Die Herausforderung eines lebendigen Glaubens
Liebe Geschwister, das gibt es also: Du hast den Namen, dass du lebst, es läuft etwas, und doch bist du tot.
Ich durfte 25 Jahre lang in der württembergischen Landessynode als Sprecher tätig sein und war Vorsitzender des Gesprächskreises „Lebendige Gemeinde“, einem evangelikalen Gesprächskreis. Dabei hat mich dieses Wort immer wieder getroffen: Du hast dir selbst den Namen „Lebendige Gemeinde“ gegeben, und doch kann es sein, dass der Herr sagt, du bist tot.
Zu Hause, das ist schon lange her, hatten wir eine wunderbare Eisenbahn. Wir fünf Brüder hatten eine Spur-1-Märklin zum Aufziehen, eine wunderbare Lokomotive. Wenn sie aus den Kurven genommen wurde – was oft passierte – dann hat sie gerattert wie nie zuvor. Die Räder bewegten sich so rasch wie nie, wenn sie auf den Schienen stand, bis schließlich die Feder ausgelaufen war. Doch es bewegte sich nichts mehr.
Es kann sein, dass wir Evangelikale ein christliches Medienmagazin herausbringen, in dem von vielen Aktivitäten berichtet wird, was alles läuft: ERF, IDEA, Family und Freizeitarbeit. Doch unser Herr fragt: Was bewegt sich eigentlich? Es rattert zwar, aber bewegt sich auch etwas?
Ein Freund aus Amerika hat mir einmal geschrieben: Kommen in deiner Gemeinde Menschen zum Glauben? Da bekam ich einen roten Kopf. Wir hatten viele Aktivitäten, ich habe mich ernsthaft bemüht. Aber die einzige Frage bleibt: Kommen Menschen wirklich zum Glauben?
Der Weckruf zum Leben
Da ist das Geschenk unseres gnädigen Herrn Jesus, dass er immer wieder diesen Weckruf erteilt: Werde wach, Kumi! So hat Jesus bei dem Töchterlein des Jairus gerufen: Talitha, Kumi – komm!
Eines Tages kam der Kantor der hebräischen jüdischen Gemeinde in Stuttgart zu einem Konvent der Jugendreferenten. Danach saßen wir zusammen und unterhielten uns. Meine Frau sagte: „Müssen Sie alles in Hebräisch machen? Das ist doch furchtbar schwer zu lernen.“ Daraufhin sagte er: „Kummi!“ Meine Frau stand auf, als wäre sie von einer Feder gezogen worden. Er sagte: „So einfach ist Hebräisch, Sie haben schon verstanden: Kummi.“
So kann unser Herr sagen: Kummi, und dann ist Leben da. Steh auf, werde wach! Das war ein Geschenk für England in der erstarrten englischen Staatskirche, die zwar ein bisschen Reformation erfahren hatte. Gott hat John Wesley geschickt, und plötzlich gab es eine Erweckung in England.
Der englischen Staatskirche sagten sie: „Na ja, das sind so wild gewordene Leute, die eine bestimmte Methode haben.“ Man nannte sie dann die Methodisten – als Schimpfwort. Aber das Leben ließ sich nicht mehr kanalisieren und nicht mehr abtöten. Es schwappte sogar hinein in die feierliche englische Staatskirche mit ihrer Liturgie.
Wir sprechen manchmal von der Hochkirche, der High Church, der anglikanischen Kirche mit ihren sieben Sakramenten wie in der katholischen Kirche: Taufe, Konfirmation, Abendmahl, Beichte, letzte Ölung und dann die beiden Sakramente, die man entweder oder bekommt – Ehe und Priesterweihe. Entweder wird man Priester, dann kann man nicht heiraten, oder man heiratet, dann kann man nicht Priester werden.
Also sieben Sakramente, große Liturgie – die anglikanische Kirche, die Church of England, so sagt man. Oberflächlich war die Reformation dort erreicht. Als das neue geistliche Leben von George Wesley und den Methodisten, wie man sie schimpfte, um 1800 in die englische Kirche hineinschwappte, gab es plötzlich Pfarrer und Gemeindeglieder, die sagten: „Ach, nicht sieben Sakramente, uns ist wichtig, was der Herr Jesus eingesetzt hat: Taufe und Abendmahl. Wir wollen uns nach der Bibel richten.“
Wichtig ist, dass wir missionarisch sind und Weltmission betreiben. Der Herr Jesus hat gesagt: „Geht hin zu allen Völkern.“ Wir wollen die Bibel übersetzen. Es entstand die Church Missionary Society, eine ganz große Missionsgesellschaft. Es entstand die British and Foreign Bible Society, die größte Bibelgesellschaft, die Mutter aller Bibelgesellschaften – alles als freie Werke.
Man predigte biblisch in den Gemeinden, sodass die vornehmen, snobistischen Gentlemen der hochkirchlichen Church of England sagten: „Die sind ja gar nicht mehr Glieder unserer katholischen Kirche. Die sind ja evangelisch.“ Im Englischen heißt das Evangelical. Das war das Zeichen dafür, dass sie eigentlich das hatten, was der Reformation in Deutschland wichtig war: nur das Wort, nicht zu viel Liturgie, nicht zu viele Sakramente und nicht zu viel kirchliches Primarisieren, sondern das Entscheidende: Weltmission, Evangelisation und Bibelverbreitung.
