Ein Blick zurück, der nach vorn führt
Ja, was will man von einem Mann lernen, der vor über dreihundert Jahren geboren wurde? Das ist mit geschichtlichen Ereignissen ein bisschen schwierig. Wir haben auch manchmal ein gespaltenes Verhältnis zur Geschichte. Viele sagen: Das will ich nicht, das ist geschichtlicher Schnee von gestern. Und es geht um einen Mann, der so lange her ist.
Ich frage manchmal die Leute: Weißt du, wer die ersten Christen waren? Die, die an Jesus glauben. Es gab eine Menge Generationen vor uns. Kennst du dich aus mit Kirchengeschichte? sagte er mir. Selbstverständlich. Aber, ohoho, ich war die ganze Zeit dabei. Unsere Kirche wurde 2005 gegründet.
So sind wir unterwegs. Wir denken, wir sind die Generation, die erst Kirche baut. Dabei können wir eine Menge aus alten Zeiten lernen, auch von Jonathan Edwards.
Eine Predigt, die alles verändert
Stell dir vor, du sitzt am nächsten Sonntag wie üblich in deiner Kirche im Gottesdienst. Es ist reine Routine. Du bist irgendwo ein bisschen teilnahmslos, unmotiviert, gleichgültig, sorglos.
Aber dann beginnt der Pastor mit einem Bibeltext aus 5. Mose 32,35. Dort steht: „Ihr Fuß wird straucheln zur bestimmten Zeit.“ Das klingt nicht wirklich hoffnungsvoll, und die Predigt beginnt danach sehr düster.
Dein Pastor schildert der Gemeinde eindrücklich den Sohn Gottes über die rebellischen, gottlosen Menschen. Und er sagt Sätze wie: „Guck mal, deine Gesundheit, all deine Vorsichtsmaßnahmen, deine beste eigene Gerechtigkeit können dich so wenig vor der Hölle retten, wie ein Spinnennetz einen fallenden Stein aufhalten kann. Ohne Gottes Willen würdest du längst hier in der Hölle landen. Du bist ihm eine Last. Der einzige Grund, warum du noch nicht in der Hölle bist und warum du jetzt hier sitzt und ihn eigentlich provozierst mit deinem sündigen Verhalten, der einzige Grund, warum dich Gott nicht bestraft hat, ist seine Gnade.“
Und dann ruft er auf und sagt: „O Sünder, bedenke die schreckliche Gefahr, in der du bist.“
Und so geht das ungefähr eine halbe Stunde lang weiter.
Die Erweckung in Neuengland
Und auf einmal passiert Folgendes: Im Publikum bricht Hysterie aus, noch bevor der Pastor überhaupt seine wunderbare Predigt zu Ende bringen kann oder überhaupt erklären kann, was das Evangelium ist. Es bricht ein lautes Stöhnen und Schreien aus, und die Leute rufen: Was soll ich tun, um gerettet zu werden? Oh, ich komme in die Hölle, Jesus Christus, was soll ich für dich tun?
Der Pastor muss seine Predigt unterbrechen, damit er überhaupt zugehört wird. Aber der Tumult wird nur noch schlimmer, und er beendet seine Predigt nie.
Aber Folgendes passiert: Mehr oder weniger die gesamte Zuhörerschaft kehrt um zum lebendigen Gott. Und weil an jedem Sonntag das ganze Dorf in der Kirche ist, kommt ein ganzer Ort zum Glauben an Jesus Christus.
So hat es Jonathan Edwards im Sommer 1741 erlebt, genau so in einer kleinen Stadt in Neuengland, in diesen Kolonien Neuengland, mit seiner wohl bekanntesten Predigt überhaupt: „Sinners in the Hands of an Angry God“ – „Sünder in den Händen eines zornigen Gottes“. Er hat es so erlebt, eine Wahnsinnserweckung.
Und dann kamen in der Folge ganze Städte, ganze Regionen in Neuengland zum Glauben an Jesus Christus, durch Predigten von Edwards, durch Predigten von Whitfield und durch Predigten von vielen anderen.
Die Bibel als göttliche Autorität
Nun, Edwards Wirken kannst du nur verstehen, wenn du die Basis kennst, die Edwards hatte. Und die Basis war die Bibel. Darum zuerst einmal Edwards Heiliger Geist und die Bibel.
Für Edwards war klar: Die Bibel ist Gottes Wort. Das ist ein riesiger Unterschied zu heute. Heute sagen viele Leute: Ja, die Bibel ist etwas Menschliches, Menschenwort über Gott. Aber bei Edwards war es umgekehrt: Es ist Gottes inspiriertes Wort durch den Heiligen Geist über die Menschen, für die Menschen.
