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Gerecht vor Gott - aber wie?

Wir betrachten den Römerbrief, Teil 3/16
02.02.2025Römer 1,16-17
SERIE - Teil 3 / 16Wir betrachten den Römerbrief
Was macht das Evangelium so kraftvoll und warum schämen sich manche dafür? Es offenbart Gottes Gerechtigkeit – nicht unsere, sondern die von Jesus Christus, die uns geschenkt wird. Wie kann ich vor Gott bestehen? Durch Glauben, nicht durch eigene Werke. Warum ist das ein Grund zur Freude und nicht zum Verzweifeln? Entdecke, wie diese Botschaft Freiheit schenkt und unser Leben verändert. Wie findest du Frieden vor Gott?

Einführung in die Schlüsselverse des Römerbriefs

Ja, Römer Kapitel 1, und dort die Verse 16 und 17. Ich lade uns ein, noch einmal aufzustehen zur Textlesung: Römer 1,16-17.

Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht. Denn es ist Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, dann auch für den Griechen. Denn es wird darin geoffenbart die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben. Amen. Nehmt gerne Platz.

Diese beiden Verse gehören zu den bedeutendsten im Römerbrief. Es gibt Theologen, die sagen sogar, dass diese beiden Sätze oder Verse die wichtigsten in der gesamten Weltliteratur seien. Sie bilden das Herzstück des christlichen Glaubens.

Martin Lloyd-Jones, der große Prediger Londons, sagte: Es gibt keine zwei Verse in der Heiligen Schrift, die wichtiger sind als diese. Und ganz ehrlich: Als ich das alles so in der Vorbereitung auf mich habe wirken lassen, habe ich gedacht: Christian, du armes kleines Licht, was machst du jetzt damit?

Denn hier kommt eine Wucht auf uns zu. Die große Bedeutung dieser beiden Verse liegt in der zugrunde liegenden Frage, die von den Versen beantwortet wird. Es ist nämlich die wichtigste und größte Frage der Menschheit und auch deines persönlichen Lebens. Und sie lautet: Wie kann ein Mensch mit Gott ins Reine kommen? Wie kann ein Mann, wie kann eine Frau, wie kannst du, wie kann ich vor dem lebendigen Gott bestehen? Wie können wir gerecht vor dem Heiligen sein?

Kontext und persönliche Haltung des Apostels Paulus

Doch zunächst der Kontext: In den vorherigen Versen hat der Apostel Paulus sein tiefes Verlangen zum Ausdruck gebracht, nach Rom zu reisen. „Ich bin ein Schuldner“, sagt er in Vers 14, und in Vers 15 fügt er hinzu, dass er darum bereit ist, so viel an ihm liegt, auch in Rom das Evangelium zu verkündigen.

Dann folgt dieser gelesene Satz: „Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht.“ Es zu predigen und dafür einzustehen empfand er nicht als Verlust seines Status. Er genierte sich nicht des Evangeliums von Jesus, dem lebendigen Sohn Gottes, der am Kreuz stellvertretend für Sünder starb und am dritten Tag auferweckt wurde. So haben alle, die an diesen Jesus glauben, nicht verloren, sondern das ewige Leben.

Der Unschuldige, Jesus, der Sohn Gottes, nahm unsere Sünden auf sich, um die gerechte Strafe Gottes für alle zu tragen, die an ihn glauben. Der Apostel schämte sich für diese Botschaft nicht, obwohl sie mit den Werten und Interessen der damaligen Zeit und seiner Zeitgenossen nicht konform war. Für Juden war das Evangelium ein Skandal, und für die Griechen war es Unfug.

Wer das Wort vom Kreuz verkündet, ist auch heute gesellschaftlicher Verachtung und Feindschaft ausgesetzt. Es braucht ein gewisses Maß an Mut, sich zu dieser Botschaft zu stellen. Für Paulus war es keine Schande. Egal wie töricht das Evangelium in den Augen der Welt auch sein mag, er sagt: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht.“ Deswegen will er auch zu euch nach Rom kommen und es verkündigen in der ganzen Welt, denn wir haben gehört: „Ich bin ein Schuldner.“

Wie ist es mit uns? Schämen wir uns nicht doch viel zu häufig dieser Botschaft? Wenn wir es tun, dann müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass wir uns – und ich schließe mich da voll mit ein – etwas schämen, das unser Leben gerettet hat. Es ist tatsächlich die Antwort auf die wichtigste Frage unseres Lebens: Wie kann ich vor Gott bestehen?

