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Prediger 5,3-611.11.2007
Serie•Teil 7 / 12Connecting Heaven
Beten ist kein frommes Pflichtprogramm. Die eigentliche Frage: Meinst du es wirklich ernst – so ernst, dass du Gott nicht nur Worte, sondern auch Zeit, Verzicht und dein Wort gibst?

Ein persönliches Erlebnis als Ausgangspunkt

Wenn man eine Geschichte erzählt, die ein Vierteljahrhundert zurückliegt, dann muss man sie so erzählen, dass man sagt: Nach bestem Wissen und Gewissen hat es sich irgendwie so zugetragen. So eine Geschichte möchte ich jetzt erzählen.
Es muss etwa 1983 gewesen sein. Da bin ich an Pfingsten zu einem ökumenischen Jugendtreffen einer katholischen Schwesternschaft gefahren, und zwar nach Essen. Ich war damals vom Glauben emotional berührt. Ich hatte ein paar engagierte katholische Christen kennengelernt, aber ich bin vor allem aus einem Grund mitgefahren: weil Bärbel auch mitgefahren ist. In sie hatte ich mich irgendwann vorher Hals über Kopf verliebt.
In meinem Bauch war ein heiliges Tohuwabohu aus sehr unterschiedlichen Gefühlen und Motiven. Ihr könnt euch das vorstellen: ein pubertierender Zwölftklässler, was der alles auf so einem Jugendtreffen mitnimmt.
Das Gelände dieser Schwesternschaft lag eingebettet in einem Park, sehr schön. Abends bin ich dann spazieren gegangen, verliebt, ungewiss, ob meine Liebe jemals Erwiderung finden würde, hoffend, bangend. Und ich habe gebetet.
Ich habe etwa so gebetet: Vater im Himmel, wenn du es irgendwie machst, dass Bärbel meine Freundin wird, dann kannst du mit meinem Leben machen, was du willst. Mehr will ich nicht.
Ohne es zu wissen, habe ich an diesem Tag ein Gelübde abgelegt, und Gott ist darauf eingegangen. Damit er mich nicht falsch versteht: Ich bin kein Befürworter davon, dass man mit unheiligen Händen voller selbstsüchtiger Motive Gott entgegentritt, ohne Sinn und Verstand Dinge erbittet und dabei keine Ahnung hat, ob sie Gottes Wille sind oder nicht.
Und gleichzeitig läuft mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich über diesen Moment nachdenke, weil ich rückblickend feststelle, dass Gott mein Gebet erhört hat. Ich habe tatsächlich die Frau bekommen. Und er hat mein Leben bekommen.
Kann es sein, dass Gott das Gebet eines bestenfalls am Glauben interessierten Teenagers ernst nimmt? Die Antwort muss lauten: Ja, weil Gebet kein Spiel ist. Gebet sind nicht Wortfetzen, die ich irgendwie in die Luft schleudere. Wenn ich den Mund auftue vor Gott, dann komme ich zum Thron des Allerhöchsten, vor dem die Engel zittern.
Wenn ich ein Gebet spreche, dann schaut mir Gott ins Herz hinein und möchte wissen, ob ich das wirklich ernst meine. Und wenn ich dem König aller Könige ein Angebot mache, dann wehe mir, wenn er auf das Angebot eingeht und ich dann noch versuche, irgendwie wieder herauszukommen.

Der biblische Rahmen für die Ernsthaftigkeit

Es heißt in Prediger 5. Ich möchte euch vorlesen: Prediger 5, die Verse 3 bis 6. Prediger, Altes Testament, ziemlich in der Mitte, hinter den Sprüchen: Psalmen, Sprüche, Prediger.
 Prediger 5,3: Wenn du Gott ein Gelübde ablegst, zögere nicht, es zu erfüllen; denn er hat kein Gefallen an den Toren. Was du gelobst, erfülle. Besser, dass du nicht gelobst, als dass du gelobst und nicht erfüllst. Verstatte deinem Mund nicht, dass er dein Fleisch in Sünde bringt, und sprich nicht vor dem Boten Gottes: Es war ihm versehen! Wozu soll Gott über deine Stimme zürnen und das Werk deiner Hände verderben? Gott ist ein Gott, der zürnt und verdirbt, wenn wir einfach Gelübde geloben, ohne dass uns das viel bedeutet.
Deswegen möchte ich heute mit euch in unserer großen Reihe über Gebet anfangen, über das Thema Ernsthaftigkeit im Gebet zu reden. Wir hatten ja jetzt rückblickend das Vaterunser. Wir haben uns sehr viel mit Inhalten beschäftigt. Das ist für mich jetzt ein Stück abgehakt. Wir kommen jetzt zu dem Thema Motivation, Ernsthaftigkeit. Und werden dann am Ende des Jahres einen Ausklang haben mit der praktischen Seite.
Also heute und das nächste Mal stehen sehr stark die Fragen rund um die Ernsthaftigkeit des Gebets im Mittelpunkt. Und ich habe beschmunzelt: Ich habe die Predigt heute Morgen auch schon mal gehalten in Mariendorf. Danach kam einer und sagte: Jürgen, ich mag ja wirklich praktische Predigten, aber das heute war mir ein Stück zu praktisch. Wenn man das zu Ende denkt, was du da heute gepredigt hast, das nimmt ja gar kein Ende. Und er hat völlig recht.
Wir reden heute über zwei große Themen. Einmal: Was macht aus meinem Gebet eigentlich ein ernsthaftes Gebet? Wie sieht ernsthaftes Beten eigentlich aus? Was gehört da so dazu? Und dann möchte ich am Ende etwas zum Thema Gelübde sagen: Wie gehören jetzt Gelübde und ernsthaftes Gebet zusammen?
Also die erste große Frage, die uns heute hauptsächlich beschäftigen wird: Was macht ernsthaftes Gebet aus?