Die Ausbreitung der Erweckung auf dem Kontinent
Es war ein Geschenk Gottes, dass auch diese neue Bewegung von England herübergeschwappt ist aufs Festland, zuerst nach Basel. Dort entstanden die Basler Traktatgesellschaft unter Doktor Steinkopf und Christian Friedrich Spittler, die Basler Bibelgesellschaft, die Stuttgarter Bibelgesellschaft, die Basler Mission, die Leipziger Mission und die Berliner Mission – und das mit einem Schlag.
Plötzlich, in den schweren Jahren nach den Befreiungskriegen, entstanden ohne kirchliche und staatliche Unterstützung eine Vielzahl von Missionsgesellschaften. Denn Gott hat gesagt: „Wacht doch auf, komm, komm, Kummi!“
Aber auch neue Aufbrüche können stagnieren. Die Eltern unter uns wissen, wie in der Nachkriegszeit die Emporen unserer Kirche voll waren. Wie Menschen nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs, des Hitlerstaates, neu anfangen wollten.
Heute hingegen nimmt man die Emporen aus den Kirchen heraus und stellt ein paar Stühle auf, damit nicht so auffällt, wie wenige Leute da sind. Aufbrüche kann man nicht festhalten. Deshalb ist es immer wieder wichtig, dass unser Herr neue Aufbrüche schenkt.
Auch können die Evangelischen den neuen Aufbruch, das neue Leben, nicht auf Flaschen ziehen.
Die Herausforderung moderner Theologie und Medien
Können Sie verstehen? Es ist besser, jetzt bemühe ich mich. Ich weiß, wie das ist, denn ich habe auch die Hälfte meines Gehörs verloren. Deshalb sagen Sie mir bitte, wenn Sie mich nicht verstehen.
Beim Schwäbischen kann ich nichts machen, das bleibt so, aber akustisch ist es eine Herausforderung.
Auch die Evangelikalen in Amerika hatten die National Association of Evangelicals. Das war zunächst ein eher lahmer Haufen, bis Gott nach 1945 wieder gesagt hat: Werde wach! Mit dem jungen Billy Graham, der plötzlich entdeckte, dass man die modernen Medien nutzen kann. Dazu gehören Printmedien wie Bücher und Zeitschriften, moderne Aufmachungen, Rundfunk, später Fernsehen, Großveranstaltungen und moderne Werbung.
Wissen Sie noch, als 1955 Billy Graham zu uns kam, nach Dortmund und Stuttgart, ins Mekka-Stadion? Was für eine Belebung das plötzlich war! Wir Christen müssen gar nicht verhockt sein. Das war offenbar etwas Interessantes.
Damals gab es einen neuen Aufbruch, der sich in der Evangelischen Allianz in Deutschland zeigte. Durch Deutschland gingen die Großevangelisationen. Dr. Gerhard Bergmann, die Deutsche Zeltmission, der Henssler Verlag, der Brockhaus Verlag bauten Bücher aus. Der Evangeliumsrundfunk entstand, IDEA wurde als Presse gegründet – alles ein neuer Aufbruch.
Da habe ich gesagt: Das hat Billy Graham gemacht, oder die Amerikaner haben es gemacht. Es war ein Wunder Gottes, dass er auch in unsere deutsche Landschaft hineingerufen hat: Komm, wacht mal auf! Ein vollmächtiges Wort, das in unser Land hineingegangen ist.
Nur war die Situation in Deutschland besonders. Wir mussten uns herumschlagen mit einer Theologie, die schon in der Nachkriegszeit sagte: Herr Jesus ist nicht auferstanden, die Jungfrauengeburt hat nicht stattgefunden, die Himmelfahrt hat nicht stattgefunden, Jesus wird auch nicht wiederkommen. Wer darauf wartet, wird bis zum Sanktnimmerleinstag warten müssen.
Man kann heute dem modernen Menschen, der ein Radiogerät hat und zuhause einen Kühlschrank, nicht mehr mit Himmelfahrt und Auferstehung kommen.
Die Auflösung des Glaubensbekenntnisses und ihre Folgen
Im Grunde genommen war das getarnt als ein missionarisches Unternehmen. Man wollte dem modernen Ingenieur nicht mit Geschichten kommen, die ihn abstoßen. Doch die Bibel wurde aufgelöst, und das war der Anfang dessen, was wir heute in der Breite der deutschen Christenheit haben: dass jeder sich die Bibel zurechtbiegt, wie er gerade will. Und das wird dann noch als wissenschaftlich oder als missionarisch ausgegeben.
Die Folge war, dass auch das Bekenntnis aufgelöst wurde. Ich habe einen Pfarrer erlebt, der seine Konfirmanden das Glaubensbekenntnis aufsagen ließ, in dem es heißt, dass Jesus wiederkommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten. Auf die Frage, was das bedeutet, ließ er sagen: „Ein jüngstes Gericht findet nicht statt. Zu lange hat die Kirche mit dem Zeigefinger gedroht.“
Dieser Pfarrer auf der Ostalb in Württemberg hat also das jüngste Gericht abgeschafft. Eine Vermessenheit! Man sollte einmal lesen, was Dorothee Sölle als Glaubensbekenntnis ausgegeben hat. Dort wurde alles, was die Christenheit – die orthodoxen, die katholischen und die evangelischen Kirchen in aller Welt seit zweitausend Jahren bekennen – mit kühner Hand weggefegt. Denn Frau Dr. Dorothee Sölle meinte, das sei überholt. Welche Vermessenheit!