Edwards las und studierte die Bibel als Gottes Wort. Und wie er sie studierte! Hunderte von Seiten füllte er mit seinen Kommentaren, 5.000 Kommentare nur in seinen Notes and Scriptures und dann noch einmal 5.000 zusätzliche Kommentare in seiner sogenannten Blank Bible.
Das war eine interessante Geschichte. Er hatte ein riesiges Notizbuch, und in dieses Notizbuch hatte er eine Bibel eingelegt, so dass er Notizen machen konnte. 5.000 Notizen! Er hat die Bibel studiert, die Bibel war für ihn Autorität.
Und Edwards verteidigte in vielen Schriften und vielen Predigten die Zuverlässigkeit der Bibel durch durchdachte Argumente gegen die Geister der sogenannten Aufgeklärten, die heftig gegen die Bibel kämpften, Kritik übten und alles ablehnten, was nicht in ihr enges Weltbild hineinpasste.
Verstehen, glauben, gehorchen
Edwards war übrigens auch überzeugt, dass jeder, der die Bibel liest, sie auch verstehen kann. Auch in seiner Zeit gab es viele Menschen, die das ganz anders sahen. Sie sagten: Die alten Texte der Bibel kannst du doch nur verstehen, wenn du die alte Geschichte kennst, wenn du die alten Sprachen kennst, wenn du ein Gelehrter bist.
Edwards selbst studierte die alten Sprachen sehr gut. Er studierte auch die alte Geschichte sehr gut. Aber – und jetzt sollen bitte alle weghören, die Exegese oder alte Sprachen unterrichten – Edwards sagte, es sei Blödsinn zu meinen, dass nur Gelehrte die Bibel verstehen. Er sagte, es könne doch nicht Gottes Absicht gewesen sein, dass man ein Experte in Sprachen oder in alter Geschichte sein müsse, um den wesentlichen Sinn der Bibel zu verstehen.
Er sagte, die Bibel sei doch für Menschen geschrieben worden, von denen mindestens 99 von 100 zu solcher Kenntnis gar nicht fähig seien. Und weißt du, was mich erstaunt? Er schrieb das in einer Zeit, in der praktisch jeder Hopp so gut über die Inhalte der Bibel Bescheid wusste wie heute ein Durchschnittsdeutscher über die Reels seiner Freunde auf Instagram.
Edwards’ Gottesdienstbesucher verfügten wahrscheinlich, die allermeisten, über ganz bescheidene Schulbildungen. Die meisten kamen nicht wirklich über die Grundschule hinaus. Aber in Sachen Bibelwissen, habe ich das Gefühl, waren sie auf Hochschulniveau. Heute, sei Gott geklagt, ist es gerade umgekehrt. Wir verfügen über eine Topbildung, aber in Sachen Theologie sind wir irgendwo im Kindergarten stecken geblieben.
Anspruchsvoll predigen, damit Herzen erreicht werden
Und so gesehen hat es Edwards wirklich leicht, theologische Inhalte zu vermitteln. Ich habe neulich eine Studie gelesen, die sagt, heutige Kinder mögen es nicht, wenn eine Information länger als zehn Wörter ist. Zehn Wörter, guck mal. Zu Edwards’ Zeiten formulierte man Buchtitel. Ich habe euch ein Beispiel mitgebracht, mit vierzig bis fünfzig Wörtern. Ich meine, klar, das ist werbetechnisch natürlich nicht gerade ideal, aber es hat einen Vorteil: Man kaufte die Katze nicht im Sack. Man wusste, was im Buch drinsteht.
Edwards wollte, dass die Gläubigen kindlich vertrauen, aber nicht kindisch glauben. Um kindlich vertrauen zu können, muss man das Wort Gottes kennen. Darum predigte er sehr anspruchsvoll. Er hat die Predigten immer in zwei Hälften geteilt. Die erste Hälfte war, wie er es einmal nannte, die Einstellung der Artillerie. Das heißt, er hat die ganze Artillerie hereingestellt, die Kanonenrohre, durch Theologie und gesunde Exegese, damit er in der zweiten Hälfte in der Anwendung zielgenau treffen konnte.
Aber Edwards wusste auch: Man kann die Bibel in aller Gelehrsamkeit studieren, man kann sie vollständig verstehen, sogar von der Erhabenheit ihrer Inhalte wahnsinnig beeindruckt sein, und ihr trotzdem nicht glauben und sich ihrer Autorität nicht unterordnen. Darum war Edwards überzeugt: Die Wahrheit der Bibel, wie auch die gesamte Erlösung, muss uns der Heilige Geist aufdecken. Der Heilige Geist muss den Menschen die Augen öffnen, damit sie die Wahrheit Gottes erkennen.
