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Zerbruch & Heilung als Leiter

Wenn die Gemeinde liberal wird
01.11.2024

Einführung und Kontext des Beitrags

Willkommen beim Bibelfit-Dienst. Wir erstellen kostenfreie Infomaterialien für Gemeinden, Hauskreise und Bibelschulen. Wie immer kannst du alles aus diesem Video abschreiben, abfotografieren und kostenfrei nutzen.

Vor allem aber werden dir die Infomaterialien auf dieser Website helfen. Tausende Menschen nehmen sie jeden Monat gratis mit und nutzen sie. Das steht alles schon für dich bereit. Dafür kannst du den freiwilligen monatlichen Unterstützern aus dem ganzen Land danken – Menschen wie du und ich.

Wer möchte, dass Videos wie dieses hier in unserem Land weiter ausgespielt und nicht verborgen werden, sollte jetzt auf die Glocke drücken, die unten rechts unter diesem Video ist. Vielen Dank an alle Unterstützer – ob mit Glocke, Geld oder Gebet. Es macht einen echten Unterschied. Dieses Video ist für dich.

Für den heutigen Beitrag muten wir manchen hier einiges zu. Das ist also auch ein Stück weit ein guter Test, wie es um deine eigene emotionale Spannkraft bestellt ist.

Worum geht es? Wir wollen heute eintauchen in einen Erfahrungsbericht und in wertvolle Reflektionen – aber nicht von mir, sondern von einem anderen Leiter. Es lohnt sich wirklich, dass du und ich hier eintauchen. Du wirst gleich sehen, warum.

Ich will aber zwei Dinge vorweg sagen – und ich hoffe, dass du jetzt gut zuhörst.

Erstens: Wir haben diesen besonderen Beitrag, den du gleich siehst, im Vorfeld mehreren ausgesuchten Leuten gezeigt und sie gefragt, ob das eine gute Idee ist. Das Votum war eindeutig: Ja, strahlt es aus! Es wäre viel, viel zu schade, dieses Gespräch nicht auszustrahlen. Das denke ich auch, und du wirst gleich sehen, warum.

Gerade für diejenigen von uns, die sehr empathisch, also sehr mitfühlend sind – was gut ist – kann schnell mal die Versuchung kommen, mit dem Finger zu zeigen. Das möchte ich nicht. Der Leiter und ich möchten beide nicht, dass mit dem Finger auf eine bestimmte Gemeinde gezeigt wird. Ich möchte nicht, dass wir hier den Leiter gegen die Gemeinde ausspielen oder dass du und ich als Außenstehende uns zu Richtern aufschwingen und von der Ferne darüber urteilen, was wirklich passiert ist. Das können wir eh nicht.

Jesus sagt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Das sollten und das wollen wir beide jetzt ernst nehmen. Deshalb haben wir uns im Bibelfit-Dienst entschieden, diesen Bericht ein Stück weit zu anonymisieren. Ich ermutige dich, dass du und ich beide das respektieren und nicht den Namen des Leiters und nicht den Namen der Gemeinde in die Kommentare schreiben.

Zur Erinnerung: Es geht nicht um die Gemeinde, es geht auch nicht darum, wer Recht hat. Wir hören jetzt einen persönlichen und subjektiven Erlebnisbericht. Jemand erzählt, wie er etwas erlebt hat, wie er damit umgeht und was du für deine Gemeinde daraus lernen kannst. Darin liegt das Gold vergraben.

Solange du das beherzigst, kannst du hier mit einem ganz anderen Blick auf Leitung und unsere Verantwortlichen herausgehen. Das ist der erste Punkt.

Der zweite Punkt: Der Leiter, der gleich spricht, ist eine Frau. Jetzt werden einige vielleicht mit den Achseln zucken und sagen: „Na und, Hauptsache derjenige ist kompetent.“ Andere könnten sagen: „Moment mal, ist das nicht so vorgesehen, dass Gemeinden von Männern geleitet werden sollen, auf die ganz bestimmte Kriterien zutreffen? Gibt es da im Neuen Testament nicht sogar klare Richtlinien für einen Gemeindeleiter, Pastor, Ältesten usw.?“

Ich muss sagen, gerade aus einem nichtchristlichen Hintergrund – ich komme ja aus der Wirtschaft – kann ich diese beiden Reflexe sehr gut verstehen, beide von ihnen.

Deshalb lass mich an dieser Stelle nur Folgendes sagen: Wir im Bibelfit-Dienst beschäftigen uns inhaltlich schon seit letztem Jahr mit der Rolle von Mann und Frau im Christentum und in der Bibel, welche Argumente für was sprechen. Ich denke, wir sind der Antwort inzwischen sehr nahe.

Falls du möchtest, dass wir dir ein eigenes Video dazu aufnehmen, drück bitte die Glocke unten rechts unter diesem Video und schreib einen Kommentar, dass du dir das wünschst. Dann wissen wir, wie wir das im Zeitplan eintakten.

Deshalb möchte ich dich ermutigen, die Frage, ob Frauen nach dem Neuen Testament leiten und predigen sollen, und die Rolle der Frau, dir noch aufzuheben. Denn hier auf diesem Kanal wird es mehr als genug Gelegenheit dafür geben.

Jedenfalls: Auch wenn wir im Bibelfit-Dienst möglicherweise zum Schluss kommen, dass nach dem Neuen Testament gewisse Leitungsrollen tatsächlich für Männer vorgesehen sind und sich Gott im Neuen Testament etwas dabei gedacht hat – das kann nämlich sehr gut sein – dann ist das hier trotzdem ein wertvoller Beitrag.

Den kann ich auch den konservativeren Geschwistern nur empfehlen zu hören. Warum? Weil die Reflexionen, wie man als Leiter mit Zerbruch und mit Heilung umgeht, universell sind. Hier ist nicht der Sprecher entscheidend, sondern das Gesagte.

Du siehst also, es ist ein etwas besonderer Beitrag heute, der dem ein oder anderen vielleicht ein Stück weit etwas abverlangt. Wir bringen diesen Beitrag bewusst, weil ich überzeugt bin, dass es das mehr als wert ist.

Wir steigen jetzt ein in eine Geschichte, von der du und ich beide wissen, dass sie sich auch in diesem Moment gerade abspielt und dass sie so oder ähnlich mehrfach in Deutschland in ganz verschiedenen Gemeinden passiert ist.

Eine Geschichte, mit der wir viel über unseren Zeitgeist lernen können und die eine wertvolle Lektion für die nächsten Jahre bereithält.

