Begrüßung und Einstimmung mit Psalm 84
Guten Morgen! Im Namen unseres Herrn Jesus Christus grüßen wir uns an diesem Morgen und lesen eingangs eine Ode an die Vorfreude der Gemeinde im Volk Israel im Alten Testament. Es ist eine Ode an die Vorfreude auf die Begegnung der Gemeinde mit ihrem Gott.
Es ist der Psalm 84:
Wie lieblich sind deine Wohnungen, o Herr, der Herrscher!
Meine Seele verlangte und sehnte sich nach den Vorhöfen des Herrn.
Nun jubeln mein Herz und mein Leib dem lebendigen Gott zu.
Hat nicht der Sperling ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für sich, wo sie ihre Jungen hinlegen kann?
Deine Altäre, o Herr, der Herrscher, mein Gott und König!
Wohl denen, die in deinem Haus wohnen, sie preisen dich allezeit!
Wohl dem Menschen, dessen Stärke in dir liegt,
wohl denen, in deren Herzen gebahnte Wege sind.
Wenn solche durch das Tal der Tränen gehen, machen sie es zu lauter Quellen,
und der Frühregen bedeckt es mit Segen.
Sie schreiten von Kraft zu Kraft
und erscheinen vor Gott in Zion.
Gott, der Herrscher, höre mein Gebet,
du Gott Jakobs, achte darauf!
O Gott, unser Schild, sieh doch, blicke auf das Angesicht deines Gesalbten!
Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend.
Ich will lieber an der Schwelle im Haus meines Gottes stehen
als wohnen in den Zelten der Gottlosen.
Denn Gott, der Herr, ist Sonne und Schild.
Der Herr gibt Gnade und Herrlichkeit.
Wer in Lauterkeit wandelt, dem versagt er nichts Gutes.
O Herr der Herrscher, wohl dem Menschen, der auf dich vertraut!
Ich bitte euch, aufzustehen, und lasst uns stehend vor unserem Gott um den Segen für diesen Gottesdienst bitten.
Unser Vater im Himmel,
wir kommen vor dich, so wie wir uns schon im Namen deines Sohnes begrüßt haben, weil er das Zentrum ist.
Wir bitten dich, dass du deinen Segen heute Morgen austeilst,
dass dein Wort in unsere Herzen spricht und Veränderung und Frucht bewirkt,
die hineinwirken bis in deine Ewigkeit.
Das kannst nur du tun, wir können das nicht als schwache Menschen.
Du hast es aber verheißen.
So bitten wir dich, indem wir uns auf deine Verheißung stützen,
dass dein Wort nicht leer zurückkommt, wo du es austeilen lässt.
Wir danken dir auch schon dafür, dir allein die Ehre.
Amen.
Einführung in das Thema: Der König ist tot, lang lebe der König
Ja, ich darf nun Markus bitten, uns Gottes Wort auszuteilen.
„Der König ist tot, lang lebe der König“ – ein Ausruf, der in verschiedenen Ländern verwendet wird, wenn ein neuer König den Thron besteigt. Der alte König ist tot, doch sein Nachfolger steht bereits bereit. Er übernimmt quasi nahtlos seinen Posten und seine Aufgabe.
Diese Aussage soll der Bevölkerung Sicherheit geben. Sie vermittelt die Gewissheit, dass es weitergeht. Der Ausruf suggeriert Kontinuität. Er wurde erstmals im 15. Jahrhundert verwendet, als Karl VII. als Nachfolger seines Vaters Karl VI. zum König in Frankreich gekrönt wurde. Von dort breitete sich diese Aussage sehr schnell aus. Besonders in England wurde sie schnell eingeführt, da es dort bereits eine Tradition gab: Seit dem 13. Jahrhundert durfte der Thron niemals unbesetzt bleiben.
Die Aussage „Der Thron darf niemals leer bleiben“ war von großer Bedeutung. Unter keinen Umständen durfte ein Machtvakuum entstehen. Ein unbesetzter Thron hätte sehr schnell zu Machtkämpfen führen können, da verschiedene Parteien den Thron einnehmen wollten. Solch ein Machtvakuum hätte sogar einen Bürgerkrieg auslösen können.
Deshalb rief man unmittelbar nach dem Tod eines Königs aus: „Der König ist tot, lang lebe der König“ – in der Hoffnung, dass es wirklich so weitergeht. In der Hoffnung, dass der neue König mindestens genauso gut ist wie der alte, wenn nicht sogar besser. Und in der Hoffnung, dass es dem Land weiterhin gut geht.
