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Apostelgeschichte 21, 18-26

Apostelgeschichte, Teil 57/64
Apostelgeschichte 21,18-26
SERIE - Teil 57 / 64Apostelgeschichte

Ich freue mich, wieder hier sein zu dürfen. Es geht weiter in unserer Reihe zur Apostelgeschichte.

Wir sind tatsächlich schon bei der 58. Predigt angekommen. Ganz fertig sind wir noch nicht, es wird auch noch eine ganze Weile dauern.

Derzeit befinden wir uns in Kapitel 21. Paulus ist auf dem Weg nach Jerusalem und ist nun tatsächlich in Jerusalem angekommen.

Wir lesen Apostelgeschichte 21,17: „Als wir aber in Jerusalem angekommen waren, nahmen uns die Brüder – das heißt die Geschwister in Jerusalem – freudig auf.“

Ankunft in Jerusalem und erste Begegnungen

Paulus ist jetzt in Jerusalem, und was nun folgt, ist in meinen Augen eine ganz merkwürdige Geschichte. Die Christengemeinde in Jerusalem hat, so nenne ich es mal, ihre Eigenarten.

In Apostelgeschichte 21, ab Vers 18 heißt es: Am folgenden Tag aber ging Paulus mit uns zu Jakobus, und alle Ältesten kamen dahin. Als er sie begrüßt hatte, erzählte er eines nach dem anderen, was Gott unter den Nationen durch seinen Dienst getan hatte. Sie aber, als sie es gehört hatten, verherrlichten Gott und sprachen zu ihm: „Du siehst, Bruder, wie viele Tausende der Juden es gibt, die gläubig geworden sind.“ Und alle sind Eiferer für das Gesetz, gemeint ist das mosaische Gesetz.

Paulus und sein Missionsteam treffen sich also mit Jakobus und den Ältesten der Gemeinde in Jerusalem. Paulus berichtet von seinen missionarischen Bemühungen, und alle freuen sich. Aber jetzt gibt es ein kleines taktisches Problem. In Jerusalem haben sich viele Juden bekehrt – das ist etwas ganz Großartiges und an sich kein Problem, sondern wirklich absolut positiv. Doch alle diese bekehrten Juden sind Eiferer für das Gesetz, und das ist nun leider nicht mehr so positiv.

Die Herausforderung des mosaischen Gesetzes in der Jerusalemer Gemeinde

Ich muss kurz erklären, was in dieser Gemeinde passiert ist, denn sie hat eine bestimmte Entwicklung durchgemacht. Es ist hilfreich, sich an das zu erinnern, was wir zu Apostelgeschichte 15 gesagt haben.

Damals, in Apostelgeschichte 15, gab es im Norden Syriens eine Gemeinde in Antiochia. In dieser Gemeinde kamen von Jerusalem aus merkwürdige Bibellehrer. In dieser Gemeinde wirkten auch Barnabas und Paulus, und es entstand ein Konflikt. Wir schauen uns diesen Konflikt noch einmal kurz in Apostelgeschichte 15, Verse 1, 2 und 5 an – das dient nur der Erinnerung.

Einige kamen von Judäa herab, also von Jerusalem nach Antiochia, in diese neu gegründete Gemeinde, in der viele Heidenchristen waren. Sie lehrten die Brüder, dass man nicht gerettet werden könne, wenn man nicht nach der Weise Moses beschnitten worden sei.

Als ein Zwiespalt entstand und ein nicht geringer Wortwechsel zwischen diesen falschen Lehrern und Paulus und Barnabas stattfand, ordneten sie an, dass Paulus, Barnabas und einige andere zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem hinaufgehen sollten, um die Streitfrage zu klären.

Ein kleiner Sprung: Einige von denen aus der Sekte der Pharisäer, die gläubig waren, traten auf und sagten, man müsse die Heidenchristen beschneiden und ihnen gebieten, das Gesetz Moses zu halten.

Wegen dieser bekehrten Pharisäer kam es zu dem, was wir heute Apostelkonzil nennen. Dort wurde ganz klar geregelt, was für Heidenchristen gilt. Es wurde entschieden, dass das mosaische Gesetz überhaupt nicht gilt. Niemand muss sich beschneiden lassen oder das mosaische Gesetz halten, um gerettet zu werden.