Ich erinnere mich noch: Wir sind dann in Württemberg angetreten, ohne dass wir eine gemeinsame Sprache hatten. Ich muss jetzt viel von Württemberg erzählen, weil das symptomatisch ist. Wir haben zu unserer Synode, dem Parlament der Kirche, eine Urwahl eingeführt, bei der jedes Gemeindeglied seine Stimme abgeben konnte. Damals, im Jahr 1965, haben wir uns plötzlich als stärkste Gruppe wiedergefunden: Stundenleute, Pietisten, CVJ, immer Leute aus dem Jugendwerk und aus der Mädchenarbeit.
Unser Synodalpräsident sagte daraufhin: „Ihr seid die größte Gruppe, ihr müsst euch einen Namen geben.“ Da haben wir gesagt: Unser Name ist „Bibel und Bekenntnis“. Das ist für mich ein historisches Datum, an dem man festmachen kann: 1965 war unser Kampf noch, die Kirchenleitungen zu bitten, wieder zur Ernstnahme der Bibel und des Bekenntnisses zurückzukehren.
Schon sechs Jahre später, im Jahr 1971, haben wir uns einen neuen Namen gegeben. Der junge Pfarrer Theosorg hat diesen Namen gefunden: „Lebendige Gemeinde“. Denn wir hatten schon 1970 gemerkt, dass die Kirchenleitungen unfähig oder nicht willens sind, irgendetwas zu ändern.
Der Zerfall der Leitungsbereitschaft und die Folgen für die Kirche
Die Kirchenleitungen haben sich auf den Pluralismus eingeschworen. Jeder darf vertreten, was er will. Allerdings darf niemand über den Herrn Landesbischof schimpfen, sonst folgt ein Verfahren. Über den Herrn Jesus hingegen kann jeder behaupten, was er möchte.
Wir müssen diese Kirche zusammenhalten, ähnlich wie die Engländer all ihre Dominions trotz unterschiedlicher Meinungen und Prägungen zusammengehalten haben. So ein bisschen wollen wir dieses „Ding“ auch zusammenhalten.
Dazu kam ein zweiter Punkt: Mein verehrter, väterlicher Freund, Landesbischof Martin Haug, bei dem ich einige Zeit als Sekretär arbeiten durfte, hat einmal gesagt, dass der Wille zum Leiten und die Bereitschaft, sich leiten zu lassen, verloren gegangen seien.
Bei denen, die leiten sollten – also Dekanen, Prälaten und Bischöfen – fehlt der Wille, klare Grenzen zu setzen. Sie sagen nicht mehr: „Hör mal, das hört aber auf, das möchte ich nicht mehr hören.“ Das gehört aber zur Leitung.
Auch bei denen, die eigentlich Untergebene sind – die gibt es ja auch noch in der Kirche – ist die Bereitschaft zum Sich-leiten-Lassen gebrochen. Diese erhalten ihren Gehalt und werden gefragt, ob sie bei Bibel und Bekenntnis bleiben.
Wenn sie visitieren und sagen: „Aber hören Sie mal, das muss aufhören, so wie Sie letzten Sonntag gepredigt haben, damit kann niemand leben und sterben“, dann antworten sie oft nur mit „ja, ja“ und denken, morgen sei der Besuch wieder weg, dann machen sie weiter wie bisher.
Die Bereitschaft, sich leiten zu lassen, war schon 1970 zerbrochen.
Deshalb war unser Anliegen damals, und wir haben die absolute Mehrheit in der württembergischen Landessynode bekommen. Gemeindeglieder, die wahrscheinlich nicht einmal am Heiligen Abend zum Gottesdienst gingen, sagten: Wenn schon, dann wollen wir Leute, die das vertreten.
Wir wussten jedoch, dass wir die Kirche nicht durch Synodalbeschlüsse ändern können. Wir konnten nur ein Schutzschild errichten für die Pfarrer und Gemeinden, die wirklich geistlich lebendig sein wollen.
Wir wollten außerdem ein Schutzschild für die Missionsunternehmungen aufstellen, die in Württemberg entstanden sind: Hilfe für Brüder, Christliche Fachkräfte International, Christliche Coworkers, Carmel Mission.
In anderen Landeskirchen wurde die Fülle der Missionswerke gar nicht zugelassen. Hilfe für Brüder durfte in keiner anderen Landeskirche bezahlte Anzeigen in Gemeindeblättern schalten. Die Kirchenleitung verbot dies.
In Württemberg war das möglich, weil wir die Synodalmehrheit hatten.
Im Stillen fand ein Kampf statt, den viele vielleicht gar nicht wahrgenommen haben.
Die Entstehung und Bedeutung des Begriffs „evangelikal“
Damals wurde in Deutschland der englische Begriff „evangelikal“ übernommen – nicht von uns, sondern von der Presse. Diese hatte plötzlich bemerkt, dass sich bei Gruppen wie „Lebendige Gemeinde“, auf dem Gemeindetag oder bei den großen Evangelisationen von Bergmann nicht nur Pietisten und Gemeinschaftsleute versammelten. Es waren auch Zever und Immer dabei, landeskirchliche Gemeindeglieder, sogar einige landeskirchliche Pfarrer sowie Herr Professor Hengel von Tübingen und Herr Professor Beierhaus.
