Ich freue mich, wieder bei euch zu sein. Ihr wisst, wir haben eine Reihe mit sechzig Predigten zur Apostelgeschichte. Heute machen wir damit weiter.
Ich dachte mir, wenn man nur so sporadisch weitermacht, dann ist es besser, den gleichen Text vom letzten Mal noch einmal anzuschauen. Also schauen wir uns Apostelgeschichte 21 an. Dort gibt es nämlich noch mehr zu sagen.
Diesen Punkt möchte ich unbedingt ansprechen und bringe ihn deshalb heute.
Die dramatische Situation des Paulus in Jerusalem
Wir befinden uns in Jerusalem, und der Apostel Paulus gerät in eine sehr schwierige Situation. In den Versen 27 bis 40 lesen wir, wie die Juden aus Asien ihn im Tempel sehen und die ganze Volksmenge in Aufruhr versetzen.
Sie legen die Hände an ihn und rufen: „Männer von Israel, helft! Das ist der Mensch, der überall lehrt gegen das Volk, gegen das Gesetz und gegen diese Städte. Außerdem hat er auch Griechen in den Tempel geführt und dadurch diese heilige Stadt verunreinigt.“
Denn sie hatten Paulus zuvor mit Trophimus, dem Epheser, in der Stadt gesehen. Sie glaubten, dass Paulus ihn in den Tempel gebracht habe.
Die ganze Stadt gerät in Bewegung, und es entsteht ein großes Gedränge. Sie ergreifen Paulus und schleppen ihn aus dem Tempel, wobei die Türen sogleich geschlossen werden.
Während sie ihn töten wollen, erhält der Oberste der Schar – das sind römische Soldaten – die Nachricht, dass ganz Jerusalem in Aufruhr ist. Er nimmt sofort Soldaten und Hauptleute mit und eilt zu der Menge.
Als die Menschen den Obersten und die Soldaten sehen, hören sie auf, Paulus zu schlagen. Der Oberste nähert sich, ergreift Paulus und befiehlt, ihn mit zwei Ketten zu fesseln. Dann erkundigt er sich, wer Paulus sei und was er getan habe.
Die Volksmenge ruft durcheinander verschiedene Dinge, doch wegen des Tumults kann der Oberste keine klaren Informationen erhalten. Deshalb befiehlt er, Paulus ins Lager zu bringen.
Als sie die Treppen hinaufgehen, wird Paulus wegen der Gewalt der Menge von den Soldaten getragen. Die Menge folgt ihnen und schreit: „Weg mit ihm!“
Als Paulus in das römische Lager, das in der Nähe des Tempels etwas erhöht liegt, hineingebracht werden soll, spricht er zum Obersten: „Ist es mir erlaubt, dir etwas zu sagen?“
Der Oberste antwortet: „Verstehst du Griechisch? Bist du etwa der Ägypter, der vor einigen Tagen einen Aufruhr ausgelöst und viertausend Sikarier in die Wüste geführt hat?“ (Sikarier waren eine Art Terroristen.)
Paulus erwidert: „Ich bin ein jüdischer Mann aus Tarsus, einer nicht unbedeutenden Stadt in Zilizien. Ich bitte dich aber, erlaube mir, zum Volk zu sprechen.“
Als der Oberste dies erlaubt, winkt Paulus dem Volk von den Stufen aus mit der Hand. Nachdem große Stille eingetreten ist, spricht er sie in hebräischer Sprache an.
Zusammenfassung der dramatischen Ereignisse und Einleitung zur Theologie des Leids
Ich fasse kurz zusammen, was ich gerade vorgelesen habe: Alte Feinde von Paulus behaupten, er hätte den Tempel entweiht. Das stimmt nicht, trotzdem wird es behauptet.
Daraufhin kommt ein wütender Mob, der den Apostel angreift, ihn aus dem Tempel schleift und töten will. Ein römischer Oberst bekommt das mit, eilt Paulus mit seinen Soldaten zu Hilfe, lässt ihn fesseln und will wissen, worum es geht. Er erfährt es aber nicht, also nimmt er Paulus mit in sein Lager, wo er halbwegs sicher ist.
