesen wir in Vers 46: „Um die neunte Stunde aber schrie Jesus auf mit lauter Stimme und sagte: Eli, Eli, Lama Schabachtani.“
Nun könnte mich jemand fragen: Warum lese ich nicht „Schabachtani“, wie es dort steht, sondern „Schabachtani“? Welche Sprache spricht der Herr in diesem Vers? Aramäisch. Wie wäre es im Hebräischen? Fast gleich. „Eli, Eli, wie?“ Psalm 22 haben wir ja gelesen, allerdings auf Deutsch. Hätte ich es auf Hebräisch vorgelesen, dann würde es „Eli, Eli, Lama Asaftani“ heißen.
„Asaf“ bedeutet verlassen, „Asafta“ heißt „du hast verlassen“, und „Azaftani“ heißt „Du hast mich verlassen“. Dieses Wort ist hebräisch, aber hier steht es auf Aramäisch. Aramäisch ist eine verwandte Sprache, kein Dialekt, sondern eine eigenständige Sprache. Vielleicht ist der Abstand vergleichbar mit dem zwischen Holländisch und Schweizerdeutsch oder für Leute aus Deutschland zwischen holländischer Schriftsprache und Deutsch. Es sind zwei verschiedene, aber verwandte Sprachen.
Gerade in diesem Satz fallen viele Wörter auf, die gleich klingen: „Eli, Eli“. „El“ bedeutet Gott, und zwar Gott der Starke, im Sinne von „der Starke“. Es ist nicht zu verwechseln mit „Elohim“. „Elohim“ ist die Mehrzahl von „Eloah“, nicht von „El“. „Elohim“ drückt Gott in seiner unendlichen, unfassbaren Größe aus, daher der Plural. Natürlich steckt darin auch die Dreieinigkeit Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist, drei Personen in Gemeinschaft der Liebe.
„Eloah“ kommt von der Wurzel „Allah“, was „verehren“ bedeutet, also Gott, „Eloah“. So wird es oft im Buch Hiob verwendet, entweder als Singular „Eloah“ oder in der Mehrzahl „Elohim“. Das heißt also „der Verehrenswürdige“, „der Anbetungswürdige“. „El“ hingegen kommt von der Wurzel „ul“, was „stark sein“ bedeutet. „El“ ist also „der Starke“. Das „i“ angehängt, wie in „Eli“, bedeutet „mein“.
Auf Deutsch brauchen wir zwei Wörter: „Mein Gott“. Auf Hebräisch sagt man nur „Eli“, und auf Aramäisch ebenfalls „Eli, Eli“, mit der Betonung auf der letzten Silbe, also nicht „Eli“, sondern „Eli, Eli, Lama“. Die vorletzte Silbe ist betont. Man muss im Hebräischen wissen, welche Wörter auf der letzten Silbe betont sind, was meist der Fall ist, und welche auf der zweitletzten Silbe, wie hier bei „Eli, Eli, Lama“.
Auf Aramäisch heißt „Schabak“ verlassen, ähnlich wie im Hebräischen „Asaw“ oder „Schabak“. „Schabakta“ heißt „Du hast verlassen“, „Schabaktani“ bedeutet „Du hast mich verlassen“.
Matthäus schreibt hier „Sabachtani“. Das liegt daran, dass im Griechischen, mit den griechischen Buchstaben, kein „Sch“-Laut existiert. Darum steht im Neuen Testament für Jesus nicht „Jeschua“, sondern „Jesus“ mit „S“, weil es kein „Sch“-Laut gibt. Und hier eben „S“. Es gibt auch kein „Q“, wie in „Schabak“. Das wäre also „Sch-B-Q“ für verlassen, aber es gibt kein „Q“.
Ein ähnlicher Laut ist das „chi“ im Griechischen, das eigentlich „ki“ ausgesprochen wird, nicht „chi“ wie im Schweizerdeutschen „hochi“ oder „chastli“, sondern eben „ki“. Das klingt nahe an der Aussprache von „Kukow“. Deshalb schreibt Matthäus „Sabachtani“. Das „S“ soll eigentlich „sch“ andeuten.
Im Deutschen würde man heute ein Hilfszeichen verwenden, zum Beispiel ein „S“ mit einer umgekehrten Krone darüber, das ist das linguistische Zeichen für „sch“. Im Deutschen hat man schon vor langer Zeit eine Lösung für das fehlende „sch“ gefunden, indem man drei Buchstaben zusammensetzt: S-C-H. Warum? Weil wir keinen einzelnen Buchstaben dafür haben, aber den Laut mit drei Buchstaben ausdrücken können. Andere Sprachen finden das vielleicht etwas merkwürdig: „Warum braucht ihr drei Buchstaben für einen Laut, ‚sch‘?“ Ja, so ist es.
Jetzt verstehen wir also „Eli, Eli, Lama Schabachtani“. Matthäus übersetzt es, weil er auf Griechisch schreibt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Im griechischen Text heißt es: „Teemu, Teemu, hinati me enkatelipes.“
Wir haben es also in drei Sprachen: Im Psalm 22 steht „Eli, Eli, Lama Asaftani“ auf Hebräisch. Dieser Satz kommt in allen drei Bibelsprachen vor. Das Alte Testament wurde auf Hebräisch geschrieben, einige Teile im Buch Daniel, im Buch Esra und ein Vers in Jeremia 10 auf Aramäisch, und das Neue Testament auf Griechisch.