Genau in einem solchen Herrscherwechsel ereignet sich der Predigttext, mit dem wir uns heute beschäftigen möchten. Ich bitte euch, dazu schon einmal den Propheten Jesaja aufzuschlagen.
Wir wollen uns mit Jesaja 6,1-8 beschäftigen.
Jesaja: Ein Prophet in Zeiten des Herrscherwechsels
Jesaja ist einer der größten, wenn nicht der größte Prophet Israels. Er ist der meistzitierte Prophet im Neuen Testament und ein Prophet, der insgesamt drei Herrscherwechsel miterlebte. Er diente unter vier Königen: Usia, Jotham, Ahas und Hiskia.
Vermutlich stammt er aus einer sehr vornehmen Familie. Er sprach nicht nur zum ganzen, ja, sagen wir mal, gemeinen Volk, sondern auch zu Königen selbst. Für Hiskia war er sogar eine Art Berater und hatte somit ständigen Zutritt zum König.
Seine Arbeit begann er in den letzten Jahren von König Usia. Dieser König war in vielerlei Hinsicht besonders. Zum einen wurde er bereits mit sechzehn Jahren zum König gekrönt. Seine Regentschaft dauerte mit insgesamt zweiundfünfzig Jahren auch viel länger als die vieler anderer Könige in Juda. Im Großen und Ganzen war er ein sehr guter König.
In 2. Chronik 26 lesen wir seine Geschichte und erfahren, was er alles gemacht hat. Am Anfang dieses Kapitels, in den Versen 4 und 5, heißt es: „Wie sein Vater Amasja tat auch er, Usia, was Yahweh gefiel. Solange Zechariah lebte, der ihn zur Gottesfurcht anhielt, folgte er Gott, und solange er Yahweh suchte, gab Gott ihm Gelingen.“
Usia hatte also einen Berater, Zechariah, der ihn unterstützte. Er vertraute Gott, und es lief gut. Unter ihm wuchs die Sicherheit im Land, ebenso der Wohlstand. Wenn wir Kapitel 26 in 2. Chronik durchgehen, stellen wir fest, dass er erfolgreich im Kampf gegen den Erzfeind, die Philister, war. Er konnte einige Gebiete und Städte zurückerobern, die die Philister erobert hatten, und sorgte so für einige Jahre Frieden in Juda.
Doch er blieb nicht untätig während dieses Friedens. Er befestigte Städte und rüstete sie mit Wehranlagen aus, unter anderem auch die Hauptstadt Jerusalem. So gab er dem Volk Sicherheit – die Sicherheit, dass die befestigten Anlagen sie schützen würden, falls jemand angreifen sollte.
Nicht nur das: Er baute den Handel aus, förderte die Landwirtschaft und brachte so Wohlstand ins Land. Außerdem rüstete er das Heer auf, sodass es so stark wurde, dass in 2. Chronik gesagt wird, der König könne es mit jedem Feind aufnehmen. Usia wurde so bekannt und mächtig, dass sein Name bis nach Ägypten bekannt war.
Doch er beging zwei große Fehler. Der erste war, dass ihm sein Erfolg zu Kopf stieg. Er wurde stolz und sündigte schwer gegen Gott. Deshalb bestrafte Gott ihn mit Aussatz für den Rest seines Lebens. Der zweite große Fehler war, dass er das Volk nicht vom Götzendienst abhalten konnte. Obwohl er selbst Gott vertraute, lasen wir in 2. Könige, dass das Volk nicht richtig mitmachte.
Das waren seine zwei großen Fehler. Jesaja lebte also in einer Zeit, die von moralischer Dekadenz geprägt war. Man interessierte sich kaum dafür, was Gott wollte. Auch wenn Usia selbst größtenteils ein guter König war, der tat, was Gott wollte, befand sich das ganze Volk in einer moralischen Abwärtsspirale. Der Ungehorsam gegenüber Gott nahm trotz der guten Regentschaft immer mehr zu.
Jeder gottesfürchtige Jude, allen voran Jesaja, wusste, dass dieser Friede, dieser Wohlstand und die Sicherheit unter König Usia auf sehr wackeligen Beinen standen. Im Grunde genommen war es allein das Vertrauen von Usia auf Gott, das dem Land Frieden und Wohlstand brachte.
