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Siehe, dein König kommt zu Dir

19.12.1965Sacharja 9,9

Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt! Amen!

Am heutigen vierten Adventssonntag hören wir eine der großen Verheißungen aus dem Alten Testament, in denen das Kommen Jesu angekündigt wird. Das Alte Testament steht gewissermaßen unter dem Zeichen des Advents: Er kommt.

Lesen wir Sacharja 9,9: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel.“

Herr, heilige uns in deiner Wahrheit! Dein Wort ist die Wahrheit. Amen!

Die Ankündigung eines besonderen Königs

Siehe, so beginnt unser Bibelwort: „Siehe“ bedeutet „Jetzt pass auf mich auf, jetzt wird es ernst.“ Wenn wir den Anfang des neunten Kapitels im Sacharja lesen, hören wir: So spricht der Herr, der Herr, der am Anfang aller Dinge sagte: Es werde Licht. Derselbe Herr, der damals das Licht erschuf, sagt uns heute Morgen: „Jetzt pass mal auf, jetzt sieh zu, jetzt kommt etwas Wichtiges: Dein König kommt zu dir.“

Ich habe einmal in Oslo, der norwegischen Hauptstadt, vor ein paar Jahren etwas Erstaunliches erlebt. Vielleicht habe ich es schon erzählt. An einem Morgen bin ich zum Schloss hinaufgebummelt, in dem der König wohnt. Von dort hat man einen weiten Blick über die Stadt. Vor dem Schloss gibt es eine breite, große Terrasse, von der man die Stadt und den Fjord überblickt.

Als ich ankomme, herrscht dort reger Betrieb. Offiziere laufen herum, und Soldaten stellen sich auf. Militärmusik marschiert auf. Dann steht da eine Gruppe junger Leute, wahrscheinlich von einem nahegelegenen Gymnasium. Sie können alle Deutsch. Ich frage einige von ihnen, was hier eigentlich los ist. Sie erklären mir, dass der König heute mit großem Pomp und Herrlichkeit ausfährt, um das Storting, das Parlament Norwegens, zu eröffnen.

Oh, denke ich, da hast du ja Glück, jetzt sehe ich den König mal aus nächster Nähe. Wir stehen und warten. Plötzlich sehe ich, wie die jungen Leute auf der Terrasse in eine ganz andere Richtung weglaufen. Ich folge ihnen und sehe, wie sie eine junge Dame umringen, die exzentrisch geschminkt und gekleidet ist. Ich sehe, wie sie müde ein Autogramm gibt und dann den Füllfederhalter einfach fallen lässt. Der fällt sofort zu Boden und wird von den Schuhsohlen zerdrückt.

„Liebe Zeit“, sage ich, „wer ist das?“ „Das ist die berühmte Filmschauspielerin Sophia Loren“, heißt es. Man sagt gerade in Oslo, dass sie hier ist. Ich denke mir, na gut, dann will ich lieber wieder zurückgehen und den König noch zu Gesicht bekommen. Doch als ich zurückkomme, sehe ich mit Schrecken: Der König ist schon abgefahren.

So habe ich die Begegnung mit dem König von Norwegen verpasst. Er wird es verschmerzen, denke ich. Aber ich habe die Begegnung mit dem König Norwegens verpasst.

Sehen Sie, „Siehe, dein König kommt zu dir“ steht hier. Gemeint ist ein viel größerer König, der Sohn Gottes, der aus der ewigen Welt kommt. Er steht vor dir, und der lebendige Gott sagt: „Pass doch auf!“

Oh, dass es nicht so geht wie bei mir in Norwegen, dass der König vorbeigeht und du ihn verpasst! Ich kann mir gut vorstellen, dass heute, am vierten Advent, manche hier sitzen, die in der ganzen Adventszeit noch gar nicht gemerkt haben: „Siehe, dein König kommt zu dir!“ Weil sie abgelenkt waren.