Der einzige Satz der Bibel, der in allen drei Bibelsprachen vorkommt, ist dieser Satz. Das zeigt, dass dieses Wort eine ganz besondere Bedeutung hat. Der einzige Satz der Bibel, der in allen drei Bibelsprachen vorkommt.
Und wie viele Worte gab es am Kreuz? Sieben. Sind alle damit einverstanden? Ja, sieben Sätze, sieben Worte. Das ist alles korrekt. Auch Haydn hat die sieben Worte des Erlösers am Kreuz vertont.
Die sieben Worte Jesu am Kreuz und Textkritische Überlegungen
Ich habe so gefragt, weil der Minderheitstext von Nestle-Aland auf sechs Verse kommt. Das liegt daran, dass das Wort in Lukas 23, „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, enthalten ist.
Christian, liest du Lukas 23, Verse 33 und 34? Dort heißt es: „Und als sie an den Ort kamen, der Schädelstätte genannt wird, kreuzigten sie dort ihn und die Übeltäter, den einen zur Rechten, den anderen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Sie aber verteilten seine Kleider und warfen das Los darüber.“
Nun die Frage: Es sind ja verschiedene Bibelübersetzungen hier in Gebrauch. Gibt es Übersetzungen, in denen dieser Vers weggelassen ist? Man muss noch sagen, dass das bei der Elberfelder Brockhaus so ist, denn die alte Elberfelder hatte keine solche Fußnote, und die Elberfelder CSV Hückeswagen hat das auch nicht. Aber es ist eben so.
Ich sage nochmals: Je nachdem, welche Handschriften man als alt und wichtig bezeichnet, gibt es Unterschiede. Was versteht man unter „wichtig“? Das ist das Problem. Der Minderheitstext gründet sich hauptsächlich auf zwei Handschriften, nämlich den Codex Vaticanus und den Codex Sinaiticus aus dem vierten Jahrhundert – allerdings nicht ganz früh im vierten Jahrhundert – und auf ältere Papyri.
Die Masse der Handschriften, also der Mehrheitstext, macht ganz klar deutlich: Das gehört dazu. Und wenn man gerade diese beiden als wichtig bezeichnet, muss man sagen, qualitativ sind sie schlecht.
Wie kann man das behaupten, dass eine Handschrift schlecht ist? Es gibt einen ganz einfachen Test, der wirklich einfach und sehr schlau ist. Das meiste des neutestamentlichen Textes ist in allen Handschriften klar, nämlich über 90 Prozent des Textes. Da gibt es keine Diskussion, weil Mehrheitstext und Minderheitstext sowieso einstimmig sind. Das nennt man heute in der Wissenschaft, in der Textforschung, den A-Text.
Wenn es dann Unterschiede in den Handschriften gibt, spricht man vom B-Text. Wenn es eigentlich klar wäre nach Ansicht der Forscher, dann sagt man B-Text. Und wenn es wirklich unklar ist, nennt man es C-Text, und wenn es sehr unsicher ist, D-Text.
Man kann also den A-Text nehmen und irgendeine Handschrift auswählen, zum Beispiel nur den Sinaitikus oder nur die Vatikanshandschrift, und schauen, wie oft sie den A-Text korrekt wiedergeben. Dabei sieht man, dass sie viele Fehler machen.
Als Vergleich nimmt man irgendeine völlig unbekannte Mehrheitstexthandschrift, sagen wir aus dem zwölften Jahrhundert, also fast tausend Jahre später, und schaut den A-Text an. Dann sieht man: Wow, so perfekt wiedergegeben! Da muss man sagen, die völlig unbekannte Mehrheitstexthandschrift aus dem zwölften Jahrhundert ist viel näher am Urtext als diese sogenannten alten und sehr wichtigen Handschriften.
So kann man das testen. Und so kann man zeigen, dass der Mehrheitstext eine Qualität hat, die man in diesen Minderheitstexthandschriften nicht findet.
Es ist auch so, dass man in der Forschung klar anerkennt, dass diese Handschriften aus Ägypten, also auch die früheren Papyri, die gerne für den Minderheitstext von Nestle-Aland herangezogen werden, einen fließenden Text aufweisen.
Was heißt das, fließend? Das bedeutet, dass diese Handschriften untereinander bei den gleichen Texten sehr viele Unterschiede aufweisen. Es gibt also Unsicherheit im Text.
Woher kommt es, dass andere Handschriften, wie die Mehrheitstexthandschriften aus der heutigen Türkei, aus Griechenland oder aus Italien, eben nicht so fließend sind? Man muss sich vorstellen: Die Urtext-Handschriften von Paulus, Matthäus, Johannes gab es noch einige Zeit, einige Jahrhunderte, bis sie ausgedient hatten, weil sie so viel benutzt wurden, um wieder Handschriften von ihnen abzuschreiben. Dann waren sie irgendwann verbraucht, das Material war aufgebraucht, und darum haben wir sie nicht mehr.
Aber in den ersten Jahrhunderten konnte man mit den Handschriften nach Rom gehen, um den originalen Römerbrief als Vorlage oder Korrektiv zu nehmen. Oder man konnte nach Korinth gehen, wo man den ersten und zweiten Korintherbrief hatte. Oder nach Thessalonich, wo man die Originale vom ersten und zweiten Thessalonicherbrief hatte, und so weiter.
