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Er wird trinken vom Bach an dem Wege

31.05.1959Psalm 110,7

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen!

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde geschaffen hat. Wohl dem Menschen, der darauf achtet, den Freitag zu halten und ihn nicht zu entweihen.

Eröffnung und Gebet zur Gnade und Vergebung

Heut erbarmer Heil und Segen, es ist dein Tag der Herrlichkeit! Gib, dass wir alle erfahren mögen, wie hoch Herr deine Gnade erfreut.

O Herr, wir sind deiner Gnade sehr bedürftig. Du weißt, wie viel Sünde, Schuld, Versagen und ungeistliches Wesen in der vergangenen Woche liegt.

O Herr, wir wollen unser Herz offen vor dir hinlegen. Schenk uns in Jesus deine Gnade und Vergebung der Sünden.

O Herr, wir brauchen deine Gnade im Kampf des Alltags. Du weißt, wie viele große und kleine Nöte und Probleme uns quälen.

Herr, wir legen sie dir hin. Nimm sie an dein Herz und lass unsere Seelen nun still werden über deinem Borde, Amen!

Wir beten weiter in der Stille: Herr, komm in mir wohnen. Lass mein Geist auf Erden dir ein Heiligtum noch werden, Amen!

Einführung in den Psalm und Lesung

Wir hören ein Wort aus der Heiligen Schrift, aus dem elften Psalm. Ich möchte gern, dass Sie diesen Psalm recht aufnehmen. Darum wollen wir uns hinsetzen. Ich möchte nachher über den letzten Satz dieses Psalms predigen. Wir müssen die verständlichste Predigt über den Psalm hören. Darum bitte ich Sie: Nehmen Sie ihn auf.

Doch der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege. Der Esser wird abgelenkt durch die Kleinen zu bewegen.

Doch der Herr wird das Zepter deines Reiches senden aus Zion. Herrsche unter deinen Feinden! Nach deinem Sieg wird dir dein Volk willig Opfer bringen in heiligem Schmuck. Seine Kinder werden dir geboren wie Tau aus der Morgenröte.

Der Herr hat geschworen, und es wird ihm nicht leid tun: Du bist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchisedeks.

Doch der Herr zu deiner Rechten wird zerschmettern die Könige an dem Tag seines Zorns. Er wird richten unter den Völkern, er wird ein großes Schlagen tun unter ihnen. Er wird zerschmettern das Haupt über große Lande.

Er wird winken vom Bach auf dem Wege, darum wird er das Haupt emporheben.

Herr, dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost. Amen.

Gnade sei mit uns und mit dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Psalmwort und Anliegen der Predigt

Wir lesen dasselbe Wort aus dem Psalm, den wir eben gehört haben.

In dieser Trinitatiszeit wollten wir einige schwere, soll ich sagen, einige unverständliche Psalmstellen besprechen. Dabei hören wir Psalm 110, Vers 7: „Er wird trinken vom Bach auf dem Wege, darum wird er das Haupt emporheben.“

Noch einmal: „Er wird trinken vom Bach am Wege, darum wird er das Haupt emporheben.“

Herr, heilige uns in deiner Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit. Amen.

Gedanken zum Gottesdienst und zur Bedeutung des Bibelwortes

Kürzlich war ich in einem Kreis, und das Gespräch kam auf diesen Gottesdienst. Man meinte, dass das alles so nicht in Ordnung sei: Es gebe keine Glocken und keine Orgel, und vorher schauten die Leute sich nur nach rechts und links an und sagten „Guten Tag“ und so weiter.

Da fragte mich jemand: Nach welchen Gesichtspunkten gestalten Sie eigentlich Ihren Gottesdienst? Ich antwortete ihm, dass Gottes Wort in der Bibel die notwendige Speise für einen Menschen ist, der Gott gehören will.

Wer unter Ihnen die Bibel nicht liest, der soll gar nicht behaupten, ein Christ zu sein, der fern von Gott lebt. Gottes Wort ist die notwendige Speise für einen Menschen, der Gott gehören will. Darum wollen wir hier nichts anderes als Gottes Wort auslegen und darreichen.

Dabei werden nicht nur leichte Milchfläschchen verabreicht, also Speise für unmündigen Glauben. Das machen wir in Evangelisationsversammlungen. Sondern es werden auch schwere Brocken verabreicht. Unser heutiger Text ist so ein schwerer Brocken.

