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1. Mose 37-50 - Das Leben Josephs

01.04.2000
SerieTeil 3 / 3Auf den Spuren der Patriarchen
Warum zerbricht eine Familie an Neid – und wer bekommt am Ende doch die Führung? Josef zeigt: Erst kommt die Tiefe, dann die Wende. Wer das aushält, versteht Hoffnung neu.

Einleitung und heilsgeschichtlicher Rahmen

In unserer Bibelstudien-Tag-Serie über das erste Buch Mose kommen wir jetzt zum letzten Abschnitt: das Leben Josephs, 1. Mose 37-50. Und man kann gerade an dieser Geschichte so wunderbar illustrieren, wie vielfältig, wie reich und wie gewaltig Gottes Wort ist.
Viele von uns kennen die Josephsgeschichte aus der Sonntagsschule oder von zu Hause aus seit dem Kleinkindalter. Es war doch eine Geschichte, die uns immer auf ganz besondere Weise berührt und angesprochen hat. Aber ist sie einfach nur eine Geschichte für Kinder? Eben nicht nur.
Jetzt machen wir einen Bibelstudientag mit Erwachsenen, und uns beschäftigt das gleiche Thema. Und es gibt Ägyptologen, die sich mit der Josephsgeschichte auseinandersetzen, weil es gerade für die Ägyptologie so viel Interessantes darin gibt. Wir sehen also: Wir können von irgendeiner Seite, aus irgendeinem Alter und aus irgendwelchen Spezialinteressen an die Geschichte Josephs herangehen, und überall bekommen wir Nahrung.
Das zeigt uns die Vielfältigkeit der Bibel. Sie ist nicht für eine bestimmte Gruppe geschrieben worden, sondern es ist ein Buch, das Gott uns, der Menschheit, gegeben hat.
Wir wollen uns zunächst ein paar Gedanken über die heilsgeschichtliche Bedeutung Josephs machen. Und zwar ist es so, dass die Josephsgeschichte etwa dreihundert Hinweise auf den Messias Jesus enthält. Das ist eigentlich gewaltig. Es gibt im Alten Testament über dreihundert direkte Prophezeiungen auf den kommenden Messias, die sich in dem ersten Kommen Jesu vor zweitausend Jahren erfüllt haben. Aber in der Josephsgeschichte haben wir bildliche Hinweise durch Parallelen, und zwar ebenfalls etwa genau so viele.
Stephanus zitierte vor dem Sanhedrin, dem obersten Gerichtshof, aus der Josephsgeschichte. So lesen wir die Josephsgeschichte in Kurzfassung im Neuen Testament. Das war also kurz nach der Kreuzigung und Auferstehung Jesu. Dort heißt es:
Und die Patriarchen, neidisch auf Joseph, verkauften ihn nach Ägypten. Und Gott war mit ihm und rettete ihn aus allen seinen Drangsalen und gab ihm Gunst und Weisheit vor dem Pharao, dem König von Ägypten. Und er setzte ihn zum Verwalter über Ägypten und sein ganzes Haus. Es kam aber eine Hungersnot über das ganze Land Ägypten und Kanaan und eine große Drangsal, und unsere Väter fanden keine Speise. Als aber Jakob hörte, dass in Ägypten Getreide sei, sandte er unsere Väter zum ersten Mal aus. Und beim zweiten Mal wurde Joseph von seinen Brüdern wiedererkannt, und dem Pharao wurde das Geschlecht Josephs offenbar. Joseph aber sandte hin und ließ seinen Vater Jakob holen und die ganze Verwandtschaft, fünfundsiebzig Seelen. Jakob aber zog hinab nach Ägypten und starb, er und unsere Väter, und sie wurden nach Sichem hinübergebracht und in die Grabstätte gelegt, welche Abraham für eine Summe Geldes von den Söhnen Hemors, des Vaters Sichems, kaufte.
Nun, warum zitiert, warum erzählt Stephanus die Josephsgeschichte vor dem Sanhedrin? Aus einem ganz bestimmten Grund. Man meint vielleicht beim oberflächlichen Durchlesen, Stephanus erzählt einfach die ganze biblische Geschichte von Abraham an bis auf seine Zeit. Das ist zu oberflächlich. Er hat die Geschichte so erzählt, um immer wieder das Prinzip zu zeigen, wie Auserwählte Gottes verworfen worden sind.
Und nun ist das zum Höhepunkt gekommen. Da sind wir hier in Apostelgeschichte 7,51 am Höhepunkt in der Verwerfung des Messias. Da sagt er dem Sanhedrin unter der Führung des Hohen Priesters: Ihr Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herz und Ohren, ihr widerstrebt allezeit dem Heiligen Geist, wie eure Väter, so auch ihr.
Also: Ihr wiederholt genau das, was eure Vorfahren schon gemacht haben, damals, als sie Joseph verworfen haben. Und er erzählt auch die Geschichte, wie Mose von seinen Brüdern verworfen worden ist, als er ihnen helfen wollte, so dass er dann in ein fernes Land fliehen musste. Ihr macht das Gleiche nochmals.
Und er fährt weiter: Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Und sie haben die getötet, welche die Ankunft des Gerechten, das ist des Messias, zuvor verkündigten, dessen Verräter und Mörder ihr jetzt geworden seid.
Die Reaktion, Vers 54: Als sie aber dies hörten, wurden ihre Herzen durchbohrt, und sie knirschten mit den Zähnen gegen ihn.
All die Josephsgeschichte wird zitiert, um die Parallele zur Verwerfung des Messias aufzuzeigen.

Die großen Linien zwischen Josef und dem Messias

Nun wollen wir die Hauptlinien zunächst in der Übersicht sehen.
So wie Josef der geliebte Sohn des Vaters war, 1. Mose 37, so war der Sohn Gottes von Ewigkeit her in liebender Gemeinschaft mit dem himmlischen Vater. Johannes 1,18 spricht über den eingeborenen Sohn im Schoß des Vaters.
Nächster Punkt: So wie Joseph von seinem Vater zu den Brüdern gesandt worden war, in 1. Mose 37, als sie am Weiden waren, so wurde der Sohn Gottes zum Volk Israel gesandt. Der Herr Jesus sagt in Matthäus 15,24 ganz klar, seine Sendung war für Israel. Er antwortete und sprach: Ich bin nicht gesandt als nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
Wie Joseph wurde der jüdische Jesus von Nazaret von jüdischen Brüdern gehasst und verworfen. Das wird beschrieben in der Leidensgeschichte in Matthäus 26 bis 27. Wie Joseph wurde auch er, der Herr Jesus, der Messias, den Heiden überliefert. Josephs Brüder haben ihn den Heiden verkauft, und Matthäus 27,2 zeigt uns, wie der Sanhedrin den Herrn Jesus den Römern übergeben hat.
Wie Joseph auch von den Heiden verworfen wurde, so wurde der Herr Jesus von den Römern verworfen. Diese midianitischen Kaufleute haben Joseph als Sklaven verkauft in Ägypten. Für sie war er nicht mehr als ein Sklave. Und in Ägypten selbst wurde Joseph auch verworfen und kam ins Gefängnis.
Ganz wichtig: Bei der Kreuzigung ist es so, dass Juden und Heiden den Messias verworfen und gekreuzigt haben. Darum ist das ganze Gerede, die Juden hätten den Messias verworfen, Unsinn. Das ist nur die halbe Wahrheit, und eine halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge. Es waren nicht nur die Juden, es waren Juden und Heiden, die den Messias verworfen haben.
Er kam in eine tiefe Grube und in Ägypten ins Gefängnis, doch er kam wieder heraus. Jesus kam, nachdem er ermordet worden war, ins Grab, doch am dritten Tag kam er lebendig als Sieger wieder heraus, Matthäus 27,57-28.
So wie Joseph über das heidnische Ägypten aufstieg, während seine Brüder nichts mehr von ihm wussten, so wurde Jesus in den vergangenen zweitausend Jahren Herr von Millionen Heiden in aller Welt, und zwar in einer Zeit, in der das jüdische Volk zu einem großen Teil gegenüber dem Messias verstockt war.
In Jesaja 49,6 sprach Gott zum Messias: Ja, er spricht: Es ist zu gering, dass du mein Knecht seist, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten Israels zurückzubringen. Ich habe dich auch zum Licht der Nationen gesetzt, um mein Heil zu sein bis an das Ende der Erde.
Ich lese noch Vers 7 dazu, weil in der rabbinischen Literatur dieser Vers ausdrücklich auf den Messias bezogen wird: So spricht der Herr, der Erlöser Israels, sein Heiliger, zu dem von jedermann Verachteten, zum Abscheu der Nation, zu dem Knecht der Herrscher, und so weiter.
Also der Messias hatte den Auftrag, ein Licht zu sein für die Heidenvölker über Israel hinaus. Und das ist genau geschehen in den zweitausend Jahren. Das Evangelium von Jesus Christus hat alle fünf Kontinente erreicht, es ist zu jeder Nation der Welt gekommen. Es gibt Bibelübersetzungen, wenigstens Teile davon, in über 2200 Sprachen. Es gibt Evangeliumsbotschaften auf Kassette in über 5000 Sprachen und Dialekten.
Und wenn ich sage, Millionen von Heiden haben ihn als Herrn angenommen, dann rechnet man allein heute in China mit etwa 80 Millionen bibeltreuen Christen im Untergrund. Und was ist geschehen durch zweitausend Jahre hindurch? Natürlich hat es Millionen von Namenschristen gegeben, aber durch die Jahrhunderte hindurch hat es auch Millionen von echten Nachfolgern des Messias gegeben.
Und die Apostelgeschichte endet ganz interessant, nachdem drei Jahrzehnte Mission beschrieben worden sind. Apostelgeschichte 28,28 sagt Paulus zu führenden Juden in Rom: So sei euch nun kund, dass dieses Heil Gottes den Nationen gesandt ist, sie werden auch hören. Das wurde geschrieben im Jahr 62.
Die Apostelgeschichte hört mit einem offenen Schluss auf, denn Paulus wartet ja hier auf die Verhandlung vor dem Kaiser, aber die wird gar nicht mehr beschrieben. Das gibt einen offenen Schluss für die Apostelgeschichte. Man erwartet eine Fortsetzung. Oh ja, die Fortsetzung ist gekommen: 2000 Jahre Weltmission. Sie werden hören.
Also den Heiden ist in den vergangenen 2000 Jahren diese Botschaft vom Messias gebracht worden, und Millionen sind seine Untertanen geworden, während die große Masse des jüdischen Volkes den Messias nicht erkannte. Im ersten Jahrhundert gab es allerdings Zehntausende von Juden, die den Messias, Jesus, erkannt haben. Ich will das nur so der Vollständigkeit halber sagen.
 Apostelgeschichte 21: Da wird Paulus gesagt, als er nach Rom kommt, in Vers 20 in der Mitte: Du siehst, Bruder, wie viele Zehntausende, vielleicht steht in Ihrer Bibel der Einfachheit halber Tausende. Wörtlich steht im Griechischen das Wort Myriaden, Zehntausende der Juden, die glauben, und alle sind eifrig für das Gesetz.
Aber so in den weiteren Jahrhunderten war das nicht mehr so. Eine Wende ist eingetreten seit dem neunzehnten Jahrhundert. Im neunzehnten Jahrhundert sind Tausende von Juden zum Glauben gekommen. Das hat sich fortgesetzt im zwanzigsten Jahrhundert, sodass die Missionsstatistik von Johnston, Gebet für die Welt, sagt, dass seit den sechziger Jahren fast hunderttausend Juden zum Glauben gekommen seien.
Das ist gewaltig, das ist prozentual mehr als Schweizer, ganz klar, wenn man das umrechnet. Vierzehn Millionen Juden weltweit, wir haben keine fünfzigtausend Bekehrungen. Er lebt seit den sechziger Jahren in der Schweiz. Und dann aus einem Hintergrund, der nicht christlich ist, ja?
Also, unter dem jüdischen Volk tut sich etwas. Aber wir können sagen: Die vergangenen zweitausend Jahre waren gekennzeichnet durch Jesus als Herrscher über unzählige Heiden, während seine Brüder, die große Masse, ihn nicht mehr kannte.

