
Freiheit! Aus der Hoffnung heraus leben | Galater
Begrüßung und Einführung in den Gottesdienst
Wunderschönen guten Morgen! Auf die Sekunde genau gehen wir los, und alle sind ganz leise – wunderbar, so mag ich das. Es freut mich sehr, dass du heute Morgen hier bist und wir gemeinsam Gottesdienst feiern dürfen.
Herzlich willkommen an alle Gäste, die heute Morgen mit uns Gottesdienst feiern möchten. Schön, dass ihr da seid!
Wir wollen heute zusammen Gottes Wort hören, gemeinsam singen und beten. Es wird also ein richtiger Aktivgottesdienst. Es gibt ja Veranstaltungen, bei denen man sich eher passiv beschallen lässt, zum Beispiel ein Konzert. Das kann man zwar auch aktiv in der Seele genießen, aber meistens geht man dort eher hinein, um sich passiv berieseln zu lassen.
Heute ist das anders: Es ist ein Aktivgottesdienst. Wir wollen aktiv singen, aktiv beten und auch das Zuhören soll aktiv sein, wenn wir auf Gottes Wort hören.
Damit alle ein bisschen wach werden – wir haben ja den zweitlängsten oder längsten Tag des Jahres mit einem ganz langen Abend hinter uns. Vielleicht hat der eine oder andere gestern Abend ein Lagerfeuer gemacht oder eine ähnliche Veranstaltung besucht.
Darum lasst uns jetzt aufstehen und gemeinsam im Gottesdienst mit einem Lied beginnen: „Kommt, preist und lobet unseren Gott!“ Danach geht es im Gottesdienst weiter.
Preist und lobet unseren Gott, den Vater, unser Segen. Durch Christus wird sein Segen auf uns gestellt, uns an uns geht, zum Lunder, du schwingst du. Sie schuld an Beständen und dem Glauben in Gott hält uns fest das Eigentum.
Bibelwort und thematische Ausrichtung des Gottesdienstes
Ja, ich möchte den Gottesdienst heute Morgen unter ein Bibelwort stellen, das wir in 1. Timotheus 1,15 finden. Es passt zu dem, was wir in der letzten Strophe auch gesungen haben: Wir wollen fest auf sein Wort vertrauen. Warum? Weil es uns genau so in seinem Wort gesagt wird.
In 1. Timotheus 1,15 lesen wir: „Ja, Jesus Christus ist in die Welt gekommen, um Sünder zu retten.“ Auf dieses Wort ist Verlass, denn es ist eine Botschaft, die vollstes Vertrauen verdient.
Diese Botschaft wollen wir auch heute Abend hören. Nachdem ich jetzt mit uns bete und wir noch zwei Lieder singen, wird uns Sebastian am Wort dienen. Wir werden von ihm die Predigt hören. Dabei ist auch unser aktives Zuhören gefragt, damit wir uns von seinem Wort wirklich verändern, zurechtweisen und stärken lassen.
Dieser Botschaft wollen wir dann zuhören, denn sie verdient unser vollstes Vertrauen.
Im zweiten Teil wollen wir gemeinsam das Abendmahl feiern. Dabei wollen wir daran denken, was Jesus Christus für uns getan hat, als er in die Welt kam, um dich und mich zu retten, obwohl wir nur Sünder waren.
Eröffnungsgebet und Lobpreis
Wer kann, möge bitte aufstehen. Ich möchte gerne mit uns beten.
Danke, mein Vater, dass du uns dein Wort gegeben hast und dass wir es noch hören dürfen. Danke, dass wir uns in Freiheit versammeln dürfen. Danke für jeden Einzelnen, der heute Morgen hier ist und den du hergeführt hast, Herr. Danke, dass wir zusammen Gottesdienst feiern dürfen.
Wir dürfen dich anbeten und uns freuen, dass du deinen Sohn auf diese Welt gesandt hast, Herr, um Sünder zu retten. Jeder Einzelne von uns ist wirklich der Größte, wie Paulus auch sagt. So dürfen wir uns einfach an dieser Gnade erfreuen, die du uns geschenkt hast.
Im zweiten Teil, beim Abendmahl, wenn wir es feiern, dürfen wir daran denken, was es dich gekostet hat, uns zu retten. Wir wollen dir danken, dass wir die Möglichkeit haben, dich wirklich anzubeten – auch an diesem Morgen, indem wir aufmerksam zuhören, was dein Wort uns zu sagen hat. Wir wollen uns bereitwillig von dir verändern lassen, Herr, durch dein Wort, und bitten dich um deinen Segen.
Bitte segne uns, wenn du durch Sebastian zu uns sprichst. Bereite unsere Herzen vor und öffne unsere Ohren, damit wir aktiv zuhören, was du zu uns sagen möchtest. Ich bitte dich auch um deinen Segen für die Kinderstundenmitarbeiter. Mögest du durch sie zu den Herzen der Kinder sprechen, damit sie dich früh erkennen, dich von ganzem Herzen lieben und dir nachfolgen.
Danke für diesen Morgen, danke, dass du da bist und dass wir dir zu Ehren diesen Gottesdienst feiern dürfen. Amen.
Nun wollen wir zusammen noch ein Lied singen. Lasst uns mit Jauchzen erheben und danach das Kinderlied singen, mit dem wir die Kinder in der Kinderstunde begleiten dürfen – an der Hand eines Starken zu gehen. Anschließend werden wir zusammen die Predigt hören.