Begegnung mit einem Kenner der hebräischen Sprache und seine Einschätzung

Kurz vor dem Ausbruch des letzten Krieges war ich zu Vorträgen in Lettland. Dort lernte ich in Riga einen der größten Kenner der hebräischen Sprache und aller dazugehörigen Dialekte kennen: Fudep Abramowski. Er war auch ein großer Kenner des Alten Testaments. Es war eine Freude, mit diesem Mann zusammen zu sein.

Das Letzte, was ich von ihm gehört habe, war, dass gleich nach dem Krieg ein Zug mit Deportierten nach Osten rollte. Jemand sah, wie seine Leiche aus diesem Zug geworfen wurde, während er brach. Gott geht oft sehr großzügig mit seinen Knechten um, aber in meinem Studierzimmer hat er ein Denkmal. Im Bücherschrank steht seine herrliche Psalmenauslegung mit seiner Widmung. Ich empfinde es als unersetzlich für diesen bedeutenden Mann.

Nun denken Sie einmal: Dieser Rudolf Abramowski sagt zu unserer Stelle hier nur einen einzigen Satz. Es ist so ein unverständlicher Satz, dass er darauf verzichtet, ihn auszulegen. Das bestimmt einen schweren Brocken. Beinahe hätte ich gedacht: Wenn Abramowski so sagt, dann riskiere ich es erst recht nicht.

Aber wenn wir uns vorgenommen haben, hier im Sommer lang schwierige Psalmstellen zu betrachten, habe ich doch gewagt, trotz allem mit Ihnen auf dieses Wort zu hören. Und wir wollen versuchen, etwas zu hören. Es ist Gottes Wort. Nun, lebender Gott, rede zu uns!

Ich lese den Satz noch einmal: "Er wird trinken vom Bach an dem Wege, darum wird er das Haupt emporheben." Er wird trinken vom Bach an dem Wege. Was bedeutet das? Ich habe drei Teile in diesem Bild einer komischen Predigt, das gebe ich zu.

Erster Teil: Luthers Auslegung des Bildes vom Trinken am Bach

Erster Teil: Was sagt Luther zu diesem Wort?

Wissen Sie, man kann erst ganz richtig folgen, wenn man im Moment darüber nachdenkt, wie man dieses Bibelwort versteht. Es tut mir leid, wenn wir jetzt am Nachmittag darüber reden müssen.

„Er wird trinken vom Bach am Wege“, wirst du sagen. Nun wollen wir hören, was Luther dazu sagt.

Sehen Sie, der Reformator – können Sie mich hinten verstehen? Läutet das Ding hier? Schlecht, du bist schwach eingestellt, das glaube ich. Geht es jetzt besser? Du musst mir die Stärke einstellen. Geht es jetzt gut? Danke.

Bitte melden Sie sich während der Predigt und nicht nachher. Ich finde es immer sehr ermüdend, wenn hinterher jemand kommt und sagt: „Es war schön, aber ich habe nichts verstanden.“

Was sagt Luther? Sehen Sie, der Reformator Luther war ein gewaltiger Ausleger. Um ihn herum waren kluge und gelehrte Männer, wie Melanchthon, der große Kenner der hebräischen Sprache. Sie haben ihm geholfen, die Bibel auszulegen. Darum tun wir bei solchen schweren Stellen immer gut daran, zuerst einmal auf diese Reformatoren zu hören.

Was Luther sagt, will ich Ihnen jetzt mit meinen Worten wiedergeben.

Sehen Sie, der ganze Psalm spricht vom herrlichen Sieg des Sohnes Gottes. Ich bin so froh, dass ich Jesus gehöre, denn damit gehöre ich von dem Moment an auf die Seite des Siegers.

Der Psalm beginnt damit, dass der Vater zu dem Sohn sagt: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege.“ Das geschah an Himmelfahrt. Wir haben einen erhöhten Herrn, der leitet, regiert, beglückt und segnet.

Dann ist hier die Rede von den Siegen Jesu in aller Welt. Es steht hier: „Deine Kinder werden dir geboren wie der Tau aus der Morgenröte.“ Es ist eine große Sache, dass der Name Jesu auf allen Kontinenten dieser Erde ausgerufen wird.