Verwerfung, Drangsal und Wiedererkennung

Nun, nächster Punkt:
So wie es nach der Verwerfung Josephs mit Juda geistlich in die Tiefe ging, so ging es nach der Verwerfung des Messias mit dem Stamm Juda dramatisch abwärts. In Josephs Geschichte ist ein eigenartiges Kapitel eingeflochten, das die moralischen Irrwege Judas, des Stammvaters des Stammes Juda, beschreibt. Und das kommt gerade nach der Verwerfung Josephs. Wenn wir an diese Irrwege denken, die das jüdische Volk durch zweitausend Jahre gegangen ist, von Ghetto zu Ghetto und von Stadt zu Stadt wandernd, dann entspricht das diesem Weg Judas.
Nächster Punkt:
Wie Josefs Brüder später in große Drangsal kamen, und wir haben diesen Ausdruck wörtlich so gefunden in Apostelgeschichte 7, da entstand eine große Drangsal, Apostelgeschichte 7,11, so wird noch in der Zukunft Israel in größte Bedrängnis geraten. Ich habe hier verwiesen auf Jeremia 30,7, wo von der Drangsal Jakobs gesprochen wird. Das ist dasselbe wie in Matthäus 24. Ich gebe nur die Stelle an, für die, die gerne schreiben: Matthäus 24,21, große Drangsal, und Jeremia 30,7.
Da lese ich: „Wehe, denn groß ist jener Tag ohnegleichen, und es ist eine Zeit der Drangsal für Jakob; doch wird er aus ihr gerettet werden.“ Ich lese noch ein bisschen weiter:
„Denn es wird geschehen an jenem Tag, spricht der Herr der Heerscharen, dass sich sein Joch von deinem Hals zerbrechen und deine Fesseln zerreißen werden. Und Fremde sollen ihn nicht mehr dienstbar machen, sondern sie werden dem Herrn, ihrem Gott, dienen und ihrem König David, den ich ihnen erwecken werde.“
Der Ausdruck „König David“ wird in der rabbinischen Literatur als ein Titel für den Messias erklärt. Ja, große Drangsal, und dann dienen sie dem Messias. Ich lese noch ein bisschen weiter:
„Und du, fürchte dich nicht, mein Knecht Jakob, spricht der Herr, und erschrick nicht, Israel. Denn siehe, ich will dich retten aus der Ferne und deine Nachkommen aus dem Land ihrer Gefangenschaft. Und Jakob wird zurückkehren und ruhig und sicher sein, und niemand wird ihn aufschrecken. Denn ich bin mit dir, spricht der Herr, um dich zu retten. Denn ich werde den Garaus machen allen Nationen, wohin ich dich zerstreut habe; nur dir werde ich nicht den Garaus machen, sondern dich nach Gebühr züchtigen und dich keineswegs ungestraft lassen.“
Das jüdische Volk soll zurückkehren ins Land, und dann werden sie den Messias erkennen und ihm dienen.
Nächster Punkt:
So wie Josefs Brüder den einst Verworfenen in einer dramatischen Szene wiedererkannten und sich vor ihm beugten, so wird Israel, das heißt der überlebende gläubige Überrest der Zukunft, den Messias Jesus erkennen und in Reue umkehren. Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben, so steht es in Sacharja 12,10.
Ich lese Sacharja 12,10, diese dramatische Szene:
„Und ich werde über das Haus Davids und über die Bewohner von Jerusalem den Geist der Gnade und des Flehens ausgießen. Und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben, und werden über ihn wehklagen, gleich der Wehklage über den Eingeborenen, und bitterlich über ihn Leid tragen, wie man bitterlich über den Erstgeborenen Leid trägt. An jenem Tag wird die Wehklage in Jerusalem groß sein.“
Nach Vers 1 spricht in diesem Kapitel Jahwe, der Herr, der Ewige. Und in Vers 10 sagt er: „Und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben!“ Der Talmud sagt zu dieser Stelle, es geht hier um den Messias. Interessant, das sagt der Talmud sogar im Traktat Succa 52a. Und dann heißt es aber plötzlich im gleichen Satz: „Und werden über ihn wehklagen!“ Das ist doch eigenartig. Jetzt wird plötzlich in dritter Person gesprochen über den, der durchbohrt worden ist. Aber es spricht immer noch Jahwe, denn Vers 1 des Kapitels sagt: „Der Ausspruch des Wortes Jahwes über Israel.“ Es spricht Jahwe, der den Himmel ausspannt und die Erde gründet usw. Er spricht.
Nun, aus dieser Stelle erkennen wir alttestamentlich, dass in Jahwe mehr als eine Person ist. Zuerst spricht die Person, die der Messias selbst ist: „Sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben.“ Und dann spricht eine andere Person aus der Gottheit und sagt uns: „Sie werden über ihn wehklagen.“ Genauso wie diese gestandenen Männer, die Brüder Josephs, zusammenbrachen und begannen zu weinen, als sie Joseph wiedererkannten.
Und so heißt es auch wunderbar in Sacharja 13,6: „Und wenn jemand zu ihm spricht: Was sind das für Wunden in deinen Händen? so wird er sagen: Es sind die Wunden, mit denen ich geschlagen worden bin im Hause derer, die mich lieben.“ Jetzt lieben sie ihn.
Und noch ein letzter Punkt:
So wie Joseph schließlich über Ägypten und über seine Brüder geherrscht hatte, so wird der Messias Jesus im Tausendjährigen Reich über die Völker der Welt und über Israel herrschen. Das ist Offenbarung 20, das Tausendjährige Weltreich, Friedensreich.

Zwei Messiasbilder und ihre Erfüllung

Nun, das sind so die Hauptpunkte, die Hauptlinien der Josefs Geschichte. Und jetzt findet man innerhalb dieser Hauptlinien noch so viele weitere Parallelen, dass man am Schluss also etwa auf 300 solche übereinstimmenden Parallelen stösst.
Nun ein weiterer Punkt, der uns hilft, die Josefs Geschichte heilsgeschichtlich in ihrer Bedeutung besser zu erfassen: Wenn es um das Thema Messias geht, so finden wir zwei verschiedene Darstellungen im Alten Testament. Es gibt Stellen, die über einen herrschenden Messias sprechen, und andere sprechen von einem leidenden Messias.
Als Beispiel lesen wir Daniel 7,13. Das war eine Stelle, die zur Zeit Jesu sehr populär war. Jeder wusste, wer der Menschensohn aus Daniel 7,13 ist: Das ist der Messias.
7,13: Ich schaute in Gesichten der Nacht. Und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie eines Menschen Sohn. Und er kam zu dem Alten an Tagen und wurde vor denselben gebracht. Und ihm wurde Herrschaft und Herrlichkeit und Königtum gegeben, und alle Völker, Völkerschaften und Sprachen dienten ihm. Seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen wird, und sein Königtum ein solches, das nie zerstört werden wird.
Es ist der Messias, er kommt mit den Wolken des Himmels. Aber andere Stellen beschreiben ihn ganz anders. Jesaja 53 beschreibt ihn als einen Leidenden und Verworfenen. Ich lese aus Jesaja 53,2 in der Mitte. Die prophetische Vergangenheitsform, das ist ein Kunstgriff der hebräischen Propheten, wird der Kommende so beschrieben:
Er hatte keine Gestalt und keine Pracht, und als wir ihn sahen, da hatte er kein Ansehen, dass wir ihn begehrt hätten. Er war verachtet und verlassen von den Menschen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut, und wie einer, vor dem man das Angesicht verbirgt. Und wir haben ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er hat unsere Leiden getragen, und unsere Schmerzen hat er auf sich geladen. Und wir, wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt. Doch um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Missetaten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden.
Im babylonischen Talmud, das ist der verbindliche Talmud im Judentum von den alten grossen Rabbinern, da steht in Sanhedrin 98b: Was ist der Name des Messias? Und dann wird die Antwort gegeben: Der Aussätzige. Denn es steht geschrieben, und dann wird auf Jesaja verwiesen. Und zwar haben wir doch gelesen hier in Vers 4b: Und wir, wir hielten ihn für bestraft. Nagua auf Hebräisch. Nagua heisst jemand, der mit dem Schlag oder mit der Strafe des Aussatzes geschlagen ist. Und sie nehmen den Namen des Messias hier aus Jesaja 53, Vers 4.
Das also macht deutlich, dass die alten Rabbiner dieses Kapitel hier messianisch, auf den Messias hinweisend, verstanden. Erst im Mittelalter haben die grossen Kommentatoren wie Raschi, Abrabanel und andere die Interpretation geändert. Sie haben gesagt: Im Gegensatz zu den frühen Rabbinern sehen wir in diesem Kapitel das leidende Volk Israel und nicht den Messias. Aber sie haben das erklärt, es wurde zugegeben, dass das nicht die frühere Auffassung war. Das ist die verbreitete Auffassung heute im Judentum.
Aber man kann dann gut argumentieren, nach Vers 8 am Schluss, dort heisst es: „Wegen der Übertretung meines Volkes hat ihn Strafe getroffen.“ Er wird unterschieden von dem Volk Gottes. Das heisst, er ist also nicht Israel, er ist ein anderer, der für Israel leidet. So kann man es aus dem Text schön beweisen.
Und dann kann man auch sagen, wenn man in einem Gespräch mit einem Juden ist: Ja, gehst du dann nicht nach dem alten offiziellen Judentum. Die haben das ja so gesehen. Übrigens noch ein Zitat sogar aus dem sechzehnten Jahrhundert von Rabbi Al-Schesch über Jesaja 53. Da heisst es: Unsere alten Rabbinen haben auf das Zeugnis der Tradition hin angenommen, dass hier die Rede vom König Messias sei. Daraus nehmen auch wir ihnen folgend an, dass für das Subjekt dieser Weissagung David, das ist der Messias, gehalten werden müsse, wie dies offenbar ist.
Also klar kann man das ja nicht mehr sagen. Das war also bekannt: Jesaja 53, der leidende Messias; Daniel 7, der herrschende Messias. Man hat zwar einen Konflikt gehabt, oder mehr als einen. Zum Beispiel mit Sacharja 9,9. Das wusste auch jeder, da wird der Messias beschrieben. Und zwar heisst es so: Frohlocke laut, Tochter Zion, jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König wird zu dir kommen, gerecht und ein Retter ist er, demütig und auf einem Esel reitend, und zwar auf einem Füllen, einem Jungen der Eselinnen.
Ja, jetzt haben wir in Daniel 7 gelesen: Der Messias kommt mit den Wolken des Himmels, der Menschensohn. Und hier lesen wir: Er kommt auf einem Esel. Und die Rabbiner haben sich gefragt: Was ist jetzt, wie kommt der Messias? Und sie haben gesagt: Vielleicht sind das zwei Möglichkeiten. Wenn Israel würdig ist und sich nach der Tora ausrichtet, dann kommt er mit den Wolken des Himmels. Wenn Israel unwürdig ist, dann kommt er auf dem Esel.
Nun, man hat natürlich sehr viel darüber nachgedacht, über diese verschiedenen Beschreibungen, und so hat sich auch eine sehr bekannte rabbinische Auslegungstheorie der zwei Messiasse in der jüdischen Theologie herausgebildet. Man hat erklärt: Der herrschende Messias, den nennen wir Maschiach ben David, Messias, der Sohn Davids. Denn der Messias sollte ja nach Jeremia 23,5 und Psalm 132 und anderen Stellen von David abstammen.
Sie haben dann den anderen, den leidenden Messias, genannt, der Maschiach ben Joseph. Denn dieser Name passt ja auch sehr gut. Joseph hat viel gelitten, er war ein Mann der Leiden, das ist das Leiden des Messias. Sie haben also diese zwei verschiedenen Personen so für sich auseinander gehalten.
Nun, wie erklärt das Neue Testament dieses Problem? Ganz einfach: Es ist ein Messias, der in zwei Phasen erscheinen sollte. Das erste Mal am Palmsonntag kam er auf dem Esel, und tatsächlich war die Masse des Volkes damals nicht würdig. Denn fünf Tage später hat die Volksmenge im gleichen Jerusalem geschrien: Kreuzige ihn! Die da dabei waren, haben geschrien, fünf Tage später. Aber einmal in der Zukunft wird der Messias wiederkommen in Herrlichkeit mit den Wolken des Himmels. Und dann wird der umgekehrte, der bekehrte, gläubige Überrest, wie die Propheten ihn immer wieder nennen, den Überrest Israels, den Überrest des Hauses Juda, ihn erwarten. In der grossen Drangsal werden sie eine tiefe Sehnsucht nach ihm bekommen, und da sind sie würdig, und er kommt mit den Wolken des Himmels.
Also, das passt eigentlich ganz gut mit diesen rabbinischen Überlegungen zusammen. Der Herr Jesus selber erklärte den Emmaus-Jüngern nach der Auferstehung auf diesem Gang von Jerusalem nach Emmaus, vor zwei Stunden Fussweg, aus dem ganzen Alten Testament alles, was ihn betraf. Da wäre ich gern mitgelaufen. Das muss etwas Gewaltiges gewesen sein. Und ich lese aus Lukas 24,25:
Und er sprach zu ihnen: O ihr Unverständigen und Trägenherzens, zu glauben an alles, was die Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus, das ist griechisch für Messias, setzen wir Messias ein, dann ist es verständlicher, musste nicht der Messias dies leiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und von Mose und von allen Propheten anfangend erklärte er ihnen in allen Schriften das, was ihn betraf.
Er zeigt: Zuerst geht der Messias durch Leiden, und dann kommt die Herrlichkeit. Und genau dies lehrt uns die Josefs Geschichte. Zuerst musste Josef leiden, erst nachher konnte er herrschen.
Ich lese noch aus 1. Petrus 1,11, wo wir interessante Einblicke in die seelischen Tiefen der alttestamentlichen Propheten bekommen. Da heisst es nämlich: Ich lese ab Vers 10. Petrus spricht über die Errettung und sagt, über welche Errettung Propheten nachsuchten und nachforschten, die von der Gnade gegen euch geweissagt haben, forschend, auf welche oder welcherlei Zeit der Geist des Messias, der Geist Christi, der Geist des Messias, der in ihnen war, hindeutete, als er von den Leiden, die auf Christus, die auf den Messias kommen sollten, und von den Herrlichkeiten danach zuvorzeugte.
Zuerst die Leiden, dann die Herrlichkeit. Aber die Propheten haben vieles auch nicht verstanden, wie sie das zeitlich einordnen sollen, und so haben sie sehr viel darüber nachstudiert, auf welche und welcherlei Zeiten diese Dinge, die der Geist Christi ihnen angegeben hatte, hindeutete. Wir sehen: Für sie war nicht einfach alles klar, wie es in der Prophetie gehen sollte, aber sie haben nachgeforscht und haben eben diese zwei Phasen unterschieden.
Nun ist Folgendes eher interessant: Der Herr Jesus ist als Sohn der Maria, die ja direkt von David abstammte. So entnehmen wir das aus dem Geschlechtsregister in Lukas 3,23-38. Er war durch sie ein direkter Abkomme von David. Und so können wir sagen, war er wirklich der Maschiach ben David. 2. Timotheus 2,8 betont nochmals, dass Jesus Christus aus dem Samen Davids ist. Biologisch stammt er durch die Jungfrau Maria von David ab.
Nun, die Jungfrau war ja verlobt mit Joseph. Er stammte auch von David ab, aber aus einer anderen Linie, die sich nach David trennte. Er kam nämlich aus der königlichen Linie über Salomo, während Maria von einem Bruder Salomos herkam, von Nathan her, nicht aus der königlichen Linie. Nun hat Joseph Maria geheiratet, und dadurch ist er juristisch gesehen Vater des Messias geworden, beziehungsweise der Herr Jesus war Maschiach ben Joseph.
Und so steht das in Johannes 1,45. Da wird der Messias entdeckt von Juden, eine ganz ergreifende Stelle. Ich lese ab Vers 44:
Philippus aber war von Bethsaida, aus der Stadt des Andreas und Petrus. Philippus findet den Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von welchem Mose in dem Gesetz geschrieben und die Propheten, Jesus, den Sohn Josephs, den von Nazareth.
Was hat er gesagt? Wir haben Matzanu, wir haben gefunden, Jeschua ben Joseph. Wir haben Jesus, den Sohn Josephs, gefunden. Also in ihm ist alles das erfüllt.

