Zum Inhalt

Das Zeichen Jonas

Das Matthäusevangelium mit Roger Liebi, Teil 28/90
11.10.2020Matthäus 12,36-42
SERIE - Teil 28 / 90Das Matthäusevangelium mit Roger Liebi

Begrüßung und Einführung zum Predigttext

Guten Tag, ich möchte alle herzlich zur Bedelklasse begrüßen. Leider findet sie heute nicht wie gewohnt in Singen, Deutschland, statt, sondern hier in Hunzenschwil in der Schweiz. Deshalb ist das Publikum auch kleiner als gewohnt.

Die Vorschriften der Behörden in Singen sind zu streng, um die Veranstaltung dort durchzuführen. Daher sind wir dankbar, hier eine Alternative gefunden zu haben.

Ich begrüße nicht nur alle Anwesenden, sondern auch alle, die über den Livestream zugeschaltet sind.

Heute kommen wir zu Matthäus 12,36. Ich möchte bitten, dass jemand Matthäus 12,36 bis 50 vorliest. Bitte, Sven.

Lesung des Predigttextes Matthäus 12,36-50

Ich sage euch aber: Von jedem unnützen Wort, das die Menschen sprechen, werden sie am Tag des Gerichts Rechenschaft geben müssen. Denn aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden.

Dann antworteten ihm einige der Schriftgelehrten und Pharisäer und sprachen: „Lehrer, wir möchten ein Zeichen von dir sehen.“ Er aber antwortete ihnen und sprach: „Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht begehrt ein Zeichen, und kein Zeichen wird ihm gegeben werden als nur das Zeichen Jonas, des Propheten.

Denn wie Jonas drei Tage und drei Nächte im Bauch des großen Fisches war, so wird auch der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein. Männer von Ninive werden am Gerichtstag mit diesem Geschlecht aufstehen und es verdammen, denn sie taten Buße auf die Predigt Jonas. Und siehe, mehr als Jonas ist hier.

Eine Königin des Südens wird ebenfalls am Gerichtstag mit diesem Geschlecht auftreten und es verdammen, denn sie kam von den Enden der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören. Und siehe, mehr als Salomo ist hier.

Wenn aber der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren ist, durchwandert er dürre Örter, sucht Ruhe und findet sie nicht. Dann spricht er: ‚Ich will in mein Haus zurückkehren, von wo ich ausgegangen bin.‘ Wenn er kommt, findet er es leer, gekehrt und geschmückt.

Dann geht er hin und nimmt sieben andere Geister mit sich, böser als er selbst. Sie gehen hinein und wohnen dort, und das Letzte dieses Menschen wird ärger sein als das Erste. So wird es auch diesem bösen Geschlecht ergehen.

Als er aber noch zu den Volksmengen redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen und suchten ihn zu sprechen. Und jemand sagte zu ihm: ‚Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich zu sprechen.‘

Er aber antwortete und sprach zu dem, der es ihm sagte: ‚Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?‘ Und er streckte seine Hand aus über seine Jünger und sprach: „Siehe da, meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.“

Rückblick auf die Lästerung des Geistes und die messianischen Zeichen

Wir haben beim letzten Mal ausführlich betrachtet, was die Lästerung des Geistes nach Matthäus 12 bedeutet. Es geht hier um das besondere messianische Wunderzeichen.

In Vers 22 heilt der Herr Jesus einen Besessenen, der blind und stumm war. Im Judentum war klar: Einen Besessenen, der von einem stummen Dämon bewohnt wird, kann niemand heilen oder austreiben – das kann nur der Messias.

Der Herr Jesus hat genau dieses Zeichen vollbracht. Doch die Führerschaft, die dabei war, erkannte das nicht an. Statt zu sagen, dass dieser Mann aus Nazaret der Messias sein müsse, behaupteten die Pharisäer in Vers 24: „Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus als durch Beelzebul, den Fürsten der Dämonen.“

Sie wussten also besser Bescheid. Für sie war klar, dass dieser Mann der Messias sein musste. Trotzdem sagten sie: Nein, die Kraft, die durch diesen Mann wirkt, ist die Kraft des Teufels. Den Heiligen Geist, der ihnen die Augen geöffnet hatte über die Person des Herrn Jesus als Messias, haben sie gelästert. Damit haben sie den Erlöser ganz bewusst und definitiv verworfen.

Wie wir beim letzten Mal gesehen haben, sagt der Herr Jesus deshalb, dass diese Sünde nicht vergeben werden kann – weder in diesem Zeitalter noch im zukünftigen. Das bedeutet: Wer Jesus Christus definitiv ablehnt und nicht an ihn glaubt, für den gibt es keinen anderen Weg zur Vergebung.

Darum heißt es, dass diese Sünde unverzeihlich ist. Die unverzeihliche Sünde ist also die endgültige Verwerfung des Herrn Jesus. Menschen, auf die das zutrifft, wollen Jesus Christus nicht, bereuen das auch nicht und würden nicht zurückkommen.

Für alle, die zu dem Herrn Jesus kommen, gilt jedoch Johannes 6: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstossen.“

Reaktion der Volksmenge und die Bedeutung des messianischen Zeichens

Und nun sehen wir also, dass sie mit dieser Lästerung ganz klar den Messias verworfen haben. Die Volksmenge reagierte natürlich in Vers 23. Alle waren erstaunt und sprachen: „Dieser ist doch nicht etwa der Sohn Davids?“

Sohn Davids, hebräisch Ben David, ist ein anderer Ausdruck für den Messias. Für die Volksmenge war das klar. Dieses messianische Zeichen bedeutete, dass dieser Mann, der das getan hat, der Messias ist.

Trotzdem lehnten diese Pharisäer – übrigens nicht alle Pharisäer, aber diese Pharisäer hier – den Herrn ganz bewusst ab. Darum spricht der Herr Jesus in den folgenden Versen über das kommende Gericht. Dieses Gericht bleibt bestehen, wenn ein Mensch keine Vergebung in Anspruch nimmt.

Das führt uns nun zu Vers 36.

Verantwortung für Worte und biblische Weisheit zum Reden

Ich sage euch aber: Von jedem unnützen Wort, das die Menschen reden, werden sie Rechenschaft geben am Tag des Gerichts. Denn aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verurteilt werden.

Jesus wird hier allgemeiner. Er spricht über unnütze Worte. Vorhin ging es um die Lästerung des Geistes (Vers 31), aber die Lästerung des Geistes wird den Menschen nicht vergeben werden. Eine Lästerung ist nicht einfach ein unnützes Wort, doch die Lästerung des Geistes wird ein Thema des letzten Gerichts sein. Aber auch überhaupt unnütze Worte.

Hier wird es ganz allgemein. Es wird klar, dass wir Menschen verantwortlich gemacht werden für das, was wir reden. Wir können nicht einfach drauflos schwatzen. Darum erhalten wir in Prediger von König Salomo einen wichtigen Rat.

Lies doch, Prediger 5,1: „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst, und sei bereit zu hören; denn besser ist es, als wenn die Toren Schlachtopfer geben, denn sie haben keine Erkenntnis, so dass sie Böses tun.“

Bei dir ist wahrscheinlich eine andere Verszählung. Moment, ja, du musst ein bisschen weiter lesen, das ist bei mir Kapitel 5, Vers 1. Es gibt in verschiedenen Bibelausgaben unterschiedliche Zählungen, aber der Inhalt ist derselbe.

Weiter heißt es: „Sei nicht vorschnell mit deinem Munde, und dein Herz eile nicht, ein Wort vor Gott hervorzubringen. Denn Gott ist im Himmel und du bist auf der Erde, darum seien deine Worte wenige.“

Hier werden wir zu Bedachtheit beim Reden aufgerufen. Nicht vorschnell irgendetwas sagen. Und ganz grundsätzlich: Darum seien deine Worte wenige.

Denn wir lernen in den Sprüchen: Bei der Menge der Worte fehlt Übertretung nicht. Schlagen wir dazu Sprüche 10,19 auf. Lies du auch den ganzen Vers: „Bei der Menge der Worte fehlt Übertretung nicht, wer aber seine Lippen zurückhält, ist einsichtsvoll.“

Das Risiko, dass wir uns versündigen, wird also größer, je mehr wir reden oder schwatzen. Weisheit zeigt sich darin, dass man sparsam ist mit dem, was man sagt. So wird der Weise gekennzeichnet: Er macht nicht viele Worte.

Die Bibel ist genau das Vorbild. Wenn wir bedenken, wie sparsam die Bibel spricht, denken wir zum Beispiel an die Liebesgeschichte von Isaak und Rebekka (1. Mose 24). Menschen heute würden einen ganzen Roman darüber schreiben, vielleicht ein Kapitel. Aber alles, was dort gesagt wird, auch die ganz feinen kurzen Bemerkungen, sind von großer Bedeutung.

