Begrüßung und Rückblick auf die Gemeinschaftserfahrung
Einen wunderschönen guten Morgen! Schön, dass Sie alle da sind. Ein herzliches Willkommen auch an die Gäste. Es freut mich sehr, dass Sie der Einladung gefolgt sind und hier sind.
Ich möchte euch ganz herzlich begrüßen. Die meisten von uns haben in der letzten oder dieser Woche bereits viel Zeit miteinander verbracht. Es war wirklich eine gesegnete Zeit. Gott hat diese Zeit reich gesegnet.
Wir durften als Gemeinschaft uns wieder besser kennenlernen. Man sagt ja oft, dass die Glieder eines Leibes zusammenwachsen. Besonders nach der Corona-Pandemie, in der wir räumlich getrennt waren, war es schön, wieder auf engem Raum Zeit miteinander verbringen zu dürfen.
Wir haben jedoch nicht nur Zeit miteinander verbracht, um zu spielen und Spaß zu haben, sondern wir durften auch etwas lernen. Dabei ging es um die Autorität Gottes. In der ersten Andacht haben wir uns die Arten der Furcht angesehen. Wir haben unterschieden zwischen Gottesfurcht, gesunder Gottesfurcht, und Angst. Dabei haben wir verstanden, was Angst ist und dass Gottesfurcht auch eine Liebe zu Gott bedeutet. Wer Gottesfurcht besitzt, liebt Gott.
Stephan hat uns in der zweiten Andacht die Schöpfung nähergebracht. Wir durften diese gewaltige Schöpfung mit den Bergen, die drum herum waren, sehen. Er hat uns vor Augen geführt, wie schön die Natur ist. Wir haben Tiere kennengelernt, die sich schminken oder eher hübsch machen, oder die sich von Knochen ernähren. Anhand der Schöpfung kann jeder Gott erkennen.
Im dritten Teil haben wir dann gelernt, dass Gottesfurcht eine Herzensangelegenheit ist. Es ist eine bewusste Entscheidung, die man treffen muss.
Heute ist die Freizeit sozusagen noch nicht vorbei. Wir dürfen den vierten Teil hören, den Sebastian uns heute halten möchte.
Bevor wir die Predigt hören, singen wir erst ein Lied, und zwar „Vater, komm und lehre du uns“. Danach möchte ich noch beten. Anschließend singen wir noch ein Kinderlied, und dann dürfen auch die Kinder in die Kinderstunde gehen.
Herr Jesus Christus, ich danke dir, dass wir uns heute an diesem Sonntag wieder versammeln dürfen. Wie wir gerade gesungen haben, bitte ich dich: Komm und lehre du uns! Öffne unser Herz, damit wir von dir lernen und verstehen, was du uns zu sagen hast. Lass uns im Glauben wachsen und dir ähnlicher werden.
Hilf uns dabei, den Alltagsstress auszublenden, damit wir uns jetzt auf dein Wort konzentrieren können. Lass keine Gedanken uns behindern oder abschweifen.
Ich danke dir, dass du bei uns bist und dass du uns den Sonntag geschaffen hast, den Tag, an dem wir ruhen dürfen und besonders an dich gedenken können. Danke, dass wir uns in Freiheit versammeln dürfen und dass du bei uns bist. Amen.
Persönliche Gedanken zur Gottesfurcht und Gottesbild
Komm mich an den Träger zahl, du bist die Zufahrung, bin Sorge nicht beklagt, sech schlauer bei der Verrenter, befreist von meiner Schuhe, bis der Anpass das Gutgemach, der Feld versteht.
Ja, ich finde es schön, dass so viel Wandel da ist und bei Micha eine Konstanz besteht. Auf das Kinderlied kann man sich verlassen. Und ja, ich freue mich, euch alle wiederzusehen. Wir konnten jetzt leider nicht dabei sein, aber ich freue mich darauf, in das Thema einzutauchen, weil mich das total begeistert.
Ihr werdet hoffentlich am Ende verstehen, warum ich so begeistert bin von Gottesfurcht und warum ich glaube, dass ein Nachdenken darüber zu ganz anderen Ergebnissen führt, als man im ersten Moment erwarten würde.
Aber wenn ich ganz ehrlich bin, erkenne ich in meinem Leben immer wieder die Tendenz, dass ich Angst vor Gott habe. Und zwar wirklich Angst – Angst, dass ich ihm gerecht werden kann.
Stefan hat euch auf der Freizeit die Schöpfermacht Gottes vorgestellt – diese schier unfassbare Genialität, aber auch Macht und Größe. Wer sich in der Schöpfung umschaut oder die Naturgewalten betrachtet, kann eine Ahnung davon bekommen, wie groß und mächtig Gott ist. Dabei merkt man vielleicht, dass sich Gott gar nicht in unsere menschlichen Schubladen bezüglich Größe und Gewalt pressen lässt. Er ist viel mächtiger und größer als alles, was die Menschheit je an mächtigen Menschen hervorgebracht hat – mächtiger und furchteinflößender, als ich es mir in meinen kühnsten Träumen vorstellen könnte, wenn ich diese Macht sehe.
