
Die Kanonbildung des Neuen Testaments
Historische Entwicklung und theologische Begründungen
24.05.2025
Serie•Teil 17 / 17E21 Hauptkonferenz 2025
Generierte Mitschrift
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Ein persönlicher Einstieg und die Grundfrage des Abends
Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, Viertel vor ist der offizielle Beginn. Wenn das so ist, dann würde ich tatsächlich jetzt auch beginnen und euch ganz herzlich zu dieser Veranstaltung begrüßen.
Ich möchte vielleicht zwei Sätze zu meiner Person sagen: Ich bin von Beruf Professor für Alte Geschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt. Ich beschäftige mich mit der Alten Geschichte, also mit der Geschichte der alten Griechen und Römer.
Zu dieser Geschichte und zu dieser Zeit gehört auch die Geschichte des frühen Christentums. Das ist etwas, womit sich Althistoriker normalerweise nicht so sehr befassen, aber es gibt Ausnahmen wie mich, die das dann doch tun. Das heißt, ich bin gelernter Historiker mit einem besonderen Interesse für das frühe Christentum.
Die Frage, mit der wir uns heute befassen wollen, nämlich die Entwicklung des Kanons des Neuen Testaments oder die Bildung des Kanons des Neuen Testaments, hat eben auch eine historische Seite und daneben noch eine theologische. Für die theologische Seite bin ich nicht formal ausgebildet, aber als guter und belesener Laientheologe würde ich mich dafür doch auch als kompetent bezeichnen.
Ich würde zu Beginn auch ganz kurz beten, und dann steigen wir ein.
Lieber Vater im Himmel, wir danken dir von ganzem Herzen, dass du dich uns offenbart hast, dass du dich uns vor allem in deinem Wort offenbarst. Und wir bitten dich darum, dass du uns hilfst zu verstehen, wie es dazu gekommen ist, dass diese Pluralität von Schriften tatsächlich als dein Wort anerkannt worden ist, als der Kanon. Bitte hilf mir, klar zu reden, und öffne allen, die hier sind, die Herzen, das zu hören. Amen!
Warum die Entstehung des Kanons komplizierter war als ein einfaches Sortieren
Ja, die Frage ist eben: Wie ist es genau dazu gekommen, dass dieser neutestamentliche Kanon etabliert worden ist? Das ist nicht ganz so einfach gewesen, wie dieses Meme, das ich euch auf das Titelbild gesetzt habe, vielleicht klar macht.
Ich weiss nicht, ob jemand überhaupt noch den Namen Marie Kondo kennt. Wer kennt den Namen? Sie ist sozusagen berühmt geworden als Declutterer, wie man auf Englisch sagt, als Entrümpelerin und Entmisterin. Sie hat als Lebensstrategie herausgegeben: Du musst deinen Bestand reduzieren. Nicht so wenig wie möglich, nur das Notwendigste, das, was du wirklich brauchst. Alles andere schmeisst du raus. So, und das ist der Witz hierbei: Marie Kondo hat gesagt, wir brauchen weniger als dreissig Bücher, und so ist erneut das der Mitglikaner mit seinen siebenundzwanzig Büchern entstanden. So einfach war es nicht.
Und das Problem will ich ganz kurz am Anfang reissen. Das Problem ist ja folgendes: Dass nämlich eben die Bibel insgesamt ja auch nicht eigentlich ein Buch ist, sondern das Wort Bibel kommt ja von einem griechischen Plural, ta Biblia, und das ist ein Plural und heisst: die Bücher. Das wäre jetzt eine klassische Sonntagsschulfrage: Wie viele Bücher der Bibel gibt es? Es ist auf der Folie verraten: 39 alttestamentliche, 27 neutestamentliche, macht 66 Bücher.
Jetzt spricht man aber vom Kanon. Was ist mit diesem Kanon eigentlich gemeint? Das griechische Wort Kanon hat im Wortsinne mehrere verschiedene Bedeutungen, die hier alle durchaus eine Rolle spielen, nämlich Norm, etwas Normatives, ein Mass. Eigentlich ist es ganz wörtlich ein Stab, ein Massstab, an dem etwas ausgerichtet wird. Und dann hat Kanon auch noch die Wortbedeutung Verzeichnis oder Liste. Und all diese Wortbedeutungen spielen durchaus eine Rolle.
Jetzt fragen sich die einen oder anderen vielleicht: Was ist eigentlich mit dem Kanon des Alten Testaments? Darüber spricht man kaum. Das ist auch richtig so, dass man über ihn kaum spricht, weil das relativ leicht zu beantworten ist, wie der Kanon des Alten Testaments zu begründen ist. Nämlich durch die Autorität Jesu, Lukas 24,44, wo der auferstandene Jesus spricht und sagt, es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen. Und diese Formel Gesetz des Mose, Propheten, Psalmen beziehungsweise übrige Schriften, hebräisch, das ist eigentlich genau die Formel für die 39 anerkannten hebräischen Schriften des Alten Testaments, die damit nicht letztgültig, aber sozusagen einfach anerkannt sind. Jesus hat diese 39 Schriften damit eigentlich anerkannt, nicht erst dadurch. Damit ist die Debatte eigentlich erledigt.
Mit dem neutestamentlichen Kanon ist es ein bisschen schwieriger zu sagen: Okay, diese 27 Schriften sind jetzt der neutestamentliche Kanon. Da kam kein Jesus, der nochmal sagte: Also diese 27 Schriften sind es. Was haben wir für einen Grund zu sagen, das ist nun der neutestamentliche Kanon?
Ich will zuerst eben diese historische Entwicklung, den historischen Prozess, umreissen, in einigen verschiedenen Phasen. Mit der ersten Phase als Findungs- oder vielleicht besser Orientierungsphase, so ein bisschen gesucht und geguckt: Was ist eigentlich da los? Die geht bis etwa 150. Dann folgt so eine Klärungsphase bis um zweihundert etwa, und dann klärt sich das alles immer mehr. Dann gibt es diese Abgrenzungsphase bis etwa vierhundert. Und dann gibt es ab etwa der Reformation eben mit Luther so eine Phase, in der dieser eigentlich etablierte Kanon dann wieder angezweifelt wird letztlich und auf einmal die Diskussion nochmal neu aufgerollt wird. Und die existiert ja so bis heute, muss man sagen, diese Diskussion.
Diesen historischen Verlauf will ich umreissen und dann zum zweiten theologische Überlegungen anstellen, eben genau auf der Grundlage dieser Frage: Durch welche Autorität wird eigentlich der Kanon des Neuen Testaments bestimmt? Wer sagt jetzt eigentlich: Das ist der Kanon? Was sind die theologischen Begründungen dafür? Das ist dann der zweite Teil.
Damit zunächst, Entschuldigung, nein, noch mal kurz zu diesem Überblick: Ja, das sind also vor allem die drei Phasen, mit denen ich mich befassen will. Die vierte geht dann so ein bisschen in dem Punkt Römisch zwei auf.
Die frühe Sammlung der Schriften und erste Anzeichen eines Kanonbewusstseins
Also zunächst die Findungsphase bis circa 150.
Was hatten wir zunächst? Wir haben ja zunächst die Schriften des Neuen Testaments. Die sind erst einmal da, sozusagen. Sie sind allesamt im ersten Jahrhundert geschrieben worden. Die Datierung ist für einige Schriften durchaus umstritten. Die gängige Ansicht lautet aber, dass zwischen 50 und spätestens 100 alle 27 dieser neutestamentlichen Schriften verfasst worden sind. Einige Theologen datieren einige Schriften auch noch ins zweite Jahrhundert hinein.
Ich lehne mich mal auf der anderen Seite aus dem Fenster und würde sagen: Wahrscheinlich sind sogar alle vor 70, also vor der Zerstörung Jerusalems, geschrieben worden. Vielleicht ist die Offenbarung nach 70 geschrieben worden. Man muss uns jetzt nicht tiefgründig tangieren, aber eben: Im ersten Jahrhundert entstehen diese neutestamentlichen Schriften.
Es gibt aber in dieser Zeit noch keine so richtig verbreitete Überzeugung von der Notwendigkeit, die Schriften zu einem Kanon zusammenzufügen. Und warum nicht? Man hatte einen Kanon: Das Alte Testament war da, die Bibel. Eine solche Notwendigkeit war noch nicht so richtig brennend vorhanden. Zum Zweiten hatte man neben diesem alttestamentlichen Kanon, also dem schriftlichen Zeugnis, die Apostel und die Propheten, die anfänglich ja noch lebend in der Mitte der frühen Christen vorhanden waren. Sie sprachen, lehrten, verkündeten die Überlieferung und das Evangelium. Die Schriften hatte man natürlich jetzt auch schon, um mal nachzugucken, in Anführungsstrichen.
Aber man merkt, dass erste neutestamentliche Schriften schon doch auch so eine Art offiziellen Charakter bekamen. Und die Schlüsselstelle ist die, die hier an der Folie nachzulesen ist: 2. Petrus 3,16. Das ist einer der vielen wichtigen 3,16-Verse im Neuen Testament. Da schreibt Petrus, das geht eigentlich in 2. Petrus 3,15 los, davon muss uns jetzt nicht interessieren, wovon er redet. Gemeint ist Paulus in allen Briefen, in denen einige Dinge schwer zu verstehen sind. Also auch ein gewisser Trost für uns, dass selbst Petrus da mal nicht dachte: Was will er jetzt eigentlich sagen, Herr Paulus?
Das ist aber jetzt nicht der Punkt. Sondern er sagt also: Paulus spricht davon in allen Briefen, welche die Unwissenden und Leichtfertigen verdrehen, wie sie auch die anderen Schriften verdrehen, zu ihrer eigenen Verdammnis. Das heißt, Petrus setzt hier die Schriften des Paulus, die Briefe des Paulus, auf eine Stufe mit den anderen Schriften. Und das ist die Heilige Schrift, das ist das Alte Testament. Das ist die Bibel.