Das konnte man nicht mehr einfach als Pietismus bezeichnen. Deshalb benötigte man neue Begriffe. Damals übernahm die Presse den Namen „evangelikal“ für diese neue Sammelbewegung. Der Begriff „konservativ“ passte nicht, denn die Presse stellte fest, dass diese Gruppen die modernste Arbeit leisteten, die es überhaupt gab. Der Henssler Verlag und der Evangeliumsrundfunk waren so modern, wie es in keiner Landeskirche zu finden war.
Das einfache Etikett „konservativ“ passte also nicht. Alle bisherigen Schlagworte, die wir verwendet hatten, waren nicht mehr treffend. Deshalb wurde „evangelikal“ benutzt, und wir haben das auch akzeptiert. Schließlich musste man ja einen Namen haben. Wir waren zwar nicht stolz darauf, aber so wollten wir antreten – mit dem Evangelium von Jesus, an dem wir uns ausrichten wollten.
Die zunehmende Verwirrung und der Verlust klarer Botschaften
Es kam aber noch schlimmer in der württembergischen Kirchchristenheit – und nicht nur in Württemberg. Ich war ja auch in den Synoden der evangelischen Kirche in Deutschland. Dort kam es so weit, dass ich gerne diese Geschichte erzähle:
Zu Beginn jedes Synodaltags hielt ein Mitglied der Synode die Morgenandacht. Am ersten Tag war es unsere Frau Doktor Kimmich, ein Mitglied der lebendigen Gemeinde, eine fromme Frau. Sie hielt die Andacht, las die Losung, legte sie aus und betete aus dem Herzen.
Am nächsten Tag hielt Frau Doktor Anne-Lore Schmid die Andacht. Sie war ebenfalls eine Württembergerin, aber von der offenen Kirche, von der liberalen Seite. Sie las aus dem Losungsbüchlein, hielt eine Andacht und betete ebenfalls aus dem Herzen.
Neben mir saß Lieselotte Funke, die damalige Staatsbeauftragte für Kirchenfragen. Sie sagte zu mir: „Herr Schäffbuch, haben Sie nur Evangelikale aus Württemberg geschickt? Bei uns sind selbst die Liberalen so fromm, dass man sie als Evangelikale ansieht.“
Man merkt also, dass die Begriffe nicht weiterhelfen, weil die Prägungen auch in den anderen Territorien Deutschlands etwas anders waren. Aber wir haben gemerkt, dass es nicht mehr nur der Kampf um Bibel und Bekenntnis ist. Es wird viel undurchsichtiger. Der Teufel ist ein großer Durcheinanderbringer.
Es wurde viel vom gekreuzigten Jesus gesprochen, der uns ein Vorbild im Leiden ist, im Martyrium, und dass wir auch bereit sein müssen, Schicksalsschläge einzustecken. Es wurde von Ostern gesprochen: Nach dunklen Stunden kommt immer wieder eine helle Stunde. Doch plötzlich merkten sie, dass das nicht mehr das ist, was die Bibel meint.
Vor allem aber kam nie ein Ruf zum Glauben. Stattdessen hieß es: Gott liebt alle Menschen. Jeder, der stirbt, kommt in den Himmel. Es ist alles in Ordnung. Und wer zum Glauben aufruft und sagt, wie wir es heute Morgen gehört haben: „Wer dem Sohn Gottes nicht gehorsam ist, über dem bleibt der Zorn Gottes“, so kann man heute nicht mehr kommen.
„Du störst die Gemeinschaft in unserer Kirche, du bist intolerant.“ Plötzlich haben diejenigen, die die große Toleranz verbreitet haben, sich sehr intolerant gezeigt.
Es kam das hervor, was heute ganz schlimm ist: Man hört ganz selten noch in Kirchen oder kirchlichen Verlautbarungen den Namen Jesus. Es wird von Gott gesprochen.
Mein Sohn war als Vikar in einer modernen, gut laufenden Gemeinde. Dort sagte eine Kirchengemeinderätin zu ihm: „Herr Schäffbuch, warum reden Sie so viel von Jesus? Gott genügt auch. Es ist zwar gut, wegen der vielen Russlanddeutschen, dass Sie hin und wieder von Jesus sprechen, aber sonst brauchen wir das nicht. Wir regen damit bloß die Juden auf, für die Jesus nicht der Messias ist, und erst recht die Muslime. Wir sprechen von Gott, ganz allgemein vom göttlichen Wesen.“
Das hat damals schon angefangen, aber heute ist es ganz schlimm.
Die zentrale Frage der Gerechtigkeit vor Gott
Es hat damals damit begonnen, dass die Frage „Wie werde ich gerecht vor Gott?“ zur zentralen Frage des Neuen Testaments wurde. Jesus sagt im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner, dass der Zöllner „gerechtfertigt“ vor Gott ging.
Nicht fromme Werke machen uns vor Gott gerecht, sondern Gott erklärt uns gerecht. Jesus betont: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, habt ihr euch doch verfehlt. Die Pharisäer bemühten sich sehr, untadelig zu sein. Doch es gibt eine Gerechtigkeit, die noch besser ist – nämlich dass Gott gerecht macht. Gott ist hier der Gerechtmacher, der Sünder gerecht spricht.