Oder denken wir an die Opferung Isaaks in 1. Mose 22. Das sind neunzehn Verse. Heute würden Schreiber ein dickes Buch mit siebenhundert Seiten darüber verfassen. Die Bibel ist so knapp, und die Erzählungen sind typischerweise vergleichbar mit Strichzeichnungen, etwa mit Tuschfeder. Andeutungen, manches wird weggelassen, aber das Wesentliche wird gesagt. Das ist das Beispiel: Weise machen nicht viele Worte, aber das, was sie sagen, hat Bedeutung und Sinn.

Hier werden wir also grundsätzlich gewarnt: Sogar über unnütze Worte müssen wir einmal Rechenschaft ablegen vor Gott.

Wo im Neuen Testament steht, dass wir auch über gewisse fehlgeleitete Ausdrücke Rechenschaft ablegen müssen? Kommt dir da jemand in den Sinn, wo das steht? Ja, Jakobus ist ganz grundsätzlich sehr gut, er widmet ein ganzes Kapitel dem Gebrauch der Zunge.

Und jetzt, wo wirklich einzelne Ausdrücke erwähnt werden, die man vermeiden muss, lesen wir Epheser 5,3-5:

„Hurerei aber und alle Unreinigkeit oder Habsucht werde nicht einmal unter euch genannt, gleichwie es Heiligen geziemt; auch Schändlichkeit und albernes Geschwätz oder Witzelei, welche sich nicht geziemen, sondern vielmehr Danksagung. Denn dies wisset und erkennt ihr, dass kein Hurer oder Unreiner oder Habsüchtiger, welcher ein Götzendiener ist, ein Erbteil hat in dem Reiche Christi und Gottes.“

Das ist eine ganz klare Anweisung: Die Worte „Hurerei“, „Unreinheit“ und „Habsucht“ sollen nicht einmal genannt werden.

Nun könnte jemand sagen: Aber der Apostel Paulus benutzt in 1. Korinther 5 zum Beispiel, oder wenn er über die Werke des Fleisches spricht in Galater 5, sehr wohl solche Ausdrücke. Wie kann er dann sagen, das werde nicht einmal unter euch genannt? Wer hat eine Erklärung dafür? Wie bringt man das zusammen?

Hier, mit diesem Verbot, und dann sehen wir an gewissen Stellen der Bibel, dass ganz ausdrücklich über diese Dinge gesprochen wird – übrigens auch an dieser Stelle selbst, wo er gerade die Wörter erwähnt. Wie erklärt man das?

Nein, es geht nicht einfach um die Tat, sondern er sagt: Hurerei und alle Unreinheit oder Habsucht werden nicht einmal unter euch genannt. Eben, man soll nicht einfach so darüber sprechen, als wäre das ein Unterhaltungsthema.

Aber dort, wo es nötig war, musste der Apostel Paulus die Dinge beim Namen nennen. Natürlich, in 1. Korinther 5, wo es um einen schweren Fall von Unzucht geht, der zum Gemeindeausschluss führte, musste er die Dinge klar benennen. Aber das war nicht als Unterhaltung gedacht.

Es ist ein großer Unterschied, ob unrechte Dinge einen Unterhaltungswert haben oder ob wir aus Not der Umstände darüber sprechen müssen. Und das müssen wir sehr wohl tun, mit Klarheit, so wie das Wort Gottes es selbst macht.

Das Wort Gottes ist hier wieder das Vorbild – aber nicht als Unterhaltung. Und da kann man nur schon mal darüber nachdenken, welche Filme man in den vergangenen fünf Jahren angeschaut hat und wie oft gerade diese Ausdrücke dort nicht nur genannt werden, sondern sogar als Unterhaltungswert dienen. Das geht noch weiter.

Der Apostel Paulus macht klar: Das geht überhaupt nicht, gleichwie es Heiligen geziemt. Und auch dummes Geschwätz, das er nennt, Schändlichkeit, albernes Geschwätz und Witzelei – das Wort Witzelei hat übrigens auch den Nebenklang, dass es zum Beispiel gebraucht wird, wenn anzügliche Bemerkungen gemacht werden.

Es geht nicht um das Scherzen und es lustig haben miteinander auf eine natürliche, schöne Art – das ist nicht gemeint. Aber alles, was in eine falsche Richtung zieht, wird hier ganz klar verurteilt.

Darüber müssen wir Rechenschaft ablegen am letzten Tag.

Das Thema Zungenreden im Licht von Matthäus 12,36

Wenn wir über Matthäus 12,36 nachdenken, kann man auch über das heute weit verbreitete Thema des Zungenredens nachdenken. Weltweit gibt es viele Christen, die sagen: „Ich kann Zungenreden.“ Dann fragt man zurück: „Verstehst du, was du sagst?“ – „Nein, aber es dient mir zur Auferbauung.“

Doch dabei hat man keine Kontrolle darüber, was man sagt. Die Antwort darauf ist oft: „Der Heilige Geist gibt mir sicher nicht etwas ein, was ich nicht sagen soll.“ Aber genau darin liegt das Problem: Gott lässt uns niemals etwas sagen, wofür wir keine Verantwortung tragen können.

Das macht deutlich, dass das heute verbreitete Zungenreden, bei dem der Redende nicht weiß, was die Laute bedeuten, nicht dasselbe ist wie das Sprachenreden in der Bibel. In Apostelgeschichte 2, an Pfingsten, sprachen die Jünger in vielen verschiedenen Sprachen. Diese wurden von den Menschen, die diese Fremdsprachen kannten, verstanden. Es wurden sogar die Regionen genannt, aus denen die Sprachen stammten – Asien, Afrika und Europa. Das heißt, sie konnten echte Sprachen sprechen, die die Zuhörer, die diese Sprachen als Kind gelernt hatten, verstehen konnten.

Wenn man heutige Zungenredner fragt: „Kannst du zum Beispiel auf der Straße Araber in ihrem Dialekt ansprechen?“ – etwa im libanesisch-palästinensischen Dialekt oder ägyptischen Dialekt, die sich zwar ähneln, aber dann auch im marokkanischen Dialekt, der ganz anders ist, – dann herrscht meist große Verlegenheit. Die Libanesen verstehen das Arabisch aus Marokko überhaupt nicht.

Außerdem muss der Sprechende die Sprache selbst verstehen. Denn in 1. Korinther 14 wird gesagt, dass derjenige, der für sich in Sprachen redet, sich selbst erbaut. Das würde jeder bestätigen: „Ja, ich werde dadurch erbaut.“ Aber in 1. Korinther 14 steht auch, dass wenn jemand in einer Fremdsprache spricht und die Zuhörer sie nicht verstehen, diese nicht erbaut werden. Erst wenn es übersetzt wird, sind sie erbaut. Daraus folgt: Erbauung bedeutet Verständnis von dem, was gesagt wird. Es ist nicht einfach ein übernatürliches Phänomen, das erbaut, sonst würden ja alle erbaut werden, wenn sie ein übernatürliches Sprachenphänomen erleben. Aber das Erbaute ist der Inhalt.

Es ist also klar: Wenn es heißt, „wer in einer Sprache redet, erbaut sich selbst“, dann weiß derjenige, was er sagt, und kann Rechenschaft darüber ablegen. Sprachenreden ist also in der Bibel die Gabe Gottes, dass ein Mensch eine Fremdsprache sprechen kann, perfekt und ohne sie gelernt zu haben.

Das erste Mal finden wir dieses Phänomen bei der Erschaffung Adams in 1. Mose 2. Am Tag seiner Erschaffung war er fähig zu sprechen und Gott zu verstehen, der zu ihm sprach. Gott hatte das Broca- und Wernicke-Zentrum im Gehirn programmiert und mit anderen Gebieten verknüpft. Adam konnte mit eigenem Willen darüber verfügen. Dasselbe geschah später bei Eva, ebenfalls am Schöpfungstag.

Später, beim Turmbau zu Babel, gab Gott den verschiedenen Stämmen neue Sprachen. Dabei wurde das alte Sprachsystem gelöscht, sodass sie die alte Sprache nicht mehr konnten, sondern nur noch die neue mit Grammatik und Vokabular. So konnten sie nicht mehr miteinander kommunizieren.

An Pfingsten geschah Ähnliches: Die Jünger erhielten neue Sprachen, die für sie neu waren, aber die alte Sprache blieb erhalten. Daher konnten sie Rechenschaft über jedes Wort ablegen, das sie sprachen. So handelt Gott mit uns: Er will nicht, dass wir etwas sagen, wofür wir nicht gerade stehen können.

