Einführung: Die historische Gestalt Jesu und die Bedeutung der Quellenlage
Erst Jahre später wurde die Geschichte des jüdischen Wanderlehrers und Gelehrten aufgeschrieben. Keiner weiß, wie er aussah, wie er lebte und wer er wirklich war – zumindest nicht nach historisch-kritischer Methode.
Wir haben beschlossen, dass wir nicht nur die Evangelien als Quellen betrachten. Puh, wenn man das so hört, könnte man denken, dass Jesus irgendein obskurer Typ war, über den man kaum etwas weiß. Dann stellt man sich vielleicht die Frage, ob er nicht vielleicht nur eine Legende war. Hat es ihn wirklich gegeben?
Doch dann wird einem wieder klar: Wir reden von einer der bekanntesten historischen Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte. Über kaum einen Menschen aus dieser Zeit und dessen Leben haben wir so viele, so umfangreiche, so detaillierte und so zuverlässige Informationen wie über Jesus. Nicht über Kleopatra, nicht über Nero, nicht über Kaiser Qing Chuyandi, nicht einmal über Alexander den Großen.
Und denk mal darüber nach: Ist es wirklich so überraschend, dass Jesus von Nazareth, die einflussreichste Person der Weltgeschichte, so viel Kontroverse und auch Missverständnisse aufwirbelt?
Damit willkommen beim Bibelfit-Projekt, wo wir versuchen, leicht verständlich tiefer in die Bibel einzusteigen, Jesus im modernen Alltag nachzufolgen und heute harte Fragen von Nichtchristen zu beantworten.
Jeden Beitrag ergänze ich mit Übersichten, biblischen Entscheidungshilfen, kompletten Hörbüchern, Büchern und sogar Onlinekursen. Das gibt es alles gratis auf der Website, dank freiwilliger monatlicher Spenden von Menschen wie dir.
Heute schauen wir uns eine Dokumentation an, mit dem vielleicht etwas irreführenden Titel „Gab es Jesus wirklich?“ Ich hoffe, du schaust diesen Beitrag bis zum Ende, denn du wirst mehrere Dinge hören – über Elon Musk und den Stand unserer Gesellschaft –, die dir vorher nicht klar waren. Warum das mit Jesus oder dem ZDF zu tun hat, wirst du gleich sehen.
Kontext und Einfluss der ZDF-Dokumentation
Zum Hintergrund: Terra X ist eine Programmmarke des ZDF und gehört somit zum steuerfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich habe gelesen, dass die Produktionskosten für die Folgen, darunter auch für diese Jesus-Folge, bei etwa 300.000 Euro liegen können. Das ist eine erhebliche Summe und keine Kleinigkeit.
Bis heute hat diese ZDF-Doku über 2,3 Millionen Videoaufrufe allein auf YouTube. Der YouTube-Kanal von Terra X verzeichnet insgesamt rund 250 Millionen Kanalaufrufe. Das bedeutet, dass diese Doku, obwohl sie erst im letzten Jahr erschienen ist, innerhalb kürzester Zeit extrem viele Menschen darin beeinflusst hat, wie sie über Jesus denken.
Man muss an der Doku einiges würdigen. Am Ende wird eindeutig die Aussage getroffen, dass es Jesus wirklich gegeben hat. Die Frage, ob Jesus tatsächlich gelebt hat, kann man so beantworten: Jesus war eine historische Person. Etwas anderes zu behaupten, ist auch historisch nicht haltbar. Zudem haben sie mit Dieter Vieweger jemanden dabei, der sehr gut zeigen kann, wie die architektonischen Landschaften Jerusalems zur Jesuszeit ausgesehen haben könnten – das ist unbestritten.
Trotzdem weist diese Doku und die Art, wie das ZDF Teile daraus moderiert, umrahmt und bestimmte Punkte darstellt oder nicht darstellt, eine gewisse Schlagseite auf. Darüber darf man sprechen, gerade bei einem steuerfinanzierten Beitrag. Manche Aussagen in der Doku sind sehr gut, und diese wollen wir uns kurz anschauen und auch würdigen.
Andere Aussagen sind jedoch etwas einseitig, teilweise sogar tendenziös. Manche Behauptungen sind so unvollständig, dass die Darstellung nicht mehr korrekt ist. Andere sind logisch falsch, und einige sind sogar nachweislich historisch falsch. Das ist bei der großen Reichweite, die diese Doku hat, problematisch.
Das möchte ich hier aufzeigen, belegen, ergänzen und versuchen geradezurücken, damit es wirklich hilfreich ist. So kannst du die Informationen konkret greifen und besser einordnen.
Vorbemerkungen und persönliche Motivation
Drei kurze Bemerkungen, bevor wir starten:
Erstens: Ich werde zwischendurch mehrfach auf Dinge zurückgreifen, die wir hier schon einmal besprochen haben. Deshalb gibt es in diesem Beitrag eine Reihe von Einblendungen, damit auch alle ohne Vorwissen diesem Beitrag folgen können.
Zweitens: Du bist Christ und findest es gut, dass es solche Videos hier gibt? Dann drück gern die Glocke unter diesem Video mit. So weiß YouTube, dass Beiträge von mir und anderen Christen auf Interesse stoßen, und zeigt sie automatisch mehr Menschen an. Das ist eine gute Sache. Ich persönlich mache das bei anderen Kanälen auch.
Und letzte Vorbemerkung: Warum mache ich diesen Beitrag? Ich bin selbst Christ, das will ich gar nicht verschweigen. Aber ich bin nicht Christ geworden, weil ich so aufgewachsen wäre, oder weil ich irgendein Gefühl hatte, irgendeine magische Erfahrung gemacht habe oder weil all meine Kumpels Christen gewesen wären. Nichts davon trifft zu.
Ich bin Christ, weil ich denke, dass das Christentum die eine Weltanschauung ist, die wahr ist. Erstens, weil es Gott gibt. Zweitens, weil das Neue Testament zuverlässig ist. Und drittens, weil Jesus wirklich auferstanden ist. Die logische Schlussfolgerung daraus ist, dass das Christentum wahr ist – und das mit guten Gründen.
Siehst du, wenn das Christentum nicht wahr wäre, dann sollte niemand von uns Christ sein, auch du und ich nicht. Aber wenn das Christentum wahr ist, dann sollte jeder Christ sein. Das Ding ist nur: Christ zu werden heißt, sein Leben zu verändern. Ich denke, das spielt hier mit rein.
Du wirst gleich sehen, dass Leute beispielsweise das Neue Testament viel kritischer bewerten, als es für irgendein vergleichbares historisches Dokument aus der Zeit sachgemäß wäre. Außerdem wirst du sehen, warum Menschen gegen so vieles, was mit Jesus zu tun hat, viel stärker ankämpfen als es bei jeder anderen historischen Person der Fall ist.
Ob zum Beispiel Alexander der Große dieses oder jenes gesagt hat oder ob er am Ende an Malaria oder an einer Lebensmittelvergiftung gestorben ist, das hat ja alles keine Auswirkungen auf dein oder mein Leben. Bei Jesus von Nazaret ist das anders.
Seine Botschaft vom kommenden Weltgericht, sein Leben mit dem ernst gemeinten Anspruch, Gott in Person zu sein, sein stellvertretender Tod und seine Auferstehung – all das dient dazu, dass du und ich vor diesem jüngsten Gericht gerettet werden können. Wenn das stimmt, dann geht das dich und mich etwas an.
Und da ziehen Menschen manchmal andere Seiten auf, das wirst du gleich sehen. Aber lass dich hier nicht von Emotionen oder Wunschdenken leiten. Schauen wir uns jetzt gemeinsam die Punkte dieser ZDF-Produktion an.
Positive Aspekte der ZDF-Dokumentation
Zuerst zu den Punkten, die wirklich gut sind.
Erstens: Es ist sehr positiv, dass in dieser Produktion nicht die alte Leier wiederholt wird, die immer wieder durch soziale Medien geistert. Diese besagt, dass das Neue Testament angeblich verfälscht sei und man ohnehin nicht wisse, was damals wirklich aufgeschrieben wurde. Der Archäologe Vieweger, der interviewt wird, weiß das natürlich besser.
Zweitens: An einer Stelle geht es um das Geburtsjahr von Jesus. Nach dem Evangelisten Lukas fand sie zur Zeit des Königs Herodes statt. König Herodes ist historisch belegt, er starb aber bereits im Jahr vier vor Christus. Was dort gesagt wurde, ist richtig: Jesus wurde zwischen sieben vor Christus und vier vor Christus geboren. Unter anderem deshalb, weil Herodes der Große, unter dem Jesus geboren wurde, im März vier vor Christus gestorben ist.
Jetzt denkt man vielleicht: Moment mal, Jesus Christus soll vor Christus geboren sein? Das hängt damit zusammen, dass die Zeitrechnung, wie wir sie heute kennen, erst im Jahr 525 nach Christus vom osteuropäischen Gelehrten Dionysius Exiguus begründet wurde. Das ist eine faszinierende Geschichte. Nur beim entscheidenden Datum, nämlich bei Jesu Geburt, hat sich Dionysius um wenige Jahre vertan. Deshalb ist Jesus nach dieser Zeitrechnung, die wir bis heute nutzen, ironischerweise vor Christus geboren.
Drittens: Die Animationen in der Dokumentation sind richtig gut und teilweise sehr aufschlussreich. So lässt sich historisch an dieser Stelle eine frühe Gedenkstätte aus dem ersten Jahrhundert belegen. Nach der Überlieferung soll hier Jesus begraben worden sein und nach christlichem Glauben drei Tage später von Gott auferweckt worden sein. Auch die Erklärung von Herrn Vieweger zum Ort von Golgatha ist sehr gelungen. Dort sieht man sehr deutlich, wie Golgatha beschaffen war: als ein stehengebliebener Kalksteinfelsen. Das dort gebrochene Gestein war für den Bau ungeeignet.
Viertens: Es ist auch klasse gemacht, dass der Stein erklärt wird, anhand dessen man Pontius Pilatus nachweisen kann. Der große Stein mit seinem Namen wurde verwendet, um ihn im Theater von Caesarea einzubauen. Er diente dort als Sitzfläche. Als das Theater vor dreißig Jahren neu ausgegraben wurde, fand man den Stein.
Früher haben manche Leute gesagt, das Neue Testament sei angeblich unglaubwürdig, nichts davon könne passiert sein und so weiter. Doch alle paar Jahre werden immer wieder handfeste Beweise gefunden, die zeigen, dass nicht alles im Neuen Testament komplett falsch sein kann. Wenn dann immer noch Leute sagen, das Neue Testament sei total unbestimmt, man könne es nicht festmachen, es sei ein Märchenbuch – das ist nicht logisch.
Nur als Randnotiz: Neben den Evangelien kennen wir Pontius Pilatus außerdem aus den Schriften von Philo von Alexandrien, von Flavius Josephus und von Tacitus. Das wird gleich sehr wichtig.
Soweit zu den sehr positiven Dingen aus der Dokumentation. Es gibt noch mehr, aber ich möchte die Zeit nutzen, um zu den ambivalenten Punkten weiterzugehen.