Lasst uns zusammen singen, diesmal dürfen wir dabei sitzen bleiben. Schön, dass ihr da seid.
Vorbereitung auf die Predigt und Gebet um Gottes Wort
Ich möchte noch einmal mit uns beten. Ihr könnt sitzen bleiben.
Herr Jesus, wir stehen als Bettler vor dir, weil wir Worte aus der Ewigkeit für unser Leben brauchen. Herr, ich bitte dich wirklich, in unser Leben hineinzusprechen. Nicht menschliche Weisheiten oder Ähnliches, sondern deine Wahrheit.
Ich bitte dich, dass dein Wort die Mauern unseres Herzens durchbricht, dass es hindurchkommen und unsere Herzen verändern kann. Herr, ich bitte dich, dass alles, was geschieht, dazu dient, uns zu dir hin auszurichten, uns näher zu dir zu bringen und dass du groß wirst.
Herr, ich bitte dich, dass du uns alle hier zusammen segnest und dass du da bist, Herr. Amen.
Erinnerung an die persönliche Wiedergeburt und Einführung in den Galaterbrief
Ich habe eine Aufgabe für dich, sofern das in deinem Leben Realität ist. Ich möchte dir einen kurzen Moment geben, in dem du dich an deine Wiedergeburt erinnerst.
Falls es bei dir eher ein Prozess war, dann denke vielleicht an den Moment zurück, in dem du zum ersten Mal richtig bewusst verstanden hast, was Jesus für dich am Kreuz getan hat und was es bedeutet, dass er dich errettet hat.
Wenn wir zurückdenken an die letzte Predigt über den Galaterbrief – das ist schon eine Weile her –, vielleicht hast du sie noch im Kopf. Dort wurdest du zum Vater gebracht und durftest verstehen, dass du wirklich Kind und Sohn Gottes bist. Erinnerst du dich daran? Nimm dir einen kurzen Moment und frage dich, wie es dir damals ging.
Falls das in deinem Leben noch keine Realität ist, dann hör gerne weiter zu. Heute wirst du vielleicht verstehen, warum das so ein großartiger Moment ist. Für alle anderen hoffe ich, dass du jetzt ein Bild davon hast und dich daran erinnerst.
Ich gehöre eher zu der zweiten Gruppe, die schon immer mit dem Glauben in Berührung war und für die es eher ein Prozess war, das alles zu verstehen. Trotzdem weiß ich heute noch genau einen Moment, in dem ich tief in Sünde gefallen war und etwas getan habe, wozu ich mir nicht zugetraut hätte, dass ich dazu in der Lage bin.
Ich saß im Zug von Hasburg nach Nürnberg, auf dem Weg in die Eifel, und las in der Bibel im Römerbrief. Es war einige Tage danach, und die Tage zuvor waren geprägt von Zweifeln und Schock. In diesem Moment wurde mir klar, was Jesus wirklich getan hat: dass er gerade für diese Schuld am Kreuz gestorben ist, dass er mich liebt, und dass ich jetzt nichts mehr beweisen muss. Er nimmt mich wieder an.
Das war dieser Moment, in dem ich bewusst spürte: Ich darf zu Hause beim Vater sein, ich darf bei ihm sein. Er hat wirklich bezahlt.
Warum hat sich dieser Moment bei mir so eingebrannt, obwohl er viele Jahre zurückliegt? Und warum hat sich bei dir vielleicht jener Moment eingeprägt, an den du gerade denkst? Ich glaube, es liegt daran, dass so viel Last abgefallen ist. Wir sind in diesem Moment wirklich nach Hause gekommen, haben Heimat gefunden und gewusst, dass wir zu Gott gehen dürfen.
Der Moment mag bei dir ein paar Wochen oder Monate zurückliegen, vielleicht Jahre oder sogar Jahrzehnte, aber er ist doch so besonders.
Mit allem, worüber ich gesprochen habe, ist es ein Moment von Freude und Glück. Ein Moment, in dem alles anders wird und sich das Leben verändert. Ein Moment, in dem wir nach Hause gekommen sind.
Einführung in das Thema des Galaterbriefs und Überblick über die Predigt
Warum beginne ich damit? Die Gemeinde in Galatien, über die wir heute weiter sprechen wollen, hatte auch so einen Moment. Einen Moment, in dem sie verstanden hat, was es bedeutet, dass Jesus für sie gestorben ist. Einen Moment, in dem sie das Zentrum des Evangeliums erkannt hat. Dieser Moment hat ihr Leben auf den Kopf gestellt und alles verändert.
Sie hatten diesen Moment, doch ein großes Problem steht bevor. Heute werden wir uns im Galaterbrief, zumindest nach meinem Plan, einen umfangreichen Abschnitt anschauen. Wir werden Galater 4,8 bis 5,12 betrachten. Ihr merkt schon, dass das viel ist.
Ich werde den ganzen Text nicht auf einmal lesen, sondern wir arbeiten uns Stück für Stück durch. Dabei will ich nicht zu sehr in die Details gehen, sondern euch die große rote Linie zeigen, mit der Paulus hier argumentiert. Die Details sind zwar wertvoll und könnten eigene Predigten füllen, aber manchmal verlieren wir den Überblick, weil wir uns zu sehr auf eine kleine Esche konzentrieren und den Wald drumherum nicht mehr sehen.