Das mosaische Gesetz und sein Ablaufdatum

Um das ganz klar zu sagen: Das mosaische Gesetz gehört zum alten Bund. Es hat ein Ablaufdatum, ähnlich wie bei einer Konserve, bei der man nachschaut, wie lange sie haltbar ist.

Das mosaische Gesetz ist nichts, woran sich jemand, der zum neuen Bund gehört, in irgendeiner Weise halten müsste – vor allem nicht bei Dingen wie Beschneidung, Feiertagen, Speisegeboten usw.

In Galater 3,19 heißt es ganz klar: „Was soll nun das Gesetz?“ Gute Frage! „Es wurde der Übertretungen wegen hinzugefügt, bis der Nachkomme kommt, dem die Verheißung galt, angeordnet durch Engel in der Hand eines Mittlers.“ Das ist gute biblische Lehre.

Jetzt kommen aber aus Jerusalem Pharisäer, die sich bekehrt haben. Diese sind überzeugt, dass das mosaische Gesetz weiterhin gilt. Und wie es scheint, können sie sich in Jerusalem, wo sie herkommen, mit ihrer Sicht der Dinge durchsetzen.

Tausende von Juden kommen zum Glauben und übernehmen diese falsche Sicht. So entsteht eine riesige Gemeinde von Judenchristen, die alle Eiferer für das Gesetz sind.

Die Spannung zwischen Paulus und den bekehrten Pharisäern

Ich muss zugeben, ich frage mich schon, wie so etwas funktioniert. Ich weiß es nicht genau, aber ich vermute, dass diese Judenchristen irgendwie verstanden haben, dass Jesus am Kreuz mit seinem Tod alle Opfer erfüllt hat.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass diese Judenchristen noch Tieropfer gebracht haben. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass sie sich zum Beispiel an Feiertage, den Sabbat, Speisegebote oder andere kultische Regeln gehalten haben. Zumindest tauchen diese Themen – woran muss ich mich halten? – immer wieder als Problem in den Gemeinden auf, die Paulus gegründet hat.

Paulus gründet in der heutigen Türkei neue Gemeinden. Im Galaterbrief und im Kolosserbrief finden sich immer wieder Hinweise darauf, dass es dort falsche Lehrer gibt. Diese sagen: „Ihr müsst euch auch dann, wenn ihr jetzt Christen geworden seid, an dies und das aus dem Judentum halten.“

Paulus kann dann im Kolosserbrief, Kapitel 2, Vers 16, ganz deutlich sagen: „So richte euch nun niemand, also lass dich nicht richten von jemandem, der das sagt. So richte dich nun niemand wegen Speise oder Trank oder bezüglich eines Festes oder Neumondes oder Sabbats.“ Da darf dir keiner Vorwürfe machen – das ist weg.

Warum ist das weg? Weil diese kultischen Gebote nicht mehr als ein Hinweis auf Jesus sind. Sie sind wie ein Wegweiser auf den Messias. Sie haben eine prophetische Funktion, den Messias und seine Funktion zu offenbaren. Wenn Jesus kommt, hat niemand mehr, auch wir nicht, etwas mit diesen Geboten zu tun. Wir gehören auch gar nicht mehr in diesen Bund – um das mal ganz deutlich zu sagen.

Aber genau das, also dieses Sich-nicht-mehr-um-diese-Sachen-kümmern-Müssen, haben die Judenchristen in Jerusalem nicht so gesehen. Sie waren Eiferer für das Gesetz. Und das war in Jerusalem selbst überhaupt kein Problem. Es war vielleicht sogar für den Umgang mit den Juden, die dort wohnten, ein Vorteil.

Verstehst du: Wenn du Christ wirst und dich trotzdem noch wie ein guter religiöser Jude verhältst, hat dir das vielleicht ein bisschen weniger Ablehnung eingebracht, weniger Verfolgung, weniger Anecken. Auf alle Fälle war dieses Denken das, was sich im Kopf der bekehrten Pharisäer durchgesetzt hat und sich dann in der Gemeinde als allgemeines Wissen verbreitet hat.

Dummerweise haben diese Leute dann auch noch dafür gesorgt, dass die Gemeinde schlecht über Paulus dachte. Paulus und diese bekehrten Pharisäer – na ja, das war so, dass sie nicht wirklich gut miteinander konnten.