Vor dem Lager kommt es zu einem Dialog zwischen Paulus auf der einen Seite und dem römischen Obersten auf der anderen. Der stellt fest: „Aha, du bist gar nicht so böse, wie ich dachte. Ich hielt dich für einen Terroristen, bist du aber nicht.“ Deshalb erlaubt der Oberste Paulus, zu dem Mob zu sprechen, der ihn eben noch töten wollte.
Man muss sich das so vorstellen: Vor dem römischen Lager steht eine große Menge, die schreit und tobt. Auf ein paar Stufen steht Paulus und sagt: „Hey, ich würde gern noch einmal reden, kann ich das machen?“ Der Oberste antwortet: „Ja.“
Als wir uns das letzte Mal diesen Text angeschaut haben, ging es mir um eine Theologie des Leids. Das waren die Punkte aus der letzten Predigt. Ich hoffe, ihr habt sie auswendig gelernt, denn das ist wirklich wichtiger Stoff im geistlichen Leben. Eine gesunde Theologie des Leids ist das Wichtigste, was man braucht.
Warum? Weil wir dem Leid nicht entkommen werden. Wenn Leid dich im Leben völlig unerwartet trifft, kann es dich wirklich aus der Bahn werfen. Deshalb war es mir wichtig, eine Situation zu zeigen, in der der Apostel großes Leid erlebt: Es werden falsche Dinge über ihn behauptet, ein Mob wird gegen ihn mobilisiert, er wird geschlagen und fast getötet.
Das waren die vier Punkte aus der letzten Predigt, weil ich sie wichtig finde: Leid ist ein Teil der Nachfolge. Gott ist auch im Leid souverän. Wir sollen im Leid ruhig, besonnen und realistisch bleiben.
Das heißt ganz praktisch: Rechne mit Dingen wie Verfolgung, Ausgrenzung und Ablehnung. Es heißt auch, schau auf Jesus und nimm dir an seinem Umgang mit Leid ein Vorbild. Er weiß, was es heißt zu leiden, denn er hat es selbst durchgemacht. Und drittens: Schau, wo Leid zum Guten mitwirken muss.
Da waren wir das letzte Mal stehen geblieben, und hier möchte ich jetzt weitermachen.
Die Theologie der Chancen als Ergänzung zur Theologie des Leids
Ich möchte den letzten Punkt heute noch einmal genauer erläutern. In Römer 8,28 heißt es: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken.“ Dieses Prinzip gilt, weil wir es sowohl im Leben der alttestamentlichen Propheten als auch im Leben von Paulus und anderen Aposteln sehen.
Wer Gott vertraut, darf darauf vertrauen, dass Gott sein Leben lenkt – und zwar so, dass es langfristig gut ist für die Berufung, die Gott ihm gegeben hat. Wir sehen das deutlich bei Paulus. In dem Moment, in dem etwas Schlimmes passiert, könnte man denken: „Was für eine Katastrophe! Jetzt wird Paulus entdeckt, man bringt ihn fast um. Wie soll es mit uns Christen hier in der Stadt weitergehen?“
Ich weiß nicht, ob du solche Gedanken kennst. Nicht unbedingt, dass du von einem Mob angegriffen wirst, aber vielleicht solche Gedanken, wenn im Leben etwas richtig schiefgeht. Wenn du vor einer echten Katastrophe stehst, dann kommt dieser Gedanke: „Wie soll das jetzt weitergehen?“
Bei mir ist es so, dass in solchen Momenten ein Reflex einsetzt: Dieses „Boah!“, das so richtig einschießt. Aber das ist die gute Nachricht heute: Solche Gedanken sind fast nie wahr.
Ich lasse eine Sache jetzt außen vor: Ja, Gott kann uns auch richten und strafen, wenn wir sündigen. Misserfolg, Chaos und Stress können auch ein Ausdruck davon sein, dass Gott in unser Leben und unser Gewissen hineinsprechen möchte. Das ist möglich, ich möchte es heute aber außen vorlassen.
