Umgang mit der Vergangenheit anderer und die Bedeutung der Vergebung
Ja, jetzt wollen wir den zweiten Teil angehen: Wie gehe ich mit der Vergangenheit anderer um?
Ihr habt gemerkt, dass wir uns zunächst damit beschäftigt haben, wie Gott uns vergibt. Ich denke, erst dann verstehen wir, wie wir auch anderen vergeben können. Vielleicht seid ihr ja der Sonderfall, bei dem das Thema Vergebung gar nicht relevant ist. Aber gehen wir einfach mal davon aus, dass es für euch wichtig ist. Ihr seht ja alle so nett und freundlich aus.
Wir haben also gesehen, wie Gott unsere Schuld vergibt und dass er wirklich radikal vergibt. Doch wie können wir anderen vergeben? Wie oft muss ich vergeben? Gibt es Vergebung auf Bewährung? Wer soll den ersten Schritt machen? Und was, wenn ich nicht vergessen kann?
Der Umgang mit dem „Rucksack“ der Vergangenheit anderer
Wie ist das mit dem Rucksack der anderen? Wir haben eben gesehen, dass wir den Rucksack unserer Vergangenheit unterm Kreuz abliefern dürfen. Aber wie verhält es sich mit dem Rucksack der anderen? Wie können wir uns gegenseitig vergeben?
Was ist, wenn der andere nicht um Vergebung bittet? Wie finde ich dann selbst inneren Frieden? Und was, wenn ich an anderen schuldig geworden bin und etwas nicht wiedergutmachen kann?
Wir wissen, dass vergeben nur Gott kann. Ihr kennt die Geschichte aus Lukas 5, wo der Herr Jesus in einem Haus predigt. Vier Freunde bringen einen Gichtbrüchigen zu ihm.
Dann passiert etwas Katastrophales: Die Freunde steigen aufs Dach, decken es ab, und der Kalk rieselt herunter. Stellt euch das einmal vor – das erscheint fast unmöglich, oder? Als der Kranke vor Jesus liegt, schauen die vier Freunde hinunter, während die empörten Leute zuschauen.
Da sagt Jesus: „Kind, deine Sünden sind dir vergeben.“ Die Pharisäer erwidern, dass Sünden vergeben nur Gott könne. Jesus zeigt dann, dass er Gott ist, indem er den Kranken heilt.
Die Bedeutung der Vergebung für Heilung und Seelsorge
Das Wichtigste ist im Grunde, dass wir Vergebung unserer Schuld erhalten. Jesus macht nicht jeden heil. Viele denken: Schön, du kannst mir das Wasser reichen. Viele meinen, Seelsorge bedeutet, dass es mir wieder gut geht. Aber das ist uns nicht verheißen.
Diese Verheißung hatten die Israeliten im Alten Testament. Wenn du fleißig bist und so weiter, dann wirst du keine Krankheit haben. Diese Verheißung haben wir im Neuen Testament bei der Gemeinde nicht.
Was ist das Ziel von Seelsorge? Das Ziel von Seelsorge ist, dass Gott verherrlicht wird, auch wenn ich krank bin. Aber wir Deutschen denken immer: Hauptsache gesund. Wir meinen, das ist das höchste Gut, das wir haben können. Und selbst viele Christen glauben das. Diesem Irrtum muss ich euch entgegenwirken.
Es ist wichtig, dass sich Jesus bei dir wohlfühlt und dass du dich bei meinem Jesus wohlfühlst. Aber das bedeutet nicht unbedingt, dass du dich in deiner eigenen Haut wohlfühlst. Im Himmel wirst du dich einmal wohlfühlen, das ist klar.
Der Weg zur Vergebung untereinander
Zunächst ist es wichtig, dass wir selbst Vergebung erfahren. Danach ist es ebenso wichtig, dass wir einander vergeben. Aber wie gelingt das?
Ich möchte dazu ein Beispiel verwenden. Dabei gehe ich anders vor, als es in Predigten üblich ist. Normalerweise beginnt man eine Predigt nicht mit einem Comic. Doch in unserer Zeitung gibt es immer die Rubrik „Wurzel“, die sehr menschlich ist.