Wer ehrlich ist – und das kann eigentlich jeder Mensch –, der kann da auch nur zittern und Angst bekommen. Besonders dann, wenn er vielleicht auch noch eine Vorstellung davon hat, was dieser Gott sich für unser Leben wünscht. Wie heilig und gerecht er ist, wie abgesondert er von der Sünde.
Wenn ich mich dann selbst anschaue, angesichts dieser Größe Gottes, seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit, bleibt mir eigentlich nur übrig, Angst zu haben. Und selbst als Gläubiger, wo ich da eigentlich drüber hinausgehen sollte, falle ich immer wieder in dieses Muster zurück.
Das löst bei dem einen oder anderen verschiedene Reaktionen aus: Der eine läuft vielleicht weg von Gott und will mit ihm nichts zu tun haben. Der andere versucht erst recht, Dinge zu tun, um vor diesem Gott bestehen zu können und ihm angenehm zu sein.
Auch in dieses letzte Muster habe ich mich als Gläubiger immer wieder schnell hineinfallen sehen: Ich denke, ich müsste jetzt Dinge tun, um Gott irgendwie zufriedenzustellen und diese Angst loszuwerden.
Ich weiß nicht, ob ich da alleine bin oder ob es dir manchmal ähnlich geht: dass deine Furcht vor Gott sich gut mit Angst beschreiben lässt, dass du Angst vor Gott hast – gerade wenn du über seine Gewalt, Macht und Herrlichkeit nachdenkst.
Vielleicht fragst du dich auch: Was ist deine Motivation im Glaubensleben? Deine Motivation, in den Gottesdienst zu kommen? Deine Motivation, Dienst für Gott zu tun? Ist es, weil du Angst vor ihm hast? Weil du Angst hast, dass du ihm nicht genügen könntest, dass du ihn nicht zufriedenstellen kannst?
Warum machst du Kinderstunde? Warum singst du hier vorne? Warum predigst du vielleicht sogar? Warum evangelisierst du?
Die Frage steht im Raum, ob diese Angst angemessen ist, ob sie die richtige Reaktion ist – vor allem für diejenigen, die glauben. Und die zweite Frage ist, ob diese Angst Gott selbst gerecht wird.
Manche aktuelle Buchautoren und YouTuber meinen, dass es gut wäre, diese Angst vor Gott auch als Gläubiger zu haben. Doch die Frage ist, ob dem wirklich so ist.
Muss sich diese Furcht nicht verändern, wenn ich Gott wirklich kennenlerne?
Ich nehme es vorweg: Ich behaupte, dass diese Furcht für ein Kind Gottes nicht mehr angemessen ist. Mehr noch: Sie ist oft sogar ein Kennzeichen eines falschen oder zumindest einseitigen Gottesbildes. Sie führt zu Verhaltensweisen, die ich gerade beschrieben habe, die Gott überhaupt nicht will und mit denen er nichts anfangen kann.
Gottes Offenbarung und die persönliche Beziehung als Schlüssel zum Verständnis
Und warum das so ist, will ich jetzt erläutern. Wenn du Gott nämlich so kennenlernen willst, wie er wirklich ist, ihn richtig fürchten musst und auch richtig fürchten willst, dann musst du über Gott als Schöpfer hinausgehen.
Das ist aber nicht möglich, indem wir uns einfach nur die Natur, die Geschichte und das, was um uns herum passiert, anschauen. Damit wir Gott richtig kennenlernen, wie er ist, muss er sich uns selbst offenbaren und zeigen, wie er in seinem innersten Wesen ist.
Um ihn richtig kennenzulernen, musst du in einer Beziehung mit ihm sein. Den Schöpfer kann die ganze Welt erkennen, das beschreibt uns Paulus im Römerbrief 1. Jeder, der ehrlich durch diese Welt geht, kann erkennen, dass es Gott gibt. Er kann seine Macht wahrnehmen und auch seine Stellung vor ihm erkennen. Aber wie Gott wirklich in seinem Innersten ist, das kann niemand erkennen.
Wir alle kennen irgendwie Queen Elizabeth. Jeder von euch hat einen Begriff von ihr, man kennt etwas von ihrem Leben. Ich glaube, nur ganz wenige hier im Raum waren schon auf der Welt, als sie noch nicht Königin von England war. Jeder kennt sie. Wir bekommen massig Berichte über ihr Leben, selbst das Familienleben wird in den Medien vor uns breitgetreten, und jeder von uns könnte sagen, er kennt sie.
Gerade jetzt hat sie vielleicht nicht mehr so viel Macht, aber früher hätten wir eine Vorstellung von der Macht und der Größe dieser Könige gehabt. Das hätte jeder wahrnehmen können. Aber keiner von uns kennt sie wirklich. Keiner von uns weiß, wie sie in ihrer Persönlichkeit ist, was ihr Denken prägt und was ihr wirklich wichtig ist.
Da helfen auch keine Serien von Netflix oder Ähnliches. Da hilft nur, in einer persönlichen Beziehung mit ihr zu stehen und sie zu kennen. (Die Wahrscheinlichkeit, dass das jemand von uns wird, ist sehr gering.) Aber das wäre die einzige Chance, sie persönlich kennenzulernen.
So ist es auch mit Gott. Nur wer in einer persönlichen Beziehung mit ihm steht, kann ihn wirklich kennenlernen und wissen, wie Gott denkt und fühlt. In der Regel lernt man das, indem der andere es einem auch mitteilt. Und Gott hat das getan.