Die Ausgangsfrage und ihre Problematik
Die Ausgangsfrage der Doku ist selbst etwas kurios, weil sie so klingt, als ob das Thema umstritten wäre. Das ist ein Stück weit so, als ob man eine Doku macht und sie mit der Frage überschreibt: Gibt es wirklich Klimawandel? Oder: Ist Deutschland ein unbesetztes Land? Solche Fragen lassen mitschwingen, dass die Antwort vielleicht unklar sein könnte.
Ich möchte auch sagen: Natürlich ist die ZDF-Doku nur ein wenige Minuten langer YouTube-Clip. Und natürlich ist das in einer Viertelstunde oberflächlich. Manches wird reißerisch und überdramatisiert dargestellt, wenn Wissenschaft und Methoden herangezogen werden, um Schlüsse über das Leben und Wirken Jesu zu ziehen.
Ich verstehe vollkommen, dass es immer schwierig ist, den passenden Titel für ein Video zu wählen, wenn man möchte, dass es viele Leute sehen. Das ist eine Gratwanderung zwischen Clickbait und nüchterner Information. Ja, ich habe mittlerweile auch Videos über Hunde produziert – das Problem kenne ich.
Deshalb stellt sich immer wieder die Frage, wie reißerisch etwas sein darf und kann. Meiner Meinung nach setzt die ZDF-Doku hier eine irreführende Note. Es wird der Eindruck erweckt, als ob irgendein ernstzunehmender Historiker oder Archäologe anzweifeln würde, dass Jesus von Nazareth wirklich gelebt hat, wirklich geatmet, zugehört, geliebt, geweint, gesprochen und gestorben ist – und dass sein Grab leer war.
Keiner bezweifelt das. Das ist absoluter Konsens, auch in atheistischer Geschichtswissenschaft – mehr dazu gleich – und in der historischen Jesusforschung.
Deshalb schauen wir uns jetzt die logischen und historischen Knackpunkte aus der ZDF-Doku an. Dabei beginnen wir mit den oberflächlichen Punkten und steigern uns dann zu den Stellen, an denen das Gesagte nicht richtig ist – und warum.
Die Bedeutung des Namens und die Darstellung Jesu
Fangen wir mal ganz oberflächlich an: Jesus Christus – ein Mann, ein Name und eine Geschichte. Hinter dem Namen Jesus Christus steckt jedoch mehr.
Jesus Christus ist nämlich kein Eigenname. Sein Eigenname war Jeshua, die aramäische Form von Joshua. Auf Griechisch, im altgriechischen Interzeptor Ginter, wird es beispielsweise als Iesus ausgesprochen. Deshalb wurde der Name latinisiert und auf Latein als Iesus geschrieben.
Nachnamen gab es damals nicht. Man wurde über die Familie oder den Herkunftsort identifiziert. Deshalb wurde Jesus entweder Jeshua bar Joseph genannt, also Jesus, Sohn des Joseph, und damit zur Familie Josephs gehörig, oder Jeshua bar Marjam beziehungsweise bar Mirjam, je nachdem, ob er zur Familie der Maria gehörte. Alternativ wurde er auch nach seinem Herkunftsort bezeichnet, etwa Jeshua bin Sade.
Jesus Christus ist ein Titel, ein Ehrentitel. Er bedeutet so viel wie Jesus der Christus, Jesus der Messias, Jesus der von Gott versprochene Retter der Welt. Wenn ich also Jesus mit diesem Titel nenne, setze ich voraus, dass ich Jesus als den Christus anerkenne.
Das ist vergleichbar damit, wenn ich heute von Bundeskanzler Scholz spreche. Wenn du zum Beispiel Verschwörungstheoretiker bist und die Bundesregierung nicht anerkennst, weil du denkst, die Wahl sei verfälscht oder Deutschland sei ein besetztes Land, würdest du Olaf Scholz nicht als Bundeskanzler anerkennen. In diesem Fall würde es keinen Sinn machen, ihn als Bundeskanzler Scholz zu bezeichnen oder ihn mit „Herr Bundeskanzler“ anzureden.
Deshalb ist „Jesus Christus“ keine historische Bezeichnung, sondern ein religiöses Bekenntnis. Dass dieser Titel einfach als Eigenname verwendet wird, ohne jegliche Erklärung, etwa in einer öffentlich-rechtlichen, steuerfinanzierten Dokumentation, die nur historisch arbeiten und weltanschaulich neutral sein will, ist, wenn man darüber nachdenkt, schon etwas kurios.
Kommen wir zum nächsten Punkt: Übersetzt bedeutet „INRI“ „Jesus von Nazareth, König der Juden“. Aber dass auf dem Kreuz „INRI“ stand, ist nicht historisch gesichert.
Das Problem ist folgendes: Die Inschrift, der sogenannte Titulus, der am Kreuz angebracht war, sollte für Außenstehende verständlich sein. Vier Buchstaben allein erzählen jedoch kaum etwas. Über den genauen Wortlaut am Kreuz sind sich Historiker noch nicht einig. Auch in den Evangelien werden unterschiedliche Versionen mit vier verschiedenen Graden an Ausführlichkeit überliefert.
Es ist aber wahrscheinlich, dass Vorbeilaufende sofort die Anklage verstanden haben, wegen der Jesus gefoltert wurde. Deshalb wird dort mindestens „König der Juden“ gestanden haben.
Die geografische Reichweite und der soziale Status Jesu
Jesus war, so die Überlieferungen im Neuen Testament, vornehmlich als Wanderprediger in Galiläa unterwegs. Doch das ist nicht ganz korrekt.
Ich habe eine Karte erstellt, auf der du sehen kannst, wo Jesus überall unterwegs war und welches weite Territorium er über mehrere Länder hinweg abgedeckt hat. Dieses Gebiet reicht vom Hermonberg im hohen Norden, im heutigen Syrien, über den Meereshafen Tyros im heutigen Libanon, über die Jesraelebene in den heutigen palästinensischen Autonomiegebieten bis hin zur Dekapolis und Perea im heutigen Jordanien. Auch das westliche Emmaus, von dem aus man den Mittelmeerstrand sehen konnte, gehört dazu.
Wir denken manchmal, dass Jesus ein unbedeutender Wanderprediger aus der Wüste gewesen sei, der nur in Provinzen umhergelaufen ist und wegen seiner Menschenfreundlichkeit Jahrhunderte später hochstilisiert wurde. Diese Vorstellung ist historisch falsch.
Ein oberflächliches Beispiel: Du kannst im Neuen Testament alle Stellen durchgehen, in denen Jesus zu Lebzeiten etwas tut oder sagt, und sie zählen. Dabei wirst du feststellen, dass in 63 Fällen berichtet wird, dass Jesus sich nicht draußen unter freiem Himmel befindet. In zwei von drei Fällen wird erwähnt, dass er in Gebäuden handelt und spricht – in Häusern, im Tempelkomplex, in Synagogen oder in heutigen Begriffen Büros.
Wir wissen auch, dass Jesus selbst Immobilienbesitzer war und ein eigenes Haus hatte. Zudem wissen wir, wo sich dieses Haus befand.
Das heißt, Jesus als eine Art freigeistigen Naturliebhaber oder vagabundierenden Hippie darzustellen, ist fragwürdig. Hier stellt sich die Frage, auf welcher historischen oder textlichen Grundlage eine solche Darstellung beruht.
Zusammengefasst war Jesus damals ein hochberühmtes internationales Phänomen. Wir haben häufig keine klare Vorstellung von der Reichweite und der Gefolgschaft, die er schon zu Lebzeiten hatte.
Ich bereite gerade ein eigenes Video zu diesem Thema vor. Wenn du Interesse hast, kannst du die Glocke hier unten aktivieren, dann wirst du informiert, sobald das Video verfügbar ist.
Die Rolle von Pontius Pilatus und das Aussehen Jesu
In der nächsten Szene der ZDF-Dokumentation geht es darum, dass Pontius Pilatus Jesus zur Kreuzigung verurteilt. Es wird erwähnt, dass Pilatus Jesus verurteilt und kreuzigen ließ. Diese Darstellung ist jedoch nicht ganz korrekt. Denn als Jesus vor Pilatus stand, war er bereits vom Synhedrion, dem Hohen Rat, misshandelt worden. Bevor Pilatus ihn zur Kreuzigung verurteilte, ließ er Jesus auch geißeln. Das bedeutet, Jesus muss deutlich anders ausgesehen haben als in der gezeigten Szene.
Und wo wir schon beim Thema Aussehen sind: Wie sah Jesus eigentlich aus? Niemand weiß das genau. Ähnlich verhält es sich bei historischen Figuren wie Dschingis Khan oder Alexander dem Großen. Warum also die Unsicherheit?
Die Darstellung im ZDF ist einerseits positiv, weil Jesus mit einem Kopftuch gezeigt wird. Das ist realistisch für die damalige Zeit. Jesus ist im kulturellen Gedächtnis geblieben und wurde zur Hauptfigur einer Weltreligion. Andererseits wird er immer wieder ohne Kopftuch dargestellt, ebenso wie seine Jünger. Die Berichte über ihn stammen immer aus zweiter oder dritter Hand, doch es gibt historische Dokumente.
Zwischendurch tauscht die Doku sogar den Schauspieler für Jesus aus und lässt niemand anderen die Rolle spielen.
Die Evangelisten berichten, dass Jesus das Reich Gottes in dieser Welt errichten wollte. Aus römischer Sicht konnte das so verstanden werden, dass er das römische Herrschaftssystem in Frage stellte. In der Doku wird Jesus mit langen Haaren dargestellt, wie der erwartete jüdische Messias.
Laut Überlieferungen im Neuen Testament wollte Jesus den Entrechteten eine Stimme geben und war für die Kranken da. Das ist jedoch nicht sehr wahrscheinlich. Man muss bedenken, dass Paulus im Neuen Testament aus einem jüdischen Hintergrund schreibt, den Jesus geteilt hat. Zur damaligen Zeit galt es für Männer als Schande, lange Haare zu tragen.
Es wird auch erwähnt, dass man damals ein heiliges Gelübde ablegen konnte, das sogenannte Nasiräer-Gelübde. Dieses Gelübde bedeutete, dass man sich die Haare wachsen ließ, obwohl die Menschen sonst kurze Haare hatten.
Eine der ersten Zeichnungen von Jesus, die wir kennen, stammt aus Dura Europos. Dort ist Jesus deutlich mit kurzen Haaren dargestellt. Möglicherweise hatte er auch Koteletten und einen Backenbart – das wissen wir nicht genau.
Wir wissen, dass Jesus sich an alle Gebote gehalten hat, was auch Gottes Empfehlung entspricht. Auch im Alten Testament, zum Beispiel beim Propheten Hesekiel, finden sich Hinweise auf kurze Haare.
Die Doku zeigt zudem Frauen, die ohne Kopftuch herumlaufen, was für die damalige Zeit nicht glaubwürdig ist. Niemand weiß genau, wie Jesus aussah oder wie er lebte. Hier hätte der Archäologe widersprechen müssen.