Wurzel ist hier der kleine Dackel. Im Comic sagt Herrchen: „Tut mir leid, diese kleine Kabbelei heute Morgen, das war meine Schuld.“ Darauf antwortet Frauchen: „Natürlich, es war alles in Ordnung mit dem Frühstück.“ Wurzel denkt sich: „Gut, sie schließen Frieden.“
Ausgenommen davon, dass der Kaffee kalt war und das Ei hart. „Der Kaffee war nicht kalt, und dein Ei war nicht hart“, sagt Herrchen. „Und der Toast war verbrannt.“ „Der Toast war nicht verbrannt“, entgegnet Frauchen. So fängt das Ganze wieder von vorne an.
Was bedeutet Vergebung wirklich?
Was ist Vergebung? Als zweites möchte ich ein Beispiel verwenden, einen konstruierten Fall. Das steht nicht in der Bibel, obwohl es um Rahab aus Jericho geht. Was ich euch jetzt erzähle, sind die sogenannten plattischen Apokryphen.
Rahab war die Frau, die in Jericho wohnte. Jericho wurde eingenommen, die ganzen Häuser und alles waren zerstört, nur ein einziges Haus blieb stehen. Offensichtlich wurde Rahab dann in das Volk aufgenommen. Wenn man im Gesetz liest, war das eine fürchterlich schwierige Prozedur. Das dauerte Wochen, mit Haare abrasieren und Wachen – ach, das war wirklich schlimm. Rahab machte das alles mit.
Offensichtlich hat sie dann Salmon geheiratet. Wo sind sie danach hingezogen? Das steht noch in der Bibel. Wer weiß es? Jericho gab es ja nicht mehr. Bethlehem, richtig, steht im Buch Ruth.
Stellt euch nun vor, Rahab und Salmon haben geheiratet. Wahrscheinlich musste Salmon in der ersten Zeit immer Ohrstöpsel tragen, wegen des dummen Geredes im Dorf: „Wie kann man nur so eine Flittchen heiraten?“ Oder: „Gibt es nicht genug nette Mädchen in Israel?“ „Das ist ja so eine Dahergelaufene, kennst du die Vergangenheit von der?“ „Das ist ja verrückt!“
Stellen wir uns vor, Salmon hat das alles überstanden. Eines Tages nehmen wir an, es ist Frühling – nicht so schön wie jetzt draußen –, und die beiden wollen einen Spaziergang machen über die Höhen von Bethlehem bei herrlichem Sonnenuntergang. Übrigens sollte man als Ehemann durchaus öfter mal mit der Ehefrau spazieren gehen, am besten nach Geschäftsschluss, das ist billiger.
Könnt ihr euch vorstellen: ein richtiger Sonnenuntergang, Grillenzirpen, es ist Mai oder so. Salmon sieht seine Rahab gegen die untergehende Sonne. Hätte er eine Digitalkamera gehabt, hätte er ein Foto gemacht – Poster für Kabul, dazu einen Bibelvers oben rein und alles. Aber Salmon bekommt Gefühle – das soll es bei Männern schon mal geben. Er sieht seine Frau an und denkt: „Habe ich einen lieben Schatz geheiratet?“
Er will seinen Arm um seine Frau legen, doch in dem Moment schießt ihm ein Gedanke durch den Kopf: „Wie viele Männer haben ihren Arm um meine Frau gelegt?“ Rahab fragt Salmon: „Was ist los?“ Salmon antwortet: „Was ist?“ Er hört keine Grillen mehr zirpen, sieht keinen Sonnenuntergang mehr. „Ich habe so Migräne.“ Schweigend gehen sie nach Hause.
Vor der Wohnungstür holt Salmon den Schlüssel heraus und schließt auf. „Ra, entschuldige, aber diese Nacht schlafe ich im Wohnzimmer auf der Couch. Mir geht es nicht gut.“
Also, wie gesagt, das sind die Apokryphen, aber ich kann es mir sehr gut vorstellen. Was ist da passiert? Würdest du Salmon fragen: „Liebst du deine Frau?“ Dann würde er sagen: „Natürlich, sonst hätte ich sie nicht geheiratet.“ Würdest du ihn fragen: „Salmon, hast du deiner Frau die Vergangenheit vergeben?“ „Natürlich, sonst hätte ich sie nicht geheiratet.“
Salmon, was ist denn passiert? Er würde sagen: „Ich weiß auch nicht. Ich kann mich nicht dagegen wehren, die Gedanken kommen einfach hoch.“
Was ist da passiert? Kennst du das?