Er hat sich offenbart und unter anderem in seinem Wort gezeigt, wie er wirklich ist, wie er in seinem Innersten ist. Deswegen müssen wir genau da hineingehen, wenn wir Gott wirklich kennenlernen wollen, wenn wir wirklich wissen wollen, wie Gott ist und wenn wir Gott richtig fürchten wollen.
Bevor ich in Gottes Wort eintauche, will ich mit uns noch beten und genau darum bitten:
Jesus, wir treten vor dich als Menschen, die vielleicht diese Welt ansehen und das um uns herum betrachten können, aber die blind sind, wenn es darum geht, dich zu erkennen – solange du dich uns nicht offenbarst.
Herr, selbst wenn wir jetzt in dein Wort hineinschauen, sind unsere Herzen oft hart, blind und kalt. Wir bitten dich, Herr, öffne sie uns, damit wir dich sehen, wie du bist. Wir wollen dich bitten, Herr, dass du dich uns offenbarst. Wir bitten dich, dass du uns einen Blick in dein tiefes Inneres gewährst, damit wir erkennen und verstehen, wie du bist.
Wir bitten dich, Herr, dass es unser Verhältnis zu dir und unsere Furcht vor dir in die richtige Richtung prägt. Herr, dass es unsere Beziehung zu dir ins richtige Verhältnis stellt. Amen.
Gottes Wesen im Alten Testament: Barmherzigkeit und Gnade trotz Gesetz
Meine Behauptung heute ist, dass Gott in seinem tiefsten Inneren, in dem Kern seines Wesens, nicht primär die Schöpfermacht ist, die Teil von ihm ist. Sein tiefstes Innerstes ist vielmehr eine tiefe Sehnsucht, seine Kinder zu erlösen. In seinem Innersten, das sein Herz ausmacht, ist Gott barmherzig und gnädig. Das möchte ich uns heute zeigen.
Wir beginnen nicht dort, wo man es vielleicht erwarten würde, also nicht im Neuen Testament, sondern im Alten Testament. Dort gibt Gott sich bereits teilweise zu erkennen. Klassischerweise teilt man das Alte Testament – oder wie es bei den Juden üblich ist und auch Jesus selbst es erlebt hat – in das Gesetz und die Propheten auf. Ich möchte zwei Stellen zeigen, in denen Gott in diesen oft als hart empfundenen Büchern bereits Andeutungen macht und sichtbar wird als der barmherzige und gnädige Gott, den ich beschrieben habe.
Zuerst gehen wir ins Alte Testament. Ich habe diese Stelle schon zwei- oder dreimal im Gottesdienst erwähnt, aber sie ist so zentral und wichtig, weil sie an einem entscheidenden Punkt im Gesetz, im Moment der Gesetzgebung, und im ersten großen Fehltritt des Volkes Israel zeigt, wie Gott wirklich ist.
Die Situation ist folgende: Mose war lange Zeit auf dem Berg und ist nicht zurückgekehrt. Das Volk Israel hat sich in dieser Zeit einen anderen Gott gemacht – das goldene Kalb. Eigentlich spricht alles dafür, dieses Volk zu vernichten, denn sie haben Gott tief verletzt und gesündigt.
Mose ist mit Gott unterwegs und äußert den Wunsch, Gott sehen zu dürfen. Das ist ein spannender Wunsch, denn Mose hat Gott in den letzten Jahren oft erlebt und erfahren: angefangen beim brennenden Dornbusch, wo Gott mit ihm redet, bis zu den Begegnungen am Sinai. Trotzdem möchte Mose Gott noch intensiver erkennen und erfahren.
Gott gewährt ihm diesen Wunsch und sagt, dass er an ihm vorüberziehen wird. Mose kann Gott aber nur von hinten sehen, weil er die Herrlichkeit Gottes sonst nicht ertragen könnte. Wie Gott an Mose vorüberzieht, wird in 2. Mose 34 beschrieben. Dort trifft Gott eine Aussage über sich selbst.
Mose möchte Gott sozusagen „privat“ kennenlernen, und Gott tut ihm diesen Gefallen. In 2. Mose 34,6 heißt es:
„Und der Herr ging vor seinem Angesicht vorüber und rief aus: Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Gnade und Treue, der Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde. Aber ungestraft lässt er niemanden, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied.“
Gott offenbart sich Mose in dem Moment, in dem das Gesetz gegeben wird und Israel so schwer gesündigt hat, dass sie eigentlich verworfen werden müssten, als ein gnädiger, geduldiger Gott von großer Gnade und Treue.
Dieser Vers öffnet hier schon die Spannung des gesamten Alten Testaments auf: Wie kann Gott vergeben und gleichzeitig Dinge nicht ungestraft lassen? Diese Frage bleibt offen und ist an dieser Stelle nicht abschließend geklärt.
Doch das, was Gott in seinem Innersten ausmacht, wird hier deutlich: barmherzig, gnädig, geduldig, von großer Gnade und Treue.
Passt dieses Bild von Gott zu deinem Gottesbild – dem Gott der Tora und des Gesetzes?
