Ich freue mich, bei euch zu sein. Okay, ich bin jetzt schon ein bisschen länger da, das habe ich vorhin auch gesagt. Aber das gilt für euch im zweiten Gottesdienst genauso wie für die im ersten Gottesdienst.
Ich freue mich doppelt, weil ich heute ein freies Thema habe. Ein freies Thema bedeutet für mich immer, dass ich in der Apostelgeschichte weitermachen darf. Und das mache ich sehr gerne.
Wir verfolgen gerade den Apostel Paulus auf seiner Reise durch Griechenland. Wir waren mit ihm in Athen und haben uns angeschaut, wie er dort eine, ich nenne es mal, evangelistische Predigt aufgebaut hat. Jetzt machen wir weiter in Apostelgeschichte 18, Vers 1. Dort heißt es: „Danach schied er von Athen und kam nach Korinth.“ Also die nächste Station auf der Reise, ganz simpel: Korinth, eine andere Stadt.
Man kann sich die Frage stellen, warum Lukas eine Stadt nach der anderen beschreibt, in denen immer sehr ähnliche Dinge passieren. Paulus predigt, es gibt Stress, und irgendwie muss er dann immer weiterziehen, so grob gesagt.
Der Grund, warum wir uns Korinth anschauen und warum Lukas uns die Episode aus Korinth so beschreibt, wie er es tut, scheint mir folgender zu sein: In Korinth kommt eine Auseinandersetzung zu einem Ende, die viel früher angefangen hat. Es handelt sich um die Auseinandersetzung zwischen Paulus und der, ich nenne sie mal, jüdischen Synagogengemeinde.
Die Entstehung einer neuen Gemeinschaft
Um die bestehende Spannung zu verstehen, müssen wir zurück an den Anfang der Apostelgeschichte gehen. Wenn ich euch fragen würde, wo die erste christliche Gemeinde entstanden ist, würdet ihr sicher sagen: Natürlich in Jerusalem. Dort hält Petrus seine Pfingstpredigt, und es bekehren sich dreitausend Menschen, die dann die erste Gemeinde bilden.
Doch was für Leute waren das? Es waren Juden, die sich bekehrt haben – und zwar zu ihrem Messias, zu ihrem Herrn. Wir lesen das in Apostelgeschichte 2,36. Dort heißt es: "Ganz Israel soll nun sicher erkennen, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht hat."
Wir sind hier mitten in der Pfingstpredigt, genauer gesagt am Ende, wo Petrus den Sack zubindet. Er verkündet, dass Jesus der Christus, der Messias, und der Herr ist. Für alle, die meinen Podcast hören – ich habe einen Podcast namens Frogwords Mini-Predigten – mag das überraschen. Denn wir haben uns dort bereits angeschaut, was ganz am Anfang der Geschichte von Jesus, in der Weihnachtsgeschichte, verkündet wird.
Wenn ich euch das vorlese, steht dort in Lukas 2,10-11: "Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die für das ganze Volk sein wird. Euch ist heute der Retter geboren, der ist Christus, der Herr, in Davids Stadt."
Legt man diese beiden Texte nebeneinander, fällt ein Unterschied auf. Der Engel sagt, das Kind in der Krippe ist der Christus und der Herr. Petrus hingegen predigt, dass Gott Jesus erst zum Christus und zum Herrn gemacht hat.
Wie passt das zusammen? Wie kann Jesus am Anfang als Christus und Herr genannt werden, und Petrus sagt dann, er sei erst jetzt Christus und Herr geworden?
Die Antwort lautet etwa so: Man kann designierter König sein, aber solange man nicht in sein Amt eingesetzt ist, ist man noch nicht am Ziel. Genauso ist es mit Jesus. Er ist der Christus und der Herr, aber er hat diese Position erst vollständig eingenommen, nachdem er gestorben und wieder auferstanden ist.
Der Herr Jesus ist der ewige König, aber er ist noch nicht gekrönt. Diese Krönung – das klingt vielleicht merkwürdig, aber so ist es, wenn man die Bibel liest – hängt mit seinem Tod und seiner Auferstehung zusammen. Ihr könnt das in Psalm 2 nachlesen.