Oberflächlichkeit und ihre religiöse Form

Das Gegenteil von einem ernsthaften Gebet ist ein oberflächliches Gebet.
Ich dachte mir: Wahrscheinlich ist es viel leichter, sich erst einmal zu überlegen, was oberflächliches Gebet ausmacht. Und weil Gebet so weit weg ist, kann man ja mal anfangen mit der Frage: Was heißt es, oberflächlich die Hausaufgaben zu machen?
Ich dachte mir: Okay, oberflächlich Hausaufgaben machen, das ist, wenn man schnell fertig ist, wenn man nur das tut, was man muss, wenn man kaum mit dem Herzen dabei ist, den Sinn dahinter auch nicht wirklich versteht und es in erster Linie nur macht, damit der Lehrer einem keine schlechte Note gibt.
So ist jemand, der oberflächlich Hausaufgaben macht.
Jetzt übertrage ich das mal auf Gebet, diese Punkte. Ich denke, ein oberflächliches Gebet ist kurz. Damit will ich nicht sagen, dass ein kurzes Gebet nicht ernst gemeint sein kann. Aber so in grober Näherung ist das schon ein Indiz.
Oberflächliche Gebete sind oft einfach kurz. Sie betreffen nur die notwendigsten, die allerbrennendsten Gebetsanliegen. Zwischendrin schaltet man schon mal seinen Verstand auf und schaltet auf Automatik, weil man die Worte schon so oft gesagt hat, dass sie auch kommen, wenn man nichts weiter denkt. Man denkt vielleicht auch an etwas anderes.
Oberflächliches Gebet, das ist ein Gebet, das nicht Kampf ist, sondern lästige Pflicht. Es ist nicht Vorrecht oder Auftrag, sondern eher so ein Deckmäntelchen, das ich über mein Leben werfe, um mein schlechtes Gewissen zuzudecken.
Ein schlechtes Gewissen, weil ich merke, da ist irgendwie ein Anspruch, dass man beten soll. Ich weiß nicht genau, wo der Anspruch herkommt, und damit das nicht zu sehr drückt, werfe ich da so ein bisschen mein Gebetsmäntelchen drüber. Aber gerade so viel, dass mein Gewissen nicht mehr beißt.
Ich will halt fromm sein, und irgendwie gehört zum fromm sein halt das Beten dazu. Und jetzt komme ich und stelle mich hier hin und sage: Das ist die Frömmigkeit eines Pharisäers. Das ist die Frömmigkeit, die vor Gott eigentlich nichts wert ist.
Das ist Gebet, um ein Trainingsziel zu erreichen. Um hinter der lästigen Aufgabe des täglichen Gebets meinen Haken machen zu können. Jetzt habe ich es geschafft, auf zum nächsten Punkt.
Gebet auf einer Stufe mit der Spülmaschine ausräumen. Muss auch gemacht werden. Kommst du in die Küche, siehst du, das Lämpchen ist wieder an. Ich habe da auch so ein Lämpchen, wo dann eine Null steht. Null heißt: Wenn es startet, steht da, was weiß ich, 135 Minuten. Da steht „1“ frei, und irgendwann ist es Null. Und der Erste, der in die Küche kommt, wenn es auf Null steht, der hat die Popuparte gezogen. Der müsste nämlich eigentlich ausräumen.
Lästige Pflicht.
Ist das unsere Einstellung zum Gebet?

Jesus, die Pharisäer und zwei verschiedene Frömmigkeitsstile

Wer oberflächlich betet, der braucht Jesus nicht, dem reicht Kirche. Und ich möchte erklären, was ich damit meine.
Jesus tritt seinen Dienst an, und er trifft auf ein Judentum, das geprägt ist von selbstgemachten Regeln. Eine Religion, die angetreten war mit einem genialen Doppelgebot: Du sollst Gott lieben, und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Man kann die zehn Gebote nach diesen zwei Überregeln einteilen, man kann das ganze Alte Testament danach strukturieren. Eine Religion, die mit diesem genialen Kern antritt, verwandelt sich in eine Religion der Selbstgerechtigkeit.
Jesus tritt, wenn er auftritt, in ein Mangelklima. Da gibt es eine theologische Elite, die sich zum Ziel gemacht hat, möglichst reich zu werden, möglichst viel Anerkennung zu bekommen. Und diese Elite verfolgt diese zwei schmutzigen Ziele dadurch, dass sie immer neue Gebote erfindet. Jesus wird einmal zu dem ganzen Volk sagen: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit entfernt von mir. Vergeblich aber verehren sie mich, weil sie als Gebote Menschengebote lehren. Das heißt: Vergeblich verehren sie mich, weil das, was sie an Geboten gesagt kriegen, was sie für Wahrheiten halten, wonach sie sich richten, alles Menschengebot ist. Das hat sich jemand ausgedacht. Das hat mit dem Eigentlichen nichts mehr zu tun.
Da, wo Lippenbekenntnisse und wo so ein selbstgerechter, selbstgemachter Lebensstil Raum greift, sieht das irgendwie fromm aus, klar, aber es ist nicht wirklich fromm. Das ist die Frömmigkeit eines Pokerspielers. Ein Pokerspieler kennt die Regeln, und er ist bereit, sich an die Regeln zu halten, weil er nur, wenn er sich an die Regeln hält, gewinnen kann. Es gibt eine Frömmigkeit, die auf dem gleichen Niveau läuft. Ich habe irgendwoher Regeln, und ich halte mich halt an die Regeln, denn wenn ich mich nicht an die Regeln halte, kann ich nicht gewinnen.
Diese Art von Frömmigkeit ist eigentlich nichts wert. Denn echte Frömmigkeit, das ist meine Antwort auf Jesus, das ist meine Antwort auf Gottes Freundschaft. Und das ist eine Frömmigkeit, die lässt sich nicht einfach mit ein paar Regeln beschreiben. Das ist eine Frömmigkeit, die aus einer gelebten Beziehung herauskommt. Das ist eine Frömmigkeit, die sich entwickeln will, wo in dem Maß, wie die Beziehung wächst, meine Frömmigkeit anders wird. Wo ich vielleicht mit ein paar Regeln anfange, weil das am Anfang gut ist, aber wo aus der Beziehung Dynamik entsteht.
Wie bei einer Ehe: Ich sage einem jungen Ehepaar, also lieber Jürgen, lieber Antje, achtet darauf, einmal die Woche einen Eheabend zu haben, das kann ich euch dringendst empfehlen. Einfach mal abschalten und noch fünf andere schöne Regeln. Ja, wenn die sagen, diese Regeln sind alles, was unsere Ehe ausmacht, Entschuldigung, das ist ein Ansatzpunkt, das ist ein Startpunkt, um zu erleben, wie gut das ist. Dann kann man wachsen, dann kann da Dynamik entstehen, dann kann da organisch etwas entstehen. Da kommt man aufeinander zu, und dann merkt man plötzlich: Ein Eheabend ist viel zu wenig, ich brauche zwei. Oder vielleicht auch mal: Ach so, das mit den Eheabenden, weißt du, lass uns mal lieber das so und so.
Da entsteht etwas. Man fängt mit einer Struktur an, aber man bleibt da nicht stehen. Und das ist das, wenn ich sage: Frömmigkeit, die nur von Regeln geprägt ist, die braucht Jesus nicht, der reicht Kirche. Jetzt nicht eine bestimmte Kirche, sondern Kirche als die Idee, dass eine Summe von Regeln und Systemen, nach denen ich mein Leben strukturiere, mich zum Christen macht. Ich bin ja so groß geworden. Ein Christ ist einer, der regelmäßig in die Kirche geht. Ein Christ ist einer, der konfirmiert wird. Ein Christ ist einer, der bestimmte Dinge tut.
Wisst ihr, welche Frage ich mir nie gestellt habe? Warum? Bitte schön, warum? Ich saß da auf meiner kalten Kirchenbank, die war noch hart, habe die Orgel gehört, habe Lieder gesungen, die ich nicht verstanden habe, und dachte mir: Das ist halt jetzt Gottesdienst. Aber warum? Was bringt das für meine Beziehung? Die Frage war irgendwie, ich weiß nicht, ob sich jemand da in dem Haus gestellt hat.
Und dasselbe, nur halt mit viel mehr Regeln. Also für einen Deutschen, wenn er seine Regeln aufzählen würde, würde er sagen: Ein guter Christ ist einer, der naja, der geht halt ein paarmal im Jahr in die Kirche. Der zahlt Kirchensteuer, ist sozial engagiert und bejaht so einen diffusen Gottglauben. Das würde wahrscheinlich schon reichen, um als guter Christ in Deutschland durchzugehen. So ähnlich, nur mit viel, viel mehr Regeln, waren die Pharisäer unterwegs.