Das heißt, man merkt hier, dass es sozusagen den Beginn eines Kanonsbewusstseins gibt. Den Beginn eines Bewusstseins, dass wir jetzt hier zu diesen alttestamentlichen Schriften neue normative Schriften hinzubekommen. Dass ein Neues Testament neben dem Alten Testament, neben dem Ersten Testament, entsteht. Dafür ist 2. Petrus 3,16 die entscheidende Stelle.
Darum ist auch die Datierung von 2. Petrus nicht ganz unwesentlich. Der wird von den meisten Theologen dann eben doch oft auch ins frühe zweite Jahrhundert datiert, also 100 bis 110 nach Christus, und zwar mit der Begründung von 2. Petrus 3,16. So ein Kanonsbewusstsein, das kann es so früh noch nicht geben, das ist erst im zweiten Jahrhundert denkbar. Deswegen gehört der zweite Petrusbrief ins frühe zweite Jahrhundert. Das ist ein bisschen willkürlich, muss ich sagen.
Ich würde sagen, es spricht nichts dagegen, dass der zweite Petrusbrief eben auch vor dem Tod des Petrus geschrieben worden ist. Der wird eigentlich so in die Zeit um 68 gesetzt, also in die späte Nero-Zeit. Vielleicht 64, 67 wird Petrus gestorben sein. Dann haben wir so einen Terminus ante quem, also muss der Brief vor dem Tod des Petrus geschrieben worden sein.
Nach dem Tod der Apostel war dann trotzdem zunächst diese apostolische Tradition da. Die mündliche Überlieferung war sehr stark. Man hatte ja eben noch die Apostel und die Apostelschüler. Man darf nicht vergessen, dass die Antike eigentlich eine sehr viel stärkere orale Kultur gewesen ist als unsere, also eine mündliche. Schriftliche Sachen spielten eigentlich oft nur die zweite Geige.
Die mündliche Überlieferung, die apostolische Tradition, war da. Aber dann starben die Apostel, und die Apostelschüler starben auch allmählich. Der letzte Apostelschüler, der gestorben ist, das war wohl Polykarp im Jahr 156. Er hat als junger Mann noch den ganz alten Johannes kennengelernt und ist dann selbst sehr alt geworden. Aber 156 stirbt Polykarp, der letzte Apostelschüler.
So, was machen wir jetzt? Das ist jetzt die Frage, nicht? Das heißt also, die Erinnerung wird so schwammig. Man kennt das: Erinnerungen verschwinden, also verschwimmt so im Laufe von zwei, drei Generationen, wird fragwürdig, unsicher. Und das heißt, am Ende dieser Phase, so um 150, Mitte des zweiten Jahrhunderts, steht man sozusagen an der Schwelle zum Gedanken eines Kanons. Man denkt jetzt doch langsam: Okay, jetzt müssen wir das irgendwie mal festlegen.
Der Kanon ist schon da, darf man nicht vergessen, nicht? Die 27 Schriften sind da, mit denen wird auch hantiert. Es ist aber die Frage: Ist das jetzt sozusagen das schriftliche Zeugnis, auf das wir uns stützen? Man steht also an der Schwelle zu dem Gedanken: Okay, wir brauchen vielleicht doch mal einen Kanon. Aber es ist nicht ganz klar und auch strittig, wie diese Schwelle überschritten worden ist.
Marcion als Beschleuniger der Entwicklung
Und da spielt ein Mann eine durchaus wichtige Rolle, nämlich Marcion von Sinope. Marcion ist eine ganz schillernde Figur gewesen. Er war ein reicher Schiffsbesitzer aus Sinope am heutigen Schwarzen Meer, in Pontus gelegen. Das heißt, das war so ein Reeder, ein Großreeder, so eine Art antiker Onassis, falls jemand noch etwas mit Aristoteles Onassis anfangen kann. Ihr seid jetzt auch nicht mehr so alt wie ich zum Teil. Also so ein antiker Onassis, ein Großreeder, reicher Schiffsbesitzer, auch eine schillernde Figur wie der moderne Onassis.
Der kommt nun im Jahr 140 nach Rom, tritt dort der stadtrömischen Gemeinde bei und verfasst eine ganze Reihe von Schriften, in denen er seine Theologie entfaltet. Die stadtrömische Gemeinde schaut sich das ein paar Jahre lang an und sagt: „Junge, so nicht. Also das ist irgendwie krudes Zeug, was du hier verzapfst.“ Und exkommuniziert Marcion im Jahr 144.
Das muss man übrigens der stadtrömischen Gemeinde zugute halten: Marcion hat eine große Schenkung an die stadtrömische Gemeinde gemacht. Ich weiß nicht, es ist nicht ganz klar, wie viel. Es war eine enorme Summe, da hilft vielleicht sogar sein ganzes Vermögen nicht. Das ist nicht so ganz klar. Und die stadtrömische Gemeinde gibt ihm das gesamte Vermögen zurück. Wichtige Lehre übrigens am Rande sozusagen, wie man mit Häretikern umgeht. Marcion gründete dann seine eigene Kirche. Die lebte auch noch ein paar Jahre bis ins vierte Jahrhundert und ist dann im vierten Jahrhundert als häretische Kirche unterdrückt worden. Die Schriften sind vernichtet worden und sind durch antimarkionitische Gegenschriften aber zu erschließen. Letztlich hat Tertullian vier Bücher gegen Marcion geschrieben. Daraus kann man eine Menge ableiten. Ich bin übrigens nicht dafür, häretische Schriften zu vernichten, gerade als Historiker nicht.
Wie sieht nun diese Theologie des Marcion aus? Sein Buch hieß Antitheses, Antithesen, Gegenüberstellung. Er dachte sehr polar in Gegenüberstellungen, nicht? Also: Das Neue Testament ist etwas ganz anderes als der Neue Bund, der Alte Bund ist etwas ganz anderes als der Alte Bund. Das Christentum ist etwas ganz anderes als das Judentum. Das Evangelium ist etwas ganz anderes als das Gesetz. Der Geist ist etwas ganz anderes als das Fleisch. Wenn man das so hört, dann denkt vielleicht der eine oder andere: Oh, das kennen wir vielleicht irgendwoher. Also markionitisches Gedankengut ist eigentlich in christlichen Kreisen gerade so präsent: Gesetz gegen Evangelium, Neues Testament versus Altes Testament. Das Alte Testament ist etwas ganz anderes als das Neue Testament. Viele Christen sind funktionale Markioniten, würde ich sagen.
Marcion hat das bis zum Extrem getrieben, indem er sagte: Der Gott des Alten Testaments ist ein ganz anderer Gott als der Gott des Neuen Testaments. Der Gott des Alten Testaments ist so ein Demiurg, ein Schöpfergott, aber der ist ungefähr so gerecht wie Robespierre. Er ist der Schöpfer der materiellen Welt, und diese materielle Welt ist unvollkommen und muss überhöht werden. Und da erst kommt dann der wahre Gott ins Spiel. Und Jesus ist auch nicht wirklich Mensch geworden, sondern er ist nur scheinbar Mensch geworden. Also Marcion war da auch noch Doketist. Ihr merkt, das ist eine ganze Kette von Irrlehren, wenn man das mal auseinanderdividiert, die er da verbreitet hat.
Was hat das Ganze nun mit der Kanonfrage zu tun? Marcion brauchte für seine Lehren, wir würden jetzt sagen, eine biblische Grundlage. Er brauchte Schriften, auf die er sich stützen konnte und mit denen er argumentieren konnte, um sagen zu können, dass daraus meine Lehre resultiert. So etwas hatte er als potenzielle biblische Grundlage zur Verfügung. Er hatte natürlich zum einen das Alte Testament, aber das entfiel. Das funktionierte nicht mit der markionitischen Theologie, also das Alte Testament flog komplett heraus. Dann hat er die neutestamentlichen Schriften, oder das, was wir als neutestamentliche Schriften bezeichnen. Die waren aus seiner Sicht so durchwachsen, zum Teil auch verfälscht, und deswegen musste man die dann auch so frisieren.
Was war das Kriterium für Marcion, also was war sein Kriterium, nach dem er diese Schriften auswählte? Jemand hat das einmal sehr schön formuliert: Marcion war das ultra-paulinische, also das überpaulinische Gegenstück zur auch antipaulinischen Propaganda des zweiten Jahrhunderts. Also Marcion war so ein Ultra-Paulianer. Nur Paulus zählte, und auch Paulus lag nicht immer ganz richtig.
Was war also das Ergebnis seiner Auswahl, welche Schriften blieben übrig? Es blieben bei Marcion dann das Lukasevangelium, also ein Evangelium brauchte man als biblische Grundlage. Das Johannesevangelium, auf das vielleicht einige von euch getippt hätten, wäre ein geeigneter Kandidat für Marcion gewesen, mit dieser Betonung des Geistes. Das Johannesevangelium fiel aus Sicht Marcions weg wegen der aus seiner Sicht schlimmen Entgleisung in Johannes 1,14: Das Wort ward Fleisch. Das funktioniert nach Marcion nicht mit den Antithesen Geist und Fleisch. Das Wort kann nicht Fleisch werden. Lukas hingegen war Paulus’ Schüler und Paulus’ Begleiter der Tradition, das war okay. Lukas schrieb außerdem vorrangig für Heiden, das war auch gut. Und so hatte er also das Lukasevangelium in seinem Kanon und dazu zehn Paulusbriefe. Nicht ganz genau klar welche, wahrscheinlich waren es eben alle außer den beiden Timotheusbriefen und dem Titusbrief.