Ein reales Beispiel aus der Eheberatung
Jetzt erzähle ich euch ein Beispiel aus der Wirklichkeit. Das ist tatsächlich so geschehen, keine Apokryphen. Natürlich nenne ich weder die Gemeinde noch die Namen der Beteiligten.
Wir wurden zu einem Ehepaar eingeladen, das Schwierigkeiten in der Ehe hatte. Meine Frau und ich fuhren hin. Es war ein schönes Reihenhäuschen, drei Kinder wurden gerade ins Bett gebracht. Wir saßen im Wohnzimmer bei Tee und Gebäck, ganz so, wie es sich gehört.
Dann begann der übliche Smalltalk zum Antasten: Beruf, Krankheit, Auto, Urlaub. Schließlich sagte ich: „Ihr habt uns gerufen, weil ihr Schwierigkeiten in der Ehe habt. Worum geht es genau?“
Sie antworteten: „Wir streiten uns ständig.“ Ich fragte: „Worüber?“
Er sagte: „Zum Beispiel vor zwei Wochen ...“
Sie unterbrach: „Nein, vor drei Wochen!“
Er: „Vor zwei Wochen.“
Sie: „Vor drei Wochen.“
Dann riefen beide gleichzeitig: „Du bist genauso wie deine Mutter!“
Ihr könnt euch vorstellen, wie das Gespräch weiterging. Meine Frau und ich zogen uns etwas aus der verbalen Schusslinie zurück, und die Kissenschlacht begann. Plötzlich wurde ihnen bewusst, dass sie nicht allein sind. Es folgte Funkstille, zwei hochrote Köpfe.
Ich sagte: „Entschuldigt, was habt ihr gerade gemacht?“ Die beiden schauten mich an und antworteten: „Wir haben uns gestritten.“ Ich erwiderte: „Ich habe nichts gemerkt.“ Ihr könnt euch die Gesichter vorstellen – wie zwei Bahnhöfe.
Aber was hatten die beiden eigentlich gemacht? War das wirklich ein Streit? Anders gefragt: Was ist eine Mikrowelle? Das wissen inzwischen auch die Männer, oder? Dein Essen steht in der Mikrowelle. Das ist immerhin ein Fortschritt. Früher sagte man: „Dein Essen steht auf Kochbuchseite so und so.“
Was macht man mit der Mikrowelle? Erhitzen. Nein, noch etwas anderes: Altes wieder aufwärmen. Genau.
Was hatten die beiden also gemacht? Sie hatten einen Streit aus der Mikrowelle. Das war kein frischer Streit, sondern ein alter, wieder aufgewärmter.
Ich fragte sie: „Habt ihr euch damals vor zwei – entschuldigt, vor drei Wochen – vergeben?“ Beide strahlten mich an und sagten: „Ja, und Versöhnung ist immer so schön.“
Was hatten sie wirklich gemacht? Das war keine Vergebung. Wahrscheinlich hatten sie sich gegenseitig gesagt: „Ja, wir vergeben uns.“ Sie hatten sich umarmt, er hatte vielleicht extra Blumen mitgebracht oder sie waren essen gegangen – was Männer so machen.
Dann wurde dieser Vorgang fein säuberlich gestapelt, rechts und links neben dem Nachttischchen, nach Datum sortiert. Und wenn etwas passierte, zog man die alten Vorgänge als Streitkatalysatoren und Streitverstärker hervor.
Das ist keine Vergebung.
Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre und wenn das nicht in so vielen Familien und Gemeinden Realität wäre.
Die Herausforderung echter Vergebung in langjährigen Beziehungen
Da kommt ein Ehepaar zu uns und sagt: „Wir sind nächstes Jahr 50 Jahre verheiratet. Unsere Kinder wollen ein großes Fest machen, aber wir überlegen, ob wir uns trennen sollen.“
Ich spreche mit einem anderen Ehepaar, und sie sagen, sie wollen sich trennen. „Nein, scheinen lassen wollen wir es nicht, denn was sollen denn die anderen Christen sagen?“ Sie sind 28 Jahre verheiratet.