Wir dürfen als Kinder Gottes grundsätzlich darauf vertrauen, dass alle Dinge, die in unserem Leben passieren – insbesondere die, die wir nicht verstehen, die uns überfordern und die uns emotional auf die Knie bringen – zum Guten mitwirken müssen. Das ist einfach so.
Ich darf wissen, dass Chaos, Leid und auch mein Versagen im Leben niemals das letzte Wort haben. Zugegeben, wenn ich das so sage, braucht das Glauben. Das ist mir klar. Es kommt nicht einfach so von selbst. Aber es kommt, wenn wir Gott vertrauen.
Ich möchte das noch einmal betonen: Wenn wir in Situationen geraten, die uns überfordern – und Gott wird uns in solche Situationen hineinstecken –, dann dürfen wir diese Situationen wie ein Workout betrachten. Gott möchte in unserem Leben etwas trainieren.
Wir dürfen schwierige Situationen als Chancen begreifen. Deshalb ging es beim letzten Mal um eine Theologie des Leids. Heute möchte ich dem eine Theologie der Chancen gegenüberstellen. Man könnte auch sagen: Aus einer Theologie des Leids wird eine Theologie der Chancen, wenn ich in ein und derselben Situation die richtige Einstellung habe.
Drei Schlüsselbereiche für eine Theologie der Chancen
Ich möchte euch kurz erklären, was das bedeutet. Es gibt drei Schlüsselbereiche, in denen wir uns positionieren müssen, damit es in unserem Leben gelingt, eine schwierige Situation als eine Chance zu begreifen, die Gott nutzt.
Oft könnte man in solchen Momenten nur denken: „Boah, was soll das denn?“ Doch wenn wir diese Situation anders betrachten, können wir sie als Chance sehen.
Diese drei Schlüsselbereiche betreffen unsere innere Haltung. Eventuell müssen wir unsere Einstellung in kleinen Punkten verändern, um in notvollen Zeiten richtig reagieren zu können.
Ich beginne nun mit dem ersten Schlüsselbereich.
1. Sich der eigenen Berufung bewusst sein
Erster Schlüsselbereich: Ich muss mir meiner grundsätzlichen Berufung sicher sein.
Nicht jeder von uns ist gleich ein Paulus. Nicht jeder hat so eine apostolische Begabung und ist Missionar. Aber jeder von uns hat eine Berufung. In dem Moment, in dem du gläubig wirst und Teil des Reiches Gottes bist, hast du eine Berufung.
Ich habe euch drei Stellen mitgebracht, an denen im Leben von Paulus deutlich wird, dass er das auch wirklich so sieht. In Apostelgeschichte 20,24 heißt es: „Aber ich achte mein Leben nicht der Rede wert, damit ich meinen Lauf vollende und den Dienst, den ich von dem Herrn Jesus empfangen habe, das Evangelium der Gnade Gottes zu bezeugen.“ Paulus weiß also: Ich habe einen Auftrag bekommen.
Oder 1. Timotheus 2,7: „Dafür bin ich eingesetzt worden als Herold und Apostel, ich sage die Wahrheit, ich lüge nicht, als Lehrer der Nationen in Glauben und Wahrheit.“
Oder 2. Timotheus 1,11: „Das Evangelium, für das ich eingesetzt worden bin als Herold und Apostel und Lehrer.“
Warum ist das mit der Berufung so wichtig? Weil ich damit mein Leben als das sehe, was es eigentlich ist. Gib mir noch einmal die Folie mit dem Werkzeug, bitte! Nämlich: Mein Leben ist ein Werkzeug in der Hand Gottes.