Es ist eine ungewöhnliche Krönungszeremonie. Wenn wir das Alte Testament daraufhin untersuchen, was der Messias tun muss, um sein Reich aufzurichten, finden wir die Idee, dass der ewige König zuerst sterben muss, um dann zu herrschen.
Insofern ist der Herr Jesus zwar schon als Kind in der Krippe Christus und Herr – es gibt da keinen anderen –, aber erst nach Golgatha, nach Kreuz und Auferstehung, hat Gott ihn sichtbar in dieses Amt eingesetzt. Genau das predigt Petrus.
Das ist auch das, was die Juden in Jerusalem von Petrus hören und woraufhin sie sich bekehren. Was sie in diesem Moment vielleicht noch nicht ganz ahnen oder begreifen, ist, dass sie sich nicht einfach nur zu Jesus als ihrem jüdischen Messias bekehren, auf den sie als Juden gewartet haben. Vielmehr sind sie Teil einer ganz neuen Gemeinschaft geworden.
Wenn man sich die Bekehrung der ersten Christen anschaut – Juden, die gläubig an den Messias werden – könnte man meinen, es sei eine neue jüdische Sekte entstanden.
Vorher gab es schon verschiedene Gruppen: die Sadduzäer, die eher liberal waren; die Pharisäer, die strenger waren; und die Essener, die mit niemandem etwas zu tun haben wollten. Nun gab es daneben noch eine Gruppe, die an Jesus als den Messias glaubte.
Man hätte also denken können, dass hier eine weitere Splittergruppe im Judentum entsteht. Sie trafen sich ja auch im Tempel, es gab also einen Bezug zum Judentum.
Doch das ist nicht der Fall. Was nach der Pfingstpredigt entstanden ist, ist etwas völlig Neues.
Der Bruch zwischen Judentum und Christentum
Es wird etwas erfüllt, was Jesus den Hohenpriestern und den Ältesten schon viel früher prophezeit hatte. Wir lesen das in Matthäus 21. Dort spricht der Herr Jesus davon, dass das Reich Gottes den Juden weggenommen und einer anderen Nation gegeben wird.
Ich lese mal vor: „Deswegen sage ich euch, das Reich Gottes wird von euch, gemeint ist vom Volk Israel, weggenommen und einer Nation gegeben, einem Volk, das seine Früchte bringen wird.“ Eine neue Nation, ein neues Volk sollte entstehen.
Ich bin ziemlich sicher, dass den Bekehrten am Anfang all das alles andere als klar war. Ich glaube, sie hatten als Juden den jüdischen Messias gefunden und waren einfach glücklich. Aber was damit alles verbunden war, war ihnen nicht bewusst: dass das gesamte mosaische Gesetz ein Ende gefunden hatte, dass der alte Bund vorbei war, dass der Tempel und Jerusalem keine Bedeutung mehr haben würden.
All das bedeutete, dass etwas wirklich komplett Neues entstanden war. Selbst die Verbindung von Staat und Religion, die für einen Juden so typisch war, wurde gekappt. Jetzt konnten plötzlich nicht nur Juden in diese neue Sache eintreten, die da entstanden war. Es war offen für Heiden, offen für alle.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand am Anfang die Weite der Entwicklung, die Andersartigkeit dieses neuen Dings, das wir Kirchen oder Gemeinden oder Reich Gottes nennen, erahnt hat. Und wir merken auch, dass dem nicht so war. Denn selbst Petrus braucht eine ganze Weile, bis er merkt: Hier hat sich nicht nur ein bisschen was geändert, sondern hier ist radikal etwas anderes geworden.
Hier ist nicht einfach eine weitere Splittergruppe unter den Juden entstanden, die an Jesus als den Messias glauben. Nein, hier ist etwas Nicht-Jüdisches entstanden, etwas komplett Eigenes. Und das merken als Erste die Leute, die draußen sind.
Denn irgendwann fangen Außenstehende an, dieser neuen Gruppe einen Namen zu geben und zu sagen: „Ihr seid doch gar keine Juden, ihr seid Christen.“ Es sind Außenstehende, die sagen: „Wir geben euch mal einen Namen, denn Juden seid ihr nicht. Wir nennen euch Christen.“ Ihr seid etwas Eigenes, ihr seid wirklich neuer Wein in neuen Schläuchen.