Die Grundfrage im Buch Hiob lautet: „Wer kann gerecht sein vor unserem Schöpfer?“ Im Buch Jesaja heißt es: „Unsere Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Gewand.“ Das versteht jeder Mensch. Das bedeutet nicht, dass alles, was wir tun, falsch ist. Aber unsere Gerechtigkeit ist wie ein Gewand mit Flecken.
Wenn meine Frau sagt: „Mit dieser Krawatte kannst du nicht mehr in die Öffentlichkeit, da sind zwei Flecken drauf.“ Sie meint, die Krawatte ist schön und selten, aber zwei Flecken sind eben da. So ist es auch mit unserer Gerechtigkeit: Es gibt viel, was gut und schön ist, aber es sind Flecken darauf.
Wie kann ich vor Gott gerecht sein? Der Herr Jesus ist zur Erlösung gekommen, um Sünder gerecht zu machen. Wo hört man das heute noch, zum Beispiel in kirchlichen Rundfunkandachten? Noch bei Helmut Rilling, dem Musiker, konnte man es hören. Er veranstaltete ein Gesprächskonzert für Abgeordnete, die Landesregierung und die Kirchenleitung in Stuttgart.
Er sagte: „Bei Jesu meine Freude“ entspricht dem Eingangschor und dem Schlusschor der Motette „Jesu meine Freude“. In der Mitte steht: „Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.“ Dann strich er sich die Locke aus dem Gesicht und wiederholte: „Wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.“ Er schaute zu den CDU-Leuten und sagte noch einmal: „Wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.“
Das war die tollste Evangelisation, die ich je gehört habe. Dort wurde laut ausgesprochen, was man sonst so selten in der Kirche hört: dass das die Mitte ist. Stattdessen wird heute oft von Toleranz gesprochen, davon, dass man einander annehmen muss. Unsere Gottesdienste sollen erfüllt sein von Leben, Musik, Bewegung und Theaterspiel.
Die Götzenkritik und die Grenzen der kirchlichen Kritik
Es ist bei jedem Verkündigungsauftrag immer eine gewisse Götzenkritik dabei. So haben es die alten Propheten gehalten. Sie sagten: „Tut eure Götzen weg“ – aus Steingötzen. Die Missionarspredigt richtete sich immer gegen die Götzen.
Auch die modernen Pfarrer, Verkündiger, Diakone und Gemeindehelferinnen haben gegen den Götzen des Kapitalismus gesprochen und gegen den Götzen der Industrie. So lange, bis in Ulm der Herr Käsper und all die Leute aus der Industrie, die früher zum Gottesdienst kamen, weggeblieben sind. Ich weiß das noch, nicht wahr?
Doch gegen den Götzen der Sexualisierung haben sie nicht gesprochen. Stattdessen wurde im Münster ein Homogottesdienst gefeiert. Auch gegen den Götzen der Ichsucht, die wir alle haben, wurde nicht gesprochen. Die eigentlichen Götzen wurden gar nicht benannt.
Plötzlich merkten wir, dass wir mit all unserem Kritisieren gar nicht mehr ankommen. Es wird nicht mehr gehört, sondern belächelt.
Wichtig ist, dass wir einzelne Zellen aufbauen. Wir Evangelikalen wollen einzelne Werke unterstützen, die vielen entstandenen Missionswerke und Werke der Öffentlichkeitsarbeit. Die Großtreffen wie ProChrist, Christival und das Jesus-Haus wollen wir unterstützen und dafür sorgen, dass sie einen Freiraum bekommen.
Die innere Not und die Herausforderungen im kirchlichen Alltag
In jenen Jahren, kurz vor seinem Tod, habe ich meinem alten Chef Martin Haug noch einmal mein Leid geklagt. Er schrieb mir zurück: „Ihre Not ist auch meine Not. Die Kirche muss hineingehen in das Wasser der Gesellschaft, aber das Wasser der Meinungen der Gesellschaft darf nicht in das Schiff der Kirche eindringen. Doch nun ist schon so viel Wasser in die Kirche hineingelassen, ja hineingepumpt worden, dass das Schiff der Kirche seinen Kurs nicht mehr halten kann.“
Es gilt, die Luken zu schließen. Es geht wahrhaftig um etwas anderes als um den vielberufenen Pluralismus: Was tun? Nein sagen, wo der Irrweg schon offenkundig ist. Aber noch viel wichtiger ist es, fröhlich und getrost das biblische Wort weiterzusagen, so gut wir es können, und auf seine Macht zu vertrauen.
Das hat mich damals getroffen, in einer Situation, in der ich nicht mehr wusste, wie man wirklich weitermachen soll: Das Wort Gottes weiterzusagen, wie man es überhaupt nur verantwortlich und gut weitergeben kann, hinein in die Ohnmacht der Kirche.
Aber jetzt noch ein weiterer Punkt: Die Not ist nicht bloß das, was ich bei den falschen Meinungen gesagt habe. Wir haben auch, das sehe ich jetzt mit Abstand, Erwartungen geweckt bei den einzelnen Leuten, die uns unterstützt haben. Sie sagten: „Die Evangelikalen sind recht“, auch wenn sie noch so in der Presse gescholten wurden.
„Gut, so muss man sein.“ Wir haben steile Erwartungen geweckt, die nie eingehalten wurden und von denen wir auch nie gesprochen haben. Die Leute dachten, wenn sie die Mehrheiten in der Synode haben, würden sie bloß noch ganz fromme Bischöfe wählen und alle anderen ausschließen. Sie würden aus dem Weltkirchenrat austreten und alle anderen Missionswerke verbieten – was überhaupt nicht möglich war.