Die Begegnung mit Jesus als Massstab für echte Frömmigkeit

Und jetzt treffen diese Pharisäer auf Jesus. Und ihr könnt euch vorstellen: Da treffen zwei Frömmigkeitsstile so frontal aufeinander. Ich möchte euch das in der Bibel zeigen: Lukas Kapitel 5. Wir hatten das am Dienstag auch im Hauskreis. Lukas 5,33, eine herrliche Stelle.
 Lukas 5,33: Sie aber sprachen zu ihm – das sind die Pharisäer und die Gesetzesgelehrten –: Warum fasten die Jünger des Johannes oft und verrichten Gebete, ebenso auch die Pharisäer, die Deinen aber essen und trinken?
Das ist ein Vorwurf: Lieber Jesus, deine Jünger sind viel zu lax. Die halten sich nicht an die religiösen Gepflogenheiten. Die nehmen ihren Glauben nicht wirklich ernst. Die machen nicht das, was richtige Jünger machen. Die sitzen hier mit den Zöllnern und den Sündern, die haben Party über Party, immer wieder Party.
Sagen wir: Macht ihr nichts anderes als Party? Glaube hat mit Verzicht zu tun und mit Regeln, und damit, dass man sich an etwas hält. Kannst du nicht so leben? Finde ich toll, ja. Da kommt dieser Frömmigkeitsstil: ein guter, ein frommer, der muss so und so sein. Und wenn er irgendwann mal ein bisschen anders ist, dann ist er nicht mehr fromm.
Und jetzt kommt Jesus. Hört euch das an, Vers 34: Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr könnt doch nicht die Hochzeitsgäste fasten lassen, während der Bräutigam bei ihnen ist. Es werden aber Tage kommen, und dann, wenn der Bräutigam von ihnen weggenommen sein wird, in jenen Tagen werden sie fasten.
Hier wird das Thema Frömmigkeit mal am Beispiel von Fasten gezeigt. Wir könnten das auf jeden anderen Ausdruck von Frömmigkeit übertragen: Gebet, Bibellese usw. Hier wird von Jesus Doppeltes gesagt. Erstens: Fasten ist gut und richtig. Und zweitens: Fasten um des Fastens willen ist einfach Unsinn. Fasten ist ein Ausdruck von Ernsthaftigkeit. Wir werden uns darüber nächste Woche unterhalten. Aber ein Fasten braucht Anliegen.
Wenn die Pharisäer hier auftreten und Jesus begegnen, wem begegnen sie eigentlich? Sie begegnen dem Gottkönig, der, wenn ich die anderen Geschichten davor einfach mal heranziehe, eben zeigt, dass er der Herr über die Schöpfung ist, dass er Aussätzliche reinigen kann, dass er Sünde vergeben kann, dass er Zöllner und Sünder zur Bekehrung führt. Und wenn das passiert, dann bricht in diesem Moment Reich Gottes. Da bricht Ewigkeit in die Zeit hinein. Das sind wunderbare Sachen, das ist einfach nur schön in diesem Moment.
Die Jünger schauen auf Tage und Wochen zurück, wo jeden Tag Leute geheilt werden, jeden Tag Leute zum Glauben kommen, jeden Tag Wunder passieren. Und jetzt sagt Jesus: Was ist denn vergleichbar damit? Doch eigentlich nur eine Hochzeit. Das, was im Moment passiert, ist so schön wie eine Hochzeit.
Könnt ihr euch vorstellen, dass man bei einer Hochzeit den Gästen am Eingang sagt: Also hier gibt es nichts zu essen, jetzt wollen wir mal alle schön traurig sein? Ja, ich wäre umgekehrt, wenn das hier bei eurem blauen Ding da so gewesen wäre. Blauer, wie ist das, blauer? Blauart, okay, ja. Wenn eine Hochzeit ist, wird gefeiert. Es ist einfach unpassend, wenn eine Hochzeit ist, nicht zu feiern.
Aber auch diese Seite betont Jesus: Der König wird verworfen werden, die Jünger des Messias werden verfolgte Christen werden, diese Freude, die sie hier haben, wird ein Ende finden. Und dann ist Jesus sich ganz klar: Wenn das so weit ist, dann werden sie fasten. Sie werden fasten, weil es dann passt.
Merkt ihr: Auf der einen Seite eine oberflächliche Frömmigkeit der Pharisäer, die sich mit Regeln, wo keiner so richtig checkt, warum es sie gibt, zufrieden gibt. Und solange ich meine Regeln halte, ist alles gut. Ich bete, weil wir ja vom Gebet und nicht vom Fasten kommen, weil ich muss, weil ich mich gezwungen fühle.
Und jetzt ein Jesus, der sagt: Echte Frömmigkeit ist Ausdruck meiner persönlichen, intimen, gelebten Beziehung mit dem auferstandenen Herrn. Das mag ein Tick komplizierter sein. Regeln sind viel einfacher, das ist ein Grund, was auch für den Islam so attraktiv ist. Du hast einen ganz kleinen Set an Regeln, die sind zwar am Anfang ein bisschen komplex zu lernen, aber es ist trotzdem überschaubar. Und jetzt kommt einer und sagt: Ich suche nicht Regeln, ich suche Beziehung. Ich meine das wirklich ernst. Ich will dich als Mensch. Und ich möchte, dass wir in eine Beziehung kommen, die einzigartig ist.