Darum geht es mir heute: Ich möchte mit euch genau da hineinschauen.
Erinnerung an die frühere Lebenssituation der Galater
Schlagt mit mir auf, wenn ihr mitlesen wollt: Galater 4,8-9.
Ja, es wird heute ein bisschen Konzentration erfordern, wenn ihr am Text bleiben wollt. Aber ich versuche, es so angenehm wie möglich zu gestalten.
Galater 4,8-9:
„Aber zu der Zeit, als ihr Gott noch nicht kanntet, dientet ihr denen, die in Wahrheit keine Götter sind. Nachdem ihr aber Gott erkannt habt, ja vielmehr von Gott erkannt seid, wie wendet ihr euch dann wieder den schwachen und dürftigen Mächten zu, denen ihr von neuem dienen wollt?“
Paulus ruft den Galatern diesen Moment in Erinnerung, über den wir gerade gesprochen haben. Er sagt: Es gab eine Zeit in eurer Vergangenheit, da habt ihr fremden Göttern gedient.
Die Galater waren eine heidnische Gemeinde, die wahrscheinlich wirklich Jupiter, Zeus oder anderen Göttern nachgelaufen sind – wen genau, wissen wir nicht. Paulus stellt klar: Das ist eure Vergangenheit.
Dann gab es einen Moment, in dem ihr verstanden habt, wer wirklich Gott ist. Oder besser gesagt, Gott ist in euer Leben gekommen und hat euch als seine Kinder anerkannt.
Genau das beschreibt Paulus ein paar Verse zuvor, wo er sagt, dass sie nach Hause zum Vater gekommen sind und Söhne Gottes geworden sind.
Dieser Moment war bei den Galatern da – doch jetzt ist etwas passiert.
Warnung vor dem Abdriften in Gesetzlichkeit
Paulus sieht eine große Gefahr. Die Verse, die wir jetzt betrachten, gehören zu den eindringlichsten im gesamten Neuen Testament. Paulus ringt mit Leib und Leben darum, dass die Galater nicht in eine andere Richtung abdriften.
Es scheint eine Gefahr zu bestehen, nämlich dass die Galater den entscheidenden Moment vergessen, den ich euch gerade in Erinnerung gerufen habe. Sie fangen an, wieder Dingen nachzulaufen, die ihnen nicht helfen können. Es sieht so aus, als wären sie auf dem Weg zurück in die Vergangenheit. Sie wollen wieder Dinge tun, die nicht retten können – zurück in diese Verzweiflung.
Welche Gefahr ist das? Wir schauen uns noch die Verse 10 und 11 an, weil Paulus dort beschreibt, worum es geht: "Ihr haltet bestimmte Tage ein und Monate und Zeiten und Jahre. Ich fürchte vor euch, dass ich vielleicht vergeblich an euch gearbeitet habe."
Wenn Paulus davon spricht, dass sie sich wieder diesen schwachen Mächten zuwenden, wäre mein erster Gedanke, dass sie wieder anfangen, heidnischen Göttern zu opfern oder in tiefer Sünde zu leben. Doch der Gedanke, den Paulus hier aufwirft, ist ein anderer.
Paulus wirft den Galatern vor – und das ist im Gesamtkontext des Briefes sehr eindeutig, aber auch hier skizziert –, dass sie anfangen, in einem Kreislauf von Regeln und Leistung sich wieder etwas verdienen zu wollen. Warum? Weil sie Feiertage hochhalten, Monate hochhalten. In den nächsten Versen werdet ihr sehen, dass auch die Beschneidung ins Spiel gebracht wird.
Diese Themen haben nicht unbedingt, vor allem was die Beschneidung betrifft, mit Heidentum zu tun, sondern mit dem Judentum. Paulus sagt, die Galater laufen Gefahr, den Moment ihrer Wiedergeburt zu vergessen – den Moment, in dem Jesus sie errettet hat – und sich wieder an schwache Dinge zu binden.
Dabei hat Paulus grundsätzlich nichts gegen die Beschneidung. Er lässt sogar Titus beschneiden, wenn man in die Apostelgeschichte schaut. Auch hat Paulus nicht unbedingt etwas dagegen, den Sabbat oder Sonntag zu halten. Sein Problem ist vielmehr, wenn dieser Moment der Wiedergeburt in den Hintergrund gedrängt wird.
Was Paulus hier tut, ist, dass er Gesetzestreue auf eine Stufe mit Götzendienst stellt. Er erinnert daran, dass die Galater früher Göttern gedient haben, die keine Götter sind – und das waren bei ihnen ziemlich sicher heidnische Götter. Jetzt stehen sie in der Gefahr, in ein Regelwerk abzurutschen, das auch nicht besser ist. Es sind ebenfalls nur schwache, dürftige Mächte, die keine Kraft haben zu retten.
Schlägt das nicht ein wie eine Bombe? Ich hatte zunächst gedacht, das Thema könnte langweilig sein, weil es im Galaterbrief oft darum geht, das Gesetz zu überbewerten. Doch wenn Paulus fast den ganzen Brief und hier zentrale Kapitel darauf verwendet, dann ist es kein kleines Thema. Es ist ein Riesenthema.
Die Versuchung eines regelbasierten Glaubenslebens
Wie kann man sich diese alten Mächte vorstellen, wenn man hier die Monate anschaut und so weiter, die Paulus aufzeigt? Ihr werdet dann noch deutlicher sehen, dass es um das Abarbeiten einer Checkliste geht oder um ein Prüfprotokoll oder Ähnliches. So würde ich das sehen: Ich habe eine Liste, das muss ich tun, und dann passt es in mein Leben.