Manche sagen, in 1. Korinther 14 sei das Sprachenreden anders als in Apostelgeschichte 2. Schauen wir dazu 1. Korinther 14,2: „Denn wer in einer Sprache redet, redet nicht Menschen, sondern Gott. Denn niemand versteht es; im Geist aber redet er Geheimnisse.“

Ja, da steht es: Er redet Geheimnisse, die niemand versteht. In Korinth war die Situation anders: Um verstanden zu werden, musste man Griechisch sprechen. Wenn jemand Elamitisch gesprochen hätte, wäre das für die Zuhörer ein Geheimnis gewesen. In Apostelgeschichte 2 wurde aber Elamisch und andere Sprachen gesprochen, die die Anwesenden verstanden.

In Korinth gilt also: Wenn jemand in einer Sprache redet, redet er nicht Menschen, sondern Gott. Gott versteht alle Sprachen. Niemand versteht es, im Geist redet er Geheimnisse. Aber Paulus sagt nie, dass der Sprecher nicht weiß, was er sagt. Vielmehr kann der Zuhörer, der die Sprache nicht kennt, nicht einmal Amen sagen (1. Korinther 14,16): „Sonst, wenn du mit dem Geist lobst, wie soll der, welcher die Stelle des Unkundigen einnimmt, das Amen sprechen zu deiner Danksagung, da er ja nicht weiß, was du sagst?“

Der Unkundige ist also der andere, nicht der Sprecher. Wenn man ein Gebet nicht versteht, ist es eigentlich nicht angebracht, Amen zu sagen. Wenn man das Gebet versteht und einverstanden ist, macht man sich durch Amen eins mit dem Gebet. Das ist wichtig, wenn mehrere zusammen beten: Einer spricht, und alle sagen Amen, dann ist es das Gebet aller.

Philipp merkt an, dass im Meißner-Übersetzer ein Fehler gemacht wurde. Es wird zwischen dem griechischen Wort für Zunge und Sprache unterschieden, aber eigentlich bedeutet beides dasselbe. In 1. Korinther 14 steht das griechische Wort Glossa, das sowohl Zunge als auch Sprache bedeuten kann. Im Französischen heißt Sprache und Zunge la langue – das gleiche Wort, nur der Zusammenhang macht den Unterschied. So ist es auch im Griechischen. Korrekt müsste man in 1. Korinther 14 „in Sprachen reden“ übersetzen, also in Fremdsprachen.

Weiter heißt es in Vers 17: „Denn du dankst wohl gut, aber der andere wird nicht erbaut.“ Paulus sagt also: Einer spricht in Sprachen und betet, und was er sagt, ist gut. Aber der andere, der die Sprache nicht versteht, wird nicht erbaut. Wieder wird klar: Erbauung bedeutet Verständnis dessen, was gesagt wird.

Eine Frage aus einer charismatischen Gemeinde: Dort praktizieren alle Christen Zungengebet, auch in der Gemeinde ohne Ausleger. Sie sagen, das sei eine Sprache, die der Feind nicht versteht. Es sei eine Kommunikation vom Geist zum Heiligen Geist, die der Feind nicht durchdringen könne. So habe der Feind keine Macht und keinen Einfluss.

Doch wo steht das in der Bibel? Es gibt keine Bibelstelle dazu. Das ist eine außerbiblische Erfindung. In der Bibel wird deutlich, dass diejenigen, die die Sprache kennen, sie verstehen.

Manche sagen, sie verstehen es selbst nicht, aber das zeigt, dass es nicht das ist, was Gott wirkt. Gott verlangt, dass wir Rechenschaft über jedes Wort ablegen.

In 1. Korinther 14,14 heißt es: „Denn wenn ich in einer Sprache bete, so betet mein Geist; mein Verstand aber bringt niemanden Frucht.“ Diese Stelle besagt nicht, dass der Sprecher nichts versteht, sondern dass sein Geist betet, nicht sein Verstand.

Charismatische Lehren sagen oft, der Heilige Geist bete in mir. Die Bibel sagt: „Mein Geist“ ist der menschliche Geist, der fähig ist zu verstehen und nachzudenken. Der ist aktiv. Luther übersetzt: „Mein Sinn bringt niemand Frucht.“ Das heißt, was ich ausdrücke, nützt niemandem, weil es keiner versteht. Aber es wird nie gesagt, dass der Sprecher es nicht versteht.

Paulus sagt in Vers 2: „Wer in einer Sprache redet, redet nicht Menschen, sondern Gott. Niemand versteht es; im Geist aber redet er Geheimnisse.“ Und in Vers 13: „Wer aber weißagt, redet den Menschen zur Erbauung, Ermahnung und Tröstung.“

Wer in einer Sprache redet, erbaut sich selbst. Das heißt, er hat einen Gewinn, weil er weiß, was er sagt. Wer aber weissagt, erbaut die Gemeinde, weil die anderen verstehen. Wenn es übersetzt wird, haben auch die, die die Fremdsprache nicht kennen, einen Gewinn. Nie aber sagt Paulus, dass der Redende eine Übersetzung braucht. Nur der andere hat keinen Nutzen.

Es gibt noch einen Trick: Man sagt, es gibt zwei Arten von Zungenreden – die aus Apostelgeschichte 2, die Menschen verstehen können, also echte Sprachen, und dann die aus 1. Korinther 14, die von Menschen nicht verstanden wird, sondern nur von Gott oder Engeln.

Doch in 1. Korinther 14 sagt Paulus, dass das Sprachenreden schon im Alten Testament prophezeit wurde. Lesen wir 1. Korinther 14,21: „Es steht in dem Gesetz geschrieben: ‚Ich will in anderen Sprachen und durch andere Lippen zu diesem Volk reden, und sie werden nicht auf mich hören, spricht der Herr.‘“

Hier zitiert Paulus Jesaja 28,11-12, wo Gott ankündigt, dass er zum Volk Israel durch andere Sprachen sprechen wird, aber sie trotzdem nicht auf ihn hören. Diese Prophezeiung wurde ab Pfingsten erfüllt. Die Jünger sprachen in anderen Sprachen zum Volk Israel, das auf dem Weg zum Tempel war. Leider kehrte die Masse nicht um, aber mindestens 3000 wurden an diesem Tag gläubig.

Gott hat also klar versprochen, dass das Sprachenreden ein Zeichen für Israel ist, und zwar für das ungläubige Israel. Das geschah genau so in Apostelgeschichte.

Paulus spricht in 1. Korinther 14 vom gleichen Phänomen wie in Apostelgeschichte. Trotzdem gibt es einen Unterschied: In Apostelgeschichte 2 verstanden viele Juden die Sprachen und sagten: „Hören wir nicht die großen Taten Gottes in unseren Sprachen und Dialekten?“ Sie sprachen sogar Dialekte mit richtiger Aussprache. In 1. Korinther 14 redet man von Sprachen, die Menschen nicht verstehen, weil in Korinth die Situation anders war. Dort war es ideal, wenn man Griechisch sprach, um die Leute zu erreichen.

Paulus sagt im selben Kapitel: „Ich rede mehr in Sprachen als ihr alle.“ Als reisender Missionar kam er mit vielen Volksgruppen in Berührung und konnte diese von Gott gegebene Sprache einsetzen. In Apostelgeschichte 14 sprachen die Leute Lykaonisch, und Paulus konnte solche Fremdsprachen sprechen. Er konnte Rechenschaft über jedes Wort ablegen.

Die heutigen Praktizierenden müssen zugeben, dass sie nicht das tun, was in der Bibel steht. Sie können nicht zu Iranern auf Persisch oder zu Arabern in verschiedenen Dialekten sprechen. Das wäre großartig, wenn sie es könnten, aber sie können es nicht.

Man kann es empirisch testen: Man nimmt zehn Zungenredner auf die Straße und prüft, ob sie verstanden werden. Das Ergebnis ist eine Katastrophe, weil es nicht so ist wie in der Bibel.

Wie sind wir auf diesen Punkt gekommen? Über Matthäus 12,36, wo gesagt wird, dass wir Rechenschaft über jedes Wort ablegen müssen, das über unsere Lippen gegangen ist. Wir dürfen unseren Mund und unsere Zunge nicht dazu benutzen, etwas zu sagen, was wir nicht kontrollieren können.

Christoph merkt an: Die Sprache verändert sich im Glaubensleben, sie wird geheiligt. Es gibt Jugendsprache und gehobene Sprache. Die persönliche Frage war, ob sich die eigene Sprache im Lauf des Lebens verändert hat.

Ich kann sagen, dass ich seit meiner Bekehrung als Jugendlicher oder sogar als Kind keine typische Jugendsprache gesprochen habe. Andere haben das anders erlebt. Jeder hat seinen Werdegang.

Hal Lindsey, der das Buch „Alter Planet Erde, wohin?“ schrieb, ging nach seiner Bekehrung erst in einen Sprachkurs, obwohl Englisch seine Muttersprache war. Er sprach so schlecht Englisch, dass er Unterricht nahm, um anständig Englisch zu lernen. Das war eine Auswirkung der Bekehrung, dass sich die Sprache verändert.