Ich frage: „Warum?“ Sie sagt: „Er dreht immer die Zahnpastatube falsch zu.“ Und er sagt: „Sie hängt immer die Bilder schief auf, extra schief.“
Da denke ich: Bin ich hier im Kindergarten? Das kann doch nicht der Grund sein, oder? Ich frage weiter: „Was ist denn der eigentliche Grund?“
Sie schreit heraus: „Er ist ein Schwein!“ So sah er gar nicht aus. Ich schaue ihn ganz verwundert an, und er sagt: „Ich halte es nicht mehr aus mit dieser Frau. Wie oft soll ich noch Buße tun?“
Ich frage: „Was ist denn los?“ Er antwortet: „Er hat mich betrogen.“ Ich schaue ihn wieder an und frage: „Stimmt das?“ „Jo“, sagt er, „aber ich halte es nicht mehr aus.“
Ich frage: „Wann war das denn?“ Er sagt: „Damals, vor 28 Jahren in der Verlobungszeit.“
Ich frage sie: „Hat sie ihm vergeben?“ Sie sagt: „Ja, aber ich kann es ihm nicht vergessen, dem Schwein.“
An solchen Punkten bin ich oft geneigt zu sagen: Ich würde euch am liebsten über das Knie legen und euch mal richtig versohlen. Man möchte solche Leute nehmen und die Köpfe aneinanderschlagen, oder?
In solchen Momenten bin ich nicht gerade ruhig. Du hast immer gesagt, ich mache so einen ruhigen Eindruck, aber manchmal ist das eben wirklich so – an solchen Stellen. Und das sind Christen. Ich hoffe, ich erzähle jetzt keine Geschichte von euch hier.
Die Schwierigkeit, loszulassen und Gedanken loszuwerden
Was ist das Problem? Ich höre das immer und immer wieder: „Ich will dir vergeben, aber ich kann’s ihm nicht vergessen.“ Wohin mit meinen Gedanken? Sie kommen immer wieder hoch. Mein Herz wird dabei bitter, und ich kann mich nicht dagegen wehren.
Deswegen haben wir uns eben Gedanken über unsere Gedanken gemacht. Ich brauche das jetzt nicht zu wiederholen. Den Test habt ihr schon am Samstag gemacht.
Wir haben uns gesagt: Wenn ich Gedanken loswerden will, muss ich sie ganz bewusst beim Herrn abgeben. Ein ganz bewusstes Nicht-mehr-Hervorholen.
In Epheser 4,32 heißt es: „Vergebt einander, so wie Gott in Christus euch vergeben hat.“
Und du sagst: „Ja, aber wenn ich das tue, habe ich ja gar nichts mehr in der Hand.“ Merkt ihr, wir brauchen die Vergebung, um den anderen unter Druck zu halten. „Birschchen, weißt du, ich vergebe dir, aber wehe, wenn es noch einmal passiert!“ Und das ist keine Vergebung.
Stellt euch vor, Gott würde so vergeben. Gott würde sagen: „Also, okay, ich vergebe dir noch einmal. Aber Junge, das ist das letzte Mal, ja? Und wehe, wenn es noch einmal passiert, dann kommst du auf die Reservebank. Dann spielst du nicht mehr mit. Dann bist du raus und vorbei.“
„Vergebt einander, so wie Gott in Christus euch vergeben hat.“ Wie hat er uns vergeben? Was haben wir eben gesagt? Wie steht es im Hebräerbrief 8 und 10? „Eurer Sünden werde ich nie mehr gedenken.“
Da sagst du: „Aber ich kann mich nicht wehren dagegen. Die Gedanken kommen immer wieder hoch.“ Das ist auch ein Ausdruck aus der Psychologie. Sigmund Freud hat uns beigebracht, wir hätten so ein Unterbewusstsein.
Die ganzen Jahrtausende vorher sind wir Menschen ohne Unterbewusstsein ausgekommen. Nur Freud hat uns ein bisschen umgemodelt. Wir brauchen das Unterbewusstsein, damit wir da etwas hineinstecken können, damit wir eine Ausrede haben: „Da habe ich ja keinen Zugriff drauf. Sorry, das kommt so von innen heraus. Ich kann mich nicht dagegen wehren.“
Wie eine Ehefrau mir gesagt hat: „Ich kriege die Krise, wenn es Abend wird, nachmittags halb fünf, und ich höre den Schlüssel in der Haustür, wenn er von der Arbeit zurückkommt.“
Was haben wir eben gesagt? Wie gehen wir mit unseren Gedanken um? Einen bewussten Gedankenstopp. „Nein, ich will nicht mehr daran denken.“
Und was muss ich tun, damit ich nicht mehr daran denke? Ich muss mich mit etwas anderem beschäftigen. Ich muss den Herrn Jesus mir vor Augen halten und sagen: „Herr Jesus, übernimm du.“
Ich weiß nicht, wer von euch sportlich ist. Ich bin nicht ganz so sportlich, aber manchmal spiele ich Volleyball mit.