Ernsthaftigkeit im Gebet: Haltung, Ausdruck und Hingabe

Meine große Frage lautet: Was macht eigentlich Ernsthaftigkeit im Gebet aus?
Die erste Antwort darauf lautet: Meine Grundhaltung muss stimmen. Ernstes Gebet findet dort statt, wo ich nicht einfach nur eine Pflicht erfülle, sondern wo ich mit ganzem Herzen bei der Sache bin.
Selbst wenn du jetzt sagst: Jürgen, ich möchte so beten, ich möchte ein ernsthafter Beter werden, kommen wir gleich in ein zweites Problem hinein. Das zweite Problem lautet: Wie kann ich überhaupt Ernsthaftigkeit ausdrücken?
Wenn zwei Menschen es ernst miteinander meinen, dann ist das etwas, worin man investiert. Und ich denke, so ist es hier auch. Es gibt in Römer 12 eine Stelle, die ich zumindest sehr oft zitiere: Römer 12,1. Heute mal aus einem anderen Grund.
 Römer 12,1: Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer.
Gott will Opfer. Und er will unseren Körper. Nicht nur unseren Körper allein, sondern auch das, was in dem Körper drinsteckt: Emotionen, Intellekt, Talente, Seele. Das möchte Gott als Opfer haben.
Paulus sagt: Wenn wir nachdenken, und er hat gerade zwölf oder elf Kapitel lang nachgedacht über die Erbarmungen Gottes, über das, was Gott uns alles geschenkt hat, darüber, wer wir sind, dass Gott uns erlöst hat, dass Gott in uns wohnt, dass wir eine Hoffnung haben, dass wir einen Sinn im Leben haben, dass es eine Ewigkeit für uns gibt, dann ist es, wenn wir all das sehen und wie beschenkt wir sind, ein vernünftiger Gottesdienst. Dann ist es die logischste Sache der Welt, dass ich mir die Frage stelle: Wenn Gott mich so überreich beschenkt, was kann ich jetzt geben? Wie kann ich ihm irgendwie Danke sagen?
Und die Bibel sagt ganz einfach: Bring dich selbst als Person, als Dankopfer. Wenn du begreifst, wie viel Schuld Gott dir abgenommen hat, wie viel da in deinem Leben an Murks passiert ist und alles liegt jetzt auf Christus, für alles ist er gestorben, diesen ganzen Schuldschein hat er ans Kreuz genagelt. Wenn du das begriffen hast, wenn dir, wie Paulus sagt, Christus als gekreuzigt vor Augen gemalt worden ist, wenn das eine innere Realität ist, dann bring dein Leben Gott als Dankopfer.

Opfer, moderne Distanz und die Würde des eigenen Lebens

Und ich denke, es geht euch ein bisschen so wie mir bei solchen Texten. Man liest diese Texte von Opfern, oder Paulus schreibt dann auch: „Ich zerschlage meinen Leib“ oder solche kämpferischen Stellen. Man liest das und hat irgendwie den Eindruck, das ist so ein bisschen von gestern, so ein bisschen archaisch.
Also, wenn ich „Opfer“ höre, wisst ihr, was ich vor Augen habe? Ich habe dann irgendwie, sorry, das soll jetzt kein bisschen abwertend sein, einfach nur, ich will euch einfach sagen, was ich vor Augen habe: Wenn ich so richtig an Opfer denke, dann sehe ich vor meinem geistigen Auge so eine Gruppe bunt bemalter Wilder, die mit dem Speer in der Hand unter dumpfen Trommelklängen um so ein totes Tier herumtanzen, in den Eingeweiden herumfingern und sich irgendwie mit langen Dornen die Lippen durchstoßen. Auf so einem Niveau läuft für mich Opfer.
Das ist etwas, wo ich sage: Entschuldigung, ich bin aufgeklärt, Opfer passen nicht mehr in unsere Zeit. Und in dem Moment, wo ich das denke, sage ich: Ja klar, Tieropfer und so, das ist schon ein bisschen strange. Aber kann es sein, dass wir, weil uns Opfer so fremd vorkommt, so urtümlich, so unmodern, womöglich gar keine Opfer mehr bringen?
Es gibt in meinem Leben eine Einsicht, die ich mit euch teilen möchte. Sie hat ein bisschen gebraucht, aber als ich sie begriffen hatte, hat es noch einmal richtig Klick gemacht. Diese Einsicht besteht darin zu verstehen, dass die Menschen, die Menschen, die Menschen, die Menschen, die Menschen, die Menschen, die Menschen, die Menschen, dass ich nicht unendlich viele Möglichkeiten habe, mit meinem Leben Gott Ernsthaftigkeit zum Ausdruck zu bringen. Und ich muss das erklären.