Der Heilige Geist als Quelle der neuen Geburt
Das führt mich zu meinem zweiten Punkt: Edwards und die Erweckung durch den Heiligen Geist.
Edwards erlebte in seinem Dienst als Gemeindepfarrer die wichtigste, die zentralste und die erstaunlichste Tätigkeit des Heiligen Geistes. Er erlebte, wie der Heilige Geist Menschen zum neuen Leben erweckte, wie sie in ihrem Denken erneuert wurden und wie Gott ihnen göttliches Licht schenkte. Edwards ordnete darum die Haupttätigkeit des Heiligen Geistes der Soteriologie, der Heilslehre, zu.
Heute ist das leider anders. Seit ungefähr hundert Jahren gibt es in theologischen Ausbildungsstätten in der Dogmatik einen Kurs, der Pneumatologie heißt, also die Lehre über den Heiligen Geist. Dabei hat man das Wirken des Heiligen Geistes von der Soteriologie, von der Heilslehre, getrennt, mit, wie ich meine, fatalen Folgen.
Viele Christen sehen heute das Wirken des Heiligen Geistes eher in Nebentätigkeiten. Wenn der Heilige Geist Schweizer wäre, dann müsste er die Steuererklärung ausfüllen. Dann würde gefragt: Was ist die Haupttätigkeit? Erneuerung des Lebens: zehn Prozent. Neunzig Prozent Nebentätigkeiten.
Der Fokus verlagerte sich von der geistlichen Geburt, von der Wiedergeburt, zu den Geistesgaben und dort vor allem zu diesen phänomenalen Wundergaben, die jeder sieht, da, wo das Spektakel abgeht. So gut und so nett das alles ist, eines geht dabei vergessen: das eigentliche Wunder, die neue Geburt.
Der Heilige Geist wirkt ja dort, wo es eigentlich unmöglich ist, dass irgendetwas entsteht. Bildlich gesprochen lässt er in der Wüste Blumen und Bäume wachsen, im ewigen Eis wachsen auf einmal Rosen, und Herzen aus Stein pulsieren mit Leben.
Warum Erweckung nicht einfach erklärbar ist
Als ich Edwards so ein bisschen mein Leben studiert habe, all diese Erweckung, diese ekstatischen Erweckungen studiert habe, habe ich sofort auch meine Erklärungsversuche, und die haben wir alle zur Hand. Man kann psychologische Erklärungsversuche ansetzen, soziologische Erklärungen für diese Erweckung damals in Neuengland. Das hat mit Massensuggestion zu tun, das ist reine Massenhysterie, das ist psychologische Manipulation, was er gemacht hat, eine primitive, vielleicht sogar ein bisschen leicht abergläubische Haltung der damaligen Bevölkerung.
Guck mal, Gottesdienste damals waren das. Es war das einzige öffentliche Ereignis in der ganzen Woche. Es gab keine Ablenkung wie jetzt durch die ganzen sozialen Medien und all diese Dinge. Und die Menschen waren allesamt christlich sozialisiert. Sie hatten ein tiefes Verständnis von dem, was Gott ist und wie Gott wirkt. Sie hatten ein tiefes Verständnis, was Sünde ist und dass Gott bestrafen muss.
Und da war auch der allgegenwärtige Tod. Die ständigen Kriege mit den Franzosen, die Überfälle der Indianer, die damaligen Städte glichen eher Festungen. Allgegenwärtige Angst vor der Hölle. Für die Leute damals war die Hölle realer als für Deutsche die Billionen Schulden des Staates. Edwards konnte am Sonntag sagen: Guck mal, es kann sein, dass du nächsten Sonntag nicht mehr unter uns bist, sondern in der Hölle bist. Das war ein absolut realistisches Szenario.
Krankheiten wie Typhus, Cholera, Pocken konnten einen jederzeit ins Jenseits befördern. Edwards hat das erlebt. Innerhalb von drei Jahren ist ein Zehntel der Bevölkerung gestorben an so Seuchen.
Zeichen, Grenzen und die Frage nach dem Echten
Und das scheint all diese Erweckungen so menschlich zu machen, oder? Das hat mit dem Heiligen Geist zu tun.
Ja, es gibt ein Phänomen, das heraussticht und das wirklich rational und menschlich zu sein scheint. Menschen kamen nämlich dann zum Glauben, wenn nicht der eigene Pfarrer in der Gemeinde gepredigt hat, sondern wenn es ein neues Phänomen gab: ein Gastredner.