Darum sind die Mehrheitstexthandschriften aus Italien, Griechenland und der Türkei, zum Beispiel für den Epheserbrief oder Kolosserbrief, nicht fließend, sondern sehr stabil. Das liegt daran, dass man über mehrere Jahrhunderte ein Korrektiv hatte.
Übrigens ist es wichtig: Wenn man eine Handschrift aus dem siebten Jahrhundert nimmt, darf man nicht automatisch denken, sie wurde abgeschrieben, abgeschrieben, abgeschrieben. Im siebten Jahrhundert konnte man zum Beispiel noch von einer Handschrift kopieren, die das Original war oder gerade eine erste Abschrift des Originals.
Die Anzahl der Jahrhunderte sagt also noch nichts darüber aus, welche Generation von Abschriften es ist.
Tatsache ist, dass der Mehrheitstext viele Handschriften von ausgezeichneter Qualität aufweist, die man mit dem A-Text belegen kann.
Die Mehrheitstexthandschriften zeigen ganz klar: Natürlich gehört „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ dazu. Das war das erste Wort des Herrn Jesus am Kreuz.
Welches war das letzte? „Es ist vollbracht“? Nein, nein. Es war der laute Schrei, aber was hat der Herr in dem lauten Schrei gesagt? „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“
Wir haben Lukas 23 noch offen, also Vers 34. Dort schreibe ich mir an den Rand eine Eins und einen Kreis darum. Haben wir das Wort? Ja, das erste Wort. Und dann das siebte Wort des Herrn in Vers 46: „Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist.“
Alle anderen Worte dazwischen gebe ich in der Reihenfolge an. Es gibt auf meinem Internetauftritt einen Vortrag über die sieben Worte des Erlösers am Kreuz. Den kann man sich anhören, wenn man es genauer wissen möchte.
Hier also die Reihenfolge:
Das erste Wort: Lukas 23,34 – „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Das zweite Wort: Johannes 19,26-27 – „Als nun Jesus die Mutter sah und den Jünger, den er liebte, dabei stehen, spricht er zu der Mutter: Frau, siehe deinen Sohn! Dann spricht er zu dem Jünger: Siehe deine Mutter! Und von der Stunde an nahm Johannes sie zu sich.“ Der Herr hat Johannes einen Auftrag gegeben, in dieser Stunde des Zusammenbruchs Maria zu umsorgen. Und der Herr hat seiner Mutter klargemacht, dass Johannes nun für sie wie ein Sohn sein wird.
Das dritte Wort: Lukas 23,43 – „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Das sagte Jesus zum Schächer am Kreuz.
Das vierte Wort kam, nachdem die Finsternis gekommen war. Das war alles noch, als es hell war. Dann kam die Finsternis. Das vierte Wort ist Matthäus 27,46, parallel Markus 15,34: „Eli, Eli, mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Das fünfte Wort steht in Johannes 19,28: „Mich dürstet.“ Es wurde noch Essig gereicht.
Das sechste Wort ist in Johannes 19,30: „Es ist vollbracht.“ Danach hat der Herr einen Schrei ausgestoßen, sagt Matthäus. Aber in Lukas 23,46 wissen wir, was er gerufen hat: „Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist.“ Das war die Erfüllung von Psalm 31,6, einem messianischen Psalm, in dem genau dieses Wort prophetisch zu finden ist.
So haben wir sieben Worte. Wir wissen, dass die Zahl sieben eine Mitte hat. So wie die Evangelien die Mitte sind, und sieben Teile der Bibel vollständig abgeschlossen und vollkommen sind – die Zahl sieben.
Das Wort in der Mitte ist: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Auch das zeigt wieder die herzergreifende Bedeutung dieses Wortes. Der Herr stellt eine Frage. Und wer soll die Antwort geben? Wir alle.
Wenn wir sie beantworten können: „Wegen meiner Sünde, Herr Jesus, musste Gott dich verlassen“, dann haben wir das Opfer auch für uns persönlich in Anspruch genommen.
Diese Frage richtet sich an unsere Herzen, damit wir sie vor dem Herrn Jesus von ganzem Herzen beantworten – wegen mir.
Übrigens: Das Wort „Lama“ oder „Lema“ oder „Lima“ ist alles dasselbe und bedeutet „warum“. So sagt man heute auf Afrikanisch „Lama“. Es gibt auch ein anderes Wort, „Madua“, das ebenfalls „warum“ heißt. In Israel braucht man heute beide: „Madua“ und „Lama“.
Ganz wörtlich bedeutet „La“ „zu“ und „Ma“ „was“, also „zu was“, also „warum“ im Sinn von „Mit welchem Zweck? Was ist der Sinn? Wozu?“
Diese Frage müssen wir beantworten, dieses „Lama“ müssen wir beantworten – wegen meiner Sünde.
Reaktionen der Umstehenden und das Zeugnis des Hauptmanns
Dann gehen wir weiter zu Vers 47 in Matthäus 27:
Die Dastehenden hörten es und sagten: „Dieser ruft Elija.“
Wer waren die Dastehenden? Wer stand zu diesem Zeitpunkt da? Die führenden Priester hatten ja am Anfang gespottet, wie wir letztes Mal in den Versen davor in Matthäus 27 gesehen haben. Auch die Vorübergehenden verspotteten Jesus. Aber dann kam diese Finsternis, die die Situation ganz verändert hat.