Das eigene Leben als Ort der Gotteserkenntnis

Wie erkennen wir Gott? Wir erkennen Gott mit genau einem Instrument. Gott hat uns ein Instrument, ein Mittel in die Hand gegeben, um ihn zu erkennen. Und in unseren Kreisen würde jeder sagen: Das ist die Bibel.
Und ich sage jetzt: Das ist falsch. Also, ich bin nur ein Stückchen groß geworden mit der Idee: Studier viel die Bibel. Und damit mich ja keiner falsch versteht: Ich bin total dafür, dass ihr viel die Bibel studiert. Aber jetzt möchte ich doch noch eine andere Sache betonen.
Also, ich bin groß geworden mit: Studier viel die Bibel, lies gute Literatur, und du wirst Gott erkennen. Und ich musste feststellen, dass das nicht stimmt. Bibellesen ist gut und richtig. Aber es ist nicht das Mittel, um Gott zu erkennen.
Das Mittel, um Gott zu erkennen, und vielleicht machen wir darüber mal eine eigene Predigt, das Mittel, um Gott zu erkennen, du hast ein einziges, und das ist dein Leben. Die Würde deines Lebens besteht darin, dass es das Instrument ist, um Gott zu erkennen.
Heißt es in den Sprüchen: Vertraue auf den Herrn mit deinem ganzen Herzen und stütze dich nicht auf deinen Verstand. Auf all euren Wegen erkennt nur ihn, dann ebnet er selbst eure Pfade. Das war der Startpunkt, um das zu verstehen.
Ich kann Gott auf allen Wegen erkennen. In den Höhen und Tiefen meiner Existenz verbirgt sich Gottes Erkenntnis. Die Frage ist nur, wie ich auf die Höhen und Tiefen reagiere. Und jedes Mal, wenn ich mich dazu entschließe, in der Art zu reagieren, wie es Gott möchte, werde ich ihn erkennen.
So funktioniert Gotteserkenntnis. Ich erkenne Gott mit meinem Leben. Gehorsam ist der Kanal, durch den Gotteserkenntnis in mein Leben hineinfließt. Das gibt deinem Leben wirklich Würde. Das ist der Grund, warum Gott uns nicht hier wegnimmt. Und irgendwo spielt da natürlich auch Bibellesen eine Rolle, bitte ja, aber dass wir das nicht falsch verstehen.
Im zweiten Petrusbrief wird das sehr ausführlich behandelt. Da spricht Petrus davon, dass wir im Glauben starten. Dann sollen wir im Glauben noch die Dinge, die unser Leben ausmachen, dazutun. Er sagt: Wenn du Glauben hast, dann investiere deine Talente, dann investiere deinen Intellekt, dann investiere deine Disziplin, dein Ausharren, deine Gottesfurcht, deine Bruderliebe, deine Liebe, irgendwie dein ganzes Leben.
Und dann sagt er: Denn wenn diese Dinge, wenn mein Leben, denn wenn diese Dinge bei euch vorhanden sind und wachsen, lassen sie euch im Hinblick auf die Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus nicht träge noch fruchtleer sein.
Unser Leben ist das Mittel, um Gott zu erkennen. Egal, ob du eine freudige oder weniger schöne Begegnung hast am Tag, egal, was gelingt oder nicht, der einzelne Moment zählt. Und wenn du dich in diesem Moment so verhältst, wie es Gott will, dann wirst du ihn erkennen und Erfahrung mit ihm machen. Und wenn du das zwanzig Jahre machst, dann hast du Gott erkannt.
Das ist das Geheimnis hinter den Leuten, die irgendwann als Christen Verfolgung, echte Verfolgung, erlebt haben. Die sagen können: Gott hat zwei Arten von Bibelschulen, die, wo er uns mit der Bibel in der Hand belehrt, und dort, wo es die Elektroschocks sind. Wo ich sage: Wahnsinn, wie soll das funktionieren?
Und Leute stehen mir gegenüber und sagen: Ich war fünf Jahre in einem chilenischen Gefängnis und ich bin gestärkt und ermutigt rausgekommen. Da sagst du: Das geht doch gar nicht. Doch, wenn du einmal begriffen hast, dass dein Leben das Mittel ist, um Gott zu erkennen, dann wirst du ganz anders mit deinem Leben umgehen.
Dann ist jeder Höhepunkt und jeder Tiefpunkt eine Chance, ihn zu verstehen, ihn zu verinnerlichen, ihn zu reflektieren und ihm ähnlicher zu werden.