War das nicht das Bild, das Jesus brachte? Neuer Wein in neue Schläuche. Und dieser neue Schlauch – das ist das Christentum, das ist der neue Bund, das ist die Gemeinde.
Wie gesagt, es ist nicht einfach eine Weiterentwicklung des jüdischen Glaubens, sondern ein Bruch mit der Vergangenheit. Ein wirklich neuer Bund, ein neues Volk, ein neues Gesetz und ein König – ein gekrönter, ewiger König, dem es gilt, loyal zu sein.
Dieser Bruch zwischen Judentum und Christentum geschieht allmählich. Er braucht Zeit, aber er geschieht.
Wir haben das gemeinsam gelesen: Wie Paulus immer wieder in den Synagogen predigt, dann nach seiner Predigt einlädt, an Jesus zu glauben. Und wie an diesen Stellen immer wieder Widerstand und Verfolgung aus der Synagoge entsteht.
Ich glaube, dass dieser Text, den wir heute haben, literarisch so aufbereitet ist, dass wir merken: Diese Auseinanderentwicklung führt jetzt zu einem wirklichen Nebeneinander. Jetzt ist es nicht mehr A und B, sondern A oder B.
Ich will euch das zeigen.
Historischer Hintergrund und die Begegnung mit Aquila und Priscilla
Apostelgeschichte 18, die Verse 2 und 3. Wir steigen mal in die Geschichte ein.
Paulus fand einen Juden namens Aquila, der aus Pontus stammte und kürzlich aus Italien gekommen war, sowie dessen Frau Priscilla. Das geschah, weil Claudius befohlen hatte, dass alle Juden sich aus Rom entfernen sollten. Paulus ging zu ihnen. Da er das gleiche Handwerk ausübte, blieb er bei ihnen und arbeitete, denn sie waren Zeltmacher von Beruf.
Zunächst einmal zum historischen Hintergrund: Claudius, der römische Kaiser, erließ im Jahr 49 nach Christus ein Edikt. Kaiser durften solche Anordnungen treffen. In diesem Edikt stand, dass alle Juden Rom verlassen müssen. Warum? Ganz einfach gesagt, Claudius hatte genug von ihren Streitigkeiten. Die Juden hatten sich untereinander gestritten, und zwar interessanterweise über einen Christus.
Wer weiß, dass Judenchristen manchmal auch Christianer genannt wurden, kann verstehen, dass in der jüdischen synagogalen Gemeinschaft ein Streit darüber ausgebrochen war, wie man über Christus denken sollte. Dieser Streit eskalierte. Claudius bekam das mit und sagte: „Ich will das nicht.“ Seine Lösung war, alle Juden aus Rom zu vertreiben. Dabei unterschied er nicht zwischen Juden, die jüdisch glaubten, und Juden, die christlich glaubten. Für ihn waren das einfach nur Juden, und er schmiss alle raus.
Manchmal wünscht man sich so eine klare Lösung: „Kaiser, das ist schon praktisch. Ich habe keine Lust auf Streit, tschüss!“ So mussten alle Juden Rom verlassen, darunter auch Aquila und Priscilla. Sie wanderten nach Korinth aus und trafen dort auf Paulus.
Das war für Paulus super, denn er war gerade in Korinth angekommen. Es passte also perfekt, dass er jemanden traf, der ihm helfen konnte. Er brauchte einen Job und eine Unterkunft, und beides fanden sich bei Aquila und Priscilla.
Deshalb lesen wir in Vers 3: „Und weil er gleichen Handwerks war, blieb er bei ihnen und arbeitete.“ Das bedeutet, Paulus bekam Unterkunft und wurde sozusagen Angestellter der beiden, denn sie waren Zeltmacher von Beruf.
Zeltmacher – das konnten kleine Zelte sein, die sie herstellten. Im Wesentlichen waren es Leute, die mit Leder arbeiteten. Alles, was man aus Leder machen konnte, ob Zelte oder Sonnensegel, stellten sie her – und Paulus ebenfalls.