Edward war zum Beispiel derjenige, der „Sünder in den Händen eines zornigen Gottes“ gepredigt hat. Enfield war nicht seine Pfarrei, sondern er war dort Gastredner. Also gilt auch dort wahrscheinlich, wie heute: Der Prophet gilt nichts im eigenen Land.
Mit all diesen Phänomenen habe ich mich beschäftigt. Und ich muss ehrlich sagen, ich tue mich ein bisschen schwer mit diesen ganzen ekstatischen Dingen, mit diesen emotionalen Dingen, denn ich habe es gerne rational. So bin ich geprägt. Darum bin ich auch nicht Bauchtänzer geworden.
Also habe ich sofort eine rationale Erklärung. Aber diese rationalen Erklärungen sind für mich nicht befriedigend. Ich bin überzeugt, dass diese Erweckung das Wirken des Heiligen Geistes war. Warum? Ich zähle euch sieben Punkte auf, warum ich überzeugt bin.
Warum Edwards selbst kein Erweckungs-Showman war
Erstens war Edwards ein äußerst kopflastiger Pfarrer, ein typischer Theologe eben. Diese außergewöhnlichen Phänomene, diese Ekstasen, hat er ganz sicher nicht gesucht und ganz sicher auch nicht gefördert.
Zweitens war Edwards kein herausragender Rhetoriker. Er sagte selbst: Ich kann besser schreiben als reden. Er war nicht der geborene Evangelist, der Emotionen anstachelt. Er sprach kaum frei, sondern orientierte sich an seinem ausgeschriebenen Skript. Und man muss wissen: Er hatte manchmal Papiermangel und schrieb dann in so kleiner Schrift, ich habe euch ein Beispiel, so winzig klein, dass vier solcher Seiten gedruckt hundert Seiten ergeben. Man kann sich also vorstellen, dass man, wenn er gepredigt hat, von seinem Gesicht nicht mehr viel gesehen hat. Zudem hatte er eine schwache Stimme. So lässt man normalerweise keine Bekehrungswelle ausbrechen.
Drittens war das Thema Sünder und der zornige Gott weder für Edwards noch für die anderen Prediger ungewöhnlich. Es war damals üblich, solche Themen zu wählen. Am Thema kann es also nicht gelegen haben.
Viertens gab es andere, die die Höllenqualen weit reißerischer, eindrücklicher und emotionaler darlegen konnten als Edwards. Aber sie erlebten nicht diese Reaktion.
Fünftens konnte Edwards wegen der Hysterie, die ausgebrochen war, nicht einmal erklären, was das Evangelium ist. Er erklärte nur, was die Hölle ist. Er konnte nicht einmal Evangelium predigen. Isaac Watts, dieser bekannte Liederdichter, schrieb auf einer gedruckten Fassung dieser Predigt: eine höchst schreckliche Predigt, die am Ende ein Wort des Evangeliums hätte haben sollen. Ob ich schon nicht ja das alles glaube.
Sechstens hatte Edwards dieselbe Predigt, das wissen viele nicht, schon vorher einmal gehalten, einen Monat vorher in seiner eigenen Gemeinde in Northampton. Mit welcher Reaktion? Null. Dieselbe Predigt, und es war dieselbe Predigt. Und jetzt ist er in Enfield, und die ganze Gemeinde bekehrt sich. Und das würde ich auch machen. Ich merke: Eine Predigt hat Durchschlag und Erfolg, wenn man sie mehrmals hält. Aber weder vorher noch nachher hatte dieselbe Predigt diese phänomenale Wirkung.
Siebtens erlebte Edwards keine dauernde Erweckung. Gottes Geist wirkte in relativ kleinen, kurzen Zeitintervallen. Zuerst 1734: 1734 erhielt er eine Predigt, nachdem ein junger Mann in seiner Gemeinde gestorben war. Er hielt die Abdankungsrede, und dann bekehrten sich ganz viele junge Leute. Danach griff das Feuer auf die ganze Gemeinde über. Und es kamen eine Menge Menschen zum Glauben. Angesehene Bürger, schreibt er, wie Sittenlose; Aristokraten wie ganz einfaches Volk; Reich und Arme; Gebetete und Ungebetene; Schwarze und Weiße; darunter dreißig Kinder. Und im Gegensatz zur früheren Evangelisation schreibt er ebenso viele Männer wie Frauen. Es kamen nicht nur junge Menschen zum Glauben, sondern auch fünfzig Leute, die über vierzig Jahre alt waren, zwei davon sogar über siebzig Jahre alt. Und er war überzeugt, ich habe, und er hat das so geschrieben, ganz Northampton, die ganze Pfarrei, sagt er, ist zum Glauben gekommen, das ganze Dorf, die ganze Stadt.