Dabei ist der Clou, dass keiner von euch sich das Leben ausgesucht hat, in dem er sich wiederfindet. Ist dir das schon mal aufgefallen? Du kommst zur Welt und irgendwann stellst du fest: Aha, ich bin also der und der in der und der Lebenssituation. Aber du hast dir das nicht ausgesucht. Am Anfang gab es kein „Was hättest du denn gern?“ Du hast nicht gesagt: Ich hätte gerne das 21. Jahrhundert, Westeuropa, gute Bildung, Frieden, vernünftig essen und trinken, Leitungswasser.
Nein, du kommst einfach so zur Welt und stellst fest, dass du dir das Leben nicht ausgesucht hast. Und dann stellst du noch etwas fest: Du hast dieses Leben ein Stück weit anvertraut bekommen. Die Frage ist: Wozu hast du dein Leben bekommen?
Das ist relativ einfach. Es gibt zwei Dinge, die du mit deinem Leben anstellen musst. Erstens: Du musst gläubig werden. Dazu hast du dein Leben bekommen. Und zweitens: Du sollst an genau der Stelle, an der Gott dich hingestellt hat, mit den Ressourcen, die Gott dir gegeben hat, das Reich Gottes bauen.
Das sind die zwei Dinge. Also erstens: Werde gläubig, zweitens: Sei Salz und Licht. Punkt, das ist es. Das ist auch relativ einfach, und das ist immer schön.
Ich mag das Christentum, weil es simpel ist. Ich weiß nicht, ob es euch auch so geht: Man weiß einfach, wozu man da ist, man weiß, wo es hingeht, man weiß, wo man herkommt. Das ist einfach nett.
Und wenn du das einmal verstanden hast, dann darfst du auch glauben: Gott gibt mir ein Leben, Gott gibt mir Ressourcen, Gott gibt mir einen Job. Dann darf ich auch glauben, dass Gott mich führt, und zwar genau so, wie es für mich und meinen Auftrag in dieser Welt gut und richtig ist.
Und wenn ich das glauben kann – Achtung, das hat wieder etwas mit Glauben zu tun, ja, ist halt so – das mit dem Schauen kommt später. Irgendwann wird Gott dir auch zeigen, warum das alles gut war.
Wenn du das glauben kannst, bedeutet das auch, dass du in schwierigen Lebensumständen Gott gehorchen und vertrauen kannst. Warum? Weil du Werkzeug in seiner Hand bist.
Stell dir vor, du hast so einen Autoschrauber, der unter seinem Auto liegt und so einen irgendwie gearteten Schlüssel hat – ich bin ja kein Schrauber, aber so ein Ding, das man halt braucht, um Schrauben zu lösen. Der weiß doch, was er mit seinem Werkzeug macht.
Und wenn du so ein Werkzeug bist, dann weiß Gott, wie er dich benutzen muss. Darauf darfst du doch vertrauen. Du darfst wissen, dass Gott nicht versucht, zum Beispiel mit einer Bohrmaschine einen Nagel in die Wand zu schlagen. Gott weiß schon, was er tut.
Wenn du das glauben kannst, dass du Teil einer größeren Idee bist, dann weißt du auch: Gott wird dich so führen, wie es richtig gut ist.
Also noch mal: Hast du verstanden, dass du dein Leben bekommen hast als ein Mittel, einerseits um Gott zu erkennen und andererseits, um ihm zu dienen? Wenn du das verstanden hast, wirst du meinen nächsten Satz verstehen, der da heißt: Nimm dein Leben bitte nicht zu ernst.
Wir denken manchmal, dieses Leben sei alles, worum es geht. Vergiss es! Das sind irgendwie ein paar Jahrzehnte Qualifying. Das ist nichts Realistisches. Du bist hier nicht zu Hause.
Ganz ehrlich, fahr mal ein bisschen runter, nimm dieses Leben einfach nicht zu ernst. Ein Stück weit ist es wie – kennt ihr den Film Cast Away? Wir sind hier gestrandet, wir gehören hier nicht her. Wir müssen für ein paar Jahre hier unsere Kokosnüsse finden, und dann war es das auch ein Stück weit.