Über das Volk selbst schreibt Jesaja in den Kapiteln 2 bis 5. Dort beschreibt er die Sünden des Volkes. Unter anderem vergleicht Gott Israel mit einem Weinberg – einem Weinberg, für den Gott alles getan hat, den er hegte und pflegte, damit er gute Frucht bringt. Doch der Weinberg bringt keine gute Frucht. Deshalb beschließt Gott, diesen Weinberg komplett abzureißen und dem Erdboden gleichzumachen.
So denkt Gott über das Volk an sich. Doch solange Usia lebt, scheint es zu laufen. Er macht sich einen Namen bei den anderen Völkern, selbst bei so mächtigen wie Ägypten. Er hat eine große, starke Armee, baut die Städte zu befestigten Wehranlagen aus, die jedem Angriff standhalten können. Der Handel und die Landwirtschaft blühen auf, und es herrschen Wohlstand und Frieden im Land.
Der Übergang der Macht und die Begegnung Jesajas mit Gott
Und dann kommen wir zu Jesaja 6 und lesen die ersten Worte in Jesaja 6, Vers 1: Im Todesjahr des Königs Oseas.
Der König ist tot, gestorben als ein kranker, aussätziger Mann, weil er stolz und hochnäsig wurde. Die Frage, die sich stellt, ist: Wie geht es jetzt weiter? Wird der nächste König auch ein guter König sein? Kann er den Frieden und den Wohlstand im Land aufrechterhalten? Wird er wie Oseas Gott vertrauen? Können wir wirklich sagen: Der König ist tot, lang lebe der König, weil es so weitergeht, vielleicht sogar noch besser wird? Oder wird der neue König vielleicht so sein wie das Volk bereits ist? Wird er den moralischen Abstieg im Volk aufhalten oder ihn vielleicht sogar noch beschleunigen? Wie soll es weitergehen?
In dieser Zeit der Unsicherheit und Angst geht Jesaja in den Tempel. Dort sieht er etwas, das die Grundfesten seines Lebens erschüttern wird. Nach diesem Erlebnis, das wir uns heute anschauen, ist er nie wieder derselbe.
Jesaja 6, Vers 1 noch einmal komplett: Im Todesjahr des Königs Oseas sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und seine Säume erfüllten den Tempel.
Wenn ihr im Alten Testament einen Text lest und das Wort „Herr“ darin vorkommt, dann achtet darauf, wie es geschrieben ist. Ich denke, den meisten von euch ist bekannt: Wenn das Wort „Herr“ nur mit Großbuchstaben geschrieben ist, dann ist das ein Hinweis darauf, dass im Hebräischen der persönliche Name Gottes verwendet wird, Yahweh, der persönliche Name Gottes.
Aber hier in Vers 1 steht „Herr“ nur mit einem großgeschriebenen H. Das wiederum ist ein Hinweis darauf, dass im Hebräischen das Wort Adonai verwendet wird. Adonai ist nicht der persönliche Name Gottes, sondern spricht von Gottes Souveränität. Ein Wörterbuch definiert diesen Begriff Adonai so, dass es der Titel des einen wahren Gottes ist, mit Schwerpunkt auf seiner Majestät und Autorität.
Was Jesaja hier in diesem Vers sagt, ist: In dem Jahr, als unser irdischer König Oseas starb, sah ich den allein wahren König auf seinem Thron sitzen. König Oseas ist tot, er sitzt nicht mehr auf seinem Thron, aber der allein wahre König sitzt noch immer auf seinem Thron.
Der menschliche König war tot, aber die Geschichte hängt nicht davon ab, wer hier auf der Erde regiert. Die Geschichte wird von dem absoluten Herrscher, dem allerhöchsten Herrn und König geschrieben – von Adonai, von Gott selbst. Seine Herrschaft als König ist unendlich viel höher als die von Oseas oder irgendeinem anderen König oder Präsidenten, der hier auf der Erde regiert.
Das heißt für dich: Egal, wie es dir im Moment geht, egal, wie das letzte Jahr verlaufen ist, egal, wie das neue Jahr gestartet hat, egal, was alles in diesem Jahr auf dich zukommt – eines darfst du sicher wissen: Gott wird niemals abdanken. Er muss nicht wie der amerikanische Präsident seinen Platz im Weißen Haus räumen.