Dann aber folgte eine Durststrecke von ungefähr sieben Jahren. Und dann kam eine zweite Periode, 1742, mit jener berühmten Predigt an Sünder in der Hand eines zornigen Gottes und dem Wirken von Whitfield. Den hatten sie aus England eingeladen; von zehntausenden gepredigt, Wahnsinnswirkung gehabt. 1745 kehrte Whitfield zurück aus England und versuchte, noch einmal anzusetzen, auch wieder vor zehntausenden von Menschen gepredigt, mit wenig Wirkung. Und später, als Edwards dann Indianermissionar wurde und sieben Jahre bei den Indianern verbrachte, gab es keine Erweckung und kaum Bekehrung.
Ich bin überzeugt, das merkt man auch bei Edwards: Er war sicher. Er wusste, Erweckung ist nicht machbar, nicht mit Gebet, nicht mit Hingabe und schon gar nicht mit Methoden und Tricks. Es ist Gottes Geist, der entscheidet, wann und wie und wo er Menschen zum Leben erweckt. Das musste Edwards erleben. Und viele andere, und wahrscheinlich wir, erleben das genau gleich.
Gottes Geist weht, wo er will
Edwards wusste: Petrus hat eine einfache Predigt in Jerusalem gehalten, und Tausende kamen zum Glauben. Paulus hingegen hat genauso gut in Athen gepredigt, musste sich dort aber mit Spott und Hohn zufriedengeben und gewann nur eine Handvoll Gläubige. Jeremia war absolut hingebungsvoll. Ganz sicher war er kein schlechter Redner, und er hatte eine gewaltige Gotteserfahrung. Und trotzdem sah er äußerlich kaum Erfolg.
Jona hingegen, der Kerl, hatte das Publikum bei seinen Predigten noch nicht einmal lieb. Und er musste zu seinem Entsetzen die größte Erweckung der Geschichte erleben. So ist Gottes Geist. Und ich bin überzeugt: Das spricht vieles dagegen, dass diese Erweckung von Menschen gemacht war, also durch menschliche Mittel und Methoden zustande kam.
Edwards hätte das zudem auch aus theologischen Gründen nicht geglaubt. Er hätte nie geglaubt, dass man Erweckung machen kann. Tief verwurzelt im reformierten Glauben war er überzeugt: Es braucht dazu ein göttliches, übernatürliches Licht. Er hat dazu auch eine Predigt geschrieben, und auch viele andere Prediger haben betont, dass es dazu dieses Licht braucht. Erst dann kommen Menschen zum Glauben.
Also typisch reformiert geht bei Edwards die Neugeburt der Bekehrung voraus. Er hat dazu viel gepredigt und viel geschrieben. Er hat auch ein Buch dazu geschrieben über die ganze Entscheidungsfindung, also darüber, wie wir moralische Entscheidungen treffen. Dieses bekannteste Buch heißt wahrscheinlich Freiheit des Willens.
Dort argumentiert er folgendermaßen. Es ist ein bisschen ein schwieriges Buch, ich fasse das in ein paar Sätzen zusammen, und ich hoffe, es gelingt mir. Er argumentiert, dass Menschen, wenn sie Entscheidungen treffen, immer nach ihrer stärksten Neigung entscheiden.
Der Mensch und seine stärkste Neigung
Das hört sich alles sehr akademisch und sehr kompliziert an. Ich bringe ein simples Beispiel:
Du sitzt jetzt auf einem Sitz. Und auf dem Sitz, auf dem du jetzt sitzt, sitzt du nach deiner stärksten Neigung. So, jetzt gibt es Leute, die sitzen ganz vorne. Warum? Ihre stärkste Neigung ist, dass sie ganz vorne sitzen wollen. Dann gibt es Leute, die sitzen ganz hinten. Warum? Weil sie hinten sitzen wollen.
Jetzt sagst du: Okay, aber ich muss da vorne sitzen. Dann ist deine stärkste Neigung, der Obrigkeit zu gehorchen. Dann sagst du: Nein, ich habe meinen Sitz einfach zufällig gewählt. Ich wollte nicht lange suchen. Dann ist deine stärkste Neigung, nicht lange zu suchen, sondern einfach den erstbesten Sitz zu nehmen.
Du kannst es drehen und wenden, wie du willst: Du setzt dich genau dort hin, wo du dich setzen wolltest, als du die Entscheidung getroffen hast, aus deiner stärksten Neigung heraus.
Edwards argumentiert jetzt zusammen mit Paulus, zusammen mit Augustinus, zusammen mit den Reformatoren, dass wir als Menschen mit einer Neigung geboren werden, die nicht anders kann, als ständig gegen Gott zu rebellieren und zu sündigen. Wir können nicht anders, und wir wollen nicht anders. Das entspricht unserer stärksten Neigung.