Verstehst du? Das ist einfach so. Das ist jetzt nicht unser wirkliches Zuhause. Das fühlt sich natürlich manchmal so an, weil wir von morgens bis abends beschäftigt sind, unsere Termine haben, dann schreien die Kinder, dann will die Frau was von einem, und der Chef und der keine Ahnung.
Das fühlt sich schon irgendwie dicht, voll und stressig an. Aber mal ganz in Ruhe ein paar Kokosnüsse finden, ein paar Heiden bekehren und warten, bis man hier wieder wegkommt – das ist eigentlich unser Job.
Und in dieser Zeit dürfen wir wissen: Gott hat uns dieses Leben anvertraut, damit wir hier ein paar Dinge erledigen, und er wird uns so führen, dass wir die Dinge auch auf die Reihe kriegen.
Deswegen steht in der Bibel auch, dass er die guten Werke vorbereitet hat, die wir tun sollen.
Also: Dein Leben als ein Werkzeug in der Hand Gottes. Ich habe euch das ja vorhin vorgelesen, hier dieses: „Ich achte mein Leben nicht der Rede wert, damit ich meinen Lauf vollende und den Dienst, den ich von dem Herrn empfangen habe.“
Halleluja, das ist etwas, was wir sagen können, oder? Hey, scheiß auf dieses Leben, was soll das? Ha, wenn du es in die Tonne treten willst und abfackeln, just do it – das wäre zumindest apostolisch richtig. Die Frage ist, ob wir da stehen.
Aber wenn du sagst: Ich möchte aus einer Theologie des Leids eine Theologie der Chancen machen, dann ist das der erste Schlüsselbereich.
Es ist der Bereich, in dem ich verstehen muss, dass dieses Leben, das ich habe, in Gottes Hand liegt und dass er genau weiß, was er tut. Auch die Momente, in denen ich einfach denke: Bah, never ever! – sind Momente, in denen er sagt: Hey, ich habe mir das schon gut überlegt, warum du da jetzt so reinkommst.
Mach dir mal keinen Kopf, das ist schon okay.
2. Innere Festigkeit und Mut entwickeln
Punkt eins, zweiter Schlüsselbereich, den nenne ich mal innere Festigkeit und Mut. Fairerweise muss man sagen, dass diese beiden Dinge, also innere Festigkeit und Mut, wachsen müssen. Das hast du vielleicht nicht gleich am Anfang deiner Glaubensbeziehung mit Gott.
Ich möchte dir vier Dinge nennen, die dazu beitragen, dass diese innere Festigkeit und dieser Mut in dir zunehmen.
Das Erste, was es braucht, um diese Festigkeit im Umgang mit Gott zu gewinnen, sodass auch eine schwierige Situation einen nicht gleich umwirft, ist eine tiefe, intakte Gottesbeziehung. Festigkeit und Mut wachsen aus meiner Beziehung zu Gott.
Das hat damit zu tun, dass Festigkeit eigentlich immer eine Kraft ist, die wir von Gott bekommen. Von David heißt es einmal in einer sehr schwierigen Situation, dass er sich im Herrn stärkte. Das ist es, was ich meine: Wir brauchen eine tiefe Beziehung zu Gott, um von ihm Kraft, Stärke, Ausharren und auch Ruhe zu ziehen.
So heißt es in Römer 8,31: „Was sollen wir nun hierzu sagen? Wenn Gott für uns ist, wer gegen uns?“ Ich muss wissen, wer Gott ist. Er ist der, der immer auf meiner Seite steht. Das muss ich als Lebensrealität in meinem Leben erfahren.
Das lernt man nicht über Nacht, das braucht Jahre und immer wieder Situationen, in denen man das erlebt. Dazu komme ich gleich noch.
Das Zweite, was auf innere Festigkeit und Mut einzahlt, ist eine klare Definition von Mut. Mut bedeutet nämlich nicht, keine Angst zu haben. Mut heißt, dass ich Angst habe und trotzdem weitergehe.