Das ist unangenehm. Wir genieren uns für das, was unserer verzweifelten Seele Hoffnung brachte. Die Frage ist: Warum? Warum? Und warum kann Paulus so sicher sagen: „Ich schäme mich dafür nicht“?

Nun, vielleicht liegt das daran, dass uns nicht immer bewusst ist, was das Evangelium wirklich bedeutet. Und da können wir heute Morgen von der Standhaftigkeit des Apostels lernen. Wir sehen, was für eine Tiefe und was für ein Geheimnis in dieser Botschaft von Christus verborgen liegt und welche Auswirkungen sie wirklich radikal auf unser Leben hat.

Je mehr wir es verstehen – mit Gottes Hilfe – desto sicherer werden wir darin. Und desto selbstverständlicher sagen wir auch: „Ich schäme mich dieses Evangeliums nicht“, auch wenn meine Zeitgenossen es in den Dreck ziehen.

Die Kraft des Evangeliums als göttliche Macht

So wollen wir heute Morgen von der Standhaftigkeit des Apostels lernen und sehen zuallererst, dass das Evangelium die Kraft Gottes ist. Er schreibt in Vers 16: „Ich schäme mich dieses Evangeliums nicht, denn es ist Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, dann auch für den Griechen.“

Wir erinnern uns, dass diese Zeilen im Original an die Gläubigen in Rom gerichtet waren. Sie lebten im Machtzentrum der damaligen Zeit. Rom war supermächtig und hatte den weitaus größten Teil der damaligen Welt unter Kontrolle. Rom hat beeinflusst, Rom hat verändert, Rom hat geprägt. Das Imperium hatte sich so weit ausgebreitet, dass tatsächlich, wie man bis heute sagt, alle Straßen nach Rom führten.

Die Baukunst, das Rechtssystem, die Armee – sie waren weltbekannt und überall präsent. Diese Macht und Kraft wurde unmittelbar mit dem Kaiser, dem Caesar von Rom, in Verbindung gebracht. Er wurde sogar als Gott angebetet. Deswegen war es eine große Prüfung und eine riesige Herausforderung für jemanden zu sagen: „Ich glaube an den Herrn Jesus Christus.“

In dem Moment, in dem jemand das sagte, erhob er Christus über den Caesar. Und wenn er dies tat, wurde er häufig mit dem Tod bestraft. Bis heute ist es so, dass nicht Caesar die wahre Kraft ist, sondern das Evangelium. Denn es heißt, es ist Gottes Kraft. Bis heute übersteigt diese Kraft des Evangeliums jede andere Macht auf dieser Welt. Es ist die Kraft Gottes.

Das Evangelium überragt die Kraft des Intellekts, die Kraft der Wirtschaft, die Kraft der Wissenschaft, die Kraft der Industrie und die Kraft des Militärs. Das Evangelium ist Gottes Kraft und deshalb weitaus größer als alles andere. Obwohl wir Gottes Kraft in der Natur sehen – in den Seen, in den Vulkanen, in den Bergen, in den Massiven, in der Sonne und in den Sternen des Universums – sehen wir doch nirgendwo in der Bibel, dass die Schöpfung als Gotteskraft bezeichnet wird.

Gottes Kraft wird in der Bibel nur mit Christus selbst und mit dem Evangelium in Verbindung gebracht. Wie stark muss das Evangelium sein, wenn Gott es als seine Kraft bezeichnet? Denn diese Kraft kann, wie unser Text sagt, jeden Menschen – egal ob Jude oder Grieche – von seinem falschen Weg ins ewige Verderben auf den Pfad zum Himmel bringen. Nichts anderes vermag dies zu tun.

Es ist die Kraft Gottes zur Erlösung für jeden, der glaubt, und dafür schämt sich Paulus nicht. Warum auch? Warum sollte man sich für die Kraft Gottes schämen?

Die Offenbarung der göttlichen Gerechtigkeit im Evangelium

Er geniert sich auch nicht, weil es zweitens die Gerechtigkeit Gottes offenbart.