Persönlicher Erfahrungsbericht einer Leiterin

Einstieg in den Dienst und erste Erfahrungen

Lass uns jetzt hören, wie Leiter damit umgehen, wenn etwas zerbricht und wie sie heilen. Willst du uns mal mit reinnehmen, bevor alles angefangen hat? Wo ihr alles angefangen habt?

Ja, sehr gerne. Also, ich gehöre zu denjenigen, die relativ spät in den Pastorenberuf gekommen sind. Ich habe vorher viel anderes gemacht und bin erst mit knapp vierzig ans theologische Seminar gegangen, habe dann meine Ausbildung gemacht und war anschließend in verschiedenen Gemeinden tätig. Dort habe ich vieles erlebt – vieles, was ich genial fand, besonders die Fähigkeit, von Gott zugesprochen zu bekommen, an seinem Reich mitzubauen.

Ich bin ein Gemeindekind und kann mir das gar nicht anders vorstellen. Ich habe mich sehr darauf gefreut. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass ich auf der einen Seite relativ naiv an das Ganze herangegangen bin. Meine Einstellung zu Pastoren war eigentlich immer sehr positiv. Ich dachte nicht, dass sie immer Recht haben, aber ich dachte, wir sind doch gemeinsam auf dem Weg. Ich war oft befreundet mit ihnen, soweit es möglich war. Ich habe eigentlich nie wirklich schlechte Erfahrungen mit Pastoren gemacht. Manche mochten mich mehr, andere weniger, aber das ist ja auch okay.

So bin ich an diese ganze Sache herangegangen. Im Nachhinein denke ich, ich war naiv, tatsächlich zu glauben, dass wir immer alle dasselbe wollen und auf demselben Weg sind. Ja, wir sitzen zwar im selben Kirchengebäude oder in denselben Gemeinderäumen, aber das Ziel ist nicht immer dasselbe.

Was mich völlig überrascht hat, war, dass wir in der Gemeinde nicht immer dieselbe Politik verfolgen. Auch die Erfahrungen, die die Gemeinde mit den Vorgängern gemacht hat, prägen und beeinflussen die neuen Leitungen sehr – sei es fördernd oder hindernd. Davon hat man am Anfang keine Ahnung. Man kommt rein und denkt, jetzt lege ich mal los mit der Gemeindeleitung, und dann begegnen einem Dinge, bei denen man sagt: Das hat doch gar nichts mit mir zu tun, warum reagiert man so?

In einer Gemeinde gab es zum Beispiel einen Gemeindeleiter, sehr charismatisch, der hat ohne Summe von Geld veruntreut. Die Gemeinde hat daraufhin beschlossen: Wir vertrauen nie wieder jemandem. Nicht mal, dass sie sich bewusst hingesetzt haben, sondern es war einfach gewachsen – diese Enttäuschung war da. Das war ganz schwierig für jeden, der da vorne stand, und darauf war ich nicht vorbereitet.

Ich denke, was mich zuletzt noch mal völlig überrascht hat: Ich bin davon ausgegangen, dass unsere theologische Sichtweise, dass die Bibel die Bibel ist, dass man nicht alles beantworten kann – das kann ich auch nicht – am Ende nicht gefragt wird, ob ich alles verstanden habe, sondern ob ich geliebt habe. Deshalb bin ich nicht naiv, aber ich dachte, ich muss nicht alles verstehen.

Dass Diskussionen über Leitung nicht mehr aus unserem biblischen Verständnis heraus geführt werden, hat mich völlig überrascht. Ich habe das nicht verstanden. Ganz zu schweigen von Kreuzestheologie und all diesen Dingen, die plötzlich alle verhandelbar sind.

Wenn das in einem Team, besonders in einem Leitungsteam passiert, ist das schwierig. Ich hatte das Verständnis von Leitung, dass wir gemeinsam an einer Sache arbeiten. Aber wenn das theologische Verständnis in der Tiefe unterschiedlich ist – ich rede von der Basis, nicht von Fragen wie „Welche Musikinstrumente in der Gemeinde?“ oder „Wie läuft die Endzeit ab?“ – wenn wir nicht im Konsens sind, wer Jesus ist, was uns die Bibel sagt und wie wir unser Handeln aus dem biblischen Zeugnis ableiten, dann ist es aus meiner Sicht heute nicht mehr möglich, zusammen eine Gemeinde zu leiten.

Ich habe immer versucht, Wege zu finden – außenrum, hintenrum, quer und mittendurch – aber es geht nicht. Schon das Verständnis, Leitung zu sein und prägen zu wollen, wurde mir angekreidet. Ich sagte zum Beispiel: „Ich möchte natürlich auch prägen.“ Was tut ein Leiter? Er prägt. Das wurde als Machtmissbrauch ausgelegt. „Du willst hier Einfluss nehmen.“ Ja, natürlich, sonst wäre ich ja kein Leiter.

Ein Einfluss ist ja nicht immer negativ. Wenn ich jemanden in seiner Leidenschaft stärke und sage: „Hey, ich sehe in dir die Gabe, komm, ich bin bei dir an deiner Seite“, nehme ich Einfluss. Aber das wurde als negativ gesehen.

Daraus resultierte, dass ich mich am besten nicht weiter in Diskussionen einbringen sollte. Wenn ich etwas sage, ist es nicht fair, meine Meinung einzubringen. Also: Rede nur, wenn es um theologische Themen in der Gemeindeleitung geht.

Das macht etwas mit einem. Diese Realität hat mich mit der Zeit so zerrissen, dass ich nicht mehr wusste, was richtig ist und was nicht. Ich bin ein Teamplayer, mir wurde aber vorgeworfen, ich sei es nicht. Ich wollte manipulieren und Menschen nicht zu Wort kommen lassen, weil ich nicht ihrer Meinung war.

Man brachte mir nahe, ich solle mehrere Theologien vertreten. Das habe ich verneint, weil ich es nicht kann und es in sich nicht logisch ist. Das wurde negativ ausgelegt, dann war ich nicht offen für Diskurs. Ich kann nur bis zu einem gewissen Punkt offen sein für Diskurs – das funktioniert nicht.

Mit all dem, was von mir gefordert wurde, was ich nicht bringen konnte und auch nicht wollte, wurde das Verhältnis immer schwieriger. Schließlich ging es nur noch um Macht. Das war der Tod im Topf, schlicht unerträglich.

Ich selbst habe das lange nicht gemerkt. Ich wunderte mich nur, dass Menschen außerhalb der Gemeinde oder außerhalb der Gemeindeleitung anders auf mich reagierten als innerhalb der Gemeindeleitung. Ich dachte, das passt überhaupt nicht zusammen. Ich fühlte mich schizophren, merkte, dass es mich zerriss.