Gottes Wesen in den Propheten: Gericht und Erlösung
Ich gehe weiter zu den Propheten. Die Propheten sind der Ort, an dem Gottes Gericht angekündigt wird wie nirgends sonst. Gott klagt Israel und Juda die ganze Zeit an, weil sie sich von ihm abgewandt haben. In den Propheten kann man Gottes Zorn und die Folgen für das Volk deutlich erkennen. Die Bilder, die dort verwendet werden, sind heftig: Hurerei, Ehebruch, Abgötterei und Götzendienst in den tiefsten Dingen.
Gott beschreibt hier Gericht. Wenn man die Prophetenbücher schnell zusammenfassen wollte oder das Gottesbild, das sie vermitteln, in Kürze darstellen wollte, käme man schnell zu dem Ergebnis, dass Gott vollkommen heilig, eifersüchtig, gerecht und Richter ist. Das ist der erste Eindruck, den man von den Propheten und von Gott bekommen kann.
Diese Propheten sind voll von drastischen Gerichtsankündigungen. Doch wer nur das sieht, versteht die Propheten und Gott nicht vollständig. Hinter all diesen Anklagen und Gerichtsdrohungen steht ein Gott, der um sein Volk ringt. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als dass sein Volk endlich zu ihm zurückkehrt, von allen fremden Göttern umkehrt und sich ihm zuwendet.
Dafür kann man zum Beispiel das Buch Hosea lesen, das sehr tief in diese Thematik eintaucht. Wenn man die Propheten mit diesem Blick liest, erkennt man, dass im Kern der Propheten oft gezeigt wird, wie sehr Gott sein Volk retten und lieben will.
Woher nehme ich das? Ich bin überzeugt, dass sich dieses Motiv in jedem Prophetenbuch findet. Ich zeige euch nur drei Stellen aus dem Buch Jesaja, wo das besonders deutlich wird. Jesaja spricht immer wieder davon, wie Juda wegrennt. Schauen wir uns ein paar Stellen an:
Jesaja 41,14: „Fürchte dich nicht, du Würmlein Jakob, du armer Hof Israel. Ich helfe dir, spricht der Herr, und dein Erlöser ist der Heilige Israels.“ Das sind starke Worte. Hier wird deutlich, dass der heilige, gerechte Gott, der Gericht fordert und Gerechtigkeit verlangt, auch eine andere Seite hat: Er ist der Erlöser.
Dasselbe sehen wir in Jesaja 54,5: „Denn der dich gemacht hat, ist dein Mann, Herr Zebaoth heißt sein Name, und dein Erlöser ist der Heilige Israels, der aller Welt Gott genannt wird.“ Hier wird eine Verbindung hergestellt zwischen dem Schöpfergott, der unvorstellbare Macht besitzt, und dem Gott, der Erlöser sein will.
Dieser Gott, der Ehrfurcht und Angst auslöst, wenn wir ihn betrachten, der uns wie ein Richter gegenübersteht, vor dem wir nur fliehen oder vergeblich versuchen können, gerecht zu werden, sagt hier, dass er Erlöser sein will.
Jesaja 63,16 spitzt das noch einmal zu: „Bist du doch unser Vater, denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht.“ Interessant ist auch, was die Pharisäer später zu Jesus sagen, wenn sie ihn fragen, wer ihr Vater sei. Jesus antwortet: „Du, Herr, bist unser Vater, unser Erlöser, das ist von Alters her dein Name.“
Diese Aussage hat eine enorme Sprengkraft. Vielleicht ist unser größtes Problem, dass solche Begriffe für Gott für uns schon Alltag sind und wir ihre Bedeutung kaum noch wahrnehmen. Jesaja sagt hier zu Israel, dass der Herr ihr Erlöser ist und dass dies keine neue Eigenschaft Gottes ist, sondern sein Name von jeher war.
Man darf dabei nicht vergessen, dass im Alten Testament der Name einer Person auch deren Wesen und Aufgabe ausdrückte. Jesaja sagt hier, dass Gottes Name von jeher unser Erlöser und unser Vater ist.
Jesaja bringt zudem Gott als den Vater seiner Kinder ins Spiel. Wenn man die Propheten betrachtet – hier habe ich nur einen kurzen Ausschnitt gezeigt – sieht man diesen Vater, der einen tiefen Wunsch hat: sein Volk, dich und mich zu retten und zu erlösen. Das ist von jeher sein Wesen.
Ich möchte wirklich ermutigen, die Propheten einmal aus diesem Blickwinkel zu lesen. Achtet darauf, wie sehr Gottes Sehnsucht darin sichtbar wird, sein Volk zu retten und zu erlösen.
Dabei sollte man die romantische Vorstellung, die wir manchmal vom Volk Israel haben, loslassen. Das Volk Israel und Juda zu dieser Zeit waren alles andere als treue Söhne oder ein vorbildliches Volk. Sie waren tief im Götzendienst verhaftet.
Zur Zeit Jesajas war es mal besser, mal schlechter. Er wirkte auch zur Zeit von Hiskia, als es ein wenig aufwärts ging, doch in der großen Masse war das Volk ein Volk des Götzendienstes.
Gott steht dennoch als ein Vater da, der mitleidet, wie ein Vater, dessen Kind schwer krank ist. Er wünscht sich, dass der Weg zur Heilung und Erlösung gefunden wird.