Die Sache Jesu ist weiß Gott keine Winkelsache. Und wenn der deutsche Spießbürger sie dafür ansieht, dann spricht das gegen den deutschen Spießbürger und nicht gegen Jesus.

Dann ist im Psalm die Rede vom letzten großen Sieg Jesu, wenn er wiederkommen wird in Herrlichkeit. Darauf wartet die Gemeinde Jesu Christi.

Und wenn die Welt tausendmal sagt, das sei ja eine närrische Sache, man warte seit zweitausend Jahren, dann antworten wir: Was sind vor Gott schon zweitausend Jahre? Wir wissen gewiss, dass die Herren dieser Erde gehen und vergehen wie Spreu, die der Wind zerstreut.

Aber unser Herr kommt, der selbst nicht von dieser Welt stammt.

Und zwar sagt das Doktor Heinemann.

Davon redet unser Psalm: von den fortschreitenden Siegen Jesu.

Nun sagt Luther, im letzten Vers wird noch einmal die Begründung gegeben, warum Jesus alle Gewalt gegeben ist. Nämlich, weil er für die Welt gestorben und gelitten hat.

„Er wird sein Haupt emporheben, weil er vom Bach am Wege trinkt.“

Luther sagt also, das Trinken vom Bach am Wege ist eine geheime Bezeichnung für Jesu Leiden.

Da darf man zunächst einmal sagen, dass die Bibel nicht ist wie eine Illustrierte. Man kann nicht einfach sein Gehirn ausschalten und sie dann so verstehen, wie man eine Illustrierte oder eine Zeitung liest.

Die Bibel gehört schon ein bisschen mehr dazu. Darum spricht sie oft in geheimnisvoller Sprache.

Nun sagt Luther: „Er trinke vom Bach am Wege“ – das ist eine Bezeichnung, eine Geheimsprache für Jesu Leiden. Das will ich Ihnen eben erklären.

„Er wird trinken vom Bach am Wege“ – zunächst ist damit ein Wanderer gemeint, der müde und durstig über eine Landstraße geht.

Stellen Sie sich keine asphaltierte Autostraße vor, sondern eine Straße ohne Autos und ohne Asphalt. So eine Straße, wie sie im Morgenland wahrscheinlich noch existiert. Die gab es damals auch.

Und nun trinkt er, weil er sonst nichts hat, von einem Bach, der neben dem Wege herausfließt.

Da ist zunächst Jesu Niedrigkeit geschildert: Der Sohn Gottes kam in die Welt. Er kam nicht im königlichen Pomp über die Straßen der Welt gezogen, obwohl ihm dieser königliche Pomp zustand.

Es gab keine Warnschau, keine Fotografen, keine Adjutanten. Er war der Wanderer, der Pilger, der Gast, der Niedrige.

Und getrunken hat er – der Herr Jesus hat selbst sein Leiden einmal mit einem bitteren Trank verglichen: „Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?“

Er hat die Niedrigkeit, das Leiden, den Jammer, die Verachtung, den Spott, den Hohn und den Tod gleichsam hineingetrunken.

Luther sagt: Der Mensch trinkt lieber von einer klaren Quelle als von einem Bach am Wege. Das ist eine verächtliche Stelle zum Trinken, da wird Schmutz drin sein.

Und er sagt, damit wird hingewiesen, dass Jesu Leiden für uns ein gemeines Leiden war.

Es war kein großartiges Leiden.

Sehen Sie, wenn jetzt ein berühmter Weltfahrer in einem Braket in die Luft geht und nicht zurückkommt, dann war das ein pompöses Sterben, nicht wahr?

Aber Jesu Leiden war kein pompöses Sterben, es war das Trinken vom schmutzigen Bach am Wege.

Er wurde als Verbrecher gehängt. Zwischen Verbrechern ist das ein gemeines Sterben, ein niedriges.

Luther weist noch darauf hin, dass in der lateinischen Übersetzung der Bibel, die Vulgata, die die katholische Kirche heute benutzt, für „Bach“ das Wort „Torrens“ steht. Das heißt eigentlich „Wildbach“.

Luther sagt es so: Das ist ein Wasser, das stark läuft, als voller Strom daherfährt und alles mitreißt.

Jesu Leiden klingt aus einem Strom, aus einem Bach, in dem die schreckliche Macht der Welt, der Pöbel, die Gelehrten, das Imperium Romanum und die Brutalität der Hölle daherbrausen. Das sind „Torrens“.