Irgendwann merkte ich auch, man konnte nicht mehr offen sagen: „Ich stehe dafür.“ Denn dann kam sofort der Angriff. Der Wunsch, dass ich nicht wirklich leite, war nicht begründet durch mangelnde Fähigkeit, sondern immer mit dem Vorwurf des Machtmissbrauchs.

Es hieß: „Wir wollen für alle offen sein.“ Dieses „für alle offen“ bedeutet, dass wir keine Stellung beziehen dürfen. Wenn du Stellung beziehst, diskreditierst oder diskriminierst du Menschen. Also lass es.

Das zerreißt eine Gemeinde. Das funktioniert aus meiner Sicht nicht. Wir dürfen auch nicht Stellung beziehen? Absolut nicht. Allein deshalb hat vor kurzem jemand in einer Predigt gesagt: Allein dadurch, dass wir uns haben taufen lassen und das Wort Gottes anerkennen, dadurch, dass wir Jesus nachfolgen, können wir manche Themen nicht mehr ergebnisoffen verhandeln.

Da sind wir uns, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, hoffentlich einig.

Unabhängig davon finde ich es spannend, dass du sagst, es zerreißt nicht nur die Leiterin oder den Leiter – und darauf gehen wir gleich noch in Ruhe ein, denn das ist an sich schon schlimm genug –, sondern du sagst jetzt nach den Erfahrungen, die du gemacht hast, es zerreißt auch die Gemeinde. Kannst du uns da ein bisschen mit reinnehmen, was du damit meinst?

Zerreißende Wirkung auf die Gemeinde

Ich glaube, das ist eine wichtige Beobachtung. Wenn eine Gemeindeleitung nicht wirklich führt, dann entstehen automatisch viele kleine Gruppen innerhalb der Gemeinde. Jeder fühlt sich im Recht und hat zum Teil vielleicht auch Recht. Das will ich gar nicht bewerten. Aber das ist keine Bewegung, die zusammenführt, sondern eine, die sich separiert.

Die einen sind für den, den wir, sagen wir mal, Paulus nennen. Die anderen sagen: „Wir glauben an den und folgen ihm, und er hat Recht, aber der andere nicht.“ Genau so passiert es auch in der Gemeinde. Sie zersplittert. Besonders wenn es um grundlegende Themen geht, bilden sich viele Grüppchen, die irgendwann gegeneinander stehen. Das liegt auch daran, dass immer Emotionen im Spiel sind. Vielleicht mochte man den anderen sowieso nicht. Und jetzt hat man einen besseren Grund, weil der von der „falschen Sorte“ ist.

Das ist das Gegenteil von Einheit. Und dann von vorne zu sagen: „Ihr müsst Einheit haben“ – das funktioniert nicht. Auch zu fordern: „Ihr müsst Frieden halten“ – das funktioniert nicht. Ich glaube, wenn in einer Gemeinde diese Spaltungen schon da sind, dann hilft es nicht, einfach Frieden zu fordern. Stattdessen müssen wir uns anschauen, warum der Friede nicht mehr da ist und was dazu geführt hat.

Da finde ich – und da nehme ich mich selbst als jemanden, der in Leitungsposition war, mit hinein – braucht es absolute Ehrlichkeit und Selbstreflexion: Wo haben wir als Leitung versagt? Was haben wir verpasst? Wo waren wir untreu oder haben Fehler gemacht?

Ich finde, es braucht diese Selbstreflexion und Ehrlichkeit auch gegenüber der Gemeinde. Man muss sagen: „Hier haben wir etwas falsch gemacht, es tut uns leid, vergebt uns.“ Außerdem braucht es oft Hilfe von außen. Ich glaube, es ist wichtig, einen guten Mentor oder Coach zu haben, oder wie man solche Menschen auch immer nennt, der von außen auf die Situation schaut – gerade wenn sie so verfahren ist.

Der Schaden, der durch eine zerstrittene Gemeindeleitung in einer Gemeinde entsteht, ist enorm. Das sehen wir bei vielen Gemeinden mittlerweile. Ich höre das auch von anderen, bei denen sich die Gemeindeleitung nur noch um sich selbst dreht und nicht mehr die Gemeinde im Blick hat.

Was ist denn die Aufgabe einer Gemeindeleitung? Sicherlich nicht, sich nur um sich selbst zu drehen. Ich weiß nicht, ob ich damit deine Frage ein bisschen beantworten konnte. Ja. Dankeschön.

Persönliche Krise und Umgang mit der Situation

Ja, nimm uns gern weiter mit hinein, was du erlebt hast und wie es weiterging.

Ich glaube, für mich war irgendwann der Punkt erreicht, an dem ich mich gefragt habe: Bin ich eine schlechte Pastorin? Bin ich falsch? Bin ich falsch in meinen Ansichten? Ich habe mir dann zum Glück einen Coach geholt, der sehr eng an meiner Seite war und mich in vielem bestärkt hat. Trotzdem habe ich irgendwann gemerkt, dass ich mich in den theologischen Diskussionen verzettele. Ich habe mich auch im Kampf um meine Persönlichkeit verloren. Irgendwann hatte ich das Gefühl, es ging nur noch um mich: Was mache ich richtig, was falsch? Wie bin ich? Wie rede ich? Welche Worte benutze ich? Ich dachte dann oft: Lass mich doch mal außen vor, also das Amt klar, das füllt man irgendwie aus, aber es kann doch nicht nur darum gehen, ob ich in einer Sitzung die richtigen Worte benutze oder wie ich gucke oder was auch immer.

Das hat sich für mich sehr auf mich als Person fokussiert, und ich kam da nicht mehr raus. Ich glaube, auch die Erwartungshaltung, die an mich oder an jeden, der in diesem Beruf ist, gestellt wird, wird oft nicht klar kommuniziert. Das lässt viel Raum für Spekulationen und Unsicherheiten bei der Person, die diese Position ausfüllt. Das war für mich auch so. Irgendwann wusste ich nicht mehr, was eigentlich von mir erwartet wird. Ich habe mal gefragt: Was wird denn eigentlich von mir erwartet? Und ich glaube, das war der Punkt, an dem ich ehrlich zu mir selbst hätte sagen müssen: Dann muss ich gehen, denn diese Erwartungen kann und will ich nicht erfüllen.