Schauen wir noch einmal in den Text: „Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht, denn es ist Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, dann auch für den Griechen. Denn es wird darin geoffenbart die Gerechtigkeit Gottes.“

Nun, was heißt das? Gerechtigkeit Gott gegenüber bedeutet, in völliger Übereinstimmung mit dem Wesen Gottes zu sein. Das heißt, in völliger Übereinstimmung mit Gott in den Worten zu sein, die wir sprechen, in den Taten, die wir tun, und in den Haltungen und Gedanken, die wir in den tiefsten Winkeln unseres Herzens bewegen.

Von oben bis unten, von links nach rechts, von innen nach außen – durch und durch Gott wohlgefällig und seinen Geboten entsprechend zu leben. Kein Mensch kann diesem Maßstab gerecht werden.

Paulus verwendet den nächsten großen Abschnitt – wir werden in den nächsten Wochen darüber hören – sehr detailliert, um zu zeigen, wie sehr jeder Mensch diesem Maßstab, diesem Ziel, für das wir geschaffen wurden, entfernt ist und wie desaströs wir verloren sind, weil wir Gottes Gerechtigkeit nicht nachkommen.

Nun heißt es hier aber: Im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbar. Luther übersetzt in der 1912er Übersetzung: „Es ist die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.“

Ein paar wesentliche Hinweise an dieser Stelle bezüglich dieser Gerechtigkeit, um die es geht: Das Erste, was wir festhalten müssen, ist, dass diese Gerechtigkeit, die Gott verlangt, nicht unsere Gerechtigkeit ist, sondern die unseres Herrn Jesus Christus.

Vers 16: „Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht.“ In Kapitel 3, Vers 21, wo Paulus diesen Gedanken zu Ende führt, schreibt er: „Jetzt aber ist außerhalb des Gesetzes die Gerechtigkeit Gottes offenbar gemacht worden, die von dem Gesetz und den Propheten bezeugt wird, nämlich die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben an Jesus Christus, die zu allen und auf alle kommt, die glauben.“

Die Gerechtigkeit Gottes, die du brauchst und die ich brauche, um vor Gott zu bestehen, ist demnach nicht unsere Gerechtigkeit, sondern es geht hier um die Gerechtigkeit, die im Evangelium offenbar wird, wie unser Bibeltext es sagt, und im Evangelium.

Wieso geht es um Jesus Christus? Es ist also Jesus, der diese Gerechtigkeit hat. Nicht wir haben sie, sondern wir empfangen sie von ihm.

Die vollkommene Gerechtigkeit Jesu Christi

Wie kann es sein, dass Jesus diese Gerechtigkeit hat? Warum er und nicht du?

Jesus besitzt diese Gerechtigkeit auf zweierlei Weise. Zum einen ist er gerecht aufgrund seines Wesens, seiner Natur. Die Bibel lehrt, dass er vollkommen Gott und vollkommen Mensch ist – wahrer Gott und wahrer Mensch.

Als vollkommener Gott ist Jesus absolut heilig – von oben bis unten, von links nach rechts, von innen nach außen, in Worten, Gedanken und Haltungen, in seinem Wesen und seiner Natur ohne Sünde. Deshalb sagte er, als er auf der Erde war: „Ich tue alle Zeit, was dem Vater wohlgefällt.“ Hand aufs Herz: Kannst du das über dich sagen? Nein, keiner von uns kann das sagen, nur Jesus.

Er fragt: „Wer unter euch kann mich einer Sünde beschuldigen?“ (Johannes 8). Die Antwort lautet: Niemand. Das bedeutet, Jesus ist aufgrund seines Wesens, seiner Natur und seiner Göttlichkeit schon gerecht.

Aber nicht nur das: Er ist auch gerecht durch seinen Gehorsam. Jesus erwarb eine vollkommene Gerechtigkeit, indem er das Gesetz, die Gebote und die Anforderungen Gottes, die an uns als Forderung gerichtet sind, vollkommen erfüllte.

Erinnerst du dich, als Jesus von Johannes dem Täufer getauft werden wollte? Johannes sagte: „Der will sich von mir taufen lassen.“ Und Johannes antwortete: „Ich habe nötig, dass du mich tauchst, und nicht, dass ich dich taufe.“ Jesus sagte daraufhin: „Lass es jetzt so geschehen, denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“

Mit anderen Worten: Jesus wandelte auf dieser Erde und war nicht nur gerecht aufgrund seines Wesens, sondern auch aufgrund seines Gehorsams. Er erfüllte mit allem, was er tat, das vollkommene heilige Gesetz Gottes – das war sein Gehorsam.