Wir wissen erstaunlich viel über die Zeit Jesu. Über diese Epoche der Antike wissen wir sogar mehr als über das Frühmittelalter in Europa.
Zu dem Thema, wie es damals wirklich aussah und wie Jesus gelebt hat, möchte ich in wenigen Wochen ein eigenes Video veröffentlichen. Wer möchte, kann gern die Glocke drücken, dann wird man über das Video benachrichtigt.
Darstellung der Kreuzigung und historische Fakten
Dann wird in der Dokumentation ganz kurz eine Kreuzigung dargestellt. Wir stellen das ungefähr so dar: Der damalige römische Kaiser Tiberius regierte von 14 bis 37 nach Christus. Er duldete keine politischen Widerstände im Römischen Reich. Jeder Aufstand wurde verfolgt und niedergeschlagen.
Ein paar Anmerkungen dazu: Damals wurden Menschen nackt gekreuzigt. Es ist verständlich, dass dies in der Dokumentation nicht gezeigt wird. Dennoch gehört es zur Wahrheit dazu. Auch dass die Gekreuzigten am Wegesrand gezeigt werden, ist historisch korrekt. Ohne dass ein Aufseher oder jemand vom römischen Militär danebensteht, der darauf achtet, dass niemand kommt, um sie herunterzuholen oder zu befreien, ist dagegen nicht plausibel.
Die Füße wurden angenagelt, das sagen die Berichte, und das kennen wir auch von anderen Fällen. Genagelt wurde durch den Sprunggelenk-Knochen. Das hält und tut furchtbar weh. Es war eine Möglichkeit, den Menschen dort zu befestigen und ihn leidend, aber auch regungslos zu machen.
Was du gerade gesehen hast, das stimmt. Das war der Beinknochen eines jungen Mannes namens Johann Ben Hagagula. Er war ein junger Mann, der zur gleichen Zeit wie Jesus von den Römern auch in Jerusalem gekreuzigt wurde. Sein Grab wurde 1968 gefunden. Wie du sehen kannst, steckte der Nagel dort immer noch in seinem Fußknochen.
Ich habe selbst alle römischen und altgriechischen Quellen gelesen, die uns zum Thema vorliegen, wie eine Kreuzigung damals ablief. Hier findest du eine historisch korrekte Darstellung von unseren Illustratoren. Ich habe auch ein eigenes Video gemacht, das zeigt, wie eine Kreuzigung damals aus den römischen Quellen heraus tatsächlich abgelaufen ist. Das habe ich dir hier unter dem Video verlinkt.
Ich werde demnächst auch ein eigenes Video über weitere biblische Hinrichtungsmethoden machen. Du kannst gern die Glocke mitdrücken, dann wird das auch angezeigt.
Quellenlage und Bedeutung von Augenzeugenberichten
Jesus selbst hat keine Schriften verfasst. Die Berichte über ihn stammen immer aus zweiter oder dritter Hand. Puh, das klingt ja dramatisch. Aber ist es das wirklich?
Bei den Begriffen „zweite“ und „dritte Hand“ denkt man vielleicht an Second-Hand-Shops. Meine Assoziation ist zum Beispiel, dass Hosen oder Hemden, die schon von mehreren Personen getragen wurden, nicht mehr so hochwertig sind wie neue Kleidung. Aber bei historischen Quellen bedeutet „zweite oder dritte Hand“ etwas anderes. Es heißt, dass andere Menschen über dich berichten.
Was das ZDF damit also sagen will, ist im Klartext: Jesus hat keine Autobiografie geschrieben. Dafür berichten viele andere Menschen über Jesus. Und das soll ein Problem sein?
Ich gebe dir mal ein nicht religiöses, also ein unemotionaleres Beispiel. Schau dir zum Beispiel Tiberius Iulius Caesar Augustus an, Kaiser Tiberius. Er war zu Jesus’ Lebzeiten römischer Kaiser. Auch er hat keine überlieferte Schrift verfasst. Was wissen wir überhaupt über ihn?
Es gibt einen zeitgenössischen, aber knappen und enthusiastischen Bericht. Außerdem existieren zwei Werke, die etwa siebzig bis achtzig Jahre nach Tiberius’ Tod verfasst wurden: eine kurze Biografie von Sueton und eine historische Erzählung von Tacitus, die allerdings zwei Lücken aufweist. Dann folgt noch eine weitere historische Erzählung von Cassius Dio, die jedoch fast zweihundert Jahre nach Tiberius’ Tod abgefasst wurde.
Das heißt, die Situation von Kaiser Tiberius ist mit der von Jesus vergleichbar. Und wenn du ehrlich bist, ist die von Kaiser Tiberius sogar von der Ausgangssituation her um einiges schlechter als bei Jesus. Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, mit dramatischer Musik zu sagen: „Kaiser Tiberius, keiner weiß, wie er gelebt hat oder wie er aussah, er hat keine Schrift verfasst, alles über ihn kommt aus zweiter oder dritter Hand. Hat es ihn wirklich gegeben?“ Das wäre absurd. Du kannst es ja einfach mal selbst durchdenken.
Was ist denn die Alternative? Die Alternative dazu, dass andere Leute über dich berichten, ist, dass du dir zu Lebzeiten selbst eigene Denkmäler setzt. Zum Beispiel hat Caesar das getan mit „De Bello Gallico“. Oder Kaiser Augustus hat seine Autobiografie geschrieben über sein eigenes Leben – mit dem bescheidenen Titel „Die Taten des vergöttlichten Augustus“.
Dazu musst du aber wissen, dass das die ganz große Ausnahme bei historischen Personen der Antike war, eigenhändige Schriften zu hinterlassen. Die absolute Mehrzahl – selbst der 99 römischen Kaiser von Augustus bis zum Untergang des Weströmischen Reichs – hat keine eigenen Texte hinterlassen.
Willst du jetzt in Frage stellen, dass sie existiert haben, nur weil sie keine eigenen Schriften hinterlassen haben? Schon allein daran siehst du, dass das keine historisch-wissenschaftlich sinnvollen Kriterien sind, die hier an Jesus’ Leben angelegt werden.
Und wenn Jesus eigene Schriften geschrieben hätte, würde ich 50 Euro darauf wetten, dass sich die Kritiker dann an genau diesen Schriften abarbeiten würden. Sie würden sagen, dass sie bestimmt nicht von Jesus sind, dass sie falsch überliefert wurden und so weiter und so fort.
Die Geburtsberichte und Argumente aus dem Schweigen
Markus, der älteste Evangelist in der Bibel, berichtet nichts über Bethlehem als Geburtsort. Tatsächlich erwähnt er überhaupt nicht die Geburt oder Kindheit von Jesus.
Daraus abzuleiten, dass Jesus historisch zweifelhaft sei, ist jedoch keine gute Argumentation. Es ist auch nicht stichhaltig. Dieser häufige Logikfehler hat sogar einen eigenen Namen: Argumentum e silentio.
Was bedeutet das eigentlich? Nur weil man nicht genau weiß, wo jemand geboren wurde, heißt das nicht, dass diese Person nicht existiert. Wie relevant ist diese Information für die Frage, ob es Jesus wirklich gegeben hat oder nicht?
Was würde es bedeuten, wenn die Geburtsorte einflussreicher Menschen unbekannt sind? Zum Beispiel bei Pontius Pilatus, dessen Geburtsort bis heute nicht bekannt ist.
Und wie sieht es bei historischen Persönlichkeiten aus, die nichts mit dem Christentum zu tun haben und deren Geburtsort ebenfalls unbekannt ist?
Beispielsweise Sultan Ben Ahmad, Herrscher des Oman im 19. Jahrhundert. Oder Ralph Winter, ein Abgeordneter des Bundesstaats Mississippi im 19. Jahrhundert, der seinen eigenen Geburtsort nicht kannte, weil er damals afroamerikanischer Sklave war, bevor er Abgeordneter wurde.
Auch Edward Winter, Gouverneur der East India Company im 17. Jahrhundert, hat einen unbekannten Geburtsort. Ebenso Sir William Booth, dem im 17. Jahrhundert die gesamte britische Seeflotte unterstand.
Was ist mit John Blythe, dem Bischof von Salisbury im 15. Jahrhundert? Oder mit Publius Cornelius Lentullius Scipio, einem römischen Senator zur Zeit Jesu?
Was ist mit Eukleides, der im 5. Jahrhundert vor Christus den Stadtstaat Athen regierte und dort das griechisch-ionische Alphabet einführte? Auch bei ihm wissen wir nicht, wo er geboren wurde.
Und schließlich Gengis Khan, dem Alleinbefehlshaber des Mongolenreiches, des längsten zusammenhängenden Reiches der Weltgeschichte. Gengis Khan bestimmte über mehr als 17 Prozent dieses Planeten. Von ihm wissen wir ebenfalls nicht genau, wo er geboren wurde.
Bei all diesen Menschen ist der genaue Geburtsort bis heute unbekannt oder gar nicht überliefert. Und das ist völlig in Ordnung.
Man kann leicht erkennen, dass der genaue Geburtsort historisch nicht entscheidend ist. Mehr darüber, was wir über Jesus und Gott wissen, findest du im Buch „Kein Gott ist auch keine Lösung“. Dieses Buch hat schon Tausenden von Menschen geholfen. Du kannst es gern kostenlos mitnehmen. Klicke dafür einfach auf den Link unter diesem Video.
Die historisch-kritische Methode und ihre Herausforderungen
Und damit kommen wir zu den größeren Kritikpunkten. Das ZDF spricht nämlich endlich den Elefanten im Raum an.
Mit dem Neuen Testament und der Person Jesu beschäftigen sich Theologen heute wissenschaftlich unter Verwendung der sogenannten historisch-kritischen Methode. Diese Methode hat zum Ziel, die Bibel in ihrem damaligen historischen Kontext einzuordnen. Dabei werden auch andere historische Wissenschaften und Methoden berücksichtigt, um Schlüsse über das Leben und Wirken Jesu zu ziehen.
Das klingt zunächst, als wäre es aus einem Lehrbuch vorgelesen. Doch das ist nicht ganz vollständig und stimmt so nicht ganz. Es wäre ein eigenes Thema mit einer langen Vorgeschichte, aber man sollte zumindest wissen, was mit dem Begriff „historisch-kritisch“ gemeint ist und welcher Geist dahintersteckt.
Ursprünglich bedeutete der Begriff „Kritik“ in den Wissenschaften nur „Beurteilung“, ähnlich wie in Ars Kritica, also die Beurteilung von etwas. Später wurde der Begriff auch als „Untersuchung“ verstanden, wie zum Beispiel bei Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Dort geht es darum, die reine Vernunft auf ihre Leistungsfähigkeit hin zu untersuchen.
Deshalb meint der Begriff „Bibelkritik“, der im 17. Jahrhundert auftaucht, etwa bei dem Exegeten Richard Simon, zunächst nur die systematische Untersuchung und Analyse von biblischen Zusammenhängen – ohne einen destruktiven Hintergedanken. Das ist unproblematisch.
