Einführung: Die Frage nach Gottes Plan und seiner Unveränderlichkeit
Ich möchte eine Frage in den Raum stellen und dazu eine Geschichte erzählen. Die Frage lautet: Wenn Gott einen Plan gemacht hat, wenn Gott sich auf einen Plan festgelegt hat – kann man ihn dann noch davon abbringen?
Die Geschichte, die ich dazu erzählen möchte, trägt den Titel „Die Sonnenuhr des Ahas“. Jesaja legt im zweiten Teil seines Buches großen Wert darauf, dass, wenn Gott einen Plan gemacht hat, niemand etwas dagegen tun kann. Niemand kann dem etwas entgegensetzen.
Er betont ziemlich stark, dass es nicht nur darum geht, dass Gott etwas voraussagen kann, weil er die Zukunft sieht. Sondern dass Gott etwas voraussagen kann, weil, wenn er sich vorgenommen hat, es so zu machen, es sowieso keiner ändern kann. Aber...
Die Bedrohung Jerusalems und die Begegnung mit König Ahas
Ich möchte mit euch, wie gesagt, eine Geschichte anschauen. Diese Geschichte beginnt noch einmal bei den Toren Jerusalems. König Ahas steht dort und sieht sich einer nationalen Katastrophe gegenüber.
Im Norden seines Reiches haben sich zwei Feinde zusammengetan. Jeder einzelne von ihnen wäre ihm schon überlegen, um das Land, seine Hauptstadt, einzunehmen und ihn durch einen Marionettenkönig zu ersetzen, der vom Ausland gesteuert werden könnte.
Wir lesen davon in Jesaja Kapitel 7. Ich werde an dieser Stelle nicht ausführlich daraus vorlesen. Ahas befindet sich außerhalb der Mauern Jerusalems. Wahrscheinlich ist sein Blick angstvoll nach Norden gerichtet, dorthin, wo seine Leute ihm gesagt haben, dass sich das feindliche Heer formiert, das gegen ihn ziehen soll.
Wenn Jesaja diese Szene beschreibt, legt er großen Wert darauf, die genaue Ortsangabe zu machen, an der der Prophet Gottes, er selbst, Jesaja, diesem König Ahas begegnen soll. Das lese ich jetzt vor: Jesaja 7,3: „Und der Herr sprach zu Jesaja: Geh doch hinaus Ahas entgegen, du und dein Sohn Shea-jashub. Und jetzt kommt die Ortsangabe: an das Ende der Wasserleitung des oberen Teiches, zur Straße des Walckerfeldes hin, und sprich zu ihm.“
Es gibt also einen genau festgelegten Ort außerhalb der Mauern Jerusalems, an dem der Prophet Gottes dem König begegnen soll und ihm die Botschaft Gottes bringen soll. Die Verheißung Jesajas, die er vor diesem König hat – für diesen eigentlich gottlosen König –, lautet: Vor diesen Feinden musst du dich nicht fürchten.
Und das ist, wie gesagt, erstaunlich bei genauerem Hinsehen. Ahas war einer der gottlosesten Könige, die das Südreich Israel, das Reich Juda, bis dahin gehabt hatte. Trotzdem sagt Gott ihm: Vor diesen Feinden musst du dich nicht fürchten, um die werde ich mich kümmern.
Die Gottlosigkeit von Ahas und das kommende Gericht
Ahas hatte das Land mit Götzendienst überschwemmt, etwas, das Gott hasste. Zur Zeit Ahas wurden sogar Säuglinge als Menschenopfer den Götzen geopfert. Gott verabscheute diese Praktiken. Als König war Ahas dafür verantwortlich, dass diese extremen Formen des Götzendienstes tief in der Bevölkerung verwurzelt wurden. Später nahm sein Enkel Manasse diese Praktiken auf und brachte sie in seiner Regierungszeit auf noch tiefere Ebenen.
Offensichtlich war die Geduld Gottes mit diesem Volk noch nicht am Ende. Doch der Schatten – bildlich gesprochen – auf der großen Sonnenuhr des Ahas sank unerbittlich Stufe für Stufe nach unten. Geistlich war abzusehen, wann die Nacht über Jerusalem hereinbrechen würde.
Ahas war nicht bereit, sich Gott zuzuwenden. Letztendlich wollte er nicht auf die Worte Jesajas hören, denn er glaubte nicht an Gott. Über dieses Land und seine Königsdynastie warf das Gericht Gottes bereits seine Schatten voraus.