Er trinkt von einem schrecklichen Bach, von einem Wasser, das alles mitreißt.

Das ist Luthers herrliche Auslegung.

Und er sagt: Nach diesem wundervollen Siegespsalm wird gesagt, Jesus erhebt sein Haupt und ist über alle erhöht, trotz seines Leidens.

Und das ist genau das, was der Philipperbrief sagt: „Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott erhöht und hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, damit sich im Namen Jesus alle einmal beugen müssen – alle, alle.“

Sie werden Zähne knirschen, die Knie gehen vor Jesus – entweder jetzt freiwillig, weil er gehorsam war bis zum Tod am Kreuz, oder später gezwungenermaßen.

Er hebt sein Haupt, obwohl er vom Bach am Wege getrunken hat.

Haben Sie das verstanden? Sie müssen ein bisschen mitdenken, nicht wahr? Wir haben hier keine Illustration.

In dieser Auslegung ist es für mich so groß, dass hier bei Luther in diesem Siegespsalm am Schluss doch einfach das Kreuz Jesu gezeigt wird.

Da wird deutlich, dass das Kreuz Jesu die Hauptsache im Christentum ist.

Fragen Sie mal einen deutschen Bürger, was die Hauptsache am Christentum ist, er sagt: „Für die Nächstenliebe.“

Und dann sagen Sie: „Was tun Sie denn?“ – Er sagt: „Ich habe Krach mit meinem Nachbarn.“

Die Hauptsache am Christentum ist das Kreuz Jesu, an dem der Sohn Gottes für unsere schmutzigen Sünden bezahlt hat. Er wurde zum Hohenpriester, der sich selbst als Lamm auf dem Altar des Kreuzes geopfert hat.

Das Kreuz Jesu ist die Hauptsache im Christentum.

Sehen Sie, wenn sich jemand von Ihnen zum Herrn bekehrt, dann wird ihm das Kreuz Jesu über alles groß.

Man kann die ganze Vergangenheit loswerden. Das Blut Jesu Christi macht mich rein von aller Sünde.

Und im Fortgang des Christenlebens wird einem das Kreuz immer größer.

Denn da lernt man immer besser sein verlorenes Herz kennen.

So ein dummes Gebet wie „Ich tue rechten Scheue niemand“ kann ein Nachfolger Jesu nicht mehr sagen, denn er kennt sein böses Herz.

Und er wird immer froher sein, dass es einen Versöhner und Heiland gibt, der ihn errettet.

Von ihm sterben – wüsste ich mir nichts Herrlicheres, als den Anblick des Kreuzes Jesu.

Heutzutage wissen viele nicht einmal, mit welcher Bibel sie sterben sollen, oder? Sie schauen sich das nicht an, nehmen Morphium, werden so lange betäubt, dass sie nicht mehr wissen, wo der Tod angefangen und aufgehört hat.

Deshalb geht er doch in die Ewigkeit vor Gottes Angesicht.

Ah, ich möchte sterben, das Bild des gekreuzigten Heilandes vor mir sehen, damit ich weiß: Er hat mich erlöst vom Tode, von der Welt, von meinen Sünden und von allem.

So, das war der erste Teil.

Zweiter Teil: Auslegung durch Hengstenberg, Spurgeon und die biblische Weltanschauung

Und nun kommt der zweite Teil. Den zweiten Teil überschreibe ich – verstehen Sie hinten gut jetzt? Ich traue dem Mikrofon heute nicht ganz, es war kaputt. Geht’s? Danke.

Den zweiten Teil überschreibe ich mit dem, was Hengstenberg, Spörtchen und andere zu unserem Text sagen. Was Hengstenberg, Spörtchen und andere zu unserem Text sagen.

Sehen Sie, im neunzehnten Jahrhundert gab es einen großen lutherischen Theologen, einen bedeutenden, gewaltigen Mann, der viel umstritten war. Er heißt Hengstenberg. Er war ein großer Bibelausleger. Ich habe gelesen, was Hengstenberg zu seinem Text sagt. Es ist merkwürdig, dass er – obwohl er ein ziemlich orthodoxer Lutheraner war – in seiner Auslegung mit dem großen englischen Baptisten und Erweckungsprediger Spurgeon übereinstimmt. Ich hoffe, Sie wissen, wer Spurgeon war, der Mann, der in London jeden Sonntag vor drei bis viertausend Menschen predigte, einer der gesegnetsten Zeugen Jesu Christi der modernen Zeit, der Evangelische Baptist.