Von der Art der Leitung, wie Leitung verstanden wird, von dem, was – also, da es ja nicht die eine Wahrheit gibt, muss man sie auch nicht verteidigen. Und das wäre eigentlich der Satz gewesen, an dem ich gesagt hätte: Okay, dann sind wir nicht mehr auf demselben Weg. Ohne zu sagen, ich finde das alles falsch oder so. Man hätte das im Frieden sagen können: Wir haben hier unterschiedliche Sichtweisen, die nicht vereinbar sind. An der Stelle denke ich heute, ich hätte damals sagen müssen: Leute, es tut mir leid, ich bin die Falsche.

Im Rückblick ist das immer einfach zu sagen. Es ist ja irgendwie dein Beruf, dein Leben. Zumindest war das bei mir so, und ich sehe das auch bei meinen Kollegen so. Also dachte ich, ich probiere es nochmal. Diese ganze Verunsicherung führte bei mir dazu, dass ich irgendwann nur noch mit Angst reagierte – Angst vor Sitzungen, Angst vor Auseinandersetzungen, weil ich mich ohnmächtig fühlte. Das ist natürlich für eine Leitung eine ganz schlechte Position. Das geht nicht. Menschenfurcht kam noch nie gut an, und das ist ja auch so.

Ich habe mich irgendwann so sehr in dieser Angst verloren. Natürlich wollte ich dann irgendwann auch mal forsch vorangehen und sagen: Ich möchte das jetzt so machen. Das wurde vielleicht geduldet, aber nicht wirklich akzeptiert. Ein weiterer Punkt, der mir sehr deutlich wurde, ist: Wenn Leitung nicht gewollt ist, aber dennoch beansprucht wird, führt das immer zu massivem Widerstand. Es entsteht ein Gerangel darum, wer die Macht hat, wer darf und wer nicht.

Ich habe es so erlebt, dass dann quasi gesagt wurde: „Du willst ja immer alles wissen, du bist nie zufrieden, du willst immer alles kontrollieren.“ Aber ich habe mich so gar nicht erlebt. Wenn ich dann mal sagte: „Leute, ich finde die und die Person problematisch, weil sie dies und das tut“, hieß es: „Willst du jetzt sagen, dass ich das nicht mehr machen darf?“ – „Ja, genau, will ich, aus den und den Gründen.“ – „Nur weil du die Person nicht leiden kannst, weil sie nicht dein Liebling ist?“ Dann wurden Dinge ad absurdum geführt. Es hat gar nichts damit zu tun, ob man jemanden leiden kann oder nicht.

Sondern es ging darum: Ist die Geistlichkeit da? Willst du mir sagen, dass er nicht geistlich genug ist? Jein. Ich will nicht sagen, dass er nicht geistlich genug ist, aber ich habe den Auftrag, auf die Herde aufzupassen. Und das heißt, wenn jemand Dinge tut, die... Galater 5,22 – wir erreichen alle nicht die Vollkommenheit, aber es gibt eine Richtung, in der man sagen kann: Na gut, ein bisschen Frucht sollte man schon erkennen. Das ist keine Option, ob wir uns so oder so verhalten. Das ist etwas, wofür wir einen Auftrag haben. Wenn jemand das nicht kann, bin ich gern bereit, ihm zu helfen, dorthin zu kommen, aber dann kann er gewisse Dinge nicht tun.

Das aber umzudrehen und zu sagen: „Du bist gegen den“, ist ein gefährlicher Weg. Denn dann kann man nicht mehr diskutieren. Ich kann nicht sagen: Ich habe Sorge, dass er in seiner vielleicht noch nicht reifen Geistlichkeit Menschen in die Irre führt. Wenn du das nicht sagen darfst, weil du angeblich gegen den Menschen bist, kannst du nichts mehr machen. Über was willst du dann noch diskutieren?

Ich erlebe das so, dass bei den Themen, die inhaltlich waren oder wo es um Leitung und Entscheidungen ging – das kennen wir ja beide – diese Themen veremotionalisiert wurden. Sie wurden auf eine persönliche Ebene gezogen, die da gar nicht hingehörte. Habe ich dich da falsch verstanden?

Nein, leider nicht. Da hast du dich richtig verstanden. Das führt eben dazu, dass es irgendwann nur noch um die Person geht, nicht mehr um den Inhalt. Es geht um eine Person, die sich beständig rechtfertigt und verteidigt: „So ist es nicht, so habe ich es nicht gemeint.“ Es geht nicht mehr um die Sache. Somit kann man auch nicht mehr über biblische Inhalte diskutieren, denn darum geht es ja gar nicht mehr.

Es wäre durchaus gut gewesen zu sagen: „Okay, lassen wir uns doch mal anschauen, was Gott sagt, wie wir uns verhalten sollen. Schauen wir uns das mal an.“ Das wäre ein Beispiel gewesen. Auch daran messen wir unsere Leitung.

Als wir eben gebetet haben, hast du etwas sehr Wichtiges gesagt: Wir werden anders gerichtet. Das ist so. Die, die Verantwortung übernehmen, bekommen andere Fragen gestellt. Ich finde, allein das muss doch auch einer Leiterin oder einem Leiter, egal ob Pastor oder wie man das nennt, bewusst sein, wenn er eine höhere Verantwortung hat. Dann muss er die auch tragen dürfen, denn am Ende wird er danach beurteilt.

Dann kann ich nicht sagen: „Du hast zwar den Titel, aber inhaltlich lass das mal.“ Ich trage die Verantwortung. Ich trage die Last, ich trage die Nächte, in denen ich überlege, wie man es macht. Ich trage die Verantwortung auch vor meinem Herrn. Es ist so schwer, wenn dir diese Verantwortung von menschlicher Seite aber in Frage gestellt wird. Das zermürbt. Irgendwann ist es ein Hamsterrad, in dem du bist. Du versuchst den menschlichen Erwartungen zu entsprechen, du versuchst deiner Beauftragung nachzukommen, die du vielleicht für dich ganz anders fühlst. Und das geht auseinander. Da war kein Miteinander mehr.

Dann kam für mich irgendwann der Punkt, an dem ich merkte: Ich kann die Dinge, die ich sagen will, nicht mehr sagen, weil ich nicht mehr sicher bin. Schweren Herzens. Der Prozess, zu sagen: Ich gehe, war furchtbar für mich. Gleichzeitig gab es auch, und das gebe ich ehrlich zu, ein Gefühl des Versagens. Zu sagen: Ich lasse die Gemeinde im Stich. Das wurde mir von manchen knallhart so gesagt: „Du kämpfst nicht mehr für uns, du hast uns im Stich gelassen.“ Dieses Gefühl begleitet mich bis heute.