Es muss ja nicht gleich Sophia Loren sein, es kann auch Lieschen Müller oder irgendetwas anderes Unwichtiges sein. Aber wer abgelenkt ist, verpasst es. Und so kann ein ganzes Leben vergehen, ohne dass man es begriffen hat: „Siehe, dein König kommt zu dir!“

Ich wusste, dass der König kommt, aber ich habe es verfehlt. Du kannst es hören, und dein Leben kann vergehen, ohne dass du es je begriffen hast: Dein König kommt zu dir. Darum sagt Gott vorher: „Siehe, pass auf!“

Die überraschende Nähe Gottes in Jesus

Und nun wollen wir dieses Wort betrachten, das vom Kommen dieses Königs spricht. Dabei möchte ich besonders auf drei merkwürdige Tatsachen in diesem Bibelwort aufmerksam machen.

Man kann die Bibel an jeder Stelle aufschlagen, und es ist immer wieder zum Staunen. Man verwundert sich. Erstens: Dass er zu uns kommt – das ist das erste Merkwürdige. Gott kommt in Jesus zu uns.

Neulich habe ich ein Bild gesehen, auf dem der Papst eine Delegation von Kindern aus aller Welt empfing. Es war ein großartiges Bild: Der Papst saß auf einem wundervollen, riesigen Thronsessel. Er war gekleidet in goldgestickte, prächtige Gewänder. Nun durfte ein Kind nach dem anderen zu ihm kommen. Er gab jedem die Hand, und seine ganze Umgebung lächelte wohlwollend. Man konnte sich gut vorstellen, wie sie dachten. Große Männer und Kinder begegneten sich, und alle lächelten freundlich, fast ein wenig herablassend.

Da musste ich denken: Mein König hatte einen viel besseren Thron, als er von Ewigkeit her beim Vater war. Er war von einer Herrlichkeit umgeben, die wir uns kaum vorstellen können. Und doch ist er von diesem Thron aufgestanden, hat seine Kleider abgelegt – seine Herrlichkeit. Die Bibel sagt, er entäußerte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an und trat in diese Menschenwelt ein. Er wurde Mensch, gleich wie ein anderer Mensch.

Er ging nicht einfach nur so dahin, sondern er suchte die Aussätzigen auf, die vom Teufel Besessenen, die Kinder, die Zöllner und die Sünder – kurz gesagt, er kam zu uns. Diese Herablassung lässt das wohlwollende Lächeln vergehen. Sie verschlägt einem den Atem und wirft uns in den Staub: Dass dieser Gott seine Herrlichkeit verlässt und in Jesus zu uns kommt.

Warum tut er das? Warum kommt Jesus zu uns? Kurz gesagt: Weil er weiß, dass wir ohne ihn kein Leben haben. Wir können vegetieren, oberflächlich studieren, aber kein wirkliches Leben führen.

Der große Philosoph Hamann, der in der deutschen Geisteswelt mächtig gewirkt hat und die Sturm-und-Drang-Periode gewissermaßen ausgelöst hat, sagte einmal: Der Mensch kann eher ohne Kopf und ohne Hände leben als ohne seinen Heiland. Der Mensch kann eher ohne Kopf und Hände leben als ohne seinen Heiland. Menschen versuchen es, aber es gelingt nicht.

Und weil das so ist, kam er zu uns. Sieh: Dein König kommt zu dir.

Die persönliche Einladung Gottes

Meine Freunde, im vergangenen Jahr, das nun zu Ende geht, bin ich mit meinen letzten Kräften viel in der Welt herumgereist. Seit Februar durfte ich das Evangelium in acht Ländern verkündigen.

Dabei fiel mir etwas Merkwürdiges auf: Immer wieder kamen nach den Vorträgen in Los Angeles, in Wien, in der Schweiz oder wo auch immer junge Leute zu mir und sagten: „Ich war Pfarrer Busch.“ Im Grunde sei es doch gleichgültig, ob man Mohammedaner, Hindu oder Christ sei, das sei doch im Grunde gleichgültig.

Dann kann ich nur lachen und sagen: Oh nein, nein, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht! In allen Religionen der Welt wird dem Menschen gesagt: „Geh hin und such deinen Gott.“ Dort werden ihm steile Treppen gezeigt, Stufe um Stufe muss er erklimmen, um zu sehen, ob er es erreicht. Im Evangelium Gottes aber wird uns verkündigt: Er kommt zu dir. Er steigt herab aus der ewigen Welt und kommt zu dir.