Konkrete Wege ernsthaften Betens

So, das war der große Hintergrund. Jetzt zoomen wir wieder hinein in unser Thema.
Unser Leben ist das Mittel, um Gott zu erkennen, und unser Leben ist das einzige Mittel, das wir haben, um unserem Gebet Ernsthaftigkeit und Ausdruck zu verleihen. Ich habe meinem Freund mal gesagt: Du, möchtest du danken? Ja? Soll ich dir was sagen? Ich gebe dir jetzt einen Tipp, junger Christ, ich gebe dir jetzt einen Tipp: Wenn du danken möchtest, dann ist ein dankbares Herz nicht genug, du musst den Mund aufmachen.
Klingt banal, oder? Du kannst so viel Dankbarkeit im Herzen haben, solange du nicht Danke sagst, ist das vor Gott völlig egal. Es ist auch in anderen Bereichen so. Du kannst ein liebevolles Herz für deine Frau haben und sagen: Ja, prinzipiell liebe ich meine Frau über alles, aber ich zeige ihr das nie und ich sage es ihr auch nicht. Und ansonsten muss sie das schon mitkriegen. Merkt ihr? Das funktioniert nicht.
Es reicht nicht, im Herzen irgendwie so zu sein. Ernsthaftigkeit ist nicht nur Sache des Herzens. Es ist eine ganz moderne Lüge, dass es reicht, die richtige Einstellung zu haben. Falsch, ganz falsch! Klar, die Einstellung ist wichtig. Wenn die Einstellung nicht stimmt, wenn die Motivation falsch ist, ist das blöd. In der Mathematik gibt es notwendig und hinreichend, vielleicht habt ihr euch auch immer durchgequält. Es gibt notwendige Bedingungen und hinreichende Bedingungen. Dass deine Einstellung stimmt, ist eine notwendige Bedingung. Hinreichend dafür, dass es am Ende auch wirklich dazu kommt, dass du ernsthaft betest, ist es aber nicht.
Hinreichend wird es erst dann, wenn du den Mund aufmachst, wenn du wirklich ernsthaft betest. Bei den Pharisäern war es so: Die haben viel getan, und die Grundeinstellung stimmte nicht. Heute ist es oft umgekehrt. Da stimmt die Grundeinstellung, und die Leute tun wenig. Deswegen sagt Jesus ja auch, die Leute sollen tun, was die Pharisäer tun. Das war schon gar nicht schlecht, aber natürlich mit einer anderen Grundeinstellung.
Ernsthaftigkeit ist nicht ausschließlich eine Sache des Herzens. Ernsthaftigkeit, die nicht gelebt wird, existiert nicht.
Was kann ich praktisch tun, um ernsthaft zu beten? Wenn es stimmt, dass die Grenzen der Ernsthaftigkeit durch meinen Körper, durch mein Menschsein, begrenzt sind. Und das ist so. Wenn es stimmt, dass eine grundsätzliche Ernsthaftigkeit im Herzen nur notwendig, aber nicht hinreichend ist, dann bleiben mir, wenn ich die Bibel studiere, genau drei Möglichkeiten, um ernsthaft zu beten. Und ich glaube, es gibt auch vielleicht noch eine vierte. Das wäre ganz schön. Aber ich glaube, ich finde drei Möglichkeiten, um ernsthaft zu beten, um das Gebet, das ich bete, ernsthaft zu machen.
Erstens: die Häufigkeit. Darüber brauchen wir fast nicht zu reden. Wenn ich eine Sache nur einmal bete und danach wieder vergesse, Entschuldigung, das ist das Gegenstück von ernsthaft. Das ist so, wie Vokabeln lernen, ohne sie zu wiederholen. Das ist, na ja. Aber die Bibel sagt in Lukas 18,1 folgende, extra noch einmal ein Gleichnis, damit ihr allezeit betet. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.
Deswegen beten wir auch regelmäßig, beten regelmäßig gemeinsam und alleine, damit Punkte immer wiederkommen. Deswegen werden wir euch am Ende der Reihe auch etwas über Gebetslisten und eine vernünftige Gebetsorganisation erzählen, damit man immer wieder bestimmte Sachen auch bringen kann.
Der zweite Punkt: Ernsthaftigkeit. Ich kann Ernsthaftigkeit durch Verzicht zum Ausdruck bringen, Verzicht auf Schlaf, das sind Gebetsnächte, Verzicht auf Essen, das hat dann mit Fasten zu tun. Dadurch bin ich begrenzt. Ich kann auf etwas verzichten. Ich kann sagen: Vater im Himmel, ich möchte gern ernsthaft sein. Bei diesem Anliegen geht es mir wirklich darum, dass ich mit meinem Körper zum Ausdruck bringe, dass das mir jetzt wichtig ist. Und deswegen verzichte ich auf etwas, was mir sonst wichtig wäre, wo ich sonst Spaß daran habe.
Das ist komisch, das klingt gar nicht so attraktiv, näher. Das ist irgendwie die komische Seite des Christentums, das klingt irgendwie so, ich weiß nicht wie. Aber das ist das, was die Bibel uns gibt. Du möchtest ernsthaft beten, du hast ein Anliegen, wo du sagst, da möchte ich, dass es wirklich eintritt. Dann ist das eine Möglichkeit, dass du verzichtest, dass du vor Gott trittst und sagst: Ich werde jetzt an der Stelle fasten, ich werde an der Stelle mal weniger schlafen, ich werde mich so einbringen. Es ist ein Ausdruck von Ernsthaftigkeit.
Und der dritte Punkt, das sind die Gelübde. Ich kann Gott ein Gelübde anbieten. Ich kann sagen: Vater im Himmel, wenn das passiert, wenn du mir das schenkst, dann möchte ich das tun. Dazu werde ich nachher noch mehr sagen.