Für die, die Väter sind: Wenn eure Kinder krank sind, wenn sie hohes Fieber haben, gibt es diesen tiefen Wunsch, die Krankheit wegnehmen zu können, um es dem Kind leichter zu machen. So mitleidet Gott mit seinem Volk.
Ja, es stimmt, er ist dieser heilige, gerechte Schöpfer. Diese Spannung ist im Alten Testament vorhanden und bleibt auch bei Jesaja ungelöst: Wie kann Gott gleichzeitig gerecht bleiben und doch Erlöser, Retter, gnädig und barmherzig sein?
Diese Spannung wurde im Neuen Testament schließlich aufgelöst.
Die Einheit Gottes in der Dreieinigkeit und die Offenbarung in Jesus Christus
Und da will ich weitergehen. Zunächst muss ich kurz von mir selbst sprechen, weil ich eine spezielle Vorstellung von der Dreieinigkeit und den Personen in der Dreieinigkeit habe, die ich unabhängig und unbewusst manchmal in mir trage.
Auf der einen Seite ist da dieser heilige, gerechte Gott, der Vater. Er ist der Richter, vor dem ich nicht bestehen kann, der Schöpfer und der genau diese Macht symbolisiert. Auf der anderen Seite ist Jesus, der für meine Sünden und meine Schuld stirbt. Mein Blick richtet sich dann auf Gott, den Vater, und auf Jesus in dieser Situation. Ich stelle mir vor, dass ich zwangsweise vom Vater angenommen werde, weil Jesus sozusagen seine „Schmutzelfreunde“ aus der Schule mit nach Hause bringt. So widerwillig bekommen diese dann auch etwas zu essen oder so. Das ist manchmal unbewusst mein Bild von Gott: Hier Jesus, dort der Vater.
Man könnte meinen, Gott ist in seinem Charakter, also Gott der Vater in seinem Charakter, eben der Heilige, der Gerechte, der Sünde nicht ungestraft lassen kann. Jesus hingegen ist für die Seite der Barmherzigkeit und des Gnädigseins zuständig. Weil Jesus mich mitbringt, muss der Vater sagen: „Ja, kommt, der darf auch mit rein.“ So ist das ein bisschen überspitzt formuliert.
Ich weiß nicht, ob du dich da manchmal wiederfindest, aber ich behaupte, dass diese Trennung, die ich hier mache, absolut unbiblisch ist und zutiefst falsch, wenn ich diese Trennung innerhalb der Gottheit vornehme. Die Personen der Gottheit sind in dem, was sie tun, also in ihrem Werk, unterschiedlich. Aber Gott als Einheit ist in seinem Charakter, in seinem Wesen, in seinem tiefsten Innersten nicht geteilt oder unterschiedlich, sondern er ist eins.
Das, was den Vater ausmacht, macht auch den Sohn aus, und was den Sohn ausmacht, macht auch den Heiligen Geist aus. Im Werk sind sie unterschiedlich, aber in der Motivation identisch. Ich halte es für zentral, das zu verstehen. Ich werde gleich begründen, warum dem so ist.
Wir werden dem Vater nicht gerecht, wenn wir ihm andere Motive und ein anderes Innerstes unterstellen als Jesus. Wir werden auch Jesus nicht gerecht, wenn wir den Richter bei ihm ausklammern. Darum geht es jetzt heute mal nicht, aber wir müssen hier sauber sein.
Warum komme ich zu dieser Aussage? Geht mit mir ins Johannesevangelium hinein, Johannes 14, Vers 8. Vielleicht hat jemand diese Stelle erwartet, aber sie ist so zentral. Da ist dieser schlaue Philippus, der einen Wunsch an Jesus hat. Johannes 14, Vers 8: Da heißt es, spricht zu ihm Philippus: „Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns.“ Philippus ist also total genügsam, er möchte nur den Vater sehen, und das reicht ihm.
Er bekommt eine Antwort. Jesus spricht zu ihm, er ist total schockiert über diese Anfrage von Philippus: „So lange bin ich bei euch, und du bist Philippus? Kennst du mich nicht? Wer mich sieht, der sieht den Vater. Wie sprichst du dann: ‚Zeig uns den Vater‘?“ Lest euch das in Ruhe noch mal durch. Jesus ist total schockiert über den Wunsch von Philippus. Warum? Weil der Wunsch von Philippus schon längst erfüllt ist, und er hat es nicht erkannt.
Ich glaube, wir sind manchmal ziemlich nah bei Philippus, wenn wir uns wünschen, den Vater besser zu kennen. Und Jesus sagt: „Hallo, ich war schon lange da, ich habe euch den Vater schon längst gezeigt.“
Was steckt hier hinter dieser Aussage? Wenn du Gott wirklich kennenlernen willst, wenn du ihn persönlich kennenlernen willst und wissen willst, wie er ist, wenn du wissen willst, was sein Herz ausmacht, was in seinem tiefsten Innersten verankert ist, dann gibt es genau einen Weg, wo du hingehen musst: zu Jesus Christus.