Im 18. Jahrhundert, mit Denkern wie Lessing, Baumgarten, Semmler und der hochproblematischen liberalen Theologie im 19. Jahrhundert, verändert sich der Begriff „Bibelkritik“ jedoch begriffsgeschichtlich. Warum? Weil der philosophische Hintergrund ein ganz anderer ist.
Man beginnt, zunächst sehr vorsichtig und später ganz vehement, alles Übernatürliche in der Bibel zu bestreiten. Man will keine Autoritäten mehr über sich und sein Leben anerkennen. Theologen wie Töllner und Jerusalem werfen die Trinität komplett über Bord. Jesus wäre angeblich nicht mehr der Sohn Gottes.
Andere wie Eberhard behaupten, es gebe keine Ewigkeit der Höllenstrafe und niemand müsse sich bekehren. David Friedrich Strauss sieht das Neue Testament als völlig veraltete Mythen an. Albrecht Ritschl meint, man solle vom Neuen Testament, wenn überhaupt, nur noch die Ethik übernehmen; alles andere sei Quatsch. Das Reich Gottes müsse man sich selbst auf Erden schaffen.
Diese Denkweise funktionierte vor dem Ersten Weltkrieg recht gut. Zwischenzeitlich wurde sogar ernsthaft versucht, im selben Geist das apostolische Glaubensbekenntnis – „Ich glaube an Gott den Vater“ usw. – abzuschaffen. Und das sind Theologen, die so etwas der Christenheit lehren. Wahnsinn! Ausläufer davon findet man bis heute.
Zusammengefasst bedeutet der Begriff „historisch-kritisch“ im heutigen Kontext zwei Dinge, die man nicht einfach unterschlagen darf.
Erstens: Leute, die sagen, sie arbeiten historisch-kritisch, gehen oft mit einem methodischen Atheismus an die Bibel heran. Das heißt, sie tun so, als wären sie Atheisten, während sie ihre Untersuchungen durchführen und publizieren. Eigentlich müsste man in jedem dritten Satz – vor allem bei den Ergebnissen – hinzufügen: „Wenn es Gott auf keinen Fall gäbe, dann ...“ Das ist nicht unwesentlich.
Zweitens: Die historisch-kritische Methode bedeutet heute oft eine Kritik, die weit über eine weltanschaulich neutrale Betrachtung hinausgeht. Das kann dazu führen, dass gerade christliche Texte und Berichte Maßstäben unterworfen werden, die man bei einem normalen, säkularen historischen Text niemals anwenden würde. Das sollte man sich merken, denn das wird gleich noch sehr wichtig.
Die Evangelien als antike Quellen und die Auswahl der Quellen
Neben den antiken Quellen berichten auch die Evangelien im Neuen Testament der Bibel über das Leben Jesu. Das klingt so, als ob es einerseits antike Quellen und andererseits die Evangelien gäbe. Das stimmt jedoch nicht. Die Evangelien sind selbst antike Quellen. Nach der gängigen geschichtswissenschaftlichen Definition sind Quellen alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann.
Die Evangelien des Neuen Testaments sind Texte aus einer bestimmten Zeitperiode. Mit ihrer Hilfe kann Wissen über diese Zeit gewonnen werden. Das heißt, die Evangelien sind per Definition schon formell antike Quellen. Dabei hat die Maus keinen Faden verloren.
Wie zuverlässig die Evangelien sind, schauen wir uns gleich an. Doch das ist eine andere Frage als die, ob die Evangelien überhaupt Quellen sind. Diese beiden Aspekte gegenüberzustellen – also Quellen oder Evangelien – ist schwierig. Das ZDF erweckt damit bei den Zuschauern einen Eindruck, der die neutestamentlichen Berichte, die sogenannten Evangelien, sofort mit einem Stempel versieht und sie ins Abseits stellt.
Ausgerechnet eine der Kernaussagen des ZDF lautet: Wir haben beschlossen, dass wir nicht nur die Evangelien als Quellen betrachten können. Denn das sind natürlich Berichte von Leuten, die Follower von Jesus waren, Nachfolger, die Mission betreiben wollten. Deshalb brauchen wir auch ganz unabhängig davon die römischen Schriftsteller.
Das ist eine große Sache, deshalb wollen wir uns kurz damit beschäftigen. Ich will ernst nehmen, was hier gesagt wird. Das ZDF sagt in der Dokumentation, dass die Augenzeugenberichte des Neuen Testaments als Wissensquelle für alles über Jesus nicht zugelassen werden sollen. Das ist eine starke Aussage. Das schauen wir uns jetzt an. Ich erkläre das ganz einfach, damit jeder ohne Vorwissen folgen kann.
Das ZDF sagt also, dass die Augenzeugenberichte des Neuen Testaments als Wissensquelle für alles über Jesus nicht zugelassen werden sollen. Die Frage ist: Was nehmen sie dann? Sie sagen, sie können nur Angaben aus außerchristlichen, also nichtchristlichen Quellen akzeptieren.
Dazu führen sie von allen nichtchristlichen Quellen zu Jesus nur drei an. Erstens den jüdischen Talmud. Zweitens die Berichte des römischen Historikers Publius Cornelius Tacitus, der zeitlich deutlich näher dran ist. Und drittens die Berichte des Jerusalemer Historikers Flavius Josephus.
Die nichtchristlichen Quellen Tacitus und Josephus
Schauen wir uns zunächst die beiden Historiker an, beginnend mit Publius Cornelius Tacitus. Was sagt man über Tacitus? Tacitus, ein römischer Historiker und Politiker, berichtet in seinen „Annalen“ über Christus, den Namensgeber der von den Römern verhassten Christen. Das ist richtig, allerdings wird nicht angegeben, wann genau dies geschah. Tacitus starb im Jahr 117, daher muss der Text, den er hier schreibt, logischerweise vor 117 verfasst worden sein.
Bemerkenswert ist auch, dass Tacitus sich in diesem Zusammenhang auf die Ereignisse rund um den großen Brand Roms bezieht. Hören wir genauer hin! Tacitus kommentiert die Schuldfrage Neros am Brand von Rom und schreibt: Um von diesen Berichten abzulenken, schob Nero die Schuld auf eine Gruppe, die wegen ihrer Abartigkeiten gehasst wurde, die von der Allgemeinheit Christen genannt wurde, und fügte ihnen die grausamsten Foltern zu. Christus, von dem ihr Name stammt, musste unter der Herrschaft des Kaisers Tiberius auf Befehl eines unserer Prokuratoren, Pontius Pilatus, die schlimmste erdenkliche Strafe erleiden. Doch danach brach ein schändlicher Aberglaube aus, nicht nur in Judäa, sondern bald darauf auch in Rom.
Der große Brand von Rom fand vom 19. bis zum 26. Juli des Jahres 64 statt. Das ist wichtig, weil Tacitus erwähnt, dass zu dieser Zeit bereits eine Gruppe nach Christus benannt war. Das bedeutet, Jesus war damals bereits einer wachsenden Anzahl von Menschen bekannt. Nach den Kriterien der sogenannten inneren Quellenkritik können wir somit auf die 60er Jahre zurückgehen. Diese Zeit liegt nur etwa 30 Jahre nach dem Leben Jesu, also vergleichbar mit heutigen Berichten über die Wende und den Mauerfall.
Hinzu kommt, dass wir Quellen besitzen, die nur wenige Wochen bis Monate nach Jesu Tod und Auferstehung entstanden sind. Es ist bedauerlich, dass das ZDF diese Quellen nicht erwähnt. Doch dazu gleich mehr.
Der nächste Historiker, den Sie nennen, ist Flavius Josephus. Der römisch-jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtet im ersten Jahrhundert über Jesus und die Ereignisse zu seinen Lebzeiten. Josephus gilt als einer der wichtigsten Zeugen für die Geschehnisse zu Jesu Zeit. Er schreibt im sogenannten Testimonium Flavianum. Diese Textstelle ist jedoch wissenschaftlich umstritten. Sie gilt weder als Fälschung noch als ein uneingeschränktes Christusbekenntnis.
Bei den Passagen, in denen Josephus über Jesus berichtet, sind sich Forscher nicht ganz sicher, ob Christen in späteren Jahrhunderten diese Stellen nachbearbeitet haben. Das stimmt, Christen könnten diese Textstellen ergänzt oder verändert haben. Allerdings ist es irreführend, was das ZDF dazu behauptet.
Ich möchte an dieser Stelle einräumen, dass unter heutigen Geschichtswissenschaftlern noch nicht abschließend geklärt ist, wie ausführlich die Passage ist, die Josephus selbst verfasst hat. Um auf Nummer sicher zu gehen, gebe ich hier nur die konservativste Version wieder, bei der sich alle Forscher einig sind, dass Flavius Josephus wenigstens Folgendes berichtet hat:
„Zu dieser Zeit lebte ein weiser Mann namens Jesus. Er verhielt sich gut und war bekannt dafür, tugendhaft zu sein. Viele Menschen von den Israeliten und anderen Völkern wurden seine Nachfolger. Pilatus verurteilte ihn, durch Kreuzigung zu sterben. Doch seine Nachfolger verließen ihn nicht. Sie berichteten, dass er ihnen drei Tage nach seiner Kreuzigung begegnet sei und lebendig war. Das heißt, vielleicht war er der Messias, über den die Propheten Wunder erzählt haben.“
Das war die konservative Kurzfassung. Das, was das ZDF abbildet, entspricht bereits dieser konservativen Version, bei der unter internationalen Geschichtswissenschaftlern Konsens besteht, dass Flavius Josephus sie zumindest in dieser Form geschrieben hat. Das ZDF kürzt diesen Text zusätzlich noch weiter und behauptet dann, dass selbst diese konservative Fassung möglicherweise von Christen eingefügt wurde. Das ist wissenschaftlich schwierig zu belegen.
Eine letzte Anmerkung dazu: Das Bild, das das ZDF von Flavius Josephus zeigt, habe ich früher ebenfalls verwendet. Dieses Bild ist jedoch nicht unumstritten, da es ein romantisiertes Bild von Josephus darstellt. Das sieht man zum Beispiel am auffälligen orientalischen Turban, der eher an das Osmanische Reich erinnert, also nicht an das jüdische oder römische 1. Jahrhundert.
Deshalb sage ich das auch ganz selbstkritisch: Ob es politisch korrekt ist, Josephus mit osmanischen oder türkischen Stereotypen aus dem Osmanischen Reich darzustellen, ist fraglich. Darüber sollte man vielleicht noch einmal nachdenken. Aber gut, wir machen jetzt weiter.
Kritik an der Quellenauswahl und Darstellung des ZDF
Zusammengefasst sagt das ZDF also, dass sie nur Angaben von Tacitus und Josephus akzeptieren. Das wirft die mehr als berechtigte Frage auf, ob diese Vorauswahl überhaupt sinnvoll ist. Das klären wir gleich.
Das Problem ist, und ich weiß nicht, wie ich das beschönigend ausdrücken soll: Das ZDF hält sich selbst nicht an seine eigenen Maßgaben. Im Gegenteil, mehrfach in der Dokumentation thematisieren sie Geschehnisse und stellen diese als historisch dar, obwohl sie weder bei Tacitus noch bei Josephus zu finden sind.