Es waren Erwartungen da, die nicht erfüllt wurden. Wir würden bloß noch fromme Professoren berufen. Dabei haben wir gar nicht gemerkt, dass das Kultusministerium und die Universität das selbst machen und nicht die Kirchenleitung. Es gab viel Enttäuschung.
Unsere Geschwister von den Freikirchen haben uns in diesem Ringen weitgehend allein gelassen, weil sie sagten: „Wenn wir diesen Streit anfangen, dann bekommen wir im eigenen kleinen Haus auch noch Spaltungen.“
Die Konferenz bekennender Gemeinschaften war plötzlich ohne Kraft, weil sie auseinanderbrach. In der Konferenz bekennender Gemeinschaften gab es Streit: Die einen waren für die Kindertaufe, die anderen für die Glaubenstaufe, mitunter Tauchen in fließendem Wasser, in nicht fließendem Wasser. Man stritt sich über Kleinigkeiten: Soll man für Russlanddeutsche eigene Gemeinden gründen oder sie integrieren? Soll man beim Kirchentag mitmachen als gutes Ferment oder fernbleiben? In vielen Abendmahlfeiern wurde Wein gereicht, in anderen nur Saft.
In vielen Einzelheiten hat man sich selbst zerfleischt und konnte gar nicht mehr gemeinsam wirken. Eine weitere Not war: Dieses kritische Prüfen der Geister, der Verkündigung, hat auch viele – lassen Sie mich so sagen – kleine Geister geweckt, die sich plötzlich als Propheten sahen.
Wenn man sich die Leserbriefspalten von IDEA ansieht, sind drei Viertel davon Leute, die in allem herummeckern, sodass man überhaupt keinen gemeinsamen Kurs mehr findet. Sie kritisieren auch alles Innerevangelikale: „Es ist lange noch nicht richtig, es muss ganz anders sein.“
In der Zwischenzeit ist eine neue Generation herangewachsen – unsere hoch erfreuliche junge Generation, junge erweckte Menschen. Es ist eine helle Freude, sie bei den Jugendtreffen zu sehen. Aber sie sagen: „Eure Streitereien wollen wir nicht wissen.“
„Warum soll man sich so für die Bibel verkämpfen und fürs Bekenntnis? Man kann heute doch nicht mehr singen: ‚Befiehl du deine Wege‘ – wer versteht das?“
Ich sage dann immer: „Wenn ihr singt: ‚Ich werfe mich vor den Thron deiner Majestät‘ – wer weiß, was Majestät ist und wer weiß, was ein Thron ist?“ Also benutzen sie Begriffe, die höchst veraltet sind. Aber ich will mich ja nicht mit ihnen streiten.
Sie empfinden: Solange man keinen Paul-Gerhard-Choral mit vielen Synkopen singen kann, kann man ihn nicht singen. Man muss ihn ein bisschen mit Schlagzeug aufpeppen, dann wird er erst richtig. Was nicht fetzig ist, geht nicht. Und vor allem: Es muss ein Klima da sein, in dem man sich wohlfühlt. Eure Streitereien, euer Kämpfen, euer Misstrauen hat doch gar keinen Wert.
Und was soll die Taufrage, die Bekenntnisfrage, die Wahrheitsfrage? Unser lieber geistlicher Lehrer Walter Klach in Württemberg hat einmal zu seinen jungen Studenten im Bengelhaus in Tübingen gesagt: „Ihr singt mir zu viel Halleluja. Bis an mein Lebensende und bis ich vor den Thron Gottes gehe, muss ich ‚Herr, erbarme dich‘ singen.“
Das wurde nicht verstanden. Am gemeintesten war der alte Kritiker: „Was soll das?“
Also sehen wir, dass hier eine neue Generation herangewachsen ist, die das alles nicht mehr versteht.
Die eigentliche Not, meine eigentliche Not, wenn ich mich vor Gott prüfe, ist: Habe ich denn die Bibel ernst genommen? Gab es irgendeinen der Propheten, vom Elija angefangen bis Johannes dem Täufer, auf den je gehört wurde? Haben wir gemeint, man würde auf unser Mahnen hören?
Warum haben wir nicht aus der Bibel gelernt? Warum haben wir gemeint, man könne die Kirche, auch die Organisation der Kirche, zurückrufen zu einem klaren Kurs?
Habe ich nicht aus der Bibel gelernt, dass in Israel König um König der Abfall da war? Immer wieder neue. Wenn ein frommer König zufällig mal dazwischen war, hat der Nächste schon wieder die Baalsgötter angebetet und die frommen Statuen aus dem Tempel hinausgeworfen und die Baalsgötzen angebetet.
Das ist der Normalfall: Die Götzendienerei im Volk Gottes, im Tempel, hat nicht aufgehört.
Die persönliche geistliche Prüfung und die Sehnsucht nach Leben
All das Kämpfen in Synoden, das Schreiben von Artikeln, das Mahnen und die Briefe haben mich geistlich kaputt gemacht. Ich dachte, ich sei im Recht. Wenn die anderen nur genauso wären, wäre alles gut. Doch kam ich angesichts all der Kämpfe überhaupt noch zur Ruhe des Betens? Konnte ich noch auf das Wort Gottes lauschen?