Wer waren die Soldaten? In Vers 54 lesen wir:
„Als aber der Hauptmann und die, die mit ihm Jesus bewachten, das Erdbeben sahen und das, was geschah, fürchteten sie sich sehr und sprachen: Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn.“
Der Hauptmann, das ist das Wort für einen Zenturio, also einen Offizier über hundert Soldaten, war da mit seinen Soldaten. Natürlich war er nicht gerade fit in Aramäisch und Hebräisch. Es ist oft so, dass die Besatzungsmacht nicht besonders interessiert ist an den Fremdsprachen der besetzten Völker.
Das war auch so, als die Briten ein riesiges Weltreich hatten – bis sie es nach 1945 verloren. Sie hatten eine schreckliche Politik gemacht, auch während des Zweiten Weltkrieges. Viele Juden, die flüchten wollten, wollten ins Land ihrer Väter, wurden aber von Haifa aus zurückgeschickt. Manche kamen danach noch in Konzentrationslager. Es war sehr schlimm, und dann haben die Briten ihr Weltreich verloren.
Aber die Briten waren nicht daran interessiert, dass die Leute in Indien Hindi sprechen konnten oder andere lokale Sprachen. Englisch war die Sprache, die man sprechen musste. Warum sollte man eine andere Sprache lernen, wenn man schon die „schönste“ Sprache kann? Das ist das Problem. Sie sagen zwar nicht unbedingt so, aber die Haltung ist: Wenn man die Sprache, die alle verstehen, kann, muss man keine Fremdsprachen lernen.
Darum haben wir in der Schweiz einen viel größeren Druck, Fremdsprachen zu lernen. Das ist ein Vorteil gegenüber den Amerikanern, bei denen nicht viele mehrere Sprachen sprechen, weil sie eben so gut Englisch können.
Also, jetzt muss man sich vorstellen: Die Soldaten konnten auch nicht so gut Aramäisch oder Hebräisch. Sie hören diesen Mann am Kreuz rufen: „Eli, Eli.“ Man muss sich das vorstellen, das war ein Schrei des Herzens. Es klingt wie eine Kurzform von Elija. Sie sagen: „Dieser ruft Elija.“ Eine schreckliche Vorstellung, als würde der Herr sich an einen Menschen richten.
Er ruft zu Gott, dem Vater. „Eli“ heißt ja „mein Gott“. „Eli“ ist die Kurzform von Yahweh, dem Ewigen. Also wirklich: „Eli“ ist die Kurzform von „Eli, ja“. Sie sagen: „Dieser ruft den Elija.“ Aber wenigstens bringen sie dann noch einen Schwamm mit Essig und geben ihn dem Herrn zu trinken.
Wir haben letztes Mal Psalm 69 angeschaut, den messianischen Psalm, in dem der Herr Jesus sagt: „Sie gaben mir Galle, und in meinem Durst drängten sie mir Essig zu trinken.“ Wir haben gesehen, dass das griechische Wort für Galle, „Cholä“, einfach einen Bitterstoff meint. Das war also Essig vermischt mit einem Schmerzmittel, das etwas dämpfen sollte.
Der Herr hat es, wie wir letztes Mal in Matthäus 27 gesehen haben, nicht genommen. Der Herr wollte keine Erleichterung in seinem Leiden für unsere Sünden. Aber das ist kein Argument, um zu sagen, wenn man mal in einer Situation mit unerträglichen Schmerzen ist, möchte man auf keinen Fall Palliativbehandlung. Nein, es ist ein Geschenk, dass es das gibt und dass man heute in vielen Fällen so präzise einstellen kann.
Der Herr als Sündenträger wollte das nicht. Aber hier sehen wir: Sie haben nur Essig gegeben, und den hat er genommen. Darum sagt Psalm 69: „Sie gaben mir als Speise Galle.“ Das heißt aber nicht, dass er sie angenommen hat. Sie haben es angeboten. Und „in meinem Durst tränkten sie mich mit Essig.“ Ja, er hat es getrunken.
Essig mit Wasser vermischt ist ein sehr starker Durstlöscher. Dieser schreckliche Durst des Erlösers am Kreuz wird in Psalm 22 vorausgesagt. Wenn wir Psalm 22 noch einmal aufschlagen – wir haben letztes Mal einige Punkte aus Psalm 22 und deren Erfüllung in Matthäus 27 angeschaut, aber diesen Punkt nicht.
Aus medizinischen Gründen bewirkt das Leiden der Kreuzigung einen unvorstellbaren Durst. Der Herr sagt in Psalm 22, Vers 16:
„Meine Kraft ist vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt an meinem Gaumen; und in den Staub des Todes legst du mich.“
Da spricht der Herr über seinen Durst gerade vor dem Tod: „Ich war vertrocknet wie eine Tonscherbe, meine Zunge klebt an meinem Gaumen.“
Dann war das etwas Besonderes, dieser Essig. Wer das schon erlebt hat, eine sterbende Person, die den Durst so richtig spürt, weiß, dass nur ein bisschen Feuchtigkeit im Mund eine große Wohltat ist.