Aber auch diese biblische Grundlage wurde dann von Marcion noch zurechtgestutzt. Er hat nicht das volle Lukasevangelium und die vollen Briefe genommen. Das Lukasevangelium Marcions beginnt bei Lukas 4,16 nach unserer Zählung. Also der gesamte Geburtsbericht muss raus. Das Wort ward Fleisch, das geht nicht. Also mit dem Auftreten Jesu in der Synagoge von Nazaret beginnt bei Marcion das Lukasevangelium. Es ist nicht so, dass Jesus aus dem Nichts erscheint und wupp in der Synagoge auftritt.
Bei den Paulusbriefen hat Marcion dann alle Stellen herausgestrichen, wonach Gott der Schöpfergott ist. Das heißt, das ist ein zusammengestutzter Kanon sozusagen. Und das ist durchaus auffällig, dass Marcion eben nur gestrichen hat. Er hat nur herausgestrichen, er hat nichts hinzugefügt. Also wir sehen bei Marcion nichts, was irgendwie sozusagen in unserem Kanon nicht drin ist. Und er geht also nicht über den Kanon hinaus, aber er streicht eben, wie man sieht, so eine ganze Menge heraus.
Streit um Marcion und die ersten Listen der Kirche
Was spielt das nun für eine Rolle für die Kanonfrage? Da gibt es zwei Ansichten dazu.
Zum einen hat Adolf von Harnack, der große liberale Theologe und Kirchenhistoriker, gesagt, Marcion sei der eigentliche Schöpfer der Kanonidee gewesen. Harnack hat ein ganzes Marcion-Buch geschrieben, also war Marcion in gewisser Weise auch Harnacks Held. Das Christentum war nach Harnack ursprünglich eine Geistreligion, und das passt natürlich sehr wunderbar mit der Theologie Marcions zusammen. Nach Harnack ist dann erst im Gefolge dieser marcionitischen Streitigkeiten das Christentum leider, aus Harnacks Sicht, zur Buchreligion geworden und keine Geistesreligion mehr geblieben.
Dann gibt es die Gegenposition. Die wird auch von vielen Konservativen vertreten. Sie lautet etwa: Marcion hat im Grunde genommen nichts bewirkt, sondern er hatte einen vorgegebenen Kanon, er hatte einen Kanon vorgefunden, und den hat er dann gekürzt. Das ist alles, was er gemacht hat.
Und ich würde sagen, wahrscheinlich muss man sich irgendwie so ein bisschen in der Mitte positionieren. Das heißt, Marcion war wahrscheinlich eher so eine Art Katalysator, ein Beschleuniger einer bereits laufenden Entwicklung. Er trat dann mit seinem Kanon auf, und die Kirche sah: Oh, Moment, jetzt müssen wir uns dazu irgendwie positionieren und klar machen, was eigentlich der eigentliche Kanon ist. Das heißt, das war eigentlich schon keine Debatte mehr, sondern man hatte die Schriften, man musste darüber nicht groß diskutieren, und jetzt sagt Marcion auf einmal: Nein, nur das sind die Schriften. Und dann ist die Kirche gezwungen zu sagen: Halt, nein, das ist der Kanon. Die Schriften gehören dazu.
Insofern ist Marcion wahrscheinlich so eine Art Katalysator einer, wie gesagt, schon laufenden Entwicklung gewesen. Wir können sehen, dass es dann so eine ganze Reihe von Diskussionen gibt, über etwa 150 Jahre danach. Man diskutiert, welche Schriften dazugehören. Da gibt es nicht immer Hunderte Kandidaten, wie man sich das vielleicht mal vorstellt, sondern es gibt eigentlich so 35, maximal 40 Kandidaten. Aber viel mehr sind es nicht, also Schriften, über die man diskutiert, ob sie zum Kanon gehören oder nicht. Ich würde es vielleicht eher in den unteren Dreißigern ansetzen. Das heißt, wir sind eigentlich relativ nah bei den 27 am Ende.
Das ist nicht so eine wilde Diskussion gewesen, wie das manchmal postuliert wird. Das ist, mit Verlaub, Unsinn. Und wir haben ein sehr frühes Zeugnis in Form einer solchen Liste oder Zusammenstellung oder eben von Bezeugungen: Wir halten diese und jene Schriften für kanonisch, für autoritativ. Verschiedene Kirchen nehmen dazu Stellung und sagen: Also bei uns gelten die, bei uns gelten die. Darüber wissen wir eigentlich relativ gut Bescheid.
Eines der frühesten Zeugnisse, das ein bisschen geheimnisumwoben ist, ist der sogenannte Canon Muratori. Der Canon Muratori hat seinen Namen von dem Mailänder Bibliothekar Ludovico Antonio Muratori, der im Jahre 1740 einen Kodex in der Mailänder Bibliothek, der Ambrosiana, gefunden hat. Er hat ihn aufgeschlagen und geschaut, was da eigentlich drinsteht. Er fand einen Text über vier Seiten, die wohl zurückgehen, also die Handschrift stammt aus dem 8. Jahrhundert. Dieser Text, diese vier Seiten, überliefern wahrscheinlich einen Text, der aus dem späten 2. Jahrhundert stammt.
Es ist nicht ganz klar, wer diesen Text geschrieben hat, diese vier Seiten. Die Datierung ist auch nicht völlig sicher, muss man sagen. Aber es spricht durchaus einiges dafür, dass wir so um 200 sind. Das ist genau so ein Text, der sagt: Das sind die Schriften, die bei uns Anerkennung finden, und so weiter.
Das beginnt nicht bei Matthäus und Markus, aber es ist klar, dass Matthäus und Markus auch dazu gehört haben müssen. Denn jetzt findet ihr auf der Folie in der zweiten Zeile Terzio, das erste Wort könnt ihr vielleicht lesen: Terzio. Und dann am Ende Lucan. Also das dritte Evangelium ist das Lukasevangelium. Es ist klar, dass es noch ein erstes und zweites gegeben haben muss, also Matthäus und Markus. Das vierte ist dann Johannes und so weiter.
Und dieser Kanon, dieser sogenannte Canon Muratori, hat gegenüber unserem 27er-Kanon zwei zu viel, nämlich die sogenannte Weisheit des Salomos. Das ist ein komplett abwegiger Text. Und die Apokalypse des Petrus, die ist auch ein bisschen strange, muss man sagen. Aber immerhin sagt er: Die Apokalypse des Petrus ist durchaus strittig, und er würde sie nicht für den Kirchengebrauch empfehlen, der Autor dieses muratorischen Fragmentes.
Da sieht man genau diese Diskussion letztlich: zwei zu viel, fünf zu wenig. Der Hebräerbrief fehlt, der Jakobusbrief fehlt, der Erste und Zweite Petrusbrief fehlt, und ein Johannesbrief fehlt, nicht ganz klar welcher. Aber so von der Zahl her sind wir dabei: minus fünf, plus zwei, bei 24. Und wie gesagt, das ist jetzt nicht so wahnsinnig weit weg von unserem 27er-Kanon.
Die lange Phase der Klärung und die endgültige Gestalt des Kanons
Dann kommen wir zur Abgrenzungsphase, also ungefähr in die Zeit von zweihundert bis vierhundert. Das ist, wie gesagt, die Zeit der Diskussion, in der wir aus verschiedenen Ecken des Römischen Reiches viele unterschiedliche Listen und Zeugnisse haben. In verschiedenen Gemeinden ist dann überliefert, dass sie sagen: Das sind die bei uns anerkannten Schriften, und so weiter und so fort.
Es gibt zwei Schriften, die wirklich lange umstritten gewesen sind: im Osten, also im griechischsprachigen Osten des Römischen Reiches, die Offenbarung des Johannes, im Westen der Hebräerbrief. Dafür gibt es auch Gründe.
Im Osten gab es etwa ab der Mitte des zweiten Jahrhunderts die sogenannten Montanisten. Das war eine schwärmerische christliche Sekte unter ihrem Führer Montanus, von dem sie den Namen haben. Das Kennzeichen der Montanisten war, dass sie eine ganz starke Betonung auf Prophetie, Endzeiterwartung, asketische Züge und so weiter legten. Gerade mit dieser Endzeiterwartung machten sie das, was viele heute auch noch machen: Sie fummelten in der Offenbarung herum und sagten: So nicht. Das bedeutet dieses und jenes, und das Ereignis in der Offenbarung bezieht sich darauf und so weiter. Also eine sehr konkretistische Perspektive auf die Offenbarung. Sie spekulierten wild mit den ganzen Zahlen in der Offenbarung herum. Und das war einigen in der Kirche zu viel. Sie sagten: Okay, wir machen hier einen Schlussstrich, wir lassen die Offenbarung einfach draußen und ersparen uns die Diskussion.
Das heißt, in der Ostkirche war die Offenbarung suspekt. Das war die Gegend, in der vorher die Montanisten gewesen waren. Ich kann jetzt nicht sagen, zur Exegese der Offenbarung, das ist jetzt nicht das Thema. Aber das Evangelium ist das Zentrum der Offenbarung. Wenn man das einmal verstanden hat, dann werden diese ganzen Probleme mit der auslegenden Offenbarung vielleicht auch ein bisschen reduziert.
Im Westen des Römischen Reiches gab es die sogenannten Novazianer, benannt nach ihrem Führer Novazian, der um 250 eine ganz rigorose Politik gegen die sogenannten Abgefallenen, die Lapsi, in der großen Christenverfolgung unter dem Kaiser Decius fuhr. Diese Verfolgung hatte dazu geführt, dass einige dann doch wackelige Knie bekommen haben und Opfer geleistet haben, wie es Decius, der Kaiser, gefordert hatte, und hinterher aber reumütig gewesen sind und gesagt haben: Also, das war nicht gut, wir sehen das völlig ein.
Die Novazianer waren die Rigoristen, die sagten, und zwar eben auf der Basis von Hebräer 6,4 und 10,26: Wer einmal abgefallen ist, den kann man nicht wiederherstellen. Und der Großkirche war das suspekt. Die sagte, ich würde sagen richtigerweise: Die Reumütigen müssen wir wieder aufnehmen. Was machen wir aber jetzt mit Hebräer 6,4 und 10,26? Also, die kamen argumentativ auch nicht so richtig dagegen an und sagten dann: Raus mit dem Hebräerbrief. Das war die simple Lösung gewesen.