Noch einmal: Sie behaupten etwas, das bei jedem seriösen Historiker ein ernstes Stirnrunzeln hervorrufen wird. Nämlich zuerst, dass für sie nur gilt, was Nichtchristen über Jesus sagen. Doch dann halten sie sich selbst nicht daran. Ich zeige es dir. Hast du noch im Hinterkopf, was Tacitus und Josephus über Jesus gesagt haben? Dann schau mal hier, wie das ZDF trotzdem über Sachen berichtet, von denen bei Tacitus und Josephus überhaupt nicht die Rede ist.
Das ZDF hält sich also nicht an seine eigenen Maßgaben. Schau mal hier: Das hier scheint die Bergpredigt darzustellen, von der bei Josephus und Tacitus nichts erwähnt ist. Hier geht es um Golgatha, wovon ebenfalls mit keinem Wort die Rede ist. Auch heute liegt Golgatha inmitten der Altstadt, und inmitten der Altstadt befindet sich die heutige Via Dolorosa. Damals wäre sie aber außerhalb gewesen. Auf Golgatha wurde Jesus nach dem Neuen Testament gekreuzigt.
Die Frage zur Inschrift auf Jesus’ Kreuz wird ebenfalls thematisiert, obwohl sich bei Tacitus und Josephus nichts dazu findet. Übersetzt bedeutet INRI „Jesus von Nazareth, König der Juden“.
Ein weiteres Thema ist die Frage, wo Jesus geboren wurde. Ist Bethlehem wirklich Jesu Geburtsort? Markus, der älteste Evangelist in der Bibel, berichtet nichts von Bethlehem als Geburtsort. Die Quellenlage spricht vielmehr dafür, dass Nazareth die Heimatstadt von Jesus war. Auch Johannes schreibt von „Jesus aus Nazareth, dem Sohn Josefs“.
Berichte darüber, was Jesus alles getan hat, werden ebenfalls thematisiert: Jesus nahm Prostituierte und Zöllner in Schutz, den Entrechteten wollte er eine Stimme geben, er war für die Kranken da und sogar für Kinder. Auf diese Weise wollte er das Reich Gottes in dieser Welt errichten.
Auch der Bundesstaat Galiläa wird erwähnt, obwohl er weder bei Tacitus noch bei Josephus vorkommt. Trotzdem nimmt das ZDF ihn aus den Evangelien auf. Jesus, so die Überlieferungen im Neuen Testament, war vornehmlich als Wanderprediger in Galiläa unterwegs. Anfang des ersten Jahrhunderts war dieses Gebiet Teil des Römischen Reiches.
Schließlich nutzt das ZDF die Evangelien für die zeitliche Einordnung von Jesus. In den Evangelien finden sich jedoch historische Anhaltspunkte, die Hinweise auf die zeitliche Einordnung der Geburt und die politischen Umstände geben.
Persönliche Einschätzung zur Quellenkritik des ZDF
Meine persönliche Meinung
Ich vermute, dass die Produzenten des ZDF ihre selbstgesetzten Kriterien nicht durchsetzen, weil sie selbst wissen, dass diese nicht sinnvoll sind. Aber lassen wir uns der Sache mal auf den Grund gehen.
Welchen Grund sollte es eigentlich geben, die Evangelien nicht als historische Quellen über Jesus gelten zu lassen? Dafür gibt es zwei mögliche Rechtfertigungen.
Rechtfertigung A: Weil in den Evangelien von übernatürlichen Dingen die Rede ist. Das Problem ist nur, dass das kein guter Grund ist, die Evangelien komplett auszuschließen. Schau mal: Das Neue Testament hat 260 Kapitel, und insgesamt wird in 37 verschiedenen Kapiteln von übernatürlichen Dingen, also Wundern im Zusammenhang mit Jesus, berichtet. Rein mathematisch sind das 14,2 Prozent der Kapitel.
Wenn ein Historiker jetzt sagt, er kann diese Passagen mit den Wundern zunächst nicht erfassen, weil er das wissenschaftlich nicht erklären kann, verstehe ich das ein bisschen anders, aber ich kann es nachvollziehen. Die Frage ist nur: Soll der Historiker deswegen die restlichen 85 Prozent des Textes, in denen hinsichtlich Jesus keine übernatürlichen Dinge erwähnt werden, komplett verwerfen? Ist das ein wirklich sinnvolles Vorgehen?
Darauf gibt es bereits eine Antwort: Historiker sind sich einig, dass man keineswegs das Kind mit dem Badewasser ausschütten sollte. Das sieht man zum Beispiel an der Geschichtsschreibung über den römischen Kaiser Vespasian.
Konkretes Beispiel: Die drei Chronisten Sueton, Tacitus und Cassius Dio berichten davon, dass der römische Kaiser Vespasian in Alexandrien, also in Nordägypten, war und dort angeblich Heilungswunder vollbracht haben soll. Manche Kritiker behaupten sogar, dass diese Wunder denen von Jesus ähnlich gewesen sein sollen. Lassen wir das mal kurz beiseite.
Was machen heutige Historiker mit diesen Passagen? Sagen sie, dass diese drei Chronisten - Sueton, Tacitus und Cassius Dio - völlig diskreditiert sind, um irgendetwas aus Vespasians Leben zu rekonstruieren? Nehmen sie die Schriften und werfen sie ins Kaminfeuer? Keineswegs!
Im Gegenteil: Geschichtswissenschaftler arbeiten selbstverständlich mit diesen Quellen. Mehr noch, um genau den Aufenthalt von Kaiser Vespasian in Alexandrien zu rekonstruieren, werden genau diese Quellen herangezogen, obwohl in diesen Stellen von Wundern die Rede ist.
Das heißt: Seriöse Forscher legen vielleicht einzelne Wörter einer Quelle, die das Übernatürliche thematisieren, erst einmal beiseite, was ja auch verständlich ist. Aber mit allen anderen Teilen der Quelle arbeiten sie unter ganz normalen historischen Methoden weiter.
Vergleiche das mal mit dem, was bei Jesus und den Evangelien gemacht werden soll. 85 bis 86 Prozent der Texte der Evangelien haben nichts mit übernatürlichen Dingen zu tun. Und wir wollen jetzt die ausführlichsten Augenzeugenberichte, die uns vom Leben Jesu vorliegen, komplett und restlos aus der Geschichtsschreibung streichen? Das ist absurd!
Bei keiner anderen historischen Person würde man auch nur auf die Idee kommen, so vorzugehen. Das hat nichts mehr mit wissenschaftlicher Unbefangenheit oder vorurteilsfreiem Forschen zu tun. Das ist einfach kein methodisch sauberes Vorgehen mehr.
Die zweite denkbare Rechtfertigung, warum manche Leute die Evangelien als Quelle diskreditieren wollen, ist die Behauptung, dass die Evangelien nur von befangenem Personal niedergeschrieben wurden. Personen also, die bei den Geschehnissen dabei waren und Jesus angeblich in einem guten Licht darstellen wollen.
Auch das ist historisch nicht sinnvoll. Zum Beispiel antike Chronisten wie Thukydides oder Polybios berichten über Ereignisse, an denen sie teilweise selbst beteiligt waren. Diese werden von heutigen Historikern als einige der zuverlässigsten Quellen der Antike behandelt, auch hinsichtlich genau dieser Ereignisse, an denen sie selbst beteiligt waren.
Das Thema Befangenheit spielt dort also keine Rolle.
Was Jesus angeht und die Behauptung, er sei im Neuen Testament schönfärberisch dargestellt worden, glaube ich das nicht. Schau mal: Es gibt einige teils überaus peinliche Details aus den neutestamentlichen Augenzeugenberichten, die überhaupt nicht zu einem wohlwollend geschönten Bild passen, das jemand mit einer Lüge zeichnen wollte.
Zum Beispiel: Jesus scheint manchmal einiges nicht gleich zu wissen. Er scheint sich manchmal zu irren. Heilungen funktionieren nicht sofort. Jesus hat Angst, richtige Angst. Seine Zuhörer verstehen ihn nicht. Sein eigenes Volk, die Israeliten, wollen Jesus steinigen. Jesus lässt sich die Füße mit den Haaren einer Prostituierten waschen.
Auch seine eigenen Jünger verstehen ihn falsch oder sogar gar nicht. Jesus ist manchmal streng zu seinen Jüngern. Er nennt Petrus einen Satan. Die Jünger zweifeln selbst nach der Auferstehung. Jesus wird von vielen seiner Nachfolger verlassen.
Jesus wird als Alkoholiker bezeichnet, als nicht ganz klar im Kopf. Seine eigenen Geschwister glauben ihm nicht. Seine Familie hält ihn für verrückt. Jesus wird für einen Verführer gehalten und für von Dämonen besessen.
Und dann wird Jesus ausgerechnet würdelos, nackt und schmerzgekrümmt zum höchsten Volksfest bei fast Minusgraden gekreuzigt. Das ist, als ob du in Vor-Corona-Zeiten zu Silvester in Berlin unter den Linden fehlst und dann öffentlich oben auf dem Brandenburger Tor der Volksmenge präsentiert wirst.
Wir unterschätzen häufig völlig, wie viele Abertausende Menschen Jesu Tod tatsächlich gesehen haben. Jesus wird an einem Stück Holz, an einem Baum gekreuzigt, trotz der Tatsache, dass jeder, der an einem Baum aufgehängt ist, laut Deuteronomium verflucht ist.
In einer patriarchalen Gesellschaft fliehen bei Jesu Gefangennahme und Folter ausgerechnet die Männer, während die Frauen bleiben.
Und all das sollen sich Leute ausgedacht haben, um eine beschönigende Geschichte darzustellen und Jesus in einem positiven Licht zu zeigen? Ich glaube das nicht.
Warum das Neue Testament eine sehr glaubwürdige historische Quelle ist, habe ich dir einfach verständlich und mit vielen Abbildungen zusammengestellt in „Kein Gott ist auch keine Lösung“. Das wird verwendet und empfohlen in Gemeinden von Pastoren, Religionslehrern, Jugendleitern und Hauskreisen.
Du kannst es dir gern gratis mitnehmen. Es ist mein Geschenk an dich. Den Link findest du unter diesem Video.
Die Logik hinter der Glaubwürdigkeit christlicher Quellen
Und damit sind wir im Kern der Sache bei der ganz, ganz, ganz grundsätzlichen Frage: Von all den Aberhunderten und Tausenden Quellen, die uns aus der Geschichte heute vorliegen – warum sollen laut ZDF ausgerechnet die christlichen Quellen nicht glaubwürdig sein? Und das automatisch?
Wieso sollen ausgerechnet die christlichen Berichte über historische Zusammenhänge diskreditiert werden? Das ist nicht logisch, und das wissen seriöse Historiker natürlich auch.
Ein paar eindrückliche Beispiele: Joseph von Arimatea wird in den neutestamentlichen Berichten siebenmal erwähnt. König Agrippa II. wird elfmal erwähnt. Porcius Festus, der Statthalter von Judäa und ein Nachnachnachfolger von Pilatus, wird dreizehnmal erwähnt. Herodes Antipas wird fünfundzwanzigmal genannt. Judas Iskariot erscheint dreihundertdreiunddreißigmal, Pontius Pilatus achtundfünfzigmal, Johannes der Täufer einhundertsiebenmal und Paulus hundertsechsundfünfzigmal.