Das ist eine wundervolle Botschaft: Dein König kommt zu dir! Siehe, siehe, aufgepasst: Dein König kommt zu dir. Ich möchte hier das Wörtchen „dir“ noch besonders unterstreichen. Und da müsste ich jeden von Ihnen mit Namen nennen: Er kommt zu dir.

Als ich diese Woche in diesem Text saß, hatte ich das Gefühl, als ob Gott, der, wie ich eben sagte, gesagt hat: „Es werde Licht“, sich jetzt die Mühe macht, mir auf die Schulter tippt und sagt: „Merk dir, dein König kommt zu dir!“ Es ist atemberaubend, ganz egal, ob man gläubig oder ungläubig ist, gottlos oder in einem sündhaften Leben, selbstgerecht oder nicht. Gott tippt mir auf die Schulter und sagt: „Jetzt kommt dein König zu dir.“

Wir können das gar nicht persönlich genug nehmen. Meine Freunde, ich weiß wohl, dass Ausleger, die hundertmal klüger sind als ich – wozu nicht viel gehört – jetzt sagen: „Pastor Busch, so kannst du das doch nicht nehmen, so persönlich. Das ist doch ein Wort, das in einer ganz bestimmten Lage, in einer ganz bestimmten Situation, in einer ganz bestimmten Zeit vor vielen Jahren gesagt wurde, und zwar zum Volk Israel. Du kannst doch nicht einmal sagen: Im Jahr 1965 wird mir das gesagt.“

Darauf kann ich nur antworten: Meine Freunde, ich werde nie aufhören zu glauben, dass es dem jetzt lebenden, heiligen, gewaltigen, großen Gott gefällt, durch dieses Wort der Bibel mit mir persönlich zu reden. Und ihr dürft getrost die Bibel, das Wort Gottes, so nehmen, dass, wenn ihr es aufschlagt, er mit euch spricht.

Das ist allerdings zum Erstaunen und Verwundern, ja zum Entsetzen, dass Gott uns nicht in Ruhe lässt, dass er uns aufrüttelt: „Sieh, zu dir, mein Lieber, kommt jetzt Jesus, dein König, dein Heiland, dein Erlöser, dein Retter, dein Seligmann.“

Die widersprüchlichen Eigenschaften des Königs

Und nun zum Zweiten: Ich möchte euch drei merkwürdige Tatsachen zeigen. Erstens, dass er überhaupt zu uns kommt. Und zweitens, wie er kommt.

Ich lese den Text noch einmal: „Siehe, ein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel.“

Meine Freunde, das ist so merkwürdig. Das sind viele Eigenschaften dieses Herrn Jesus, dieses Heilandes, dieses Sohnes Gottes, die gar nicht zusammenpassen wollen. Ein König und arm, Reiter und Esel – wie lässt sich das zusammenbringen?

Ein König ist normalerweise nicht arm. Er hat eine Privatschatulle und kann austeilen. Oder man ist ein armer Bettler, dann kann ich nicht gut König sein. Wie passt das zusammen? Oder ein Helfer, der arm ist – ja, meine Freunde, die Fürsorger in unserer Stadt gehen zu ganz armen Leuten hin und helfen ihnen. Aber wenn ich in Not bin, kann mir doch ein Armer, der selbst nichts hat, nicht helfen. Wie kann mir der helfen? Helfer und arm – wie passt das zusammen? Das scheint doch gar nicht zusammenzupassen, oder?

Und sehen Sie, das Allermerkwürdigste, was hier zusammengestellt wird, ist: ein Gerechter, also ein Richter, der dem Recht zum Sieg verhelfen will, und zugleich ein Helfer. Wie passt das zusammen? Entweder ist er Richter, dem das Recht kristallklar über alles geht – „via justitia per mundum“ soll das Recht geschehen, auch wenn die Welt darüber zugrunde geht. Werde ein Richter, dem das Recht über allem steht. Oder er ist ein Helfer, dem die Barmherzigkeit über allem steht.

Das sind so gegensätzliche Behauptungen über Jesus, die gar nicht zusammenpassen wollen. So merkwürdig ist das, was über unseren Heiland gesagt wird. Und wir wollen versuchen, es zu verstehen. Ach, der Heilige Geist erleuchte euch und mich, damit uns das groß wird.

