Einleitung
Der Pfarrer Martin Girkon wirkte in den neunziger Jahren in Mühlheim
an der Ruhr. Er hatte keine große Bücherei, denn er hatte zeitlebens viele
Bücher verschenkt. Aber seine Bibel war zerlesen, und an den Rändern ihrer
Blätter standen viele Bemerkungen. Modersohn hat sie nach dem Tode des
väterlichen Freundes durchgeblättert und fand bei der Stelle: Der Gott des
Friedens heilige euch durch und durch - die Bemerkung:
Durch und durch - nicht bloß furniert![1]
Das Leben als Christ soll nicht furniert sein, sondern massiv. Das
will Paulus den Thessalonichern sehr eindringlich deutlich machen.
Text lesen
I. Heiligung ist Gottes Wille (4,1-3a)
Der grundlegende Teil des Briefes ist nun abgeschlossen.
Mit "weiter" oder man kann auch sagen "im übrigen" wendet sich der
Brief einzelnen Fragen zu, die mit der Gemeinde besprochen werden müssen.
A. Anweisungen des Paulus (4,1-2)
Zuerst greift Paulus die Lebensführung auf. Er schreibt:
Übringens nun, Brüder, bitten und ermahnen wir euch in dem Herrn Jesus, da
ihr ja von uns (Weisung) empfangen habt, wie ihr wandeln und Gott gefallen
sollt - wie ihr auch wandelt -, daß ihr (darin noch) reichlicher zunehmt.
4,1 nach Elb.
Richtig, die Thessalonicher galten als vorbildliche Gemeinde. Dies
haben wir in den vorangehenden Abschnitten deutlich gesehen.
Paulus genügt dies allein nicht. Er weiss, dass der Glaube an Jesus
wachstumsorientiert ist. Dem Stand der Gemeinde nach leben sie sehr
vorbildlich. Sie leben nach den Weisungen des Apostels, aber sie sollen
darin noch weiter zunehmen.
Vielleicht kann man es mit dem Bild eines Säuglings vergleichen. Wenn
ein Kind auf die Welt kommt und gesund ist, so hat es alles was es zu einer
gesunden Entwicklung braucht. Das Kind ist vollkommen.
Wer würde mit einem Säugling schimpfen, weil er noch nicht laufen
kann? Wer würde ein Baby strafen, weil es die Windeln voll macht? Niemand
von uns.
Jedoch macht dieser Säugling eine Entwicklung durch und seine
Fähigkeiten, die in ihm bereits angelegt sind, die kommen dann immer mehr
zur Entfaltung, indem er viel üben wird und immer wieder man auf die Nase
fällt.
Genauso sieht es Paulus. Die Thessalonicher sind sehr vorbildlich und
ihrem Alter entsprechen sehr reif. Doch sind sie nicht ausgewachsen. Sie
sollen nun Fortschritte machen und in Ihrer Entwicklung nicht stehen
bleiben.
Den Weisungen des Apostels sollen sie folge leisten und sie beachten.
Paulus sagt:
Denn ihr wißt, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus.
4,2.
Dieses Wort Gebote oder man könnte sorgar Befehle sagen, denn dieses
Wort wird auch für militärische Befehle verwendet. Es handelt sich also um
ein strenges Gebieten was durch Apg.16,18 sehr deutlich wird:
Das tat sie viele Tage lang. Paulus war darüber so aufgebracht, daß er sich
umwandte und zu dem Geist sprach: Ich gebiete dir im Namen Jesu Christi,
daß du von ihr ausfährst. Und er fuhr aus zu derselben Stunde. Apg.16,18.
In seinen Briefen braucht Paulus dieses Wort durchweg in Bezug auf
Weisungen für die Lebensführung der Christen.
Paulus lag sehr viel an diesen Regelungen, denn es geht ihm nicht
allein um eine innere Erfahrung des Glaubens. Ein für wahr halten, sondern
er fordert gleichzeitig den praktischen Lebenvollzug.
Wie dies zu geschehen hat, das überlässt er nicht allein den
Gläubigen, sondern er gab ihnen klare Anweisungen. Paulus macht also das,
was im Missionsbefehl so deutlich ausgesagt wird.
und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Mt.28,20a.
Anwendung
Vielleicht haben wir diesen Punkt etwas verkannt. Der doch von den
Aposteln sehr stark berücksichtigt wurde.
