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Die auf Jesus schauen, werden erquickt

Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden
01.09.1962Psalm 34,6

Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt! Amen!

In diesen Septembersonntagen wollen wir einige Worte aus dem 34. Psalm besprechen. Wir stehen bei Vers 6: „Welche auf ihn sehen, die werden erquickt, und ihr Angesicht wird nicht zu Schanden.“

Herr, heilige uns in deiner Wahrheit! Dein Wort ist die Wahrheit! Amen!

Eindrücke von Massenjubel und historische Parallelen

In diesen Tagen sind die Zeitungen voll mit Berichten und Bildern von Volksmassen, die General de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer zujubeln. Jeder hat solche Bilder gesehen: Tausende Menschen, die alle auf den einen General de Gaulle schauen.

Ich muss sagen, dass diese Bilder für mich quälende Vorstellungen hervorrufen. Als Junge habe ich erlebt, wie die Massen dem Kaiser Wilhelm zujubelten, alle auf ihn schauten. Ebenso liefen sie Ewerten zu, ebenso General Hindenburg – es war immer dasselbe. Und auch Adolf Hitler, als er mit Mussolini nach Essen kam.

Ich kann die Vorstellung kaum ertragen: Man müsste nur den Kopf von Adenauer austauschen und den von Hitler einsetzen, dann würde das Bild völlig dasselbe passen. Wird einem dabei nicht unheimlich?

Ein anderer Gedanke quälte mich sehr: Immer wenn das Geschrei, das Jauchzen und der Rausch begannen, war der Weg nicht mehr weit bis zu Trümmern, Krieg und Untergang.

Es gibt Worte in der Bibel, die mich in den letzten Tagen sehr begleitet haben. Dort heißt es: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und Macht für seine Stärke hält, Fleisch für seine Stärke hält und mit seinem Herzen vom Herrn abweicht.

Dabei kann viel kirchliches Dekor mit im Spiel sein – Bischöfe und Erzbischöfe aller Konfessionen. Doch wer mit seinem Herzen nicht beim Herrn ist, der irrt.

Die Bedeutung des Sehens auf Jesus im Psalm 34

Sehen Sie, die ganze Zeit, in der ich jeden Morgen in der Zeitung diese Gefühle hatte, bewegt mich nun der Text von heute.

„Welche auf ihn sehen, das sind auch Menschen, die alle auf einen sehen.“ Wissen Sie, genau so, die alle auf einen sehen, welche auf ihn sehen, die werden erquicket, und deren Angesicht wird nicht zu Schanden.

Das Wort stammt auch von einem Großen dieser Erde, der wusste, wie es ist, wenn die Menschen jauchzen und er im Mittelpunkt steht. Das hat König David gesagt. Er sagt „welcher auf ihn“ – und wen meint er mit „ihn“? Ich sagte Ihnen schon, dass Petrus in der Pfingstpredigt gesagt hat, dass dieser König David ein Prophet war und in seinem Psalm von Jesus sprach, dem Sohn Gottes.

„Welche auf ihn sehen“, sagt David, also auf den, der ans Kreuz geschlagen ist, auf den Geächteten mit der Dornenkrone. Es ist natürlich einfacher, wenn rote Teppiche ausgerollt sind und alle jubeln.

Und da sagt David: Wenn ich auch ihn sehe, den mit der Dornenkrone, den Ausgestoßenen, die werden erquicket, und ihr Angesicht wird nicht zu Schanden.

Verstehen Sie, das ist ein Wort, das ist ein Schlag ins Gesicht alles menschlichen Denkens. Uns geht es nicht darum, dass Sie das wortlos ansehen am Sonntagmorgen um halb neun bis neun Uhr fünfzehn. Sondern das will ja für unser Leben, für die Welt gelten.

Ist das nicht ein unmögliches Wort? Das möchte ich als Überschrift über den Text und die Predigt schreiben: Ist das nicht ein unmögliches Wort? „Welche auf ihn sehen, den Mann am Kreuz, die werden erquicket, und deren Angesicht wird nicht zu Schanden.“

Ist das nicht ein unmögliches Wort?