Auch bei Paulus fällt auf, dass sein Griechisch in Athen vor dem Areopag anders war als in seinen Briefen. Er verwendete viele Optativformen, eine grammatikalische Form, die im Deutschen keine klare Entsprechung hat. Diese Wunschformen drücken feine Nuancen aus. In Apostelgeschichte 17 zeigt sich eine Konzentration dieser Formen. Das zeigt, dass Paulus sich sprachlich den Hörern anpasste, aber immer eine saubere Sprache sprach, keine Gassensprache.

Im geistlichen Leben wird die Sprache also auch rein, das gehört zur praktischen Heiligung.

Martin Luther wird erwähnt, der sich oft derb ausdrückte. Er war sprachlich sehr begabt und konnte sich spitz ausdrücken. In seiner Auseinandersetzung mit Doktor Eck sagte er zum Beispiel, dieser solle den Punkt weglassen, da sein Name eigentlich Dreck heiße. Das war spitzfindig und eine Sünde.

Man kann nicht einfach sagen, wenn ein Reformator etwas so gemacht hat, ist das ein Vorbild. Man muss alles am Wort Gottes messen. Paulus hat sich so nicht ausgedrückt.

Der Heilige Geist benutzt im Neuen Testament für die Liebe das Wort Agape. Früher dachte man, das sei eine Wortschöpfung aus dem Judentum und Christentum. Doch es gibt das Wort auch im Griechischen, allerdings sehr selten. Der Heilige Geist wählte dieses Wort, weil es kaum vorbelastet war, um die Liebe Gottes auszudrücken.

Es gab auch das Wort Eros, das von normaler bis perverser Liebe alles bedeuten kann. Dieses Wort kommt im Neuen Testament nicht vor, obwohl man es positiv hätte gebrauchen können. Es wurde nicht verwendet, weil es stark negativ vorbelastet war.

Das zeigt uns etwas über die Inspiration der Bibel. In 1. Korinther 2 beschreibt Paulus, wie er das Wort Gottes weitergibt. Lesen wir 1. Korinther 2,12-13: „Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir die Dinge kennen, die uns von Gott geschenkt sind, welche wir auch verkündigen, nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern in Worten, gelehrt durch den Geist, indem wir geistliche Dinge durch geistliche Mittel mitteilen.“

Es geht um die Reichtümer des Glaubens und das Geheimnis Gottes. Paulus sagt, dass wir diese Dinge kennen sollen, die uns von Gott geschenkt sind. Er vermittelt sie nicht mit menschlicher Weisheit, sondern mit Worten, die durch den Geist gelehrt sind.

Das heißt, Paulus wurde auch gelehrt, welche Wörter er beim Aufschreiben der Bibel verwenden sollte. Deshalb hat er das Wort Eros nie verwendet, aber das Wort Agape und seine Formen. Diese Wörter sind geistliche Mittel, um geistliche Dinge mitzuteilen.

Das zeigt, dass die Inspiration der Bibel nicht nur eine Gedankeninspiration ist, sondern dass die Worte genau gelehrt wurden durch den Geist.

Noch eine Stelle, die hilfreich ist, um die Inspiration besser zu verstehen, ist Titus 2. Das ist aktuell, wenn man an Jugendsprache denkt und daran, dass manche Jugendpastoren meinen, mit dieser Sprache besser zu erreichen.

Schauen wir Titus 2,6-8: „Die Jünglinge desgleichen ermahne, besonnen zu sein, indem du in allem dich selbst als ein Vorbild guter Werke darstellst, in der Lehre Unverderbtheit, würdigen Ernst, gesunde, nicht zu verurteilende Rede, auf dass der Widersacher sich schäme und nichts Schlechtes über uns sagen kann.“

Es ist interessant, dass Titus angewiesen wird, junge Menschen zu ermahnen, besonnen zu sein und sich selbst als Vorbild zu zeigen. In der Lehre sollen sie Unverfälschtheit haben und einen würdigen Ernst. Auch junge Menschen können das lernen.

Die Rede soll gesund sein, das griechische Wort ist hygieinē, davon kommt Hygiene. Hygiene bedeutet Befreiung von krankmachenden Bakterien und Viren. Im übertragenen Sinn gibt es auch krankmachende „Bakterien“ und „Viren“ in der Sprache. Die Sprache soll also hygienisch sein. Das ist ein Prozess, den man lernen und in dem man Fortschritte machen muss.

Das Gericht über Worte und die Bedeutung der Rechenschaft

Gehen wir zurück zu Matthäus 12, wo zwei Verse uns zeigen, wie wichtig das Reden ist. Dies steht auch im Zusammenhang damit, dass wir einmal vor Gott stehen werden.

Das gilt grundsätzlich nicht nur für die Ungläubigen, die vor dem großen weißen Thron im Endgericht stehen werden. Es gilt auch für die Gläubigen. Denn uns wird gesagt, man kann sich das gut merken: Römer 14,10 und 2. Korinther 5,10 sprechen davon, dass wir vor dem Richterstuhl Christi stehen werden.

Ein Gläubiger muss also einmal über sein Leben vor Gott, vor Christus, Rechenschaft ablegen. Dabei geht es nicht um die Frage, ob man wieder verloren gehen kann. Aber alle Dinge werden im Licht Gottes einmal beleuchtet werden. Und wir müssen Rechenschaft ablegen über das, worüber wir geredet haben.

Dieses Bewusstsein hat natürlich einen heilsamen Effekt auf unser praktisches Leben heute.

Die Forderung nach einem Zeichen und die Sucht nach übernatürlichen Erlebnissen

Gehen wir weiter zu Vers 38. Dann antworteten ihm einige der Schriftgelehrten und Pharisäer und sprachen: „Lehrer, wir möchten ein Zeichen von dir sehen.“

Es ist fast nicht zu glauben. Jetzt gab er ihnen nicht einfach nur irgendein Zeichen. Der Herr hat ja viele Zeichen gemacht. Aber gewisse Zeichen, die wir letztes Mal gesehen haben, kann man als ausgesprochene messianische Zeichen bezeichnen. Und jetzt haben sie das erlebt, und die Volksmenge hat reagiert: „Das muss ja der Sohn Davids sein, der Messias.“

Jetzt sagen sie: „Wir möchten ein Zeichen sehen.“ Das zeigt wirklich eine Sucht nach übernatürlichen Dingen. Sehr aktuell – das ist auch heute ein Problem weltweit: diese Sucht nach Zeichen und Wundern. Und das nicht nur unter Christen, sondern auch in der Welt allgemein. Wenn man an die Sucht nach Esoterik seit den sechziger Jahren denkt, sieht man, dass diese Sucht nach übernatürlichen Erlebnissen ganz parallel in der Welt und auch in der Christenheit entstanden ist.

Diese weltweite Sucht nach Zeichen und Wundern begann ganz speziell in den sechziger Jahren. Das ist genau die gleiche Zeit, in der die Sucht nach Esoterik entstand und nach irgendwelchen übernatürlichen Erfahrungen gesucht wurde. Nun, das ist typisch für Schriftgelehrte und Pharisäer – sie wollen ein Zeichen.

Der Apostel Paulus sagt in 1. Korinther 1, dass die Sucht bei den Griechen die nach menschlicher Weisheit, also Philosophie, ist, während die Juden Zeichen und Wunder wollen. Können wir das kurz aufschlagen? 1. Korinther 1, Vers 22:

„Weil ja sowohl Juden Zeichen fordern als auch Griechen Weisheit suchen, wird aber Christus gepredigt als gekreuzigt, den Juden ein Ärgernis und den Nationen eine Torheit, dem Berufenen selbst aber sowohl Juden als Griechen Christus, Gotteskraft und Gottesweisheit.“

Danke! Also, Paulus sagt, das Problem ist: Juden möchten Zeichen sehen, und Griechen, also Nichtjuden, haben eine Sucht nach Weisheit, Sophia. Damit ist speziell gemeint all das, was mit Philosophie zusammenhängt, mit der menschlichen Art und Weise, die letzten Fragen durch eigenes Nachdenken ergründen zu können – ohne Offenbarung von Gott.

Gerade dieses Kapitel zeigt, dass die Weisheit der Welt Torheit bei Gott ist. Der Apostel Paulus hat den Korinthern, die aus dieser Kultur stammen, in der man eine Sucht nach Sophia und damit auch nach Philosophie hat – das heißt „Liebe zur Weisheit“ –, gesagt: Wir beantworten beide Gier nicht. Sondern was wir anzubieten haben, ist die Predigt von Jesus Christus, dem Gekreuzigten, und das rettende Evangelium durch ihn.