Ich lese zwei Verse aus Jesaja Kapitel 7, Verse 17 und 18:
Der Herr wird über dich und über dein Volk und über das Haus deines Vaters Tage kommen lassen, wie sie nicht gekommen sind seit dem Tag, als Ephraim sich von Juda getrennt hat, den König von Assyrien. Ja, diese Feinde, die sich jetzt sammeln – die Syrer und die Ephraimiter – werden nicht kommen. Aber Ahas, trotzdem wird das Gericht, die Supermacht unserer Zeit, wie Jesaja zu ihm sagt, kommen. Ein Gericht, eine Flut, wie du sie und deine Vorfahren nie erlebt haben, seit vielen Generationen, seit überhaupt dieser Staat als getrennter, unabhängiger Staat vom Nordreich existiert.
Jesaja Kapitel 8, Vers 7:
Siehe, der Herr lässt die mächtigen und großen Wasser des Stroms über sie heraufkommen, den König von Assyrien, und all seine Herrlichkeit. Er wird über alle seine Betten steigen und über alle seine Ufer gehen. Er wird in Juda eindringen, in dein Land überschwemmen und überfluten; bis an den Hals wird es reichen.
Wenn die assyrische Invasion kommt, wird sie wie eine Flut sein, die jedem bis an den Hals reicht. Man könnte auch sagen: Dann wird deine Sonnenuhr, Ahas, die letzte Stufe erreicht haben. Dann wird der Schatten deiner Sonnenuhr bis zur letzten Stufe quasi schon heruntergegangen sein.
Die assyrische Belagerung unter König Hiskia
Gehen wir eine Generation weiter. Eben waren wir in Jesaja 7 und 8. Eine Generation später standen die assyrischen Invasoren tatsächlich vor den Mauern Jerusalems. Es ist kein Zufall, dass Jesaja eine genaue Ortsangabe macht.
In Jesaja 36,1 heißt es: „Und es geschah im vierzehnten Jahr des Königs Hiskia, da zog Sanherib, der König von Assyrien, herauf gegen alle festen Städte Judas und nahm sie ein. Und der König von Assyrien sandte den Rapsake mit einem großen Heer von Lachis zum König Hiskia nach Jerusalem. Und er hielt wo? An der Wasserleitung des oberen Teiches, an der Straße des Walkerveldes.“
Es ist kein Zufall, dass Jesaja die genaue Ortsangabe aus Kapitel 7 eine Generation später in Kapitel 36 wiederholt. Es ist genau derselbe Ort. Der Ort, an dem Jesaja Ahas begegnet war, ist der Ort, an dem das syrische Heer nun unseren Führer bedroht – genau so, wie Jesaja es vorausgesagt hatte.
Der König Jerusalems steht nicht mehr vor seiner Stadt und schaut nach Norden. Der König von Jerusalem musste sich in seiner Stadt verschanzen und sich auf eine Belagerung vorbereiten.
Aber es ist nicht mehr der gottlose König Ahas, der über Jerusalem regiert. Es ist noch nicht der noch gottlosere König Manasse, der herrscht, sondern Hiskia, der Sohn des Ahas. Diesen Sohn konnte Ahas tatsächlich nicht vom Glauben an den Gott Israels abbringen. Während es Ahas gelang, das Volk größtenteils vom Glauben wegzuführen, konnte er seinen eigenen Sohn nicht von Gott entfernen. Ja,
Hiskias Glaube und die Rettung Jerusalems
Angesichts dieser Bedrohung, angesichts des assyrischen Heeres und ihrer Reden, in denen sie die Realität des Gottes Israels in Zweifel ziehen, besteht Hiskia in einer Weise auf der Realität dieses Gottes, wie vielleicht nie zuvor in seinem Leben. Er erkennt, dass dieser Gott der einzig wahre Gott ist.
Sein Glaube steigt in dieser Situation zu Höhen, die er zuvor vermutlich nie erreicht hatte. Plötzlich hat Hiskia wirklich vor Augen, dass der Gott, an den er glaubt, der Schöpfer der ganzen Welt ist. Und er erkennt, dass, wenn jemand etwas tun kann, es dieser Gott ist.
Das Wunder geschieht: Jerusalem wird zur einzigen Stadt im Vorderen Orient, die von den Assyrern nicht erobert wird. Ein Engel Gottes kommt auf die Erde und vernichtet einen Großteil der Invasionsarmee. Sanherib, der König und uneingeschränkte Herrscher dieser militärischen Supermacht, muss die Belagerung aufgeben und unverrichteter Dinge in sein Land zurückkehren.
Gottes ursprünglicher Plan und Hiskias Krankheit
Aber jetzt macht Jesaja etwas Erstaunliches. Wahrscheinlich, wenn wir den Geschichtsbüchern trauen dürfen, blickt er drei oder vier Jahre zurück. Damals, so sagt uns Jesaja, hatte Gott einen Plan gemacht. Er hatte beschlossen, dass Hiskia sterben sollte.