In unserer ganzen pietistisch-evangelikalen Welt, umgeben von einem weiten Kreis von Menschen, über den man nur weinen kann, weil sie nicht mehr wissen, was Evangelium ist, sind wir in großer Gefahr. Wir laufen Gefahr, nicht mehr zu fragen: Hungere ich nach der Gerechtigkeit? Verlange ich täglich lechzend nach einem Wort Gottes, mit dem ich leben kann? Kann ich noch brennend beten oder schimpfe ich nur über die anderen, die es nicht mehr können?
Gilt das für mich noch, was der Apostel Paulus sagt, dass auch die Trübsale etwas bringen (vgl. Römer 5,3-5)? Oder bete ich lieber: „Gott, nimm sie weg“? Vor sechs Jahren, als ich schwer krank war, hatte ich die Sehnsucht, abzuscheiden und bei Christus zu sein. Oder sage ich heute: „Da gibt es auch noch einen Heilpraktiker, der vielleicht helfen kann, damit ich drei Monate länger lebe“?
Wir geben uns als biblisch aus – ich auch. Doch ich muss mich fragen: Wo stehe ich selbst?
Die Erinnerung an schlesische Kirchengeschichte als Ermutigung
Jetzt, nach dieser schweren Kost, eine kleine Erinnerung: In wenigen Tagen darf ich eine Gruppe von Berlin nach Breslau begleiten, auf den Spuren der Schlesier. Dabei habe ich ein wenig schlesische Kirchengeschichte gelesen.
Ich liebe die schlesischen Christen, all die Pfarrer und Gemeindeglieder – die Polster und Karupka. Ach, sie waren auch eine Bereicherung für unsere württembergische Kirche. Der Herr Kraschina in Ulm, Grimmelfingen, fromme und würdige Leute. Sie haben zwar unser Leben in Württemberg ein wenig durcheinandergebracht, weil sie im Gottesdienst angefangen haben, das Kreuz zu schlagen oder den Segen mit erhobenen Händen zu geben. Das war damals überhaupt nicht katholisch. Sie haben sich beim stillen Gebet zum Altar gewendet – fromme Leute. Inzwischen machen es fast alle so.
Aber ich habe die Schlesier geliebt und liebe sie bis heute. Es hat mich betroffen gemacht zu lesen, dass in dieser frommen Kirche die Hälfte unserer alten Choräle aus Schlesien stammt: Valerius Herberger, Johann Hermann, Zinzendorf, Garbe – genau, Hochinteressant. Die Schlesier hatten eine besondere Frömmigkeit: „Ich will dich lieben, meine Stärke, ich will dich lieben, meine Zier“ – Angelus Silesius, Johann Schiffler.
Um 1820, fast zur gleichen Zeit, als die Erweckung aus England kam, brach in Schlesien die Aufklärung ein. Diese titanische Strömung, die den menschlichen Geist in den Vordergrund stellte. Warum sollte man überhaupt im Gottesdienst das Bibelwort auslegen? Es gibt doch auch gute Schriftsteller wie Goethe, über die man predigen kann. Warum muss der Pfarrer überhaupt Amtstracht tragen? Er kann doch ein Fantasiekostüm anziehen, wenn er will.
Die alten Lieder konnte man nicht mehr singen, völlig unmöglich, die alten Choräle. Man hat sie abgeschafft und mit Zetteln gelebt. Es entstanden 52 neue Gesangbücher, wo auch immer, von denen heute überhaupt nichts mehr existiert. Man kennt sie überhaupt nicht mehr.
Die Privatbeichte wurde abgeschafft, man braucht nicht mehr zu beichten. Beim Begräbnis, warum ein Bibelwort? Man muss die Menschen beim Begräbnis loben, was sie alles geleistet haben. So kam es innerhalb von 15 Jahren zu einem völligen Zusammenbruch des kirchlichen Lebens.
Der Erfolg war, dass die Kirchen leer waren. Die Pfarrer predigten sogar gegen die Sonntagssitte und den Gottesdienst. Man müsse nicht in die Kirche gehen, Hauptsache sei, dass man im Herzen einen Glauben habe. Und der Erfolg war, dass dann wirklich alles kaputt war.
Der Neuanfang durch gemeinsames Bibelstudium und Ermutigung
Und wie kam es dann dazu, dass diese schlesische Kirche wieder eine lebendige Kirche wurde, erfüllt von geistlichem Leben? Verstehen Sie Jochen Klepper: Zieh nicht an, was du selbst bist – dieses Schlesien, diese schlesische Frömmigkeit.
Wie kam es dazu? Professor Eberlein, der die Kirchengeschichte geschrieben hat, sagt, es geschah, weil die Herrnhuter einige Reiseprediger schickten. Diese zogen von Ort zu Ort und sammelten ein paar fromme Leute, die sagten: Wir wollen uns in die Tiefe der Bibel hineinbohren, nicht nur oberflächlich bleiben.
So versammelten sich Menschen, die wirklich im Glauben stehen wollten. Sie ermutigten sich gegenseitig, schrieben Briefe, hielten Kontakt und sagten: Wir wollen in unseren Häusern die Andacht wieder einführen und die alten Choralgesänge singen – besonders die Paul-Gerhardt-Choräle und die Johann-Hermann-Choräle.