So wurde dem Herrn von diesen rohen Soldaten dieser Durstlöscher gegeben. Und der Herr sagt: „Und in den Staub des Todes legst du mich.“
Der laute Schrei Jesu und seine Autorität über Leben und Tod
Und so sehen wir wieder den Herrn Jesus, nach Vers 50. Wir sind zurück in Matthäus 27. Er schreit nochmals mit lauter Stimme. Die Ergänzung dazu findet sich in Lukas 23. Der Herr sagt: „In deine Hände übergebe ich meinen Geist.“
Was auffällt, ist, dass der Herr nicht abgeschwächt war. Ein Abgeschwächter kann keinen lauten Schrei mehr geben. Ich will das nicht nachmachen, aber ich möchte nur sagen: Das war nicht einfach ein Flüstern, sondern eine eindrückliche Erfüllung von Psalm 31: „In deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Der Herr war nicht abgeschwächt, wie man es von einem Gekreuzigten erwarten würde.
Das müssen wir im Zusammenhang mit Johannes 10 sehen, wo der Herr Jesus von sich als dem guten Hirten spricht, der bereit ist, sein Leben zu geben. Lies Johannes 10,17-18: „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, um es wiederzunehmen. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen.“
Das ist so eindrücklich: Der Herr sagt, man hätte ihn eigentlich nicht töten können, wenn er nicht bereit gewesen wäre, für uns in den Tod zu gehen. Im Johannes-Evangelium wird hier gerade die Gottheit des Herrn Jesus betont und die Tatsache, dass er der ewige Sohn ist. Er sagt: „Niemand nimmt es, sondern ich lasse mein Leben.“ Diese Autorität, sein Leben zu lassen, hat er wirklich. Und da hat er sein Leben in die Hände des Vaters übergeben: „In deine Hände übergebe ich meinen Geist.“
Natürlich lag die Verantwortung bei den Menschen. Die Apostelgeschichte 2 und 3 machen das ganz deutlich: Sie haben den Fürsten des Lebens getötet. Ja, aber sie hätten es nicht gekonnt, wenn der Herr nicht bereit gewesen wäre, sein Leben zu geben. Dahinter steckt ein großes Geheimnis, eben weil er Gott und Mensch ist. Er sagt: „Ich habe Gewalt, es zu lassen, und es wiederzunehmen.“
Was bedeutet das noch mehr? Das heißt, dass er sich selbst auferweckt hat. In 1. Petrus 3 heißt es, dass der Herr Jesus durch den Heiligen Geist auferweckt wurde. In Römer 6 steht, dass er durch die Herrlichkeit des Vaters auferweckt wurde. Und Johannes 10 sagt, der Herr habe Gewalt, es wiederzunehmen. Der dreieinige Gott hat gewirkt, aber der Sohn Gottes hat die Gewalt, das Leben wieder an sich zu nehmen. So eindrücklich.
Und eben diese Soldaten, die Mühe haben mit der Sprache des Erlösers, sagen: „Dieser ruft Elija.“ Noch schlimmer ist, was in Vers 49 steht: „Die übrigen aber sagten: Halt, lasst uns sehen, ob Elija kommt, um ihn zu retten.“ Nein, da kam kein Elija. Der Jesus schreit und gibt sein Leben. Wäre er abgehalten worden zu sterben, wären wir alle verloren gegangen. Aber da war kein Elija.
Und Jesus hat sein Leben nicht geschont, sondern er hat es gegeben. Und der Vater hat ihn nicht geschont, sondern hat seinen Sohn gegeben. Das ist die Aussage von Johannes 3,16: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, hat ihn eben nicht aufgehalten, sondern er hat ihn gegeben, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“
Die Zeichen am Kreuz und ihre Bedeutung
Und dann haben wir diese gewaltigen Zeichen ab Vers 51. Können wir das ganz kurz zusammenfassen?
Erstens: Was geschieht? Der Vorhang des Tempels zerreißt, und zwar von oben nach unten. Die Decke und der Vorhang im Allerheiligsten waren so hoch, dass ein Priester, der dort stand, nur hinaufschauen konnte, aber ihn nicht erreichen. Dennoch riss der Vorhang von oben nach unten.
Und um wie viel Uhr war das? Um drei Uhr. Was geschah um drei Uhr? Wir wissen, dass zu dieser Zeit das Abendbrandopfer auf dem Brandopferaltar vor dem Tempelhaus aufgelegt wurde. Zur gleichen Zeit starb der Herr Jesus. Und was war im Heiligen? Das Räucherwerk.
In 2. Mose wird gesagt, dass das Räucherwerk auf dem goldenen Altar zwischen den zwei Abenden dargebracht werden musste. Das ist ein Ausdruck, der auf Deutsch nicht leicht verständlich ist. Er wird auch in 2. Mose 12 verwendet: Das Passa musste zwischen den zwei Abenden geschlachtet werden, ebenso wie das Räucherwerk am Abend zwischen den zwei Abenden dargebracht werden musste.
Der Ausdruck Arbaim bezeichnet einfach die Zeit von drei Uhr bis sechs Uhr, also bis zum Sonnenuntergang. Wir sehen den Lauf der Sonne: Von sechs Uhr morgens geht es auf bis zum höchsten Stand um zwölf Uhr. Ich spreche jetzt vom Durchschnitt im Frühjahr, denn wir sind hier im Frühjahr. Um drei Uhr beginnt der letzte Abschnitt, das ist Ben Arbaim, zwischen den zwei Abenden.