Zur Evangelisation gehört auch dazu, dass man die, die zu Jüngern
geworden sind lehrt und ihnen zeigt wie sie nun als Christen leben sollen.
Oder man müsste es vielleicht noch präziser sagen, dass zu Jüngern
macht indem man sie lehrt. So übersetzt die Elberfelder meines erachtens
besser:
Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, indem ihr diese tauft auf
den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und sie lehrt
alles zu bewahren, was ich euch geboten habe! Mt.28,19-20a.
Mit einer gewissen Berechtigung haben wir Angst vor Gesetzlichkeit.
Diese Angst enthebt uns aber nicht vor diesem Auftrag, dass wir lehren
sollen zu halten.
Der Glaube darf nicht einfach verinnerlicht werden, sondern er muss
auch äusserlich zum Ausdruck kommen. Nicht nur durch Gefühle, sondern durch
schlichten Gehorsam.
B. Gottes wille (4,3a)
Nun begründet Paulus seine Aufforderung folgendermassen:
Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, 4,3.
Vielleicht hat sich schon mancher gefragt, was der Wille Gottes für
sein Leben ist. Hier gibt Paulus eine klare Antwort: Unsere Heiligung.
Diesen Willen hatte Gott bereits für sein Volk Israel, denn er sagte
ihnen:
Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott. Lev.19,2.
Gott ist heilig, deshalb sollen wir auch heilig sein, eben, so wie es
Paulus auch sagt: seiner würdig Leben, eben heilig.
Nun klingt das vielleicht ganz nett, dass wir uns heiligen sollten
und demnach heilig werden. Aber, was heisst dies denn konkret?
Diese Stelle im Lev. ist die Einleitung in die Gesetze für das Volk
Israel. Heilig sein hiess für das Volk, dass sie diese Gesetze befolgen,
dadurch erweisen sie sich als heilig.
Heilig sein ist im AT nicht ein Gefühl oder ein Zustand, sondern ein
praktischer Vollzug der Ordnungen, die Gott eingesetzt hat. Dazu gehörte
beispielsweise auch die Forderung der Nächstenliebe:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; Lev.19,18b.
Genauso ist auch die Heiligkeit eines Christen nicht ein Gefühl,
sondern sie wird erlangt durch das Leben in den Ordnungen Gottes.
Evangelisation
Dass aber keine falschen Rückschlüsse gezogen werden. Durch das
Beachten der Ordnungen Gottes kann kein Mensch die Erlösung erlangen.
Denn Werke erlösen den Menschen nie und nimmer. Paulus sagt:
So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes
Werke, durch den Glaube. Rö.3,28.
Vor Gott gelten also keine menschlichen Leistungen. Denn nur der
Glaube an Jesus kann den Menschen erlösen und somit vor Gott gerecht
machen. Denn,
[Jesus] ist um unsrer Sünden willen dahingegeben und um unsrer
Rechtfertigung willen auferweckt. Rö.4,25.
Vielleicht lebst Du ein beachtlich gutes Leben, vielleicht kannst Du
Dich ohne weiteres mit einem Christen messen, vielleicht übertriffst Du
sogar.
Aber wenn Du nicht gerecht vor Gott bist durch den Glauben an Jesus
Christus, so hast Du keinen Frieden mit Gott. Paulus schreibt:
Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit
Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; Rö.5,1.
Hast Du diesen Frieden? Nur im Glauben an Jesus wirst Du diesen
tiefen Frieden finden.
weiter
Wer diesen Frieden nun hat, der soll nun auch Früchte des Glaubens
haben. Das Heil kann man nicht verdienen, aber durch unser Leben können wir
uns dankbar erweisen, indem wir uns heiligen.
II. Heiligung Konkret (4,3b-6)
Nun greift Paulus einige Aspekte heraus, die für die Heiligung
wesentlich sind. Er geht also ähnlich vor wie im Levitikus.
Er spricht drei Schwerpunkte an: Unzucht - Ehe - Geld/Macht
A. Unzucht (4,3b)
Als erstes nennt er die Unzucht. Haltet euch fern von Unzucht. Die
Möglichkeiten zur Unzucht waren ja in einer solchen Hafenstadt wie
Thessanlonich sehr vielfältig.
Sicherlich sind auch einige aus diesem Millieu zur Gemeinde gekommen
oder hatte Kontakte zu Menschen die in solchen Kreisen verkehren.