Und selbst wenn die ganze Welt auseinanderfallen würde, wenn alles in Brüche zu gehen scheint in deinem Leben, darfst du eines wissen: Gott sitzt noch immer auf seinem Thron.
König Oseas’ Regentschaft ist vorbei, aber der wahre König regiert ewig auf seinem Thron. Sein Thron ist hoch und erhaben, wie wir in Vers 1 lesen. Sein Saum, seine Säume erfüllen den ganzen Tempel. Egal, wo Jesaja hintritt, überall ist dieses Gewand dieses Königs zu sehen. Auch das ist ein Bild für seine Erhabenheit, seine Herrlichkeit und seine Macht.
Die Erscheinung des wahren Königs und die Seraphim
Aber wer sitzt dort auf dem Thron? Du denkst vielleicht: Was soll die Frage? Natürlich sitzt Gott auf dem Thron, er sagt es ja selbst. Der Herr sitzt auf dem Thron. Aber wer genau sitzt dort auf dem Thron? Ist es Gott der Vater, den Jesaja dort sieht? Oder ist es Gott der Sohn? Wen sieht Jesaja hier?
Schlagt mal mit mir Johannes 12 auf. Johannes 12, oder besser noch, schreibt euch Johannes 12, Vers 41 neben Jesaja 6 und notiert euch das. In Johannes 12, Vers 40 zitiert Johannes Vers 10 aus Jesaja 6. Johannes 12, Vers 10 bezieht sich auf Jesaja 6. Dann schreibt Johannes in Vers 41 von Kapitel 12: „Dies sprach Jesaja, als er seine Herrlichkeit sah und von ihm redete.“ Dieses „seine Herrlichkeit“ und „von ihm redete“ in diesem Vers bezieht sich auf Jesus Christus.
Also, wen sieht Jesaja? Jesaja sieht Jesus Christus selbst, hoch und erhaben auf seinem Thron sitzen. Aber das ist nicht alles, was er sieht. Gehen wir zurück zu Jesaja 6.
Wir lesen weiter in Vers 2: „Seraphim standen über ihm, jeder von ihnen hatte sechs Flügel; mit zweien bedeckten sie ihr Angesicht, mit zweien bedeckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie.“
Nun, was sind Seraphim? Seraphim sind eine bestimmte Gruppe von Engeln. Sie haben eine persönliche Berufung: in der Gegenwart Gottes zu leben. Das heißt, sie sind extra dazu geschaffen, in der Nähe Gottes zu existieren. Sie müssen dafür gemacht sein, die Herrlichkeit und die Heiligkeit Gottes zu ertragen.
Das wird auch im zweiten Teil dieses Verses deutlich, denn insgesamt haben diese Seraphim drei Paar Flügel. Wenn Gott etwas erschafft, dann erschafft er es so, dass es genau das tut, was er möchte. Das heißt, Gott erschafft jedes Geschöpf so, dass es perfekt auf den Lebensraum abgestimmt ist, in dem es leben soll. So gibt er auch den Seraphim das, was sie brauchen.
Wofür haben sie sechs Flügel? Fangen wir mal von hinten an, das ist das Einfachste: Zwei Flügel dienen zum Fliegen, wie wir am Ende des Verses lesen. Zwei Flügel dienen dazu, die Füße zu bedecken. Warum sollten sie ihre Füße bedecken?
Ihr erinnert euch sicher an die Geschichte von Mose und dem brennenden Dornbusch. Als er sich dem Busch nähert, spricht Gott aus dem Busch zu ihm und sagt: „Zieh deine Schuhe aus, denn dies ist heiliger Boden.“ Warum soll er die Schuhe ausziehen? Mose war jahrelang Hirte, war oft in dieser Gegend unterwegs und kam wahrscheinlich schon öfter an dieser Stelle vorbei. Er wusste, dass der Boden ganz normal ist, wie überall sonst auch. Aber was macht den Boden heilig? Warum ist dieser Boden heilig?
Weil in der Gegenwart Gottes selbst der Boden heiligt, über den Mose schon so oft gelaufen ist. Es war heiliger Boden, nicht weil der Boden an sich etwas Besonderes war, sondern weil Gott dort war. Seine Gegenwart heiligt die Erde unter Moses Füßen. In der Gegenwart Gottes ist jeder Boden heilig.
Die Seraphim bedecken ihre Füße, weil selbst die Luft, in der sie fliegen, heilig ist in der Gegenwart Gottes.