Das steht in einem großen Kontrast zu dem, wovon er im Galaterbrief immer wieder spricht, nämlich wie unser Leben eigentlich aussehen sollte. Es ist ein Leben im Geist, ein Leben aus der Gnade, ein Leben im Glauben, ein Leben, das aus der Hoffnung heraus lebt. Paulus setzt diese beiden Wege zueinander in Kontrast.
Warum besteht die Gefahr, dass die Galater in diese Richtung abdriften? Ich sage es euch: Weil es so viel leichter ist, nach einer Checkliste zu leben. Es ist so viel leichter zu sagen: „Tu dies, tu jenes und alles.“ Leben im Geist, Leben im Glauben, Leben aus der Hoffnung – das kann ich nicht greifen. Wann passt das denn? Wann erfülle ich es? Wann habe ich es geschafft? Wenn ich einen Haken setzen kann, dann habe ich es erledigt und fühle mich vielleicht gut.
Und Paulus sagt: „Ihr Galater, ihr seid wieder auf dem Weg.“ Ich versuche es mit meinen Worten zu erklären: Liebe Galater, warum verlasst ihr die Beziehung zu einem liebenden Vater und fangt wieder von vorne an, euch wie Sklaven zu verhalten? Wie Sklaven, die alles Mögliche versuchen, um sich vom Vater etwas zu erarbeiten, um Anerkennung zu bekommen.
Dabei können diese Dinge dich niemals in die Beziehung eines Sohnes hineinversetzen – niemals! Es kann nur der Vater selbst, indem er dich als seinen Sohn anerkennt.
Paulus’ persönliches Zeugnis und die Gefahr falscher Lehrer
Und wenn ihr weiterblickt, seht ihr das ganze Herzblut von Paulus in den Versen zwölf bis fünfzehn.
Er sagt: Werdet doch wie ich, denn ich wurde wie ihr. Liebe Brüder, ich bitte euch: Ihr habt mir kein Leid getan. Ihr wisst doch, dass ich euch beim ersten Mal das Evangelium in Schwachheit des Leibes gepredigt habe. Und obwohl meine leibliche Schwäche euch ein Anstoß war, habt ihr mich nicht verachtet oder vor mir ausgespuckt. Stattdessen habt ihr mich aufgenommen wie einen Engel Gottes, wie Christus Jesus.
Wo sind nun eure Seligpreisungen geblieben? Ich bezeuge euch, ihr hättet, wenn es möglich gewesen wäre, eure Augen ausgerissen und mir gegeben.
Paulus sagt zu den Galatern: Das war anders in dem Moment, als ich das erste Mal bei euch war und euch das Evangelium verkündigt habe. Wisst ihr, was da passiert ist? Ihr hattet Leidenschaft. Ihr hättet alles aufgegeben für das, was ich euch weitergegeben habe.
Die Galater hätten alles hingeschmissen, sie hätten ihr Auge ausgerissen – das ist es, was Paulus hier schreibt. Und das, obwohl Paulus scheinbar irgendetwas an sich hatte, was eher abstoßend war.
Wir stellen uns Paulus oft als den Überflieger vor. Doch in vielen Briefen gibt es deutliche Andeutungen, dass Paulus vielleicht gar nicht der Superredner war. Vielleicht war er körperlich nicht stark. Hier scheint es eine Krankheit oder Ähnliches zu sein, denn immer wieder gibt es Hinweise darauf. Vielleicht war Paulus ziemlich gebrechlich. Wir wissen es nicht genau.
Irgendetwas scheint da gewesen zu sein, denn Paulus sagt: An mir kann es nicht gelegen haben, dass ihr so leidenschaftlich wart. Ich war kein toller Hecht, der euch das gesagt hätte. Ich war nicht der Typ, dem ihr alle hinterhergelaufen wärt.
Was hat die Galater also dazu gebracht? Ich denke, es war die Botschaft, die Paulus hatte. Die Botschaft des Evangeliums: dass Jesus als Gott Mensch wurde und die Schuld wegnimmt. Diese Erkenntnis, diese Freiheit, dieses Nachhausekommen, dieser Moment, von Gott erkannt zu sein, hat die Galater motiviert wie nichts anderes.
Es hat sie dazu gebracht, dass sie bereit waren, alles für Paulus aufzugeben – aber nicht für Paulus selbst, sondern um dieser Botschaft willen. Weil sie ihn aufgenommen haben wie Christus selbst, wie Jesus Christus.
Sie merkten, dass das, was Paulus verkündete, trotz aller Schwäche und vielleicht sogar Anstoß, etwas war, das die Leute wirklich anzog. Wir wissen nicht genau, was das war, was bei Paulus auf Abstand gehalten hat. Aber es war etwas dahinter, das die Galater anzog.
Jetzt kommen jedoch andere Leute zu den Galatern. Davon schreibt Paulus in den Versen 17 bis 20.
Es ist nicht recht, wie sie um euch werben. Sie wollen euch nur von mir abspenstig machen, damit ihr euch ihnen zuwendet. Umworben zu werden ist gut, wenn es im Guten geschieht – und zwar immer, nicht nur in meiner Gegenwart, wenn ich bei euch bin.