Es könnte den ganzen Tag so weitergehen.
Der Punkt ist: Bei all diesen Personen greifen internationale Teams von Geschichtswissenschaftlern dankbar auf das Neue Testament zurück. Sie nutzen die Informationen aus den neutestamentlichen Berichten, um die Lebenswege dieser Personen geradezu zu rekonstruieren. Und das ist völlig sachgemäß – niemand regt sich darüber auf. Es ist einfach kein Thema.
Aber sobald es um Jesus geht und sobald wir die gleichen Methoden und Quellen, die wir bei Dutzenden anderen Menschen anwenden, auf Jesus anwenden wollen, werden die Leute hysterisch. Das ist nicht logisch.
Hier also eine logische Frage: Wenn du Jesus begegnet wärest – was hättest du aufgeschrieben, wenn du all das miterlebt hättest? Denkst du nicht, dass du auf die Idee gekommen wärst, sein Jünger zu werden und ihm nachzufolgen?
Ist es automatisch falsch, was jemand sagt, nur weil er vielleicht eine bestimmte Aussageabsicht hat? Nein. In der Logik nennen wir diesen Fehler sogar einen Nonsequitur – eine Aussage, die einfach keine logische Begründung hat.
Und damit kommen wir zum nächsten großen Thema vom ZDF: Das Markus-Evangelium ist das älteste Evangelium. Die anderen Autoren haben darauf zurückgegriffen, deshalb stimmen wesentliche Passagen überein.
Zusätzlich haben die Evangelien weitere Quellen benutzt, darunter eine mit Sprüchen von Jesus, die wahrscheinlich bereits um das Jahr 50 verfasst wurde.
Die Zwei-Quellen-Theorie und die synoptische Problematik
Hier sprechen Sie die sogenannte Zwei-Quellen-Theorie an. Zum einen klingt das so, als ob beispielsweise Lukas und Matthäus ihre Berichte nur schreiben, weil sie sie von Markus abschreiben. Das würden die meisten internationalen Professoren für das Neue Testament heutzutage in Frage stellen.
Die Zwei-Quellen-Theorie wäre jetzt Thema für ein ganz eigenes Video. Dennoch sollten Sie drei Dinge dazu wissen. Diese Behauptung der sogenannten Zwei-Quellen-Theorie ist keineswegs der aktuelle oder unumstrittene Stand der Forschung. Diese Behauptung stammt auch nicht aus den 2010er oder 2000er Jahren. Sie ist keine dreißig oder vierzig Jahre alt, sondern stammt sage und schreibe aus dem Jahr 1863.
1863 – das soll jetzt nicht problematisch klingen, sondern nur zur Einordnung dienen. Damals lebte die gesamte Weltbevölkerung bei etwa 1,3 Milliarden Menschen, also weniger als gestern Abend allein in Indien. Es gab gerade Dampfmaschinen, Lokomotiven und Morse-Code für Telegrafen. Selbst im Westen hatten die meisten Menschen keine Toilettenspülung.
Es gab keine Handys oder Computer, keine Flugzeuge, keinen rostfreien Stahl, keine Telefone, keine Kugelschreiber, keine Autos, keine Busse oder Straßenbahnen, keine Fließbandfabriken, nicht einmal Pappkartons. Wir sprechen von einer Zeit, in der Frauen weder Hosen trugen, noch wählen durften oder eine vernünftige Schulausbildung erhielten. Es gab keine Kühlschränke, keine Blutkonserven für Notfälle. Menschen hatten damals noch keine Ahnung von DNA. Es gab kein Periodensystem der Elemente, niemand konnte röntgen, es gab keine Antibiotika. Man wusste nicht einmal, dass Bakterien oder Viren existieren und dass sich zumindest Ärzte die Hände waschen sollten. Es gab weder Schraubenzieher noch elektrisches Licht.
Ich hoffe, ich trete niemandem zu nahe, aber stellen Sie sich nur vor, wie es wäre, wenn eine heutige Dokumentation über Humanbiologie die medizinische Forschung von 1863 zeigen würde. Damals wussten wir noch nicht einmal, wie menschliche Fortpflanzung funktioniert. Das nur zur Einordnung.
Zu dieser Zwei-Quellen-Theorie sollten Sie einfach wissen, dass diese Behauptung viele Probleme hat und an vielen heutigen Universitäten keineswegs unkommentiert gelehrt wird. Deshalb füllt die Fachliteratur zu diesem sogenannten synoptischen Problem der Zwei-Quellen-Theorie ganze Regale in Universitätsbibliotheken. Warum? Weil diese Theorie mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet.
Selbst als ich vor fünfzehn Jahren Theologie und Bibelwissenschaften studierte – und mein Studium war schon ziemlich liberal –, wurde die Zwei-Quellen-Theorie eher im Rahmen der Forschungsgeschichte behandelt. Nach dem Motto: Ihr als Studenten habt das mal gehört und kennt die Probleme dieser Behauptung.
Das zweite, was Sie zur Zwei-Quellen-Theorie wissen sollten, ist, dass die angebliche mündliche Quelle, von der auch das ZDF sprach – die sogenannte Logienquelle Q – niemals gefunden oder unabhängig nachgewiesen werden konnte. Es handelt sich um ein rein theoretisches Konstrukt. Viele internationale Forscher halten es nicht für sonderlich wahrscheinlich, dass so etwas plausibel ist.
Das dritte, was Sie wissen sollten, ist, dass die Aussagen, die das ZDF dazu macht, so nicht stimmen. Das Markus-Evangelium ist das älteste Evangelium. Die anderen Autoren haben darauf zurückgegriffen, weshalb wesentliche Passagen übereinstimmen.
Sie sagen also, die anderen Evangelien hätten angeblich von Markus abgeschrieben. Selbst wenn das so wäre, trifft das schon im Fall von Johannes nicht zu. Johannes ist von diesem synoptischen Problem gar nicht betroffen. Man müsste sagen, Johannes ist ein Viertel der Evangelien – das ist wichtig.
Wie wäre es deshalb mit folgendem Gegenvorschlag? Die Evangelien und Augenzeugenberichte des Neuen Testaments berichten von ähnlichen Geschehnissen, weil diese Dinge wirklich passiert sind.
Ein heutiges Beispiel: Wenn Sie Berichte über den Mauerfall von 1989 sammeln und diese Berichte übereinstimmen, würden Sie ja auch nicht sagen, dass die Berichte bestimmt voneinander abgeschrieben haben. Nein, die Berichte müssen zu einem großen Teil übereinstimmen, weil sie von denselben Geschehnissen berichten.
Dazu kommt: Im Neuen Testament gibt es deutlich mehr und deutlich frühere Texte außer den Evangelien – dazu gleich mehr. Außerdem gibt es inzwischen vorbiblische, also extrem frühe Quellen zu Jesus, die deutlich vor dem Neuen Testament entstanden sind – auch dazu gleich mehr.
Falls Sie mehr Antworten zu solchen Themen wie der Zwei-Quellen-Theorie und liberaler Theologie wünschen, dann drücken Sie gerne die Glocke unter diesem Video und schreiben einen Kommentar. Dann mache ich das auch gerne.
Weitere nichtchristliche Quellen und deren Bedeutung
Und zum Thema nichtchristliche Quellen: Ich könnte noch auf weitere prominente nichtchristliche Quellen eingehen, die über Jesus berichten. Einige von ihnen waren dem Christentum sogar feindlich gegenüber eingestellt, wie zum Beispiel Mara Besserapion oder Phlegon.
Tatsächlich ist die Liste der nichtchristlichen Quellen zu Jesus deutlich umfangreicher, als vielen ZDF-Zuschauern wahrscheinlich bewusst ist.
Das Beste habe ich mir zum Schluss aufgehoben. Hier liegt das ZDF bei einem kritischen Punkt leider daneben und vermittelt den Zuschauern ein gefährlich falsches Bild.
Es geht um die Frage, wann die neutestamentlichen Augenzeugenberichte, die später als Evangelien bezeichnet wurden, tatsächlich geschrieben wurden.
Vergleich mit anderen antiken Texten und Zeitabständen
Dazu zunächst eine historische Einordnung. Abgesehen von allem Religiösen: Was sind repräsentative Beispiele für historische Maßstäbe und Zeitabstände zwischen frühen Manuskripten, die wir heute besitzen, und den eigentlichen Geschehnissen, die sie beschreiben?
Beim Philosophen Platon stammen die frühesten Manuskripte, die wir haben, aus einer Zeit von etwa einhundert bis einhundertzwanzig Jahren nach der Niederschrift der Originale. Das heißt, es liegen ungefähr 1200 Jahre zwischen Platons ursprünglicher Niederschrift und den Manuskripten, die wir heute besitzen. Das ist eine lange Zeitspanne. Dieser Zeitraum entspricht etwa der Zeit von heute bis zur konstantinischen Schenkung oder bis zum Frühmittelalter.
Bei Homers Beschreibung der Trojanischen Kriege stammen die frühesten Manuskripte, die wir heute haben, aus dem zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Diese Manuskripte beschreiben jedoch in der Ilias die Ereignisse des Trojanischen Krieges, die etwa 800 Jahre vor unserer Zeitrechnung stattfanden. Das bedeutet einen Zeitabstand von über tausend Jahren. Dies entspricht ungefähr der Zeitspanne von heute bis zur Jahrtausendwende oder zum Großen Schisma, der großen Kirchenspaltung im elften Jahrhundert. Das ist wirklich eine sehr lange Zeit.
Vielleicht denkst du jetzt: Das sind ja historische Ereignisse. Aber haben wir auch etwas, das mit den Berichten über das Leben Jesu vergleichbar ist? Wie sieht es zum Beispiel mit anderen antiken Biografien aus?
Gut, dass du fragst. Eine der prägnantesten Personen der antiken Weltgeschichte ist Alexander der Große. Er hat beinahe die damals für ihn bekannte Welt erobert. Die maßgebliche Biografie über sein Leben hat der griechische Gelehrte Plutarch verfasst.
Alexander der Große starb im Jahr 323 vor unserer Zeitrechnung. Plutarch hingegen lebte und starb ungefähr im Jahr 125 nach unserer Zeitrechnung. Das bedeutet, Plutarch hat etwa 400 Jahre nach Alexander dem Großen gelebt. Vierhundert Jahre — merk dir diese Zahl.
Das heißt, die wichtigste Biografie über Alexander den Großen wurde rund 400 Jahre nach den beschriebenen Ereignissen verfasst. Ein Zeitabstand von 400 Jahren ist für die antike Historienforschung normal. Zum Vergleich: 400 Jahre entsprechen ungefähr der Zeitspanne von heute bis zum Beginn des Dreißigjährigen Kriegs.
Trotz dieses großen Zeitabstands wird Plutarchs Biografie über Alexander den Großen bis heute als Ausgangspunkt genutzt, um das Leben und Episoden aus dem Leben Alexanders zu rekonstruieren. Diese Biografie gilt in großen Zusammenhängen nach wie vor als überwiegend zuverlässig.