Drei Fragen zum Wort aus Psalm 34

Wir stellen drei Fragen an dieses Wort. Erstens: Kann man denn Jesus überhaupt sehen? Hast du schon mal Jesus gesehen? Man hört viel von ihm, aber gesehen hat man ihn kaum.

Sie werden mir doch zustimmen, dass der Apostel Paulus etwas vom Christentum verstand, nicht wahr? Und er hat doch selbst gesagt, wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen, nicht im Sehen. Wie kann David dann sagen, welche auf ihn sehen? Kann man denn Jesus sehen?

Sehen Sie, wenn wir das Wort verstehen wollen, dann müssen wir ein anderes Wort des Paulus heranziehen, nämlich das Wort aus dem 2. Korinther 4,18: Wir sehen nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Nun gebe ich zu, dass dieses Wort für Kritiker der Bibel erst recht verwirrend wirkt. Was heißt das, aufs Unsichtbare sehen? Das ist doch der helle Unsinn, oder nicht?

Was meint Paulus damit, wenn er sagt, wir sehen aufs Unsichtbare? Sie müssen verstehen, dass die Bibel noch andere Augen kennt als die Augen unseres Leibes, mit denen wir die sichtbare Welt sehen. Die Bibel spricht an verschiedenen Stellen von einem inwendigen Menschen.

Das ist also nicht nur mein äußerliches Äußeres, wie meine Haare oder meine Nase, die vielen vielleicht nicht gefallen. Das ist noch nicht alles, sondern ein inwendiger Mensch. Im Epheserbrief werden wir ermahnt, stark zu werden am inwendigen Menschen. Zum Starkwerden gehört offenbar, dass die Augen des inwendigen Menschen aufgetan werden.

Darum geht es: Es müssen inwendige Augen aufgetan werden, wenn wir begreifen wollen, was David sagt, wenn er von denen spricht, welche auf ihn sehen. Wissen Sie etwas von solchen inwendigen Augen? Die Bibel sagt uns ganz deutlich: Von Natur aus sind unsere inwendigen Augen blind.

Ich will es Ihnen wörtlich sagen: Der Gott dieser Welt – eine schauerliche Bezeichnung für den Teufel – hat den ungläubigen Sinn verblendet, sodass sie nicht sehen, dass Licht ist. Und die geben dann auch noch an mit ihrer Blindheit und sagen, jetzt wären sie erst richtig hell geworden. Das ist phantastisch.

Der Gott dieser Welt hat den ungläubigen Sinn verblendet, sodass sie nicht sehen, dass Licht ist. In der Offenbarung spricht Jesus einmal mit Leuten, die sich für Christen hielten, es aber nicht sind – vielleicht auch mit uns. Er sagt: „Ich kenne deine Werke; du bist weder kalt noch heiß. Ich wünschte, du wärest kalt oder heiß. So aber, weil du lau bist und weder heiß noch kalt, werde ich dich ausspeien.“

Weiter sagt der Herr dort: „Du bist arm, jämmerlich, blind, blind und bloß.“ Welche auf ihn sehen – ja, meine Freunde, da gehören andere Augen her als die, die immer schlechter werden. Momentan braucht man doch immer andere Brillen, um besser zu sehen. Da gehören andere Augen her, nämlich die Augen des inwendigen Menschen. Diese müssen aufgetan werden.

Dann kann man Jesus sehen. Welche auf ihn sehen – gehören sie eigentlich schon dazu? Sie müssen doch klar werden darüber, ehe sie hinausgehen, ob sie dazugehören oder nicht. Sind Ihnen die Augen aufgetan für Jesus? Können Sie ihn sehen, erkennen Sie, wie wichtig das ist?

Ein anderes Wort, das Gott durch den Propheten Jesaja gesagt hat, macht das deutlich: „Blickt auf mich, alle Weltenden! Jetzt kommt es: So werdet ihr errettet.“ Das heißt ja doch, dass ich verloren bin, solange mir nicht die Augen aufgetan sind, um Jesus zu sehen, den Gekreuzigten. Verloren!

Sie können Geld haben, wie sie wollen, können vital sein, wie sie wollen, können begabt sein, wie sie wollen – sie sind verloren unter Gottes Zorn. „Blickt auf mich, alle Weltenden!“ – das ist der Ruf vom Kreuz Jesu hier. So werdet ihr errettet.