Darum hat man die Passalämmer immer ab drei Uhr geschlachtet, nicht bis sechs Uhr, sondern bis siebzehn Uhr. Das heißt also, die Schlachtung der Passalämmer war am Tag zuvor zum gleichen Zeitpunkt. An diesem Moment wurde das Abendbrandopfer aufgelegt – an dem Tag der Kreuzigung, an diesem Karfreitag.
Der Priester, der räuchern sollte auf dem goldenen Altar, war eben gerade dort vor dem Vorhang. Dort stand der goldene Räucheraltar. Und das war immer so: Der Priester, der diese Aufgabe tun sollte, durfte sie nur einmal im Leben ausführen. Es gab Tausende von Priestern, jeder wollte diese Aufgabe übernehmen. Gerade diese Aufgabe war besonders begehrt, weil man sagte, derjenige, der diesen Dienst tun darf, kann einen besonderen Segen von Gott erhalten.
Das ist auch der Hintergrund von Lukas 1, wo Zacharias am goldenen Altar räuchern sollte. Dort bekommt er die Nachricht von einem Engel, dass er einen Sohn bekommen würde, Johannes den Täufer.
Wichtig ist: Andere Priester mussten alles schön vorbereiten und dann wieder hinausgehen. Der räuchernde Priester war einmal im Leben dabei, höchstens wenn er diese Aufgabe übertragen bekam, am goldenen Räucheraltar – und zwar ganz allein.
Man hatte schon vorher Kohlen vom äußeren Altar auf eine Schaufel gebracht und auf den goldenen Räucheraltar gelegt. Dann musste der Priester mit einem goldenen Räucherfass – das war ein Gefäß – auf einem goldenen Teller mit beiden Daumen das vorgeschriebene Räucherwerk von hinten beginnend so auf die Kohlen legen, dass der Rauch emporstieg.
Warum begann man hinten und nicht vorne? Damit das Räucherwerk nicht verbrannte. Ganz einfach. Man muss sich das vorstellen: Ein solches Erlebnis ist aufregend. Einmal im Leben, das wird sich nie wiederholen, als Priester diese Aufgabe ganz allein zu übernehmen. Man hat diese Aufgabe noch nie gemacht. Das Ganze ist einmalig, man ist aufgeregt, höchst konzentriert – und dann reißt der Vorhang in zwei.
Was macht man, wenn so etwas passiert? Dann schaut man hinein. Ja, das war alles geplant. Und dann ist man entsetzt. Das darf doch keiner sehen! Das Allerheiligste darf nur der Kohen Gadol, der Hohepriester, einmal im Jahr an Jom Kippur betreten.
Ich habe es gesehen – also ein doppelter Schreck.
Sehen wir, wie Gott alles geplant hat. So hat er auch unsere Zeit in der Hand. Wir haben gerade Psalm 31 zitiert, wo steht: „In deiner Hand sind meine Zeiten“ oder „meine Geschicke“. Der Herr hat einen Zeitplan für unser Leben. Wenn wir das nur mehr beachten würden, dass nichts zufällig geschieht.
Er hat den Zeitplan völlig in der Hand, wie wir auch im Buch Esther sehen: Genau im richtigen Moment kommt Haman mit seinem Anliegen, und so weiter. Wirklich wunderbar!
Es war so zeitlich geplant, dass dieser Priester das so erleben sollte – als Zeuge, wie Gott das Allerheiligste geöffnet hat, um zu zeigen: Jetzt ist der Zugang offen.
Wir hatten vor Jahren eine Ausstellung in Lausanne mit der Stiftshütte in Originalgröße. Das war eine grandiose Sache. Die Stiftshütte stammte von Breckefeld, von der Biedelschule, und sie steht heute in Timna, in der Negev-Wüste. Dort sieht es schon richtig aus wie die Sinai-Wüste, und die Stiftshütte war dort im richtigen Setting aufgebaut.
Aber wir hatten sie in Lausanne, und über hunderttausend Leute kamen. Tag für Tag wurden die Besucher durch die Ausstellung geführt, und man erklärte ihnen die Symbolik. Ich war auch dabei. Das war eine fantastische Zeit.
Da kamen Leute ohne christlichen Hintergrund, natürlich auch viele Gläubige, alles war vertreten. Und auch orthodoxe Juden kamen.
Ein Bruder, der die Führung übernommen hatte – den hätte ich gern begleitet, aber ich gönnte ihm das – machte seine Sache sehr gut. Er erklärte anhand der Stiftshütte, dass der Gott des Alten Testaments derselbe Gott ist wie der Gott des Neuen Testaments.
Der Gott im Judentum ist der verborgene Gott hinter dem Scheidevorhang. Der Gott im Neuen Testament ist der Gott, der sich offenbart hat, dessen Heiligtum geöffnet wurde, sodass wir Zugang zu ihm haben und ihn Abba Vater nennen dürfen.
So steht es in Römer 8. Abba heißt nicht einfach Vater, sondern es ist ein zärtlicher Ausdruck. Die kleinen Kinder in Israel sagen Abba, Abba. So dürfen wir den ewigen Gott kennen, weil durch den Tod des Herrn Jesus dieser Zugang offen ist.
Aber was hat man im Judentum gemacht? Der Vorhang wurde jedes Jahr ersetzt. Es gab eine Gruppe von Mädchen in Israel, die auf der Südseite der Gebäude, die den inneren Vorhof begrenzten, einen speziellen Raum hatten, in dem sie den Scheidevorhang webten.