Die vier Lebensphasen Josephs

Nun, wenn wir dies so vor uns haben, können wir jetzt auf ganz neue Art an die Geschichte Josephs herantreten.
Zur Geschichte Josephs, die wir in vier Phasen unterteilen, Phase 1: Joseph in Kanaan. Das können wir überschreiben mit: Der zum Erstgeborenen erwählte, geliebte Sohn des Vaters. Diese Phase umfasst 1. Mose 37 und dauerte siebzehn Jahre.
Zweitens: Joseph in Ägypten. Diesen Abschnitt überschreiben wir als Sklave und Gefangener, 1. Mose 39-40, eine Zeit von dreizehn Jahren.
Die dritte Phase: wieder Joseph in Ägypten, aber mit dem Untertitel Herrscher über Ägypten, 1. Mose. Diese Phase dauerte neun Jahre.
Die letzte Phase, vier: Joseph in Ägypten. Untertitel: Herrscher über Ägypten und Israel, eine herrliche Phase von einundsiebzig Jahren.
Das ergibt für Josephs Leben insgesamt einhundertzehn Jahre.
Wir gehen zur ersten Periode, Kapitel 37. Ich lese einmal ein paar Verse:
 1. Mose 37,1-17
Jakob wohnte in dem Lande, in welchem sein Vater als Fremdling geweilt hatte, im Lande Kanaan. Dies ist die Geschichte Jakobs. Joseph, siebzehn Jahre alt, weidete die Herde mit seinen Brüdern, und er war als Knabe bei den Söhnen Bilhas und bei den Söhnen Silpas, der Frauen seines Vaters. Und Joseph hinterbrachte ihrem Vater die üble Nachrede von ihnen. Und Israel hatte Joseph lieber als alle seine Söhne, weil er der Sohn seines Alters war; und er machte ihm einen langen Leibrock. Und als seine Brüder sahen, dass ihr Vater ihn lieber hatte als alle seine Brüder, da hassten sie ihn und vermochten nicht, ihn zu grüßen.
Und Joseph hatte einen Traum und teilte ihn seinen Brüdern mit; und sie hassten ihn noch mehr. Und er sprach zu ihnen: Hört doch diesen Traum, den ich gehabt habe: Siehe, wir banden Garben auf dem Feld, und siehe, meine Garbe richtete sich auf und blieb auch aufrecht stehen; und siehe, eure Garben kamen ringsum und verneigten sich vor meiner Garbe. Da sprachen seine Brüder zu ihm: Solltest du gar König über uns sein? Solltest du gar über uns herrschen? Und sie hassten ihn noch mehr um seiner Träume und seiner Worte willen.
Und er hatte noch einen anderen Traum und erzählte ihn seinen Brüdern und sprach: Siehe, noch einen Traum habe ich gehabt, und siehe, die Sonne und der Mond und elf Sterne bückten sich vor mir. Und er erzählte es seinem Vater und seinen Brüdern; und sein Vater schalt ihn und sprach zu ihm: Was ist das für ein Traum, den du gehabt hast? Sollen wir gar kommen, ich und deine Mutter und deine Brüder, und uns vor dir zur Erde niederbeugen? Und seine Brüder waren eifersüchtig auf ihn, aber sein Vater bewahrte das Wort.
Seine Brüder gingen hin, um die Herde ihres Vaters zu weiden zu Sichem. Und Israel sprach zu Joseph: Weiden nicht deine Brüder zu Sichem? Komm, dass ich dich zu ihnen hinsende. Und er sprach zu ihm: Hier bin ich. Und er sprach zu ihm: Geh doch hin, sieh nach dem Wohlergehen deiner Brüder und nach dem Wohlergehen der Herde und bringe mir Antwort.
Nun, wir sehen hier Joseph als geliebten Sohn des Vaters. Und wir müssen uns Folgendes klar überlegen: Jakob hatte das Ziel, dass Joseph das Erstgeburtsrecht bekommen sollte und nicht der erstgeborene Ruben. Und das hat einen bestimmten Grund.
 1. Mose 35,22
Da sehen wir, welche schlimme Schandtat Ruben begangen hatte. Und es geschah, als Israel in jenem Land wohnte, da ging Ruben hin und lag bei Bilha, der Nebenfrau seines Vaters; und Israel hörte es. Er hatte Blutschande begangen. Und das war der Grund, warum er das Erstgeburtsrecht verlieren sollte.
Das wird uns auch ganz ausdrücklich gesagt. Später in 1. Mose 49 sagt Jakob zu Ruben, Vers 3:
Ruben, mein Erstgeborener bist du, meine Kraft und der Erstling meiner Stärke, Vorzug an Hoheit und Vorzug an Macht.
Wir müssen uns das vorstellen: der alte Jakob, der da auf dem Sterbebett seine Söhne segnet. Als Ruben das gehört hat, da ist sicher ein Lächeln über sein Gesicht gegangen. Aber er fährt weiter:
Überwallend wie die Wasser sollst du keinen Vorzug haben, denn du hast das Lager deines Vaters bestiegen; da hast du es entweiht. Mein Bett hat er bestiegen.
Da ist eine schwarze Wolke über das Gesicht von Ruben gegangen. Aber er fährt weiter. Ruben hat das akzeptieren müssen.
Nun, wer sollte Erstgeborener werden? Joseph war der erste Sohn von Rahel, 1. Mose 35,24: Die Söhne Rahels, Joseph und Benjamin. Also Joseph war ein Erstgeborener, nur nicht eben der Erstgeborene von Lea, wie Ruben im Vers vorhin beschrieben wird. Er war ein Erstgeborener, und jetzt wollte Jakob eben das Erstgeburtsrecht von Ruben auf Joseph übertragen. Das ist eigentlich gar nicht so willkürlich, oder?
Und das ist auch der Grund, warum er ihm dieses herrliche Gewand gemacht hatte. Das sollte ihn als Erstgeborenen ausweisen. Aber das haben die Brüder nicht akzeptiert, und sie haben ihn gehasst.
Also es ist nicht irgendwie so, dass jetzt ein guter Familienberater hätte Jakob sagen sollen: Schau mal, du machst alles falsch. Das darf man ja schon nicht, eben da diese verschiedenen Bevorzugungen. Aber es geht wesentlich um ein familienrechtliches Problem: Wer ist Erstgeborener, und wer hat damit auch ein höheres Erbrecht? Das hat Jakob dem Ruben zu Recht weggenommen, und er wollte es Joseph geben.

Der Weg in die Tiefe und die erste Bewährung

So, dann gehen wir in die Pause. Wir fahren weiter.
Wir sind stehen geblieben bei dem Erstgeburtsrecht, das Ruben verloren hat und das Jakob seinem Sohn Joseph als Sohn der Lieblingsfrau Rahel zukommen lassen wollte. Das hat er durch dieses besondere Kleid gezeigt, 1. Mose 37,3. Dieser Plan wurde von Gott durch Josefs Träume bestätigt. Das ist die göttliche Bestätigung der Absichten Jakobs: Er soll Erstgeborener werden.
Aber seine Brüder hassten ihn aus Neid, 1. Mose 37,4. Genauso wie wir das in den Evangelien finden, lesen wir sogar, dass Pilatus realisiert hatte, dass er aus Neid überliefert worden war. Sie haben seine Herrschaft abgelehnt, 1. Mose 37,8: Solltest du gar König über uns sein, solltest du gar über uns herrschen! Und in Lukas 19,14, im Gleichnis, sagte Herr Jesus, eine Delegation wird ihm geschickt, die sagen: Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche. Das Parallel ist auch da perfekt.
Josef wurde zu ihnen gesandt, 1. Mose 37,18-20, und da fassten sie den Plan, ihren ungeliebten Bruder umzulegen. Intervention verkauften sie ihn schließlich an midianitische Händler für 20 Silberlinge. Interessant, dass ausgerechnet Ruben, der das Erstgeburtsrecht abgeben musste, nicht die Ermordung wollte. Wir haben auch da eine Parallele: Im Sanhedrin gab es nicht Einmütigkeit über der Ermordung des Messias. Ein Nikodemus hat gesagt: Ist das nach unserem Recht? Das ist gar nicht nach dem Gesetz. Zuerst muss man den Angeklagten selber anhören, Johannes 7 am Schluss. Also hier ist auch eine Parallele zur Intervention von Ruben zu sehen.
Er wird verkauft für zwanzig Silberlinge, der Herr Jesus wird verkauft für dreißig Silberlinge, Matthäus 26,15. Das war übrigens nach dem Gesetz Mose der Preis für einen toten Sklaven, nicht für einen lebenden. Das ist nämlich die Haftpflichtzahlung nach 2. Mose. Wir können das kurz aufschlagen: 21,32. Da geht es um einen Ochsen, der stößig ist. Wenn der Ochse einen Knecht stößt oder eine Magd, so soll sein Besitzer ihrem Herrn dreißig Silbersekel geben, und der Ochse soll gesteinigt werden. Das ist Haftpflichtersatz im Fall der Tötung durch einen Ochsen. Und da wird also der tote Sklave mit dreißig Silberlingen bemessen.
Und für diesen Preis, da ist ein ganz übler Unterton drin, dass nämlich der Sanhedrin, das heißt der Hohepriester und die mit ihm waren, Judas ausgerechnet dreißig Silberlinge geben wollten. Sie hätten ihm ja neunundzwanzig geben können oder achtundzwanzig oder einunddreißig, aber die haben dreißig gewählt. Das ist der Preis für einen toten Sklaven. Das ist ein ganz bösartiger Unterton. Also das Vorbild für zwanzig Sekel, die Erfüllung für dreißig Sekel.
Diese Midianiter verkauften ihn nach Ägypten, 1. Mose 37,36. Und so wie Jakob einst seinen erblindeten Vater Isaak brutal betrogen hatte, so betrogen ihn auch seine Söhne. Wir lesen, 1. Mose 37,31: Und sie nahmen den Leibrock Josephs und schlachteten einen Ziegenbock und tauchten den Leibrock in das Blut. Und sie schickten den langen Leibrock hin und ließen ihn ihrem Vater bringen und sagen: Dieses haben wir gefunden, erkenne doch, ob es der Leibrock deines Sohnes ist oder nicht. Und er erkannte ihn und sprach: Der Leibrock meines Sohnes! Ein böses Tier hat ihn gefressen, Joseph ist gewisslich zerrissen worden.
Und Jakob zerriss seine Kleider und legte Sacktuch um seine Lenden und trug Leid um seinen Sohn viele Tage. Und alle seine Söhne und alle seine Töchter machten sich auf, um ihn zu trösten. Aber er verweigerte es, sich trösten zu lassen, und sprach: Den Leid tragend werde ich zu meinem Sohn hinabfahren in den Scheol. Sein Vater beweinte ihn.
Das ist dramatisch, wie sich das in der Familie weiter fortgesetzt hat, dieses Betrügen. Jakob, der Betrüger, wird hier zum brutal Betrogenen. Nun interessant: Sie nehmen ihm den Leibrock ab, und so wurde auch dem Herrn Jesus nach Johannes dieser vollständig in einem Stück durchgewebte Leibrock abgenommen vor seiner Hinrichtung. So nebenbei noch als Bemerkung: Dieser Leibrock ohne Naht hat eine besondere Bedeutung, denn nur die Priestergewänder wurden im damaligen Judentum so hergestellt, in einem Stück durchgewebt. Er hatte also ein Gewand, der Herr Jesus trug ein Gewand, das an das Priestergewand erinnerte, und so ging er nach Golgatha, um das Opfer für uns zu werden.