Und wie ist das, wenn der Ball kommt und du merkst, du kannst ihn nicht mehr auffangen? Dann bückst du dich und sagst zum Hintermann: „Fang auf!“
So mache ich es mit dem Herrn Jesus auch. Wenn so eine Sache auf mich zukommt, dann ducke ich mich und sage: „Herr Jesus, fang auf!“
Ist gut, wenn man jemanden hinter sich hat, oder?
Die Kosten und Herausforderungen der Vergebung
Seht, ich kann nur vergeben, wenn ich bereit bin, auf mein Recht zu verzichten und einen Verlust auf mich zu nehmen. Vergeben bedeutet, es kostet mich etwas. Vergebung ist kein schönes Gefühl. Vergeben tut weh.
Gott hat kein gutes Gefühl gehabt. Und Jesus hat auch nie ein gutes Gefühl gehabt, als er am Kreuz hing, oder? Vergebung tut weh, weil ich auf mein Recht verzichten muss – das Recht, Recht zu haben.
Wir Christen sind oft übertriebene Gerechtigkeitsfanatiker. „Ich habe doch Recht, und das muss doch endlich mal gesagt werden“, oder? Der andere muss doch endlich begreifen, dass er falsch liegt. Wer sagt ihm das denn mal endlich? Dann hast du ein inneres Gefühl der Genugtuung, oder?
Wir verwechseln Vergebung oft mit einem inneren Reichsparteitag. Wir denken, Vergebung ist, wenn jemand kommt – ihr kennt vielleicht noch die Geschichte vom Gang nach Canossa – und ein erhebendes Gefühl entsteht: Du sitzt auf dem Thron, und der andere kommt angekrochen. „Ich will dir ja vergeben, aber ich will ihm noch mal deutlich sagen, wer Recht gehabt hat.“
So eine Vergebung hat Jesus nie mit uns gemacht. Jesus gibt keine Vergebung auf Bewährung und sagt: „Weißt du, Junge, ich will dir ja vergeben, aber setz dich mal ganz hinten hin. Dann warten wir mal drei Jahre, und dann gucken wir mal, und wehe, wir sehen keine Besserung, dann gibt es Strafverstärkung.“
Gott vergibt wie ein Nebel, der einfach verschwindet. Wir hingegen halten die Dinge in Erinnerung. Selbst wenn wir dement sind, solche Dinge behalten wir: „Der andere hat mir wehgetan, das zahle ich ihm heim.“ Merken wir, wie weit unser Denken von echter Vergebung entfernt ist?
Vergeben heißt, auf mein Recht zu verzichten – das Recht, Recht zu haben.
Ein persönliches Beispiel zur Vergebung im Geschäftsleben
Ich muss euch eine Begebenheit erzählen. Vor ein paar Jahren war ich in Dillenburg auf einer Konferenz, und das Thema war 1. Korinther 6. Dabei geht es darum, dass Brüder sich nicht gegenseitig vor Gericht verklagen sollen.
Nun muss ich sagen, inzwischen hat er mitbekommen, dass ich 35 Jahre als Grafiker selbstständig war. Man hat nicht immer nur liebe Kunden. Ich hatte einen Kunden, für den ich eine Anzeigenkampagne entwickelt und vorgestellt habe. Er war begeistert, sagte aber, dass er im Moment kein Geld habe. Wir schieben den Auftrag etwas hinaus, in einem halben Jahr zahle ich ihn, meinte er.
Okay, dachte ich, besser in einem halben Jahr als gar nicht. Aber nach einem halben Jahr kam nichts. Also schickte ich eine Mahnung: erst eine Erinnerung, dann eine erste Mahnung, eine zweite und schließlich eine dritte Mahnung. Nach der dritten Mahnung kam ein Brief von seinem Anwalt, in dem stand, er hätte mir nie einen Auftrag gegeben.
Also ging ich selbst zu einem Anwalt. Dem wollten wir es doch mal zeigen. So hatten plötzlich zwei Anwälte etwas zu tun. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, manchmal auch der Vierte.
In diesem Zustand ging ich auf die Konferenz, und das Thema wurde behandelt. In der Pause sagte ich zu meiner Frau: „Komisch, mir ist der Hals wie zugeschnürt, ich kann nichts dazu sagen.“ Eigentlich betrifft mich das doch gar nicht. Es geht ja um zwei Gläubige, und mein Kunde ist nicht gläubig. Also kann ich doch gegen ihn streiten, oder?