Die Anschuldigung gegen Paulus und seine Verteidigung

Wir lesen in Apostelgeschichte 21, Vers 21. Wir befinden uns noch im Gespräch zwischen Paulus, Jakobus und den Ältesten. Dieses „ihnen“ bezieht sich auf die bekehrten Judenchristen in Jerusalem.

Es ist ihnen aber über dich berichtet worden, dass du alle Juden, die unter den Nationen leben, vom Abfall vom Mose lehrst und sagst, sie sollen weder ihre Kinder beschneiden noch nach den Gebräuchen wandeln.

Man muss sagen, dass das so natürlich nicht stimmt, wie hier behauptet wird. Trotzdem ist etwas an dem, was hier steht, dran. Für Paulus ist ganz klar: Das mosaische Gesetz ist erledigt.

In der Ekklesia des Messias, in der Gemeinde Gottes, gibt es keine Juden mehr oder Heiden. Wir sind alle eins in Christus. Unsere Herkunft spielt, wenn wir uns hier treffen, überhaupt keine Rolle mehr.

Natürlich kannst du als bekehrter Jude deine Kinder beschneiden lassen. Das kannst du tun als Ausdruck einer kulturellen Identität. Du kannst es auch machen, weil es missionarisch wahrscheinlich wirklich schlau ist. Paulus macht das auch mit Timotheus so. Wenn er ihn mitnimmt, sagt er: Um der Juden willen schneiden wir da lieber was ab, dann kommst du da besser an.

Ja, du kannst es machen, aber ganz ehrlich: Du musst deine Kinder nicht beschneiden lassen, auch nicht als Jude. Der bekehrte Jude ist Teil einer neuen Gemeinschaft. Das ist eine Gemeinschaft, in der die Herkunft nicht mehr zählt. Das Einzige, was jetzt zählt, ist der Glaube an Jesus.

In dieser Gemeinschaft zählt eben nicht die Beschneidung der Vorhaut, sondern – und das ist zwingend für alle, die dazugehören wollen – es zählt nur noch die Beschneidung des Herzens.

Genau das wurde jetzt aber in Jerusalem unter den Christen nicht geglaubt. Für sie war Paulus deshalb ein rotes Tuch. Das ist der Grund, warum man über diesen Typen, der so anders und so radikal anders war, dann eben auch Unwahrheiten verbreitet hat.

Eine dieser Lügen war, dass Paulus Juden dazu bringt, sich nicht mehr ans mosaische Gesetz zu halten. Das stimmte nicht, aber es rumorte in der Gemeinde.

Jetzt geben Jakobus und die Ältesten Paulus einen Ratschlag. Das wird richtig merkwürdig.

Für mich, immer wenn ich diesen Text lese, denke ich: Ja, und ihr wisst schon – wenn man so denkt, ist man beim Bibellesen genau richtig. Da muss man ein bisschen dranbleiben und ein bisschen länger darüber nachdenken.

Das ungewöhnliche Vorgehen der Ältesten

 Apostelgeschichte 21, 22 und 23. Was nun? Also, jetzt kommt der Ratschlag. Die ganze Gemeinde in Jerusalem hat eine ganz komische Meinung von dir. Was nun? Jedenfalls werden sie hören, dass du gekommen bist.

Tu nun das, was wir dir sagen. Wir haben hier vier Männer, die ein Gelübde auf sich genommen haben. Nimm diese vier zu dir, reinige dich mit ihnen und trage die Kosten für sie, damit sie sich das Haupt scheren lassen.

Alle werden dann erkennen, dass nichts an dem stimmt, was ihnen über dich berichtet worden ist, sondern dass du selbst auch zum Gesetz stehst und es befolgst.

Merkt ihr, warum das so eine schräge Stelle ist? Für mich hört sich das ehrlich gesagt nach Täuschung an. Ich weiß nicht genau, was ihr denkt, aber für mich klingt es so, als wäre das, was den Paulus hier von den Ältesten und Jakobus geraten wird, eine Täuschung.

Worum geht es? Es geht darum, dass vier Judenchristen ein alttestamentliches Nazireer-Gelübde auf sich nehmen. Am Ende dieses Gelübdes muss man Opfer bringen und sich die Haare abschneiden lassen.