Meine lieben Kinder, die ich abermals unter Geburtswehen gebäre, bis Christus in euch Gestalt gewinnt: Ich wünsche mir, jetzt bei euch zu sein und mit anderer Stimme zu euch zu reden, denn ich bin besorgt um euch.
Hier sind Leute gekommen, die scheinbar einen Regelkatalog mitgebracht haben. Es waren keine Menschen, die gesagt hätten, das Leben Jesu sei unnütz. Sicherlich haben sie nicht behauptet, dass Golgatha und so weiter unwichtig seien.
Aber sie sagten: Ja, Golgatha ist wichtig, doch jetzt pass mal auf, hier ist die Liste – und da sollt ihr euch dran halten.
Was machen diese Leute? Sie wollen die Galater eigentlich von Paulus wegziehen, zu sich selbst. Paulus sagt: Ja, umworben zu werden ist nicht schlecht, wenn es um etwas Gutes geht.
In Vers 19 merkt Paulus, was dieses Gute ist: nicht, dass man wird wie der, der irgendetwas erzählt oder verkündigt, sondern dass Christus Gestalt gewinnt.
Paulus sagt vorher auch, dass sie werden sollen wie er. Aber sein Ziel, was sich dahinter verbirgt, ist, in Vers 19 zu werden wie Jesus Christus.
Diese falschen Lehrer haben jedoch offenbar etwas anderes im Fokus. Sie wollen, dass die Galater sich genau so verhalten wie sie. Sie haben eine Liste, und wahrscheinlich ist das das, was sie selbst gerade gut hinbekommen.
Und da sollen alle genau so leben. So können sie andere gut bewerten und beurteilen und sagen, ob jemand es schafft oder nicht.
Paulus sagt: Darum geht es nicht. Im Gegenteil, er hat sogar Angst, dass die Galater eine neue Wiedergeburt brauchen.
So würde ich Vers 19 umschreiben: Ich leite euch erneut unter Geburtswehen, bis wirklich Christus in euch sichtbar wird.
Ich glaube nicht, dass es eine zweifache Wiedergeburt gibt, aber das ist die Dramatik, mit der Paulus hier schreibt.
Prüfung des eigenen Glaubenslebens
Dein Leben seit dem Moment, in dem du Gott erkannt hast und Gott dich erkannt hat, bis zu dem heutigen Tag rekapituliert: Bist du dann auch in der Gefahr, wie die Galater zu vergessen, dass Jesus dich erlöst und freigekauft hat? Dass sein Vater dich als seinen geliebten Sohn angenommen hat? Bist du in der Gefahr, dich wieder schwachen und dürftigen Mächten zuzuwenden?
Wie sieht das aus? Ich glaube nicht, dass es hier nur darum geht, was du theologisch verwahrst. Es geht vielmehr darum, was du lebst. Ich habe ein paar Fragen, anhand derer wir uns prüfen können:
Fühlst du dich gut, wenn dir Veränderung gelingt, aber schlecht und unnütz, wenn es nicht klappt? Hast du vielleicht sogar unrealistische Erwartungen an dich selbst und andere? Hast du Standards, die unerreichbar sind? Ist dein Leben geprägt von Regeln und prinzipieller Treue anstelle von Beziehungsfokussiertheit? Bist du regelmäßig mit dem Leben anderer beschäftigt, vergleichst dich mit ihnen und machst das vor allem an äußerem Verhalten fest? An Dingen, die eben leicht bewertbar sind?
Prägt dein Leben mehr Pflichtgefühl gegenüber Gott als Freude an der Beziehung mit ihm? Wird die Beziehung zu anderen Geschwistern mehr zu einem Wettbewerb als zur Freude daran, gemeinsam im Leben mit Christus zu stehen? Ist deine Beziehung zu Gott mehr von Schuld und Scham beherrscht als von Freude an ihm? Ist es mehr Genuss oder mehr Anklage?
Wenn du an Gott und die Ewigkeit denkst, hast du dann mehr Angst vor Gericht und Strafe als Freude und Vorfreude auf den Himmel und die ewige Gemeinschaft mit ihm? Versteckst du vielleicht deine wahren Schwächen und spielst sie herunter, weil du Angst vor Verurteilung hast? Liegt dein Fokus mehr auf äußerlichem Verhalten als auf der Veränderung deines Herzens und deines Charakters?
Es ist einfacher, solche ganz praktischen Dinge abzuarbeiten: Ich trage die richtige Kleidung, ich nehme die richtigen Leute mit, ich habe den richtigen Kontakt, ich singe die richtigen Lieder. Als darüber nachzudenken, wie dein Herz aussieht. Bist du sanftmütig, gutmütig, von Herzen demütig? Das ist es, was es heißt, Jesus ähnlich zu werden.
Das kannst du nicht so leicht greifen. Wann ist jemand sanftmütig? Wir wollen es einfacher haben. Ich kenne das Ganze zu gut und muss bekennen, dass ich immer wieder Phasen in meinem Leben habe, in denen ich genau da hineingerate. Es tut mir leid, wenn das passiert – wenn ich euch gegenüber, meinen Kindern gegenüber und allen anderen immer wieder versage.
Dann merke ich, dass diese Prinzipien und Regeln mehr im Fokus stehen als das, was Jesus getan hat, als das, wer er ist und was wir an ihm haben. Das, was ich gerade beschrieben habe, fühlt sich nicht nach Freiheit an, sondern nach Sklaverei. Ich renne und renne und schaffe es doch nie.