Sie sagte: „Dann geh doch mal zu einem älteren Bruder, der auch im Beruf war, viele Jahre.“ Also ging ich zu einem, der in einer großen Firma in der Personalabteilung arbeitete. Ich schilderte ihm die Sache, und er sagte zu mir: „Warum bist du so dumm?“ Ich fragte: „Wieso? Ich habe doch Recht.“ Er antwortete: „Und was kaufst du dir davon? Was ist dir dein Herzensfrieden wert? Selbst wenn du jetzt Recht bekommst durch die Anwälte, ist dein Herz dann zufrieden?“
Da sagte ich: „Aber soll ich denn darauf verzichten?“ Er meinte: „Ja.“ Das heißt, du verzichtest, bekommst nicht das, was dir der Kunde eigentlich schuldet, und musst trotzdem noch einen Anwalt bezahlen.
Könnt ihr euch vorstellen, wie das in der Pause bei mir innerlich hin und her ging? Dann fasste ich einen Entschluss und schrieb noch in der Pause einen Brief an meinen Rechtsanwalt mit der Bitte, das Verfahren zurückzuziehen.
Der Anwalt meinte natürlich, wir seien verrückt. Aber ich kann sagen: In dem Moment war ich innerlich wieder frei. Ich habe nicht mein Recht bekommen, und er hat auch nicht um Vergebung gebeten. Aber mein Herz war frei.
Die Herausforderung der wiederholten Vergebung im Alltag
Petrus fragte Jesus einmal, wie es in Matthäus 18 und der Parallelstelle in Lukas 17 beschrieben ist: „Herr Jesus, es ist ja alles schön und gut, aber stell dir vor, so ein Typ begegnet dir am Tag dreimal. Wie oft soll ich das denn jetzt mit ihm machen? Dreimal?“
Petrus dachte sich sicher: „Herr Jesus, das ist zu viel, einmal reicht doch.“ Doch Jesus antwortete ihm: „Nimm den Taschenrechner raus, rechne mal: sieben mal siebzig.“
Am Tag ist klar, was er damit meint, oder? Jesus gibt hier keine Rechenaufgabe, sondern will deutlich machen: immer.
Man könnte sagen: „Ja, aber bist du dann nicht immer der Dumme? Dann wirst du doch verschlissen, oder? Die dummen Christen müssen das dann immer ausbaden.“
Und Jesus sagt: „Ja und? Was hat denn Jesus getan?“
Da antwortet man vielleicht: „Aber ich bin doch nicht Gott.“
Jesus entgegnet: „Nein, aber du hast göttliches Leben. Weißt du nicht, dein alter Mensch muss vergeben, nicht nur dein Leben aus Gott.“
An diesem Punkt knackt es. Unser alter Mensch will sein Recht haben, und hier merken wir, wie sehr der alte Mensch noch lebt.
Wie hat Luther das mal drastisch gesagt? „Der alte Mensch muss ersäuft werden, aber das Biest kann schwimmen.“
Und unser alter Mensch ist oft Weltmeister im Schwimmen, oder? Wir möchten dem anderen gerne eine Lektion erteilen.
Und was sagt Jesus dann? „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann warte ab, bis er kommt. Dann geh hin.“
Wir wissen das alles im Kopf, oder? Aber wir handeln so selten danach.
Wir sagen: „Ja, ich will ihm ja vergeben, aber dann erwarte ich, dass er kommt. Er soll doch wenigstens kommen und sagen: ‚Tut mir leid.‘“
Jesus sagt: „Dann geh hin.“
Merken wir, das Leben aus Gott ist völlig anders als wir. An diesen Punkten wollen wir immer nach dem alten Menschen leben, und das macht uns so Mühe.
Stell dir vor, der Herr Jesus hätte so gehandelt, wie wir es oft tun. Er wäre nie ans Kreuz gegangen, oder? Ist doch logisch.
Umgang mit fehlender Reue und Vergebung trotz Widerstand
Stell dir vor, du gehst zu jemandem hin und sagst: „Weißt du, du hast mir wehgetan.“ Und die Person antwortet: „Wieso? Nur noch mal so. Ist doch dein Problem, wenn du ein Mimosen-Christ bist, oder?“
Nun stell dir vor, der andere sieht das überhaupt nicht ein und bittet nicht um Vergebung. Was dann? Habe ich dann das Recht, mich zurückzuziehen, zu maulen und zu grollen? Wenn alle Geschwister mich nicht um Vergebung bitten, bin ich der Einzige, der in Ordnung ist? Die anderen stehen alle quer?