Ich finde das immer spannend: In der damaligen Zeit erwartete man von einem Theologen, dass er auch ein Handwerk lernte. Heute ist das anders. Wenn du einen Theologen kennst, also wie mich, möchtest du wahrscheinlich nicht, dass er in deiner Wohnung handwerklich tätig wird. Denn man vermutet, dass diese Leute zwar gut mit Texten umgehen können, aber eine Schlagbohrmaschine nicht ihr Ding ist.
Damals war das noch anders: Du musstest beides können. Paulus hatte also einen Beruf gelernt. Das half ihm jetzt. Er war Zeltmacher, fand Unterkunft und konnte arbeiten.
Der endgültige Bruch in Korinth
Jetzt haben wir den historischen Hintergrund. Nun gehen wir einen Schritt weiter. Ich habe gesagt, diese Episode in der Apostelgeschichte beschreibt den endgültigen Bruch zwischen Judentum und Christentum. Schauen wir uns an, wie es zu diesem Bruch kommt.
Apostelgeschichte 18,4-6: Paulus unterredete sich in der Synagoge an jedem Sabbat und überzeugte Juden und Griechen. Die Griechen, das waren Heiden, besuchten den Gottesdienst der Juden, weil sie von der Idee des Monotheismus und der hohen Ethik des Judentums sehr angetan waren. Paulus überzeugte also Juden und Griechen.
Als aber sowohl Silas als auch Timotheus aus Mazedonien herabkamen, wurde Paulus durch das Wort gedrängt. Er bezeugte den Juden, dass Jesus der Christus ist. Nun entsteht das Problem: Die Juden widerstrebten, sie wollten das nicht hören und lästerten Paulus. Daraufhin schüttelte er die Kleider aus und sprach zu ihnen: „Euer Blut komme auf euren Kopf, ich bin rein!“ Von jetzt an werde ich zu den Nationen gehen.
Wir kennen die Vorgehensweise von Paulus: Er redet in den Synagogen mit den Juden und mit den anbetenden Griechen. Irgendwann kommt dieser Punkt, der hier beschrieben wird. Wenn Silas und Timotheus, seine Freunde und Missionskollegen, nach Korinth kommen, fühlt Paulus sich etwas freier. Er muss vielleicht auch weniger arbeiten und hat mehr Kraft. Er predigt klar, dass Jesus der Messias ist – und prompt gibt es Gegenwind.
Sobald der Widerstand kommt, wird Paulus sehr ernst. Es heißt: „Als sie aber widerstrebten und lästerten, schüttelte er die Kleider aus und sprach zu ihnen: ‚Euer Blut komme auf euren Kopf, ich bin rein!‘“ Damit meint er: „Ich trage keine Schuld an eurem Untergang, ich bin rein.“ Von nun an werde er zu den Nationen gehen.
Inhaltlich ist das, was Paulus hier formuliert, nicht neu, aber die Schärfe ist ungewöhnlich. Es ist auch nicht so, dass Paulus nie wieder in eine Synagoge geht oder nicht mehr mit Juden über das Evangelium spricht. Das tut er weiterhin. Dennoch gibt es hier einen so klaren Bruch mit der jüdisch-synagogalen Gemeinschaft wie nirgendwo sonst in der Apostelgeschichte.
„Euer Blut komme auf euren Kopf!“ Für alle, die jetzt denken, Paulus sei ein Antisemit: Nein, das ist kein Antisemitismus. Paulus selbst ist Jude. Er spricht hier mit dem Ernst eines alttestamentlichen Propheten oder mit dem Ernst, den auch Jesus selbst verwendet hat. Wenn jemand die Botschaft vom Evangelium ablehnt, dann sind die Konsequenzen wirklich schlimm.
Wenn jemand zum Glauben einlädt, muss er traurig sein, wenn der Eingeladene davon nichts wissen will. Wer wissen möchte, wie Paulus’ Herz für seine Mitjuden schlägt, die noch nicht bekehrt sind, sollte den Römerbrief lesen, Kapitel 9. Ich lese euch drei Verse vor, damit ihr versteht, wie dieser Mann, der eben sagt „Euer Blut komme auf euren Kopf“, innerlich empfindet.