Mit Unzucht soll ein Christ aber nichts mehr zu tun haben. Dazu
gehören sicherlich Hurerei, Ehebruch, und allerlei Perversionen die ich
nicht aufzuzählen brauche.
Paulus war sich bewusst, dass dies ein Schwachpunkt des Menschen ist.
Deshalb die klare Aufforderung sich davon fernzuhalten. Denn wer sich der
Unzucht nähert, der kann sich die Finger verbrennen.
Anwendung
Unsere Zeit quillt auch über mit allerlei Variationen von Unzucht.
Die Werbung ist sich der Schwäche des Menschen auch bewusst und arbeitet
bewusst mit dem Werkzeug der Erotik.
Ich las einen Artikel über einen privaten Fersehsender. Ihre Moral
wird von der Einschaltquote bestimmt. Je erotischer eine Sendung ist - auch
wenn sie völlig geschmacklos und fantasielos ist - je höher sind die
Einschaltquoten.
Wie können wir uns noch fernhalten von all diesen Einflüssen? Kann
ich mich dem überhaupt entziehen?
Hier ist mir Hiob sehr hilfreich, der sagte:
Ich hatte einen Bund gemacht mit meinen Augen, daß ich nicht lüstern
blickte auf eine Jungfrau. Hiob 31,1.
Dieser Bund mit den Augen ist enorm wichtig, denn in den Sprüchen
steht:
Unterwelt und Abrund werden niemals satt, und der Menschen Augen sind auch
unersättlich. Spr.27,20.
Jesus sieht diese Gefahr auch als sehr bedrohlich, wenn er sagt:
Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiß es aus und
wirf's von dir. Es ist besser für dich, daß eins deiner Glieder verderbe
und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde. Mt.5,29.
Leider wurden schon viele Augen von Gläubigen verführt. Vielen wurde
genau dieser Bereich zum Verhängnis, nicht nur Männern sondern auch Frauen.
Mache einen Bund mit Deinen Augen! Stehe zu Deinen Schwächen und
heilige Dein Leben in dieser Hinsicht.
Vielleicht ist bei dem einen oder anderen eine radikale Reinigung
nötig, seien es Phantasien oder was auch immer. Dann pack es an und reinige
und heilige Dich mit konkreten Schritten, bevor es zu spät ist.
B. Ehe (4,4-5)
Ein zweiter Bereich ist die Ehe. Auch hier ein Bereich, der ziemlich
anfällig ist.
Wenn zwei Christen verheiratet sind, so muss es noch lange nicht
heissen, dass man miteinander sorgsam umgeht. Auch in christlichen Ehen ist
oft viel Not und man wagt es nicht auszusprechen, weil man weiss, man
dürfte eigentlich keine Schwierigkeiten haben.
Paulus gibt hier eine Anweisung:
und ein jeder von euch suche seine eigene Frau zu gewinnen in Heiligkeit
und Ehrerbietung, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott
nichts wissen. 4,4-5.
Hier ist noch etwas unklar, denn im Grundtext steht nicht Frau,
sondern Gefäss oder Gerät, also: ein jeder suche sein eigenes Gefäß zu
gewinnen.
Bei solchen Stellen zieht man meist alles in Erwägung. Ich neige zu
folgender Ansicht.
Paulus schreibt im Römerbrief vom Töpfer (Gott) und von dem Gefäss
(Mensch) Rö.9,21. Auch den Korinthern beschreibt er den menschlichen Körper
als Gefäss:
Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwengliche
Kraft von Gott sei und nicht von uns. 2.Kor.4,7.
Paulus möchte mit diesem Wort zweierlei ausdrücken, für das er
ansonsten eine längere Umschreibung gebraucht hätte.
- Das Wort bezieht sich nicht nur auf die Frau, also nicht nur der Mann soll seine Frau zu gewinnen suchen, sondern auch die Frau soll den Mann zu gewinnen suchen. (-> denn Paulus wusste ja auch, dass die Frauen nicht immer brav sind weil sie Frauen sind).
- Paulus hebt mit diesem Wort den körperlichen Umgang hervor. Also die Ehepartner sollen sich nicht in gieriger Lust begegnen wie die Heiden, sondern in Heiligkeit und Ehrerbietung. Also wohlwollend für den anderen, so wie es Paulus den Korinthern deutlich macht: Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau. 1.Kor.7,4.
Anwendung
Paulus führt dies an, weil er um die Verletzlichlichkeit in diesem
Bereich weiss. Er sah ja auch, wie die Heiden in ihren Ehen lebten. Bei den
Christen soll es nicht so sein.