Jesaja 38,1: „In jenen Tagen wurde Hiskia krank zum Sterben. Jesaja, der Sohn des Amos, der Prophet, kam zu ihm und sprach: So spricht der Herr: Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht genesen.“
Eine klare Aussage, oder? Gott hat einen Plan, dass Hiskia sterben soll. Der Prophet Gottes verkündet dem König diesen Plan. Wie gesagt, wahrscheinlich wurde Jesaja das nicht ausdrücklich betont, aber es war wahrscheinlich drei bis vier Jahre vor der assyrischen Invasion.
Dann passiert das Erstaunliche.
Jesaja 38,2: „Da wandte Hiskia sein Angesicht zur Wand und betete zu dem Herrn und sprach: Ach Herr, gedenke doch, dass ich vor deinem Angesicht in Treue und mit ungeteiltem Herzen gelebt habe und getan habe, was gut ist in deinen Augen.“
Hiskia weinte sehr. Da erging das Wort des Herrn an Jesaja, indem er sprach: „Geh hin und sprich zu Hiskia: So spricht der Herr, der Gott deines Vaters David: Ja, Hiskia, mein König – wahrscheinlich hat es bis dahin keinen mehr gegeben, der so ähnlich war wie sein Urahn David – ich habe dein Gebet gehört, ich habe deine Tränen gesehen. Siehe, ich will zu deinen Tagen fünfzehn Jahre hinzufügen.“
Und dann steht dieser kleine Satz in Vers 6: „Und aus der Hand des Königs von Assyrien will ich dich und diese Stadt retten, und ich will diese Stadt beschirmen.“
Gedanken zum möglichen ursprünglichen Plan Gottes
Und wenn man darüber nachdenkt – nur als Gedankenanstoss – dann entsteht der Eindruck, dass Gott vielleicht nicht nur geplant hatte, Hiskia an dieser Krankheit sterben zu lassen. Vielleicht hatte er ursprünglich vor, Jerusalem zu dieser Zeit in die Hand der Assyrer fallen zu lassen.
Vielleicht war das der eigentliche Grund, warum Hiskia sterben sollte. Nur als Idee: Gott wollte ihm persönlich nicht zumuten, dieses Schicksal miterleben zu müssen. Man kann ja mal darüber nachdenken.
Wir wissen nicht, was passiert wäre, wenn Hiskia schon zu diesem Zeitpunkt gestorben wäre. Manchmal wurde er für sein Gebet und seine Tränen kritisiert. Manche sagen, dass er den großen Fehler bei der babylonischen Gesandtschaft nicht begangen hätte, weil er ihnen nicht alles gezeigt hätte.
Doch wer weiß, wie die Geschichte weitergegangen wäre, wenn er nicht mehr auf dem Thron gewesen wäre? Wenn Gott nicht gesagt hätte: „Ich werde dich gesund machen, und ich werde diese Stadt nicht in die Hand der Assyrer geben.“
Vergleich zwischen Ahas und Hiskia
Noch einmal ein Vergleich zu Ahas. Jesaja macht es, glaube ich, sehr bewusst, dass er immer wieder hier Hiskia mit seinem Vater, mit Ahas, vergleicht.
Wenn Jesaja den Rest der Geschichte in Kapitel 38 erzählt, dann setzt er, glaube ich, ganz bewusst eine etwas andere Betonung als in dem parallelen, fast identischen Bericht im 2. Königebuch.
Schauen wir noch einmal kurz zu Ahas, Kapitel 7. Als Gott ihm versprochen hatte, dass die feindlichen Armeen aus dem Norden diese Stadt nicht einnehmen würden, nicht kommen würden, sagte Jesaja zu ihm: Du kannst dir ein Zeichen von Gott erbitten, das bestätigt, dass es wirklich so kommen wird.
Vers 10: Der Herr fuhr fort, zu Ahas zu reden, und sprach: Fordere dir ein Zeichen von dem Herrn, deinem Gott, fordere es tief im Scheol oder oben in der Höhe.
Die Antwort von Ahas klingt nur fromm. Er antwortet: Ich will nicht fordern und will den Herrn nicht versuchen. In Wirklichkeit heißt das: Ich glaube nicht an Gott. Warum sollte ich ein Zeichen verlangen?
Wenn wir jetzt noch einmal Jesaja 38 anschauen, dann ist es so, als hätte ein Schreiber zwei Sätze vergessen und sie irgendwie ans Ende des Kapitels drangeschrieben. Eigentlich gehören die Verse 21 und 22 von Jesaja 38 geschichtlich gesehen zwischen Vers 6 und 7.