Römer 9,1: „Ich sage die Wahrheit, ich lüge nicht, mein Gewissen gibt mir Zeugnis im Heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit habe und unaufhörlichen Schmerz in meinem Herzen.“ Das ist, was Paulus verspürt: große Traurigkeit und unaufhörlichen Schmerz.
Denn selbst er hat gewünscht, verflucht zu sein, von Christus weg, für seine Brüder, seine Verwandten nach dem Fleisch. Natürlich geht das nicht – man kann sich nicht selbst das ewige Leben wegnehmen, damit andere gerettet werden. Aber als Ausdruck, als rhetorische Figur, sagt Paulus: Wenn ihr wissen wollt, wie sehr ihm daran gelegen ist, dass seine jüdischen Freunde zum Glauben kommen, dann würde er sein ewiges Leben eintauschen, wenn sie sich nur bekehren würden.
Er will damit ausdrücken, dass sein Herz voller großer Traurigkeit und unaufhörlichem Schmerz ist. Deshalb auch diese ernste Warnung.
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber manchmal frage ich mich, wie kalt man innerlich sein muss, wenn man nicht mehr über das Schicksal von Menschen weinen kann, die verloren gehen. Ich stelle mir diese Frage öfter. Ich sehe, wie Jesus beim Einzug nach Jerusalem laut Lukas weinte. Es heißt dort: „Und als er sich der Stadt näherte, weinte er über sie.“
Ich frage mich: Wo sind meine Tränen? Wo sind meine Tränen für die Menschen um mich herum, für meine Nachbarn, für die Menschen, die mir beim Einkaufen begegnen? Wo sind meine Tränen für dieses Volk, das immer gottloser wird? Damit meine ich nicht nur das Verhalten, sondern vor allem, dass es immer weniger vom lebendigen Gott weiß.
Ich frage mich, was mein Leben so voll und bequem macht, dass kein Raum bleibt zum Trauern.
Paulus ist ein Mann mit Traurigkeit, ein Mann mit Schmerzen. Er zuckt nicht einfach mit den Achseln und denkt: „Na ja, noch eine Stadt, wo ich abgelehnt werde, ist halt so.“ Paulus ist anders.
Lukas beschreibt uns vor diesem Hintergrund des Bruchs die Szenerie etwas genauer. Ich denke, er tut das, um literarisch diesen Bruch noch einmal vor unser geistiges Auge zu malen.
Das Bild der zwei Häuser als Symbol des Bruchs
In Apostelgeschichte 18, Verse 6-8 lesen wir: Paulus sagt dann, von jetzt an werde ich zu den Nationen, zu den Heiden gehen. Das markiert den Bruch.
Schaut euch nun genau an, was als Nächstes kommt. Paulus ging von dort fort und kam in das Haus eines Gottesfürchtigen namens Titius Justus, dessen Haus an die Synagoge stieß. Crispus, der Vorsteher der Synagoge, glaubte an den Herrn mit seinem ganzen Haus, also mit seiner ganzen Familie. Viele Korinther, die hörten, wurden gläubig und ließen sich taufen.
Diese zwei Verse könnte man leicht aus dem Text streichen, da sie auf den ersten Blick nicht unbedingt notwendig erscheinen. Doch sie dienen dazu, etwas zu verdeutlichen: den Bruch.
Seht ihr, was hier beschrieben wird? Zwei Häuser stoßen aneinander. Auf der einen Seite die Synagoge, auf der anderen Seite das Haus von Titius Justus. Die Häuser berühren sich, sind aber nicht eins. In dem einen Haus treffen sich die ungläubigen Juden, im anderen die gläubigen Juden zusammen mit den gläubigen Heiden.
Deutlicher als durch diese zwei Häuser, die aneinanderstoßen und doch getrennt sind, kann man den Bruch kaum vor Augen malen. Dieser Bruch geht mitten durch die jüdische Gemeinschaft.
Man kann es sich so vorstellen, als würde nebenan im nächsten Haus eine Sekte entstehen. Einige von euch würden zu dieser Sekte gehen, und die Hälfte eurer Ältestenschaft, die für die Synagoge zuständig ist, würde dort Gottesdienst feiern. Morgens wüsste man, dass sie drüben sind.