Gelübde in der Bibel und ihre Regeln

Vorher, bevor wir uns mit diesen Gelübden noch ein bisschen beschäftigen, versuchen wir, euch eine Vision vor Augen zu malen. Für mich stammt diese Vision aus Hesekiel 22.
In Hesekiel 22, Vers 29, beschreibt Gott das Volk, in dem der Prophet lebt. Er sagt: Das Volk des Landes verübt Erpressung und begeht Raub. Den Elenden und Armen unterdrücken sie, und am Fremden handeln sie gegen jedes Recht. Das ist ziemlich modern. Man könnte jetzt sagen: Schlagen wir den Tagesspiegel auf, und wir finden genau das. Erpressung, Raub, Schmiergeldzahlungen, Wahnsinn, oder? So viel Geld, na gut.
Und jetzt sagt Gott: Ich muss dieses Volk richten. Aber ich möchte es eigentlich nicht. Vers 30 wünsche ich uns als Vision, als persönliche Vision. Da sagt er: Und ich suchte einen Mann unter ihnen, der die Mauer zumauern und vor mir für das Land in den Riss treten könnte, damit ich es nicht verheeren müsste, aber ich fand keinen.
Gott muss strafen, aber er möchte nicht strafen. Und er sucht einen Mann oder eine Frau, die bereit ist, sich in die Mauer zwischen Gott und seiner Gemeinde zu stellen und zu sagen: Ich werde beten, ich werde das Gericht abhalten. Gott sucht den einen, und dann muss er sagen: Aber ich fand keinen.
Und das ist das, was ich mir wünsche: dass wir Männer und Frauen werden, die bereit sind. Denn da draußen geht eine Welt verloren, und weil Gott richten wird, sollen wir bereit sein, uns in den Riss zu stellen und zu sagen: Ich bin bereit, den Preis zu zahlen, den Erweckung kostet. Ich bin einfach bereit, ihn zu bezahlen. Und wenn das meine Karriere ist, dann ist es meine Karriere. Und wenn es mein Haus ist, dann ist es mein Haus. Und wenn es Zeit ist, dann ist es Zeit. Und wenn es irgendetwas ist: „Vater im Himmel, wenn du mir klar machst, dass es eine Möglichkeit gibt, deinem Reich mehr zu dienen mit dem, was ich bin und habe, will ich das tun.“
Das ist das, wonach Gott sich sehnt. Er sehnt sich nach Helden, die bereit sind, eine Aufgabe zu übernehmen. Nach Männern und Frauen, die Geschichte schreiben. Nicht die Geschichte, die in der Zeitung steht, sondern die, die im Himmel geschrieben wird. Nach Leuten, die es ernst meinen.
Und deswegen dieses Thema: ernsthaftes Gebet. Ich möchte, dass ihr betet. Aber ich möchte auch, dass wir darüber nachdenken, was es heißt, ernsthaft zu beten. Dass wir begreifen: Es geht nicht nur um eine Herzenseinstellung und darum, mal ein bisschen mehr zu beten. Entschuldigt, ich weiß, ich setze euch unter Druck, und das ist jetzt blöd. Aber das Thema ist einfach so. Versucht es einfach mal ein bisschen drucklos auch anzunehmen.
Es ist eine Sache, mal ein bisschen mehr zu beten. Aber es ist eine andere Sache, zu überlegen: Ist das, wie ich bete, eigentlich ein ernsthaftes Gebet? Stehe ich da eigentlich dahinter? Und wie kann ich Ernsthaftigkeit ausdrücken?
Die Bibel sagt: Eigentlich nur dadurch, dass du Dinge immer wieder bringst. Dadurch, dass du sagst: Ich werde in meinem Leben auf Dinge verzichten, damit Gott sieht, ich meine das ernst. Und ich werde mich sogar an Gelübde heranwagen. Gelübde. Was hat ernsthaftes Gebet mit Gelübde zu tun? Gelübde sind ein Ausdruck von ernstem Gebet, ein Mittel, um die Ernsthaftigkeit zu unterstreichen.
Ich dachte mir, Gelübde sind etwa so wie Quastenflosser. Wisst ihr, was Quastenflosser sind? Quastenflosser sind Fische, klingt ja auch schon so. Bei Quastenflossern war es so: Man hat bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gedacht, sie seien ausgestorben, es gebe sie nur als Fossilien. Und dann hat man einen gefangen, und alle sagen: Oh, ist ja toll!
So ähnlich ist es bei Gelübden. Ich glaube, dass Gelübde in der evangelikalen Szene ausgestorben sind. Und wenn man mal eine Predigt darüber hält oder wenn man jemanden mal damit erlebt, sagt man: Oh! Ich habe noch nie in meinem Leben eine Predigt über Gelübde gehört. In meinem Bibellexikon steht drin, dass ein Christ keine Gelübde mehr ablegen soll.
Zum Glück hat Paulus das nicht gewusst. Denn in Apostelgeschichte 18,18 kann man so ein bisschen darüber lesen. Da heißt es: Nachdem aber Paulus noch viele Tage dageblieben war, nahm er Abschied von den Brüdern und segelte nach Syrien ab, und mit ihm Priscilla und Aquila, nachdem er sich in Kenchreä das Haupt hatte scheren lassen; denn er hatte ein Gelübde.
Ihr könnt jetzt spekulieren, ob das das Nasiräer-Gelübde ist, auch völlig egal. Es geht mir darum: Er hatte ein Gelübde. Ein Paulus, der eben mal verantwortlich dafür ist, dass Europa mit dem Evangelium erreicht wird, hat kein Problem mit Gelübden.

Das Gelübde als ernsthafte Zusage

Und wieder klingt das so ein bisschen wie vorgestern, oder? So ein bisschen wie unsere Opfergelübde!
Gelübde finden sich in der Bibel ab 1. Mose. Das erste Gelübde wird von Jakob gesprochen. Eine lustige Geschichte: Jakob flieht vor seinem Bruder, ein bisschen heikel. Er übernachtet dann an einem Ort, der später Bethel heißen wird, und dann sagt er: Wenn du mich hier sicher weg- und wieder zurückbringst, dann sollst du mein Gott sein.
Klassisches Gelübde, wenn dann. Das ist ein bisschen wie mein Teenie-Gelübde in Essen, anno dreiundachtzig: Wenn du mir diese Frau schenkst, dann kannst du mit meinem Leben machen, was du willst. Und ich glaube, Jakob war etwa so ernsthaft wie ich damals und hat etwa so viel gewusst, was er da tut. Denn ein paar Kapitel später, in 1. Mose 31, erinnert Gott ihn dann daran und sagt: Sag mal, willst du nicht langsam mal wieder nach Hause gehen? Du hattest doch da so eine Geschichte. Ich bin der Gott, dem du damals das gesagt hast. Und jetzt ab, jetzt endlich nach Hause, los.
Das ist ganz lustig.
Was ist ein Gelübde? Ein Gelübde ist ein Versprechen, ein Gelübde ist ein Deal. Darf man mit Gott das machen? Ja, ich würde es nicht predigen, wenn es nicht in der Bibel drinsteht. Aber es steht in der Bibel. Und ihr merkt: Bei so einem Versprechen sage ich: Vater im Himmel, wenn du mir das schenkst, dann bin ich bereit, das zu investieren.
Und das ist das, wo der Bruder heute Morgen meinte, das darf man gar nicht zu Ende denken. Weil wir alle doch Sachen haben, die uns super wichtig sind. Wie weit würdest du gehen, wenn du dir die Bekehrung eines bestimmten Menschen wünschst? Wie weit? Was würdest du investieren? Hast du jemals daran gedacht, es Gott anzubieten, zu sagen: Vater, wenn das passiert, wenn der zum Glauben kommt, investiere ich das?
Du merkst, es ist super praktisch. Es ist böse praktisch, es ist irre. Und das ist dem heute Morgen halt auch klar geworden. Da gibt es irgendwie keine Grenzen. Und die Frage ist: Warum machen wir das nicht?
Hm? Mich fordern ja solche Predigten selbst heraus. Wenn du fragst: Jürgen, wie viele Gelübde hast du schon gegeben?, sage ich: Das ist Teenie-Gelübde, und danach wird es auch schon ziemlich dunkel.
Aber ich merke: Die Bibel sagt, es gibt da eine Option, die wir nicht ausreizen. Es gibt eine Option, Gott wirklich auf die Pelle zu rücken und zu sagen: Hey, ich unterstreiche die Ernsthaftigkeit meines Gebetes.
Und ich möchte euch noch zwei Regeln mitgeben, damit ihr, wenn ihr sagt: Ich mache das jetzt mit den Gelübden auch, wisst, welche Regeln da gelten.