Und Gott muss jetzt durch seinen Geist diese Neigung zuerst heilen. Und Edwards hat das erlebt. Gott hat es getan, hundertfach, tausendfach in seinem Dienst.
Eine Stadt auf dem Hügel und die Grenzen des Feuers
Northampton, seine Heimatkirche oder die Heimatstadt. Mitte der 1730er Jahre, also nach der großen Erweckung, wurde sie als „A City Set on a Hill“, eine Stadt auf dem Hügel, bezeichnet. Er schreibt dort: „Unsere Religion ist im ganzen Land berühmt. Wir sind eine Stadt, die auf dem Hügel liegt.“ Damit sagt er: Jetzt müssen wir doch auch Vorbilder sein, die ganze Welt schaut auf uns.
Im November 1736 hat er dann einen ausführlichen Bericht über Gottes Wirken geschrieben: „A Faithful Narrative“. Darin erzählt er, was in diesen Erweckungszeiten dort geschehen ist. Diese Erzählung hat ganze Generationen inspiriert, in Schottland, in England und in anderen Teilen der Welt.
Aber ich muss leider auch auf die Schattenseiten der Erweckung zu sprechen kommen. Ende der 1730er Jahre erlosch das Feuer, und er gab später zu: Ja, ich bin auf einige oberflächliche Schwärmereien hereingefallen. Das war nun peinlich für ihn. Er war Pfarrer in einer Stadt, die weltbekannt war, und jeder schaute dorthin. Doch seine eigenen Kirchenmitglieder kehrten teilweise zu alten Gewohnheiten zurück, zu Habgier, zu Machtkämpfen und zu anderen Lasten.
Und dann war auch die zweite Erweckungswelle relativ kurz. Edwards musste schmerzlich feststellen, dass Erweckungen kurzlebig sind, dass das Feuer sehr schnell erlischt und dass nicht alles echt ist, was phänomenal daherkommt.
Geistliche Unruhe, Stolz und Spaltung
Guck mal, damals war es so: Die Predigten dieser Erweckungsprediger wurden typischerweise von Angst- oder Freudenschreien unterbrochen, von Zuckungen, von Wutausbrüchen, von Krampfanfällen, von Ohnmachtsanfällen, all diesen Dingen, die hoffentlich jetzt nicht geschehen. Da bin ich viel zu rational unterwegs mit euch. Und manchmal konnte der Prediger gar nicht weitermachen, bis die Ekstatiker herausgetragen wurden.
Was ist dann passiert? Die Gemeindemitglieder versuchten, sich gegenseitig in ihrem Enthusiasmus zu übertreffen. Und sie verbreiteten den falschen Eindruck, dass wahre Frömmigkeit umso größer ist, je heftiger die Emotionen und je kräftiger der Eifer zum Ausdruck kommen.
Und Edward sah sich mit einem Problem konfrontiert, wie Paulus mit den Korinthern. Es kam zu geistlicher Überheblichkeit, es kam zu Gemeindespaltungen, zu New Light und Old Light, zu Rechthaberei, gegenseitigem Verleumden und Verurteilen. Die Old-Light-Leute sagten: Das ist alles nur menschliche Emotionalität, das ist nicht gut, was hier abgeht. Und die New-Light-Leute sagten: Ihr hindert den Heiligen Geist an seinem Wirken.
Der 25-jährige Whitfield, muss man sich mal vorstellen, war 25, der erste Star in Amerika, der vor Zehntausenden gebetet hat. Ihm stieg der Erfolg wahrscheinlich ein bisschen zu Kopf. Und er fing an, Pastoren, ja sogar die gesamte Fakultät von Harvard zu verurteilen. Er sagt: Die sind alle nicht bekehrt.
Edwards hat ihn dann ermahnt. Das hat ihre Freundschaft nicht gerade gefördert. Edwards hat das schlau gemacht, er war weise. Edwards verurteilte die äußeren Manifestationen, die in diesen Predigten passiert sind, nie. Aber er hat Folgendes gesagt: Guck mal, diese äußeren Zeichen beweisen gar nichts. Sie beweisen nicht, dass es falsch ist, und sie beweisen auch nicht, dass es richtig ist. Sie sind einfach da.
Wenn das Äußere nicht genügt
Im März 1744 erhielten Edwards’ Hoffnungen, dass die Erweckung langfristig nachhaltig sein würde, einen herben Dämpfer. In seiner Gemeinde kam es nach heutigen Maßstäben zu einem Fall sexueller Belästigung durch junge Männer gegenüber jungen Frauen, und Edwards ordnete eine disziplinarische Untersuchung an.