Reifung im Leiden und Gottes Führung in der Tiefe

Wir kommen jetzt zur zweiten Periode. Wie gesagt, Kapitel 38, die Irrwege Judas, ist ein Klammerkapitel, das aber seine Bedeutung hat, wie wir schon gesehen haben.
Jetzt kommt die zweite Periode, 1. Mose 39-40. Joseph kommt nach Ägypten, wird von Potiphar, einem hohen Beamten des Pharao, gekauft, und der Herr stellt sich voll hinter Joseph, Vers 2: Und der Herr war mit Joseph, und er war ein Mann, dem alles gelang; und er war im Haus seines Herrn, des Ägypters. Und der Herr sah, dass der Herr, also Yahweh, mit ihm war und dass der Herr alles, was er tat, in seiner Hand gelingen ließ.
Gott stellt sich zu Joseph in all seiner Not. Und so kommt Segen über ihn, ihm gelingt alles. Das erinnert an Psalm 1: Glückselig der Mann, der nicht wandelt im Rat der Gesetzlosen usw. Und auch dort wird dann gesagt, dass diesem Mann alles gelingt.
Nun kommt aber alles sehr überraschend anders. Die Frau Potiphars will Joseph wiederholt zum Ehebruch verführen, und Joseph geht nie darauf ein. Es kommt zu einem Höhepunkt, zu einem totalen Eklat. 1. Mose 39, Vers 10 lese ich schon: Und es geschah, als sie Joseph Tag für Tag ansprach und er nicht auf sie hörte, bei ihr zu liegen, bei ihr zu sein, da geschah es an einem solchen Tag, dass er ins Haus ging, um sein Geschäft zu besorgen; und kein Mensch von den Leuten des Hauses war da im Haus. Und sie ergriff ihn bei seinem Kleid und sprach: Liege bei mir! Er aber ließ sein Kleid in ihrer Hand und floh und lief hinaus. Und es geschah, als sie sah, dass er sein Kleid in ihrer Hand gelassen hatte und hinausgeflohen war, da rief sie den Leuten ihres Hauses und sprach zu ihnen: Seht, er hat uns einen hebräischen Mann hergebracht, um Spott mit uns zu treiben.
Und so kommt Joseph ins Gefängnis. Man fragt sich: Wie kann Gott das alles zulassen? Aber was wir hier sehen, ist: Joseph ist ein Mann, der sich selbst beherrschen kann. Und in der Gefahr flieht er, und das ist keine Feigheit. Wenn wir schauen, was das Neue Testament zu diesem Thema zu sagen hat, dann ist es genau 1. Korinther 6. Das müssen besonders junge Leute ganz deutlich immer wieder vor sich haben. 1. Korinther 6, Vers 18: Flieht die Hurerei! Da wird zur Flucht aufgerufen. Flieht die Hurerei! Und man kann sich vielleicht auch noch notieren: 2. Timotheus 2, Vers 22, die jugendlichen Lüste aber fliehe. Flucht heißt: Aus dem Gefahrenbereich muss man sich durch Flucht entziehen. Und das ist Mannhaftigkeit, wie wir im Fall von Joseph sehr eindrücklich sehen.
Man fragt sich hier aber: Ihm gelang alles, der Herr stellte sich zu ihm, was ist mit ihm los, dass er jetzt plötzlich in die Tiefe muss? Wir werden sehen, dass all diese Leiden, die jetzt über Joseph kommen, eine Vorbereitung für sein späteres Herrschen waren. Der Mann musste innerlich reifen, um später ein Herrscher nach dem Modell des Messias zu werden. Und der Mann, der sich selbst beherrschen konnte, den setzte Gott später ein, um über andere zu herrschen. Das ist ein ganz wichtiger Zusammenhang: Selbstbeherrschung und Autorität über andere ausüben.
Nun, Joseph geht durch Leiden hindurch. Wir haben schon Lukas 24, Vers 26 gelesen: Der Messias musste zuerst leiden und dann in seine Herrlichkeit eingehen. Und jetzt machen wir eine Übertragung ganz praktisch für uns. In Joseph dürfen wir nämlich nicht nur immer den Hinweis auf den Messias sehen, sondern wir müssen Joseph auch einfach als einen normalen gläubigen Menschen sehen, der uns ein Beispiel gibt, wie man gottgemäß lebt.
 Apostelgeschichte 14, Vers 22. Ich lese aber schon noch Vers 21: Am Ende der ersten Missionsreise besucht Paulus die gegründeten Gemeinden mit Barnabas, und als sie jener Stadt das Evangelium verkündigt und viele zu Jüngern gemacht hatten, kehrten sie nach Lystra, Ikonium und Antiochien zurück, indem sie die Seelen der Jünger befestigten. Und sie ermahnten, im Glauben zu verharren, und dass wir durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen müssen.
So wird die Spitze ihrer Verkündigung zusammengefasst: dass wir durch viele Trübsale in das, wörtlich, Königreich, Basileia, das mit Basileus, König, zusammenhängt, das Königreich Gottes eingehen müssen. Wir sehen: Das Wohlstandsevangelium wird mit diesem Vers glatt erschlagen. Das ist Prinzipgläubigkeit. Wir müssen durch Trübsal hindurch, nicht einfach als Folge von Sünde. Natürlich kann Sünde zur Zucht Gottes führen. Aber es geht hier um das normale Christenleben, dass wir durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen müssen.
Dasselbe Prinzip gilt für Christen wie für Christus. Christen heißt ja Anhänger des Messias. Der Messias musste zuerst leiden und dann in die Herrlichkeit eingehen. Christen, also messianische Menschen, müssen zuerst durch viele Trübsale hindurch und dann ins Reich Gottes hinein. Dasselbe Prinzip.
Damit können wir all diese Vorstellungen von „Es muss alles gut gehen, es darf ja nicht abwärts gehen, wir dürfen ja nicht krank werden, wir dürfen ja keine Misserfolge haben, wir dürfen keinen Rost am Auto haben, wir dürfen ja ... und so weiter“ vergessen. Was dürfen wir nicht alles? Wir dürfen Misserfolge haben, nur wenn sie nicht Folge sind von direktem Verschulden, von direkter Sünde. Also da lehrt uns Joseph viel.
Josephs Glaube wurde schwer geprüft. So wird das auch zusammengefasst in Psalm 105, der die Geschichte Israels poetisch beschreibt. Ich lese einen Vers, Psalm 105, 19. Also schon Vers 17: „Er sandte einen Mann vor ihnen her. Joseph wurde zum Knecht verkauft; man presste seine Füße in den Stock, sein Hals kam in das Eisen, bis zur Zeit, da sein Wort eintraf; das Wort des Herrn läuterte ihn.“
Da haben wir es: Das Wort des Herrn läuterte ihn. Es war also so, Joseph war in Gottes Augen aus Gold. Und er musste durch den Schmelzofen, um von Schlacken befreit zu werden. Das entspricht Hebräer 12, wo erklärt wird, dass es ganz normal ist, wenn Gläubige von ihrem Vater erzogen werden durch Züchtigung, denn nur so können wir wachsen. Das ist ganz normal, das gehört zum normalen Wachsen im Glauben.
Aber sehen wir: Vers 19 sagt hier „bis zur Zeit, da sein Wort eintraf“. Joseph hatte Zusagen für die Zukunft, seine Träume waren Gottes Wort; sie sollten zu seiner Zeit in Erfüllung gehen. Aber bis das so weit war, musste Joseph durch die Tiefe.
Und wenn wir weiterlesen in 1. Mose 40: Da kommt Joseph im Gefängnis mit einem Bäcker des Pharao und mit seinem Mundschenk zusammen, und er wird bitter enttäuscht von Menschen. Er kann ihnen ihre Träume deuten, und es kommt genau so: Der eine, der Mundschenk, wird später vom Pharao angenommen, und der Bäcker wird hingerichtet. Es kommt alles so. Aber Joseph sagte zu dem Mundschenk: Wenn du dann wieder eingesetzt bist, dann denke an mich. Und er vergaß ihn.
Also der Mann, der von Gott vorbereitet wurde, musste lernen, dass man auf Menschen, dass auf Menschen kein endgültiger Verlass ist, dass man von Menschen tief enttäuscht werden kann. Aber er musste lernen: Gottes Wort enttäuscht nie, seine Verheißungen gehen zu seiner Zeit in Erfüllung.
Diese beiden, der Mundschenker und der Bäcker, erinnern uns aber gleichzeitig an die beiden Mitgekreuzigten in Lukas 23, 32 und 39-43. Der eine wurde angenommen: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Und der andere ging verloren. Also eine ganz interessante Parallele zu Joseph.
Es gibt hier auch einen Gegensatz. Joseph sagt zu dem Mundschenk: Wenn du dann angenommen bist, gedenke meiner. Und am Kreuz ist es umgekehrt: Der zum Glauben gekommene, der zwar nach Matthäus 27 vorher auch gelästert hatte, sagt: Gedenke meiner, Herr, wenn du in dein Reich kommst. Da sind die Rollen getauscht.