Mut heißt, ich vertraue auf Gott und weiß, dass ich trotz meiner Angst und Schwäche weitergehen kann, weil ich Gott kenne. Ich weiß, dass Gott mir Schritt für Schritt in der Situation die Kraft geben wird, die ich brauche.
Das ist ein schwieriger Punkt, den man im geistlichen Leben verstehen muss: Gott schenkt dir nicht am Anfang alle Kraft für das Problem und sagt, hier hast du es, jetzt mach mal. Stattdessen erwartet Gott, dass wir losgehen. In der Situation bekommen wir dann die Kraft, die wir brauchen, um durchzuhalten.
Deshalb müssen wir begreifen, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben, sondern weiterzugehen, obwohl wir Angst haben, im Vertrauen darauf, dass Gott uns stärkt.
Ein dritter Punkt: Mut braucht Ermutiger. Das heißt, Mut braucht Geschwister, die ermutigend in mein Leben hineinsprechen. Wenn du Mut brauchst, dann brauchst du mehr Gottesdienste, mehr Hauskreise, mehr Telefonate, mehr Gebetsgemeinschaften. Mut braucht immer Ermutiger.
Ein letzter Punkt, der jetzt vielleicht doof klingt und auch keinen Spaß macht: Mut und innere Festigkeit kommen ein Stück weit durch Übung. Du lernst Festigkeit, wenn du durch Schwierigkeiten gehst, diese meisterst und dann wieder neue Schwierigkeiten bewältigst.
Irgendwann kommt eine Situation, in der du denkst: „Hä?“ Ich erinnere mich noch, als das erste Mal jemand ein Video über mich gemacht hat, in dem ich als Irrlehrer diffamiert wurde – Jürgen mit Hörnchen. Das erste Mal erschrickst du total, und deine Welt zerbricht.
Inzwischen gab es mehrere solcher Videos, und ich denke mir: „Naja, kleines Abfallprodukt.“ Jedes dieser Videos bringt mir hundert neue Follower. Ich habe sogar schon überlegt, ob ich meine Feinde anschreibe, ob sie nicht mal wieder eins machen wollen.
Aber am Anfang stehst du da und deine Welt zerbricht. Durch die Übung kommt dann das Ausharren.
In Römer 5,3 heißt es: „Nicht allein das, sondern wir rühmen uns auch in den Bedrängnissen, da wir wissen, dass die Bedrängnis Ausharren bewirkt.“ Genau so ist es. Du kannst ein bisschen feiern, wenn Dinge schiefgehen oder schwierig sind, weil du weißt: „Okay, das wird mir Charakterstärke bringen.“ Sehr gut, das kann ich noch gebrauchen – her damit.
Natürlich hat das eine Schattenseite, denn solche Situationen sind nicht angenehm.
Das war mein zweiter Schlüsselbereich: innere Festigkeit und Mut. Damit ich aus einer Theologie des Leids eine Theologie der Chancen machen kann, brauche ich das. Ich brauche eine innere Festigkeit, die sagt: „Da kann man was wagen, da kann man mal schauen.“
3. Geistlich strategisches Denken entwickeln
Und dann kommt ein dritter Bereich. Dieser dritte Schlüsselbereich hat mit dem zu tun, was ich geistlich strategisches Denken genannt habe.
Das bedeutet, wenn ich glaube, dass Gott mein Leben führt, und in den Situationen nicht gleich einknicke oder panisch werde, sondern erst einmal mit einer gewissen mutvollen Stärke da stehen kann, dann kann ich überlegen: Was steckt eigentlich für Potenzial in dieser Situation?
Wenn alle Dinge zum Guten mitwirken müssen, dann heißt das ja auch, dass alle Herausforderungen mehr sein müssen. Versteht ihr?
Ich kann eine Herausforderung, vor der ich stehe, rein menschlich und oberflächlich betrachten. Oder ich kann versuchen, dahinterzuschauen, sozusagen den Vorhang beiseitezunehmen. Was ist denn dahinter? Was wäre, wenn ich das, was mir gerade passiert, als Teil eines größeren göttlichen Plans sehen würde?