Diese Diskussionen ziehen sich dann so durch das dritte und vierte Jahrhundert hindurch. Und im Jahre 367 haben wir dann den sogenannten Osterbrief des Athanasius. Dieser Osterbrief des Athanasius galt lange als ältester Beleg für unseren Siebenzwanziger-Kanon, in dem tatsächlich zum ersten Mal genau unsere siebenundzwanzig Schriften, keine zu viel, keine zu wenig, und genau die siebenundzwanzig Schriften belegt und bezeugt sind.
Wahrscheinlich ist es aber so, dass schon Origenes in der Mitte des dritten Jahrhunderts unseren Siebenzwanziger-Kanon kannte und bezeugte. Das zeigt noch einmal, dass diese Diskussionen sehr viel dynamischer, aber auch klarer gewesen sind, als das oft postuliert wird. Und weil die Stelle nicht so ganz bekannt ist und auch in der Literatur noch nicht sehr weit verbreitet ist, lese ich mal kurz vor. Origenes schreibt da in seinen Josua-Predigten, also auch an einer Stelle, wo man denkt: Wie kommt das, dass da jetzt in der Josua-Predigt über den Kanon gesprochen wird? Aber gut, uns soll es recht sein.
Er schreibt also: Matthäus, das erste Evangelium, blies als erster die priesterliche Trompete in seinem Evangelium. Markus ebenfalls, Lukas und Johannes bliesen beide ihre eigenen priesterlichen Trompeten. Vier Evangelien. Selbst Petrus blies laut auf Trompeten in zwei seiner Briefe, zwei Petrusbriefe. Ebenso Jakobus und Judas, die beiden Briefe. Außerdem blies Johannes die Trompete durch seine Briefe, und hier müssen wir wahrscheinlich gedanklich ergänzen, und die Offenbarung. Die war im Westen, nein, Entschuldigung, Origenes schrieb im Osten, deswegen nennt er eben die Offenbarung wahrscheinlich hier nicht. Und Lukas, der die Taten der Apostel beschreibt, also er ist oben schon mal genannt worden, jetzt mit der Apostelgeschichte noch einmal. Und nun kommt jener Letzte, jener, der sprach: Gott hat uns Apostel als die Allergeringsten hingestellt. Und in vierzehn seiner Briefe reißt er mit Donner und Trompeten die Mauern Jerichos nieder usw. usf.
Das ist natürlich Paulus. Warum vierzehn Briefe? Der Hebräerbrief galt als paulinisch. Der anonyme Hebräerbrief ist der vierzehnte in dieser Sammlung der paulinischen Briefe. Literatur dazu: Wenn ihr euch das fotografieren und nachlesen wollt, wenn ihr Englisch lesen könnt, Michael Krüger hat es 2015, würde ich sagen, noch einmal ausgegraben und argumentativ unterfüttert, warum Origenes’ Liste tatsächlich eben eine Siebenzwanziger-Kanonsliste ist.
Ja, das heißt also, so bis um vierhundert setzt sich das in gewisser Weise durch? Und so um 400 gibt es dann mehrere Konzilien, und die sagen dann alle nur noch das Gleiche, und das sind die 27 anerkannten Schriften usw. Das darf man aber nun nicht missverstehen, und damit verweise ich schon voraus auf die theologischen Überlegungen, was damit passiert ist. Das heißt nicht, dass diese Konzilien sozusagen nun festgelegt hätten, was der Kanon ist, sondern sie stellen fest, was der Kanon ist. Die Konzilien dieser Zeit legen den Kanon nicht fest, sondern sie bestätigen das, was schon festgelegt ist. Und wenn ihr das verstanden habt, habt ihr das ganze Problem sozusagen verstanden und in gewisser Weise geklärt.
Von der Geschichtsschreibung zur theologischen Frage
Damit kommen wir zum Punkt zwei, der jetzt auch schon eingeleitet ist, nämlich die Frage nach den theologischen Überlegungen, die wir noch anstrengen müssen. Wie kommen wir nun dazu, dass wir tatsächlich theologisch begründet sagen können: Okay, der Kanon ist der Kanon? Und dass wir uns diese Frage stellen, ist schon, würde ich sagen, ein gewisses Signal.
Die meisten, auch deutschsprachigen Theologen, würden sagen: Okay, das Ganze ist eine rein historische und kirchenhistorische Angelegenheit. Wir können den Prozess verfolgen, alles klar, der ist abgeschlossen, die Kirche hat entschieden, fertig. Das ist aber falsch. Und die richtige Ansicht ist, dass es nicht eine Frage der Kirchengeschichte ist, sondern, wie Ritter Bosch gesagt hat, eine Frage der Heilsgeschichte. Es ist eine theologische Frage, keine historische Frage, warum wir tatsächlich davon ausgehen können, dass wir mit diesem 27. Kanon unseren Kanon haben, Gottes Wort haben.
Die Frage ist aber natürlich nicht, wie sich das entscheidet, und wer letztinstanzlich darüber entscheidet, welche Schriften nun zum neutestamentlichen Kanon gehören. Wer entscheidet das in allerletzter Instanz? Da spielen die konfessionellen Grundorientierungen der drei großen konfessionellen Strömungen, die ich jetzt einmal so reduziert präsentiere, eine große Rolle. Denn diese drei großen konfessionellen Strömungen haben sozusagen alle einen Dreh- und Angelpunkt, um den sich die Theologie in gewisser Weise dreht. Und das spielt natürlich dann auch für die Kanonfrage eine wichtige Rolle.
Drei konfessionelle Zugänge und ihre unterschiedlichen Schwerpunkte
Aus katholischer Perspektive ist die letzte Instanz die Kirche, und zwar die katholische Kirche mit großem K. Das ist die Instanz, die alles entscheidet.
Aus lutherischer Perspektive ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt das Evangelium oder die Rechtfertigungslehre. Das ist auch leicht verständlich, mit Luthers Betonung eben der Rechtfertigungslehre und des Evangeliums.
Aus reformierter Perspektive ist der Dreh- und Angelpunkt der Theologie der dreieinige Gott.
Also, wenn ihr euch fragt: Was ist eigentlich der Unterschied? Ich meine, auch die Reformierten betonen das Evangelium und die Rechtfertigungslehre, und auch Luther betont den dreieinigen Gott. Was ist jetzt eigentlich der Unterschied?
Ich würde sagen, der Unterschied sind Betonungen. Das kann man vielleicht daran deutlich machen: Wer würde bei dieser Aussage „Gott rettet“ wo den Ton legen? Bei den Lutheranern liegt der Ton auf dem Verb: „Gott rettet“. Bei den Reformierten liegt der Ton auf dem Subjekt: „Gott rettet“.
Das ist eigentlich, kurz gefasst, der zentrale Unterschied zwischen reformierter und lutherischer Theologie.
Allgemeine Kriterien und ihre Grenzen
Ja, es gibt dann konfessionsübergreifend diskutierte Kriterien bei dieser Frage. Welche Kriterien haben wir eigentlich, um zu entscheiden, welche Merkmale wir haben, um sagen zu können: Das macht jetzt eine Schrift zu einer kanonischen Schrift. Welche Merkmale oder welche Kriterien haben wir da?
Das ist die Suche nach dem sogenannten, theologisch gesprochenen, nota canonicitatis. Also wir suchen nach den Kriterien, nach den Kennzeichen für die Kanonizität einer Schrift.
Das erste Kriterium, das erste Kennzeichen, beziehungsweise es gibt ein paar konfessionsübergreifend diskutierte Kriterien. Das sind keine harten Kriterien, sondern da stellt sich eben die Frage: Taugt das Kriterium? Konfessionsübergreifend werden vor allem zwei Kriterien diskutiert, nämlich zunächst die Apostolizität, also der apostolische Ursprung einer Schrift. Das hieße also: Alles, was von Aposteln stammt, das gehört rein in den Kanon; alles, was nicht von Aposteln stammt, fliegt raus.
Das klingt ziemlich eindeutig, hat aber ein paar Probleme, und zwar in zwei Richtungen. Zum einen ist ganz klar, dass wir auch nichtapostolische Schriften im Neuen Testament haben. Das ist Markus’ Evangelium. Markus war kein Apostel. Also hätten wir eine nichtapostolische Schrift. Das funktioniert also mit der Apostolizität nicht. Lukas war auch kein Apostel. Das heißt, wir haben nichtapostolische Schriften im Neuen Testament, im Kanon. Das macht schon zum einen das Problem dieses Kriteriums der Apostolizität als entscheidendes für die Zugehörigkeit zum Kanon klar.
Dann geht es aber auch in die andere Richtung. Die Frage ist also: Das ist ja nicht alles gewesen, was die Apostel geschrieben haben. Was ist denn mit den anderen apostolischen Schriften? Die sollten doch eigentlich auch reingehören. Zum Beispiel: Was ist also in 1. Korinther 5,9? Dort schreibt Paulus von dem Brief, den er schon vorher an die Korinther geschrieben hat. Das ist also sozusagen der nullte Korintherbrief. Was ist denn mit dem? Der ist doch eindeutig apostolisch. Warum ist denn der nicht im Kanon?
So ähnliche Schwierigkeiten ergeben sich für das zweite Kriterium, das der Inspiration. Alles, was inspiriert ist, gehört in den Kanon. Also natürlich sind alle neutestamentlichen Schriften inspiriert. Aber da stellen sich so ähnliche Fragen wie bei der Apostolizität: Woher wissen wir denn, dass die Schriften inspiriert sind? Wer sagt uns denn das? Woher wissen wir, welche Schriften inspiriert sind?