Herrschaft, Gnade und die Zeit der Gemeinde

Nun, wir kommen jetzt zur zweiten Periode, zur dritten, ja, zur zweiten Periode, zur dritten Periode, Kapitel 41 bis 45.
Es verging einige Zeit, und dann hatte der Pharao einen Traum. Ich lese Kapitel 41, Vers 1:
Und es geschah nach Verlauf von zwei vollen Jahren, dass der Pharao träumte. Und siehe, er stand am Strome. Und siehe, aus dem Strom stiegen sieben Kühe herauf, schön von Ansehen und fett an Fleisch, und sie weideten im Riedgrase. Und siehe, sieben andere Kühe stiegen nach ihnen aus dem Strom herauf, hässlich von Ansehen und mager an Fleisch. Und sie standen neben den Kühen am Ufer des Stroms. Und die Kühe, die hässlich von Ansehen und mager an Fleisch waren, fraßen die sieben Kühe, die schön von Ansehen und fett waren. Der Pharao erwachte, und er schlief ein und träumte zum zweiten Mal. Und siehe, sieben Ähren wuchsen auf an einem Halme, fett und schön. Und siehe, sieben Ähren, mager und vom Ostwind versengt, sprosten nach ihnen auf. Und die mageren Ähren verschlangen die sieben fetten und vollen Ähren. Und der Pharao erwachte, und siehe, es war ein Traum.
Es geschah am Morgen, da war sein Geist voll Unruhe, und er sandte hin und ließ alle Schriftgelehrten Ägyptens und alle seine Weisen rufen. Und der Pharao erzählte ihnen seine Träume, aber da war keiner, der sie dem Pharao deutete.
Der Pharao träumt, und die ganze akademische Welt des alten Ägyptens kann den Traum nicht deuten. Obwohl Gott im Traum ausgerechnet Dinge erscheinen ließ, die dem Pharao sehr wichtig waren, nämlich der Nil, der als göttlich galt, und auch die Kühe, die in der ägyptischen Religion göttliche Bedeutung hatten, träumte er also nicht irgendetwas. Er sah Symbole, die für ihn sehr wichtig waren.
Es ist übrigens auch interessant zu sehen bei den Träumen des Mundschenks und des Bäckers: Der Mundschenk träumte von einem Weinstock, der Bäcker träumte von einem Korb mit Brot auf dem Kopf. Also interessant, das wissen die tiefen Psychologen nicht, dass Gott, wenn er es will, in Träumen genau solche Symbole geben kann, die dem betreffenden Menschen auch wichtig sind, und dadurch erregt er die Aufmerksamkeit.
Das wird ja auch später so in Daniel 2, bei dem Traum von Nebukadnezar: dieses gewaltige monumentale Standbild, das passte einem von Hochmut erfüllten souveränen Herrscher. So ein repräsentatives, riesiges Standbild hat sein ganzes Interesse erweckt.
Wir sehen also als Prinzip: Wie weckt Gott Interesse bei Heiden? Er knüpft effektiv dort an, wo ihre Gedankenwelt ist. Das zeigt uns auch wieder im Blick auf Evangeliumsverkündigung, dass wir uns mit der Gedankenwelt unserer Mitmenschen beschäftigen müssen, um zu wissen, wo wir eine Brücke schaffen können.
Aber wir sehen: Das war kein Traum, der passte gar nicht in die ägyptische Religion hinein, denn die Magier in Ägypten können diesen Traum nicht deuten. Er sprengt ihren Rahmen. Und in diesem Zusammenhang erinnerte sich dann der Mundschenk an Josef, den Hebräer im Gefängnis. Der kann nämlich Träume deuten. Es ist genau so gekommen.
Das führt dazu, dass Josef vor den Pharao kommt, und er deutet ihm alles im Detail. Ich lese Vers 25:
Und Josef sprach zum Pharao: Der Traum des Pharao ist einer. Also, die zwei Träume haben die gleiche Bedeutung. Was Gott tun will, hat er dem Pharao kundgetan. Die sieben schönen Kühe sind sieben Jahre, und die sieben schönen Ähren sind sieben Jahre. Ein Traum ist es. Und die sieben mageren und hässlichen Kühe, die nach ihnen heraufstiegen, sind sieben Jahre, so auch die sieben vom Ostwind versengten Ähren. Es werden sieben Jahre der Hungersnot sein. Das ist das Wort, das ich zu dem Pharao geredet habe: Was Gott tun will, hat er dem Pharao sehen lassen.
Siehe, sieben Jahre kommen, großer Überfluss wird sein im ganzen Land Ägypten. Und nach ihnen werden sieben Jahre der Hungersnot entstehen. Und aller Überfluss wird im Land Ägypten vergessen sein, und die Hungersnot wird das Land verzehren. Und man wird nichts mehr von dem Überfluss im Lande wissen wegen dieser Hungersnot danach, denn sie wird sehr schwer sein.
Und was die zweimalige Wiederholung des Traumes an den Pharao anlangt: Es ist, weil die Sache von Seiten Gottes fest beschlossen ist und dass Gott eilt, sie zu tun. Interessant: Das Doppeln bedeutet, es steht ganz fest.
Und nun ersehe sich der Pharao einen verständigen und weisen Mann und setze ihn über das Land Ägypten. Er erklärt genau, wie man logistisch vorgehen soll, um Ägypten zu retten. Und so steigt Josef auf zum zweiten Mann des ägyptischen Weltreiches, der alten Welt. Eindrücklich: Zu seiner Zeit hat sich Gottes Wort dann erfüllt. Gott hat Josef aus der Tiefe herausgeführt.
Zweimal kam Josef aus der Tiefe: einmal aus der Tiefe, wo ihn seine Brüder in den Brunnen hinuntergetan haben, und einmal, wo die Heiden ihn hinuntergetan haben. Beides deutet hin auf Tod und Grab des Herrn Jesus, der einerseits vonseiten Israels verworfen und andererseits vonseiten der Heiden verworfen worden war. Also, das ist wieder ein Bild von zwei Seiten, aber es geht um das eine. Das zeigt auch, dass der Tod des Messias fest beschlossen war. Das ist die Verdoppelung.
Also, in der Zeit des Überflusses, dieser sieben Jahre der größten Fruchtbarkeit, da hat Josef begonnen, über die Heiden zu regieren. Seine Brüder wussten nichts von ihm. Nun, diese Zeit des Überflusses entspricht in der Heilsgeschichte der Zeit der Gnade, also unserer Zeit seit dem Tod und der Auferstehung Christi und seiner Himmelfahrt und Pfingsten. Diese Zeit ist die Zeit der Gnade.
Wir finden das in 2. Korinther 6,2. Denn er spricht, jetzt kommt ein Zitat aus Jesaja 49,8: Zur angenehmen Zeit habe ich dich erhört, und am Tag des Heils habe ich dir geholfen. Jetzt erklärt der Apostel Paulus: Siehe, jetzt ist die wohlangenehme Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.
Also diese Zeitperiode der letzten zweitausend Jahre, wo das Evangelium in die ganze Heidenwelt hinausgekommen ist, nennt die Bibel die wohlangenehme Zeit, den Tag des Heils.
Einen anderen interessanten Titel für diese Zeit ist in Epheser 3,21 zu finden, wegen des Zusammenhangs mit Vers 20:
Dem aber, der über alles hinaus zu tun vermag, über die Maßen mehr, als was wir erbitten oder erdenken, nach der Kraft, die in uns wirkt, ihm sei die Herrlichkeit in der Gemeinde, in Christus Jesus, auf alle Geschlechter des Zeitalters der Zeitalter hin. Amen.
Vielleicht haben Sie in Ihrer Übersetzung etwas anderes gelesen. Die revidierte Elberfelder hat hier „auf alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Das ist falsch, denn im Grundtext heißt es nicht „von Ewigkeit zu Ewigkeit“, sondern es heißt „auf alle Geschlechter des Zeitalters der Zeitalter“. Das erste ist ein Zahlwort: das Zeitalter der Zeitalter. Das ist vom Hebräischen her die typische Form des Superlativs, das herrlichste Zeitalter.
Ein anderes Beispiel: Das Hohelied heißt auf Hebräisch „Schir ha-Schirim“, das Lied der Lieder. Es ist das schönste Lied von all den tausendfünf Liedern, die Salomo gemacht hat. Oder der Kodesch ha-Kodaschim, das Heilige der Heiligen, zu Deutsch das Allerheiligste. Das ist der Ort von höchster Heiligkeit im Tempel.
Und nun das Zeitalter der Zeitalter, der Aion der Aionen: Das ist das vornehmste, herrlichste Zeitalter in der Heilsgeschichte. Und es wird auch deutlich, es heißt hier, Gott sei die Ehre in der Gemeinde, in Christus Jesus, auf alle Geschlechter, auf alle Generationen. Während diesem großartigsten Zeitalter – es gibt nicht „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ – gibt es Generationen. Die Vermehrung hört mit dem tausendjährigen Reich auf. Also, es ist das herrlichste Zeitalter, und hier werden alle Generationen gesehen, des Zeitalters der Gemeinde, des Zeitalters der Gnade. Und da in dieser Zeit soll Gott alle Herrlichkeit gehören, in der Gemeinde in Christus Jesus.
Das ist das herrlichste Zeitalter. Vielleicht haben wir das gar nie so gesehen. Wir denken, besonders herrlich war es früher, als Israel den ersten Platz hatte auf Erden. Oder wir denken, vielleicht in der Zukunft, das Tausendjährige Reich, das ist das Großartigste. Aber die Bibel nennt unsere Zeit das Zeitalter der Zeitalter. Es ist die Zeit, in der Gott den Überfluss seiner Gnade gewissermaßen der Menschheit geöffnet hat. Es ist die Zeit, wo das Heiligtum aufgerissen ist. Mit dem Tod Christi wurde der Scheidevorhang zerrissen. Der Zugang zu Gott ist offen.
Früher konnte man Gott nie Abba nennen. Im Judentum ist das verboten, denn das heißt Papa. Aber nach Römer 8 und Galater 4 ist das die Weise, wie Gläubige heute Gott kennen. Den ewigen Gott dürfen Sie aber Papa nennen. Wirklich, das ist die Zeit des Überflusses der Gnade.
Wenn wir schauen auf die Weltgeschichte voll Blut und Tränen, dann würden wir das nicht denken. Aber wir müssen die geistlichen Schätze sehen, denn mit dem Kommen Christi und den Aposteln ist Gottes Wort abgeschlossen worden, und es ist die ganze Offenbarung der Bibel geöffnet worden. Der Heilige Geist ist extra an Pfingsten auf Erden gekommen, um hier zu wohnen, und wird bei der Entrückung wieder weggehen. Das ist nur in diesem Zeitalter, dass der Heilige Geist so in Menschen wohnt wie jetzt, und darum kann er die Schätze, die Reichtümer des Glaubens der Gemeinde eröffnen.
Das ist die Zeit Josefs, der über die Heiden regiert, und seine Brüder kennen ihn nicht. Und ausgerechnet in dieser Zeit heiratet Josef, und der Pharao gab Josef den Namen Zaphnat-Paneach und gab ihm Asnat, die Tochter Potipheras, des Priesters von On, zur Frau. Josef zog aus in das Land Ägypten, und Josef war dreißig Jahre alt.
Josef heiratete mit dreißig, aber das Neue Testament zeigt uns nach Epheser 5,22 und folgende, dass die Gemeinde die Frau des Messias ist, und die Gemeinde besteht hauptsächlich aus Gläubigen aus den heidnischen Völkern. Das ist eine wunderbare Entsprechung zu Asnat.
Der Titel, den Josef bekam, das ist so etwas, das Ägyptologen immer wieder beschäftigt hat: Zafnat Paneach, wie soll man das übersetzen? Es sind viele Versuche gemacht worden, aber wahrscheinlich der beste, der wirklich alle Konsonanten mit dem Ägyptischen in Verbindung bringen kann, ist der, dass man es ägyptisch als „Dev venet pa'anch“ liest. Das entspricht am besten der Transkription jedes hebräischen Konsonanten, und das würde bedeuten: „Ernährer des Landes des Lebens“.
Übrigens, Paneach ist „pa'anch“, das Leben. „Anch“ kennen wir wahrscheinlich im Ägyptischen. Es gibt ja doch dieses komische ägyptische Kreuz, das viele Esoteriker tragen. Das ist das Anch-Zeichen, das bedeutet Leben. Aber in der ägyptischen Religion meint das quasi das Leben, das sie von ihrem Glauben her erwarten, und die Esoteriker tragen das als Zeichen der Reinkarnation. Aber es ist das Wort Anch, Leben, und das haben wir hier drin in Paneach, Pa. Da ist der ägyptische bestimmte Artikel, also der Ernährer des Landes des Lebens.
Und das ist bemerkenswert. Ägypten, wenn wir so Ägypten hören, woran denken wir? Da denken wir nicht ans Leben. Da denken wir: Ja, woran denkst du? Pyramiden. Und was ist das? Gräber. Ägypten ist das Land des Todes. Die große Architektur, die großen Leistungen der Ägypter, das dreht sich alles um den Tod, um das Grab. Ganz Ägyptenland ist voller gewaltiger Gräber und gewaltiger Grabbeigaben, die Räuber durch die Jahrhunderte hindurch zu erbeuten wussten.
Ägypten ist das Land des Todes. Nur so nebenbei kann man zu Hause mal lesen: Hesekiel, die Ägypten-Prophetie, Hesekiel 29 bis 32, ist nur dem Thema Ägypten gewidmet. Das wäre mal interessant, diese Kapitel im Blick auf ägyptische Geschichte so auszuführen. Und dabei möchte ich besonders auf Kapitel 32 hinweisen. Da wird das Gericht über Ägypten beschrieben, und dann werden verschiedene andere Völker beschrieben, die alle aussterben müssen. Und da wird überall gesprochen: Sie gehen ins Grab, sie gehen ins Grab, sie gehen ins Grab, und so muss Ägypten ins Grab. Ägypten ist das Land des Todes.
Ich lese ganz kurz aus Hesekiel 32,18:
Menschensohn, wehklage über die Menge Ägyptens und stürze sie hinab, sie und die Töchter herrlicher Nationen, in die untersten Örter der Erde, zu denen, welche in die Grube hinabgefahren sind!
Und dann Vers 22:
Dort ist Assur und seine ganze Schar, rings um ihn her ihre Gräber.
Vers 24:
Dort ist Elam, Teil von Persien, und seine ganze Menge rings um sein Grab.
Dort ist Mesech, Tubal, und seine ganze Menge rings um ihn her ihre Gräber.