Paulus hat Angst um die Galater, dass sie da wieder hineingeraten. Er hat mit seinem ganzen Leben, mit seiner ganzen Kraft Angst, dass sie irgendwo wieder darin stecken. Stehen wir auch in der Gefahr?
Allegorische Auslegung von Hagar und Sarah als Bild für Gesetz und Gnade
Paulus greift nun das Alte Testament auf, was für uns zunächst vielleicht eine Herausforderung ist, um zu verstehen, was er damit sagen will. Doch ich glaube, das wird gleich ziemlich schnell deutlich werden.
In Galater 4,21-31 heißt es: „Sagt mir, die ihr unter dem Gesetz sein wollt: Hört ihr das Gesetz nicht? Denn es steht geschrieben, dass Abraham zwei Söhne hatte, den einen von der Magd, den anderen von der Freien. Aber der von der Magd ist nach dem Fleisch gezeugt worden, der von der Freien aber kraft der Verheißung.“ Diese Worte haben eine tiefere Bedeutung, denn die beiden Frauen stehen für zwei Bundesschlüsse.
Der eine Bund stammt vom Berg Sinai, der zur Knechtschaft führt – das ist Hagar. Hagar bedeutet „die Bergsinerin“ in Arabien und ist ein Gleichnis für das jetzige Jerusalem, das mit seinen Kindern in der Knechtschaft lebt. Das Jerusalem droht aber das zu sein, was die Freie symbolisiert. Das ist unsere Mutter.
Denn es steht geschrieben: „Sei fröhlich, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst, brich in Jubel aus und jauchze, du, die du nicht schwanger bist! Denn die Einsame hat mehr Kinder als die, die einen Mann hat.“ Ihr aber, liebe Brüder, seid wie Isa, Kinder der Verheißung. Aber wie zu jener Zeit der nach dem Fleisch Gezeugte den nach dem Geist Gezeugten verfolgte, so ist es auch jetzt.
Doch was sagt die Schrift? „Stoß die Magd hinaus mit ihrem Sohn! Denn der Sohn der Magd soll nicht erben mit dem Sohn der Freien.“ So sind wir nun, liebe Brüder, nicht Kinder der Magd, sondern der Freien.
Paulus wird hier sehr allegorisch. Man könnte sich fragen, ob das erlaubt ist, denn er verbindet ein ganz reales Ereignis mit Hagar und Sarah mit einer geistlichen Deutung. Abraham hatte die Verheißung, viele Kinder zu bekommen. Doch das funktionierte mit Sarah nicht, wenn man sich richtig erinnert. Sie war schon alt, die Zeit für Kinder schien vorbei.
Abraham dachte sich, er müsse die Sache selbst in die Hand nehmen – beziehungsweise Sarah. Sie sagte: „Jetzt machen wir mal.“ Und so kam Ismael zur Welt. Paulus nimmt dieses Bild und sagt, das steht für unser Fleisch. Man könnte meinen, er meint damit viel Sünde. Doch er verbindet es mit dem Gesetzesbund am Sinai und sagt, unser Fleisch ist das, was eigene Leistung bringen will, was selbst schaffen will, was Gott verheißen hat.
Das ist die Schlussfolgerung, die Paulus mit Hagar, Ismael, Sinai und dem damaligen Jerusalem zieht. Macht euch bewusst: Das Selbstverständnis der Leute in Jerusalem war, dass sie Kinder Abrahams sind. Paulus sagt ihnen: Ja, ihr seid Kinder Abrahams, aber über Hagar, nicht über Sarah – über das Gesetz im Fleisch, über die, die eigentlich ausgestoßen werden sollten und nicht erben können.
Die andere Linie führt Paulus über Sarah. Das ist die Verheißung, das, was Abraham nicht selbst machen konnte. Gott musste den fast hundertjährigen Leib der beiden alten Leute erwecken, damit noch ein Kind geboren wird. Das war menschlich unmöglich.
Unser menschliches Denken und diese ganze Welt sind, so meint Paulus, geprägt von der Vorstellung, dass Regeln, Disziplin und Gesetz dazu führen, dass gute Werke getan werden, dass Menschen sich anständig verhalten und besser werden. Zum Teil stimmt das. Man kann keinen Staat ohne Regeln führen. Man braucht in Gemeinschaft einen Weg, wie man zusammenleben kann.
Doch das Spannende an Paulus’ Aussage ist, dass das viel weniger Leben hervorbringt als die Verheißung – als das Vertrauen auf Gott, als die Beziehung. Paulus erkennt eine tiefe Wahrheit, die im Evangelium verborgen ist wie nichts anderes und die die Grundsätze dieser Welt auf den Kopf stellt.
Das, was Leben verändert, was Menschen zu anderen Menschen macht, was dein Leben auf den Kopf stellt und dich Christus ähnlicher macht, ist eben nicht der Regelkatalog. Es ist die Verheißung, die Hoffnung, die Beziehung, das Angenommensein vor Gott.
Paulus bezieht sich hier auf die Galater, denen er sagt, dass es einen Moment gab, als sie das Evangelium zum ersten Mal hörten. Damals hätten sie alles gegeben, nicht ihre eigene Leistung, sondern Gott die Ehre. Im weiteren Verlauf – auf den wir heute nicht im Detail eingehen – spricht Paulus davon, was Leben aus dem Geist bedeutet und wie der Geist Gottes etwas tut, was menschlich unmöglich scheint: Herzen und Charakter verändern, neu machen, ganz anders machen.