Jedes Jahr wurde der Scheidevorhang durch einen neuen ersetzt. Dieses geöffnete Heiligtum wurde wieder geschlossen, und man hängte einen intakten Scheidevorhang auf.
Die Vorhänge im Tempel und ihre Bedeutung
Nun ist es interessant: Im Talmud steht zum Beispiel in Joma 51b, aber auch in Ketuvot 106a, und besonders in Joma – das heißt auf Aramäisch „Tag“. Ich habe gesagt, Yom heißt Tag auf Hebräisch, und Hayom ist der Tag. Yoma bedeutet „der Tag“, also mit dem Artikel hinten angehängt auf Aramäisch. Yoma ist der Jom Kippur.
Dieses Traktat Yoma im Talmud beschreibt viele Details zum Jom Kippur. Dort, in Joma 51b, steht, dass es zwei Scheidevorhänge gab, mit einem Abstand von einer Elle dazwischen. Der Hohepriester ging auf einer Seite hinter dem ersten Scheidevorhang hinein, dann zwischen den Vorhängen hindurch und auf der anderen Seite ins Allerheiligste, um schließlich das Blut des Opfers im Allerheiligsten zu sprengen.
In einem anderen Traktat, Shekalim 8,5, wird hingegen nur von einem Vorhang gesprochen. Das ist das Gleiche wie in der Bibel. Wenn etwas so unterschiedlich klingt, könnte man oberflächlich von einem Widerspruch sprechen. Doch man muss sich fragen: Wie lässt sich das zusammenbringen?
Auch Josephus Flavius beschreibt in seinem Werk „Jüdischer Krieg“ 5,5,5 – das kann man sich gut merken – die Zerstörung des Tempels im Jahr 70. Dort spricht er ebenfalls von einem Vorhang. Was stimmt nun?
In den Evangelien lesen wir in Markus 15,38: „Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriss.“ Es steht nicht „die Vorhänge des Tempels zerrissen“ oder „einer der Vorhänge zerriss“. In Lukas 23,45 steht es genau gleich: „Da sich die Sonne verfinsterte, riss der Vorhang des Tempels mitten in zwei.“
Es wird also nur von einem Vorhang gesprochen. Bis zum Jahr 32 gab es offenbar einen Vorhang, wie es auch in Shekalim beschrieben wird. Dann, unter dem Schock, sah ein Priester ins Allerheiligste, was er eigentlich nicht durfte. Das war ernst gemeint.
Man kann sich fragen: Was machte man eigentlich, wenn sich zum Beispiel das Gold an den Wänden im Allerheiligsten ablöste? Wer sollte das reparieren? Der Hohepriester am Jom Kippur musste sich umsehen, durfte das sogar, und musste melden, was er gesehen hatte. Danach musste repariert werden. Dazu brauchte man Arbeiter.
Wie konnten die ins Allerheiligste gehen, wenn das doch niemand durfte? Im Zweiten Tempel in Jerusalem gab es über dem ersten Stock noch einen zweiten Stock. Das war nicht das Allerheiligste, sondern einfach der Raum darüber, entsprechend zum Heiligen und Allerheiligsten.
Dort gab es ein riesiges Rad, wie wir auch aus dem Talmud wissen. Der Talmud ist eine Fundgrube für Informationen, man muss sie nur gut nutzen, sonst verliert man sich darin, ähnlich wie im Internet.
Ein Tipp: Es gab Liftkammern entlang der Wände, also schmale Liftkammern. Ein Priester stieg hinein und wurde dann heruntergelassen. Er sah nur die Wand, es gab mehrere Liftkabinen, aber er konnte sich nicht umschauen, denn es gab keine Fenster. Nur an der gegenüberliegenden Wand war eine Öffnung, und dort musste er reparieren. Danach wurde er wieder hochgezogen.
So wurden die Reparaturen durchgeführt. Es war wirklich ernst, denn kein Priester durfte das Allerheiligste sehen. Doch dieser Priester hat es gesehen. Daraufhin entschied man: Wenn das wieder passiert, machen wir einen zweiten Vorhang als Sicherheit.
Das ist die Erklärung. Durch diese Zeugnisse erhalten wir einen indirekten Hinweis auf den zerrissenen Vorhang. Man muss sich fragen, warum es eine Zeit mit einem Vorhang gab und eine Zeit mit zwei Vorhängen, nämlich vom Jahr 32 bis ins Jahr 70.
Das ist eigentlich ein feiner, versteckter Hinweis auf das, was das Neue Testament ganz klar sagt: Der Vorhang des Tempels zerriss.
Weitere Zeichen beim Tod Jesu und ihre Bedeutung
Was ist alles geschehen?
Der Vorhang im Tempel ist zerrissen (Vers 51). Zweitens gab es ein Erdbeben. Und bei diesem Erdbeben passierte ein drittes Ereignis: Die Felsen rissen auf.
Dann geschah etwas Weiteres: Gräber wurden plötzlich geöffnet, die Rollsteine weggerollt. Im Moment des Todes wurden Tote auferweckt – allerdings nicht Ungläubige, sondern solche, die alttestamentlich gläubig waren. Es waren nicht alle, sondern gerade einige in Jerusalem.
Diese Auferweckten gingen nach ihrer Auferstehung aus den Gräbern und erschienen in der heiligen Stadt vor vielen Menschen.