Da stellt sich das gleiche Problem mit dem nullten Korintherbrief. Der war möglicherweise auch inspiriert, aber er ist nicht im Kanon. Das heißt also, auch dieses Kriterium der Inspiration ist nicht völlig falsch, aber es bietet kein sicheres Kriterium für die Frage der Kanonizität einer Schrift.
Das heißt also: Beide, Apostolizität und Inspiration, haben etwas Wahres. Die meisten Schriften sind von Aposteln geschrieben, die neutestamentlichen Schriften sind inspiriert. Aber sie bieten nicht so ein richtig griffiges Backend, um wirklich dingfest machen und sagen zu können: Das ist das Kriterium, warum eine Schrift zum Kanon gehört.
Katholische, lutherische und reformierte Begründungen im Vergleich
Dann haben wir die katholischen Kriterien. Ja, das ist das erste, schon genannte: die Kirche, die kirchliche Erklärung. Für Katholiken ist, wie gesagt, die Kirche das Kriterium schlechthin für alles. Die Kirche entscheidet.
Ein Satz, der dann auch in katholischen Kontexten immer wieder sozusagen für alles zitiert wird, um das zu begründen, stammt von Augustin. Er hat einmal geschrieben: Ich würde dem Evangelium tatsächlich nicht glauben, wenn mich nicht die Autorität der katholischen Kirche dazu bewegt hätte.
Jetzt ist die Frage: Wie ist das eigentlich zu verstehen? Ist das so katholisch zu verstehen? Aus katholischer Sicht heißt das, dass die Kirche normative Autorität hat. Die Kirche bestimmt und entscheidet, und sie führt hin zum Evangelium. Und die Kirche entscheidet damit natürlich dann eben auch darüber, was Schrift ist, was Heilige Schrift ist, was der Kanon des Neuen Testaments ist und was nicht.
Den Satz kann man aber durchaus auch aus evangelischer Sicht verstehen. Und ich, der ich ein Freund von Augustin bin, würde ihn auch eher aus evangelischer Perspektive lesen. Dann hat die Kirche keine normative Autorität, sondern eine pädagogische Autorität. Das heißt: Dieser Satz des Augustin, die Kirche führt mich hin zum Evangelium, meint dann die pädagogische Autorität. Nicht unbedingt die der sichtbaren, institutionellen Kirche, sondern auch die jedes einzelnen Christen, von mir aus. Die pädagogische Autorität durch die Verkündigung, durch individuelle Begegnungen und so weiter führt mich hin zum Evangelium. Und ich würde vermuten, dass Augustin das so gemeint hat.
Das heißt letztlich: Was macht die Kirche? Ich habe es eben gerade schon angedeutet. Nicht durch die Feststellung der Kanonizität einer Schrift wird eine Schrift kanonisch, sondern die Kirche kann nur noch feststellen, dass eine Schrift kanonisch ist.
Dahinter steht natürlich so eine ganz grundsätzliche Frage, die auch eben Katholiken und Evangelische scheidet, nämlich: Was ist eigentlich älter? Ist die Schrift älter oder ist die Kirche älter? Was ist älter? Ist das Wort Gottes älter oder ist die Kirche älter?
Aus evangelischer Perspektive ist es natürlich so, dass das Wort Gottes älter ist, und damit ist auch der Kanon älter. Das heißt: Das Wort Gottes und damit der Kanon hat die Kirche hervorgebracht. Schön formuliert in der ersten Bernhard-These von 1528: Die heilige christliche Kirche, deren einziges Haupt Christus ist, ist aus dem Wort Gottes geboren, und sie hört nicht die Stimme eines Fremden. Also: Das Kind kann nicht die Mutter gebären. Das geht nicht. Die Kirche kann nicht das Wort gebären, sondern die Kirche ist aus dem Wort geboren. Das Wort ist vorgegeben, und das Kind erkennt dann die Mutter sozusagen.
Aus der katholischen Perspektive ist es, wie gesagt, komplett andersherum. Die Kirche hat den Kanon hervorgebracht, die Kirche hat den Kanon produziert und festgelegt. Das Wort Gottes ist gewissermaßen im Schoß der Kirche geboren, aus deren Mitte dann auch das Volk Gottes hervorgegangen ist. Die Kirche legt den Kanon fest, und das Konzil von Trient hat diejenigen, die das anders sehen, alle unter ein Anathema, unter einen Fluch gestellt. Also ich zumindest stehe unter diesem Fluch.
Das heißt: Diese Autorität der Kirche ist aus evangelischer Sicht kein Kriterium. Das funktioniert nicht. Die Kirche kann nur feststellen, was bereits feststeht, und sie hat dabei im Verlauf der Geschichte immer wieder und reichlich Fehler gemacht. Die Kirche ist nicht irrtumslos.
Weitere katholische Kriterien und die lutherische Zuspitzung
Dann würde ich aus Zeitgründen die beiden weiteren katholischen Kriterien nur noch kurz erwähnen. Die sind auch für Nichtkatholiken ein bisschen schwierig zu verstehen, muss man sagen.
Das erste ist vielleicht noch eher die historische Entwicklung, die Vorsehung. Das heißt also: Gott hat dafür gesorgt, dass wir an all dem festhalten, was gegeben ist. Das ist das katholische Traditionsprinzip. Die Überlieferung ist da, und zur Überlieferung gehört auch die Schrift und so weiter und so fort.
Als Evangelischer würde man sagen: Ja, da ist auch etwas Wahres dran. Gewissermaßen wacht Gott natürlich über sein Wort, aber er ist nicht auf die gute Einsicht der Kirche angewiesen, dass die nun auf einmal feststellt, was sein Wort ist. Sondern natürlich gibt Gott sein Wort vor, das ist der Punkt, und die Kirche läuft hinterher.
Der fünfte Punkt, die Übereinstimmung mit der regula fidei, das ist also noch einmal so ein katholisches Gesamtpaket. Diese Summe der kirchlichen Lehre und der kirchlichen Überlieferung ist kohärent mit dem Kanon und so weiter und so fort. Ihr müsst das auch nicht verstehen, wir kommen zum Wichtigeren.
Lutherisches Kriterium
Da sind wir eben in der Zeit der Reformation, wo das noch einmal ein bisschen schwammig wird mit dem Kanon. Für Luther war das entscheidende Kriterium: was Christum treibet. Theologisch gesprochen ist das das sogenannte Materialprinzip. Was Christum treibet, ist das Materialprinzip, also die Materie, der Inhalt, der Stoff, die Lehre: Christus allein, Gnade allein, der Glaube allein.
Was Christum treibet, das definiert, was die Schrift ist. Das heißt: Solange die Schrift Christus vorantreibt, sind diese Texte Teil des Kanons. Und wenn nicht, dann wird es auch wieder wackelig. Die Folge ist, dass dann der Hebräerbrief eben neuerlich wegen dieser beiden Stellen, 6,4 und 10,26, wegen, mit denen Luther große Probleme gehabt hat, also dass die Abgefallenen nicht wiederhergestellt werden können. Deswegen mochte Luther den Hebräerbrief nicht. Und den Jakobusbrief natürlich wegen dessen angeblicher, muss man sagen, Werkgerechtigkeit. Der Jakobusbrief lehrt keine Werkgerechtigkeit, aber Luther hat ihn so gelesen, und das war er natürlich absolut gegen Luthers evangelischen Sinn. Und zwei weitere Schriften, nämlich der Judasbrief und die Offenbarung, die wurden Luther auch suspekt. Die Offenbarung, muss man sagen, hat er nicht verstanden, das ist leider so gewesen.
Das heißt, was passiert nun? Luther produziert nun sozusagen einen Kanon im Kanon. Er verengt das alles auf die Rechtfertigungslehre. Und das ist aber problematisch. Wenn jetzt eben dieser Jakobusbrief misstraut wird aufgrund seiner angeblichen Rechtfertigungslehre, was ist denn nun mit der Bergpredigt, die ganz starke Parallelen zum Jakobusbrief aufweist? Muss die Bergpredigt dann auch rausfliegen?
Also seit Luther gibt es diese Idee eines Kanon im Kanon. Die ist nicht ganz glücklich. Was Christus eben nicht treibt, das kann bei Luther dann auch rausfliegen. So weit ist er zu seiner Rettung nicht gegangen. Er hat diese vier genannten Schriften nicht rausgeworfen. Aber wenn ihr eure deutschen Bibeln, eure deutschen Neutestamente mal vergleicht mit den englischen Bibeln beispielsweise oder was auch immer sonstige Sprachen, dann seht ihr, dass diese vier Schriften, Hebräer, Jakobus, Judas und Offenbarung, bei uns am Ende stehen. Das ist die Folge von Luther. In anderen Neuen Testamenten stehen die an anderen Stellen, die Offenbarung steht natürlich immer am Ende, aber die anderen drei nicht.
Ein zweites gewisses Problem eben mit dieser lutherischen Verengung ist, dass er, was ja eigentlich etwas Gutes ist, sehr christozentrisch gewesen ist. Auf die zweite Person der Dreieinigkeit. Aber wichtig ist eben eine trinitarische Betrachtung der Bibel. Welche Rolle spielen letztlich die erste und die dritte Person der Dreieinigkeit bei der Kanonsfrage? Und die spielen eine Rolle. Auch die erste und die dritte Person spielen eine Rolle bei der Kanonsfrage.
Und damit kommen wir zu den reformierten Kriterien und zur ersten Person der Dreieinigkeit, nämlich die Selbstbezeugung, die Autopistia. Die Selbstbezeugung der Schrift als Grundlage der Kanonizität, das heißt: Die Schrift bezeugt sich selbst, dass sie Heilige Schrift ist und kanonisch ist, und damit ist der Kanon vorgegeben.