Erinnert dich das nicht an Geisterfahrer? Alle anderen fahren verkehrt, und heute stehen alle Verkehrszeichen in die falsche Richtung. So ist es uns nicht verheißen. Wenn ich zu jemandem hingehe, bedeutet das nicht automatisch, dass er um Vergebung bittet.
In Römer 12,18 heißt es: „So viel an euch liegt, lebt mit allen Menschen in Frieden.“ Aber ich muss innerlich bereit sein, zu vergeben. Was haben wir eben gesagt? Wann vergibt Jesus?
1. Johannes 1,9 sagt: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, dann ist er treu und gerecht.“ Das heißt, Jesus ist durch sein Werk auf Golgatha bereit, jedem zu vergeben. Aber wird die Vergebung wirksam, wenn jemand nicht bekennt?
Jesus ist bereit, allen Menschen aller Zeiten auf der ganzen Welt zu vergeben. Die Vergebung wird jedoch wirksam, wenn jemand um Vergebung bittet. Das ist ein großer Unterschied. Das Blut Jesu reicht aus für alle Menschen, alle Zeiten, alle Sünden – alles. Aber es wird wirksam in dem Moment, in dem ich zu ihm komme und um Vergebung bitte.
Genauso heißt es: „Vergebt einander, so wie Gott in Christus euch vergeben hat.“ Ich muss bereit sein, allen Menschen zu vergeben. Dadurch wird mein Herz frei. Ob der andere um Vergebung bittet, ist seine Sache und seine Verantwortung. Die Vergebung wird wirksam, wenn er um Vergebung bittet. Dazu kann ich ihn aber nicht zwingen. Es ist seine freie Entscheidung.
Ups, das ging zu schnell. Merkt ihr, diesen Punkt begreifen die meisten Christen nicht. Sie bleiben bitter, weil der andere nicht um Vergebung bittet. Aber Jesus bleibt nicht bitter. Er ist bereit, allen zu vergeben. Und ich muss bereit sein, allen zu vergeben.
Wir müssen sehr wohl aufpassen: Psychologen und auch fromme Psychologen sagen das oft anders. Sie sagen immer: „Du musst dem anderen vergeben.“ Das stimmt so nicht. Du kannst dem anderen nur vergeben, wenn er um Vergebung bittet. Du musst aber bereit sein, zu vergeben. Das ist ein Unterschied.
Jesus vergibt nicht allen Menschen alle Sünden, sonst kämen ja alle in den Himmel. Aber er ist bereit, allen Menschen zu vergeben. Und wer die Vergebung annimmt und um Vergebung bittet, der erlebt sie. So ist es auch untereinander: Ich muss bereit sein, allen zu vergeben.
Du wirst merken, dadurch wird dein Herz frei, weil dann nicht mehr die Verantwortung bei dir liegt. Das ist dann die Sache des anderen. Er steht in der Verantwortung vor dem Herrn, damit die Vergebung wirksam wird.
Ich habe den Eindruck, dass wir Christen an diesem Punkt oft zu kurz denken. Hängt euch vielleicht diesen Vers in euer Zimmer, an die Kühlschranktür, übers Bett oder auf den Computer: „Vergebt einander so, wie Gott in Christus euch vergeben hat.“ Kontrolliert immer wieder, wie die Vergebung von Gott gewesen ist und wie konsequent sie ist.
Das heißt: Wenn ich jemandem vergebe, darf ich es ihm nie mehr vorhalten. Und du sagst vielleicht: „Das ist schwer, dann kann ich ihn ja nicht mehr kleinhalten.“ Wenn ich dem anderen vergebe, heißt das, ich werde es ihm nie mehr vorhalten. Erst das ist Vergebung.
Wir merken, das ist nicht einfach. Das kann man nicht mit links machen, sondern nur ganz bewusst in der Kraft des Herrn Jesus.