Also, weil ja sowohl Juden Zeichen fordern als auch Griechen Weisheit suchen, predigen wir Christus als Gekreuzigten. Das ist das Thema, das die Welt auch heute braucht. Viele streben nach menschlicher Ergründung der letzten Geheimnisse und meinen, durch menschliche Wissenschaft sei das zu schaffen. Da hört man ständig „Wissenschaft, Wissenschaft, Wissenschaft“ – und andere rufen nach Zeichen und Zeichen und Zeichen.

Aber was wir bringen, ist das Wort des Evangeliums. Und wenn wir dieses Evangelium verkündigen, dann haben Menschen die Möglichkeit, mit Gott Gemeinschaft zu bekommen. Das ist natürlich etwas Übernatürliches. Wenn man diese Gemeinschaft mit dem Herrn kennt, lebt man tagtäglich im übernatürlichen Bereich.

Wenn man das wirklich erlebt – ein Leben mit dem Herrn, ein Herz, das vom Herrn erfüllt ist – dann braucht man gar keine esoterischen Zeichen oder Wundererfahrungen mehr. Es braucht sie einfach nicht mehr. Diese Sucht zeigt nämlich einen Mangel an, dass keine wirkliche oder eben zu wenig Verbindung, keine Gemeinschaft mit dem Herrn da ist, die alles ausfüllt. Dann ist dieses Bedürfnis überhaupt nicht vorhanden.

Wenn man Jesus Christus kennt und sein Wort, dann sieht man plötzlich, wie logisch und vernünftig alles in seinem Wort ist. Und man erkennt, wie töricht die Weisheit der Welt ist, die manchmal ganz knapp an der Wahrheit vorbeischießt. Aber in jeder Hinsicht bekommt man die Erfüllung und braucht dann eben diese Zeichensucht nicht und auch diese Philosophiesucht nicht.

Ja, ich würde sagen, an dieser Stelle machen wir jetzt eine Pause von einer Viertelstunde, und dann geht es weiter.

Das Zeichen Jonas und die Verwerfung des Messias

Wir fahren weiter in Matthäus 12, jetzt kommt Vers 39. Der Herr reagiert auf diese Zeichensucht. Er antwortete und sprach zu ihnen: „Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht begehrt ein Zeichen, und kein Zeichen wird ihm gegeben werden als nur das Zeichen Jonas des Propheten.“

Der Herr bezeichnet dieses Volk, das ihn ablehnte – all diese Menschen aus Israel –, als ein böses Geschlecht. Die Verwerfung des Erlösers war eine ganz besonders böse Sache. Aber er nennt es auch ein ehebrecherisches Geschlecht. Dabei muss man bedenken, dass die Beziehung Gottes mit Israel am Sinai durch den Bundesschluss in der Bibel als ein Ehebund dargestellt wird.

Das sehen wir in Jeremia 31,31. Dort spricht Gott über den neuen Bund und wie dieser Bund anders sein wird als der erste Bund. Es wird deutlich, dass dieser Bund am Sinai ein Ehebund war. Lies du, Sven, wenn ich bitten darf, Jeremia 31,31:

„Siehe, Tage kommen, spricht Jehova, da ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund machen werde, nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern gemacht habe an dem Tage, da ich sie bei der Hand fasste, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen, welchen meinen Bund sie gebrochen haben. Und doch hatte ich mich mit ihnen vermählt, spricht Jehova.“

Der neue Bund wird hier im Kontrast zum Bund damals dargestellt, zur Zeit, als Israel aus Ägypten herausgeführt wurde. Von diesem Bund heißt es: „Diesen mein Bund, den sie gebrochen haben.“ Und doch hatte ich mich mit ihnen vermählt. Gott sagt also, dieser Bund am Sinai war ein Ehebund, und diesen Ehebund hatte Israel gebrochen.

Wenn wir die ganze biblische Geschichte überdenken, begann das mit dem goldenen Kalb. Der Bund war schon geschlossen, und zwar mündlich. Gott hatte die Gebote vom Sinai akustisch hörbar verkündet – die zehn Gebote. Israel hatte in 2. Mose 19 wiederholt gesagt: „Alles, was der Herr gebietet, wollen wir tun.“ Erst darauf wurden die Tafeln vom Sinai heruntergebracht. Das war das Gesetz in doppelter Ausführung, zwei Tafeln. Denn bei einem zweiseitigen Vertrag ist es wichtig, dass jede Partei ein Exemplar hat. Darum waren es zwei Tafeln.

Diese Tafeln wurden später in die Bundeslade gelegt. Die Bundeslade ist das Symbol für den Bund Gottes mit Israel. Aber ganz wichtig: Damals, als sie die Sünde des goldenen Kalbes begingen, war das nachdem sie mündlich Gott Treue zugesagt hatten. Noch bevor sie den Vertrag schriftlich mit den zwei Tafeln bekamen – das kam erst später.

Warum betone ich das so? In der Rechtsprechung ist es so, dass eine Ehe geschlossen wird – ich beziehe mich auf die Schweiz, müsste aber für andere Länder nachschauen. In Deutschland wissen das die meisten vielleicht auch. In der Schweiz ist es so, dass die Ehe vor dem Standesamt im Moment der mündlichen Verkündigung geschlossen wird. Wenn er „Ja“ sagt und sie „Ja“ sagt, ist die Ehe geschlossen. Das Unterschreiben ist nur eine schriftliche Bestätigung des bereits vollzogenen Bundes.

So war es auch in 2. Mose 19 – das war bereits der Eheschluss. Dann kam das goldene Kalb. Das war der Bruch der ersten zwei Gebote: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ Das war Ehebruch. Das zweite Gebot verbietet die Verehrung von Bildern oder darstellender Kunst. Sie hatten ein goldenes Kalb verehrt und damit mit diesen beiden Geboten die Ehe gebrochen.

Wenn wir die weitere Geschichte Israels anschauen, ist sie durchzogen von Götzendienst – also ständig Ehebruch. Das führte schließlich auch zur babylonischen Gefangenschaft des jüdischen Volkes. Doch als sie aus Babel zurückkehrten, sah alles anders aus, viel besser. Plötzlich war das Problem des Götzendienstes nicht mehr so präsent.

Wenn man die Bücher Esra, Nehemia und die Propheten zur Zeit Haggai, Sacharja und Maleachi liest, geht es nicht mehr um Götzendienst. Da hatte sich etwas völlig geändert. Doch dann kam der Messias. Und was machten sie? Sie verworfen ihn. Das war weniger das Problem, dass sie den Herrn offen ablehnten, sondern sie nahmen Beziehungen zu anderen Göttern auf und begingen Hurerei – das heißt, sie brachen die Ehe. Aber sie erwähnten den Herrn ständig.

Es ist interessant, wenn man die Namen der Israeliten in der Bibel studiert, zum Beispiel in der Zeit der zehn Stämme, die von Anfang an tief im Götzendienst waren, von Salomos Tod bis zur Wegführung nach Assyrien. Sie kehrten nie vom Götzendienst um. Doch wenn man die Namen betrachtet, tragen viele am Ende „ja“ – eine Kurzform von „Jachwe“. Der Herr war also immer bekannt, aber das Volk lebte in Hurerei.

Der Götzendienst war nicht mehr das Problem, aber der Messias war gekommen. Und was machten sie? Sie verworfen ihn direkt. Diese Pharisäer hatten sogar die Lästerung des Geistes begangen. Es ist furchtbar, wenn man das Bild betrachtet: Gott als Ehemann, Israel als Frau. Es ist schlimm, wenn eine Frau Ehebruch begeht und Beziehungen mit anderen Männern hat. Aber wenn sie den Mann aus dem Haus wirft, ist das noch einmal eine andere Dimension.

Hier geht es genau darum, dass der Messias verworfen wird – ganz direkt und offensiv. Der Herr nennt sie ein böses und ehebrecherisches Geschlecht. Und jetzt wollen sie noch ein zusätzliches Zeichen. Sie bekommen nur noch ein Zeichen: das Zeichen Jonas des Propheten.

Jonas Geschichte: Er war drei Tage und drei Nächte im Bauch eines großen Fisches (Jona 2). Der Herr sagt, so wird es mit dem Sohn des Menschen sein: Drei Tage und drei Nächte wird er im Herzen der Erde sein und danach auferstehen. Seine Auferstehung, also sein Sterben und Auferstehen, ist wie bei Jona, der aus dem Bauch des Fisches wieder hervorkam.

Der Bauch des Fisches wird sogar als Scheol bezeichnet. Ich will das kurz in Jona aufschlagen. Nach Amos und Obadja kommt Jona. Jona wurde vom Fisch verschlungen – übrigens steht nirgends, dass es ein Blauwal war, sondern ein großer Fisch. Blauwale haben diese Reusen im Maul, mit denen sie Krebse einsammeln, aber es war einfach ein großer Fisch.