Aber sie haben noch zwei weitere Flügel – zwei Flügel, um ihr Angesicht zu bedecken. Kein Geschöpf könnte den Anblick der vollen Herrlichkeit Gottes ertragen. Zu Mose spricht Gott in 2. Mose 33, Vers 20: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“
Die Seraphim sind der vollen Herrlichkeit Gottes ausgesetzt. Sie könnten nicht im vollen Glanz der Heiligkeit Gottes existieren. Gott gibt ihnen daher extra zwei Flügel, damit sie ihr Angesicht vor seiner Herrlichkeit und vor seiner Heiligkeit bedecken können. Vier von sechs Flügeln sind also einfach nur dazu gedacht, sich vor der Heiligkeit Gottes zu schützen.
Die Anbetung der Seraphim und die Bedeutung der Heiligkeit Gottes
Aber nicht nur ihr Aussehen ist interessant, viel wichtiger ist, was sie sagen. Schaut in Vers drei und vier: „Und einer rief dem anderen zu und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Herrscher; die ganze Erde ist erfüllt von seiner Heiligkeit.“ Da erbebten die Pfosten der Schwellen von der Stimme des Rufenden, und das Haus wurde mit Rauch erfüllt.
Kannst du dir vorstellen, wie Engel die ganze Zeit über dem Thron Gottes fliegen und sich gegenseitig zurufen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Herrscher, die Erde ist erfüllt von seiner Herrlichkeit“? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich nicht, weil wir in der Regel ein schwaches und verzerrtes Bild von Gottes Heiligkeit haben.
Aber das ist der Sinn und Zweck ihres Daseins. Dazu wurden sie erschaffen: über dem Thron Gottes zu schweben und sich zuzurufen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr.“ Aber warum dreimal? Warum dreimal „heilig, heilig, heilig“? Könnte man es nicht nur einmal ausrufen, dafür aber etwas lauter? Warum dreimal?
Die Wiederholung hat einen bestimmten Hintergrund, den die meisten wahrscheinlich auch von euch schon mal in irgendeiner Art und Weise gehört haben. Wenn wir etwas betonen möchten in einem Text, haben wir verschiedene Möglichkeiten. Wir können den Text fett drucken, kursiv setzen oder unterstreichen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Text hervorzuheben, den wir betonen möchten.
Im Hebräischen macht man das nicht so. Man fängt nicht an, Buchstaben dick zu zeichnen oder ähnliches. Wenn man etwas betonen möchte, dann wiederholt man es einfach. Man wiederholt das, was man hervorheben möchte.
Wenn Jesus zum Beispiel sagt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch“, möchte er betonen, dass das, was folgt, wahr und wichtig ist. Wenn also die Seraphim sagen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr“, dann wollen sie die Heiligkeit Gottes betonen. Und das ist die einzige Eigenschaft Gottes, die so betont wird, die auf diese Art und Weise hervorgehoben wird.
Wenn ihr die ganze Bibel lest, werdet ihr niemals finden, dass Gott „Liebe, Liebe, Liebe“ ist. Das werdet ihr nicht finden. Ihr werdet auch nicht finden, dass Gott „Gnade, Gnade, Gnade“ ist. Ihr werdet auch nicht finden, dass Gott „zornig, zornig, zornig“ ist.
Die eine Eigenschaft Gottes, die wie keine andere betont wird, ist die Heiligkeit Gottes.
Arthur Pink schreibt über die Heiligkeit Gottes. Er beginnt mit Offenbarung 15,4 und zitiert diesen Vers: „Wer sollte dich nicht fürchten, o Herr, und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig.“ Weiter schreibt Arthur Pink: „Er allein ist unabhängig, unendlich, unwandelbar heilig. In der Bibel wird er häufig als ‚der Heilige‘ bezeichnet, weil die Summe aller moralischen Vortrefflichkeit in ihm zu finden ist. Er ist absolute Reinheit, unbefleckt. Gott ist Licht, und in ihm ist überhaupt keine Finsternis.“
Die Heiligkeit ist die eigentliche Exzellenz der göttlichen Natur. Der große Gott ist herrlich in Heiligkeit. Deshalb lesen wir: „Du hast zu reine Augen, um Böses mitanzusehen, du schaust nicht bei Misshandlungen zu.“ Genauso wie Gottes Macht das Gegenteil der Schwäche des Menschen ist, genauso wie seine Weisheit im völligen Gegensatz zum mangelnden Verstand und zur Torheit des Menschen steht, so ist seine Heiligkeit das genaue Gegenteil aller moralischen Makel oder Verunreinigungen.