Genau das malt Lukas uns vor Augen: einen Bruch, der mitten durch die jüdische Gemeinschaft geht.
Crispus, der Synagogenvorsteher, dürfte nur einer von denen gewesen sein, die nun nebenan bei Titius Gottesdienst feierten. Nicht nur er, sondern auch viele Korinther wurden gläubig und ließen sich taufen.
Das Bild der zwei Häuser zeigt, dass sich hier etwas endgültig auseinanderbewegt hat. Das Christentum hat sich, wenn man so will, unwiderruflich vom Judentum gelöst. Jetzt ist es gekappt.
Gottes Zuspruch und die Gründung einer neuen Gemeinde
Und in dieser Situation ermutigt Gott nun den Apostel. In den Versen neun bis elf spricht der Herr durch eine Erscheinung in der Nacht zu Paulus: „Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht, denn ich bin mit dir, und niemand soll dich angreifen oder dir Böses tun. Denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt.“
Paulus blieb ein Jahr und sechs Monate dort und lehrte unter ihnen das Wort Gottes.
Gott selbst ist es, der seinen Apostel motiviert – motiviert durch eine Vision und ermutigt, weiterzumachen. Die Begründung lautet: „Denn ich bin mit dir, denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt.“ Ein großes Volk ist nichts anderes als die Gemeinde. Gott hat viele Menschen, die sich bekehren werden und die zu diesem Volk dazustoßen.
In Korinth entsteht das Volk Gottes. Früher gab es Israel als Nation, die man als Volk Gottes bezeichnete. Jetzt gibt es die Gemeinde, das neue Israel Gottes. Gott hatte wirklich etwas völlig Neues begonnen. Sowohl Juden als auch Heiden mussten sich entscheiden: Wollen wir dazugehören? Wollen wir uns gemeinsam bei Titus in seinem Haus treffen, um dort Gemeinde zu sein und Gottesdienst zu feiern?
Leitmotive für die Anwendung: Fokus, Ernsthaftigkeit und Evangelisation
So weit der Text für heute. Jetzt müssen wir uns die Frage stellen: Was machen wir mit so einem Text? Ihr wisst, ich bin immer dafür, dass man sich überlegt, wie man einen Text anwenden kann.
Um einen Text anzuwenden, brauche ich also einige Überschriften oder Leitmotive. Welche Themen fallen mir ins Auge, wenn ich diesen Text lese? Ich habe euch einfach mal drei Themen mitgebracht.
Wenn du heute Morgen den Text gelesen hättest, was wäre dir vielleicht auch aufgefallen? Ich habe drei Überschriften formuliert, die lauten: Fokus, Evangelisation und Ernsthaftigkeit. Also Fokus, Ernsthaftigkeit, Evangelisation.
Ich will euch die drei Punkte kurz vorstellen und erklären, warum sie für mich in dem Text wichtig sind.
Fokus: Das Leben auf das Wesentliche ausrichten
Fangen wir mit dem Thema Fokus an. Paulus ist wirklich fleißig. Er weiß, wie er seine Zeit sinnvoll nutzt: Er arbeitet und predigt oder er predigt und arbeitet.
Mir fällt auf, wie Paulus sich in seinem Leben auf die wirklich wichtigen Dinge konzentriert und wie fokussiert er lebt.
Es gibt übrigens auch das Gegenteil. In Thessalonich gibt es Menschen, die nicht bereit sind zu arbeiten. Sie treiben „unnütze Dinge“, wie Paulus es nennt. In 2. Thessalonicher 3 heißt es dazu: „Denn wir hören, dass einige unter euch unordentlich wandeln, indem sie nicht arbeiten, sondern unnütze Dinge treiben.“
Derjenige, der unnütze Dinge tut – also Dinge ohne Mehrwert, die mich für Gott nicht brauchbarer machen und nicht Ausdruck meiner Beziehung zu Gott sind –, der lebt eigentlich nicht wirklich. Es sind oft Dinge, die nur zur Ablenkung dienen oder anderen zeigen sollen, dass man „lebt“. Paulus hingegen ist ein absolutes Vorbild in dieser Hinsicht.