Paulus soll diese vier Leute zu sich nehmen und für diese Reinigungszeremonie die Kosten tragen, was übrigens nicht ganz unerheblich war. Damit ihr eine Vorstellung habt: Wenn sich ein Nazireer am Ende hat reinigen lassen, dann waren dafür ein männliches Lamm, ein weibliches Lamm, ein Widder und noch eine ordentliche Portion Speise- und Trankopfer nötig.

Und das musst du für vier Leute zahlen. Also richtig viel Geld. Sie sagen also: "Nimm mal richtig Geld in die Hand, damit auch alle sehen, wenn du die Kosten für die Reinigung übernimmst."

Was sollen die Leute sehen? Sie sollen erkennen, dass nichts an dem stimmt, was ihnen über dich berichtet worden ist, sondern dass du selbst auch zum Gesetz stehst und es befolgst.

Versteht ihr, was ich mit Täuschung meine? Jakobus und die Ältesten bitten Paulus, sich so zu verhalten, dass man denken könnte, er würde selbst auch zum Gesetz, zum mosaischen Gesetz, stehen und es befolgen. Aber das stimmt ja so nicht.

Ja, es sieht vielleicht in diesem Moment so aus, als würde er großzügig die Kosten für dieses Nazireer-Gelübde übernehmen. Aber Paulus tut nur so, als wäre er ein gesetzestreuer Jude.

Versteht ihr? Es ist nur eine "Tun als ob"-Frage.

Paulus folgt dem Rat der Ältesten

Warum lässt sich Paulus auf so etwas ein? Und er lässt sich darauf ein – das heißt hier in Apostelgeschichte 21,26: "Dann nahm Paulus die Männer zu sich, und nachdem er sie am folgenden Tag gereinigt hatte, ging er mit ihnen in den Tempel und kündigte die Erfüllung der Tage der Reinigung an, bis für jeden von ihnen das Opfer dargebracht war." Also er macht genau das.

Die Frage ist: Warum tut er das? Die ganz einfache Antwort zunächst ist: Weil die Ältesten ihn darum bitten. Vielleicht erscheint dir diese Antwort ein bisschen zu einfach oder sogar doof. Lass mich das erklären.

Die Ältesten kennen ihre Gemeinde, sie tragen die Verantwortung, und es ist immer richtig, sich einer Ältestenschaft unterzuordnen. Auch dann, wenn ich im ersten Moment nicht genau verstehe, warum sie mich bitten, genau das zu tun, was ich tun soll. Mein Tipp: Wenn Älteste auf dich zukommen und dich um etwas bitten – das kann zum Beispiel durch eine Ansage geschehen, wie wir es vorhin gehört haben – dann mach es.

Hier haben wir es mit einer wirklich sehr komplizierten Gemengelage zu tun. Die Ältesten verstehen schon, wie Paulus tickt. Gleichzeitig wissen sie aber auch, welche Gerüchte im Umlauf sind. Sie überlegen jetzt: Wie können wir es schaffen, dass Paulus trotzdem, obwohl ihn quasi keiner hier mag, irgendwie zum Segen für die Gemeinde wird? Wie können wir seinen wirklich angeschlagenen Ruf so weit aufbessern, dass die Kräfte in der Gemeinde, die vielleicht weniger radikal sind, ein paar gute Argumente bekommen, um für Paulus einzutreten?

Das ist das Überlegen der Ältesten.

Die schwierige Situation der Jerusalemer Gemeinde

Und jetzt kann man sich natürlich die Frage stellen: Warum gehen diese Ältesten eigentlich nicht aktiv gegen all die Judenchristen vor, die Eiferer für das Gesetz sind? Wäre es nicht viel sinnvoller zu sagen: „Hey, wir machen nächsten Samstag ein Seminar über den Fortbestand beziehungsweise Nichtfortbestand des mosaischen Gesetzes!“ Wir grätschen jetzt mal hier so richtig in die Gemeinde rein, mit der ganzen Wucht unserer apostolischen Autorität, und bringen alles durcheinander. Versteht ihr, was ich meine? Warum machen die das nicht? Warum starten sie stattdessen so ein Täuschungsmanöver?