Er hat das Gesetz vollkommen gehalten, jedes Detail, jeden Strich, jedes Komma. Darin versagte er nie. Er erfüllte Gottes Gesetz vollkommen und absolut. Deswegen hat er eine Gerechtigkeit, die vor Gott angenehm ist.

Nicht nur in seiner Natur und nicht nur in seinem Gehorsam hat er dem Gesetz Genüge getan, sondern er hat sogar – wir können sagen „on the top“ – die Strafe auf sich genommen, die das Gesetz für den Sünder vorsieht, obwohl er unschuldig war.

Er hat das Gesetz nicht nur durch sein Wesen, seine Natur und seinen aktiven Gehorsam erfüllt, sondern auch durch seinen passiven Gehorsam. Die Strafe, die ihn gar nicht hätte treffen müssen und dürfen, nahm er sogar auf sich.

So vollkommen hat er das Gesetz erfüllt. Er nahm unsere Schuld auf sich und trug sogar die Strafe dafür selbst. Er hat also das Gesetz sowohl positiv durch sein Handeln und seinen Gehorsam als auch negativ durch seinen Opfertod aktiv und passiv erfüllt.

Deshalb gibt es nun nichts mehr, was das Gesetz von Jesus noch fordern könnte – nichts mehr, was er erfüllen müsste.

Im Evangelium, das heißt im Leben und Sterben Jesu Christi, wird uns gezeigt, was es heißt, gerecht vor Gott zu sein: vollkommener Gehorsam und vollkommene Übernahme der Strafe. Eine Gerechtigkeit, die du und ich dringend benötigen, aber in uns nicht haben.

Dafür schämt sich Paulus nicht.

Die Gerechtigkeit als Geschenk durch den Glauben

Denn drittens ist diese Gerechtigkeit Jesu sogar ein Geschenk für dich.

Was nützt uns die Gerechtigkeit von Jesus? Was bringt es uns, wenn Christus gerecht ist, ich aber nicht? Und hier kommen wir zu der wichtigsten Frage deines Lebens: Wie kann diese Gerechtigkeit von Jesus zu mir kommen?

Diese Frage trieb den Mönch Martin Luther schier zur Verzweiflung. Wir haben es in der Auftaktpredigt zum Römerbrief bereits gehört, doch es ist so lebendig, wie er seinen Kampf um diese Gerechtigkeit beschreibt, den er erlebte.

Luther sagte genau über diese beiden Verse Folgendes: „Ich war von einem hitzigen Eifer ergriffen, Paulus im Römerbrief kennenzulernen. Dabei war mir im ersten Kapitel das Wort zuwider: Die Gerechtigkeit Gottes wird im Evangelium offenbar. Ich hasste das Wort ‚Gerechtigkeit Gottes‘, durch die Gott gerecht ist und die Sünder und Ungerechten straft. Ich konnte den gerechten, den Sünder strafenden Gott nicht lieben, ich hasste ihn vielmehr. Denn obwohl ich als untadeliger Mönch lebte, fühlte ich mich vor Gott als Sünder und war gar unruhig in meinem Gewissen. Ich getraute mich nicht zu hoffen, dass ich durch meine Genugtuung versöhnt sei.“

Luther versuchte durch sein Mönchsleben, tadellos Gottes Forderungen in den Geboten zu erfüllen – und dabei machte er einen Fehler. Er verstand nämlich diesen Vers so, als ob die Gerechtigkeit Gottes im Evangelium von Jesus Christus uns derart geoffenbart wird, dass Gott uns Jesus Christus vor die Augen malt und sagt: „Jetzt schau ihn dir an und werde so wie er. Tue gute Werke, sprich nur Gutes über deine Feinde, habe nur positive Gedanken über alles und jeden, sei gerecht in all deinem Tun und strebe Christus nach.“

Na ja, Luther versuchte es: Jesus als moralisches Vorbild zu nehmen und durch sein Handeln eine Gerechtigkeit in sich selbst zu erzeugen. Aber er wusste zugleich, dass es nicht reicht. In seiner Verzweiflung las er diesen Vers erneut – doch statt Hoffnung zu empfangen, lag er noch zerstörter am Boden. Denn er dachte, Paulus würde sagen, dass Gott uns mit Jesus einen Ansporn gibt, um gerecht zu werden. Er dachte, Gott offenbart seinen Sohn im Evangelium und sagt dann zu dir: „Nun sieh zu, werde wie er, denn er ist der Maßstab meiner Gerechtigkeit. Also arbeite, kasteie dich, tue Werke.“