Was er tut, tut er ganz fokussiert. Er weiß, was zu tun ist, und bleibt immer wieder auf dem richtigen Weg.
Ich weiß nicht, wie ihr betet, aber ich bete oft nach dem Vaterunser. Dort gibt es eine Stelle, in der es heißt: „Und führe uns nicht in Versuchung.“ Für mich bedeutet das: Halte mich hundertprozentig auf dem Weg, den ich gehen soll. Das ist mein Gebet – immer fokussiert zu bleiben.
Und nicht nur fokussiert, sondern auch ernsthaft. Deshalb fällt mir als zweiter Punkt auf, dass für Paulus das Leben kein Spiel ist.
Ernsthaftigkeit: Die Bedeutung des Evangeliums erkennen
Es geht ihm dabei um Leben und Tod. Er predigt nicht einfach, weil das sein Hobby ist, sondern weil er weiß, was von dieser Predigt abhängt. Und er predigt weiter, auch dann, wenn er – mit Ausnahme der Berührer, die waren anders – sonst immer und immer wieder auf Widerstand stößt.
Er predigt weiter, weil er weiß, worum es geht. Weil er weiß, dass Menschen, die sich nicht bekehren, die nicht wirklich zu Jüngern Jesu werden, verloren sind – und zwar richtig verloren. Ich weiß gar nicht, ob wir das heute noch verstehen, denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit Menschen nicht verloren gehen. Also, die gehen verloren.
Ich habe manchmal den Eindruck bei mir selbst, dass diese Last, zu wissen, dass Menschen verloren gehen, dass „verloren“ so eine hohle Phrase geworden ist, die irgendwie gar nicht mehr gefüllt ist. Bei Paulus ist sie noch gefüllt, und deswegen hält er das Evangelium nicht zurück. Deshalb predigt er immer weiter.
Er tut genau das, was er seinem Freund und Kollegen Timotheus später schreiben wird. Da heißt es im zweiten Timotheusbrief: „Predige das Wort!“ (2. Timotheus 4,2). Stehe bereit zur gelegenen und zur ungelegenen Zeit. Also sag auch etwas, wenn es nicht passt, wenn du weißt, dass sie es eigentlich gar nicht hören wollen.
Damit sage ich nicht, dass du plump jede Situation kaputtmachen musst. Aber er versteht schon: Stehe bereit zu gelegener und ungelegener Zeit, überführe, weise zurecht, ermahne mit aller Langmut und Lehre.
Lasst uns beim Predigen dranbleiben.
Evangelisation: Mut zum Zeugnis
Und da kommen wir zum dritten Punkt und zu meiner Challenge für euch: Evangelisation. Was sagt Gott? „Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht.“ Das ist es, was Gott seinem Apostel mitgibt.
Jetzt mal ganz ehrlich: Hättest du gedacht, dass man Paulus sagen muss, er soll reden und nicht schweigen? Also Paulus, ich meine, mir schon. Und manch einer von euch wird vielleicht auch sagen, mir auch. Aber Paulus, der macht doch nichts anderes! Gott kommt und sagt: Rede, schweige nicht! Fürchte dich nicht!
Ich muss das immer wieder hören. Ich habe in meinem Leben schon so viele unfruchtbare geistliche Gespräche erlebt, auch ablehnende. Ich habe vieles probiert, um das Evangelium an Mann oder Frau zu bringen, und es hat oft nicht funktioniert. Deshalb brauche ich das. Ich brauche einen Gott, der mir sagt: Hey, fürchte dich nicht, hör nicht auf!
Wir leben in einer Gesellschaft, in der es so etwas wie eine geheime Übereinkunft gibt: Im Privaten darfst du glauben, was du willst. Du darfst so ein ganz konservativer Vogel sein. Aber wenn du etwas in der Öffentlichkeit sagst, dann halte dich bitte zurück! Lass deinen Glauben nicht so raushängen.
Ist das nicht unsere Gesellschaft? Und wehe, du traust dich, eine konservative Position einzunehmen! Dann kannst du darauf warten, dass Leute dich in den sozialen Medien fertig machen. Ja, dir mindestens ans Bein pinkeln, wenn sie das können.