Wie wichtig ist es, dass die Augen aufgetan werden, welche auf ihn sehen!

Jesus als der Mittelpunkt des Glaubens

Ich muss noch einmal kurz erklären, was mit „ihn“ gemeint ist. Ich sagte also, die Bibel muss durch die Bibel ausgelegt werden. Das Neue Testament sagt uns, dass David in dem Psalm von Jesus spricht. Er war ein Prophet, heißt es dort, und sah den Auferstandenen. Er spricht also von dem, durch den der unbekannte Gott zu uns gekommen ist – von Jesus.

Reden Sie nicht von Gott, ohne von Jesus zu reden. Sonst ist das wie eine Stange, die im Nebel umgefahren wird. Der unbekannte Gott ist in Jesus zu uns gekommen.

Ich sehe gerne auf Jesus. Gott hat mir die Augen geöffnet, und ich sehe ihn gerne an. Zum Beispiel sehe ich im Geist, wie er im Sturm in einem kleinen Schiff steht, den Arm ausstreckt und den Sturm zum Schweigen bringt. So sehe ich ihn gerne. Ich weiß, unser Herr ist über alle Stürme.

Ich habe das erfahren und sehe ihn gern, wie er die Toten – den Lazarus – aus dem Grab ruft. Ich sehe ihn auch gern, wenn er den Aussätzigen, die jeder meidet, die Hand auf den Kopf legt. Das war am Herzen seiner Hand. Jeder stieß sie weg, aber er legte ihnen die Hand auf den Kopf.

Ich sehe gerne auf Jesus, wie er eine in die Gosse getretene Dirne aufhebt und sagt: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Ich sehe gerne, wie er in den Tempel geht, die Käufer und Verkäufer hinauswirft und sagt: „Versteht doch, dass es um Errettung geht und nicht um einen kirchlichen Laden.“

Oh, ich sehe Jesus gerne, wie er am Ostermorgen aufersteht, so dass sogar starke Christknechte ohnmächtig werden und Pilatus erzittert. Und wenn jemand erzählt, das wäre nicht wahr und das Grab wäre nicht leer gewesen, dann kann er die Bibel zuklappen. Dann gibt es kein Christentum mehr.

Ich sehe Jesus gern, wie er von den Toten auferstanden ist. Aber, meine Freunde, am liebsten sehe ich ihn an – merkwürdig – wie er da am Kreuz hält: o Hauch, voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, o Hauch, zum Spott gebunden mit einer Dornenkrone.

Ein Liederdichter, dem es auch so geht wie mir, hat gesungen: „Alle Tage wird dies Bild schöner meinen Blick enthüllt.“ Aber das ist doch nunmehr glücklich, dass das Schönste das sein soll, wie er qualvoll in der Sonnenglut am Kreuz verröchelt.

Die zweite Frage: Kann der Anblick eines Gehängten erquicken?

Und damit bin ich bei der zweiten Frage: Kann denn der Anblick eines Gehängten uns erquicken? Ich sagte, ist das nicht ein unmögliches Wort? Sie sollen richtig kapieren, was wir wollen. Ist das nicht ein unmögliches Wort? Welche auf ihn sehen, die werden erquicken, ihr Angesicht bin ich zustanden.

Und wir hatten erstens die Frage gestellt: Kann man ihn denn sehen? Sage ich: Ja, wenn die Augen geöffnet sind. Aber jetzt kommt die zweite Frage: Kann denn der Anblick eines Gerichteten uns erquicken? So sagt der David, welcher auf ihn sehen – das spricht er von Jesus, dem Gekreuzigten – kann er ihm das erquicken?

Sehen Sie, vor dreißig Jahren wurde in Deutschland ein Buch viel gelesen und vor fünfzig Jahren noch mehr. Das war beinahe offiziell. Da sagte ein Mann: Es wird höchste Zeit, dass endlich aus unseren Hirnen und Herzen das Bild des Gerichteten von Golgatha entfernt wird. Denn so sagt der Mann, er ist Alfred Rosenberg, und die Alten erinnern sich an ihn: Er sagt, der Anblick eines, der am Kreuz verrückt, eines, bei dem alle Kräfte niederbrechen, dieser Anblick macht uns doch weich. Der zerrüttet doch unsere Herzen und Sinne.