Die Bedeutung von ehrlicher Entschuldigung und Vergebung
Viele denken: „Na ja, kommt einer und sagt ‚Entschuldige bitte‘, ja okay, dann vergebe ich nicht.“
Wir merken das besonders, wenn wir selbst anderen gegenüber schuldig geworden sind. Welche Ausdrücke benutzen wir dann? „Entschuldige bitte“ – was bedeutet das eigentlich? Oft sagen wir es halbherzig, sprechen das Wort gar nicht richtig aus: „Entschuldige...“. Dabei entschuldige ich ja nicht wirklich. Wenn ich einem anderen wehgetan habe oder gegen ihn gesündigt habe, dann kann ich das nicht einfach entschuldigen.
Wir sagen Pardon, „excuse me“, „sorry“ – das ist keine Vergebung. „Tut mir leid“ – kennt ihr das? Wie man das so sagt: „Tut mir leid.“ Oder auch: „Vergiss es“, „Schwamm drüber“, oder „Jo, hab’s nicht so gemeint.“ Das sind mildernde Umstände.
Ich will damit sagen: „Ich will das, was ich verkehrt gemacht habe, abmildern. Hab dich nicht so.“ Das heißt, du siehst das zu streng, du bist eigentlich der Schuldige, ich bin doch auch nur ein Mensch. Falls ich dir wehgetan haben sollte, dann habe ich dir eigentlich gar nicht wehgetan. Du empfindest das nur so. Das war ein Missverständnis.
Dieser Ausdruck wird in unseren Kreisen häufig verwendet. Damit stellst du auch den anderen als Schuldigen dar. Ein Missverständnis liegt ja an seinen Ohren, nicht an meinem Mund. Also brauche ich mich für ein Missverständnis nicht entschuldigen, oder? Lass Gras drüber wachsen.
Warum fällt es uns so schwer, zu sagen: „Bitte vergib mir“? Wir drücken uns oft darum herum, weil wir nicht dazu stehen wollen.
Persönliche Erfahrungen mit Vergebung und Versöhnung
Vor zwei Jahren hatte ich einen Autounfall. Ich bin einem anderen Fahrzeug aufgefahren. Die Polizei kam und fragte: Wer ist schuld? Ich habe gesagt: Ich. Der Polizist meinte daraufhin, dass ihm das noch nie passiert sei, dass jemand sofort zugibt, schuld zu sein. Aber ist das nicht logisch? Wer auffährt, ist schuld. Das ist doch klar, da braucht man doch nicht lange darüber zu reden.
Warum versuche ich, die Schuld kleinzumachen? Warum sage ich nicht einfach: „Vergib mir“? Vielleicht denke ich, der andere hat dann Macht über mich, oder ich verliere mein Gesicht. Dabei wird deine Größe erst durch das Eingeständnis wirklich groß.
Ich vergesse nicht, dass ich ungefähr 14 Jahre alt war, als wir als Familie eine Wanderung gemacht haben. Wahrscheinlich habe ich meinen Vater irgendwie geärgert, ich weiß nicht genau, wie. Auf der Wanderung hat mein Vater mir eine richtige Ohrfeige gegeben. Ich war stinkesauer, weil ich dachte, das war ungerechtfertigt.
Als wir später zu Hause waren, kam mein Vater zu mir ins Mansardenzimmer, setzte sich neben mich auf die Bettkante und sagte: „Junge, vergib mir.“ Und ich muss sagen, dadurch ist mein Vater in meiner Achtung gewachsen.
Ich glaube, es ist wichtig, dass wir begreifen: Du verlierst nicht das Gesicht, wenn du um Vergebung bittest. Das bereinigt eine Situation. Ich möchte Mut dazu machen.
Einladung zur Vergebung und Versöhnung
Deshalb: Was hindert mich daran, Jesus Christus um Vergebung meiner Sünden zu bitten und ihn in meinem Leben Herr werden zu lassen? Er starb für mich am Kreuz.
Was hindert mich, andere um Vergebung zu bitten, bei denen ich schuldig geworden bin? Bin ich zu stolz oder habe ich Angst, mein Gesicht zu verlieren?
Was hindert mich daran, anderen ohne Wenn und Aber zu vergeben und ihnen nichts mehr vorzuwerfen?
„So wie Gott mir vergeben hat, was hindert mich?“ Deshalb starb der Herr Jesus. Weil ich Vergebung brauche, starb er an meiner Stelle. Er starb auch, damit ich anderen vergeben kann.
Noch einmal: Streicht euch diesen Vers groß in der Bibel an: Vergebt einander, so wie Gott in Christus uns vergeben hat (Epheser 4,32).