Ich glaube aber auch, dass ich eine Verantwortung hatte. Erstens für die Sache selbst – und die fand ich nicht mehr gegeben. Es ging nicht mehr um Gemeindebau, um das Reich Gottes. Ich wollte keinen Anteil mehr daran haben, so wie es war. Drittens habe ich auch eine Verantwortung für mich und meine Ehe. All das zusammen führte für mich zu dem Schluss: Ich gehe – mit all den miesen Gefühlen, die damit zusammenhängen.

Ich finde, Gemeinde zu verlassen ist für mich eines der schwersten Dinge. Es ist ein Sterben, ein Abschiednehmen, auch von einer Hoffnung, die ich hatte, von einem Traum, Gemeinde zu bauen, mit einem Team von Menschen der Menschheit zu erzählen, wer Christus ist und was für einen unglaublichen Schatz wir in ihm haben. Das ging dann nicht mehr, zumindest nicht an dieser Stelle.

Praktische Hilfen und Bibel-Tipps zum Nein-Sagen

Vielleicht hast du es schon herausgehört: Ein entscheidender Schlüssel ist, Nein sagen zu können – und zwar in Liebe und Klarheit.

Hier haben wir dir die wichtigsten Tipps aus der Bibel zusammengestellt. Sie zeigen, was Gottes Wort dazu sagt, wie du praktisch lernen kannst, Nein zu sagen, und warum das für dich wichtig ist.

Diese Tipps kannst du gerne in deiner Gemeinde und an deinem Arbeitsplatz nutzen. Sie sind auch hilfreich, wenn du sie mit deinem Hauskreis oder deiner Familie teilst.

Klicke einfach auf den ersten Link unter diesem Video. Die Tipps sind komplett kostenlos und sollen dich in der Nachfolge Jesu Christi stärken.

Und nun geht es weiter.

Erkenntnisse und Selbstreflexion

Ich habe viel durch diese Situation gelernt, auch viel über mich selbst. Ich weiß, wo meine Anteile sind, die ich dazu beigetragen habe, wo ich zu feige war und wo ich auch Gott nicht vertraut habe. Das ist so, und es tut mir leid. Es tut mir auch leid, dass ich an manchen Stellen nicht mutig genug war.

Aber ich weiß auch, dass es Punkte gab, die für mich so verletzend waren, dass ich nicht mehr konnte. Dann blieb nur noch ein wildes Um-sich-Herumschlagen, um irgendwie zu überleben – und dabei verliert jeder. Ich finde auch, dass das Bild der Gemeinde dabei verliert. Es ist traurig, dass so etwas passiert.

Ich bin bei weitem nicht die Einzige, die von dem Pastorenkreis betroffen ist. Ein Kollege von mir erzählte einmal, ein älterer Kollege hätte zu ihm gesagt: „Wir sind verbundene Krieger als Pastoren.“ Ich denke, das heißt nicht, dass es das nicht auch auf anderer Seite gibt. Das will ich damit gar nicht sagen.

Ich möchte auch nicht den Eindruck erwecken, dass wir armen Pastoren alle bemitleidenswert sind – ganz und gar nicht. Ich finde das Pastorenamt einen wunderschönen Beruf. Es ist eine echte Berufung, die auch viel mit Würde zu tun hat, die uns zugesprochen wird. Ich finde das etwas Geniales.

Gleichzeitig glaube ich, dass es mittlerweile auch etwas sehr Unmenschliches ist, denn es stellt Anforderungen, die man kaum noch erfüllen kann. Wenn du jetzt sagst: „Entschuldige, sag du zuerst.“ – Nein, bitte, nach dir. Ich glaube, es liegt an den Erwartungen, die Menschen haben, an ungeklärten Dingen und daran, dass gerade auch die Theologie in einer Art und Weise auseinandergenommen und hinterfragt wird.

Ich finde, es ist immer wieder dieselbe alte Frage aus dem Paradies: Sollte Gott das wirklich gemeint haben? Diese Frage pervertiert das Gemeindeleben mittlerweile dermaßen. Sie ist oft verkleidet mit intellektuellem Dasein oder was weiß ich. Aber bottom line ist es immer wieder dieselbe Frage, die alles kaputt macht und hinterfragt.

Ich glaube, dass wir nicht wach genug dafür sind. Dieser Mainstream, der versucht, allen alles recht zu machen – das müssen wir nicht. Es ist nicht unsere Aufgabe.

Das ist ein wichtiger und tiefer Punkt.

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Vielen Dank an alle, die das machen – das ist eine schöne Wertschätzung für den Dienst.

Wandel des Pastorenamts und besondere Herausforderungen für Frauen

Ja, du hast im Grunde schon beantwortet, dass sich das Pastorenamt mittlerweile verändert hat. Es ist heute anders, als es ursprünglich gedacht war und wie es auf Dauer gut und gesund funktionieren kann. Du nimmst also eine Veränderung wahr – von dem, wie es einmal war oder gedacht war, hin zu dem, wie es heute ist. Ich wollte dich fragen, woran du diese Veränderung genau festmachst.

Ich glaube, ganz früh, gerade auch im landeskirchlichen Kontext, war der Herr Pfarrer eine echte Respektsperson. Er hatte eine klare Autorität, und man hat ihm sogar die Tasche getragen. Das war eine eindeutige Wertschätzung. Über die Jahre hat sich das stark geändert. Der Pastor ist zu einem beliebigen Kuschelbär für jeden geworden, besonders im freikirchlichen Kontext.

Diese Ehrerbietung, dieses „Der hat immer Recht“ und die Vorstellung, dass der Pastor gleichzeitig Priester, Prophet und vieles mehr sein muss, ist absolut falsch. Kein Pastor hat das Recht, Macht auszuüben, die nur seiner Person dient. Also so etwas wie: „Ich bin hier der Held im Erdbeerfeld, guck doch mal, wie toll ich bin.“ Nein, vielleicht war das früher eher so.

Heute aber muss der Pastor für jeden der Kuschelbär sein. Er muss es jedem recht machen, für jeden da sein und alles vertreten – auch bei verschiedenen theologischen Ansichten. Das funktioniert nicht. Ihm diese Macht, die er früher vielleicht zu viel hatte, jetzt zu nehmen, indem man sagt: „Du musst demütig sein, du musst jedem dienen“, führt zu einer neuen Herausforderung. Wie kann er dann noch sagen: „So, da geht’s lang“?