Pink schreibt weiter: In 2. Chronik 20 befiehlt Gott den Sängern in Israel, dass sie die Schönheit der Heiligkeit preisen sollten. Macht ist Gottes Hand oder Arm, Allwissenheit ist sein Auge, Barmherzigkeit sein Inneres, Ewigkeit seine Dauer, aber Heiligkeit ist seine Schönheit. Diese Heiligkeit macht ihn liebenswert für die, die von der Herrschaft der Sünde befreit sind.
Mit diesen Worten beginnt Arthur Pink das Kapitel über die Heiligkeit Gottes in seinem Buch über Gottes Eigenschaften.
Steven Czarnok schreibt über die Heiligkeit Gottes: „Gott wird öfter als ‚der Heilige‘ bezeichnet als ‚der Allmächtige‘. Dieser Teil seiner Erhabenheit wird öfter als jeder andere hervorgehoben. Diese Eigenschaft wird öfter als Beiname für ihn verwendet als jeder andere. Wir lesen nicht von seinem mächtigen Namen, wir lesen nicht von seinem weisen Namen, wir lesen von seinem großen Namen, aber am häufigsten lesen wir von seinem heiligen Namen. Dies ist sein größter Ehrentitel, in diesem erscheint die Majestät und Ehrwürdigkeit seines Namens.“
Der Puritaner Thomas Watson sagt über Gottes Heiligkeit: „Gottes Heiligkeit ist der größte und funkelndste Juwel seiner Krone.“ Deshalb ist es diese Eigenschaft Gottes, die vor seinem Thron dreifach betont wird. Es ist diese Eigenschaft, die vor allen anderen hervorgehoben wird.
Das Fehlen eines klaren Verständnisses von Gottes Heiligkeit ist der Grund für unsere Oberflächlichkeit. Es ist der Grund für unseren oberflächlichen Gottesdienst. Wir sind oberflächlich in unserer Anbetung, weil wir kein klares Verständnis von Gottes Heiligkeit haben.
Auf der einen Seite ist es unmöglich, die Fülle der Heiligkeit Gottes wirklich zu verstehen. Und doch müssen wir so viel verstehen, wie uns Gottes Wort gibt.
Der Mangel am Verständnis von Gottes Heiligkeit ist der Grund für unsere Kraftlosigkeit. Er ist der Grund für unsere Selbstsucht, der Grund für unsere Schwäche, der Grund für unseren Ungehorsam und der Grund für unsere Kompromissbereitschaft. Wir brauchen ein tiefes Verständnis von Gottes Heiligkeit.
Als die Jünger Jesus darum bitten, dass er sie das Beten lehren soll, sagt er ihnen die folgenden Worte: „Deshalb sollt ihr auf diese Weise beten: Unser Vater, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name!“
Ihr wollt beten? Dann beginnt damit, Gottes Heiligkeit kennenzulernen und anzuerkennen: Gott ist heilig!
Narcissist Sproul sagt über Gottes Heiligkeit: „Jeder Versuch, Gott unabhängig von seiner Heiligkeit zu verstehen, ist Götzendienst.“ Das wird auch in den Zehn Geboten bekräftigt, wo wir keine anderen Götter haben sollen und unter keinen Umständen den Namen des Herrn missbrauchen dürfen, „denn er ist heilig, heilig, heilig, die ganze Erde ist erfüllt von seiner Herrlichkeit“, und das müssen wir anerkennen.
Gott ist vollkommen rein, er ist vollkommen abgeschieden von Sünde. Gottes Heiligkeit ist die vollkommene Abwesenheit von Sünde. Er kann nicht sündigen, er kann nicht einmal dazu versucht werden. Dementsprechend kann er mit Sündern keine Gemeinschaft haben.
Gott kann Sünde nicht tolerieren, keine einzige. Er kann kein Auge zudrücken. Wegen einer Sünde verbannte Gott Adam und Eva aus dem Garten Eden. Für eine Sünde von Ham, dem Sohn Noas, fiel seine gesamte Nachkommenschaft, die Kanaaniter, unter einem Fluch, der bis heute über ihnen liegt (1. Mose 9,21).