Viele Menschen – ich sage auch viele Christen – fallen immer wieder in dieses Gedankenschema hinein. Denn wir wissen zu genau, dass es schwarze Flecken auf unserer Seele gibt. Wir alle spüren von Zeit zu Zeit die Last unserer Schuld in unserem Innern. Wir wissen um unser Versagen. Es gibt Taten, für die wir uns schämen. Es gibt Gedanken, von denen wir nicht wollen, dass sie jemals jemand erfährt. Wir spüren das Gewicht unserer Schuld auf unseren Schultern.

Und dann meinen wir, gerecht vor Gott zu sein, bedeutet, auf Jesus zu schauen und ihn zu imitieren. Unsere Werke sind unsere Hoffnung. Wenn wir dann zwei Wochen sündlos waren – aus unserer Sicht – dann geht es schon wieder ein bisschen besser. Doch wir fallen wieder in ein altes Sündenwerk zurück.

Schließlich hat Jesus, sagen wir doch, auch in der Bergpredigt gesagt: „Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Also zählen wir unsere guten Werke auf: „Dies habe ich getan, und das habe ich getan, und jenes habe ich getan.“ Um am Ende doch festzustellen: Es reicht nicht.

Persönliche Reflexion und die Erkenntnis der Gerechtigkeit durch Glauben

Gestern Abend gab es eine Illustration aus meinem persönlichen Leben. Meine Frau erinnerte mich in einem bestimmten Zusammenhang daran, dass ich als Haupt der Familie verantwortlich bin – und zwar für das Wohl und Wehe der Familie sowie für den geistlichen Zustand von Frau und Kind.

Da dachte ich: Eieiei, wirklich? Plötzlich kam diese Schuld auf mich zu, und ich sah vor meinem inneren Auge all mein Versagen. Bin ich meiner Rolle als Ehemann und Vater in all den Aspekten, die Gott von mir erwartet, gerecht geworden? Mein sofortiges Urteil war: schuldig.

Selbst als ich versuchte, gedanklich – und das geht blitzschnell – all die guten Dinge aufzuzählen, die ich bestimmt auch getan habe, damit es meinen Kindern und meiner Frau geistlich gut geht, verstand ich: Familienandacht und so weiter, wir kennen das ganze Programm.

Während ich so dachte, kam die Predigt, an der ich gerade saß, zur Hilfe. Es heißt: Es ist nicht meine Gerechtigkeit, es ist nicht mein Werk. Unsere Disziplin, unsere Sündenerkenntnis, unser Sündenbekenntnis, unser Bibellesen machen uns nicht gerecht vor Gott. So sehr du dich auch bemühst, so sehr ich mich bemühe: Ich habe keine Gerechtigkeit, die vor Gott Bestand hat. Nur Jesus hat sie. Nur Jesus.

Aber wie kommt sie zu mir? In Vers 17 heißt es: „Denn es wird darin geoffenbart die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben.“

Mit anderen Worten: Gott schenkt dir diese Gerechtigkeit in Jesus Christus, ohne dass du dafür irgendetwas tun musst. Kein Werk ist nötig. Das ist der Kern der christlichen Botschaft.

Denn wenn wir darüber nachdenken: Wenn Gott nicht bereit wäre, uns seine Gerechtigkeit zu schenken, dann wäre die bloße Existenz einer vollkommenen Gerechtigkeit überhaupt keine gute Nachricht für uns. Was würde uns die Gerechtigkeit Jesu nützen, wenn wir keinen Zugang zu ihr hätten? Im Gegenteil: Es wäre eine sehr schlechte Nachricht, denn sie würde unser Gefühl der Verdammnis nur noch verstärken.

Aber jetzt kommt die Gnade durch den Glauben: Der Gerechte wird aus Glauben leben.

Es war die Entdeckung dieser Wahrheit, die eine solche Kraft entfaltete, dass die Reformation losbrach. Nicht, dass diese Wahrheit erst mit der Reformation entstand, sondern sie war schon beim Apostel Paulus tief verankert. Allerdings wurde sie über all die Jahrhunderte durch eine Werkegerechtigkeit, die von den Kanzeln gepredigt wurde, verschüttet.