Auch die Erwartung, dass er alles vertreten muss, funktioniert nicht. Das zerreißt Pastoren, finde ich.

Dazu kommen noch weitere Themen. Zum Beispiel erleben Frauen im Pastorenamt eine andere Situation. Ich erinnere mich an eine meiner ersten Erfahrungen, als ein Mann zu mir kam und sagte, er wundere sich, dass es mit mir so gut läuft, wo er sich doch eine jüngere und hübschere Pastorin vorgestellt hatte. Das ist als Frau erst einmal ein Schlag ins Gesicht. Wenn ein Mann so etwas zu dir sagt, macht das etwas mit dir.

Es gibt auch sehr gute Bücher darüber, was Frauen im Pastorenamt erleben, gerade wenn es um Leitung geht. Es ist deutlich schwieriger für Frauen als für Männer, das ist das eine.

Das andere ist, dass man oft vergisst, dass da vorne ein Mensch steht – mit Gefühlen, Emotionen, guten und schlechten Tagen, mit Hochs und Tiefs im Glauben, mit Fragen. Ein ganz normaler Mensch eben. Man will aber vorne eine Figur sehen, an der man sich orientieren kann – den Herrn Pastor oder die Frau Pastorin. Gleichzeitig kann diese Person aber tief fallen, wenn sie nicht das macht, was man will. Das geht nicht.

Wir müssen weder die Pastoren hochheben, noch sie in den Boden treten, wenn sie nicht das tun, was wir wollen. Das Mittelmaß wäre zu sagen: „Ja, ich erlaube dir auch zu leiden, ich erlaube dir auch mal Dinge zu sagen, die ich nicht toll finde, aber ich vertraue dir, weil du im besten Fall berufen bist.“

Natürlich gibt es auch solche und solche, das ist mir klar.

Vielleicht hast du es schon erlebt: Ich habe gelernt, Distanz zu wahren. Keine Freundschaften in Gemeinden – das wäre ja ganz schlimm, wenn Pastoren Freundschaften hätten. Vielleicht war die Distanz früher zu groß. Aber wenn sie zu gering ist, kann man auch unter die Räder geraten, weil Menschen einen vereinnahmen. „Ja, du bist doch mein Freund.“ Aber ich denke dann: Nein, bin ich nicht. Ich suche mir meine Freunde selbst aus. Aber das darfst du dann gar nicht mehr, weil du ja für jeden Freund sein musst. Und das funktioniert auch nicht.

Natürlich nicht, sehr klar.

Also ja, es ist eigentlich so logisch. Aber wie du es gerade sagst oder wie ich es bei dir heraushöre: Es geht um das Thema Erwartungshaltung. Welche Erwartungshaltung habe ich eigentlich?

Ich habe damals, entschuldige bitte, eine Erwartung an dich. Wenn die nicht erfüllt wird, könnte man sagen: Ich habe eine Erwartung an dich, du erfüllst sie nicht. Bin ich dir jetzt sauer oder sage ich: „Okay, ich frage dich nochmal, hör mal zu, wie sieht es denn aus, warum nicht?“ Gehe ich mit dir in den Diskurs oder bin ich einfach enttäuscht von dir?

Dieses einfache Enttäuschtsein und Zurückziehen führt dazu, dass es zum Bruch in der Beziehung kommt. Auch da ist es schwierig, Gemeinde zu bauen, wenn die Leute sich zurückziehen, weil du sie einmal im Jahr nicht gegrüßt hast.

Und ehrlich gesagt: Ich habe dich nicht gegrüßt, und deshalb ziehst du dich jetzt vor mir zurück? Welche Befindlichkeiten stecken denn dahinter? Das kann ein Pastor nicht auffangen. Das funktioniert nicht.

Perspektivwechsel und Ursachenforschung

Ich würde gern mal versuchen, wenn es für dich okay ist, probehalber die Perspektive zu wechseln. Und du musst jetzt sagen, ob das für dich in Ordnung ist, dass wir für zwei, drei Minuten versuchen, in den Schuhen derer zu laufen, die – naja – der gemeinen Leitung, die dir das Leben schwer gemacht hat, sagen wir es mal so.

Dabei will ich jetzt gar nicht bewerten, ob das richtig oder falsch ist. Das ist eine komplett andere Diskussion und steht mir auch gar nicht zu. Ich möchte nur mal versuchen zu schauen, wie es wahrscheinlich war. Wahrscheinlich sind die ja nicht eines Morgens aufgestanden mit dem Gedanken: „Weißt du was, wir haben einen ganz destruktiven Gedanken, wir machen jetzt mal unsere Pastoren fertig.“ Entschuldige die drastischen Worte.

Vielmehr ist es wahrscheinlich so, dass das zum einen ein Prozess war, der irgendwann eine gewisse Eigendynamik entwickelt hat, wie das bei solchen Dingen oft der Fall ist. Zum anderen wäre das jetzt eine Vermutung von mir – ich bin gespannt, ob du die bestätigen kannst oder ob du sagst, „Nee, Markus war ganz anders“ – dass am Anfang dieses wie auch immer gearteten Prozesses eine positive Absicht stand. Nach dem Motto: „Wir haben dieses und jenes Bild, wir haben diese und jene Erwartungshaltung, diese und jene Vorstellung, und die wollen wir versuchen zu erreichen.“ Dann gab es halt Widerstand, den sie vielleicht in deiner Person gesehen haben.

Ich spekuliere jetzt nur aufgrund von anderen Fällen, die ich gehört habe. Erleuchte uns gern ein bisschen.

Ja, also ich stimme dir voll und ganz zu. Ich würde nie sagen, dass irgendjemand, mit dem ich zusammengearbeitet habe, von vornherein gedacht hat: „Die sägen wir ab.“ Überhaupt nicht. Und ich glaube auch, dass wirklich beste Intentionen da sind, Gemeinde zu bauen. Da würde ich nie sagen, „Na ja, das sind alles böse Knilche oder so.“ Überhaupt gar nicht.

Sie bringen ja auch ihre Zeit und ihr ganzes Engagement mit ein, um ihren Dienst zu tun. Das ist gut und positiv zu bewerten, und das, finde ich, muss auch gesehen und gesagt werden. Das ist gar keine Frage.

Ich glaube auch, dass ein Bewerbungsprozess so funktioniert: Man geht hin, man predigt, man ist dann noch mal da zu einer Befragung. Jeder stellt sich von seiner besten Seite dar, das ist ja klar. Die Gemeinde will nicht, dass man denkt: „Ach du liebe Zeit, was sind das für welche?“ Und man selbst will auch nicht, dass die Gemeinde das von einem denkt.