Wenn wir also einen Abstand von 400 Jahren zwischen dem Leben Jesu und der ersten schriftlichen Berichterstattung hätten, würden die meisten antiken Historiker das als durchaus üblich ansehen. Behalte die Zahl von 400 Jahren im Hinterkopf, denn das wird in wenigen Minuten noch sehr wichtig werden.
Die tatsächliche Entstehungszeit der neutestamentlichen Texte
Schauen wir uns nun an, was das ZDF dazu sagt. Erst Jahre später wurde die Geschichte des jüdischen Wanderlehrers und Gelehrten aufgeschrieben. Neben den antiken Quellen berichten auch die Evangelien im Neuen Testament der Bibel über das Leben Jesu. Diese Evangelien sind in der Zeit zwischen siebzig und einhundertzwanzig nach Christi Geburt entstanden.
Gehen wir Schritt für Schritt vor. Selbst wenn das stimmen würde, was das ZDF behauptet, wäre das immer noch sehr gut – wie du gerade gesehen hast. Selbst wenn die Evangelien erst zu diesem späten Zeitpunkt geschrieben worden wären, was nachweislich nicht der Fall ist, stellt sich die Frage: Was ist mit den anderen Texten aus dem Neuen Testament, nämlich den Briefen?
Dein Neues Testament besteht ja nicht nur aus Evangelien, sondern aus siebenundzwanzig verschiedenen Texten, davon sind einundzwanzig Briefe. Die meisten dieser Briefe wurden in den fünfziger, spätestens in den sechziger Jahren geschrieben, also nur ungefähr fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahre nach Jesus. Da sind sich selbst liberale und atheistische Historiker einig. Das ist auch logisch, weil Paulus, der Autor vieler dieser Briefe, Anfang der sechziger Jahre getötet wurde.
Deshalb sind diese Briefe eindeutig vor dem Zeitraum, den das ZDF für die Evangelien ansetzt. Warum ist das wichtig? Weil du allein aus diesen Briefen schon entscheidende Eckdaten zu Jesu Leben rekonstruieren kannst. Hier nur ein paar Beispiele dessen, was in den Briefen berichtet wird: Jesus wurde in Israel geboren und war Jude. Er galt als Nachkomme von König David. Zum Ende seines Lebens war er nicht wohlhabend. Er hatte Brüder, einer hieß Jakobus. Jesus wirkte vor allem innerhalb des Judentums, stiftete ein Mahl, musste vor Pontius Pilatus aussagen, wurde gekreuzigt und begraben – was bei einer Kreuzigung keineswegs selbstverständlich ist.
Wenn also jemand behauptet, dass die ersten Berichte über Jesus angeblich erst Jahrzehnte oder sogar ein Jahrhundert später aufgeschrieben worden wären, dann ist das einfach nachweislich falsch.
Was du auch wissen solltest, ist, dass die Behauptung, die Evangelien seien bis zum Jahr 120 entstanden, tatsächlich eine Minderheitenposition darstellt. Die internationale Forschung hat diese Ansicht überwiegend hinter sich gelassen. International ist das vor allem nur noch eine kleine Minderheit, vor allem in Deutschland, die das glaubt – meistens sehr liberale Forscher. Diese Behauptung wird tendenziell eher von Leuten aus der Generation meiner Eltern und älter vertreten.
Ob diese Behauptung in ein paar Jahrzehnten noch ernsthaft wissenschaftlich diskutiert wird, ist sehr zweifelhaft.
Schließlich möchte ich dir zeigen, warum die Behauptung, die Evangelien könnten bis 120 nach Christus geschrieben worden sein, also fast ein Jahrhundert nach Jesus, nachweislich falsch ist. Übrigens finde ich es bemerkenswert, dass in der Doku der Professor selbst das nicht sagt, sondern nur ein Voice-over-Kommentar der Produzenten dies behauptet.
Schauen wir uns ein Beispiel an: das Johannesevangelium. Zur Erinnerung: Jesu Kreuzigung und mutmaßliche Auferstehung fanden im Jahr 30 statt. Ich sage mutmaßlich, weil wir Christen natürlich glauben, dass das passiert ist, aber wenn man Übernatürliches ausschließt, wird das schwierig.
Spätestens aus dem Jahr 125, wahrscheinlich eher aus dem Jahr um 100, stammt der sogenannte P52. P52 kennzeichnet einen Papyrusfund, also ein Papyrusmanuskript. Dieser P52 ist der bislang früheste gefundene handschriftliche Abschnitt aus dem Johannesevangelium.
Warum ist das so wichtig? Das ist erstaunlich, weil dieser P52 das bislang früheste gefundene handschriftliche Manuskript ist, die früheste Abschrift, die wir je gefunden haben. Ironischerweise stammt sie nicht von einem der ganz frühen Texte des Neuen Testaments, wie zum Beispiel dem Markus-Evangelium, sondern von einem der spätesten Texte, nämlich dem Johannesevangelium.
Nun spielen wir kurz Sherlock Holmes: Wann wurde das Johannesevangelium niedergeschrieben? In den meisten einschlägigen Standardwerken findet sich die Angabe, dass das Johannesevangelium allerspätestens im Jahr 95 verfasst wurde. Es gibt auch gute Argumente, die eine Entstehung zwischen 64 und 70 plausibel machen, also grob 35 Jahre nach der Auferstehung. Das ist allerdings ein anderes Thema.
Auch die anderen Evangelien – Matthäus, Markus, Lukas – wurden deutlich früher als 120 geschrieben. Ich habe ein ganzes Video dazu gemacht, in dem ich erkläre, warum der Forschungsstand vom Anfang des 20. Jahrhunderts total überholt ist. Das habe ich dir hier verlinkt.
Du kannst zum Beispiel zeigen, dass das neutestamentliche Buch der Apostelgeschichte spätestens im Jahr 62 fertiggestellt sein muss. Die Apostelgeschichte setzt wiederum das Lukasevangelium voraus, das also früher entstanden sein muss.
Auch kannst du zeigen, dass der erste Timotheusbrief und der erste Korintherbrief beide um das Jahr 53 fertiggestellt wurden, aber beide zitieren das Lukasevangelium. Damit sind wir nur bei Lukas schon im Jahr 52.
Wie das ZDF richtig sagt, setzt das Lukasevangelium das Markusevangelium voraus. Dazu kommen noch weitere textkritische Kriterien, sodass du zeigen kannst, dass du mit dem Markusevangelium in der Mitte der 40er Jahre bist, also ungefähr zwölf bis fünfzehn Jahre nach Jesu Tod. Das ist zeitlich so nah dran, als würde ich heute über die Euro-Staatsschuldenkrise der 2010er Jahre sprechen.
Tatsächlich können wir, was Jesus angeht, sogar auf Quellen vor dem Neuen Testament zurückgreifen. Schau mal, was man herausgefunden hat: Ein anderes, weniger bekanntes, aber viel bedeutsameres Beispiel ist ein alter und früher Bericht in einem christlichen Bekenntnis, das Paulus selbst überliefert bekommen hat. Dieses Bekenntnis lag schon lange vor Paulus vor und war bereits weit verbreitet, bevor er es zum ersten Mal im 1. Korintherbrief zitiert.
Das heißt, es handelt sich um einen mündlichen Bericht, der auf wenige Monate, möglicherweise sogar wenige Wochen nach der Auferstehung von Jesus zurückgehen kann.
Hier also, was die Forscher zu dem, was Paulus im 1. Korintherbrief zitiert, sagen:
Professor Dr. William Orr und Professor Dr. James Walter schreiben dazu: „It is likely that Paul here reflects a general conviction developed from the church's treatment.“ Das bedeutet: Es ist wahrscheinlich, dass Paulus hier eine grundsätzliche Überzeugung widerspiegelt, die unter der frühen Christenheit vorherrschend war. Paulus hat die Fakten, die er erzählt, von Christen erhalten, die ihm vorausgegangen sind.
Die Koryphäe zum Neuen Testament, Professor Dr. Eckhart Schnabel, schreibt dazu: Das, was wir von Paulus haben, ist ein Zitat der Tradition vom Tod und von der Auferstehung Jesu. Paulus hat das, was er den Korinthern überliefert, auch selbst von den Jesusbekennern angenommen, die er verfolgt und verhört hat.
Darauf kommen wir gleich zurück.
Dr. Eugen Walter fasst es so zusammen: Als Paulus zum Missionieren begann, gab es in der Kirche – damit ist die frühe Christenheit gemeint – bereits einen Bestand fest geprägter Formulierungen. Diese Tatsache einer solchen mündlichen Überlieferung lange vor der Niederschrift der Evangelien gehört zu den wichtigsten Erkenntnissen der gegenwärtigen Bibelwissenschaft.
Professor Dr. Marlies Gielen von der Universität Salzburg und Professor Dr. Helmut Marklein von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften fassen es so zusammen: „In einem seltenen Konsens wird angenommen, dass Paulus von Vers 3b an folgend eine Tradition zitiert, also etwas, was er bereits vorgefunden hat.“
Professor Dr. Andreas Lindemann von der Göttinger Akademie der Wissenschaften schreibt dazu, dass Paulus eine ihm überlieferte Formel zitiert, an der Stelle im 1. Korintherbrief – das kann nicht bezweifelt werden.
Der Bibelwissenschaftler Dr. Walter Kleiber, der später Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland war, hat dazu ermittelt, dass Paulus diese Sätze wohl schon nach seiner Bekehrung in Damaskus, spätestens aber bei seinem ersten Besuch in Jerusalem, kennengelernt hat. Es ist eine Art frühes Glaubensbekenntnis.
Als ich für dich in der Universitäts- und Landesbibliothek recherchierte, habe ich einerseits nach Mehrheitsmeinungen gesucht, also nach dem Konsens in der Forschung. Andererseits habe ich auch bewusst nach Minderheitsmeinungen gesucht. Hier zum Beispiel mehrere namhafte Forscher, die sehr liberale Positionen vertreten, mit denen die meisten hier – ich eingeschlossen – nicht automatisch einverstanden sein werden.
Lass uns trotzdem hören, was selbst diese liberalen Forscher zu sagen haben: Eine bekannte liberale, also gegenüber frühen Datierungen sehr kritische Professorin, Dr. Luise Schottroff von der University of Berkeley, schreibt dazu: Das Evangelium, das Paulus als grundlegend nach Korinth mitbrachte, ist ihm selbst schon überliefert worden.
Und der liberale, also frühen Datierungen gegenüber sehr kritische Professor Dr. Jakob Krämer von der Universität Wien, der bis zu seinem Tod einer der renommiertesten Bibelwissenschaftler Mitteleuropas war, schreibt dazu: Diese Wortwahl in dem, was Paulus dort zitiert, weist mehrere Wörter und Formulierungen auf, die zur ältesten Verkündigung der Auferstehung Christi gehören.