Gott, dem Heiligen Geist, hat es gefallen, Martin Luther die Augen über dieses Thema zu öffnen. Dadurch brach eine Erweckung Bahn.

Luther war sich bewusst, dass Jesus eine vollkommene Gerechtigkeit zeigte und hatte. Und dass dies ein Charakterstandard war, den Gott zu Recht von allen Menschen verlangte. Doch niemand erreicht diese Gerechtigkeit.

Dann entdeckte Luther, dass Gott uns diese Gerechtigkeit nicht offenbart, damit wir danach streben und scheitern. Sondern Gott offenbart sie uns als freies Geschenk: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“

Unser fruchtloses Streben – das ist die seelsorgerliche Anwendung für dich persönlich und auch für mich. Unser fruchtloses Streben ist beendet. Stattdessen kommen wir zur Ruhe in Jesus. Wir kommen zur Ruhe in seinem stellvertretenden Tod für uns. Wir kommen zur Ruhe, weil er die Gerechtigkeit Gottes erfüllt hat durch seinen aktiven und passiven Gehorsam.

Die Last wird dir genommen. Jesus ist der Gerechtmacher, nicht du, der dich selbst gerecht machen will.

Er hat die Strafen für unsere Sünde auf sich genommen und vollständig bezahlt. Unsere Sünden werden uns aufgrund unseres Glaubens an Christus nicht mehr heimsuchen. Wir stehen nun vor Gott nicht in unserer eigenen Selbstgerechtigkeit, die überhaupt keine Gerechtigkeit ist, sondern in der Gerechtigkeit Christi selbst.

Die Wirkung des Glaubens auf die Rechtfertigung

Was passiert denn da beim Glauben? Was geschieht durch den Glauben an Jesus Christus?

Der Glaube ist kein Werk, sondern ein Geschenk Gottes, eine Gabe von Gott, damit sich kein Mensch rühmen kann. Durch den Glauben, den Gott dir schenkt, erklärt dich Gott für gerechtfertigt.

Das bedeutet zum einen, dass durch den Glauben deine Sünden vergeben sind. In Römer 8,33 heißt es: „Wer will gegen die Auserwählten Gottes Anklage erheben? Gott ist es doch, der rechtfertigt.“ Und in Römer 8,1 steht: „So gibt es jetzt keine Verdammnis mehr für die, welche in Christus Jesus sind.“

Unser „Bankkonto“, das im Minus war, wurde durch Christus und den Glauben an ihn zunächst auf null gesetzt. Das bedeutet, es liegt keine Schuld mehr auf uns, weil Jesus bezahlt hat.

Aber nicht nur das: Wir sind jetzt nicht nur schuldenfrei und neutral, sondern uns wird auch die Gerechtigkeit, die Jesus erworben hat, durch den Glauben angerechnet. Dein Negativkonto wurde also nicht nur auf null gesetzt, sondern ins Positive verschoben – und zwar durch die Gerechtigkeit, die Christus für dich am Kreuz erworben hat.

Gott betrachtet die Gerechtigkeit Jesu nun als unser Eigentum und rechnet sie unserem Konto als positiv zu. So heißt es in Römer 4,3: „Abraham aber glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet.“

In Römer 4,5 steht: „Wer dagegen keine Werke verrichtet, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, dem wird sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet.“

Als Martin Luther das verstand – und ich hoffe, dass es uns genauso geht –, sagte er: „Da erbarmte sich Gott meiner.“ Unablässig sann er Tag und Nacht nach, bis er den Zusammenhang der Worte erkannte, nämlich: „Die Gerechtigkeit Gottes wird im Evangelium offenbar, wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben.“

Da begann er, die Gerechtigkeit Gottes als eine Gerechtigkeit zu begreifen, die uns geschenkt wird durch den Glauben, weil der Glaube das Mittel dazu ist.

Luther merkte: Es ist so zu verstehen, dass Gott uns aus Gnade und Barmherzigkeit durch den Glauben rechtfertigt, wie es geschrieben steht: „Der Gerechte wird durch Glauben leben.“

Da fühlte er sich ganz und gar neugeboren, die Tore hatten sich ihm geöffnet, und er war in das Paradies selbst eingetreten. Die ganze Heilige Schrift zeigte ihm nun ein anderes Gesicht.

Früher hatte er das Wort „Gerechtigkeit“ mit Hass gehasst. Nun erhob er mit heißer Liebe dasselbe Wort als süß und lieblich über alle anderen. So wurde ihm die Stelle bei Paulus zu einer wahren Pforte zum Paradies. Die Sonne ging auf.