Also ist es ein relativ kurzer Prozess, in dem man sich kennenlernt. Dann sagt man: „Ja gut, wir wollen, ein paar Rahmenbedingungen haben wir geklärt, das passt.“ Aber ich glaube, wie es wirklich im Alltag ist, das lernt man erst beim Auseinandersetzen kennen.

Jetzt hat jeder aufgrund dieses Bewerbungsprozesses Hoffnungen, Annahmen und Vermutungen auf beiden Seiten. Auch natürlich: Ich finde, ich glaube schon, dass man als Gemeindeleitung – ich war ja vorher auch mal Nichtpastorin und einfach Gemeindemitglied – sich schon wünscht, dass man gesehen wird, dass man mit seinem Stil ankommt und irgendwie mitmachen kann. Das ist ja auch völlig normal.

Ich glaube, es kommt da zum ersten Mal zu Schwierigkeiten, wenn man merkt, dass meine Annahmen gar nicht so sind. Dass der andere das nicht kann oder vielleicht doch nicht so nett ist, wie ich dachte. Oder auch, dass meine Erwartungen – die offensichtlichen und die nicht offensichtlichen – nicht erfüllt werden.

Dann beginnt dieses Ringen: Wie schaffe ich es doch? Setze ich mich durch? Es gibt ja verschiedene Arten und Weisen, wie man an so eine Sache herangehen kann.

Ich glaube, wenn man offen miteinander reden könnte und sagen würde: „Ich sehe das so, wie siehst du es? Wo finden wir gemeinsame Wege?“ und nicht: „Ich will nicht, dass du das machst, also bist du schlecht.“ Das gilt von beiden Seiten. Ich glaube, das braucht unglaublich viel Kraft, aber das wäre ein Weg.

Ich glaube, das passiert oft nicht. Man zieht sich zurück, ist verletzt und frustriert. Dann beginnt das Getrage. Das wäre auch so ein...

Ich glaube, ich würde da noch einmal unterscheiden zwischen diesen Enttäuschungen, die es im Leben gibt, wenn Menschen nicht so sind, wie wir wollen oder wie wir hoffen, dass sie sind. Aber ich würde immer noch einmal einen Unterschied machen, wenn es um das Verständnis unseres Christseins geht.

Ich kann mit dir sagen: Was weiß ich, dieses Buch in der dritten Reihe finde ich nicht gut, weil wir da unterschiedlicher Meinung sind. Da können wir uns auseinandersetzen und sagen: „Ich finde es aus den und den Gründen nicht gut.“ Aber wenn es um den Glauben geht, dann geht das noch viel, viel tiefer.

Und ich glaube auch, was wir oft vergessen, ist die geistliche Dimension. Die sehen wir nicht, aber sie ist existent und wirkt – oder wirkt nicht.

Ich bin niemand, der hinter jedem Burschen Satan sitzen sieht, aber ich glaube, unsere Nichtbeachtung der geistlichen Realität ist ein Einfallstor für unsere ganzen Streitereien, unser Gerangel um Positionen, Macht und alles. Wir sind nicht wach genug, würde ich sagen.

Das eine ist das Persönliche, das andere das Geistliche. Natürlich gehört das alles zusammen, aber persönlich kann ich manches noch einmal ansprechen. Geistlich finde ich es weitaus schwieriger, weil das gleich mit Verurteilung und Ähnlichem gleichgesetzt wird.

In einer Gemeinde heißt es: „Wir lieben einander.“ Klar, das ist das höchste Gebot, gar keine Frage. Aber wenn wir einander nicht korrigieren, dann denke ich immer: Was ist mit diesen ganzen Versen in der Bibel, wo es heißt: „Ermahnt euch, habt Acht aufeinander“?

Es ist ja so offensichtlich. Und dort, wo das aus einer Gemeinde herausgenommen wird, weil wir alles nur noch liebvoll haben wollen, da wächst vieles im Verborgenen, das aus meiner Sicht geistlich zu bewerten ist.

Wow, das wäre nochmal ein Thema für einen eigenen Beitrag.

Rückblick und Lehren aus dem Prozess

Zwei Fragen: Ich würde einfach gerne deine Gedanken hören. Die eine Frage ist, wie gesagt, ohne Namen und Details, aber nur insoweit, wie du das verallgemeinern kannst.

Wenn du die Zeit zurückdrehen könntest: Wo hast du die Anfänge von dem gemerkt, was später ein höchst, höchst destruktiver Prozess geworden ist, der dazu geführt hat, dass du gegangen bist?

Ich bin freiwillig gegangen, ich bin nicht gegangen worden, ich habe gekündigt.

Okay, danke nochmal für die Klarstellung. Nochmals zurück zu der Frage: Wenn du die Anfänge des Prozesses siehst – wir gehen jetzt zurück –, wo hast du gemerkt, dass da irgendetwas nicht normal ist? Ich überspitze jetzt. Mit dem Wissen, das du jetzt hast, mit deiner Expertise, mit deiner Ausbildung und all dem, was du reflektiert hast: Was denkst du, hättest du anders machen können, um es in eine andere Richtung zu bringen, wenn überhaupt?

Und verstehe mich richtig: Ich will damit nicht sagen, dass es allein deine Verantwortung ist, das liegt mir fern. Die Frage ist nur: Was denkst du? Wenn jetzt Leitungspersonen dir zuhören und sich denken, „Oh, bei mir bahnen sich andere Sachen an“ – was würdest du sagen? „Hey, mit dem und dem Wissen hätte das vielleicht anders laufen können, vielleicht mit dem gleichen Ergebnis, aber mit weniger Schmerzen bei dem Ergebnis.“

Sehr gute Frage. Ich finde, ich hätte von vornherein viel mehr klären müssen, was Erwartungen sind. Und ich hätte für mich klären müssen, ob ich diese Erwartungen erfüllen kann und will. Nicht dieses Denken: „Wenn Gott mich da hingesetzt hat, dann wird er das auch machen.“ Dieser Gedanke ist so richtig, wie er falsch ist.

Ich glaube nämlich, wenn wir in so einem Prozess sind, dann ist es unsere Verantwortung zu schauen: Was sind die Erwartungen? Kann ich das? Ist das so, wie ich meine Berufung verstehe? Gibt es da noch eine Möglichkeit der Diskussion? Wenn ja, dann gerne. Wenn es die nicht gibt, dann darf ich mich auch zurückziehen, denn dann kann ich diesem Prozess ja nicht dienen.