Doch die jungen Männer dachten nicht daran, sich Edwards zu unterordnen. Als sie im Pfarrhaus auf die Gemeindeleitung warten mussten, begannen sie zu spotten. Bevor ich mich hier dann schuldig mache wegen Fäkalsprache, zitiere ich aus der damaligen Zeit; das ist überliefert. Da hat einer gesagt: „Guck mal, die Gemeindeleitung, was ist das? Das sind nur Männer, gefordert auf einem Haufen Dreck. Ich kümmere mich um diesen Scheißhaufen, ich kümmere mich um keinen Furz. Ich bin nicht verpflichtet, länger auf ihre Ärsche zu warten.“
Das tut weh: diese völlige Respektlosigkeit gegenüber ihrem Pfarrer, der so mit großer Hingabe gepredigt hat und zu Gott lebte und wirkte. Es tut weh, zeigt aber auch, dass viele Kirchenmitglieder keine angemessenen Beweise für ein geisterneutes Leben zeigen.
Edwards, dieser Pfarrer, der sich so aufopferte für seine Kirche, wurde nur wenige Jahre später von seiner eigenen Kirche, in der er Erweckung erlebt hatte, entlassen. Er wurde entlassen, weil er ihnen zu streng war. Die Erweckten konnten brutal unbarmherzig sein und auch geizig; es ging auch um den Lohn.
Edwards musste sich mit der Tatsache abfinden, dass nicht alles echt ist, was nach Wirken des Heiligen Geistes aussieht. Und ganz wichtig: Er musste auch feststellen, dass auch die Erweckten immer noch Sünder sind.
Das wahre Kennzeichen des Glaubens
Und das führte ihn dazu, dass er sich Gedanken darüber machte, wie das echte Leben eines Christen eigentlich aussieht. Diese Erlebnisse haben bei Edwards offenbar zu einem Umdenken geführt.
Er sagt: Schau mal, das echte christliche Leben zeichnet sich durch die Liebe zu Gott und durch die Hingabe an Gott und den Menschen aus. Demut, Mitgefühl, Treue, Beständigkeit im Glauben, Disziplin und Selbstbeherrschung – all diese Dinge zeichnen einen echten Glauben aus.
Und Edwards lebte diesen Glauben. Das finde ich phänomenal. Er lebte diesen Glauben, er lebte diese Treue. Schau mal, er wurde von seiner Kirche entlassen. Seine Kirche hatte eine Zeit lang keinen eigenen Pastor, und sie hatten auch nicht immer einen Gastredner. Dann fragten sie trotzdem Edwards: Kannst du die Predigt übernehmen? Klar. Jeder von uns, der Pastor ist, würde sagen: Ihr könnt mich mal. Edwards nicht. Edwards ist gegangen und hat gepredigt.
Er hat auch dann eine Stelle angenommen. Er hat seine große Gemeinde verlassen und wurde ein kleinerer Indianermissionar, völlig abgeschieden in einer ganz kleinen Gemeinde. Und er musste dort ganz, ganz sparsam leben. Er hatte zu wenig Papier und hat nicht nur klein geschrieben, sondern jeden Papierfetzen benutzt, um all seine Gedanken festzuhalten. Er hat eine Menge geschrieben, um seine Gedanken zu bewahren, auf irgendwelchen Kuverts, auf irgendwelchen Hochzeitseinladungen, auf irgendwelchen gedruckten Predigten, überall. Er hat geschrieben. Er war arm, aber er hat Gott die Treue gehalten.
Liebe, Frucht und religiöse Zuneigung
Und er schrieb 1738 eine ganze Predigtreihe über die Frucht des Heiligen Geistes, Charity and its Fruits. Dann wurde dieses Werk übrigens zu einem seiner bekanntesten. Später folgte 1746 Religious Affections. Das darf man nie einfach mit „religiöse Gefühle“ übersetzen, das wäre völlig falsch. Edwards geht es nicht einfach nur um Gefühle, sondern um echte Hingabe und um Lebensveränderung.
Ähnlich wie Paulus in 1. Korinther 12-14 konzentriert sich Edwards auf das Herzstück des Wirkens des Heiligen Geistes, und das ist Kapitel 13. Die Liebe. Der Heilige Geist wirkt die Frucht der Liebe. Alles drumherum, Kapitel 12 und 14, sagt er, sind die phänomenalen Gaben, dort, wo das große Spektakel ist. Aber das ist nicht das Herzstück.
Er sah das eher im Kontext einer Warnung vor geistlicher Überheblichkeit, die er selbst erlebt hatte. Heute sehen viele Christen das meistens gerade anders. Okay, der Heilige Geist wirkt emotional, im Worship und so, man schwebt sich in den Himmel, aber was ist am Montag? Was ist am Montag? Edwards ließ sich nicht mehr beeindrucken von einem schwärmerischen Glauben.
