Gott wird Mensch – Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist.
Episode 613: Wann kommt das Reich Gottes? Teil 2
Einführung in die Frage nach dem Reich Gottes
Die Pharisäer stehen vor Jesus und fragen ihn, wann das Reich Gottes kommt. Ihre Vorstellung vom Reich Gottes ist für uns heute nicht leicht zu erfassen. Im Gegensatz zu den Zeloten sind sie keine typischen Nationalisten. Ihre Vorstellung vom Reich Gottes ist weniger politisch, sondern eher spirituell-religiös.
Wer das Joch des Reiches Gottes auf sich nimmt, verpflichtet sich zur täglichen Erfüllung der Tora-Gebote. Das Reich Gottes bricht daher an, wenn Israel die Tora vollständig erfüllt. Fügt man Aussagen aus der apokalyptischen Literatur hinzu, ergibt sich folgendes Bild: Das Reich Gottes beginnt für die Pharisäer mit einem göttlichen Gericht, bei dem die Gottlosen bestraft und die Gerechten bewahrt werden. Dabei sind die Gerechten natürlich die Gesetzestreuen.
Das Reich Gottes erscheint in der apokalyptischen Literatur als ein privilegierter Bereich für diejenigen, die Treue und Rechtschaffenheit zeigen. Nur die Würdigen und Gerechten gelangen ins Reich Gottes. Wie gesagt, es ist nicht einfach, das Denken der Pharisäer zu rekonstruieren. Klar ist nur, dass sie zur Zeit Jesu noch darauf warten.
Das hängt auch damit zusammen, dass ihre Vorstellung vom Reich Gottes ein göttliches Gericht voraussetzt, das dem Reich selbst vorangeht. Dieses Gericht wird von übernatürlichen Zeichen begleitet sein. Im Anhang des Skripts finden sich zwei relevante Texte dazu, aus dem vierten Buch Esra.
Bei den Zeichen handelt es sich um kosmische Phänomene, aber auch gesellschaftliche Veränderungen. Man kann sie so zusammenfassen: Die Natur gerät aus den Fugen, und die Gesellschaft wird von Angst, Unglauben und Ungerechtigkeit dominiert. All dies geschieht, bevor das Reich Gottes anbricht. So jedenfalls stellt sich das Denken der Pharisäer dar.
Jesu Antwort auf die Frage nach dem Reich Gottes
Aber kommen wir zurück zu Lukas 17,20. Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde: „Wann kommt das Reich Gottes?“, antwortete er ihnen und sprach: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte.“
Wir verstehen jetzt die Antwort von Jesus noch besser. Wer beim Anbruch des Reiches Gottes an ein vorausgehendes Weltgericht denkt, der liegt falsch.
Aber noch etwas ist wichtig: Das Konzept des Reiches Gottes ist kein irdisches. Auch wenn sich das Reich Gottes auf der Erde abspielt, unterscheidet es sich doch deutlich von anderen Reichen, die man ganz klar lokal verorten kann.
Wenn ich im Geschichtsunterricht vom Dritten Reich höre, dann gibt es dazu eine Karte, auf der das Dritte Reich eingezeichnet war. So etwas gibt es vom Reich Gottes nicht.
Lukas 17,21 sagt: „Auch wird man nicht sagen, siehe hier oder siehe dort. Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“
Die Bedeutung von „mitten unter euch“ beim Reich Gottes
Für die Auslegung dieses Verses ist die Frage wichtig, wie wir „mitten unter euch“ interpretieren. Das Reich Gottes ist „mitten unter euch“ oder man könnte es auch mit „in euch“ übersetzen. Beide Übersetzungen sind möglich.
Was will Jesus damit sagen? Beginnen wir mit der Übersetzung „in euch“. Diese Interpretation stammt von den Kirchenvätern. Sie hat jedoch ein Problem: Wie kann Jesus davon sprechen, dass das Reich Gottes genau in den Menschen sein soll, die seine Feinde sind?
Ich verstehe diesen Gedanken, aber ich frage mich, ob man nicht doch genau so formulieren kann, wie Jesus es tut, wenn man einen Gegensatz zwischen einem „Wo“ aufbaut, das irdisch ist, und einem „Wo“, das inner- beziehungsweise zwischenmenschlich ist.