Und aus lutherischer, aus reformierter Sicht werden demzufolge dann auch alle anderen Kriterien und überhaupt eigentlich Kriterien oder Kennzeichen für die Kanonizität einer Schrift eigentlich abgelehnt. Denn hätte man irgendwelche tatsächlich von diesen sechs genannten dingfest machbaren Kennzeichen, dann wäre der Kanon irgendwie ausrechenbar oder menschlich bestimmbar. Aber das ist er nicht. Der Kanon ist vorgegeben, so wie Gott vorgegeben ist. Wir machen Gott nicht, wir machen keinen Kanon, sondern Gott gibt den Kanon.
Der Kanon ist vorgegeben, und dementsprechend ist dieser Wunsch, Kriterien für den Kanon haben zu wollen, so ähnlich wie der Wunsch, Gott beweisen zu wollen. Aber das funktioniert letztlich nicht, und Gott steht über allem, also kann über ihm nicht noch unsere Vernunft und Entscheidung stehen letztlich. Das heißt, Gottesbeweise, wenn ich das etwas drastisch ausdrücke, haben in gewisser Weise auch etwas Gotteslästerliches. Gottesbeweise erheben sich über den Kanon, Gottesbeweise erheben sich über Gott. Aber Gott beweist sich selbst, er muss nicht von uns bewiesen werden. Und so ist das auch mit dem Kanon. Der Kanon beweist sich selbst. Und Kanonbeweise haben zu wollen, ist so ähnlich wie Gottesbeweise haben zu wollen, dass man sich nämlich über dem Kanon erhebt.
Das heißt, letztlich ist der Kanon selbst das Kriterium für den Kanon, und daneben brauchen wir oder muss es keine weiteren Kriterien geben.
Das innere Zeugnis des Geistes und die reformierte Gewissheit
Die gibt es bei den Reformierten aber doch noch, nämlich das Achte und Letzte, und das passt ganz gut zu unserer Konferenz. Das sogenannte Testimonium Spiritus sancti internum, das innere Zeugnis, das interne Zeugnis des Heiligen Geistes, aber nicht als Kriterium für den Kanon, sondern als Mittel zur Feststellung der Kanonizität einer Schrift.
Das ist wohlgemerkt kein Kriterium, sondern dieses innere Zeugnis des Heiligen Geistes ist das Mittel zur Feststellung der Kanonizität einer Schrift, zur Feststellung des Kanons. Das heißt, der Heilige Geist schreibt mir die Erkenntnis ins Herz, dass die Schriften des Neuen Testaments diese siebenundzwanzig Gottesworte sind, dass sie der Kanon sind. Nicht genauso wie ich glaube, es ist Römer 8,26: Der Heilige Geist gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gotteskinder sind. Gottesgeist gibt Zeugnis unserem Geist, dass der Kanon der Kanon ist.
Für Katholiken, die eben die Kirche als Zentrum sehen, und für die Lutheraner, eben mit dieser Zentralität der Rechtfertigungslehre, ist dieses Kriterium und dieses Mittel des inneren Zeugnisses des Heiligen Geistes völlig subjektiv. Die sagen also: Ihr Reformierten, das ist völlig subjektiv. Woher wollt ihr das denn wissen, dass euch der innere, dass euch der Heilige Geist das wirklich ins Herz schreibt? Nicht ganz unberechtigte Frage, aber aus reformierter Sicht bezeugt der Heilige Geist eben nicht subjektiv, sondern objektiv, dass der Kanon der Kanon ist. Und zwar, um immerhin Katholizismus und Luthertum noch eine gewisse Berechtigung zu geben sozusagen: Der Heilige Geist bezeugt im Rahmen der Kirche und im Sinne des Evangeliums und der Rechtfertigungslehre, dass der Kanon der Kanon ist, und schreibt uns das ins Herz.
Und ich will enden mit zwei Zitaten aus der Institutio von Calvin, die das eigentlich sehr schön auf den Punkt bringen. Und wohlgemerkt: Das sind keine subjektiven Kriterien und keine subjektive Sichtweise, sondern das ist ein objektives Bezeugen des Heiligen Geistes. Calvin schreibt in der Institutio an der Stelle, die gleich kommt: Das Ansehen der Schrift beruht auf dem Zeugnis des Geistes. Das ist das innere Zeugnis des Heiligen Geistes. Dadurch allein gewinnt sie unzweifelhafte Autorität, und es ist eine gotteslästerliche Menschensatzung, dass ihre Glaubwürdigkeit vom Urteil der Kirche abhänge. Scharfe Worte.
Etwas freundlicher, direkt im Anschluss daran: Wenn man daher also fragt, woher sollen wir denn die Überzeugung haben, die Schrift komme von Gott her zu uns, also woher wissen wir das, wenn wir nicht zum Urteil der Kirche unsere Zuflucht nehmen? Calvin schreibt in der Reformation, die Kirche hing über allem. Woher sollen wir das wissen, wenn wir denn nun nicht zum Urteil der Kirche unsere Zuflucht nehmen? So ist das genau so, sagt Calvin, als jemand wieder fragte, wie sollen wir denn Licht und Finsternis unterscheiden, Weiß und Schwarz unterscheiden, Süß und Bitter unterscheiden lernen. Und man merkt so bei der Frage: Das ist nicht so schwierig, Licht und Finsternis zu unterscheiden und Süß und Bitter und Schwarz und Weiß zu unterscheiden. Und das sagt Calvin dann auch, denn die Wahrheit der Schrift erweist sich ganz von selbst. Das ist die Selbstbezeugung der Schrift und ist darum nicht weniger deutlich. Sie ist genauso klar wie die Farbe an einem weißen oder schwarzen oder der Geschmack an einem süßen oder bitteren Ding.
Wir schmecken das. Ihr seid also, ihr seid alle fähig, also Entschuldigung, es kann sein, dass man irgendeine Geschmacksverwirrung hat, aber normalerweise kann man dazu, also das ist nicht so ganz lustig, muss ich ehrlicherweise sagen, es gibt es aber normalerweise kann man unterscheiden zwischen süß und bitter, süß und salzig nicht. Wir schmecken das, dass diese siebenundzwanzig Schriften des Neuen Testaments süß schmecken und nicht bitter. Das heißt, die schmecken süß, alles andere schmeckt vielleicht nicht bitter, aber nicht ganz so süß.
Literaturhinweise und Ausblick auf Fragen
Literaturhinweise
Zum einen Adolf Zahn, von Wolf Christian Jeschke herausgegeben. Das Buch heißt „Von Gottes Gnade und des Menschen Elend“. Ich bin nicht ganz sicher, ob es oben irgendwo liegt, aber dort ist Kapitel 24. Adolf Zahn ist der einzige große reformierte Theologe des neunzehnten Jahrhunderts. Und dann natürlich die großen niederländischen reformierten Theologen des zwanzigsten Jahrhunderts.
Da hat Werwo Medien glücklicherweise und freundlicherweise, und das findet ihr oben, dieses Büchlein „Begründung des Glaubens“. Da findet ihr den zweiten Teil, theologische Überlegungen, noch einmal sehr viel ausführlicher. Es ist ein kleines bisschen anspruchsvoller, als ich jetzt versucht habe, das herunterzubrechen. Und der zweite Punkt ist die Autorität der Schrift. Wie leitet sich aus diesen Überlegungen nun tatsächlich die Autorität der Schrift ab? Dazu sage ich jetzt nicht so viel. Ich kriege keine Prozente dafür, aber ich würde euch dieses Buch ans Herz legen.
Ich glaube, wir haben noch Zeit für Fragen. Wenn ihr noch Luft habt oder wenn ihr Fragen habt, würde ich, wenn ihr damit einverstanden seid, bis ein Uhr geben. Dann gäbe es die Möglichkeit, noch Fragen zu stellen. Ich will das nicht so rein vortragsmäßig abschließen. Bitte schön!
Wer hat schon mal einen Blick in diese sogenannten neutestamentlichen Apokryphen geworfen, nicht die alttestamentlichen Apokryphen, die auch in manchen Lutherübersetzungen noch hinten dranhängen, sondern die neutestamentlichen Apokryphen? Die sind jetzt das Problem. Wer hat da mal einen Blick reingeworfen, so Petrusapokalypse, diese Apostelgeschichten, die Kindheitsevangelien? Einst und noch mal wer? Thomas-Evangelium, genau. Das ist so eine Spruchsammlung im Grunde genommen. Das ist eigentlich keine Erzählung des Thomas-Evangeliums, sondern letztlich eine Spruchsammlung. Also eigentlich auch vom Genre her kein Evangelium. Das wäre schon ein Teil der Antwort letztlich.
Die grundlegende Antwort ist: Diese apokryphen Texte bitte einmal lesen und schmecken. Ach so, die alttestamentlichen Apokryphen, gut, das ist noch einfacher. Die sind griechisch geschrieben, nicht hebräisch oder aramäisch, und in einer sehr viel späteren Zeit, nämlich im dritten, zweiten Jahrhundert. Und es ist klar, dass mit Maleachi der alttestamentliche hebräische Kanon abgeschlossen ist. Das ist mit Maleachi 3 völlig klar letztlich. Und dann wartet man, wartet man, wartet man. Dann kommt eben, wie gesagt, 500 Jahre nichts.
Und die alttestamentlichen Apokryphen, im dritten, zweiten Jahrhundert auf Griechisch geschrieben, völlig andere Literatur, gilt das Gleiche: lesen, schmecken. Es schmeckt anders letztlich. Und das, auch wenn das jetzt nicht gefragt war, gilt genauso für die neutestamentlichen Apokryphen. Das ist schwer verdauliche literarische Kost, muss man ehrlicherweise sagen. Also bei den alttestamentlichen Apokryphen hat Luther ja noch vorangestellt, die können durchaus zur Erbauung dienen. Das ist zum Teil so, sind aber nicht der Heiligen Schrift gleichgestellt. Das hat Luther den alttestamentlichen Apokryphen vorangestellt. Bei den neutestamentlichen Apokryphen konnte er das auch noch nicht mal schreiben. Letztlich, die sind wirklich gräuslich. Sie gehören ganz kurz auch eher zur Romanliteratur tatsächlich.