Dort ist Edom, Südjordanien, seine Könige und alle seine Fürsten, trotz ihrer Macht, zu denen vom Schwert der Erschlagenen gelegt wurden.
Und Vers 30:
Dort sind die Fürsten des Nordens insgesamt und alle Zidonier, welche zu den Erschlagenen hinabgefahren sind, usw.
Und dann wird erklärt: Ägypten muss in den Tod. Es ist das Land des Todes. Aber Josef kommt als Hinweis auf den Retter der Welt, und er trägt den Namen Zaphnat-Paneach, Ernährer des Landes des Lebens. Er kann wirklich Leben geben. Was eigentlich eine tiefe Hoffnung der Ägypter war, dass wir immer in dieser Hieroglyphe, die Leben bedeutet, sehen: Das Land des Todes sehnte sich nach Leben. Es war Josef, der konnte Ägypten Leben geben.
Und das entspricht doch wunderbar der Zeit der Weltmission in den zweitausend vergangenen Jahren. Überall, wo das Evangelium hinkam, hat sich Johannes 3,16 erfüllt: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, auf dass jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. Anch, Leben!
Nun, das ist also alles sehr beeindruckend. Aber nach dieser Zeit des Überflusses kommt über Ägyptenland die sieben Jahre der Not. In dieser Zeit nehmen die Brüder Josefs dann in Ägypten Zuflucht.
Ja, es ist Zeit für Pause.
Ja, ja, schon gut. Wir kommen zum letzten Teil. Es hat mir schon jemand gesagt: Sie hat einen solchen Kopf, aber dafür haben wir ja ein Blatt. Da kann man das, was nicht mehr reinkommt, später wieder in Erinnerung rufen und rekonstruieren.
Also, wir sind zum Abschluss der Zeit des Überflusses gekommen, nun kommt die Zeit der Not. Die Brüder Josefs suchen Zuflucht in Ägypten, und Josef sieht nach so langen Jahren seine Brüder wieder. Er erkennt sie, sie erkennen ihn nicht. Er spricht mit ihnen nicht mehr Hebräisch, er spricht Ägyptisch und unterhält sich nur mit Dolmetscher mit ihnen.
Das war ein unvorstellbarer Moment, nach all den Jahren diese Brüder als gestandene Männer da wiederzusehen. Und sie verbeugen sich vor ihm, selbstverständlich vor dem Mann Nummer zwei in Ägypten. Und Josef geht nicht sofort ein und gibt sich zu erkennen. Josef möchte zuerst prüfen, ist in der Zwischenzeit etwas geschehen.
Und so erkundigt sich eigenartigerweise dieser höchste pharaonische Beamte nach dem Wohlergehen ihres Vaters in Kanaan. Eigenartig, und er fragt nach: Habt ihr noch einen weiteren Sohn? Wie kommt der auf die Idee, nach einem weiteren Sohn zu fragen? Wir sind ja schon so viele Kinder, ja, das reicht doch vielleicht, könnte jemand sagen. Ja, wir haben noch einen, und er will dann, dass sie den auch mitbringen. Er merkt, die werden ganz unruhig. Nein, das können wir unserem Vater unmöglich antun, dass er nun auch noch diesen Sohn verliert. Er hat schon einen Sohn verloren, das können wir ihm nicht antun.
Und da merkt Josef: Aha, die sind nicht mehr gleich wie früher. Die können es akzeptieren, dass es einen jüngsten Sohn gibt, an dem der Vater speziell hängt. Da ist etwas geschehen.
Nun, Josef will, dass sie den jüngsten Sohn auch mitbringen, und lässt sie gehen. Das bringt sie in gewaltige Not, und Jakob kann das nicht akzeptieren. Was, jetzt wollt ihr mich ins Verderben? Jetzt habe ich schon Josef verloren, jetzt sollte mir auch noch Benjamin genommen werden. Und wir müssen ja daran denken: Benjamin ist der zweite und letzte Sohn von Rahel. Also nun hätte Benjamin die Stelle des Erstgeborenen über die Lieblingsfrau Rahel bekommen können. Das könnt ihr mir unmöglich antun.
Der Mann hat’s gesagt, wir müssen Benjamin mitnehmen. Ruben setzt sich ein und sagt: Ich bin bereit, dir meine Söhne zu geben. Also auch er ist bereit, seinen Erstgeborenen hierzugeben und auch den, der nicht der Erstgeborene ist.
Nun, gegenüber Josef finden wir, wie sich insbesondere Juda einsetzt und will sich sogar als Sklave im Austausch anbieten für seinen Bruder Benjamin, als der dann in Not kommt. Also Juda hat sich ganz besonders eingesetzt für den Jüngsten, für Benjamin.
Interessant ist, dass in der ganz weiteren Geschichte des Volkes Israel Juda und Benjamin aufs engste verbunden geblieben sind. Denn später, als das Zwölfstämme-Reich gespalten wurde in zehn im Norden und die zwei im Süden, da blieben Juda und Benjamin zusammen. Und schon bei der Landverteilung unter Josua waren das die benachbarten Stämme.
Ganz eindrücklich ist auch die Verbindung zwischen Juda und Benjamin in Jerusalem. Die Landes-, die Stammesgrenze zwischen Juda und Benjamin verläuft nämlich gemäß dem Buch Josua den Berg Zion hinauf bis zur Bergspitze. Das ist übrigens der Fels in der Omar-Moschee, das ist die Bergspitze. Da geht die Grenze durch nach dem Buch Josua. Und später, als der Tempel gebaut worden war, da befand sich der Altar noch im Stamm Benjamin, während das eigentliche Tempelhaus in das Stammesgebiet von Juda kam. Also die Grenze im Tempelbezirk ging zwischen Altar und Tempelhaus durch, nur um zu zeigen eben diese enge Verbundenheit von Juda und Benjamin, die auch geblieben ist.
Josef sieht also, dass in seinen Brüdern effektiv etwas vorgegangen ist. Er sieht einen Gesinnungswandel, darum prüft er zuerst ihr Verhalten gegenüber dem Liebling Benjamin. Und all die Not, Gewissensnot und die Schwierigkeiten, die die Brüder da erlebt haben, die bringen sie zu folgender Aussage. Das wollen wir jetzt miteinander nachlesen: 1. Mose 42,21.
Ich lese schon Vers 20:
Und euren jüngsten Bruder sollt ihr zu mir bringen, dass eure Worte sich bewähren und ihr nicht sterbet. Und sie taten also. Da sprachen sie einer zum anderen: Fürwahr, wir sind schuldig wegen unseres Bruders, dessen Seelenangst wir sahen, als er zu uns flehte, und wir hörten nicht. Darum ist diese Drangsal über uns gekommen.
Die Brüder denken, der Ägypter versteht ja kein Hebräisch, und die sprechen so miteinander. Und Josef hört alles, er versteht alles, aber er bleibt hart. Nicht weil er ein harter Mensch war, der jetzt gewissermaßen mal die Rache auskosten wollte. Das war überhaupt nicht aus der Rachsucht heraus, sondern Josef wollte, dass es nicht eine billige Versöhnung gab. Darum hatte er Zeit, er wollte, dass es zu einer wirklichen Heilung kommen sollte.
Und so wird es auch sein, wenn Israel in der Zukunft nach der Entrückung der Gemeinde in diese sieben Jahre der Not hineinkommen wird. Nach dem prophetischen Wort sind es ja genau sieben Jahre, das ist die siebzigste Jahrwoche, also eine Periode von sieben Jahren nach Daniel 9. In dieser Not werden viele aus Israel sich fragen: Warum kommt eine solche Katastrophe über uns? Und sie denken zurück, genau im Sinn von hier, von Vers 21: Fürwahr, wir sind schuldig wegen unseres Bruders, dessen Seelenangst wir sahen, als er zu uns flehte, und wir hörten nicht. Darum ist diese Drangsal über uns gekommen. Sie verstehen, es ist Gottes züchtigende Hand, um uns zur Umkehr und zur Einsicht zu führen.
Und so wird in der Zukunft der Überrest Israels entstehen. Ich lese eine Stelle zum Überrest, da kann man ja selber mal alle Stellen suchen im Alten Testament mit einer Konkordanz, aber eine Schlüsselstelle: Jesaja 10,20. Diese Stelle wird auch im Römerbrief auf die Zukunft angewandt:
Und es wird geschehen zu jener Zeit, da wird der Überrest Israels und das Entronnene des Hauses Jakob sich nicht mehr stützen auf den, der es schlägt, sondern es wird sich stützen auf den Herrn, den Heiligen Israels, in Wahrheit. Der Überrest wird umkehren, der Überrest Jakobs zu dem starken Gott. Denn wenn auch dein Volk Israel wie der Sand des Meeres wäre, nur ein Überrest davon wird umkehren. Vertilgung ist fest beschlossen, sie bringt ein Heer flutend Gerechtigkeit. Denn der Herr, der Herr der Heerscharen, vollführt Vernichtung und fest Beschlossenes inmitten der ganzen Erde.
Das erinnert uns sogar an die Sprache von Josef. Bei der Traumdeutung sagt er: Die Sache ist von Seiten des Herrn fest beschlossen. Und hier wird diese Gerichtszeit auch als fest beschlossen beschrieben inmitten der ganzen Erde. Aber ein Überrest wird in dieser Zeit umkehren.
Der Ausdruck hier, ein Überrest wird umkehren, heißt auf Hebräisch Schear Jaschub. Ein Sohn von Jesaja bekam diesen Namen als Gedenkname im Blick auf die zukünftige Umkehr des Überrestes aus Israel: Schear Jaschub, ein Überrest wird umkehren.
In den Psalmen haben wir viele Psalmen, viele Gebete, die gerade die Gefühle ausdrücken von diesem Überrest, der durch die größte Not hindurchgeht. Man liest die Psalmen auf eine ganz neue Art, wenn man sich das vergegenwärtigt, aus welcher schrecklichen Situation heraus sie geschrieben sind und was die einmal bedeuten werden. Und dann kann man sie auch wieder besser auf sich selber übertragen, und man merkt: Die werden ja durch eine viel schlimmere Zeit gehen, als ich vielleicht gerade im Moment durchgehe. Und die schreien auch auf diese Art zu Gott.
Josef sieht Gottes Werk in ihren Herzen. Und als das alles so deutlich geworden ist, wie sie bereit sind, sich voll einzusetzen für den Liebling, da merkt er schließlich beim zweiten Besuch: Jetzt ist der Zeitpunkt, wo ich mich offenbaren kann.
Da lesen wir etwas aus Kapitel 45. Ich lese schon von Kapitel 44, Vers 32:
Denn dein Knecht ist für den Knaben Bürge geworden bei meinem Vater, indem ich sprach: Wenn ich ihn nicht zu dir bringe, so will ich alle Tage gegen meinen Vater gesündigt haben. Der harte Herrscher aus Ägypten wollte Benjamin. Und nun lass doch deinen Knecht anstatt des Knaben bleiben, als Knecht meines Herrn, und der Knabe ziehe hinauf mit seinen Brüdern. Denn wie sollte ich zu meinem Vater hinaufziehen, wenn der Knabe nicht bei mir wäre, dass ich nicht das Unglück ansehen müsse, welches meinen Vater treffen würde?
Jetzt ist klar: Wenn ein Bruder so sprechen kann, dieses Unglück kann ich meinem Vater nicht mehr antun. Das, was sie früher so ganz cool und hart tun konnten. Jetzt wusste Josef: Jetzt ist der Moment gekommen. Da konnte Josef sich nicht mehr bezwingen. Vor allen, die um ihn standen, und er rief: Lasst jedermann von mir hinausgehen!
Der Mann, der sich moralisch so bezwingen konnte, kann sich jetzt nicht mehr mit seinen Tränen bezwingen. Lasst jedermann von mir hinausgehen! Und es stand niemand bei ihm, als Josef sich seinen Brüdern zu erkennen gab. Es hatte keinen Dolmetscher um ihn. Und er erhob seine Stimme mit Weinen, und es hörten es die Ägypter, und das Haus des Pharao hörte es. Und Josef sprach zu seinen Brüdern: Ich bin Josef, lebt mein Vater noch?
Und seine Brüder konnten ihm nicht antworten, denn sie waren bestürzt vor ihm. Da sprach Josef zu seinen Brüdern: Tretet doch zu mir her! Und sie traten hinzu, und er sprach: Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt.
Und nun betrübt euch nicht, und es entbrenne nicht in euren Augen, dass ihr mich hierher verkauft habt, denn zur Erhaltung des Lebens hat Gott mich vor euch hergesandt. Denn schon zwei Jahre ist die Hungersnot im Land, und noch sind fünf Jahre, dass kein Pflügen noch Ernten sein wird. Und Gott hat mich vor euch hergesandt, um euch einen Überrest zu setzen auf Erden, merkt mir den Ausdruck Überrest, und euch am Leben zu erhalten für eine große Errettung.
Und nun: Nicht ihr habt mich hierher gesandt, sondern Gott. Und er hat mich zum Vater des Pharao gemacht und zum Herrn seines ganzen Hauses und zum Herrscher über das ganze Land Ägypten. Eilt und zieht hinauf zu meinem Vater und sprecht zu ihm: So spricht dein Sohn Josef: Gott hat mich zum Herrn von ganz Ägypten gemacht. Komm zu mir herab, säume nicht, und du sollst im Land Gosen wohnen und nahe bei mir sein, du und deine Söhne.
Und dann Vers 13:
Und berichtet meinem Vater all meine Herrlichkeit in Ägypten und alles, was ihr gesehen habt, und eilt und bringt meinen Vater hierher herab.
Und er fiel seinem Bruder Benjamin um den Hals und weinte, und Benjamin weinte an seinem Hals. Und er küsste alle seine Brüder und weinte an ihnen. Und danach redeten seine Brüder mit ihm.
So ergreifend diese Geschichte. Und merken wir wieder die Parallele zu Sacharja 12,10:
Ich werde meinen Geist ausgießen über das Haus Davids, und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben, und sie werden über ihn wehklagen, wie über den Erstgeborenen, und man wehklagt über den einzigen Sohn. An jenem Tag wird die Wehklage groß sein in Jerusalem, und in weiteren Versen heißt es, das ganze Land, alle Sippen werden wehklagen, werden an dieser Wehklage teilnehmen.
Also dramatisch diese Parallele zwischen 1. Mose 45 und Sacharja 12 und 13.