In Jona 2,1-3 steht:

„Und Jehova bestellte einen großen Fisch, um Jona zu verschlingen. Und Jona war im Bauch des Fisches drei Tage und drei Nächte. Und Jona betete zu Jehova, seinem Gott, aus dem Bauch des Fisches und sprach: ‚Ich rief aus meiner Bedrängnis zu Jehova, und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Schosse des Scheol, du hörtest meine Stimme. Denn du hattest mich in die Tiefe, in das Herz der Meere geworfen, und der Strom umschloss mich, alle deine Wogen und deine Wellen fuhren über mich hin.‘“

Das Gebet von Jona im Bauch des Fisches beschreibt, wie es mit ihm abwärts ging. Er sollte nach Ninive gehen, um zu predigen, wollte aber nicht. Er ging nach Jaffa, geografisch „runter“ zum Hafen am Mittelmeer, auf null Meter Höhe. Dort ging er ins Schiff und in den untersten Raum. Das war offensichtlich nicht tief genug. Er legte sich auf den Boden, der Kopf hatte noch 1,x Meter Höhe. Später wurde er über Bord geworfen, ging ins Wasser und wurde vom Fisch verschluckt. Der Fisch tauchte noch tiefer ins Meer.

Dieses Runtertauchen in die Meerestiefen wird als Schoss des Scheol beschrieben. Scheol im Hebräischen wird an vielen Stellen als das Totenreich bezeichnet. Manchmal ist es das Jenseits, an anderen Stellen das Diesseits, also das Grab.

In Jeremia 32 wird von Scheol gesprochen, dort sogar von Grabbeigaben. Im Tod werden Geist und Seele getrennt: Für Gläubige gehen sie ins Paradies, für die Verlorenen ins Gefängnis im Jenseits. Das wird Scheol genannt. Der Körper bleibt im Diesseits und verwest im Grab, das auch Scheol genannt wird. Das Meer wird ebenfalls als Scheol bezeichnet – besonders für Menschen, die damals auf dem Mittelmeer reisten. Wenn jemand starb, wurde er über Bord geworfen. Das Meer wurde so zum Grab, zum Totenreich.

Das bedeutet nicht, dass Jona gestorben wäre, aber er ging mit dem Fisch in den Scheol hinab, der ihn in die Tiefen brachte. Dort flehte er zum Herrn, und der Herr holte ihn wieder hervor. Nach drei Tagen und drei Nächten wurde er ausgespien ans Land (Jona 2,11). Dann kam der Auftrag erneut: Er soll nach Ninive gehen, und diesmal ging er. Er war nicht mehr derselbe wie vorher.

Im 20. Jahrhundert konnte man mehr als eine Jona-Erfahrung belegen – Menschen, die von einem Fisch verschluckt und wieder herausgeholt wurden. Sogar die Nazis beschrieben in ihrer Zeitschrift „Der Stürmer“ einen solchen Fall. Sie hatten keine Absicht, die Bibel zu bestätigen, aber es gibt authentische Fälle, dass jemand verschluckt und wieder herausgeholt wird. Die Haut ist danach nicht mehr dieselbe, da die Magensäfte sie gegerbt und gelblich gefärbt haben.

Man muss sich vorstellen, dass Jona nach Ninive ging und seine Predigt hielt: „In vierzig Tagen wird diese Stadt zerstört.“ Die Menschen fragten: „Was ist das für einer?“ Sie dachten nicht, er käme vom Mars, aber es war ungewöhnlich. Das Zeichen Jonas war für diese Menschen ein Wahrzeichen.

Jona wollte die Botschaft nicht bringen, floh und musste ins Totenreich hinab. Nach drei Tagen und drei Nächten kam er wieder hervor. Dieses Zeichen Jonas war für die Niniviten eine Sensation. Sie nahmen die Botschaft ernst und kehrten um.

Nun sagt der Herr Jesus: Dieses Geschlecht, das mich ablehnt, wird noch ein Zeichen bekommen – das Zeichen Jonas. Der Menschensohn wird auch drei Tage und drei Nächte im Grab sein, im Herzen der Erde, so wie Jona im Bauch des Fisches. Das Mittelmeer war für diese Zeit das Grab. Das sollte für Israel ein messianisches Zeichen sein, das alles übertrifft: Der Messias ist gestorben und auferstanden.

Jesus sagt in Vers 41: „Die Männer von Ninive werden im Gericht aufstehen mit diesem Geschlecht und es verdammen, denn sie taten Buße auf die Predigt Jonas. Und siehe, mehr als Jona ist hier.“

Jesus weist darauf hin, dass diese Niniviten, Heiden, die kaum etwas von Gott wussten, durch das Zeugnis Jonas umkehrten. Jona war nur ein Prophet, aber jetzt steht der Messias selbst vor ihnen – der nach Jesaja 53 sterben und auferstehen sollte. Diese Generation von Niniviten wird im letzten Gericht als Belastungszeugen gegen die Generation stehen, die den Messias unter sich hatte und ihn trotzdem ablehnte.

Die Frage nach den drei Tagen und drei Nächten

Jetzt stellt sich hier noch eine ganz sachliche Frage: Wie ist das mit den drei Tagen und drei Nächten?

Ich muss sagen, ich habe schon viele E-Mails dazu bekommen. Ich werde ja völlig überflutet mit Nachrichten, es gibt kein Durchkommen mehr. Aber wie oft ich die Frage gehört habe: Wie können Sie so etwas erzählen, dass Jesus Christus am Freitag gekreuzigt wurde und am ersten Tag der Woche, also am Sonntag, auferstanden ist? Das stimmt überhaupt nicht, es steht doch ganz klar „drei Tage und drei Nächte“. Das müssten also dreimal vierundzwanzig Stunden sein. Und darum geht das gar nicht mit Freitag, das ist alles vollkommen falsch.

Immer wieder bekomme ich solche unglaublichen Nachrichten. Wie ist das zu verstehen? Wenn man die Evangelien liest, sieht man, dass die letzte Woche, von Palmsonntag bis zur Kreuzigung und dann bis zur Auferstehung am ersten Tag der Woche, so ausführlich beschrieben wird. Über dreißig Prozent des Textes der Evangelien beschäftigen sich nur mit dieser Woche.

Wenn man bedenkt, dass die Evangelien vier Biografien des Lebens des Herrn Jesus hier auf Erden sind – von dreiunddreißig Jahren bis zu seinem Tod und zur Auferstehung –, dann ist es bemerkenswert, dass 30 Prozent sich nur mit einer Woche aus diesen 33 Jahren beschäftigen. Diese Woche wird so detailliert wiedergegeben, besonders im Markus-Evangelium. Dort kann man jeden Tag ganz genau feststellen, weil immer die Angabe gemacht wird: „am nächsten Tag“, „nächsten Morgen“, sodass man die Chronologie ganz genau aufstellen kann.

Für Palmsonntag, den Sonntag, und dann den Montag, was dort geschehen ist – die Tempelreinigung – wird im Matthäus-Evangelium berichtet. Dort wird über Palmsonntag, den triumphalen Einzug nach Jerusalem, berichtet und dann gleich die Tempelreinigung. Man könnte meinen, in Matthäus sei das am gleichen Tag gewesen. Das sagt Matthäus aber gar nicht. Er fügt einfach eine weitere Geschichte an. Im Markus-Evangelium werden die zeitlichen Verhältnisse ganz peinlich genau beschrieben, und darum merkt man: Aha, das war erst am Montag.

Dann geschieht am Dienstag vieles: die Diskussionen im Tempel und die Ölbergrede am Ende dieses Tages. Danach folgt der Mittwoch, dann der Donnerstag, dann am Freitag die Kreuzigung. Danach kommt der Sabbat, und dann am ersten Tag der Woche die Auferstehung.

Man kann es vom Text so klar belegen: Man kann mit Palmsonntag anfangen und bis zur Auferstehung am Sonntag gehen. Oder man kann von der Auferstehung am ersten Tag der Woche zurückgehen und die Tage im Text zurückverfolgen – dann landet man wieder auf einem Sonntag, dem Palmsonntag. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Chronologie ist so.

Dann sagt jemand: „Ja, aber da steht ja ‚drei Tage und drei Nächte‘, das würde ja nicht stimmen.“ Es ist aber ganz wichtig, diese Sprache auf dem jüdischen Hintergrund zu verstehen. Das Problem ist nämlich folgendes: Im Althebräischen gibt es kein Wort für einen 24-Stunden-Tag, also für einen Kalendertag. Darum ist das Wort „Yom“ im Althebräischen zweideutig. „Yom“ kann bedeuten die helle Zeit eines Tages, also von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. „Yom“ kann auch einen 24-Stunden-Tag bedeuten.