Und damit ihr mich richtig versteht: Es ist keine Sünde, das mosaische Gesetz zu halten. Wer so etwas tut, der ist in den Augen von Paulus ein Schwacher im Glauben, aber er begeht keine Sünde. Aber wenn das jetzt dazu führt, dass sich eine ganze Gemeinde in Richtung – ich nenne das mal – ungesunden Extremismus entwickelt, müsste man dann nicht spätestens von Seiten der Leiterschaft gegensteuern?

Und die Antwort lautet: Vielleicht. Ganz ehrlich, ich bin froh, dass ich nicht in so einer Situation stehe und als Teil einer Leitungsmannschaft genau das entscheiden muss. Wisst ihr, jede Gemeinde – also auch jede Gemeinde – ist ein klein bisschen im Fluss. Wir haben immer eine Gemeindebiografie, die uns wahrscheinlich mehr prägt, als es der Gemeindeleitung manchmal lieb ist.

Dann gibt es noch – und das ist noch viel schlimmer, weil es in unserer Zeit noch viel stärker geworden ist – Strömungen von außen. Der Zeitgeist kann manchmal so sein, dass er sein Unwesen treibt. Im Fall der Gemeinde in Jerusalem ist es der alte Bund. Der ist ja noch da. Ihr müsst euch vorstellen: Da steht noch ein Tempel, da gibt es noch einen Hohenpriester, da werden morgens und abends Opfer gebracht, da finden die Festversammlungen noch statt, da ist Pessach – da ist immer richtig was los.

Im Schatten eines existierenden Judentums entsteht jetzt Gemeinde. Eine Gemeinde, die natürlich besondere Fragen hat. Diese Gemeinde in Jerusalem muss sich mit Fragen auseinandersetzen, die in einer Gemeinde in Ephesus überhaupt nicht relevant sind. Die haben richtig streng gläubige jüdische Verwandte und Arbeitgeber, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen. Sie haben gerade eine sehr präsente jüdisch-nationalistische Strömung, die alle umbringen will, die irgendwie keine „richtigen“ Juden sind.

Und da hinein entsteht jetzt Gemeinde. Ich kann gut verstehen, dass jemand sagt: „Hey, ich habe mich zwar bekehrt und ich möchte auch mit Jesus leben, aber ich tue mich gerade wirklich schwer, mich von diesem alten Judentum so weit zu distanzieren, wie das vielleicht richtig wäre.“ Dann kommen die Pharisäer, die sowieso gut reden können und ihre Argumente bringen. Du hast einfach so eine Gemengelage, in der du als Ältester davorstehst und sagst: Hm, spannende Gemeinde im Fluss.

Ich muss als Gemeindeleitung immer überlegen: Welches Fass mache ich eigentlich jetzt auf? Wer nie Gemeindeleitung gemacht hat, weiß nicht, wovon ich spreche. Aber glaubt mir, es ist nicht easy. Welches Fass mache ich auf? Es gibt Fässer, die muss ich sofort aufmachen, überall da, wo grobe Sünde ist und grobe Irrlehre, wo es ums Evangelium geht. Und dann gibt es vielleicht Fässer, bei denen man sich sagt: Na ja, muss jetzt nicht sein, vielleicht sitzen wir das aus, warten wir mal noch ein bisschen.

Der Umgang mit dem mosaischen Gesetz in der Gemeinde in Jerusalem ist so ein Punkt. Das scheint den Leuten ein Stück weniger wichtig gewesen zu sein. Natürlich bin ich beim ersten Lesen total überrascht, weil Paulus im Galaterbrief genau gegen die Einführung des mosaischen Gesetzes in der Gemeinde dort vor Ort schießt. Da kommen falsche Lehrer, wahrscheinlich aus Jerusalem, und sie versuchen, die Heidenchristen davon zu überzeugen, dass sie sich ans mosaische Gesetz halten müssen. Paulus kriegt das mit, ist stinkesauer und schreibt wahrscheinlich den feurigsten und brutalsten Brief, den Galaterbrief. So ohne Einführung, zack rein: „Was macht ihr hier? Wie kann das sein, so schnell vom Glauben abfallen? Habt ihr sie nicht mehr alle?“ Nur vom Ton her, das Wort ist ein bisschen anders.