Die letzte Phase: Segen, Erbe und Vollendung

Das führt uns nun zur vierten Periode hin, 1. Mose 46-50. Nach der reuigen Busse der Brüder Josephs kam Gottes voller Segen über die ganze Sippe Israels. Sie kommen alle herab nach Ägyptenland, und zwar nach Gosen. Gosen ist ein relativ kleiner Fleck im Nil-Delta. Das ist ein fruchtbares Gebiet. Man muss ja daran denken: Ägypten, ich habe erklärt, ist das Land des Todes und zu etwa 96 Prozent Wüste. Aber Gosen, das ist ein grünes Gebiet. Ich habe also eine Zugfahrt gemacht von Kairo nach Alexandria hindurch. Da geht man also durch die Wüste, und dann kommt man in das fruchtbare Nildelta, zu dem eben auch Gosen gehört. Das ist eine ganz andere Welt. Ausgerechnet den besten Flecken bekommt die Familie Jakobs, die Familie Israels.
Also der volle Segen kommt über diese Familie, genauso wie Gott den vollen Segen über den Überrest Israels in der Zukunft bringen wird, nach all dem Leid. Und es ist so schön: Joseph tröstet seine Brüder. Und so wird der Messias in der Zukunft Israel über all die Not, die sie erlitten haben, trösten. So beginnt ja auch das Jesaja-Trostbuch, Kapitel 40: Nachamu, Nachamu, Ami, Omer Eloheichem. Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Das ist der messianische Aufruf zum Trost Israels nach all der erlittenen Not in der Vergangenheit.
Ich lese Jesaja 40: Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott, redet zum Herzen Jerusalems und ruft ihr zu, dass ihre Mühsal vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist, dass sie von der Hand des Herrn Zwiefältiges empfangen hat für alle ihre Sünden. Und es heißt dann in Vers 5: Und die Herrlichkeit des Herrn wird sich offenbaren, und alles Fleisch miteinander wird sie sehen; denn der Mund des Herrn hat geredet. Das erinnert uns an Joseph, der sagt: Erzählet meinem Vater all meine Herrlichkeit in Ägypten. Die Herrlichkeit des Herrn offenbart sich so für Israel in der Zukunft.
Und was so eindrücklich ist: Da kommt dieser alte Jakob, dieser verschlagene Fersenhalter. Er hat so viel Schreckliches durchgemacht in seinem Leben, aber Gott hat ihn nicht fallen lassen. Durch all diese Umstände und Umwege, die er gegangen ist, und all das Tragische, was er erlitten hat, wie man selber betrogen wird, führt Gott ihn zum Ziel. Und da kommt dieser Hirte aus Kanaan nach Ägypten vor den Pharao. Und was tut er? Er geht hin und segnet den Pharao. 1. Mose 47,7: Und Joseph brachte seinen Vater Jakob und stellte ihn vor den Pharao, und Jakob segnete den Pharao. Das ist gewaltig.
Und wir merken das vielleicht nicht unbedingt, denn wir sind uns zu wenig gewöhnt an das Prinzip von Hebräer 7,7. Dort erklärt der Hebräerbrief: Melchisedek hat ja damals Abraham gesegnet, und es ist immer der Größere, der den Geringeren segnet, nicht umgekehrt. Das Gleiche sehen wir übrigens ganz eindrücklich in Lukas 2, als Maria und Joseph das Kind zur Darbringung im Tempel bringen, zum Freikauf. Da gehen sie in den Tempel hinein, ins Tor der Erstgeborenen, und da kommt der Priester Simeon, ein Priester, denn immer Priester mussten dieses Ritual durchführen. Und es heißt in Lukas 2, er segnete sie, die Eltern, aber nicht das Kind.
Noch heute wird dieses Ritual, dieses Pidjon ha-Ben-Ritual, durchgeführt im Judentum. Leute aus dem Priesterstamm dürfen das erstgeborene Kind auf die Arme nehmen, die Eltern müssen Silbersekel zahlen, in Amerika macht man das heute mit Dollar, und er muss dann Segenssprüche sprechen. So gehört das Kind der Familie, und sie müssen es nicht quasi für den Tempel abgeben. Der Priester segnet das Kind, aber Simeon segnete nicht das Kind, sondern nur die Eltern in Lukas 2. Ganz eindrücklich: Dieser alte, weiße Greis segnet nicht den Messias. Er weiß: Das Kind ist größer als ich. Aber die Eltern, die kann ich segnen, Maria und Joseph.
Also denken wir daran: Hebräer 7,7. Ohne Widerspruch wird das Geringe von dem Größeren gesegnet. Und jetzt hier haben wir Jakob, diesen verschlagenen Jakob, den Gott zum Ziel führt, und er kann die Nummer eins der alten Welt segnen. Er weiß ganz genau: Ich bin zwar nur ein Hirt, aber ich bin der Träger der messianischen Hoffnung. Er ist größer als der Pharao, er segnet ihn. So wird auch in der Zukunft das Volk Israel zum Segen werden für alle Völker. Und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde, 1. Mose 12,3.
Gott führt Jakob zum Höhepunkt, und da wollen wir noch besonders schauen auf 1. Mose 47,31. Da heißt es am Schluss: Und Israel betete an zu den Häuptern des Bettes. Er wird zum Anbeter. Aber wir müssen das Lesen aus der Parallelstelle in Hebräer 11, dann machen wir noch eine Lektion über Widersprüche in der Bibel. In Hebräer 11 unter den Glaubenshelden wird genau diese Szene erwähnt. Hebräer 11, ich lese schon von Vers 20:
Durch Glauben segnete Jakob, sterbend, einen jeden der Söhne Josefs und betete an über der Spitze seines Stabes. Durch Glauben gedachte Josef sterbend des Auszugs der Söhne Israels und gab Befehl wegen seiner Gebeine.
Der Höhepunkt Jakobs ist dieses Anbeten über der Spitze seines Stabes. Der Verschlagene endet als Anbeter Gottes. Aber in 1. Mose haben wir gelesen, er betete zu den Häuptern des Bettes. Was stimmt jetzt? Über dem Stab oder beim Bett? Nun, das Problem kommt daher: Auf Hebräisch schreibt man Stab gleich wie Bett, Matte. Spricht man es allerdings aus, wenn es Stab heißen soll, werden andere Vokale in die Konsonanten eingesetzt, und für Bett mit a, aber man schreibt genau gleich die Konsonanten. Also diesen Text kann man, wenn er so, wie er ursprünglich geschrieben worden ist, lesen als Roche des Bettes, also Kopf des Bettes oder Kopf des Stabes.
Jetzt ist es so: Die Rabbiner im Mittelalter, die haben ja den hebräischen Text versehen mit Strichen und Punkten. Da haben sie die Vokale angedeutet, wie man das aussprechen soll, und die haben hier eingesetzt die Vokale für Matte. Aber der Hebräerbrief, der sagt uns, dass die andere Lesart die richtige ist, dass es Stab heißen sollte. Aber das hat also nichts damit zu tun, dass die Bibelüberlieferung ungenau wäre, sondern es ist nur eine Frage der Aussprache des Textes: Soll man Mita oder Matte lesen? Und das Neue Testament klärt: Ja, natürlich, man muss das so lesen.
Diese Fälle sind an sich selten, denn der Kontext normalerweise klärt. Ein anderes berühmtes Beispiel ist Mose, der vom Berg herabkommt und sein Gesicht strahlt. Ja gut, je nachdem, wie man die Vokale einsetzt, heißt es, sein Gesicht war gehörnt. Und jetzt wisst ihr, warum Michelangelo so schreckliche Hörner gemacht hat beim Mose. Ich habe mal eine Mosedarstellung in der Kathedrale in Lausanne gesehen, die ist aus Holz, und dort wurden später die Hörner abgesägt. Es ist so: In der Vulgata, in der lateinischen Übersetzung, hat man das anders gelesen, und dann heißt es in der lateinischen Übersetzung: Das Gesicht Moses war gehörnt. Aber aus 2. Korinther 3, wo neutestamentlich über das Ereignis gesprochen wird, wird klar gesagt: Das Gesicht Moses war strahlend, und deswegen musste er eine Decke über den Kopf ziehen. Also das ist auch so ein Parallelfall. Solche Fälle sind relativ selten, aber das kann es mal geben.
Jakob wird zum Ziel geführt durch Gott, durch all die Not hindurch. Dann ist noch ein wichtiger Punkt: Jakob segnete die zwei Söhne Josephs und nahm sie gewissermaßen, adoptierte sie als seine eigenen Kinder. Das ist eine ganz eigenartige Handlung. Warum hat er das getan? Denn Joseph sollte das doppelte Erbe bekommen, als Erstgeborener. Dazu eine Stelle aus 5. Mose 21, das ist ein Familienrecht, ein Text aus dem Familienrecht, 21,15:
Wenn ein Mann zwei Frauen hat, eine Geliebte und eine Gehasste, also Gehasste ist relativ, weniger geliebt, wie Rahel und Lea, und sie gebären ihm Söhne, die Geliebte und die Gehasste, und der erstgeborene Sohn ist von der Gehassten, so soll es geschehen an dem Tag, da er seine Söhne erben lässt, was sein ist: Er kann nicht den Sohn der Geliebten zum Erstgeborenen machen vor dem Sohn der Gehassten, dem Erstgeborenen. Sondern den Erstgeborenen, den Sohn der Gehassten, soll er anerkennen, dass er ihm zwei Teile gebe von allem, was in seinem Besitz gefunden wird; denn er ist der Erstling seiner Kraft, ihm gehört das Recht der Erstgeburt.
Da haben wir genau den Fall, später im Gesetz geregelt: zwischen Ruben, der Sohn der Gehassten, Lea, und Joseph, der Sohn der Geliebten, Rahel. Er kann es nicht einfach so ändern. Aber weil Ruben diese Schandtat begangen hatte, konnte Jakob eben das Erstgeburtsrecht verschieben. Übrigens, die anderen kamen nicht einfach so in Frage, denn das waren ja Kinder von Nebenfrauen. Und eine Nebenfrau heißt nicht, dass es keine vollwertige Ehe mit Vertrag war, sondern das bedeutet: Eine Nebenfrau hatte kein Anrecht auf Familienerbe. Das war also eine reine Erbregelung mit Hauptfrau, Nebenfrau. Das waren aber vollwertige Ehefrauen, das hat also nichts mit Konkubinat und solchem Zeugs zu tun. Es wurde ganz klar unterschieden, obwohl die Polygamie für sich ein Problem ist, das im Alten Testament verurteilt wird.
Aber hier sehen wir weiter: Der Erstgeborene bekommt zwei Teile. Und nun sehen wir: Jakob nimmt die beiden Söhne Ephraim und Manasse, adoptiert sie gewissermaßen als seine Söhne und segnet sie. Dadurch wird Joseph zu zwei Stämmen gerechnet, und die Nachkommen der beiden, die Ephraimiten und die aus dem Stamm Manasse, die hatten später nach dem Buch Josua jedes ein Stammeserbteil bekommen. Und so hatte Joseph das Erstgeburtsrecht bekommen, die zwei Teile.
Aber eigenartig ist: Jakob hat beim Segnen die Hände gekreuzt, so dass der Zweite zum Erstgeborenen wurde. Joseph wollte das nicht, aber Jakob, obwohl er blind war, hatte hier den besseren Durchblick. Und so sollte es sein, dass später Ephraim der Führungsstamm der Zehn Stämme im Norden werden sollte. Darum wird auch später oft das Zehn-Stämme-Reich Ephraim genannt, eben wegen diesem Erstgeburtsrecht, das ihm gegeben wurde. Dass es dann immer doch zwölf Stämme sind, wird so geregelt, indem z. B. je nach Aufzählung der Stamm Levi, wie der Priesterstamm, der kein Erbteil hatte im Land, dafür Priester sein konnte, Priesterdienst tun konnte, wurde jeweils nicht mitgezählt. Aber es gibt verschiedene Zählmethoden, so dass man immer auf zwölf kommt, wo ja im Prinzip mit dreizehn Stämmen zu rechnen ist.
Dann kommt das gewaltige Kapitel 49. Der Segen Jakobs in 1. Mose 49 beschreibt prophetisch die ganze Geschichte Israels bis in die Endzeit. Das wäre ein Thema für sich. Also alles, was er den zwölf Söhnen sagte, Reihe nach, das ist Segen und Erfahrung, die Israel vom Anfang bis in die Zukunft durchmacht. Wir haben schon gesehen in Verbindung mit Ruben, da wird ihm das Erstgeburtsrecht abgesprochen. Dann kommt in Vers 5: Simeon und Levi sind Brüder, Werkzeuge der Gewalttat ihre Waffen. Meine Seele komme nicht in ihren geheimen Rat, meine Ehre vereinige sich nicht mit ihrer Versammlung; denn in ihrem Zorn haben sie den Mann erschlagen und in ihrem Mutwillen den Stier gelähmt. Verflucht sei ihr Zorn, denn er war gewalttätig, und ihr Grimm, denn er war grausam. Ich werde sie verteilen in Jakob und sie zerstreuen in Israel.
In 1. Mose 34 haben diese beiden Söhne ein gewaltiges Unrecht den Hethitern angetan, und hier bringt nun Jakob einen Fluch über die zwei. Und das bedeutet: Nach Vers 7, ich werde sie verteilen in Jakob und sie zerstreuen in Israel. Beides hat sich erfüllt. Später hat der Stamm Levi kein Erbteil bekommen, aber Städte ganz verstreut unter den Stämmen Israels, wieder etwas Land rundherum, und Simeon selber wurde zerstreut innerhalb des Südreiches. Bei beiden hat sich das so erfüllt.
Simeon und Levi wären ja von der einen Nebenfrau der Erstgeborene und der Zweitgeborene, sie kamen aber unter einen Fluch. In Levi wurde aber später dieser Fluch in einen Segen umgewandelt, nämlich damals nach dem Auszug aus Ägypten kam die Sache mit dem goldenen Kalb. Alle Stämme hatten sich verschuldet, aber der Stamm Levi hatte sich durch Standhaftigkeit ausgezeichnet. Die haben dem Götzendienst Widerstand geleistet, und darum wurde zu dem Zeitpunkt Levi zum Priesterstamm eingesetzt. Und natürlich wurden sie zerstreut in ganz Israel, aber das war eine Regelung in Verbindung mit ihrem Priestertum. Sie durften Priester sein, darum hatten sie keinen Landbesitz. Sie konnten sich auf den Dienst für den Herrn konzentrieren. Und so hat sich Fluch in Segen umgewandelt.
Simeon kam nicht infrage für das Erstgeburtsrecht, der nächste Anwärter wäre gewesen Levi, und der hat zum Teil Erstgeburtsrecht bekommen, denn das Erstgeburtsrecht umfasste doppelten Segen, doppeltes Erbteil, das hat Joseph bekommen. Aber es war auch Priesterdienst in der Familie der Erstgeborenen. Das bekam Levi. Nach Levi kam aber noch Judah, und Judah bekam den dritten Segen des Erstgeborenen, denn ein dritter Segen war: Der Erstgeborene sollte herrschen über seine Brüder. Das kennen wir von früher her, von Jakob und Esau. Jakob sollte der Erstgeborene sein, obwohl er als Zweiter kam; er sollte über Esau herrschen. Die Herrschaft bekam der Stamm Judah, denn aus dem Stamm Judah sollte die Königslinie kommen, mit David. So wurde also Judah als nächstem Anwärter auch noch etwas abgegeben von dem Erstgeburtsrecht.
Darum ist es interessant: In Verbindung mit Judah wird auch das Kommen des Messiaskönigs erwähnt, 1. Mose 49,10: Nicht weichen wird das Zepter von Judah, noch der Herrscherstab zwischen seinen Füßen hinweg, bis das Schilo kommt, und ihm werden die Völker gehorchen. Israel sollte ein Judah, der Stamm Judah sollte ein nationaler Staat sein, bis der Messias kommt. Das Zepter und der Herrscherstab sollten nicht weggehen. Und im Jahr 70 ging der Judenstaat unter. Das jüdische Volk wurde zerstreut in alle fünf Kontinente. Eine tragische Zeit der Staatenlosigkeit und der ewigen Verfolgung kam. Aber nach dieser Stelle sollte Schilo, oder Friedensbringer heißt das noch vorher, kommen. Und tatsächlich: Jesus Christus ist vor dem Jahr 70 gekommen. Vor dem Untergang des Judenstaates. Nicht weichen wird das Zepter von Juda, noch der Herrscherstab zwischen seinen Füßen hinweg, bis das Schilo kommt, und ihm werden die Völker gehorchen. Speziell die Heiden sollen sich dann dem Messias anschließen. Der Judenstaat ging unter, und das Evangelium ging in die Heidenwelt, in alle fünf Kontinente.
Noch etwas Interessantes: Im Jahr 6 haben die Römer den Juden die Todesstrafe, das Recht auf Todesstrafe, abgenommen. Das können wir, denn die jüdischen Führer sagen zu Pilatus: Also richtet ihr ihn hin. Sagt er: Nein, wir können nicht die Todesstrafe ausüben. Darum haben sie ihn den Römern übergeben, und so sank damit zusammen. Aber der Talmud sagt, als das geschehen war, dass die Römer ihnen diese Oberheit über die Todesstrafe weggenommen hatten, da gab es eine Weglage in Israel, und man hat getrauert und gesagt: Wehe uns, das Zepter ist von Judah gewichen, und Shiloh ist nicht gekommen. Dabei war in der Zwischenzeit ein kleiner Junge geboren worden in Bethlehem. Shiloh war schon da, aber das steht im Talmud, sie sagen: Wehe uns, das darf nicht sein. Und Jesus ist nicht gekommen, aber er war bereits in ihrer Mitte.
Darum musste der Messias ein Jude sein, aus dem Herrscherstamm Judah kommen. Auch wieder ein Erstgeburtssegen für Judah. Dieser Judah, der sich so für Benjamin eingesetzt hatte, ja, schließlich, so sehen wir die geistlichen Zusammenhänge.
Schließlich stirbt Joseph mit hundertzehn Jahren, und wir lesen 1. Mose 50,25, schon 24: Und Joseph sprach zu seinen Brüdern: Ich sterbe, und Gott wird euch gewisslich heimsuchen und euch aus diesem Land heraufführen in das Land, das er Abraham, Isaak und Jakob zugeschworen hat. Und Joseph ließ die Söhne Israels schwören und sprach: Gott wird euch gewisslich heimsuchen, so führt meine Gebeine von hier hinauf. Und Joseph starb hundertundzehn Jahre alt, und sie balsamierten ihn ein und man legte ihn in eine Lade in Ägypten. Also in einen Mumiensarg.
Joseph sagte, es wird die Zeit kommen, da werde ich aus Ägypten ausziehen. Warum wusste er das? Weil Gott das schon längst seinem Vorfahren Abraham vorausgesagt hatte, in 1. Mose 15 schon. War alles schon geregelt. Ich lese 1. Mose 15,13: Und er, Gott, sprach zu Abram: Gewisslich sollst du wissen, dass deine Nachkommenschaft ein Fremdling sein wird in einem Land, das nicht das ihre ist, und sie werden ihnen dienen, und sie werden sie bedrücken vierhundert Jahre. Aber ich werde die Nation auch richten, welcher sie dienen werden; und danach werden sie ausziehen mit großer Habe. Und du, du wirst zu deinen Vätern eingehen in Frieden, wirst begraben werden in gutem Alter. Und im vierten Geschlecht werden sie hierher zurückkehren, denn die Ungerechtigkeit der Amoriter ist bis hierher noch nicht voll.
Abraham wusste schon längst über die Unterdrückung in einem fremden Land und dann den Auszug mit großer Habe. Joseph wusste das, und er glaubte. Und so sagte er: Ihr müsst mir schwören, dass ihr meine Gebeine von Ägypten nach Kanaan überführen werdet, dann wenn der Exodus stattfindet. Und darum haben wir in Hebräer 11 gelesen, dass Joseph glaubend Befehl gab wegen seiner Gebeine, weil er glaubte an die Verheißung des Exodus aus Ägypten. Und so kam es dann auch in 2. Mose 13,19. Dort haben wir den Exodus, den Auszug. Vers 18: Und Gott führte das Volk herum, den Weg der Wüste des Schilfmeeres, und die Kinder Israel zogen gerüstet aus dem Land Ägypten herauf. Und Mose nahm die Gebeine Josephs mit sich, denn er hatte die Kinder Israel ausdrücklich schwören lassen und gesagt: Gott wird euch gewisslich heimsuchen; so führt meine Gebeine mit euch von hier hinauf.
Und dann in Josua 24,32, im verheißenden Land angelangt, heißt es schließlich: Und die Gebeine Josefs, welche die Kinder Israel aus Ägypten heraufgebracht hatten, begruben sie zu sich auf dem Stück Feld, welches Jakob von den Söhnen Hemors, des Vaters Sichems, gekauft hatte, um hundert Kesita; und sie wurden den Kindern Joseph zum Erbteil. Joseph begraben im Land Kanaan. Trotz all dieser Herrlichkeit in Ägypten war sein Herz in Kanaan geblieben. Das ist eindrücklich. Und er glaubte an den Exodus, und er glaubte auch an die Auferstehung. Er wollte auferstehen dann im verheißenden Land. Aber wohin im verheißenden Land? In Sichem. Er glaubte an die Landverheißung. Sichem ist heute Nablus, eine der größten Palästinenserstädte im Westjordanland. Ausgerechnet dort, in Nablus, war Josephs Herz, denn er wusste: Dieses Land gehört Israel.
Wir merken also, wie die Josefs Geschichte eine Explosionskraft und Bedeutung hat bis in unsere Zeit hinein, denn da geht es um die Frage: Wem gehört Nablus? Josef glaubte an die Verheißung des Exodus, und er glaubte auch, dass Sichem Israel gehören sollte. Nablus, ein Glaubensmann, der uns wirklich zu Herzen geht, und das einerseits wegen seiner persönlichen Treue und andererseits wegen dieser überwältigenden Hinweise und Parallelen auf unseren Erlöser, den Messias, Jesus, hin.