Du musst Jesus anschauen. In dem Maß, wie du Jesus siehst, wie du siehst, wie Jesus handelt, wie Jesus agiert, wie Jesus fühlt, wie Jesus denkt, was er von sich selbst sagt – in dem Maß kannst du erkennen, wie Gott und wie Gott der Vater in seinem Innersten denkt, handelt und ist. Jesus sagt explizit zu Philippus, dass durch ihn Gott gesehen wird.
Luther schreibt in seinem großen Katechismus: „Denn wir könnten nimmermehr dazu kommen, dass wir des Vaters Huld und Gnade erkannten, ohne durch den Herrn Christum, der ein Spiegel ist des väterlichen Herzens, ausser welchem wir nicht sehen, denn einen zornigen und schrecklichen Richter.“
Was Luther hier in ein paar kurzen Worten beschreibt, ist das, was er in seinem Leben erlebt und erfahren hat. Er war Mönch und sah diesen gerechten, zornigen Schöpfer und Richter. Er stieg in dieses Hamsterrad ein und versuchte alles, um vor diesem Gott gerecht zu werden und zu handeln. Und irgendwann sah er Jesus und das Herz Gottes.
Deshalb ist es absolut fatal, wenn wir die Gottheit Jesu streichen und in Jesus nur einen Menschen sehen, der besser gelebt hat. Jesus ist und war Gott. Er hat uns gezeigt, wie Gott ist. Diese Trennung, die wir vielleicht – du auch, ich auf jeden Fall – immer wieder in unserem Denken machen zwischen Gott, dem Vater, und Jesus, die ist unbiblisch. Sie ist nicht da.
Wenn wir nur das Alte Testament haben, können wir Gott nicht richtig erkennen, weil er sich erst in Jesus Christus, als er auf die Welt gekommen ist, vollständig und ein für allemal offenbart hat.
Ich lege noch eine weitere Stelle auf diese Johannesstelle: Paulus schreibt in 2. Korinther 5, Vers 19: „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hatte unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“
Gott war in Christus. Gott ist nicht einfach passiv auf Golgatha dabei und schaut zu, wie der Mensch stirbt. Nein, er selbst, Gott, ist dort auf Golgatha und stirbt für deine und meine Schuld.
Das, was sich im Alten Testament immer wieder andeutet und nur wie ein Blitzlicht kurz sichtbar wird, wird zur Realität. Gott erlöst sein Volk. Was ihn in seinem tiefsten Innersten auszeichnet, dass er barmherzig und gnädig sein will, dass er eine Sehnsucht danach hat, sein Volk, seine Kinder zu retten, wird auf Golgatha sichtbar.
Gleichzeitig zeigt er, wie er im selben Augenblick absolut gerecht und heilig sein kann, weil er die Strafe selbst trägt.
Wenn du auf Golgatha blickst, hängt dort für dich nur ein Mensch, oder hängt dort Gott selbst, für dich und mich, um uns zu retten?
Ich habe die Frage an dich, wie das deinen Blick auf Gott verändert – auch auf Gott, den Vater. Sein tiefster Wunsch war, diesen Weg freizumachen, Erlösung zu schaffen.
Ich halte es für absolut zentral, dass wir in der Frage unserer Gotteserkenntnis, wie wir Gott erkennen, nicht mehr hinter Golgatha zurückgehen. Wenn wir nur das Alte Testament nehmen, um Gott und auch Gott, den Vater, zu verstehen und zu erkennen, werden wir zwangsweise einseitig.
Durch Jesus Christus und Golgatha wird unser Gottesbild vollständig. Erst dort können wir Gott im Tiefsten seines Wesens erkennen und erfahren. Nur dort wird der Kern deutlich, und nur dort wird unsere Beziehung zu Gott in das richtige Verhältnis gesetzt.
Deshalb kann es manchmal scheinen, dass Aufforderungen zur Angst in Form von Gottesfurcht irgendwie doch biblisch sind, weil sie im Alten Testament manchmal durchaus so rüberkommen können. Aber erst wenn wir Golgatha hineinnehmen, wird klar, wie Gott sich wirklich wünscht, dass wir mit ihm umgehen können.
Gottes Herrlichkeit und die Offenbarung in Jesus Christus
Ich möchte noch einen wichtigen Punkt zum tiefsten Charakter Gottes anfügen und uns die Frage stellen, wo Gottes Herrlichkeit am stärksten sichtbar wird. Vielleicht saßt ihr schon einmal auf einem Berg oder einer Alm, habt einen schönen See gesehen oder Ähnliches. Solche Bilder können ein bisschen Neid hervorrufen, und man denkt: „Wow, wie herrlich ist Gott!“ Es ist richtig, das in dem Moment zu denken.
Aber das ist nicht der stärkste Ausdruck von Gottes Herrlichkeit. Es gibt noch etwas Größeres. Ich schaue noch einmal mit euch ins Alte und Neue Testament, in Jesaja 40, Verse 3 bis 5: „Es ruft eine Stimme in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserem Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden, denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn der Mund des Herrn hat geredet.“
Warum zitiere ich diese Jesaja-Stelle? Weil hier das Kommen Jesu angekündigt wird. Dieses Rufen in der Wüste, das den Weg für den Herrn bereitet, ist Johannes der Täufer. Er kündigt an, dass die Herrlichkeit des Herrn offenbart werden soll. Um wen geht es? Um Jesus Christus.