Die Gerechtigkeit und das Gericht Jesu

Fangen wir an mit dem Wörtlein „ein Gerechter“. Ich las neulich im Spiegel – ja, ja, auf unserer Einstiegsseite liest man Spiegel – nicht einen Prozessbericht. Da hat ein 63-jähriger Lehrer seine 20-jährige Frau erwürgt.

Was mich dabei packte, war, dass der Reporter offenbar ganz beeindruckt war von den Abgründen im Menschenherzen. Wer kann das noch beurteilen? Und da schließt er mit den erschütternden Worten: „Das ist das Ärgste am Verbrechen, dass es Menschen zwingt, über Menschen zu urteilen.“

Biblisch vorne will ich sagen, dass es Sünder zwingt, über Sünder zu urteilen. Hier liegt die Not aller Justiz. Und nun kommt dein König, von Gott legitimiert, bezeichnet als der Gerechte. Der kann über Menschen urteilen, und der darf über Menschen urteilen, und er tut es.

Meine Freunde, das ganze Neue Testament ist voll mit Geschichten, in denen Leute in die Nähe Jesu kommen und auf einmal entlarvt, überführt und in Staub geworfen werden, sodass sie sagen müssen: „Ich habe gesündigt.“ Ich will nur so ein paar herausgreifen, ganz wahllos.

Ich hoffe, Sie kennen die Geschichte von dem sogenannten reichen Jüngling, der vor den Herrn hintritt und sagt: „Ich habe alle Gebote Gottes gehalten von Jugend an, fehlt mir noch was?“ Da macht ihm Jesus mit einem Wort klar: Nicht einmal das erste Gebot hast du gehalten – „Ich bin der Herr, dein Gott“, denn das Geld ist dir lieber als dein Gott.

Viel wichtiger: Wie viele solcher Leute sitzen hier, denen ihr Geld wichtiger, lieber ist als Gott? Wieder bist du schuldig am ersten, am grundlegenden Gebot Gottes.

Ich denke an Petrus, diesen großartigen Mann, dem Jesus eigentlich ohne viele Worte in der Karfreitagsnacht deutlich macht: „Du hältst ja höher von dir, als du ein Recht hast. Du bist ja ein aufgeblasener, hochmütiger Mensch, hinter dem nichts steckt.“

Petrus ging hinaus und weinte bitterlich über sich, in der Gegenwart Jesu. Jesus sah ihn an, heißt es nur. In der Gegenwart Jesu wird er entlarvt. Ah, wie viele solche Leute sitzen hier, die ohne jedes Recht hoch von sich denken!

Oder ich denke an die große Sünderin, die ein paarmal den Heiland gehört hat. Im Licht seiner Augen geht ihr auf: „Mein ganzes Leben! Getändelt und gespielt und geflirtet und gebussiert und gehucht habe ich.“ Das ist in Gottes Augen eine große Schande. Unschuld entlarvt, überführt.

Wie viele solcher Leute sitzen wohl in dieser ehrbaren Versammlung, voll mit Unreinigkeit im Herzen, Ehebruch, Hurerei und Unreinigkeit? Es ist schon so eine Sache, Jesu Nähe zu kommen, der der Gerechte ist und uns aufdeckt, wie es kein Richter kann, und uns überführt.

Ich denke an den ganzen Jüngerkreis. Die wurden mal schrecklich erschrocken, als der Herr Jesus sie fragte: „Worüber habt ihr geredet?“ Da schwiegen sie still. Da sagte er: „Ich will es euch sagen: Ihr habt davon gesprochen, wer unter euch der Größte ist.“

Wie viele sitzen wohl hier, die der Größte sein wollen? „Gott widersteht den Hoffärtigen“, sagt er. Nein, tu dir ins Gericht! Wie viele sind wohl hier die Streiter mit Ellenbogen, die der Größte sein wollen und es nicht ertragen können, unten zu sein?

Oh, was für ein Gerechter ist das, dieser Jesus!

Da war eine Gemeinde in Laodizea, und da sagte der Herr nach seiner Himmelfahrt, als erhöhter Herr, zu dieser Gemeinde, zu diesen Christen: „Du sprichst: Ich bin reich und habe gar satt. Und weiß nicht, dass du elend und jämmerlich, arm, blind und bloß bist.“

Wie viele sitzen wohl hier, die, wenn sie einmal im Licht der Augen Gottes stünden, erkennen würden: „Ich bin elend und jämmerlich, arm, blind und bloß.“ Mein ganzer Christenstand ist eine erbärmliche Angelegenheit.