Alltag, Treue und die stille Frucht des Geistes
Es hat übrigens nach 200 Jahren auf der Hebrideninsel ebenfalls eine Erweckung gegeben, 200 Jahre später, durch Duncan Campbell. Das ist eine sehr spannende Geschichte, und auch dort waren genau die gleichen Phänomene zu beobachten: großes Spektakel, ekstatische Erlebnisse.
Duncan Campbell sagte: Erst als mir ein Geschäftsmann sagte: „Guck mal, meine Leute, die zu dir in die Kirche kommen, meine Kunden bezahlen jetzt die ausstehenden Rechnungen“, da wusste ich, es ist Gottes Geist gewirkt hat. Erst dann zeigt der Alltag es.
Für Edwards zählten also nicht die ekstatischen Erlebnisse, nicht einmal die unzähligen Bekehrten als Zeichen echter Erweckung. Das war es nicht. Es war vielmehr die Treue zu Gott. Und nichts zeigt das deutlicher als eine Biografie, die er 1749 über seinen Freund David Brainerd geschrieben hat.
Dieser David Brainerd war Missionar bei den Indianern, und er starb bereits mit 28 Jahren. Und wer nun eine Biografie von einem David Brainerd erwartet hätte, der Erweckung erlebte und bei dem Tausende von Indianern zum Glauben gekommen seien, der wurde massiv enttäuscht. Das Gegenteil war der Fall.
Brainerds Erfolge waren sehr bescheiden, und dennoch wurde ausgerechnet diese Biografie zu einem der meistgelesenen Bücher seiner Zeit. Es gab kaum einen Christen, der das nicht gelesen hat. Der Erfolg wäre diesem Buch nie beschieden gewesen, wenn Edwards nur von Erfolg und Erfolg und noch einmal Erfolg erzählt hätte.
Treue im Verborgenen
Guck mal, das geht uns doch genau gleich. Wir sehen die Erfolge anderer, und wir sind frustriert, weil wir es nicht so erleben. Wir sind frustriert, wenn wir Edwards Narrativ lesen, die Erweckung damals. Ich erlebe das nicht, wir erleben das nicht in solchen Zeiten. Der Heilige Geist Gottes, sei es auch hier geklärt, wirkt im Moment nicht so bei uns. Und das frustriert ungemein.
Dann würde ich dir Davy Brenner empfehlen. Da stellt Edwards etwas ganz anderes in den Mittelpunkt, nämlich die unbedingte Treue Brainers Gott gegenüber, seinen aufopfernden Dienst für das Reich Gottes, seine Treue in den vielen Niederlagen und in tiefen Nöten. In verzweifelten Stunden hat er an Gott festgehalten. Brainerd war für Edwards das Paradebeispiel für religiöse Zuneigung, voll Liebe, Sanftmut und Treue zu Gott.
Schluss: Nicht das Spektakel, sondern die Treue
Damit will ich schließen. Ich möchte dir Mut machen. Wir können von Edwards lernen. Ja, er hat phänomenale Erfolge erlebt. Menschen kamen zum Glauben an Jesus Christus, ganze Landstriche.
Aber er hat auch das andere erlebt. Und er hat erfahren: Gottes Geist wirkt, wie er will. Wahrscheinlich leben wir in einer Zeit, die eher der Zeit eines Jeremia oder eines David Brainerd gleicht und nicht der eines Edwards oder eines Jona oder eines Petrus.
Da möchte ich dir Mut machen: Verzweifle nicht. Bei Gott zählen nicht die Bekehrungen, bei Gott zählt nicht das Spektakel. Bei Gott zählt unsere Treue zu ihm. Gott schenke uns diese Treue. Ich bete mit uns.
Gebet um Treue und geistliche Einsicht
Treuer Vater im Himmel, wir danken dir für Vorworte, die wir haben dürfen, in deinem Wort, aber auch durch die ganze Kirchengeschichte. Und wir können so viel von ihm lernen.
Danke, Herr, für Jonathan Edwards, dass du ihn so reich gesegnet hast. Du hast ihm auch Einsichten gegeben, die uns so guttun. Er hat festgestellt, dass nicht mehr alles echt ist und dass selbst Erweckte Sünder sind. Er hat auch erkannt, worauf es am Schluss ankommt.
Es ist nicht das Spektakel, es ist nicht das Phänomenale, es ist die Treue zu dir. Und so hilf uns allen, dass wir dir treu sind, denn du wirst uns für die Treue belohnen.
Danke, Herr. Amen.