Spörtchen und der lutherische Hengstenberg gehen also in der Auslegung einig. Ich muss sagen, dass diese Auslegung, die diese Männer haben, mich auch sehr erquickt hat. Nun muss ich eben ein Wort einfügen: Sie werden mich vielleicht fragen, ja Mensch, wenn die es wieder anders auslegen, was denn das Richtige ist? Dann sage ich, sie können sich raussuchen. Ich lege es Ihnen vor. Ich persönlich bin überzeugt, dass sie alle Recht haben.

Sehen Sie, es ist die Eigentümlichkeit von uns, dass wir mit schrecklich vielen Worten gar nichts sagen. Lesen Sie mal eine politische Rede von Konjunkturpolitik, Sie lachen sich tot. Wir können mit vielen Worten nichts sagen. Gottes Wort sagt mit wenigen Worten so viel, dass ein großer Geist es gar nicht allein ausschöpft. Der zweite und dritte und alle zusammen sind hier gesagt. Gottes Wort hat immer neue Reichtümer.

Und jetzt wollen wir also hören, was uns Hengstenberg, Spörtchen und andere dazu sagen.

Unter Psalm zeigen sie den Herrn Jesus als den großen Kämpfer, als den Kriegsmann, als den Feldherrn Gottes. Und sehen Sie, damit schauen wir ein Stück der biblischen Welt an.

Der natürliche Mensch, statt mal auf die Bibel zu hören, geht an der Welt kaputt, weil er es einfach nicht begreifen kann. Wenn es schiefgeht, dann sagen sie: Wie kann Gott so etwas zulassen? Wenn es wieder ein bisschen gut geht, sagen sie: Sind wir nicht tüchtig, wir Deutschen, wir Klammerter? Geht es wieder schief, sagen sie: Wie kann der liebe Gott so etwas zulassen? Wenn es gut geht, sind wir es gewesen, wenn es schlecht geht, ist der liebe Gott gewesen. Das stimmt ja nicht. Aber der Mensch ist ja so dumm, dass er nur von seiner Dummheit auf Wort existieren kann.

Wir müssen die biblische Weltanschauung einmal aufnehmen, meine Freunde. Die geht davon aus, dass Gott die Welt geschaffen hat. Sie ist sein Eigentum. Aber Gott hat ihr auch erlaubt, sich von ihm loszureißen. In einem gewaltigen Abfall hat die Welt sich von ihrem legalen, rechtmäßigen Herrn getrennt, und damit begann in der Welt das Elend.

Nun gibt es Kriege und Jammer und Tränen und Gefängnisse und Schützfelder und Krach zwischen Mann und Frau, Krach in Häusern und all die ungelösten Fragen.

In der Bibel wird der Teufel der Gott dieser Welt genannt. Der Teufel ist der Gott dieser Welt, eine gefallene Welt. Und wenn einer denkt, das ist aber eine pessimistische Weltanschauung, dann sage ich: Da hören Sie erst mit Ihren Illusionen auf und sehen Sie die Welt, wie sie wirklich ist.

Nun sagt die Bibel: Diese gefallene Welt ist vom Sohn Gottes aus der anderen Dimension, aus der Welt Gottes, von oben, aus der anderen Dimension hereingebrochen. Seitdem ist ein Kampf zwischen Licht und Finsternis. Dieser Kampf ist entschieden. Als Jesus am Kreuz rief: Es ist vollbracht, ist der Sieg des Reiches Gottes entschieden. Aber er tobt noch, bis Jesus wiederkommt. Er tobt jetzt hier.

Und darin spricht dieser Psalm von so kriegerischen Ausdrücken. Da ist die Rede von Sieg und von Kampf. Ich sage schon ein paar Worte, nur mal von Schlagen, Feinde, Zerschmettern – das sind alles Bilder von Schlachtfeldern, nicht? Kampf zwischen Licht und Finsternis.