Ich lese mal Vers 21: Und Jesaja hatte gesagt, dass man einen Feigenkuchen als Pflaster nehmen und ihn auf das Geschwür legen sollte, damit Hiskia genese.
Und Hiskia sprach: Welches ist das Zeichen, dass ich in das Haus des Herrn hinaufgehen werde?
Dann kommt eigentlich Vers 7: Und das wird das Zeichen sein vonseiten des Herrn.
Danach geht die Geschichte eigentlich weiter.
Aber ich glaube, es war keine Auslassung, ich glaube, es war kein Versehen eines Schreibers, der diese zwei Verse ans Ende des Kapitels verschoben hat. Ich glaube, Jesaja wollte etwas betonen: Hiskia war ganz anders als sein Vater.
Ahas hatte das Zeichen Gottes abgelehnt, Hiskia hat nach einem Zeichen Gottes gefragt.
Unterschiedliche Reaktionen auf Gottes Zeichen
Ahas hatte seine militärischen und politischen Maßnahmen ergriffen. Er versuchte, Geld nach Assyrien zu schicken, damit diese seine Feinde im Norden ablenken und besiegen. Auf keinen Fall wollte er, dass, falls dies gelingt, er es später Gott zuschreiben muss.
Wenn Gott ein Zeichen gegeben hätte, wäre er politisch gezwungen gewesen zu sagen: Ja, Gott hat uns gerettet. Doch er glaubte nicht an Gott und wollte Gott nicht groß machen. Er hoffte darauf, dass seine Maßnahmen wirken würden.
Bei Hiskia wurden ebenfalls alle Maßnahmen getroffen – auch medizinische. Man legte etwas auf das Geschwür und tat alles, was medizinisch möglich war.
Hiskia wollte jedoch, dass, wenn das Wunder geschieht und er geheilt wird, dies Gott zugeschrieben wird. Natürlich wollte er sicher sein, dass es sich nicht nur um eine vorübergehende Erholung handelt, sondern um eine echte Heilung von Gott. Er sagte, er möchte zum Haus des Herrn hinaufgehen.
Er wollte, dass diese Heilung, wenn sie eintritt, nicht der Medizin, sondern Gott zugeschrieben wird.
Das Zeichen Gottes an Hiskia: Die Sonnenuhr des Ahas
Das Angebot an Ahas war gewesen: Fordere dir ein Zeichen unten im Scheol, im Totenreich, oder im Himmel. Dann bietet Gott Hiskia ein Zeichen an. Und was für ein Zeichen!
In Jesaja 38,7 heißt es: „Und dies wird ihr das Zeichen sein vonseiten des Herrn, dass der Herr dieses Wort tun wird, das er geredet hat: Siehe, ich lasse den Schatten, der in den Stufen des Ahas durch die Sonne heruntergegangen ist, um zehn Stufen rückwärts gehen; und die Sonne kehrte an der Sonnenuhr zehn Stufen zurück, die sie hinuntergegangen war.“
Jesaja nennt diese Sonnenuhr ausdrücklich die Sonnenuhr des Ahas. Ahas hatte wie nur wenige vor ihm das Gericht Gottes über sein Volk gebracht. Er hatte die Uhr des Gerichts Gottes über sein Volk richtig zum Laufen gebracht. Der Schatten war schneller als jemals zuvor – bildlich gesehen – auf dieser Sonnenuhr heruntergegangen.
Er hatte schon fast die letzte Stufe erreicht. Die Zeit Gottes mit Jerusalem war abgelaufen, fast abgelaufen. Doch dann kam Hiskia, ein König, der fast so gottesfürchtig war wie David.
Als er zu Gott rief und weinte, war Gott bereit, seine Pläne zu ändern. Das zeigt die Sonnenuhr. Die Schatten gingen nicht nur real rückwärts, sondern auch symbolisch. Gott hat sein Gericht über sein Volk aufgeschoben, weil es einen König gab, der wirklich nach ihm gefragt und ihm gedient hat.
Schlussgedanken: Kann man Gottes Pläne ändern?
Kann man Gott dazu bringen, seine Pläne zu ändern? Anscheinend ja. Es passiert zwar nicht oft – ungefähr so wahrscheinlich, wie dass eine Sonnenuhr rückwärts läuft. Aber es geschieht.
Wir können uns kaum vorstellen, welche astronomischen Konsequenzen es hätte, wenn eine Sonnenuhr tatsächlich zurückginge. Trotzdem passiert es. Man kann also Gottes Pläne verändern.
Das ist ein großes Wunder, und es kommt extrem selten vor. Ein wichtiger Hinweis darauf ist, dass es offensichtlich mit Gebet zu tun hat.
