Einführung in das Thema Vergebung
Gott wird Mensch: Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter ist, Weg, Wahrheit und Leben.
Episode 596: Ratschläge an Jünger, Teil 2, Lukas 17,3-4.
Habt Acht auf euch selbst! Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht. Und wenn er es bereut, so vergib ihm.
Und wenn er siebenmal am Tag an dir sündigt und siebenmal zu dir umkehrt und spricht: „Ich bereue es“, so sollst du ihm vergeben.
Wir sollen also vergeben.
Lasst mich deshalb noch ein wenig über Vergebung nachdenken und zunächst auf einige Unterschiede zwischen göttlicher und menschlicher Vergebung hinweisen.
Unterschiede zwischen göttlicher und menschlicher Vergebung
Göttliche Vergebung geht von Gott aus, während menschliche Vergebung vom Menschen ausgeht. Göttliche Vergebung beruht allein auf dem Opfer des Sohnes Jesu am Kreuz. Menschliche Vergebung hingegen basiert auf dem Gebot Gottes und dem Vorbild Jesu Christi.
Göttliche Vergebung bewirkt eine objektive Rechtfertigung vor Gott. Das bedeutet erstens die Tilgung meiner Sündenschuld und zweitens die Wiederherstellung der Beziehung zu Gott. Menschliche Vergebung hingegen bewirkt subjektiven Frieden in mir und im Idealfall auch Versöhnung sowie Heilung zwischenmenschlicher Beziehungen. Sie besitzt jedoch nicht die Kraft, die Beziehung des Schuldigen zu Gott wiederherzustellen.
Göttliche Vergebung ist an echte Umkehr, den Glauben an Jesus Christus und das Bekennen von Sünden gebunden. Menschliche Vergebung kann auch einseitig gewährt werden. Sie wird jedoch, wie hier in Lukas 17, von der Umkehr und Reue des Schuldigen begünstigt.
So viel kurz zum Vergleich zwischen göttlicher und menschlicher Vergebung.
Die Bedeutung der Vergebungsaufforderung im Epheserbrief
Dieser Unterschied ist wichtig, wenn wir uns fragen, was Paulus meint, wenn er schreibt: Epheser 4,32: „Seid aber zueinander gütig, mitleidig und vergebt einander, so wie auch Gott in Christus euch vergeben hat.“
Ich muss mich hier fragen, worauf sich das „so wie auch“ genau bezieht. Ich soll vergeben, so wie auch Gott in Christus mir vergeben hat. Wo liegt der Vergleichspunkt? Soll ich erst und ausschließlich vergeben, wenn der Schuldige seine Sünde einsieht, Buße tut und zu mir umkehrt? Oder soll ich so bereitwillig und gern vergeben, wie Gott mir vergibt?
Geht es also um ein Prozedere oder um eine Herzenshaltung?
Ausgehend von dem Gleichnis in Matthäus 18 und der Art, wie Jesus am Kreuz für die betet, die ihn kreuzigen, denke ich persönlich, dass es um die Herzenshaltung geht. So bereitwillig, wie Gott denen vergibt, die zu ihm kommen, so sollen auch wir sofort und gleich allen vergeben, die uns etwas schuldig sind. Und das natürlich vor allem dann, wenn sie sich zurechtbringen lassen und ihre Sünde bereuen.
Was bedeutet Vergebung konkret?
Was genau bedeutet eigentlich Vergebung?
Vergebung bedeutet, dass ich bewusst auf Vergeltung verzichte und nicht mehr an die Sünde denken will, die mir angetan wurde. Es heißt, dass ich mich nicht selbst räche, sondern Gott die Rache überlasse. Darüber hinaus fange ich an, für meine Feinde zu beten, sie zu segnen, ihnen Gutes zu tun und ihnen mit Barmherzigkeit zu begegnen.
Vergebung bedeutet nicht, dass der Schuldige keine Schuld mehr hat. Nur weil ich ihm vergebe, heißt das nicht, dass Gott ihm ebenfalls vergibt. Außerdem bedeutet Vergebung nicht, dass ich die Beziehung zu dem Schuldigen sofort und vollständig wiederherstellen muss. Versöhnung und Vergebung sind zwei unterschiedliche Dinge.
Ich werde mir gut überlegen, inwieweit es klug ist, mit solchen Menschen Gemeinschaft zu pflegen, die für mich oder meine Familie eine Gefahr darstellen.
Vergebung heißt auch nicht, dass der Schuldige, wenn er seine Sünde bereut, nicht über Wiedergutmachung und andere der Buße würdige Früchte nachdenken muss – ganz im Gegenteil. Echte Reue und echte Buße zeigen sich gerade darin, dass man den Schaden, den man angerichtet hat, wieder gutmachen will.