Darum wird im Schöpfungsbericht bei jedem Tag zum Schluss zusammenfassend gesagt: „Und es war Abend, und es war Morgen, erster Tag, zweiter Tag, dritter Tag, Abend.“ Damit beginnt in der Bibel ein 24-Stunden-Tag. Im Judentum beginnt der neue Tag bis heute am Abend. Es wurde Abend – das ist der Beginn des nächtlichen Teils. Es wurde Morgen – das ist der Beginn der hellen Zeit. Das zusammen gibt dann den ersten Tag, zweiten Tag, dritten Tag usw.

Das macht klar: Tag und Nacht meint einen Kalendertag. Wenn der Herr Jesus sagt, so wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn ebenso lange im Herzen der Erde sein. Das wird an drei Kalendertagen geschehen.

Tatsächlich war Karfreitag nach den Evangelien der 15. Nisan. Dann kam der Sabbat, der 16. Nisan, und die Auferstehung war am 17. Nisan. Also drei Kalendertage. Natürlich war der 17. Nisan, der Freitag, nur ein Teil davon, an dem der Herr im Grab war. Er starb um 15:00 Uhr nachmittags, und noch bevor Sabbat wurde, am Abend, wurde der Herr ins Grab gelegt. Freitag war also angebrochen. Dann kam der Sabbat, ein vollständiger 24-Stunden-Tag. Und am ersten Tag der Woche ist der Herr ganz früh auferstanden. Da war also auch der erste Tag der Woche nur angebrochen. Aber es sind drei Kalendertage: 15., 16. und 17. Nisan.

Im Talmud gibt es verschiedene Stellen, die erklären, wie man im Judentum Zeiten berechnet. Ich habe hier den Talmud auf Hebräisch und Aramäisch – das sind viele Bände. Auf Deutsch gibt es eine sehr gute Übersetzung in zwölf Bänden. Jetzt habe ich hier nur zwei Bände, die gerade wichtig sind, eine deutsche Übersetzung von Lazarus Goldschmidt, eine sehr gute Übersetzung.

Dort erfährt man zum Beispiel im Traktat Rosh Haschanah, das sich mit dem Neujahr beschäftigt, auf Seite 10b und 11a, dass ein angebrochenes Jahr im Judentum wie ein ganzes Jahr gezählt wird. Ebenso wird erklärt, dass ein angebrochener Tag – also nur ein Teil eines Tages – in der Tageszählung wie ein voller Tag gerechnet wird.

Dazu kann man auch noch im Traktat Nasir 15b und 16a lesen, dass eben ein angebrochener Tag voll gezählt wird. Darum, wenn der Herr „drei Tage und drei Nächte“ sagt, meint er drei Kalendertage, unabhängig davon, ob ein Kalendertag nur ein Teil davon war oder die vollen 24 Stunden.

Das ist übrigens auch so bei der Zählung von Königen im Alten Testament: Wenn ein König 52 Jahre regierte und im neuen Jahresverlauf stirbt – natürlich nicht am Ende des Jahres, sondern irgendwo im Lauf des Jahres –, wird dieses letzte Jahr als ein volles Jahr gezählt, auch wenn es nur angebrochen war.

Das ist sehr wichtig: Man muss diese Ausdrücke auf dem jüdischen Hintergrund verstehen. Dann ist auch klar, warum der Herr Jesus an anderen Stellen sagt, er werde am dritten Tag auferstehen, und nicht „nach drei Tagen“. Er sagt „am dritten Tag“. Es gibt auch eine Stelle, wo er „nach drei Tagen“ sagt. Das sind verschiedene Ausdrucksweisen für dasselbe und bedeuten drei Kalendertage. So hat sich das erfüllt.

Jesus ist also die messianische Überhöhung dessen, was man in Ninive als Vorgeschmack erlebt hatte – mit diesem vermutlich gelbhäutigen Mann, der im Scheol unten war, aber wieder auferstanden ist. Wörtlich auferstanden, nicht, dass er gestorben wäre, sondern er kam wieder aus dem toten Reich heraus und war damit ein eindrückliches Zeugnis für die Ninemiten.

Die Königin des Südens als Belastungszeugin

Und dann, in Vers 42, sagte Herr Jesus: Die Königin des Südens wird im Gericht mit dieser Generation auftreten und sie verurteilen. Denn sie kam von den Enden der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören, und siehe, hier ist jemand Größer als Salomo.

Wer ist diese Königin von Sheba? Ich habe es bereits gesagt: Die Königin des Südens ist die Königin von Sheba. Aber was ist Sheba? Ist es Äthiopien? Nein, Sheba ist das heutige Jemen, nicht Äthiopien. Es liegt ganz unten auf der arabischen Halbinsel, in der Nähe von Saudi-Arabien. Dort endet das Festland, und danach kommt das Meer bis zur Antarktis.

Darum sagt der Herr Jesus, sie sei vom Ende der Erde gekommen. Der Ausdruck „Ende der Erde“ oder „Enden der Erde“ kommt im Alten und Neuen Testament wiederholt vor. Er bezeichnet immer die Teile des Festlandes, die am weitesten von Israel entfernt sind. Das trifft natürlich auch auf Länder wie Thailand, die Philippinen, Neuseeland oder Australien zu, aber eben auch auf das Jemen.

Im Alten Testament steht das hebräische Wort „Devel“ für das bewohnte Festland, also das kontinentale Festland. Die „Enden der Erde“ sind die Stellen, an denen das Festland von Israel aus gesehen aufhört. Darum kam sie nicht aus Äthiopien, sondern aus Sheba.

Interessant ist, dass der Herr Jesus nicht die Königin von Sheba nennt, sondern die Königin des Südens. Wenn man das ins Hebräische zurückübersetzt, heißt Königin „Malka“ und Süden „Teman“. Teman ist sowohl das Wort für Süden als auch für Jemen in der Bibel. Also ist die Königin von Teman die Königin von Jemen.

Sie wird im Gericht mit jener Generation auftreten, die damals den Messias verworfen hatte. Warum? Weil sie bereit war, diese weite Reise aus Jemen mit einer Karawane durch die Wüste des heutigen Saudi-Arabiens nach Jerusalem zu machen, nur um die göttliche Weisheit zu hören.

Sie hatte viel über die Weisheit Salomos gehört und wollte sie kennenlernen. Sie sagte zu Salomo: Du hast das Gerücht übertroffen. Normalerweise übertreiben Gerüchte, und man ist enttäuscht, wenn man die Realität erlebt. Doch hier übertraf die Realität das Gerücht. Von dem, was sie gehört hatte, war nicht einmal die Hälfte wahr.

Sie war überwältigt. Zwar war Salomo ein sehr weiser Mann, aber wir wissen auch, dass er in seinem Leben oft versagt hat. Dennoch kam diese Frau von so weit her, während die Generation zur Zeit Jesu, wie in Matthäus 12 beschrieben, den Messias in ihrer Mitte hatte. Sie mussten keine solche Weltreise unternehmen, aber sie lehnten ihn ab und hassten ihn.

Darum sagte Jesus, sie werde als Belastungszeugin im Gericht auftreten. Das ist interessant, wenn man sich vorstellt, dass beim letzten Gericht vor dem großen weißen Thron, nach dem tausendjährigen Friedensreich (Offenbarung 20,11), verschiedene Generationen zusammenkommen werden.

Da werden die Pharisäer aus dem ersten Jahrhundert, die Generation aus Matthäus 12, auf die Königin von Sheba treffen, die tausend Jahre früher lebte. Sie wird sagen: Ich habe die weite Reise gemacht, und ihr hattet den Messias und habt ihn verworfen.

Auch die Leute von Ninive, die im 8. Jahrhundert vor Christus lebten, werden dieser Generation begegnen. Sie werden sagen: Damals, als dieser Mann mit seiner seltsamen Haut und Botschaft kam, haben wir Buße getan. Aber diese Generation hatte den Messias und hat ihn verworfen. Und diese Generation wird verurteilt.

Der Gedanke von Belastungszeugen quer durch die Geschichte eröffnet sensationelle Einsichten. Dazu wollen wir noch 1. Korinther 6 anschauen. Dort sagt der Apostel Paulus zu den Gläubigen:

„Wisst ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden? Und wenn ihr die Welt richtet, seid ihr dann unwürdig, über geringere Dinge zu richten? Wisset ihr nicht, dass wir Engel richten werden? Geschweige denn die Dinge dieses Lebens? Wenn ihr über Dinge dieses Lebens richten müsst, setzt die hinzu, die gering geachtet sind in der Versammlung. Zur Beschämung sage ich euch: Ist unter euch nicht einer, der zwischen seinen Brüdern zu entscheiden vermag?“ (1. Korinther 6,2-5)

In Korinth gab es massive Auseinandersetzungen zwischen Geschwistern, und einer zog den anderen vor das weltliche Gericht. Paulus sagt, dass sie solche Dinge in der Gemeinde klären sollten. Die Brüder sollten die Streitigkeiten unter Zeugen klären, aber nicht vor weltlichen Gerichten.