Meine Freunde, wie kämpft Jesus auch um unsere Seelen! Es ist ja keiner hier, der das nicht schon gespürt hat, wie der Kampf zwischen Licht und Finsternis hier tobt. Das fing an, als er dürstend rang um meine Seele am Kreuz, dass sie in seinem Lohn nicht fehle. Und Jesus ringt heute Morgen um Ihre Seele, dass er sie errettet aus Ihrer Selbstgerechtigkeit, Ihren dummen Gedanken, Ihrem Hochmut, Ihrem Verlorensein, Ihrer Verzweiflung und allem, was Sie aus der Hölle und von Satans Macht trennt.

Der Teufel ringt um uns, der Kämpfer. So wird uns Jesus in dem Psalm gezeigt als der Kämpfer, als der Streiter Gottes.

So, nun passen wir mal auf: Es steht in der Bibel eine wunderschöne Geschichte von einem Streiter. Wer war das Vorbild Jesu, der Vorläufer Jesu? Gideon! Kennt ihr die Geschichte von Gideon? Er hat ein Heer gesammelt, um gegen die Feinde Gottes zu kämpfen.

Da sagt Gott: Das Heer ist viel zu groß, ich mache größere Wirkungen mit kleinen Mitteln. Und da muss Gideon sein Heer jeden Einzelnen auf die Probe stellen. Er führt sie an einen Bach.

Sie sind durstig vom Marsch, und da sagt Gideon jetzt dringend: Trinkt! Und da machen es die einen so: Sie lassen sich feierlich nieder, machen sich bequem, koppeln ab, ziehen die Turnschuhe aus, holen Butterbrote raus. So, da gehen wir nicht so schnell weg. Und die hat Gideon nach Hause geschickt.

Aber die richtigen Streiter, die richtigen, die haben nur eben vom Bach getrunken. Sie haben eingetaucht und vom Bach getrunken und sind weiter in den Kampf gezogen. Und mit den dreihundert hat Gideon den Krieg gewonnen.

Und nun sagt Spörtchen zu der Geschichte: Denkt an den Psalm, Jesus ist so ein richtiger Streitergott. Der macht keine Pausen, der trinkt nur eben am Bach am Weg und geht weiter in den Kampf.

Das heißt, im Krieg Jesu gibt es keinen Halt, keine Pausen. Meine Freunde, man kann im Kalten Krieg mal Frieden schließen. Im Krieg Jesu um die Welt gibt es keine Ruhe.

Das ist hier gemeint. Das muss die Welt ja gerade heute erfahren. Gucken Sie sich doch mal an, wie in Westdeutschland jeder Bürger überzeugt ist: „Christen, du mich doch in Ruhe lassen!“ Im Osten wollen sie vernichten, und die Wirkung – die ganze Welt muss sich mit Jesus beschäftigen und wird nicht fertig damit, nicht?

Es gibt keine Pause im Antrieb Jesu auf die Welt. Es gibt auch keine Pause im Ringen Jesu um Ihr Herz.

Mir sagte mal ein junger Mann, der im Gottesdienst das Wort gehört hatte von Jesus, ganz wütend: „Er soll mich doch in Ruhe lassen!“ Da habe ich gesagt: „Meinst du, ich soll dich in Ruhe lassen?“ Er sagte: „Nein, er! Er soll mich in Ruhe lassen, das tut er nicht.“

Es kann nicht Frieden werden, bis Jesu Liebe sich durchgesetzt hat, bis der Kreis der Erde und dein Herz zu seinen Füßen liegt. Es kann nicht Frieden werden im Großen.

Wenn ein Streiter Jesu fällt, erwecke den Nächsten! Und du musst schon viel Mühe aufwenden, wenn du endgültig verloren gehen willst und ohne Heiland leben und sterben möchtest. Er musste sich die Ohren zuhalten.

Das wäre die zweite Auslegung: Es gibt keine Ruhe, keine Pause im Kampf Jesu.

Dritter Teil: Die Einsamkeit Jesu und der Trost des Baches am Wege

Und noch ein drittes. Können Sie noch? Ich bin schwer, das gebe ich zu, aber es liegt mir ja kein Kindergarten. Nein, lassen Sie mich noch ein drittes sagen, noch eine dritte mögliche Auslegung.

Hier hätte ich beinahe gesagt: Wir haben erst gehört, was Sutter sagt, und wir haben gehört, was Spörcken sagt. Ist ein Arzt hier? Ja, kommt einer. Wir wollen uns nicht davon abhalten lassen.