Ich hoffe, dass das auch in deinem Leben so ist.

Das Bild der Gerechtigkeit als Kleid und der Aufruf zum Glauben

Mit anderen Worten: Um es zum Schluss so zu beschreiben, wie die Bibel es tut, wenn es um die Gerechtigkeit Gottes geht, verwendet sie das Bild der Kleidung. Dieses Bild erscheint sowohl im Alten als auch im Neuen Testament.

In Jesaja 64,5 heißt es: „Wir sind allesamt geworden wie Unreine, und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid.“ Das ist das Bild von der Gerechtigkeit als Kleidungsstück. Deine Sünde, meine Sünde, unser Versagen lassen unsere Gerechtigkeit, unser Kleid der Gerechtigkeit, schmutzig und zerrissen sein.

Jesaja sagt in Kapitel 61: „Ich freue mich sehr an dem Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Geist, denn er hat mir Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit bekleidet.“

Mit anderen Worten besagt das Evangelium, dass der Vater dem verlorenen Sohn – das sind wir alle – entgegenläuft und ihm ein Gewand der Reinheit, der Vollkommenheit, der Gerechtigkeit überwirft. Dieses Gewand hat der verlorene Sohn nicht selbst gemacht, sondern es ist das Kleid des Vaters, das ihm übergeworfen wurde. Es ist ein Geschenk an ihn.

Das gilt für jeden Menschen: für Juden, für Griechen, ganz gleich, was du getan hast, welcher Abstammung du bist oder wie dein persönlicher Wandel mit Gott in den letzten Tagen aussah. Ganz gleich, wie oft du schon hier gesessen hast und vielleicht nicht verstanden hast, worum es hier geht – entscheidend ist, ob du glaubst.

Der Gerechte wird aus Glauben leben. Die Botschaft gilt für jeden Menschen, sie kommt durch Glauben zu dir. Und der Glaube ist kein Werk, sondern ein Geschenk. Nur durch Vertrauen auf Jesus Christus wird man gerecht.

Deshalb schämt sich Paulus des Evangeliums nicht. Es ist Gottes Kraft; es zeigt uns die Gerechtigkeit Gottes in Jesus Christus. Es erklärt dir, dass diese Gerechtigkeit ein freies Gnadengeschenk ist, das allein durch den Glauben zu dir kommt.

So entstand einer der Schlachtrufe der Reformation: sola fide – allein durch Glauben. Mein Gebet ist, dass Gott uns diesen Glauben schenkt und ihn neu erweckt. Amen.

Schlussgebet und Bitte um lebendigen Glauben

Vater im Himmel, danke für Dein Wort und für die kraftvolle Botschaft dieser beiden Verse. Ich bin mir bewusst, dass meine schwachen Worte niemals in der Breite und Tiefe erklären können, was das bedeutet.

Herr, wir stehen ehrfürchtig vor Dir und sagen einfach nur Danke. Danke, dass Du uns unsere Lasten nimmst. Danke, dass Du uns unser Streben nach Besserung und unsere Verdammnisgefühle beiseite nimmst, weil Du uns durch den Glauben ein neues Herz geschenkt hast.

Ich danke Dir, dass allein durch den Glauben diese Gnade zu uns kommt und dass wir nicht mehr in unserer eigenen Gerechtigkeit, die ja eine Selbstgerechtigkeit ist, versuchen müssen, vor Dir zu bestehen.

Mein Gebet ist, Herr, dass Du diese Botschaft in meinem Leben immer wieder neu lebendig machst. Auch im Leben unserer Gemeinde, in unseren Herzen, dass wir eine Evangeliumsgemeinde sind, in der diese Botschaft lebt. Dass wir allen Gesetzeswerken absagen und uns dem Glauben an Christus zuwenden.

Danke, dass Du uns durch Deine verändernde Kraft auch in der Nachfolge bestehen lässt. Ja, aber nicht, weil es ein Werk ist, sondern weil es ein Geschenk ist, das Du uns in der Heiligung gibst.

Danke, Herr, dass Du uns jetzt auch zu dem Tisch des Abendmahls führst, an dem wir uns erinnern dürfen, welche Gerechtigkeit Du damals für uns erworben hast. Öffne Du unsere Herzen und bereite sie darauf vor. Amen.