Also die Althistoriker subsumieren diese Apostelgeschichten und Kindheitsevangelien und so weiter unter novelistischer Romanliteratur. Das ist es auch. Ende zweites Jahrhundert geht es los, etwa so um zweihundert, Ende zweites Jahrhundert. Das ist ein weiteres Argument: Die sind auch später geschrieben letztlich. Und die füllen die Lücken. Diese Kindheitsevangelien, nicht, dass so einige dann sagten: Was ist eigentlich jetzt so in der Kindheit? Und dann fingen sie an, rumzuspekulieren letztlich und erfanden einfach irgendwelche Geschichten aus der Kindheit Jesu. Das ist keine irgendwie tatsächlich historisch belastbare Überlieferung.
Mit den Apostelakten, den sogenannten anderen Apostelgeschichten, dazu habe ich mich auch mal wissenschaftlich geäußert. Das ist so eine Sache. So einige haben vielleicht so ein bisschen historisch belastbares Material oder historische Erinnerungen irgendwie noch da drin. Aber wenn man die vergleicht mit der kanonischen Apostelgeschichte des Lukas, dann sieht man, dass die kanonische Apostelgeschichte des Lukas historisch sehr, sehr viel belastbarer ist. Also das heißt, da kann man das wirklich überprüfen in gewisser Weise mit Angaben, die Lukas in der Apostelgeschichte macht. Stimmt das so für die jeweilige Stadt, ist der Beamtenname dort richtig und so weiter und so fort? Ich habe das mal geschaut, und Lukas trifft da eigentlich wirklich alles. Ein paar Sachen sind nicht so ganz klar. In den apokryphen Apostelakten stimmt fast nichts letztlich an historischen Materialien.
Jetzt habe ich zunächst noch da hinten eine Meldung gesehen. Ja, sie sind auch diskutiert worden, die sind relativ früh in der Tat. Der erste Clemensbrief in jedem Falle so in den 90er Jahren dann tatsächlich noch. Der erste Clemensbrief war auch ein Kandidat für den neutestamentlichen Kanon. Der hat 96 Kapitel. Das ist ein bisschen mühselig zu lesen, muss man tatsächlich sagen. Und das ist tatsächlich so. Also Clemens, höchstwahrscheinlich vielleicht tatsächlich einer der ersten Bischöfe von Rom, möglicherweise jedenfalls eine autoritative Figur in der römischen Kirche. Aber es gilt das Gleiche: Ich kann es nicht ausführen, mal lesen und gucken, wie es einem damit geht, letztlich langatmig, wie gesagt, mit diesen 96 Kapiteln. Und an wirklich zentralen Lehren, die man noch bräuchte, findet sich ja auch nichts. Also es ist nichts, was man nicht sonst in den siebenundzwanzig kanonischen Schriften findet.
Letztlich bin ich nicht ganz sicher, es gibt vielleicht so ein, zwei Sachen, die Clemens noch darüber hinaus hat, wo man sagt: Na ja, gut, da hat er vielleicht auch nicht ganz richtig gelegen. Also das ist der Punkt letztlich. Wie gesagt, es gilt grundsätzlich das Gleiche: lesen und schauen, passt das irgendwie noch, gibt das noch wirklich mehr her? Und da würde ich sagen, ist es beim ersten Clemensbrief auch nicht so.
Dann gab es noch Meldungen. Das Thema des Kanons ist ja auch ein Thema einer Diskussion mit liberalen Theologen, auch jetzt im Austausch mit Studenten. Machst du da Erfahrung auch in der Diskussion, gerade in Bezug auf Inspiration, wo ist es am Ende eine Glaubensfrage?
Nein, es ist keine Glaubensfrage, sondern es ist, wie gesagt, eine objektive Bezeugung des Heiligen Geistes, der mir das bezeugt. Es wird nicht erst dadurch, dass ich das glaube, wird der Kanon zum Kanon, sondern der Heilige Geist sagt mir, dass das der Kanon ist. So ähnlich wie in der Rechtfertigung ergreife ich das im Glauben, der Glaube ist dann aber auch nur noch instrumentell. Letztlich ist der Glaube das Instrument, das Gott mir in dem Fall genauso in die Hand gibt, dass ich das erkennen kann. Also ist es ein Erkenntnisprozess, kein Feststellungs- oder Festlegungsprozess.
Also ich bin vom Beruf, wie gesagt, Althistoriker. Die Neutestamentler laden mich ein, da kann, darf und soll ich aber auch nur Historisches sagen. Also da bin ich auch, wie soll ich sagen, und das ist wie gesagt, da gibt es auch berufene Leute. Ridderbos hat das klar gemacht. Das ist dann einmal so: In der liberalen Universitätstheologie wird man mit so einer Perspektive keinen Blumentopf gewinnen letztlich. Muss man sagen. Und für die Universitätstheologen ist das wie gesagt mit der historischen Frage erledigt. Das ist ein historischer Prozess, auch die evangelischen. Die Kirche hat irgendwann festgelegt, das ist der Kanon, damit ist die Sache durch. Wir müssen uns keine Gedanken mehr darüber machen. Das ist die Antwort auf alle Fragen.
Ich habe auch nicht das Forum, ich unterrichte auch nicht Neues Testament letztlich. Ich habe mal den Vortrag auch im gemischten Publikum gehalten. Ich war lange in Leipzig an Universitäten, habe dann außerhalb der Universitäten mal genau diesen Vortrag auch gehalten. Da saßen in der ersten Reihe so die frommen Theologiestudenten der Leipziger Fakultät. Da gab es eine ganze Reihe des Erzgebirges, bestückt die Leipziger theologische Fakultät mit Studenten. Und die werden dann ausgesetzt natürlich eben im ersten Semester so diesem ganzen Ballast, exegetischen Ballast. Und dann wird es wackelig, wenn die nicht, und das sind sie mit 18, 19, 20, so solide ist man meistens nicht. Und man weiß sich nicht so genau gegenzuwehren.
Ich habe den Vortrag mal gehalten, und dann saßen so in der ersten Reihe eben ein paar Theologiestudenten, ich kannte ein paar von denen auch. Und einer stand auf, einzige Frage nach dem Vortrag, sagte: Was heißt das denn jetzt? Kann ich denn jetzt eben tatsächlich darauf vertrauen, dass eben das jetzt wirklich der Kanon ist? Und sagte: Kann ich darauf vertrauen, dass das der Kanon ist, dass das Gottes Wort ist? Ich dachte, halte ich dem noch einen Vortrag? Und ich dachte, glaube auch Eingebung des Heiligen Geistes, ich dachte, dem kann ich jetzt keine lange Antwort geben. Und ich habe dem nur gesagt: Ja.
Und viele Jahre später traf ich den wieder. Ich war zwischenzeitlich auch von Leipzig weg, in der Garderobe an der theologischen Fakultät, in der Bibliothek, stopfte da mein Zeug in die Garderoben, in die Fächer da rein. Und dann stand jemand neben mir und sagte: Du bist doch allerdings einer, Weiss. Ich sage: Ja, ja, genau. Du hast so verfehlend vor vier, fünf Jahren oder so was hast du doch da in der Gemeinde einen Vortrag gehalten und so gar nicht. Da hat einer eine Frage gestellt, daher weiß ich ja, das war ich. Und er sagte: Das war meine zweite Bekehrung. Danach bin ich ruhig durchs Studium geglitten, weil das der entscheidende Punkt ist letztlich, darauf zu vertrauen, dass das so ist, dass der Heilige Geist mich das erkennen lässt und ich sehe es, dass Gottes Wort Gottes Wort ist. Das ist die Essenz des Ganzen. Bitte schön.
Vielleicht noch mal eine zweiteilige Frage dazu. Der erste Teil ist ganz banal: Haben denn die katholischen Kirchen, die evangelischen, lutherischen und die reformierten den gleichen Kanon?
Neutestamentlich ja, alttestamentlich nein. Alttestamentlich ist es so, dass die eben gerade genannten alttestamentlichen Apokryphen von der katholischen Kirche als kanonisch anerkannt werden. Das brauchen sie auch für katholische Lehre, nämlich die vom Fegefeuer.
Vielleicht auch einfach nur die Feststellung: Wenn wir im Neuen Testament alle den gleichen Kanon haben, zeigt doch, dass die Kriterien der katholischen Kirche, der lutherischen und der reformierten letztendlich auf das gleiche Ergebnis führen, oder?
Das Ergebnis ist natürlich dasselbe, Sie haben alle den 27. Kanon, aber der Weg dahin und die Begründung sind fundamental verschieden, und das ist auch wichtig. Letztlich, weil, wie gesagt, wenn ich anfangen soll, mich auf die Zuverlässigkeit der Kirche zu verlassen, bin ich verlassen. Und auch mit Luther wird es wie gesagt so ein bisschen problematisch mit dieser Verengung auf „was Christum treibt“. Es ist mehr. Wir haben nicht nur die zweite Person, wir haben den dreieinigen Gott. Das heißt, das muss man ein bisschen erweitern.
Und wie gesagt, aus lutheranischer Perspektive ist es ungeheuer suspekt, dass man sagt, der Heilige Geist bezeugt es, und Lutheraner sagen, das ist doch völlig subjektiv. Nein, es ist nicht. Es ist das Objektive. Das heißt, es hängt auch nicht von mir als persönlich Glaubendem ab, und deswegen ist das wichtig. Wie komme ich dahin zu sagen, dass der Kanon der Kanon ist? Ich verlasse mich auch nicht auf mich, dass ich das glaube, so wie in der Errettung. Ich verlasse mich nicht auf mich, dass ich das geglaubt habe, deswegen bin ich errettet. Nein, sondern weil ich errettet worden bin und Gott mir den Glauben als das Mittel der Erkenntnis in die Hand gegeben hat, deswegen erkenne ich die Errettung, die Gott an mir vollzogen hat. Genauso ist es mit dem Kanon. Ich erkenne dank Gottes Gnade den Kanon als Kanon. Der Weg ist fundamental verschieden, und das ist sehr, sehr wichtig.