Wie soll ein junger Mensch nicht Komplexe kriegen, wenn ihm dieses Bild dauernd vor die Augen gestellt wird? Hat der Mann nicht recht? Verstehen Sie, wir haben das Kreuz so, wie sie es glorifiziert haben, nicht wahr? Die Damen tragen sein Goldkettchen, aber wenn sie es mal richtig ernst nehmen, hat der Mann nicht recht?

Bitte hören Sie mir jetzt weiter zu, damit nicht einer nach Hause geht und sagt: „Pastor ist gegen das Kreuz Jesu.“ Kann gar nicht vorsichtig genug sein. Hat der Mann nicht recht? Bitte passen Sie jetzt gut auf. Und ich muss sagen: Wenn ein Mensch die Augen geöffnet kriegt, dann erlebt er tatsächlich erst die Schrecken von Golgatha und keine Erquickung.

Als ich zum ersten Mal richtig mit geöffneten Augen Jesus am Kreuz sah, da wusste ich: Nicht die Römer haben ihn dahingeschlagen, nicht die Juden, du musst Zeug, sondern ich und meine Sünden haben ihn ans Kreuz geschlagen. Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last. Ich, ich habe es verschuldet, was du getragen hast, sagt Paul Gerhard, dieser Liederdichter, als er die Schrecken des Kreuzes erlebt.

Wenn ihm Gott die Augen auftut, wenn euch Gott die Augen auftut, meine lieben Brüder, und ihr seht das Kreuz Jesu, dann kapiert ihr auf einmal: So viel ist mein Leben wert, auf das ich so stolz war. Nur so viel, dass der Sohn Gottes dafür sterben musste. Das ist niederschmetternd.

Wir bilden uns so ein Stieblei, nicht? Das Niederschmettern: So viel ist mein Leben wert, dass der Sohn Gottes dafür sterben musste. Wie kann denn David sagen: Welche auf ihn sehen, die werden erquicken? Wie kann David sagen: Welche auf ihn sehen werden, Herr, erquicken?

Und doch, und doch, meine Freunde, er hat Recht, wenn ich ihm das jetzt klar machen kann, wenn ich ihm Aufmerksamkeit anspitzen kann, wie man Bleistift anspitzt. Und David hat Recht, denn der Trost, der vom Kreuz Jesu ausgeht, geht in eine Provinz unseres Inwendigen, die wir sträflich vernachlässigen, nämlich unser Gewissen.

Die heilende Kraft des Kreuzes für das Gewissen

Was wisst ihr vom Gewissen? Ich lese gerade einen modernen französischen Roman von Martin Dugrain, „Die Thibauts“, so ein Riesenschmöker. Er schildert Menschen, wie er selbst ist: tapfer, phantastisch, tüchtig, einsam, im Grunde verloren in der Großstadt Paris. Sie sind hungrig nach Liebe, immer verwirrt.

Das Erschütternde ist: Auf 600 Seiten spielt das Gewissen überhaupt keine Rolle, es kommt gar nicht ins Bewusstsein. Das könnte die ganze moderne Literatur nachweisen, glaube ich. Und ich weiß, ich gehe nicht ins Kino, dort ist es wahrscheinlich genauso. Das Gewissen ist eine sträflich vernachlässigte Provinz unseres Inneren. Und doch haben wir alle ein Gewissen.

Da ist Gott, und doch gelten seine Gebote. Alle Übertretungen seiner Gebote liegen wie Steine auf unserem Gewissen, obwohl wir es gar nicht wissen und nicht zugeben wollen. Und doch laufen wir alle mit verwundetem Gewissen herum. Jede Sünde gegen Gott, jede Übertretung seiner Gebote ist eine Wunde im Gewissen, auch wenn wir vom Gewissen nichts wissen wollen und es nicht zugeben.