Jesus ist ein Gerechter, der ohne Ansehen der Person aufdeckt. Das hat ein Spätapostel Paulus erfahren müssen, als er ins Licht Jesu kam: Sein ganzes Leben war verkehrt. Mich muss es bezeugen, das habe ich auch erlebt und erlebe es immer wieder, immer wieder neu, wie unheimlich, geradezu unbarmherzig der Herr uns aufdeckt und verurteilt, entlarvt und überführt.

Fragen Sie sich, ob Sie sich diesem Gericht Jesu stellen wollen oder ob Sie weitermachen wollen, als wäre alles in Butter in Ihrem Leben. Sie wollen nicht? Sie brauchen auch nicht. Sie wollen überwachen bis zu jenem Tag des großen Gerichts, wo es verborgen aufgedeckt wird und wo Sie keinen Helfer haben.

Sie werden umschauen und es ist kein Helfer hier, nur das Wort geht hin: „Ihr Verfluchten!“ Ich würde sagen: Stellen wir uns lieber hier, werden wir einmal still dem Gericht Jesu, kommen wir in sein Licht. Hier haben wir nämlich einen Helfer.

Der Helfer in der Not

Und nun fragen Sie: Wer ist denn dieser Helfer? Sehen Sie, das ist das beinahe Paradox, das Merkwürdige, das Phantastische, das Unglaubliche: Der Richter Jesus ist zugleich der Helfer. Er ist ein Gerechter und ein Helfer zugleich.

Ihnen wird ganz deutlich, dass der Herr Jesus ein Helfer sein will – und zwar nicht nur in kleinen Dingen. Das gibt es auch, und ich könnte stundenlang davon erzählen, wie Jesus mir in kleinen Nöten meines Lebens geholfen hat und auch in großen. Aber er will vornehmlich und vor allem zuerst Helfer sein bei denen, die in seinem Licht entlarvt und geführt worden sind, die in ihren eigenen Augen Sünder geworden sind.

Er will Helfer sein bei denen, die Furcht vor dem Zorn Gottes gelernt haben, die sagen: „Ich möchte nicht in die Hölle kommen, und doch komme ich hin. Wie soll ich das tun, dass ich nicht in die Hölle komme? Ich komme doch hin, ich bin auf dem besten Wege dazu.“

Denn dem erweckten und erwachten Gewissen will Jesus Helfer sein. Er kann am Tausender rübergehen. Wo nun erwecktes, erschrockenes Gewissen ist, da will er Helfer sein. Und da ist nur, nur, nur Jesus allein der wirkliche Helfer.

Sehen Sie, jetzt bitte ich Sie: Gehen Sie mit mir hinaus nach Golgatha und sehen wir das Kreuz der Schande, wo er angenagelt ist. Schauen Sie den Mann in der Dornenkrone so lange an, so lange, bis Ihnen aufgeht: Gott warf „Unser aller Sünde auf ihn. Was mich verdammt, das hat Gott auf ihn geworfen. Meine Strafe liegt auf ihm, auf dass ich Frieden hätte.“

Und dann verstehen wir auf einmal, warum dieser König arm ist. So arm wurde er, dass ihm die Kleider genommen und ihm der Nacken ans Kreuz gehängt wurde. So arm – verstehen wir nun – er war arm um unseres Willen, damit wir durch seine Armut reich würden. Er wird arm an unserer Stadt.

Meine Freunde, alle Schätze der Welt sind gering gegen den Anblick dieses Heilands, der meine Schuld wegträgt und mich mit Gott versöhnt. Wenn Sie glauben, dann werden Sie im Augenblick des Sterbens kapieren, dass alle Schätze der Welt, von denen Sie nichts mitnehmen können, gering sind gegenüber dem Anblick dessen, der Sünder erretten kann.

Ich muss eben dazu noch sagen: Aber da kann der Held von Ihnen abschalten. Die unter Ihnen, die ein bisschen bewandert sind in der Sprache der Bibel, des Römerbriefs, denen darf ich noch sagen, dass das Wort gerecht jetzt auch noch anders verstanden werden kann.