Wenn ihr wirklich wissen wollt, wo Gottes Herrlichkeit am stärksten sichtbar wird, dann ist es Jesus. Kurz bevor das Johannesevangelium in die Passionserzählung wechselt, also in die Geschichte des Leidenswegs, sagt Jesus etwas Zentrales zu seinen Jüngern, in Johannes 12, Vers 23: „Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.“
Jesus meint damit seinen Weg und sein Sterben auf Golgatha. Dort wird Jesus verherrlicht. Ist das nicht paradox? Ein Mensch am Ende seines Lebens, unschuldig, zerschlagen, gedemütigt und unter grausamster Folter sterbend – und genau das soll der Moment sein, in dem Gottes Herrlichkeit am stärksten sichtbar wird. Nicht der Schöpfungsmoment, nicht irgendwelche triumphalen Gerichte Gottes, sondern Golgatha. Dort wird Gott verherrlicht.
Genau das wird hier beschrieben: Jesus und Gott werden am Kreuz verherrlicht. Warum? Weil dort seine Größe und Schönheit so tief zum Ausdruck kommen. Dort wird der tiefe und schöne Charakter von Gottes Wesen sichtbar – dieser lösende, sich selbst hingebende Gott. Denn es ist nicht die Macht und Gewalt, die man in dieser Welt demonstrieren kann, die Gottes Herrlichkeit am stärksten zeigt. Auch die Schöpfung ist ein Ausdruck seiner Herrlichkeit, aber der stärkste Ausdruck ist das Kreuz.
Michael Reeves, dessen Buch ich gleich noch zeigen werde, schreibt: „Die tiefste Offenbarung von Gottes Herrlichkeit und seinem Wesen liegt in seiner Identität als Erlöser.“ Stephan hat das in seinem Vortrag auch schon angerissen. Calvin unterscheidet in seiner Institutio zwei Stufen der Gotteserkenntnis, was ich sehr spannend finde. Die erste Stufe ist die Erkenntnis Gottes als Schöpfer, die zweite Stufe ist Gott als Erlöser.
Wir dürfen nicht bei der ersten Stufe stehenbleiben. Wir müssen Gott tiefer und weiter kennenlernen. Wir müssen ihn als unseren Erlöser kennenlernen. Wenn wir Gott durch Jesus Christus mehr und tiefer kennenlernen, dann sehen wir ihn als Erlöser und Vater. Das bedeutet nicht, dass wir aufhören, Gott als den übernatürlichen Schöpfer zu sehen und anzubeten. Aber dieses Wissen, dass er gleichzeitig unser Vater und Erlöser ist, bringt dem Ganzen eine neue Dimension.
Gott ist dann nicht mehr nur der ferne, mächtige Regierungschef, sondern gleichzeitig der Vater, der alles für seine Kinder tut und sich für sie hingibt, der für uns einsteht. Das verändert uns und muss unsere Furcht verändern. Sie ist dann nicht mehr eine knechtische Furcht, die uns Angst macht, die uns knüpelt und bei der wir ständig Angst vor Strafe haben, sondern sie wird zu einer kindlichen Furcht. Diese kindliche Furcht weiß sich beim Vater geborgen, darf mit Jesus alles teilen, sieht ihn als Bruder und weiß sich von ihm getragen und geführt.
Geborgenheit und gehalten sein – diese Vaterschaft Gottes ist fundamental für ein richtiges Verständnis von Gottesfurcht. Hier muss der Schrecken vor dem Heiligen und Unendlichen weichen. Hier muss alle Abhängigkeit von eigenen Werken weichen, denn ich kann nichts tun, was Gott mehr zu meinem Vater machen würde. Kindliche Furcht darf bleiben. Diese Furcht könnt ihr auch bei Jesus erkennen.
Jesaja beschreibt das wieder in Jesaja 11, Verse 2 bis 3, wo angekündigt wird, wie Jesus sein wird: „Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.“ Interessant ist, dass diese verbunden werden und wohlgefallen haben an der Furcht des Herrn.
Jesus wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören. Bei Jesus ist diese Furcht vor Gott keine ängstliche Furcht vor dem Vater, sondern eine Ehrfurcht, die aus einer tiefen Liebesbeziehung heraus entsteht.
Um vielleicht zu beschreiben, wie diese Ehrfurcht aussieht, wie sie erschüttert, ist es schwierig, das in Worte zu fassen. Matthias, ich hoffe, ich tue dir jetzt nicht unrecht, aber ich habe dich beobachtet. Bei der Hochzeit, bei der ich weiter vorne saß, konnte ich dich relativ gut sehen, auch wenn Tim dich nicht so gut sehen konnte. Als Debbie hereinkam, wurde es ein bisschen feucht um deine Augen, hatte ich den Eindruck.
Ich glaube, das ist der Moment, den Gott sich wünscht. So sollten wir Furcht vor ihm haben: eine tiefe Ehrfurcht, die aus einer tiefen Liebesbeziehung heraus entsteht. Eine Ehrfurcht, bei der Freude da ist, wenn wir ihm begegnen können, Sehnsucht da ist und tiefes Glück heraussprechen kann. Und wenn man erzittert und erschaudert vor so einem Moment, aber weiß, dass Gott als Vater uns begegnet.