Hier liegt das Elend unseres Lebens. In diese vergessene Provinz hinein geht der Trost aus, der vom Kreuz Jesu ausgeht. Denn der gekreuzigte Herr Jesus ist der Einzige im Himmel und auf Erden, zu allen Zeiten und für alle Orte und Kontinente, bei dem unser Gewissen geheilt werden kann. Er allein hat die Macht, Sünden zu vergeben.

Wenn ich Ihnen das einhämmern könnte: Für alle Erdteile, alle Jahrhunderte und Jahrtausende ist Jesus der Einzige, der die Macht hat, unser Gewissen zu heilen, weil er Sünde vergeben kann. Warum? Weil er unsere Sünden selbst hinaufgetragen hat an das Kreuz. Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden haben.

Wollen Sie nicht mit Jesus in Verbindung treten, ihm einmal Ihre Sünden hinlegen und endlich Ihr Gewissen heilen lassen? „Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde“, sagt die Bibel. Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde.

Vom Kreuz her klingt unablässig der eine Satz: Dir sind deine Sünden vergeben. Aber ich muss hören, ich muss als Sünder hinkommen und nicht sagen: Ich bin gerecht. Dann geht das nicht durch die Schicht, wissen Sie. Hier, Jesus, der Kreuzigte, sein Kreuz – das ist das Tor zu einem neuen Leben, wo man mit geheiltem Gewissen im wirklichen Frieden mit Gott leben kann.

Die dritte Frage: Wird nicht zu viel versprochen?

Aber jetzt muss ich noch ein drittes Mal fragen: Ist das nicht ein unmögliches Wort? "Welche auf ihn sehen, die werden erquickt, und ihr Angesicht wird nicht zu schanden."

Ist das nicht ein unmögliches Wort? Kann man denn Jesus sehen? Ja, sagten wir, wenn die Augen offen sind. Kann der Anblick eines Gerichteten tröstlich sein? Jawohl, fürs Gewissen. Er hat meine Schuld weggetragen.

Und jetzt frage ich noch ein drittes Mal: Wird in dem Wort nicht ein bisschen zu viel versprochen? "Welche auf ihn sehen" – nur einfach sehen, kann doch jeder. Deren Angesicht wird nicht zu schanden – wird dann nicht ein bisschen zu viel versprochen?

Vielleicht für ernste Bibelleser darf ich sagen, dass es wörtlich heißt: "Welche auf ihn sehen, deren Angesicht glänzt auf." Luther sagt ganz schön: "Die werden erquickt", denn ich erglänze erst auf, wenn ich erquickt bin. Und das Angesicht wird nicht zu schanden.

Es ist ja nicht so viel versprochen, wenn hier heißt, man wird nicht zu Schanden, "welche auf Jesus sehen, wird nicht zu Schanden."

Ach, meine Freunde, ich habe so viele Leute zu Schanden werden sehen: Millionäre in Frankfurt, die alles verloren haben, nicht? Goebbels, der einen Mund hatte, dass er Spargel quer essen konnte, ist zu Schanden geworden, nicht mehr. Was habe ich Leute zu Schanden werden sehen, nicht mit Macht, nicht mit Redekunst. Und hier steht: "Welche auf ihn sehen, die werden nicht zu Schanden."

Ist ja toll, ist ja nicht so viel versprochen. Denken Sie mal an die Märtyrer: Die haben auf Jesus gesehen und wurden dann im römischen Zirkus von wilden Tieren zerrissen. Oder im Mittelalter von der römischen Kirche auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Oder in der Gegenwart in Karzätz zu Tode gequält. Sind die nicht zu Schanden geworden? Sagen Sie, sind die nicht zu Schanden geworden?

Im Jahr 1956, jetzt gar nicht so lange her, vor sechs Jahren, sind fünf junge amerikanische Missionare zum ersten Mal in den Urwald von Ecuador eingedrungen, zu den wilden Stämmen der Oka-Indianer, die noch kein Weißer besucht hatte, weil jeder wusste, dass sie gefährlich sind.

Sie sind mit dem Flugzeug gelandet, hatten die erste Berührung, und dann fand man sie alle fünf ermordet an dem Fluss da im Dschungel. Sind sie nicht zu Schanden geworden? Sind sie nicht zu Schanden geworden?