Ich könnte jetzt sagen, was ich meine, aber so will ich es mal nicht ausdrücken. Stattdessen möchte ich sagen: Ja, sehen Sie, ich kann mich natürlich nicht mit Spörcken und Luther vergleichen, aber jedes Kind Gottes hat das Recht, sich Gedanken über den Bibeltext zu machen und zu horchen, was Gott hier sagt.

Nun will ich Ihnen noch sagen, was ich gehört habe zu dem, was wir jetzt gehört haben – eine dritte mögliche Auslegung. Und alles in diesem Gotteswort bringt alles zusammen. In einem Wort steckt eine Menge.

Sehen Sie mal: Der Herr Jesus hat oft vom Tränken mit einem Becher kalten Wassers geredet – wer seine Jünger mit einem Becher kalten Wassers tränkt. In unserem Text sehen wir einen Wanderer, den niemand tränkt. Er wird trinken vom Bach am Wege.

Da sehe ich die Rede von Jesus, vom kommenden Messias. Und da sehen wir die Einsamkeit Jesu. Als Jesus über die Erde ging, war er unerhört einsam. Er war einsam, sogar unter seinen Jüngern, die ihn meistens nicht verstanden haben.

Aber er hatte immer an seinem Weg den Bach, aus dem er trinken konnte, an dem er sich erquickte. Er war immer neben seinem Weg. Und das war das stille Gespräch mit dem Vater.

Es tat ihm keiner Gutes, aber an seinem Weg, seinem einsamen Weg, ist der Bach – das stille Gespräch mit dem Vater, wo er aus den Wassern Gottes trinkt.

Es gibt eine Geschichte im Evangelium, die unerhört herrlich ist und den ganzen Vers illustriert: Die Feinde Jesu toben und rasen und beschließen, ihn zu töten. Sie halten eine große Sitzung ab, wie das geschehen soll.

Und in derselben Nacht, während dieser Sitzung, geht er auf einen einsamen Berg im Gebirge und redet mit dem Vater. Da trinkt er vom Bach am Wege, aus den Wassern Gottes.

Am Morgen hebt er sein Haupt empor. Dann erzählt er, wie er sich feierlich in die Volksmasse begibt, sich setzt und die zwölf Jünger einzeln mit Namen beruft, die seinen Namen in die Welt tragen sollen.

Er wird das Haupt erheben, weil er vom Bach am Wege getrunken hat.

Und sehen Sie, das gilt nun auch für jeden Nachfolger Jesu. Es gibt keinen Nachfolger Jesu, der nicht einsame, staubige Straßen ziehen muss.

Ich denke an so manchen Jungen, dessen Eltern im Grunde dagegen sind, dass er Christ wird. Er ist völlig unverstanden. Der Vater sieht die Haare rauchen, er müsse doch etwas Gescheites werden, wenn nicht dieser religiöse Fanatismus wäre.

Oder? Wenn man etwas ernst nimmt, kann es sein, dass man für religiösen Fanatismus gehalten wird.

Wie viele einsame Jungs und Mädels gibt es hier, vielleicht auch eine Frau, deren Mann völlig anders steht – oder umgekehrt, ein Mann, dessen Frau nicht mitgeht.

Es ist sehr schwer, wenn man an der entscheidenden Stelle des Lebens den liebsten Menschen nicht neben sich hat.

Wie einsam manch einer im Betrieb ist! Er wird ausgelacht, weil er Christ ist.

Wir sind ja ein christliches Abendland – und werden ausgelacht, wenn man es ernst meint. Dieses Narrenvolk!

Und da möchte ich Ihnen sagen: Neben dem einsamen Christenweg ist immer der Bach.

Du darfst beten, du darfst mit dem Heiland reden. Der Bach begleitet deinen Weg immerzu.

Er wird trinken vom Bach am Wege, aus den Wassern Gottes, und darf sein Herz ausschütten.

Und trinken von dem Trost, der Vergebung, der Gnade, der Hilfe und dem Reichtum, die Jesus dir im Gebet gibt.

Dann kann man wieder fröhlich weiterwandern und sein Haupt emporheben.

Und nun wollen wir auch trinken vom Bach am Wege.

Ja, Herr, wir wollen auch trinken vom Bach am Wege, indem wir mit dir reden.

Unser Herz ist dürstlich nach Leben, Frieden und Wahrheit!

Und Du bist das alles und bietest Dich uns an.

Wir danken Dir! Amen!