Das ist es, was Gott sich wünscht. Und wenn ihr mir nicht glaubt, dann glaubt Paulus, der in Römer 8, Verse 14 bis 17 schreibt: „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet. Nein, ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi. Werden wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.“
In dem Moment, in dem du Gottes Kind wirst, wird dieser unnahbare, übernatürliche Schöpfer zu deinem Vater. Wie gigantisch ist das bitte!
Ich zitiere noch einmal Michael Reeves: „Sie ist nicht die Furcht des Sünders vor einem heiligen Richter und auch nicht die Ehrfurcht der Geschöpfe vor ihrem gewaltigen Schöpfer. Sie ist vielmehr die überwältigte Hingabe von Kindern, die über die Güte, Gerechtigkeit, Herrlichkeit und Großartigkeit ihres Vaters staunen.“
Das Kind darf so tief verankert sein in dieser Vater-Kind-Beziehung und darin geborgen sein. Dieser Vater ist es, der dafür bürgt. Er ist gleichzeitig der allmächtige Schöpfer dieser Welt. Erst wenn du in diese Vater-Kind-Beziehung kommst, kannst du die Schöpfermacht und Naturgewalten, die wir erleben und erfahren, richtig genießen. Denn dann erkennst du darin die schier unbegreifliche Größe und Macht deines Vaters – wie gewaltig er ist.
Einladung zur Beziehung mit Gott und abschließende Gedanken
Was ist die Anwendung von heute? Ich habe keine. Und vielleicht ist genau das unser Problem: Oft haben wir die Erwartung, dass wir eine Anwendung brauchen. Etwas, das wir tun können, etwas, das wir in der Woche umsetzen können.
Wir wollen etwas tun, um das Gehörte praktisch auf unser Leben anzuwenden. Doch es geht um so viel mehr. Gott wünscht sich genau eine Sache: dass du zu ihm kommst. Er steht mit ausgebreiteten Armen da und sehnt sich nichts mehr, als dass du einfach kommst – heute, morgen und in aller Ewigkeit. Dass du zu ihm gehst.
Er wünscht sich nicht, dass du irgendetwas für ihn tust. Er wünscht sich, dass du kommst, bei ihm bist und dich von ihm prägen und verändern lässt.
Matthäus 11,28-29 sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ Vielleicht ist das für uns schon so selbstverständlich geworden. Lasst es dennoch tief in euer Herz einsinken.
Kommt zu Jesus, kommt zum Vater, taucht ein in diese tiefe und enge Beziehung und genießt es. Das ist das, was ich dir wünsche und was Gott sich wünscht, dass du tust.
Komm zu Jesus, wenn dieses Leben dir schöne Momente schenkt, wenn du Freude hast und Momente zum Genießen. Dann komm zu ihm und genieße mit ihm zusammen, der sie dir schenkt.
Wenn du durch Leid gehst und nicht mehr weiterweißt, dann wünscht sich Gott nichts mehr, als dass du einfach zu ihm kommst. Er leidet mit dir und geht mit dir hindurch. Er wünscht sich nicht, dass du anfängst, Dinge zu tun, um es irgendwie besser zu machen. Er wünscht sich, dass du einfach kommst.
Und wenn Sünde dein Leben zerstört und du immer wieder hineinfällst, wenn du unter der Last der Sünde leidest, dann wünscht sich Gott nicht mehr, als dass du mit all deiner Schuld, deiner Last und deinem Versagen zu ihm kommst – als Christ, aber auch wenn du ihm noch nicht gehörst.
Der tiefste Wunsch Gottes, wenn Sünde in deinem Leben ist, ist nicht, dass du ab morgen alles besser machst, dass du es endlich in den Griff bekommst oder jetzt Werke tust, um Gott gnädiger zu stimmen.
Der tiefste Wunsch Gottes ist, dass du zu ihm kommst und deine Sünde zu seinen Füßen am Kreuz von Golgatha legst. Komm zu Jesus!
Ein Ausblick in 1. Korinther 13,12 zeigt uns, wie es weitergeht. Paulus sagt: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, aber dann werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“
Das, was wir jetzt von Gott erkennen, geschieht stückweise. Wir können nur wachsen, Gott immer besser zu verstehen. Es ist jetzt schon wunderbar und herrlich, wenn wir Gott als gnädigen und barmherzigen Gott erfahren und erkennen können. Doch es wird ein Moment kommen, an dem wir Gott in seiner ganzen Tiefe und Schönheit noch viel mehr erkennen werden.
Und wisst ihr, was in der Offenbarung angebetet wird? Das Lamm, das in der Mitte steht. Ich bin überzeugt, wenn wir in die Ewigkeit kommen, dann ist es nicht ein „Ich muss jetzt zum Gottesdienst gehen“, wie wir es manchmal verbinden. Es ist ein tiefes, tiefes Genießen dieser väterlichen Erlöserliebe.
Es ist ein Bad in dieser innigen Liebesbeziehung zu diesem allmächtigen Schöpfer, der dein Vater ist. Er hat sich dir in seinem tiefsten Inneren hingegeben, dich erlöst in ewiger Liebe und liebt dich mit ewiger Liebe.
Komm zu ihm, genieße ihn und das, was er dir jetzt schon gewährt. Gott wünscht sich nicht mehr. Amen.