Zeugnisse von Glauben und Treue trotz Leid

In meiner Jugend gab es in Frankfurt einen Herrn, den Neuwilli. Ich habe ihn noch gekannt. Er war ein prachtvoller Mann, der als junger Mann in Amerika seinen Heiland gefunden hat. Da brannte sein Herz. Er sagte: „Ich möchte Frankfurt für Jesus erobern.“

Es ist nur ein übrig gebliebenes Vereinshaus sowie das Weigelhaus, wo allerhand Leben pulsiert, aber von einer Eroberung Frankfurts für Jesus keine Rede. Sind Sie zu Schanden geworden? Es sieht doch so aus, nicht?

Sehen Sie, überlegen Sie mal: Wenn wir jetzt in die Ewigkeit gehen könnten, den Schritt in die unsichtbare Welt tun könnten – die leben ja. Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden. Wer erzählt, mit dem Tod wäre alles aus, glauben Sie ihm diesen Schwindel nicht. Gott ist ein Gott der Lebenden.

Wenn wir jetzt den Schritt in die unsichtbare Welt tun könnten und die eben genannten Leute mal fragen würden: „Seid ihr zu Schanden geworden? Ihr habt auf Jesus gesehen, seid ihr zu Schanden geworden?“ Das sah so aus für uns.

Dann würden sie antworten: „Oh, wohl hat unser Herr durch unsere Pläne oft einen dicken Strich gemacht.“ Und das darf er, denn wir haben uns ihm auf Leben und Tod ausgeliefert. Christen sind ständig auf Leben und Tod dem Herrn zugehörig und geben ihm eine Blankovollmacht über ihr Leben. Da darf er auch einen Strich durch unsere Pläne machen.

Aber zu Schanden geworden, würden sie sagen, nein, nein, nein! Die Aukamischenar würden sagen: „Weißt du, dass Jahre später die ersten Christen an den Aukas getauft worden sind? Wir waren ein Samenkorn, das in die Erde gelegt wurde, und nun kam die Frucht.“ Nein, zu Schanden geworden sind wir nicht.

Sie würden sagen: „Wenn unser Herr zu klein war für seine großen Wege, dann hat er uns das Kreuz vor Augen gestellt. Und dann wussten wir, wir sind erkauft und erlöst und gehören ihm, und dann ist alles gut.“

Und als es ernst wurde, als der Tod kam, da wurden wir nicht zu Schanden. Er nahm uns in die Hand und führte uns nach Hause. Menschen sterben, Menschen fahren zur Hölle, aber wir nicht. Er nahm uns an der Hand und führte uns nach Hause.

Nein, wir wurden nicht zu Schanden. Und wenn das Großgericht kommt, werden wir nicht zu Schanden, weil wir dem gehören, der alle Sünde ins Meer geworfen hat. Ihm gehören wir an. Wir werden im Gericht Gottes von Millionen nicht zu Schanden, nein.

Wenn es ernst wird, nein, das Wort ist wahr.

Persönliche Erfahrungen mit dem Wort aus Psalm 34

Aber liebe Freunde, wir müssen gar nicht in die Ewigkeit schauen. Sie dürfen ruhig hier fragen, mich fragen: „Was ist mit dir, Busch? Bist du ein alter Mann geworden?“

In meiner Jugend, vielleicht am fünften Tag meines Hierseins, hat ein blinder Mann mir dieses Wort gesagt. Ein blinder Mann – wer auf ihn sieht, der wird erquickt. Nicht nur, wer auf ihn sieht, der wird erquickt. Mir hat das damals einen tiefen Eindruck gemacht, als ich es hörte.

Und du, der du nun schon vierzig Jahre Pfarrer in Essen bist, hat dich dieses Wort begleitet? Bist du zu Schanden geworden? Du sagst, du hast Gefängnisse von innen gesehen in Essen, Feindschaft erlebt, Streit, Niederlagen – alles Mögliche.

Aber zu Schanden bist du nicht geworden. Nein, nein, nein. David hat Recht.

Und ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie dieses Wort wirklich erleben und erfahren: Wer auf ihn sieht, wie er für mich am Kreuz hängt, dem werden die Augen aufgetan.

Die werden erquickt, damit ihr Angesicht nicht schadet – niemals, niemals!