Er ist vor Gott allein gerecht, sonst niemand. Kein Mensch ist vor Gott gerecht außer diesem einen. Und er ist gekommen, um Sünder durch sein Versöhnen vor Gott gerecht zu machen. In ihm werden wir gerecht. In ihm darf ich mich freuen auf einen Heldenmut, darf kein Gericht scheuen, wie sonst ein Sünder es tut.

Die Antwort auf das Kommen des Königs

Aber nun kommen wir noch zum dritten Teil. Ich möchte Ihnen drei merkwürdige Tatsachen zeigen. Die dritte lautet: Was sollen wir tun? Sehen Sie, das Merkwürdige ist, dass in dem ganzen Text kein Wort davon die Rede ist. Da fängt Gott groß an: Dein König kommt zu dir, armer, rechter und Helfer. Und dann fragen wir unbeholfen: Was soll ich jetzt tun? Davon ist kein Wort gesagt.

Da hört man bei ihm auf, und man merkt, dass Paul Gerhardt fragt: Wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir? Was soll ich tun? Nichts davon wird gesagt. Also das Dritte jetzt noch: Nicht, was sollen wir tun? Meine Freunde, das ist eigentlich jetzt klar, darum braucht es nicht mehr gesagt zu werden. Dein König kommt zu dir, und du hast nur eins zu tun: ihn aufzunehmen, ihn aufzunehmen.

Bitte hören Sie auf mit Christentum und Gerechtigkeit und Religion und was weiß ich allem. Du sollst Jesus aufnehmen, denn alles hängt an ihm, dem lebendigen Herrn! In der Bibel steht: Wie viele ihn aufnahmen, denen gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu heißen. Sehen Sie, wenn ich jetzt auf die Käpplicher Straße gehe und die Leute frage, was sie seien, warum sie diesen Test machen, ob sie Christen sind, sagen sie natürlich: Ja, wir sind christlich. Alle sind wir christlich in Westdeutschland, das ist gar nicht auszusagen, wie christlich wir sind.

Da sage ich Ihnen so: Worin besteht das? Wie werden Sie ein Kind Gottes oder wie wollen Sie selig werden? Da sagen die Leute meistens: Ich tue Recht und scheue niemanden, da kann mir nichts fehlen. So oder ähnlich sagen sie es. Ich möchte Ihnen sagen, das ist genau der Weg in die Hölle. Es gibt nur einen Weg, Kind Gottes zu werden, gerettet zu werden und fröhlich hier und in Ewigkeit zu sein: diejenigen, welche ihn aufnahmen; denen gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu werden.

Was sollen wir tun? Es ist doch jetzt klar: Nehmen wir ihn auf und lassen wir uns von ihm richten. Lassen Sie ihn richten und aufdecken. Hören Sie auf mit Ihren Entschuldigungen und Verteidigungen. Und wenn es dahin kommt, dass Sie am Ende sagen müssen: Jetzt bin ich auch elend und jämmerlich, arm, blind und bloß vor Gott – gut, lassen Sie sich dahinkommen. Denn in diesem Augenblick steht vor ihm der Helfer.

Und nun dürfen Sie sein Blut, das rein macht, und sein Kreuz, das versöhnt, und sein Heil für sich in Anspruch nehmen. Nun wird der Heilige Geist Ihr Herz erfüllen, und Sie werden reich in Gott. Ich muss lesen, ich wünschte, es ginge uns wie dem großen Erweckungsprediger Ludwig Harms, durch den die Lüneburger Heide völlig verwandelt wurde. Er hat auf einem Missionsfest vor Tausenden von Menschen einmal wörtlich so gesagt:

"Ich glaube, ich würde in Verzweiflung fallen, wenn ich diesen Trost nicht hätte: alle Sünden sind vergeben. Wie ein Fisch, der aus dem Wasser genommen wird, stirbt, so kann ich Jesum nicht missen, nicht eine Viertelstunde."

Wir wollen beten: Herr, deine Predigt ist der Anfang. Mach du mit unseren Seelen weiter, mit unserem Gewissen. Öffne uns die Augen, führe uns vom Tod zum Leben. Amen.