Abschlussfragen und praktische Klärungen

Ja, wir haben noch Zeit für ein paar Fragen, und dann wollen wir noch mit Gebet schliessen. Wer hätte noch eine Frage? Hanna?
Also, ich habe gesagt, Ägypten ist das Land des Todes. Aber in Jesaja 19, am Schluss, nennt Gott Ägypten „mein Land Ägypten“. Ja, es ist das Land des Todes, aber wenn Joseph herrscht, dann ist es ein Land, das Leben bekommt. Jesaja 19 beschreibt das tausendjährige Friedensreich, und Jesaja 19 sagt, dass Gott sich in dieser Endzeit den Ägyptern zu erkennen geben wird. Das ist eine ganz gewaltige Stelle, die den ägyptischen Christen, echten Christen, ganz besonders ans Herz gewachsen ist. Es gibt ja viele Tausende, denen ist diese Stelle besonders wichtig: „Mein Volk Ägypten“. Aber gerade dort wird beschrieben, dass sie in der Endzeit den Herrn Yahweh erkennen werden, und dann bekommt Ägypten Leben.
Also, es ist kein Widerspruch. Ägypten ist das Symbol für den Tod. Aber wenn der Messias kommt, vorgebildet in Joseph und dann in Jesaja 19 er selbst, dann gibt es Leben und Segen für Ägyptenland.
Eine weitere Frage? Ja, da hinten.
Also, wie kann es sein, dass die Patriarchen sich schon an Gesetze gebunden wussten, wie die Sache mit Blutschande, obwohl die ja später erst im Gesetz geregelt wurden?
Nun, das ist ganz wichtig. Viele der Gesetze im sinaitischen Gesetz sind nicht zum ersten Mal dort eingeführt worden. Denn die Frage nach Hurerei und Unzucht war von Gott her schon mit der Schöpfung geregelt. Darum bezieht sich Jesus auch in der Ehescheidungsfrage in Matthäus 19 wieder darauf: Wie war es von Anfang der Schöpfung an? Und er zeigt, dass Gott einen Mann und eine Frau zusammengefügt hat, zu einem Fleisch. Darum war die Frage der Hurerei und der Unzucht klar von Anfang der Schöpfung an.
Später im Gesetz Mose wird das dann nochmals alles im Detail aufgeführt und erklärt, was in Gottes Augen Sünde ist. Aber man kann nicht sagen, dass man in der Zeit vor dem Gesetz nicht über Recht und Unrecht Bescheid wusste. Darum zählen zum Beispiel die Juden zu den noachitischen Geboten, also zu den Geboten, die schon unter Noah eingesetzt wurden, zum Beispiel auch die Frage wegen der Unzucht. Aber das war von Anfang der Schöpfung an ein Gebot, an das sich die Menschen halten mussten, auch in der Ehe.
Nur kommt dann die Perversion. In 1. Mose 4 lesen wir plötzlich: Und Lamech nahm sich zwei Frauen. Frech führte er plötzlich die Polygamie ein, was gegen Gottes Schöpfungsordnung war.
Ja, vielleicht noch eine Frage. Vielleicht zuerst Ehe, weil er noch ein 1. Mose 49, Vers 25: Und er wird dir helfen und dem Allmächtigen, und er wird dich segnen mit Segnungen des Himmels droben, mit Segnungen der Tiefe, die unten liegt.
Nun, Segen von oben ist der Regen, und Segen von unten, von der Tiefe, ist der Grundwasserbereich. Man kann ein Meer bezeichnen oder auch einen See, wie zum Beispiel den See Genezareth, der ja ganz wichtig ist für die Bewässerung des Landes. Darum kommt ja in letzter Zeit immer wieder der See Genezareth auf Tiefstände. Also: Segen von oben ist Regen, und Segen von unten aus der Tiefe ist Seewasser. Israels Land wird gesegnet durch Wasser im doppelten Sinn.
Johanna, die allerletzte Frage.
Ja gut, bei Juda war es nicht direkt gegen den Vater gerichtet. Es ist so abscheulich, klar. Aber wenn es jetzt um Jakob geht, dass er das Erstgeburtsrecht verteilt, hat er Ruben abgesprochen, weil das eine ganz direkte Verfehlung war gegen ihn als Vater. Darum wird das so unterschiedlich behandelt.

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