Vergebung in Lukas 17,3-4: Ein praktisches Beispiel
Aber gehen wir weiter im Text, Lukas 17, die Verse 3 und 4:
Habt Acht auf euch selbst! Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht. Und wenn er es bereut, so vergib ihm.
Und wenn er sieben Mal am Tag an dir sündigt und sieben Mal zu dir umkehrt und spricht: „Ich bereue es“, so sollst du ihm vergeben.
Vergebung darf und soll immer wieder geschehen. Natürlich ist das Beispiel von dem, der sieben Mal am Tag sündigt und sieben Mal zu mir umkehrt, völlig hypothetisch. In der Praxis passiert so etwas nicht.
Aber der Punkt, auf den es Jesus ankommt, wird klar: Egal wie oft sich jemand an mir versündigt, es gibt ihn nicht, den Punkt, an dem ich sagen darf: „Jetzt ist es zu viel, jetzt will ich nicht mehr vergeben.“ Diesen Punkt gibt es nicht.
Ich soll vergeben, wie Gott mir vergeben hat. Und weil Gott mir bereitwillig und immer wieder vergibt, soll auch ich auf genau diese Weise mit denen umgehen, die ihre Sünde bereuen.
Die tägliche Praxis der Vergebung im Gebet
Halten wir uns das Gut vor Augen: Wir sollen im Gebet täglich unsere Sünden bekennen. Möge es so sein, dass wir sie auch bereuen.
Aber was passiert, wenn wir unsere Sünden bekennen? In 1. Johannes 1,9 heißt es: Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit.
Wir bekennen – Gott vergibt. Wir leben davon, dass Gott uns so oft vergibt, wie wir zu ihm umkehren und unsere Sünde bereuen. So oft wir unsere Sünde bekennen, vergibt er uns immer wieder.
Es wäre schlimm, wenn das eines Tages anders wäre. Gott vergibt uns immer wieder, und wir sollen das auch tun.
Vergebung als tägliche Notwendigkeit und Vorbild Jesu
Der Herr Jesus spricht im Hinblick auf Vergebung davon, dass seine Jünger einerseits bereits rein sind, weil sie durch das Wort Gottes gereinigt wurden. Andererseits brauchen sie es immer wieder, dass er, der Herr, ihnen die Füße wäscht. Dieses Bild steht für Vergebung – und zwar für die Art von Vergebung, die eine tiefe Gemeinschaft ermöglicht.
Jeden Tag möchte Jesus uns die kleinen Sünden vergeben, mit denen wir uns beschmutzt haben. Als Jünger Jesu sollen wir uns an ihm ein Vorbild nehmen.
Johannes 13,14-15: „Wenn nun ich, der Herr und Lehrer, eure Füße gewaschen habe, so seid auch ihr schuldig, einander die Füße zu waschen. Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“
Vergebung als Prinzip für Schuld und Beziehung
Bei Gott hängen Vergebung, Schuld und Beziehung eng zusammen. Schuld wird erlassen, und die Beziehung wird wiederhergestellt.
Als Kinder Gottes leben wir nach demselben Prinzip. Wir vergeben bereitwillig im Gebet allen, die uns Unrecht getan haben. Dabei vergeben wir auch erneut, wenn Sünder ihre Schuld bereuen.
Zuerst lassen wir die Schuldigen vor Gott los und hören auf, sie zu richten oder zu verurteilen. Anschließend nehmen wir den reuigen Sünder mit offenen Armen auf. Wir freuen uns über seine Umkehr und arbeiten gemeinsam daran, die Beziehung wieder intakt zu machen.
Vergebung in der seelsorgerlichen Praxis der Gemeinde
Wie schon in der letzten Episode möchte ich auch heute abschließend darauf hinweisen, dass wir Vergebung nicht nur theoretisch, sondern vor allem seelsorgerlich betrachten müssen.
Es geht dabei um den Umgang mit Schuld und um den Aufbau von tiefen Beziehungen in der Gemeinde. Für beides ist Vergebung von allergrößter Bedeutung.
Was könntest du jetzt tun? Erstelle eine Liste von Geschwistern in der Gemeinde, die du meidest, weil du nicht von ihnen verletzt werden möchtest.
Schlussworte und Segen
Das war es für heute. Vielleicht kennst du den YouTube-Kanal meiner Frau noch nicht: Why Not Glaubensfragen? Den Link findest du im Skript.
Der Herr segne dich. Erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen!