Wegen einer Sünde wurde Mose aus Kanaan ausgeschlossen. Wegen einer Sünde wurde Elisas Diener mit Aussatz geschlagen. Und wegen einer Sünde wurden Ananias und Saphira mit dem Tod bestraft.
Gott kann keine einzige Sünde tolerieren. Gott ist moralisch perfekt, er ist makellos, er ist rein. Er kann nicht über Sünde hinwegsehen. Er ist heilig, heilig, heilig.
Jesajas Reaktion auf die Begegnung mit Gottes Heiligkeit
Und schau in Vers 4, was passiert, als die Seraphim diese Worte aussprechen: Da erbebten die Pfosten der Schwellen von der Stimme des Hufenden, und das Haus wurde mit Rauch erfüllt. Alles um Jesaja beginnt sich plötzlich zu bewegen. Es ist, als würde unter dem Tempel ein Vulkan ausbrechen, die ganze Erde bebt.
Das, was Jesaja hier erlebt, ist furchtbar und schrecklich. Was er sieht und spürt, ist eine Botschaft an ihn und das Volk. Diese Botschaft lautet, dass Gott ein verzehrendes Feuer ist. Man kann nicht mit Gott herumspielen, man kann seine Gebote nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ebenso darf man nicht leichtfertig mit Sünde umgehen. Die Heiligkeit Gottes ist schrecklich für einen Menschen.
Schaut in Vers 5: Da sprach ich: Wehe mir, ich vergehe, denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und wohne unter einem Volk, das unreine Lippen hat, denn meine Augen haben den König, den Herrn der Herrscher, gesehen.
Dieses „Wehe“ wird von fast allen Propheten verwendet, auch von Jesus selbst, um Gottes Gericht anzukündigen und das Volk zu warnen. Jesaja selbst spricht dieses Wehe einige Male über das Volk aus. In Kapitel 5 warnt Jesaja diejenigen, die ihr Verlangen darauf ausrichten, sich Reichtum auf dieser Erde anzuhäufen. Er warnt diejenigen, die ihr Leben auf Genussmittel ausrichten und nicht auf Gott. Er warnt jene, die das Gute und das Böse verdrehen, das Gute schlecht und das Böse gut nennen. Er fordert die Menschen auf, sich zurück auf Gott zu besinnen – mit einem Wehe.
Aber hier ist es anders. Diese Situation, die wir hier sehen, ist einmalig. Ein Prophet Gottes ruft einen Fluch über sich selbst aus. Jesaja, der wahrscheinlich gottesfürchtigste Mann in ganz Israel zu dieser Zeit, sagt über sich selbst: Wehe mir, ich vergehe. Und „vergehen“ bedeutet so viel wie verloren sein, unterzugehen oder vernichtet zu werden. Jesaja fühlt sich vernichtet durch die Heiligkeit Gottes. Weil er Gott sieht, sieht er auch sich selbst.
Als er Gott zum ersten Mal in seinem Leben sah, erkannte er auch, wie erbärmlich er war. Vorher war er ja noch jemand: geistlicher Leiter der gottesfürchtigen Juden, die Stimme Gottes, ein gehorsamer Diener, Knecht des lebendigen Gottes, jemand, der Einblick in die Heiligkeit Gottes hatte. Doch der Mann war elend in seinen eigenen Augen. Vorher sprach er das Wehe über das Volk aus, jetzt spricht er es über sich selbst.
Vorher sah er all die Menschen, die vor dem Staudamm standen, der Gottes Zorn noch zurückhält. Jetzt sieht er sich mitten unter ihnen, als einer von ihnen. Er erkennt sich als Teil dieser ungehorsamen, gottlosen Israeliten. Der Sprecher Gottes sagt selbst über sich, dass er unreine Lippen hat.
Niemand kann in der Gegenwart Gottes stehen, ohne sich seiner eigenen Erbärmlichkeit und Sündhaftigkeit zutiefst und niederschmetternd bewusst zu werden. Wenn wir die Heiligkeit Gottes nicht verstehen, verstehen wir unsere eigene Sündhaftigkeit nicht. Wir begreifen nicht, wie absolut abscheulich, abstoßend und ekelhaft Sünde ist. Der kleinste Einblick in Gottes Heiligkeit wird uns, wie Jesaja, auf den Boden der Tatsachen schleudern.