Vielleicht eine praktisch-apologetische Frage aus dem Alltag, und zwar wenn ich einen Atheisten vor mir habe und er sagt, die Bibel ist ja nur von Menschenhand geschrieben, was würdest du so einem antworten?
Das ist noch mal ein verwandtes, aber anderes Thema, nämlich das der Inspiration, dass man letztlich auch nur genauso zirkulär in gewisser Weise begründen kann wie eben diese Kanonsfrage. Nein, das ist nicht zirkulär, das ist nicht ganz richtig, das ist nicht fair. Dass diese Schriften Gottes Wort sind und von Gott geschrieben worden sind, also voll Menschenwort natürlich, aber vorrangig und in erster Linie völlig Gottes Wort. Das erkennt der Glaubende, das erkennt der Glaubende, genau. Ohne Glauben erkennst du das nicht. Genau, der natürliche Mensch kann das nicht erkennen, exakt, genau, das ist der Punkt. Der natürliche Mensch kann das nicht erkennen, und deswegen muss man denen das auch nicht irgendwie jetzt einhämmern oder so.
Mit einem Atheisten fängst du nicht an mit der Inspirationslehre, letztlich, sondern mit dem Atheisten, wenn er bereit ist, die Bibel zu lesen, dann liest du mit ihm die Bibel. Also habe ich vorhin nicht genannt, ich komme aus navigatorischem Hintergrund, bin über die Navigatoren zum Glauben gekommen und bin auch noch bei den Navigatoren aktiv. Was machen die Navigatoren vor allem zweierlei, nämlich einmal Evangelisation und zum Zweiten Nacharbeit, Evangelisation aber auch durch persönliche Eins-zu-eins-Bibellese. Das fruchtet. Und wenn die Leute dahin mal gekommen sind, eben tatsächlich dann zum Glauben gekommen sind, dann ist die Frage der Inspiration auch nicht mehr so schwierig.
Ich bin gebürtige Iranerin, bin Schiitin gewesen und Christ geworden, siebenundneunzig. Ich habe eine Menge, ich habe Freunde gehabt, Christen, wir haben Geschichten erzählt, und ich habe keine Ahnung von Kanon und ich arbeite mich ja dran. Da sind Geschichten, die ich nicht in der Bibel gelesen habe. Nicht alle Apostel sind ja und die Apostel sind die Richtung Europa gekommen sind, in dem Kanon drin, aber es sind einige Apostel Richtung Asien gegangen und in der persischen Literatur gibt es auch eine Menge Geschichten über Jesus, die nicht ...
Frau Präsidentin! Was ist mit dem Ist der Kanon vollständig?
Ja, der Kanon ist abgeschlossen. Er ist auch vollständig. Er ist vollständig und abgeschlossen. Das heißt, an historisch belastbarer Literatur außerhalb des Kanons über die Christenheit des ersten Jahrhunderts haben wir so gut wie nichts, muss man schlicht und einfach sagen. Also es ist wirklich sehr, sehr wenig. Und alles, was dann in frühchristlicher Literatur über das erste Jahrhundert geschrieben wird, ist aus den neutestamentlichen Schriften abgeleitet.
Natürlich ist das diskriminierend. Und das ist auch richtig so. Diskriminierung ist ja nichts Schlechtes erst mal, das klingt jetzt krass, aber es ist so. Diskriminierung heißt unterscheiden, unterscheiden zwischen rechts und links.
Aber damals gab es keine Dezube.
Nein, das persische Christentum ist auch erst so ab dem dritten Jahrhundert greifbar, darf man nicht vergessen. Das persische Christentum ist ab dem dritten Jahrhundert greifbar, übrigens mit einer Literaturgattung, die auch kaum bekannt ist und vernachlässigt wird, nämlich die persischen Märtyrerakten. Es hat Verfolgung gegeben unter den Sassaniden, Schapur dem Großen usw. im Perserreich im dritten Jahrhundert in massivem Ausmaße. Das heißt, es gab dort Christen, es gab Gläubige, gar keine Fragen. Genauso wie übrigens im römischen Reich in der Mitte des dritten Jahrhunderts auch massiv mit Christenverfolgung losging, in einer Dimension, die es vorher so nicht gegeben hat. Das ist im Sassanidenreich das Gleiche, im persischen Reich.
Märtyrerakten, die, sagen wir mal, so eine schwierige Literaturgattung sind, insofern, als sie einerseits eben tatsächlich diese Märtyrer bezeugen, andererseits aber genauso wie die westlichen Märtyrerakten dann so langsam beginnen, da irgendwelche Geschichten dranzukleben, bei denen man sagen muss: Naja, also das ist jetzt ein bisschen versponnen, ein bisschen überhöht und so weiter. Und das ist aber genau das Gleiche wie beispielsweise eben mit den lateinisch-griechischen Apokryphen des Neuen Testaments. Das sind Geschichten, die Lücken füllen sollen, die dazu gesponnen und erfunden worden sind, die Geschichten erzählen.
Die antike Kultur ist eine Geschichtenerzählerkultur in weitaus größerem Maße, als wir das mittlerweile sind. Mit TikTok 13 Sekunden kannst du keine Geschichte mehr erzählen. Also das ist der Punkt, dass du Geschichten erzählst, man wollte auch unterhalten, gehört werden usw. Und davon ist die christliche Kultur in diesem Sinne, auch die persisch-christliche Kultur, nicht frei gewesen, genauso wie lateinisch-griechische christliche Kultur auch nicht davon frei gewesen ist, Sachen zu erfinden und zu erzählen.
Dann gab es aber Leute, die sagten: Stopp, Akten des Paulus und der Thekla, die Akta Pauli der Thekle, dass die Thekla da in den Brunnen springt und eine Robbe tauft, das brauchen wir nicht. Das sind die kirchlichen Oberen, die dann gesagt haben, und zwar zu Recht, diskriminiert haben, gesagt haben: Sorry, das ist die Literatur. Dies ist halt theoretisch erklärt worden, so um zweihundert, als sie dann tatsächlich auftauchten, diese Thekla-Akten. Also die Thekla, mit der das zu tun hatte, das ist eine völlig historische Erfindung, diese Figur, spielt leider ebenso in der christlichen Frauenliteratur bis heute eine Rolle, aber das sind völlig versponnene Sachen, die über die erfunden worden sind in der Antike. Das vielleicht als Teil der Antwort.
Ich habe nur die Idee jetzt gerade bekommen, kann es sein, dass so dieser lutherische Zugang auch so ein bisschen in den Postevangelikalismus führen kann, dass man so Red Letter Edition hat und so weiter, alles nur, was jetzt Jesus betont ist, und der Rest ...
Ja, leider war, muss man sagen, leider war nichts gegen Luther. Ich würde sagen, also total unbeabsichtigt, und wie gesagt, Luther hat diese vier Bücher nicht aus dem Kanon wirklich rausgeschmissen, er hat sie nicht gemocht, gesagt, irgendwie komisch, auch nicht verstanden zum Teil. Aber er hat sie nicht rausgeschmissen aus dem Kanon, das hat er nicht gesagt. Ich würde immer noch sagen, so Luther und Calvin zu lesen, nebeneinander und miteinander, ist eigentlich sehr heilsam, und ich möchte ungern Luther in die Pfanne hauen, um das mal so zu sagen. Aber leider hat er mit diesem Kriterium, was Christum treibt, den Weg bereitet für den Kanon im Kanon. Und das spielt dann in der Tat eben mit den Red Letter Christians und im postevangelikalen Heilchristentum eine massive Rolle, die eben dadurch natürlich dann auch die Autorität entsprechend anzweifeln. Natürlich das Ganze nicht, dann hat das Ganze, das ist alles Zufall, nicht mehr so richtig zu entscheiden. Der Kanon kann verkleinert werden, das ist brauchbar, das ist nicht brauchbar, dem folgen wir, dem folgen wir nicht. Was dann so in der Praxis natürlich auch eine Rolle spielt. Zum weniger in dieser Kanonfrage, aber so: Was heißt das eigentlich für den Glauben, für entsprechende Lehren, für die christliche Praxis usw.? Das hat dann immer im Grunde genommen genau mit diesem Kanon im Kanon zu tun, dass der Kanon reduziert wird, nicht mehr das gesamte Wort Gottes verkündet wird und autoritativ ist.
Ja. Ist denn der nullte Korintherbrief überliefert?
Nein, schade. Das ist ja dann eine gute Begründung, warum der nicht im Kanon ist.
Ja, sagen wir mal so in Länd, also natürlich schon auch. Aber es ist nicht die entscheidende Begründung letztlich, würde ich sagen, aus theologischer Perspektive und praktischer Hinsicht natürlich. Klar, was man nicht hat, kann nicht im Kanon kommen oder nicht mehr hat, was dann irgendwann verloren gegangen ist. Aber die entscheidende Begründung, dass der nullte Korintherbrief nicht im Kanon ist, ist, dass er nicht kanonisch ist. Er ist nicht kanonisch gewesen, er gehörte von vornherein nicht zum Kanon letztlich. Und das hat dann dazu geführt, dass er dann irgendwann nicht mehr abgeschrieben worden ist. Das ist der Punkt, genau. Aber er ist apostolisch, vielleicht auch inspiriert, hätte ihn gerne. Vielleicht ist es auch nicht so schlimm, dass es ihn nicht gibt.
Zu den neutestamentlichen Apokryphen gehört übrigens ein dritter Korintherbrief, den gibt es, aber der ist nicht paulinisch. Sonst noch Fragen? Dann danke ich euch für eure Aufmerksamkeit, hoffe, dass wir das geholfen haben.