Nach zwei Generationen war wieder geistliches Leben da. Ich möchte das nicht als Rezept ausgeben, denn so etwas kann man nicht einfach als Rezept umsetzen. Der Herr Jesus muss uns selbst sagen: Wach doch auf!
Dennoch halte ich das, was hier auf der langen Steinbacher Höhe geschieht oder auf dem Schönblick bei uns, für bedeutsam. Dass Menschen, die überhaupt noch nicht im Glauben leben oder wachsen wollen, sich sammeln. Und dass wir merken: Was ich bisher aus der Bibel erkannt habe, ist nur oberflächlich. Ich muss noch viel tiefer hineingehen.
Die paar Jahre, die mir noch auf dieser Erde geschenkt sind, möchte ich nutzen, um in die Geheimnisse Gottes hineinzukommen. Das ist ewiges Leben: Jesus und seinen Vater zu erkennen. Das ist keine bloße fromme Übung, sondern phantastisches Leben.
Die Bedeutung kleiner Gemeinschaften und persönlicher Begegnungen
Wach auf, werde wach und stärke das Andere, das sterben will.
Ich habe im Moment den schönsten Dienst in Korntal, wo ich seit zwölf Jahren wohnen darf. Dort lade ich kleine Gruppen ein. In unserer Gemeinschaft sind wir manchmal acht, manchmal zehn Personen.
Am letzten Donnerstag haben mich sechs 18-jährige Mädchen eingeladen. Sie wollten wissen, welches Bibelwort ich ihnen als Erfahrung meines Lebens weitergeben möchte. Daraufhin haben wir zwei Stunden darüber gesprochen.
Nächste Woche bin ich bei der Jungschar, bei den Zwölfjährigen, zwanzig junge Kerle. Es ist schön, dass wir hier so einen Kreis haben.
Es war schön, wenn ich im Ulmer Münster predigen durfte. Aber Leben kann Gott aus diesen kleinen Kreisen entstehen lassen. Leben entsteht dort, wo drei Angehörige am Bett einer Schwerkranken sitzen und nicht wissen, was sie sagen sollen. Dann lesen sie einen Vers: „In der Welt habt ihr Angst.“ Doch Jesus spricht: „Ich habe die Welt überwunden.“
Sie werden merken, welche Kraft in so einem Wort liegt – nicht in dem, was wir sagen: „Es wird schon wieder recht, und du hältst schon durch“, sondern wenn wir ein Jesuswort weitergeben.
Es wäre wie ein Gesangbuch: „Seiner Hand entreißt mich nichts, wer will diesen Trost mir rauben? Mein Erbarmer selbst verspricht's, sollte ich seinem Wort nicht glauben.“
Haben Sie Mut zu den kleinen Schritten!
Wir haben in der evangelikalen Welt immer noch Großtreffen und Großveranstaltungen, und ich habe mitgemischt. Ich habe mich gefreut, dass wir es nicht zu weit auswerfen konnten. Aber erinnern Sie sich noch einmal an das Bild der Lokomotive Spur 1, die surrt, aber sich nicht mehr bewegt.
Ich wünsche mir, dass unser Herr etwas bewegen kann – bei uns und durch uns.
Stärke das Andere, das sterben will.
Die Kraft des Gebets und die Hoffnung auf Erneuerung
Ich habe heute Morgen davon gesprochen, dass Schriftsteller auch in unserer Zeit immer wieder den Begriff Erlösung verwenden. Ich habe den Eindruck, sie kommen noch nicht zum Wesentlichen, nämlich dass wir vom Bösen erlöst werden. Jesus hat uns gelehrt: „Vater, erlöse uns vom Bösen“, vom Teufel, von dieser Macht.
Wir dürfen anderen sagen: „Ich will mit dir beten, darf ich?“ Dann kann etwas geschehen. So war es zum Beispiel, als ich das letzte Mal wegen einer Bauchspeicheldrüsenerkrankung im Krankenhaus war. Neben mir lag ein schwäbischer Handwerksmeister. Abends fragte ich ihn: „Herr, darf ich mit Ihnen beten?“ Er antwortete: „Wenn Sie es nicht lassen können, machen Sie es eben.“
Am nächsten Morgen sagte er: „So gut habe ich schon lange nicht mehr geschlafen wie heute Nacht.“ Er konnte nicht genau sagen, dass das Gebet ihn gestärkt habe, aber wir ahnen nicht, wie sehr wir andere mit dem stärken können, was uns der Herr Jesus anvertraut hat.
Werde wach und stärke andere, die sterben wollen.
Der abschließende Gebetsruf zur Erneuerung
Darum dürfen wir beten, Herr Jesus: Du hast uns einen weiten Weg geführt. Du hast uns durch viele Aufbrüche begleitet, die Du uns nach 1945 geschenkt hast. Auch in den Fünfzigerjahren gab es große Treffen, neue Bibelausgaben, Bibelarbeitshilfen und Vorbilder.
Herr, unsere Patentanten und Großmütter, unsere Erzieherinnen und die vielen Frauen, die uns eine Hilfe waren – Du hast so viel Kapital in unser Leben hineingesteckt.
Jetzt bitte ich Dich: Lass dieses Kapital bei uns nicht versanden. Wecke es noch einmal auf, damit auch wir zu Segensträgern werden können.
Du kannst uns dieses Wort zuteilen: Kummi, steh auf, werde wach und gib denen Stärkung, die sie brauchen. Danke dafür, Amen.