Jesaja wird nach diesem Erlebnis nie wieder derselbe sein. Er erzittert vor der Heiligkeit Gottes – aber er ist nicht der Einzige. Als Habakuk die Stimme Gottes hört und sich an die schreckliche Erscheinung Gottes auf dem Berg Sinai erinnert, fährt ihm der Schreck buchstäblich in die Glieder.
Habakuk 3,16: Als ich das hörte, erzitterte mein Leib, wegen dieser Stimme erbebten meine Lippen, Fäulnis drang in mein Gebein, und meine Füße zitterten.
Er ist nicht mehr fähig, auf eigenen Beinen zu stehen. Auch Hesekiel ist nicht mehr in der Lage, auf seinen eigenen Beinen zu stehen, als er eine Erscheinung Gottes hat.
Hesekiel 1,28: Wie der Bogen aussieht, der an einem Regentag in den Wolken erscheint, so war auch der Glanz ringsum anzusehen. So war das Aussehen der Erscheinung der Herrlichkeit des Herrn. Als ich das sah, fiel ich auf mein Angesicht.
Wenn ihr in Kapitel 2 weiterlest, werdet ihr feststellen, dass Hesekiel nur wieder aufstehen kann, weil Gott den Heiligen Geist sendet, um ihn aufzurichten. Er ist nicht mehr fähig, aus eigener Kraft vor diesem Gott zu stehen.
Und als Jesus den Sturm stillt, hatten die Jünger tausendmal mehr Angst vor ihm als vor dem Sturm. Sie fürchteten sich sehr und wunderten sich. Sie sprachen zueinander: Wer ist denn dieser, dass er auch den Winden und dem Wasser befiehlt und sie ihm gehorsam sind? In diesem Moment wünschten sie sich den Sturm zurück, denn der schrecklichste Sturm ist eine sanfte Brise im Vergleich zur Gegenwart Gottes.
Als Petrus sah, welche Macht Jesus hat, sprach er: Herr, gehe von mir hinweg, denn ich bin ein sündiger Mensch. In diesem Moment wusste Petrus, dass Gott höchstpersönlich vor ihm steht. Wie Jesaja erkannte er seine eigene Erbärmlichkeit. Er sah, wie elend er war und wie er durch Sünde komplett verunreinigt ist.
Reinigung und Sendung: Jesajas Antwort auf Gottes Ruf
Lassen wir uns kurz zu Jesaja zurückkehren. Was passiert jetzt? Schau dir Jesaja 6, Vers 6 an: Dieser Mann ist völlig am Boden zerstört.
In Jesaja 6,6 lesen wir: „Da flog einer der Seraphim zu mir, und er hielt eine glühende Kohle in seiner Hand, die er mit der Zange vom Altar genommen hatte. Und er berührte meinen Mund damit und sprach: Siehe, dies hat deine Lippen berührt, deine Schuld ist von dir genommen und deine Sünde gesühnt.“
Nun, was ist nötig, um an den Punkt zu gelangen, an dem man gereinigt vor Gott stehen kann, gerecht und heilig vor Gott? Es braucht ein zerbrochenes und zerknirschtes Herz angesichts der Heiligkeit Gottes – und das ist schmerzhaft.
Doch schau, was passiert, als Jesaja diesen Punkt erreicht hat, an dem er völlig zerstört vor Gott niederfällt. Es heißt weiter: „Und ich hörte die Stimme des Herrn fragen: ‚Wen soll ich senden, und wer wird für uns gehen?‘ Da sprach ich: ‚Hier bin ich, sende mich!‘“
Und Gott antwortete nicht etwa: „Du, du Sünder, hast du nicht gerade selbst noch über dich gesagt, dass du unreine Lippen hast?“ Nein, das ist nicht die Antwort Gottes. Gott sprach: „Geh, geh und sprich zu diesem Volk.“
Nach diesem Ereignis war Jesaja nicht mehr derselbe. Er war nun ein gereinigter Mann. So wie die glühende Kohle Jesaja reinigte, so reinigt uns das Kreuz, wenn wir mit zerbrochenem und zerknirschtem Herzen vor diesen heiligen Gott treten.
Das Kreuz ist die glühende Kohle, die uns reinigt. Das Kreuz ist die größte Offenbarung von Gottes Heiligkeit. Christus starb, weil Gott heilig ist. Amen.
Verabschiedung
An dieser Stelle verabschieden wir uns von unseren Zuschauern über unseren YouTube-Kanal.