Und jetzt, im Gegensatz dazu, werden wir als Christen immer leiser. Da dachte ich mir: Sind wir die einzigen, die immer leiser werden?
Ich weiß, das Beispiel ist jetzt ein komisches, aber vergebt mir das. Ich mag die Musik von Rammstein nicht. Ich kann mit der Band nichts anfangen. Und das muss man einfach akzeptieren. Ich kann mit ihrem Auftreten und ihren Texten nichts anfangen, es ist überhaupt nicht meins.
Aber glaubst du, dass es Leute gibt, die Rammstein hören? Na klar! Woher weißt du das? Weil es Leute gibt, die auf ihren Autos Aufkleber von Rammstein haben, die so breit sind wie ihre Heckscheibe. Immer wenn ich die sehe, denke ich mir: Warum machen Christen eigentlich nur so mickrige kleine Fische auf ihre Autos?
Ja, ohne Scherz! Das ist so ein Mickerfisch, den kaum noch jemand versteht. „Ach, du bist auch im Angelverein?“ Nee, das soll eigentlich heißen: Ich bin Christ. Weißt du das? Wenn man ein bisschen Ahnung hat, dann bedeutet das dann das und das. Aber ich muss dir das erst fünf Minuten erklären. Du verstehst es nicht auf Anhieb.
Rammstein verstehst du auf Anhieb. Glaub mir.
Von daher die Challenge an euch: Seht ihr all die Autos, die keinen christlichen Aufkleber hinten drauf haben, sondern nur diesen mickrigen Fisch? Ihr habt sechs Wochen Zeit, dann bin ich wieder da.
Die Challenge an euch: Sucht euch irgendetwas aus, das auf Jesus hinweist. Du kannst es so banal machen wie ich. Bei mir steht einfach hinten drauf: „... da hilft nur beten.“ Stimmt! Und darunter ist eine schöne Internetadresse.
Es gibt wunderschöne Sachen. Ich habe meinen Freund Karl Dietzmar schon angepingt. Der wird euch hoffentlich nicht in Ruhe lassen, weil er jemanden kennt, der die Möglichkeit hat, so etwas auf euer Auto zu machen.
Also Challenge: In sechs Wochen, wenn ich wiederkomme, soll auf jedem Auto ein Aufkleber sein. So, dass wenn hier jemand als Gast reinkommt, er quasi schon allein dadurch, dass er über den Parkplatz geht, das komplette Evangelium hört.
Lasst euch etwas einfallen! Es muss nicht provokativ sein. Brenngutheide, das musst du nicht hinten draufschreiben. Sei nett, aber schreib was drauf. Mach ein Zeugnis! Statt Rammstein.
Und wenn du hinten draufschreibst: „Jesus“, ist das schon mal ein Anfang. Vielleicht kann man noch einen Tick mehr machen, aber irgendetwas.
Meine Challenge an euch: In sechs Wochen sollen fünfzig Autos so einen Aufkleber haben.
Ich habe es mir aufgeschrieben. Entschuldigung, ich werde euch in sechs Wochen daran erinnern. Ich werde hier über den Parkplatz gehen, mir das anschauen und nachschauen.
Ich glaube, dieses Jahr habe ich noch nicht so viele Dinge gemacht, für die ich mich entschuldigen musste. Ich habe immer so ein oder zwei Sachen im Jahr, für die ich mich dann bei den Ältesten oder in der Gemeinde entschuldigen muss. Also ich glaube, dieses Jahr lief noch relativ gut, von daher habe ich noch ein bisschen Luft.
So, das war es für heute, was die Predigt angeht.
Ich weiß nicht, wie es dir geht. Für mich ist Paulus ein Ansporn. Er ist ein Ansporn, erstens unnütze Dinge zu lassen. Zweitens ein Ansporn, neu über diese Welt und ihre Verlorenheit zu trauern.
Und er ist ein Ansporn, dafür den Mund aufzumachen. Sei es, dass wir Plakate aufhängen oder darüber nachdenken, wie wir unseren Nachbarn das Evangelium vermitteln.
Vielleicht auch einfach nur erst mal einen Aufkleber aufs Auto zu machen, damit wir wieder hinaus in diese Welt hineinwirken, die uns wirklich braucht.
Amen.