Jetzt wurden mehrere Dinge zusammengefasst: Die Toten wurden auferweckt. Doch was geschah danach? Sie blieben von Freitag bis Sonntag im Grab. Erst nach der Auferstehung des Herrn Jesus verließen sie die Gräber. Sie gingen dann in die Stadt und liefen umher.
Das waren keine Geistererscheinungen, sondern eine wirkliche Totenauferstehung. Diese Menschen gingen also nach Jerusalem, durch die Gassen und erschienen vielen.
Das ist schon sehr eindrücklich. Es wird nicht genau gesagt, wer diese Auferweckten waren, aber es ist klar, dass all dies geschehen ist.
Gott hat in seiner Gnade hier ein mächtiges Zeugnis für Israel gegeben. Man musste erkennen, dass das nicht zu leugnen war: Derjenige, von dem behauptet wurde, er sei ein falscher Messias, den der Hohepriester auf völlig illegale Weise zum Tod verurteilt hatte – wie wir gesehen haben –, ist tatsächlich der Messias.
Genau im Moment seines Todes zerreißt der Vorhang im Tempel. Gleichzeitig gibt es dieses Erdbeben. Das Land Israel wird erschüttert. Dieses Land liegt ohnehin zwischen zwei Kontinentalplatten, die sich annähern, weshalb es erdbebengefährdet ist. Doch genau in diesem Moment ereignet sich das Erdbeben, und eindrucksvoll reißen Felsen auf.
Dann öffnen sich Gräber, und Menschen werden auferweckt.
Das macht deutlich: Dieser Tod hat den Tod besiegt. Die Auferweckten erscheinen konkret in den Straßen von Jerusalem.
Gott hat seinem irdischen Volk in seiner Gnade diese Zeugnisse gegeben, damit sie nochmals erkennen: Das ist der Messias. Nicht etwa war das der Messias, sondern das ist der Messias, der durch seinen Tod die Prophezeiungen des Alten Testaments erfüllt hat und den Tod besiegt hat.
Das ist so eindrücklich.
Praktische Hinweise zum Bibelstudium und Abschluss
Übrigens ein kleiner praktischer Tipp: Ich mache das so in meiner Bibel. Einen solchen Abschnitt, zum Beispiel Verse 51 bis 53, nehme ich mit einem roten Stift, weil das ganz besonders wichtige Dinge sind, und markiere gezielt einzelne Buchstaben.
Ich markiere zum Beispiel bei „zerriss“ nur das „r“, bei „erbebte“ nur das „e“, aber nicht das ganze Wort. Wenn man alles unterstreicht, sieht die Bibel schnell aus wie eine, die gar nicht unterstrichen ist. Mit gezielter Unterstreichung kann man sich schneller im Text zurechtfinden.
Bei „rissen“ unterstreiche ich nur das „r“, bei „taten sich auf“ das „a“ in „auf“. Bei „auferweckt“ markiere ich das „a“, bei „kamen“ das „k“, bei „gingen“ das „g“ und bei „erschienen“ das „e“. Dadurch ist der Text so strukturiert, dass ich mir Fragen wie „Was geschah?“ schneller beantworten kann, ohne alles noch einmal nachschlagen zu müssen. Ich habe das einmal gemacht und so sind „zerriss“, „erbebte“, „rissen“, „taten sie auf“, „auferweckt“, „kamen“, „gingen“ und „erschienen“ markiert.
So ist der Text viel durchsichtiger, und man findet sich in seiner Bibel viel besser zurecht. Am Rand habe ich noch notiert: „acht“, denn es sind acht Ereignisse, die dort geschehen sind. Das ist ein imposantes, eindrückliches Zeugnis Gottes, das er in seiner Gnade dem irdischen Volk gegeben hat.
In Vers 54 sehen wir, wie die Heiden reagierten. Diese Zenturionen waren geistlich schon minder bemittelt. Wenn sie den Ruf „Mein Gott, mein Gott“ hörten, dachten sie wahrscheinlich, dass jetzt Elija kommt. Was verstehen sie schon? Aber sie erleben das Erdbeben, und nicht nur der Zenturion, sondern auch die anderen Soldaten – also in der Mehrzahl – fürchteten sich sehr.
Sie sprachen: „Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn.“ Natürlich wussten sie manches vom Judentum, und das Wenige war ihnen eine Hilfe, um zu erkennen, wer der Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut war, der da am Kreuz hing.
Sie kommen zur Erkenntnis: „Das ist nicht irgendein Mensch, wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn.“ Ob sie wirklich dadurch bekehrt wurden, sagt das Wort Gottes nicht. Aber dieser Eindruck, dieses Erlebnis war die Grundlage dafür, dass sie auf jeden Fall in einer besonderen Weise die Gelegenheit hatten, errettet zu werden für die Ewigkeit.
Jetzt ist die Zeit abgelaufen, und wir werden das nächste Mal mit Vers 55 weitermachen. Dort finden wir die Frauen, die dem Herrn als Jüngerinnen nachgefolgt sind und gerade in den Stunden der Leiden eine ganz besondere Treue dem Herrn gegenüber gezeigt haben. Danach geht es weiter mit Joseph von Arimathäa und so weiter.
Wir wollen an dieser Stelle schließen.
Vielen Dank an Roger Liebi, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!
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