Auch hier sollen wir uns in den Beziehungen heiligen.
C. Geld/Macht (4,6a)
Als drittes erwähnt Paulus das Geld oder die Macht:
Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel.
D.h. man soll sich nicht unrechtmässig bereichern an einem anderen.
Einer der übervorteilt, der holt für sich immer die meisten Vorteile
heraus. Und man übersetzt das Hauptwort auch oft mit Geiz.
Paulus fordert sogar, dass man diese Leute in der Gemeinde meiden
soll:
Vielmehr habe ich euch geschrieben: Ihr sollt nichts mit einem zu schaffen
haben, der sich Bruder nennen läßt und ist ein Unzüchtiger oder ein
Geiziger oder ein Götzendiener oder ein Lästerer oder ein Trunkenbold oder
ein Räuber; mit so einem sollt ihr auch nicht essen. 1.Kor.5,11.
Und im Eph. spricht er davon, dass ein solcher Mensch ein
Götzendiener ist:
Denn das sollt ihr wissen, daß kein Unzüchtiger oder Unreiner oder
Habsüchtiger - das sind Götzendiener - ein Erbteil hat im Reich Christi und
Gottes. Eph.5,5.
Auch hier ist schon mancher Christ und vollzeitlicher Mitarbeiter zu
Fall gekommen.
Man kann sich ganz gedigen unter schönen Vorwand stets seinen eigenen
Vorteil suchen, wie der Bub, der seine Mutter fragt:
"Mami, kannst du mir fünfzig Pfennig für einen alten Mann geben?" Die
Mutter ist gerührt. "Das ist aber lieb von dir, Kurtchen. Wo ist der alte
Mann denn?" Kurtchen strahlt: "Er steht vorm Supermarkt und verkauft Soft-
Eis."[2]
Anwendung
Auch hier müssen wir stets wachsam bleiben und uns bemühen, dass wir
uns heiligen.
III. Heiligung ist kein Hobby (4,6b-8)
Heiligung ist also kein Hobby, das wir betreiben oder nicht. In dem
Sinne: wir haben einige in der Gemeinde die sich in der Heiligung üben, ich
singe dafür im Chor mit.
Heiligung ist eine ernste Sache, die Gott von uns erwartet, es ist
sein Wille. Paulus macht dies deutlich, indem er aufzeigt, dass Gott
darüber richten wird.
denn der Herr ist ein Richter über das alles, wie wir euch schon früher
gesagt und bezeugt haben. 4,6b.
Sicherlich wäret ihr erstaunt darüber, wenn ich solche Worte benutzen
würde, um Forderungen der Schrift Nachdruck zu verleihen. Paulus macht es,
denn es ist eine Tatsache, dass Gott darüber richten wird.
Wohlbemerkt, dies sagt Paulus der Gemeinde, er meint also die
Gläubigen damit.
Gott denkt nicht, jetzt habe ich gerettet, jetzt kann er machen was
er will. Gott hat Erwartungen an uns.
Denn Gott hat uns nicht berufen aufgrund der Unreinheit, sondern zur
Heiligung. 4,7.
Gott hat uns also nicht berufen und gerettet weil wir Unrein sind,
sondern das wir uns Heiligen.
Und gleich nochmals schiebt Paulus eine scharfe Bemerkung hinterher:
Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der
seinen heiligen Geist in euch gibt. 4,8.
Damit macht er die ganze Tragweite deutlich, denn wer nicht bereit
zur praktischen Heiligung ist, der verachtet Gott auch wenn er noch so
fromm erscheinen mag.
Der verachtet den Gott, der seinen heiligen Geist in gegeben hat, der
also die Möglichkeit hat, sich zu Heiligen wie es Gott gefällt, denn ohne
den heiligen Geist ist eine echte Heiligung schlichtweg unmöglich.
Schluß
Heiligung ist also kein Hobby für Superfromme, sondern es ist eine
Selbstverständlichkeit und eine Notwendigkeit.
Mit allem Ernst sollen wir danach streben heiliger zu werden, d.h.
Gott immer mehr zugetan sein.
Bist Du bereit diesen Weg zu gehen und den Glauben, das Vertrauen
gegenüber Gott in allen Belangen Deines Lebens konkret werden zu lassen?
Amen
__
[1] Beisp. Nr. 246.
[2] Beisp. Nr. 1246.