Maßstäbe für das, was Gott gelobt wird

Also, Gelübde sind ganz einfach zwei Regeln. Die erste Regel findet sich in 3. Mose 22. Dort heißt es in Vers 17:
Und der Herr redete zu Mose: Rede zu Aaron und zu seinen Söhnen und zu allen Söhnen Israel und sage zu ihnen: Jeder Mann vom Haus Israel und von den Fremden in Israel, der seine Opfergabe darbringt nach all ihren Gelübden und nach all ihren freiwilligen Gaben, die sie dem Herrn als Brandopfer darbringen, zum Wohlgefallen für euch soll es sein. Ohne Fehler, männlich, von den Rindern, von den Schafen oder von den Ziegen. Alles, woran ein Makel ist, dürft ihr nicht darbringen, denn es wird nicht zum Wohlgefallen für euch sein.
Wenn du Gott ein Gelübde gelobst, wenn du sagst: Ich möchte dir etwas geben, wenn du mir das dafür gibst, dann ist klar, dass du nicht um etwas bitten sollst, was Sünde ist. Aber viel wichtiger für dich ist, dass das, was du Gott anbietest, wertvoll sein muss.
Es ging also nicht darum, dass man durch seine Herde geht und sagt: Da hinten habe ich so einen Kleinen, der ist eh so halb lungenkrank, hat nur drei Beine, keinen Schwanz und ein Auge. Den werde ich einsetzen, den kriege ich eh nicht mehr verkauft.
Also reicht es nicht zu sagen: Herr, wenn du uns das schenkst, dass jede Woche jemand zum Glauben findet, dann werde ich die kaputten Lautsprecher, die bei mir im Keller stehen und die eh keiner haben will, dir für dein Reich geben. Oder noch besser: Dann nehme ich die geklauten Programme und verscherbe sie bei Ebay. Das funktioniert nicht.
Also da, wo Sünde dranhängt, heißt es an anderer Stelle dann auch Hurenlohn oder etwas, das einfach wertlos ist. Eine Schwester meinte mal: Der Schrott ist immer für Gott. Man sollte damit zum Ausdruck bringen, dass wir leicht dabei sind, Gott etwas zu geben, wenn es uns nichts mehr bedeutet. Darüber reden wir nicht.
Wir reden über etwas, das wertvoll ist, wo du sagst: Wenn ich das investiere, ist das ein echter Verlust. Das ist so viel Verlust, dass es im Alten Testament Regeln gibt, wie man das, was man gelobt hat, wieder zurückkaufen kann, weil du irgendwie dann doch merkst: Hm, doch ein bisschen viel.
Du musst dann etwas dafür zahlen. Du kommst nicht mehr um das Gelübde herum. Aber weißt du, wenn du jetzt sagst: Ich investiere meine schönsten Musik-CDs, und dann denkst du dir: Ah, dann darfst du mit mir reden, und wir machen einen Deal, wie wir das finanziell abgleichen können. Aber du wirst zahlen, und es muss wertvoll sein.

Vorsicht, Nachdenken und Verbindlichkeit

Das ist die erste Regel. Die zweite Regel: Sprüche 20,25. Ein Gelübde muss nicht nur wertvoll sein, sondern auch durchdacht. Sprüche 20,25: Eine Falle für den Menschen ist es, vorschnell zu sagen: „geheiligt“ und erst nach den Gelübden zu überlegen.
Denk nach. Versprich Gott nichts aus einer Gefühlswallung heraus. Ach, jetzt werde ich dir alles geben, mein Auto und meine Dudelsäcke und was weiß ich was. Dann fällt mir so ein: Er kriegt alles. Vorsicht, Vorsicht. Nicht einfach gemacht, gemacht. Erst nachdenken: Was kann ich wirklich halten? Was geht? Und dann Gelübde aussprechen.
Denn 5. Mose 23,22-24: Das, was du versprochen hast, musst du halten. Da ist Gott so, wie er ist.
Also heute ein großes Thema: Was macht ernsthaftes Gebet aus?
Und die Lektion ist erstens: Ernsthaftes Gebet hat mit deiner Motivation zu tun, mit der Grundlage. Die Grundlage muss eine echte Beziehung sein. Und aus dieser Beziehung heraus habe ich ein Leben, ein Leben, das gekoppelt ist an diesen Körper. Und nur mit diesem Körper kann ich Ernsthaftigkeit überhaupt zum Ausdruck bringen.
Ernsthaftigkeit, die nur in meinem Herzen als prinzipielle Absichtserklärung existiert, ist keine Ernsthaftigkeit. Ernsthaftes Gebet wird dort ernsthaft, wo es regelmäßig wird, wo ich es durch Verzicht unterstreiche oder wo ich bereit bin, in einem Gelübde Gott ein Angebot zu machen, zu sagen: Das ist mir so wichtig, dass ich bereit bin, mein Leben zu investieren.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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