Paulus sagt hier, dass das mehr Frucht bringt als alle Disziplin, Leistungen, Regeln und Gesetze. Es stellt auf den Kopf, was wir Menschen denken. Gerade wenn ich gesündigt habe, habe ich oft die Tendenz, wieder zum Berg Sinai zurückzukehren und zu versuchen, es besser zu machen. Das ist die erste Reaktion, wenn man erkannt hat, dass man es nicht aus eigener Kraft schafft.
Auch im Umgang mit Gemeinde und anderen Dingen habe ich diese Hoffnung gehabt, dass dann mehr vorwärtsgehen würde. Doch ich bin zutiefst überzeugt – und das hat mich überführt –, dass nichts so sehr verändert wie das Bewusstsein dessen, was Gott für mich getan hat. Nichts verändert so sehr wie der Moment, von Gott erkannt zu sein, der Moment, zu erkennen, wer Gott wirklich ist und was ich an ihm habe.
Ich bin überzeugt, dass es eine tiefste Wahrheit ist, was Paulus im Philipperbrief 1,6 schreibt: „Ich bin darin guter Zuversicht, dass der, der in euch angefangen hat das gute Werk, es auch vollenden wird bis an den Tag Christi Jesu.“
Ich bin überzeugt, dass wenn dieser Moment da ist, in dem Gott dich erkannt hat, er dein Leben verändern wird. Er wird dich zum Ziel bringen. Sein Evangelium und sein Heiliger Geist werden in euren Herzen wirken, um das zu schaffen, worum Paulus ringt: dass Christus Gestalt gewinnt.
Aufruf zur Freiheit in Christus und Warnung vor Rückfall ins Gesetz
Paulus fährt fort, und auf den ersten Blick scheint es, als habe sein Text keinen Bezug mehr zu Sarah und Hagar. Doch tatsächlich besteht ein enger Zusammenhang, besonders mit Galater 5,1-6:
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit, so steht nun fest. Und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals jedem, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen. Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muss. Denn in Jesus Christus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“
Warum hat das einen Bezug zum vorherigen Abschnitt? Paulus sagt zuvor, dass Ismael und Isaak nicht zusammen erben können. Nun bringt er eine Aussage mit großer Brisanz und Gewicht ein, deren Dramatik wir kaum überbetonen können. Er sagt: Wer wieder zurück ins Gesetz rennt und dadurch gerecht werden will, verliert Christus. Wer durch eigene Leistung gerecht werden will, hat Christus verloren.
Es geht in dieselbe Richtung: Gnade und Gesetz können nicht nebeneinander bestehen. Leben aus dem Gesetz und Leben aus Geist und Gnade können nicht gleichzeitig existieren. Paulus warnt hier in aller Dramatik vor einem Abfall vom Glauben. Genau das schreibt er hier.
Wenn wir von Abfall im Glauben sprechen, denken wir meist daran, dass jemand wieder in Sünde fällt und in die Welt zurückkehrt. Paulus hat jedoch etwas ganz anderes im Blick. Er meint, dass jemand ins Gesetz hineinfällt. Übrigens haben die Stellen im Hebräerbrief, die oft zitiert werden, denselben Kontext.
Wenn das Neue Testament vom Abfall aus dem Glauben spricht, dann meint es überwiegend – bis auf wenige Ausnahmen wie Demas, der die Welt liebgewonnen hat – das Hineinfallen ins Gesetz. Nicht in tiefe Sünden oder Ähnliches, sondern ins Gesetz.
Warum? Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder wirst du durch deine eigene Leistung und dein Tun gerecht, was Paulus hier kritisiert, oder du wirst gerecht, weil jemand anderes deine Schuld getragen hat und du im Werk Jesu Christi ruhen kannst.
Es geht nicht darum, liberal zu werden, sondern darum, moralisch korrekt zu sein. Nicht durch irgendeine Sünde die Beziehung zu Gott zu verlieren, sondern durch ein moralisch perfektes Leben die Beziehung zu Christus zu verpassen.
Leben aus Gesetz und Leben aus Gnade können nicht nebeneinander bestehen.
Heißt das, dass wir nicht mehr nach dem Gesetz leben sollen, also bewusst anders handeln als dort beschrieben? Ich denke nicht, dass Paulus das meint. Das Gesetz bleibt das, was gut und richtig ist.
Es geht vielmehr darum, dass das Gesetz nicht zum Mittel zum Zweck wird, dass es nicht der Punkt wird, durch den ich mich vor Gott erlösen will. Dass ich denke, Gott würde mich besser ansehen, wenn ich mich an alle Regeln halte. Dass ich so der bessere Christ werde und Anerkennung vor Gott bekomme.
Es geht wieder darum, auf eigene Leistung zu schauen und die Regeln ins Zentrum zu rücken. Wenn das passiert, verlieren wir Christus und damit die Beziehung zu ihm – und das ist fatal.
Wir können außerhalb der Gnade stehen, wenn wir sündigen bis zum Exzess und nicht einsehen wollen, dass wir Rettung brauchen. Aber wir können genauso außerhalb der Gnade stehen, außerhalb der Beziehung zu Gott, indem wir alle Regeln peinlich genau einhalten.
Was für ein Schock! Es gibt zwei Seiten der Verlorenheit.