Ein Lokführer kann auch kein Flugzeug fliegen. Und umgekehrt genauso: Da würden wir nie sagen, „Ja, jetzt guck doch mal, wenn Gott dich da hingesetzt hat, dann üb doch mal.“ Nein. Und genauso ist es doch auch in einem Dienst. Wenn eine Gemeinde oder Gemeindeleitung von mir zehn Punkte erwartet, dann kann ich sagen: „Fünf ja, fünf müssen wir diskutieren.“ Aber wenn es nicht mehr wird, wo wir eins sein können, dann bin ich die Falsche.

Ich glaube, was auch wichtig ist, auch wenn es wehtut, sind Gespräche, die man fordert – regelmäßige Gespräche: Wo stehen wir miteinander? Sind wir noch auf dem Weg? Und nicht so denken: „Irgendwie wird das schon. Ich strenge mich noch ein bisschen mehr an, ich mache noch ein bisschen mehr, und dann wird das schon, und Gott wird das schon richten.“ Nein. Ich glaube, wir dürfen da unseren Menschenverstand einsetzen und unsere offene, ehrliche Selbstkritik.

Es ist ja klar: Wer will sich schon eingestehen, dass er der Falsche an der Stelle ist? Das will ich auch nicht. Aber es geht hier ja nicht nur um uns. Da muss auch so ein bisschen das Ego von einem selbst manchmal nochmal zurückgestellt werden. Hey, es geht nicht um dich und deine Position, es geht hier um die Berufung und um die Gemeinde.

Und wenn du der Gemeinde nicht dienen kannst – und das heißt ja nicht, dass du falsch bist oder irgendwie – sondern du kannst aufgrund diverser Dinge nicht dienen –, dann habt den Mut zu sagen: „Ich bin der Falsche“ oder „Ich bin die Falsche“ und geh ohne, bevor es zum Zerbruch kommt, bevor alle Seiten verletzt sind. Dann ist es so.

Natürlich kann Gott da auch ganz viel verändern, und dann ist es super. Dann weißt du: „Jetzt wächst es, jetzt geht es, jetzt noch.“ Ich finde, dass so viele Pastoren im Burnout landen, das kann man ja nicht einfach sagen: „Na ja, aber Gott wird das schon richten.“ Wenn es so wäre, würden nicht so viele im Burnout landen.

Ich finde, so einfach ist es nicht, immer alles Gott hinzuschieben und zu sagen: „Mach du mal.“ Das ist ein zweischneidiges Schwert.

Okay, danke dir. Habe ich verstanden.

Positives Fazit und Ausblick

Und dann wäre das meine abschließende Frage: Jetzt, wo du diesen Prozess durchlaufen, reflektiert und ein Stück weit verarbeitet hast – du hast uns am Anfang gesagt, die Schrammen sind noch da – was würdest du sagen, hast du jetzt Positives daraus gelernt?

Eine Sache, die mir von Anfang an sehr geholfen hat: Ich habe hier an meinem Schreibtisch ganz viele Karten hängen, und eine davon würde ich sagen, war für mich meine Rettung. Darauf steht: "Let God use your past to make you better, not bitter." Das war mein Leitsatz, weil ich nicht bitter werden wollte. Natürlich gab es Momente, da hätte ich auch gern irgendwie Atombömbchen geworfen oder Ähnliches. Aber ich dachte immer, wenn es heißt, dass alles, was wir erleben, für die, die Gott lieben, zum Besten dient, dann macht das etwas in mir.

Und das ist immer noch ein Prozess. Heute kann ich darauf schauen, ich kann den Menschen begegnen, ich kann am Gemeindehaus vorbeifahren, ich kann Leute sehen – und ich kann damit umgehen. Das zeigt mir, dass Gott mich gestärkt hat, dass diese Menschenfurcht nicht mehr da ist. Ich glaube, es hat mir gezeigt: Gott war da, er war danach da, und er ist da.

Es ist auch nicht mehr meine Verantwortung. Das fand ich bei meiner sogenannten Entpflichtung einen genialen Zug meines Coaches, der damals da war. Wir haben uns zum Kreuz hingedreht, die Hände aufgelegt, und er hat mich entpflichtet von dem Gefühl, weiterhin oder auch von diesem Auftrag hier eine Verantwortung zu haben. Das hat mir unglaublich geholfen – es loszulassen, zu sagen: Das liegt jetzt in anderen Händen, und das kann ich auch gut da liegen lassen.

Ich darf gehen und ich darf wachsen durch das, was ich erlebt habe. Ich darf mein eigenes Handeln anschauen – was ich falsch gemacht habe, aber auch, was ich richtig gemacht habe. Ich darf Gutes sehen und ich darf auch das benennen, was wehtut. Und ich glaube, dazu braucht man Zeit.

Ich habe gemerkt, als ich im Bewerbungsprozess war, dass es meine Zeit noch nicht war, zurückzugehen in den vollzeitlichen Dienst. Denn ich habe gemerkt, dass am Anfang so viele Erinnerungen mich wieder zurückbringen und alles wieder hochholen würden, sogenannte Trigger. Und das bringt keinem etwas. Also brauchte ich noch Zeit.

Aber ich kann mir vorstellen, irgendwann gestärkt durch viel Reflexion, durch viele Gespräche, durch Ehrlichkeit mir selbst gegenüber, aber auch durch ganz viel Gnade und Heilung, wieder in diesen Dienst zu gehen. Aber es braucht Zeit. Es braucht Zeit.

Und ich glaube, das war für mich ein ganz großer Punkt: Gott zu bitten, die Sätze, die ich gehört habe, aus meinem Gehirn zu nehmen. Sie nicht vergessen zu lassen – denn das war für mich ganz schwierig. All das, was mir gesagt wurde, wie ich bin und was ich nicht bin, hat mich lange Zeit gehindert, auch tatsächlich etwas Neues anzufangen.

Aber das hat er getan: Ich habe sie tatsächlich vergessen, und das finde ich so heilsam. Da sehe ich, dass – weißt du – Gott da gar nicht Partei ergreifen musste. Ich brauchte keine Partei, also Gott brauchte nicht Partei für mich zu ergreifen, indem er sagt: Du hast Recht und alle anderen haben nicht Recht. Sondern er ist mit mir meinen Weg gegangen und er geht mit der Gemeinde ihren Weg.

Ich kann für die Gemeinde beten und ihnen begegnen. Ich bin immer noch in vielem anderer Meinung, aber der Groll ist nicht mehr da. Und ich glaube, das war für mich ganz, ganz wichtig: nicht bitter zu werden.