Und die Frage ist: Wo ist jetzt der Unterschied? Warum macht er auf der einen Seite bei den Galatern so ein Fass auf und hier macht er mit? Die Antwort ist wahrscheinlich die: Die Judenchristen, die hier Eiferer für das Gesetz sind, haben genau verstanden, dass sie durch das Halten des Gesetzes nicht gerechtfertigt werden. Wenn sie das nicht verstanden hätten, dann wäre Paulus reingegangen wie ein Stier, wie so ein wilder Stier.

Das ist nämlich genau das Problem im Galaterbrief, Galater 5,4, damit wir das Problem einmal sehen: „Ihr seid von Christus abgetrennt, die ihr im Gesetz gerechtfertigt werden wollt.“ Achtet auf das Wort „gerechtfertigt“. Das ist das entscheidende Wort. Du willst gerettet werden, du willst von deinen Sünden freigemacht werden durch das Halten des Gesetzes. Hier schmeiß ich den Glauben raus und hol das mosaische Gesetz rein – und das darf ich nicht tun.

„Ihr seid von Christus abgetrennt, die ihr im Gesetz gerechtfertigt werden wollt, ihr seid aus der Gnade gefallen.“ Das heißt: Ich kann als Christ, als bekehrter Christ, auf zweierlei Weise mit dem mosaischen Gesetz umgehen.

Unterschiedliche Umgangsweisen mit dem Gesetz

Ich kann das an Apostelgeschichte 15 erklären. Ich könnte mich hinstellen und sagen: Wenn ihr Heidenchristen nicht nach der Weise von Mose beschnitten seid, könnt ihr nicht gerettet werden. Versteht ihr? Das mosaische Gesetz, das Halten des mosaischen Gesetzes wird dann heilsnotwendig.

Wenn ich das glaube, ist das Christentum einfach ein Judentum 2.0, also eine verbesserte Form. Aber der Herr Jesus hat gesagt: Nein, das ist es nicht. Neuer Wein muss in neue Schläuche. Ganz genau, deswegen ist es eben nicht einfach nur eine Weiterentwicklung, sondern es kommt etwas Neues.

Wer auf diese alte Weise denkt, er müsse nur das Gesetz halten, um mit Gott im Reinen zu sein, und sich so gerechtfertigt sehen will, der ist tatsächlich aus der Gnade gefallen. Das ist der falsche Umgang mit dem mosaischen Gesetz. Dagegen schießt Paulus richtig scharf.

Ich kann mich aber auch hinstellen und die Rettung aus Gnade durch Glauben predigen und dann trotzdem darauf bestehen, dass Christen möglichst viel vom mosaischen Gesetz halten sollen. Dass einem Christen verordnet wird, so viel wie möglich davon zu befolgen.

Wenn ihr solche Leute sucht: YouTube ist voll davon! Voll von solchen Leuten, die ich Judaisten nenne. Das sind Leute, die dir erklären, warum du als Christ kein Schweinefleisch essen darfst, kein Mischgewebe tragen darfst, den Sabbat feiern sollst oder irgendwelche anderen jüdischen Feste. Solche Leute gibt es zuhauf auf YouTube.

Das macht es nicht besser. Es zeigt einfach nur, wie sehr man aufpassen muss, wenn man sich andere Predigten anhört. Da kann viel Falsches dabei sein.

Der Punkt ist: Du kannst das tun. Du kannst das tun, wenn du überzeugt bist, dass du kein Schweinefleisch essen, den Sabbat halten und kein Mischgewebe tragen sollst. Wenn du das glaubst, dann würde ich von hier vorne sagen: Just do it, ist mir egal.

Das ist nicht das, wogegen Paulus vorgeht. Versteht ihr? Ganz spannend ist Römer 14. Dort stellt sich Paulus sogar vor solche Leute und schützt sie.

Ich hatte schon gesagt: Wenn du das glaubst, bist du ein Schwacher im Glauben, weil du das Evangelium einfach nicht in seiner ganzen Tiefe verstanden hast. Solche Leute gehören natürlich, das steht in Römer 14, Vers 1, nicht in die Gemeindeleitung.

Dort heißt es: "Den Schwachen im Glauben aber nehmt auf, doch nicht zur Entscheidung zweifelhafter Fragen."

Solche Leute, die so denken wie die Christen hier in Jerusalem, gehören nicht in die Gemeindeleitung. Aber sie sind nicht sündig und auch nicht böse. Sie sind vielleicht ein bisschen engstirnig oder merkwürdig, aber das ist nicht schlimm.