Dazu fasst Professor Dr. Gordon Fee von der University of British Columbia zusammen: „It is generally agreed that in Verses 3 to 5 Paul is repeating a very early creedal formulation that was common to the entire Church, well formed before Paul came on the scene.“ Es herrscht allgemeine Zustimmung, dass Paulus in den Versen 3 bis 5 eine sehr frühe Glaubensformel wiederholt, die damals der gesamten Christenheit bekannt war. Sie war bereits geformt, lange bevor Paulus überhaupt auf die Bühne trat.
Professor Dr. Christian Wolff von der Humboldt-Universität Berlin fasst dazu zusammen: Paulus zitiert eine in ihrem Wortlaut fest geprägte Tradition. Das hohe Alter des Traditionsstücks ist allgemein anerkannt. Die Entstehung wird meist in Jerusalem oder Antiochien lokalisiert.
Was bedeutet das jetzt? Paulus ist um das Jahr 33 zum Glauben gekommen, Jesus starb im Jahr 30. Das, was Paulus dort zitiert, war bereits vorher verbreitet, während Paulus Christen für ein bis zwei Jahre verfolgte.
Das heißt: Was Paulus hier zitiert, muss schon im ersten Jahr nach der Auferstehung und Kreuzigung von Jesus verbreitet gewesen sein. Diese Texte gehen also auf wenige Monate nach der Kreuzigung und Auferstehung Jesu zurück. Das ist weit vor dem Neuen Testament.
Lange Rede, kurzer Sinn: Du solltest wissen, dass das Neue Testament extrem früh entstanden ist.
Hier siehst du einen Vergleich zwischen dem Neuen Testament und maßgeblichen historischen Werken der Antike, wie von Platon, Homer oder Alexander dem Großen. Dabei wird deutlich, dass die frühesten Texte des Neuen Testaments praktisch „live“ aufgeschrieben wurden, während die Ereignisse stattfanden.
Mehr dazu findest du in diesem Buch, das du dir kostenlos über den Link unter diesem Video herunterladen kannst.
Kritik an der Auswahl und Gewichtung der ZDF-Dokumentation
Deshalb nun der letzte große Kritikpunkt am ZDF: die Auswahl dessen, was das ZDF sagt und was es nicht sagt, in Bezug auf die Inhalte, die vermittelt werden.
Mir fällt vor allem auf, dass sich das ZDF in seiner Dokumentation hauptsächlich an Details und Randthemen festhält, die gar nicht wesentlich sind. Zum Beispiel: Wo ist Jesus geboren? Wo ist er aufgewachsen? Wen interessiert das wirklich? Diese Fragen sind so unwichtig, dass sie in den Paulusbriefen und auch im Markus-Evangelium nicht einmal erwähnt werden. Stattdessen schwingt zwischen den Zeilen mit, dass alles über Jesus angeblich sehr vage sei und man kaum etwas Genaues wisse.
Was mir besonders auffällt, ist das, was in der ZDF-Doku fehlt. Zwar spricht man von Jesus von Nazareth, aber mit keinem Wort werden die Apostel oder die Augenzeugen selbst erwähnt. Noch viel gravierender ist, dass nicht thematisiert wird, was Jesus tatsächlich wollte.
Schauen wir uns an, was das ZDF über Jesus’ Absichten erzählt: Jesus nahm Prostituierte und Zöllner in Schutz, er wollte den Entrechteten eine Stimme geben, war für die Kranken und sogar für Kinder da. So wollte er das Reich Gottes in dieser Welt errichten.
Jesus wollte also durch soziale Tätigkeit Gottes Reich errichten? Nicht ganz. Vor allem wollte er – und das lässt sich auch statistisch belegen – die Menschen zur Buße, Reue und Umkehr aufrufen. Viele scheinen zu denken, Jesus sei eine Art antiker Lifestyle-Guru gewesen, der sich einfach nur wünscht, dass die Leute nett zueinander sind.
Als Beispiel für dieses verbreitete Unwissen über Jesus kann man hören, was selbst Elon Musk dazu sagt, einer der reichsten und einflussreichsten Menschen der Weltgeschichte: „And things like turn the other cheek are very important because as opposed to an eye for an eye, an eye for an eye leads over one blind. So forgiveness is important and treating people as you would wish to be treated, love thy neighbor as thyself, very important.“
Also Jesus als eine Art spiritueller Liebesprediger? Nein. Zählt man es nach, macht das nicht einmal vierzig Prozent seiner Botschaft aus.
Wie sieht das ganze Bild aus? Was hat Jesus selbst gesagt? Bei Jesus geht es viel um Übernatürliches: Heilungen, Exorzismen – also Dämonenaustreibungen. Jesus hat sich selbst als Gott bezeichnet. Seine Umkehrpredigt ist sehr deutlich.
Zwei wichtige Dinge, die Jesus mehrfach wiederholt hat, sind: Zum einen sagt er zu allen Menschen, dass sie in ihren Sünden sterben werden. Zum anderen warnt er, dass sie alle vernichtet werden, wenn sie nicht umkehren.
Selbst in seiner berühmtesten Ansprache, der sogenannten Bergpredigt, sagt Jesus, dass die meisten Menschen für ihre eigenen Vergehen in die Hölle verurteilt werden.
Schauen wir, was dazu selbst in skeptischen und liberalen Standardwerken von Forschern gesagt wird:
In einem dieser Werke heißt es: „Die Erwartung der toten Auferstehung verbindet sich beim historischen Jesus – also nicht bei dem, was später Christen behauptet haben, sondern beim historischen Jesus – mit der Gerichtserwartung.“
Ein weiteres Standardwerk schreibt: „Zum Glauben des historischen Jesus gehörte der Ausblick auf das jüngste Gericht, in dem Gott die Taten der Menschen kritisch beurteilen werde.“
Ein drittes Standardwerk, das viele Theologiestudierende kennen, zitiert den renommierten Udo Schnelle über den historischen Jesus: „Sowohl die Heilszusage als auch die Gerichtsandrohung sind beim historischen Jesus untrennbar. Die Haltung gegenüber Jesus und seiner Botschaft ist nicht folgenlos.“
Und der Klassiker, das Standardwerk für Generationen von Theologiestudierenden, Gerd Heinz, im Buch „Der historische Jesus“, in dem rekonstruiert wird, was Jesus gesagt und geglaubt hat, schreibt:
„Jesus lädt ein, an der Herrschaft Gottes teilzuhaben. Doch wer das von ihm in Worten und Taten angebotene Heil nicht annimmt, verfällt dem Gericht, das in Gerichtsworten und Gleichnissen ausgemalt ist.“
Weiter heißt es: „Für die Gerichtspredigt Jesu gilt grundsätzlich: Sie ist Umkehrpredigt.“
Und weiter: „Die Königsherrschaft Gottes umfasst auch das Wirken Gottes als Richter.“
Das Gericht kann dabei als formelle Gerichtsverhandlung oder als militärische Strafaktion verstanden werden. Häufig wird das Gericht als Weltende dargestellt, das als forensisches Gericht kommt.
So lautet die Zusammenfassung im absoluten Standardwerk dessen, was Jesus über das jüngste Gericht gelehrt hat.
Schließlich sagt Jesus, dass er derjenige sein wird, der die Menschen beim jüngsten Gericht richten wird. Nur vor diesem Gericht können Menschen gerettet werden, indem sie aufhören, sich selbst einzureden, sie seien gute Menschen. Stattdessen müssen sie die Realität eines kommenden Gerichts anerkennen, sich an Jesus festklammern und ihm nachfolgen.
Jesus von Nazareth sagt, dass man nur durch ihn vor dem kommenden Gericht gerettet werden kann. Selbst unter säkularen Historikern besteht inzwischen Einigkeit, dass Jesus dies wirklich gesagt hat.
Die Frage ist nun: Was macht man damit? Die Antwort der Menschen damals war klar: Das war der Grund, warum sie ihn umbringen wollten – und ihn schließlich umgebracht haben.
Die Auferstehung und ihre historische Bedeutung
Und schließlich wird die Auferstehung von Jesus beim ZDF nur sehr kurz behandelt. Nach der Überlieferung soll Jesus hier begraben worden sein und nach christlichem Glauben drei Tage später von Gott auferweckt worden sein. Mit wenigen Worten wird das abgehandelt, als ob wir sonst gar nichts darüber wüssten. Das ist aber nicht der Fall.
Was wissen wir denn gesichert über Jesus und was damals in den Dreißigerjahren wirklich passiert ist? Wir wissen deutlich mehr, als die meisten ZDF-Zuschauer wahrscheinlich denken. Schauen wir uns das einmal an.
Was steht denn im Brockhaus? Was steht in der Enzyklopädie Britannica? Was schreiben säkulare, nichtchristliche Historiker über Jesus? Alle sind sich einig, dass der Jesus von Nazareth damals aufgetreten ist mit einem unbeschreiblichen, nie dagewesenen Bewusstsein. Er konnte an Gottes Stelle reden, wirken und handeln.
Dann gibt es ein paar Fakten, bei denen sich alle säkularen Historiker einig sind, dass sie in den Dreißigerjahren passiert sind. Diese sind folgende:
Das erste ist, dass alle sich einig sind, dass dieser Jesus damals an einem römischen Holzkreuz zu Tode gefoltert wurde. Daran gedenken wir Christen an Karfreitag.
Das zweite, worüber sich alle einig sind, ist, dass Jesus ein ehrenvolles Begräbnis erhalten hat. Joseph von Arimathäa, ein Mitglied des Hohen Rates der Juden damals, legte ihn in ein Grab. Dieses Grab war am dritten Tag danach, am Ostermorgen, am Sonntagmorgen, leer. Niemand wusste wirklich, wo der Leichnam war.
Das dritte ist, dass danach Individuen und Gruppen von Menschen in ganz verschiedenen Konstellationen und Umständen berichteten, dass Jesus ihnen erschienen sei. Sie hatten Umgang mit Jesus, aßen mit ihm, sprachen mit ihm und Ähnliches. Sie waren zutiefst überzeugt davon, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat. Nicht nur seine eigenen Jünger und Freunde berichteten davon, sondern noch viele weitere.
Ein Beispiel ist der Skeptiker Jakobus, Jesus’ Halbbruder. Er war zu Lebzeiten sehr skeptisch darüber, dass Jesus wirklich Gott sein soll. Das kann man verstehen. Mein kleiner Bruder hielt sich auch immer für das Zentrum des Universums – da war ich auch skeptisch. Nachdem Jesus aber auferstanden war, sagte selbst Jakobus: „Ja, er ist wirklich auferstanden, ich glaube daran und bin bereit, mein Leben dafür zu geben.“
Und damit nicht genug: Jesus ist sogar seinen Feinden erschienen. Das berühmteste Beispiel ist der jüdische Kommissar Saulus von Tarsus, der die Christen bis aufs Blut verfolgte. Er wünschte sich nichts mehr, als das Christentum von der Erde auszulöschen. Trotzdem berichtet auch er davon, dass ihm der auferstandene Jesus wirklich erschienen ist.
All diese Dinge sind nicht kontrovers. Über nichts davon wird noch diskutiert. Diskutiert wird vielmehr, was am meisten Sinn ergibt.
Und wenn man mich fragt: Wenn Jesus auferstanden ist, würde es genauso aussehen, wie es aussieht.