Zuerst beantwortet der Herr Jesus die Frage nach dem „Wann“. Seine Antwort lautet: Wartet bloß nicht auf eure Zeichen, sonst verpasst ihr das Reich Gottes. Dann kommt er zum „Wo“. Jesus weist darauf hin, dass es beim Reich Gottes nicht um ein irdisches „Wo“ geht. Auch wird man nicht sagen: „Siehe hier“ oder „siehe dort“.
Stattdessen verweist er darauf, dass das Reich Gottes in uns stattfindet. Das Reich kommt nicht, sondern es ist. Es ist eine Erfahrung, die in uns geschieht.
Dass er dabei die Pharisäer anspricht, also seine Feinde, drückt keine Realität, sondern eine Möglichkeit aus. Wenn ich sage: „In dir steckt ein Künstler“, dann klingt der Satz wie eine Feststellung. Doch eigentlich meine ich, du hättest das Zeug zu einem Künstler, wenn du dich anstrengen würdest.
Genauso kann Jesus auch zu den Pharisäern sagen: „Das Reich Gottes ist in euch“ und meinen, das Reich Gottes als Erfahrung findet in euch statt, aber ihr müsst dafür Buße tun. Ihr müsst das auch zulassen.
Wesen und Ort des Reiches Gottes
Was meint Jesus damit, dass das Reich Gottes in Menschen ist? Ganz einfach: Das Reich Gottes besteht aus Menschen, die in einer erneuerten, lebendig machenden Beziehung zu Gott leben.
Die Frage nach dem Wo greift beim Reich Gottes zu kurz. Es ist nämlich nicht von dieser Welt. Es findet zwar in der Welt statt, aber es ist anders. Es ist ein Reich, das im Vergleich zu anderen Reichen unsichtbar ist – unsichtbar und dennoch wirksam.
Es ist ein Reich, das mit innerer Verwandlung beginnt. Nicht politische Strukturen oder sichtbare Grenzen kennzeichnen es, sondern Herzen, die sich vom Geist Gottes verändern lassen. Dort, wo Menschen sich dem Wirken des Heiligen Geistes öffnen, wird das Reich Gottes Realität – oft leise, unbemerkt und unspektakulär.
Es ist ein persönliches Geschehen. Es wird sichtbar, wo Menschen anfangen, im Sinne Gottes zu denken, zu handeln und zu lieben. Es ist ein unsichtbares, aber zutiefst reales Geschehen in uns drin, wenn wir das zulassen.
Das Reich Gottes als zwischenmenschliche Erfahrung
Und damit passt auch die Übersetzung „unter euch“. Wenn jemand fragt, wo das Reich Gottes ist und dabei an ein irdisches Reich denkt, kontert Jesus mit der Idee, dass das Reich Gottes zwischenmenschlich erfahren wird.
Die Herrschaft Jesu findet in mir statt, aber sie zeigt sich durch meinen Umgang mit anderen Menschen – so wie hier bei den Pharisäern. Jesus steht vor ihnen, und damit ist das Reich Gottes mitten unter ihnen. Es ist dort, wo ich auf den König treffe, und es ist dort, wo ich auf seine Nachfolger treffe.
Das Reich Gottes ist dort, wo ich auf Menschen treffe, die durch den Geist Gottes geleitet werden. Das ist ein weiterer Grund dafür, dass man es nicht beobachten kann. Man kann vielleicht Auswirkungen der Herrschaft Jesu wahrnehmen: die guten Werke, die ich tue, meine Gemeinschaft mit anderen Christen, offensichtliche Charakterveränderung oder einen heiligen Lebensstil.
Aber die Essenz des Reiches, die Beziehung zum Herrn Jesus als solche, kann man nicht sehen. Einfach deshalb, weil man Liebe nicht sehen kann.
Zusammenfassung und Ausblick
Halten wir kurz fest: Das Reich Gottes ist dort, wo der König ist. Er lebt durch seinen Geist im Herzen der Gläubigen.
Auf diese Weise ist das Reich Gottes in und unter uns. Wo gläubige Menschen sind, da ist auch das Reich Gottes.
Was könntest du jetzt tun? Überlege, ob du dich als Botschafter Gottes verstehst, der das Reich Gottes in die Welt hineinträgt.
Das war's für heute. Es lohnt sich, das Leben immer wieder auf nichtige Dinge und Zeitfresser zu überprüfen und diese dann loszuwerden.
Der Herr segne dich, lasse dich seine Gnade erfahren und lebe in seinem Frieden. Amen.