Achtung, das kann man nicht immer sehen, das ist auch wichtig. Man kann sich mit diesem Denken auch ein bisschen verrennen. Darum geht es mir gar nicht.
Mir geht es darum, dass ich manchmal, wenn mir Dinge im Leben passieren, die ich nicht verstehe, und wenn ich sie beurteile, eine geistliche Sichtweise auf die Situation einnehmen muss – und nicht einfach nur bei einer menschlichen Problemanalyse stehenbleiben darf.
Versteht ihr? Paulus hätte seine Gefangennahme in Jerusalem als Megakatastrophe einschätzen können. Das ist menschlich wahrscheinlich genau das, was man in diesem Moment denken würde. Das tut er aber nicht.
Stattdessen – stellt euch das vor – da ist dieser Mob, der dich eben noch totschlagen will. Du hast gerade, was weiß ich, 20, 40 oder 100 Schläge abbekommen, du zuckst gerade noch und wirst soeben gerettet. Du gehst die Stufen hoch, und dein erster Gedanke ist: Was? Hey, coole Chance, die sind ja alle schon da. Na, dann wollen wir doch mal eine evangelistische Predigt halten, oder?
Das ist das, was ich meine mit diesem strategischen Denken: Dieses „Hey, jetzt oder nie“, weil jetzt habe ich die ungeteilte Aufmerksamkeit von allen, die da stehen.
Ich brauche Weisheit, um in so einem Moment meine Ressourcen – also meine Talente, meine Bildung, meine Kontakte – richtig einzusetzen. Paulus tut das.
Ihr müsst euch vorstellen: Paulus, Pharisäer, jüdischer Bürger – nein, Jude und römischer Bürger. Er nutzt jedes einzelne Element, um in dieser Situation strategisch genau das zu tun, was die Masse braucht, nämlich das Evangelium zu hören.
So, drei Schlüsselbereiche, um die es mir ging. Drei Schlüsselbereiche, die aus einer Theologie des Leids – wenn ich vor Lebenssituationen stehe, die ich nicht begreife – eine Theologie der Chancen machen.
Erstens: Du hast einen Job.
Zweitens: Kämpfen kann man lernen.
Drittens: Denke strategisch.
Abschlussfragen und Ermutigung zum Gebet
Deshalb möchte ich dich mit einigen Fragen entlassen – Fragen, die wir uns stellen können, wenn wir in Situationen geraten, die uns einfach nicht gefallen.
Zum Beispiel: Was möchte Gott mir in dieser Situation zeigen und beibringen? Was Gutes kann aus diesem Problem entstehen? Welche Chancen ergeben sich aus dem Problem, das ich gerade habe? Welche Ressourcen habe ich, um genau dieses Problem zu meistern? Und sei nicht überrascht, wenn dir diese Ressourcen erst vor Kurzem gegeben wurden.
Wie wird mich dieses Problem zu einem brauchbaren Werkzeug in Gottes Händen machen? Das ist eine großartige Frage, oder? Wie könnte diese Situation in Gottes langfristigen Plan passen? Manchmal weiß man es nicht sofort.
Wenn du möchtest, kannst du zum Abschluss noch über einen Vers nachdenken und beten. In Kolosser 4,5 heißt es: „Wandelt in Weisheit gegenüber denen, die draußen sind; kauft die rechte Zeit aus. Euer Wort sei allezeit in Gnade mit Salz gewürzt, damit ihr wisst, wie ihr jedem einzelnen antworten sollt.“
Lerne diesen Vers auswendig und bete darum, dass Gott dir schenkt, die gelegene Zeit auszukaufen – wirklich in den Moment hineinzusprechen, auch wenn er noch so ungewöhnlich ist. Bete auch darum, dass er dir Weisheit gibt, die richtigen Worte zu finden.
Ein Beispiel für jemanden, der das getan hat, ist Justus beziehungsweise die Band Sanity. Von ihnen wollen wir jetzt noch ein ganz kurzes Zeugnis hören.