Deswegen besteht, das war ja die Frage, warum die Ältesten hier nicht einschreiten: Es besteht kein akuter Handlungsbedarf.

Ich kann als Gemeindeleitung damit leben, dass es in meiner Gemeinde Geschwister gibt, die merkwürdige Ansichten haben. Ich kann damit leben, solange ich selbst nicht zu den Schwachen im Glauben gehöre.

Noch einmal: Die Schwachen im Glauben nehmt auf. Sie gehören dazu, aber nicht zur Entscheidung zweifelhafter Fragen. Das können sie nicht, da fehlt ihnen einfach das geistliche Know-how.

In einer Leitung hat ein Schwacher im Glauben nichts verloren. Warum? Weil ihm sein zu enges Gewissen einfach im Wegsteht.

Die Haltung der Ältesten und der Beschluss des Apostelkonzils

Das ist allerdings bei Jakobus und bei den Ältesten überhaupt nicht der Fall. Wisst ihr was? Sie bestätigen Paulus noch einmal ausdrücklich die Ergebnisse des Apostelkonzils. Sie sagen extra noch einmal: „Hey, nicht, dass du denkst, wir sind da jetzt auch mitgekippt.“ Überhaupt nicht.

In Apostelgeschichte 21,25 heißt es: „Was aber die Gläubigen aus den Nationen betrifft, so haben wir geschrieben und verfügt, dass sie sich sowohl vor dem Götzenopfer als auch vor Blut, Ersticktem und Unzucht hüten sollen.“ Das war der Beschluss aus Apostelgeschichte 15, der hier einfach noch einmal wiederholt wird. Also keine Änderungen des Beschlusses.

Die Ältesten selbst – und das ist wichtig – sind keine Eiferer für das Gesetz. Trotzdem, und das ist jetzt der Clou, kennen sie natürlich ihre Gemeinde. Sie wissen, wie ihre Gemeinde tickt, und sie wissen, was in dieser Situation jetzt dran ist.

Meine Frage war am Anfang: Warum macht Paulus bei einem Quasitäuschungsmanöver mit? Eine Sache, um die es hier wirklich geht, ist: Ich ordne mich den Ältesten unter. Ich weiß einfach, dass da Leute sind, die die Verantwortung tragen, und ich mache es ihnen leicht.

Gleichzeitig hat sein Verhalten natürlich ganz viel mit Liebe zu tun. Wenn ich auf Christen treffe, die ganz anders ticken, und es gibt ja eine Myriade von Themen, bei denen Leute anders ticken können – das kann das Thema Geistesgaben sein, wie man diese auslebt, oder die Kleiderordnung, Verhütungsmittel, oder die Frage, welche Bibelausgabe die richtige ist.

Ihr habt anscheinend gerade das Thema am Wickel: Wie laut darf der Lobpreis sein? Man trifft in der Gemeinde, wenn sie dreihundert Leute stark ist, ungefähr auf dreihundert Meinungen. Diese müssen jetzt zusammenfinden.

Oder eine andere Frage: Was mache ich in Fällen, wo es sich – und jetzt kommt ein theologischer Fachbegriff – um Mitteldinge handelt? Mitteldinge sind Dinge, die keine Sünde sind, die man aber je nach Autobiographie, Herkunft und theologischer Strömung sehr unterschiedlich bewerten kann.

Wie gehen wir damit um, wenn wir feststellen, dass wir unterschiedlich sind? Die Bibel rät uns an dieser Stelle, einander nicht zu verachten. Das heißt: Die Starken sollen die Schwachen nicht verachten, und die Schwachen sollen die Starken nicht richten.

Sondern – und das ist das Besondere an der Gemeinde in meinen Augen – jeder soll nach seinem Gewissen leben, also nach dem, was er denkt. Er soll in seinem eigenen Denken völlig überzeugt sein.

Versteht ihr das gut? Du bist mit deinem Leben als Christ nur einem Herrn verantwortlich, nämlich dem Herrn Jesus. Du musst nicht mir gefallen, du musst Jesus gefallen. Und du wirst auch nicht mir Rechenschaft geben, sondern dem Herrn Jesus für die Art und Weise, wie du gelebt hast.