Apostel Paulus fordert, dass solche Konflikte in der Gemeinde gelöst werden. Er sagt auch, dass die Gläubigen einmal die Welt richten und sogar gefallene Engel richten werden. Wenn sie schon jetzt nicht fähig sind, zwischenmenschliche Probleme biblisch zu klären, wie sollen sie dann einmal über die Welt richten können?

Das biblische Verfahren bei Konflikten ist in Matthäus 18 beschrieben: Zuerst zwischen zwei Personen, wenn das nichts bringt, dann mit zwei oder drei Zeugen, und wenn das auch nicht hilft, wird es vor die ganze Gemeinde gebracht.

Hier lernen wir, dass die Gläubigen, der Adel der Erlösten, einmal im Gericht auftreten werden. Herr Jesus stellt sie als Belastungszeugen vor. Vielleicht werden sie aufgerufen, um zu sagen: „Ich habe diesem Menschen ein evangelistisches Buch gegeben, aber er hat es später weggeworfen.“

Ein Mann erzählte, dass er immer bewusst „Auf Wiedersehen!“ sagt, wenn er Traktate verteilt. Denn ein Wiedersehen gibt es hoffentlich im Himmel, wenn Menschen umkehren und Frieden mit Gott finden.

Zum Schluss lesen wir aus Offenbarung 20,11-15:

„Und ich sah einen großen weißen Thron und den, der darauf saß. Vor seinem Angesicht flohen Erde und Himmel, und keine Stätte wurde für sie gefunden. Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Thron stehen. Bücher wurden aufgetan, und ein anderes Buch wurde aufgetan, das Buch des Lebens. Die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben stand, nach ihren Werken. Und das Meer gab die Toten, die in ihm waren, und der Tod und der Hades gaben die Toten, die in ihnen waren. Sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Werken. Der Tod und der Hades wurden in den Feuersee geworfen, das ist der zweite Tod, der Feuersee. Und wenn jemand nicht im Buch des Lebens gefunden wurde, wurde er in den Feuersee geworfen.“

Die Gläubigen werden vor dem Richtstuhl Christi gestellt, aber im Himmel. Dort geht es nicht um Verdammnis, sondern um die Klärung des Lebens im Licht Gottes.

Das Endgericht nach dem Tausendjährigen Reich wird beschrieben, wenn Himmel und Erde aufgelöst werden, wie in 2. Petrus 3. Dort heißt es, die Erde und der Himmel entflohen, und keine Stätte wurde für sie gefunden. Das ist der Moment, wenn die Elemente im Feuer zerschmolzen werden – eine Darstellung von Kernfusion und Kernspaltung, die das Weltall auflösen.

Der weiße Thron steht also nicht auf der Erde, denn die Erde entfloht. Trotzdem gibt es einen Ort, wo dieser Thron steht, und alle Toten, angefangen bei Kain bis heute, die keinen Frieden mit Gott angenommen haben, werden dort stehen.

Im Endgericht werden die Gläubigen als Belastungszeugen auftreten. Verschiedene Generationen aus der Geschichte werden dort zusammengeführt.

Wenn man bedenkt, wie viele Menschen seit den ersten Menschen gelebt haben, und das mit Bevölkerungswachstumsformeln berechnet, sieht man, dass heute ein großer Teil der Menschheit lebt – über acht Milliarden.

Diese Menschen werden sich treffen und als Belastungszeugen auftreten. Viele sind unter erbärmlichen Bedingungen zum Glauben gekommen, und sie hatten eine große Gelegenheit. Das wird zur Belastung für jene werden, die viele Chancen hatten und sie nicht genutzt haben.

Philipp sagt dazu, dass genau die, die den Messias verworfen haben, sagen werden: „Wir hatten den Messias nicht gesehen, aber wir haben geglaubt.“ So wird es auch eine Aussage geben.

Wir werden es also mit verschiedenen Generationen zu tun haben, wie gesagt. Die Königin von Jemen, die Königin von Sheba, wird auftreten und die Generation zur Zeit der Evangelien verurteilen. Diese Generationen sind sehr unterschiedlich.

Wir leben genau in dieser Zeit, die Gott so gewollt hat. Er hätte uns auch zu einer anderen Zeit auf die Welt kommen lassen können. Aber einmal werden sich alle Generationen begegnen und die ganze Menschheit wird versammelt sein.

Das hat etwas ganz Dramatisches an sich. Jemand, der unter schlechten Umständen zum Glauben kam, wird fragen, warum diejenigen, die viele Chancen hatten, nicht geglaubt haben.

Das ist besonders ernst für Kinder, die in christlichen Familien aufgewachsen sind, aber das Heil nicht angenommen haben. Sie werden durch solche, die fast nichts wussten und dennoch umkehrten, besonders belastet werden.

Eine Frage war, ob die Königin von Sheba sich bekehrt hat. Die Bibel gibt nur einen knappen Bericht. Sie zeigt, wie diese Frau kam. Heutige Autoren würden daraus vielleicht einen 500-Seiten-Bestseller machen, doch die Bibel bleibt knapp.

Es wird deutlich, dass diese Frau überwältigt war von der Weisheit Salomos und der Herrlichkeit Gottes in Jerusalem. Sie sah im Salomontempel die Schechina, die lichte Wolke am Tag und die Feuersäule bei Nacht.

Diese wenigen Hinweise zeigen, dass sie den wahren Gott erkannt hatte. Im Alten Testament wohnte Gott im Tempel in Jerusalem. Gott ist allgegenwärtig, aber wenn er an einem bestimmten Ort wohnt, ist er dort auf besondere Weise zu erkennen.

Darum rief Gott die Völker: Kommt her! So kam die Königin von Sheba nach Jerusalem. Auch ein Äthiopier aus dem Gebiet des heutigen Sudan, der Finanzminister der Kandake, kam nach Jerusalem (Apostelgeschichte 8).

Im Alten Testament war die Mission zentripetal – die Kraft wirkte zum Zentrum hin. Nach der Auferstehung des Herrn Jesus ist die Mission zentrifugal – die Kraft wirkt nach außen, weg vom Zentrum.

Damals musste man nach Jerusalem kommen, um Gott speziell zu erkennen. Heute gehen wir hinaus zu allen Nationen, um das Evangelium zu bringen.

Kurz gesagt: Die Königin kam nach Jerusalem und erkannte dort den wahren Gott. Das ist ein Hinweis darauf, dass sie eine wahre Gläubige wurde, so wie die Männer von Ninive, die echte Buße taten und gerettet wurden.

Bruno wollte noch etwas sagen: Er ist vorsichtig bei Schätzungen, wie viele Menschen in Europa seit der Schöpfung gelebt haben. Vor der Sintflut kann man nur hypothetisch schätzen.

Aber es sind viele Milliarden, und die heutigen acht Milliarden machen einen bedeutenden Anteil aller Menschen aus, die je gelebt haben.

Es ist erstaunlich, dass das Evangelium heute so einfach bis an die Enden der Erde gelangt – durch Radio, Fernsehen, Internet und viele, die physisch gegangen sind.

Alle Nationen werden heute ständig mit dem Evangelium erreicht, ausgerechnet in einer Zeit, in der es so viele Menschen gleichzeitig auf der Erde gibt wie nie zuvor.

Natürlich wissen wir nicht, wie viele vor der Sintflut lebten. Die Zahl könnte auch dort erstaunlich hoch gewesen sein, aber mindestens ab der Sintflut ist das so.

Noch etwas? Herr Roche, die Königin von Sheba müsste ja eigentlich verloren sein, wenn sie als Belastungszeugin auftritt. Wäre sie nicht selbst unter Gericht, wenn sie die Wahrheit gesehen und nicht angenommen hätte?

Ganz genau, sehr gut argumentiert. Die Königin von Sheba muss eine wahre Gläubige geworden sein, denn sie verurteilt ja die, die nicht geglaubt haben.

Hätte sie sich nicht bekehrt, wäre sie nicht überzeugend als Belastungszeugin. Ebenso die Männer von Ninive, die der Herr erwähnt – sie taten echte Buße.

Nächstes Mal geht es weiter mit der Geschichte vom unreinen Geist, der mit sieben schlimmeren unreinen Geistern zurückkehrt. Das hat eine interessante Bedeutung für die Geschichte Israels bis in die Zukunft. Das schauen wir uns dann genauer an.

Vielen Dank an Roger Liebi, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

Noch mehr Inhalte von Roger Liebi gibt es auf seiner Webseite unter rogerliebi.ch