Und das ist der Punkt, an dem wir uns hier treffen. Wir haben diese Unterschiedlichkeit, und wir merken, wie Paulus sehr weit geht und sich auf eine sehr merkwürdige Weise verhält, um dieser Gemeinschaft irgendwie gerecht zu werden.

Das Einzige, worauf ich in so einer Gemeinschaft achten muss, ist: Ich darf meine Freiheit nicht nehmen, um einem anderen, der ein engeres Gewissen hat, zum Anstoß zu werden.

Achtung: Anstoß heißt hier nicht, dass es in meinem Magen grummelt, oder ich nicht verstehe, warum du das so tust, oder ich mir das anders wünschen würde, oder ich aus einer anderen Tradition komme. Das ist alles kein Anstoß.

Anstoß ist der Anstoß zur Sünde, der zum Glaubensabfall führt. Wenn du denkst, man darf als Christ keinen Alkohol trinken, und ich komme und überrede dich, gegen dein Gewissen trotzdem zu trinken, und du tust es, weil du mir gefallen möchtest – aber die ganze Zeit hast du ein schlechtes Gewissen –, dann versündigst du dich an dem Herrn Jesus, weil er dein Herr ist und du mir gefallen willst.

Wenn ich das weiß, darf ich dich nicht dazu bringen, das zu tun. Das ist das Einzige, worauf wir wirklich aufpassen müssen.

Genau das hat Paulus verstanden. Wenn er sich auf das Nazireergelübde einlässt, also genau das tut, was ein typischer Judenchrist in Jerusalem tun würde, dann tut er das aus einem ganz einfachen Grund: Er tut es, weil er die Geschwister liebt.

Versteht ihr? Paulus kann sich zurücknehmen. Er kann auf seine eigene Freiheit verzichten und sie beschneiden, um dadurch eine Grundlage zu schaffen, auf der er den Geschwistern in Jerusalem dient.

Wenn ich das lese, fühlt sich das bis heute ein bisschen komisch an. Aber ich bin auch froh, dass es sich komisch anfühlt. Einerseits ist das weit weg, andererseits merke ich, wie weit ich gehen darf, wenn es um Rücksichtnahme und Liebe geht.

Wenn Paulus den Judenchristen in Jerusalem dienen will, dann muss er sich auf sie einlassen. Genau das tut er.

Die Herausforderung für heutige Gemeinden

Und jetzt dürfen wir uns fragen: Wo stehen wir in einer ganz ähnlichen Situation?

Nochmal: In einer Gemeinde wie eurer wird es viele unterschiedliche Meinungen geben, sogar verschiedene theologische Strömungen.

Und jetzt ist die Frage, die ich in den Raum stellen möchte – nehmt diese Frage mal mit, ausgehend von diesem Text: Wie weit lehnt sich Paulus hier aus dem Fenster? Wie weit verleugnet er seine innerste Überzeugung?

Und die Frage ist: Habe ich den Wert von Einheit verstanden? Habe ich verstanden, dass ich mit meiner Sicht immer begrenzt bin? Du siehst immer nur einen Teil von dem Ganzen.

Habe ich verstanden, dass eine Gemeinde immer im Fluss ist und dass es definitiv nicht meine Aufgabe ist, an den Ältesten vorbei mein Ding zu drehen, um die Gemeinde so zu verändern, wie ich sie gerne hätte?

Ich bin – muss ich ganz ehrlich sagen – von Paulus und seinem Pragmatismus hier begeistert. Auf der einen Seite weiß ich, er kämpft ohne Gnade, im Galaterbrief, im Kolosserbrief, ohne Gnade gegen Sünde. Da, wo jemand kommt und sagt, das mosaische Gesetz sei heilsnotwendig, da haut er dir die Füße weg.

Und auf der anderen Seite kann er sich zurücknehmen. Er kann auf sein Recht zum Wohl einer Gemeinschaft verzichten.

Und wisst ihr was? Es ist zum Wohl der Gemeinschaft, die an Pfingsten entstanden ist. Es ist die Ekklesia des Messias. Und es ist unsere Aufgabe, das, was an Pfingsten an Gemeinschaft entstanden ist, zu schützen.

Oder lasst es mich so sagen: Gott hat durch seinen Geist an Pfingsten Einheit geschaffen, und unser Job ist es, diese Einheit in Liebe zu bewahren. Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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