Für Paulus geht es hier nicht um Kleinigkeiten. Er fordert nicht einfach: Seid ein bisschen weniger verbissen oder lockerer. Er sagt: Ich habe Angst um euch, ich habe Angst, dass alles umsonst war.
Und ja, wir werden gleich sehen, dass Paulus die Galater nicht für abgefallen hält, weil an einigen Stellen deutlich wird, dass es noch nicht so weit ist. Aber die Warnung steht im Raum. Er sieht Tendenzen, bei denen im Zentrum etwas verrückt wird: Regeln, Prinzipien, das Gesetz nehmen den Platz ein, der nur einem zusteht – nämlich Jesus Christus.
In Galater 5,10 schreibt er: „Ich habe Vertrauen zu euch im Herrn, dass ihr nicht anders gesinnt sein werdet.“
Calvin sagt: „Wer einem halben Christus anhängen will, verliert den ganzen.“ Timothy Keller meint: „Man kann zu Christus nichts hinzufügen, ohne am Ende Christus selbst zu verlieren.“
Paulus fragt in Vers 16: „Bin ich damit euer Feind geworden, dass ich euch die Wahrheit vorenthalten würde?“ Paulus wird angegriffen, weil er die Wahrheit sagt. Doch diese Wahrheit ist nicht: „Bekommt euer Leben mehr in den Griff, lebt anständiger.“ Die Wahrheit ist vielmehr: Ihr rückt Christus aus dem Zentrum!
Warum warnt Paulus mit solcher Dringlichkeit? Warum ist er bei den Galatern schärfer als bei der Gemeinde in Korinth, wo alles auf dem Kopf steht?
Ich glaube, weil der Abfall in diese Richtung gefährlicher ist. Er sieht nämlich nach außen hin ein Bild, das total perfekt, fromm und gut wirkt – wie bei den Pharisäern. So wie Paulus es von sich selbst berichtet am Anfang des Galaterbriefs, als er sagt, er habe Gott mehr gedient als alle anderen.
Doch in Wirklichkeit war er längst von Gott weg. Das ist die Biografie von Paulus: Er musste selbst erkennen, dass er trotz allem, was er getan hatte, weit weg von Gott war.
Die Bibel warnt nicht nur davor, in Sünde verloren zu gehen – ja, das tut sie. Sie warnt auch davor, in moralischer Perfektion verloren zu gehen.
Man kann verloren gehen durch moralische Verdorbenheit, aber auch durch moralische Klimmzüge.
Das beste Beispiel ist das Gleichnis von den verlorenen Söhnen, wo am Ende einer draußen steht – der, der perfekt gelebt und alles getan hat.
Reflexion über Sorgen um die Gemeinde und den Glauben
Was ist deine Sorge, wie Gemeinde kippen könnte? Wo machst du dir Sorgen? Vielleicht, dass es Leute gibt, die die falschen Lieder singen, dass die falschen Instrumente benutzt werden oder dass man mit den falschen Leuten Kontakt hat. Ist das deine Hauptsorge, dass irgendetwas zu locker wird? Oder hast du Angst, dass die Gemeinde dahin kippen könnte, dass Christus aus dem Zentrum herausrückt, weil Perfektion, Prinzipien und Regeln mehr im Mittelpunkt stehen?
Dabei ist es wichtig zu betonen: Es ist nicht falsch, irgendwo Disziplin zu haben. Es geht vielmehr darum, wenn diese Dinge anfangen, ins Zentrum zu wachsen. Hast du diese Sorge? Paulus hat sie – und zwar zehnmal mehr als alles andere. Vielleicht sitzt du jetzt da und denkst: Ja, ich leide auch, weil ich die Wahrheit sage. Weil ich sage, wir müssten hier vielleicht mehr aufpassen, ein bisschen heiliger unterwegs sein und so weiter. Paulus leidet, weil er die liberale Richtung kritisiert. Das ist vielleicht das Schockierende für uns, was wir nicht so wahrhaben wollen, denn er sagt: Passt auf, ihr seid hier in einer riesigen Gefahr.
Wo hast du Angst, in deinem Leben abzudriften? Wo hast du Angst, Gott zu enttäuschen? Mit zu wenig Dienst, zu wenig Leistung, zu wenig stiller Zeit, dem Besuch der falschen Veranstaltungen, Festen oder dem Kontakt mit den falschen Leuten? Kurz gesagt, hast du Angst, dein Leben zu locker zu leben? Oder gehen die Alarmlampen deines Lebens auch dann an, wenn du merkst, dass du die Freude an der Beziehung mit Gott längst verloren hast und wieder in dem Hamsterrad steckst, schwachen und dürftigen Mächten hinterherzurennen?
Prüfst und hinterfragst du dein Leben regelmäßig in diese Richtung, ob du in der Gefahr stehst, Christus zugunsten eines frommen und heiligen Lebensstils auf die Seite zu rücken? Paulus fordert deshalb nicht einfach zu einem besseren Leben auf. Nein, er fordert dazu auf, in der Freiheit der Verheißung der Gnade festzustehen. Und warum ist das so wichtig? Weil immer wieder und dauernd von außen versucht wird, uns wegzubringen. Das werden wir gleich noch kurz sehen.
Paulus setzt dem Ganzen noch etwas entgegen, in Vers 5 und 6: „Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muss; denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig wird.“ Innerhalb von zwei Versen bringt Paulus diesen christlichen Dreiklang ein: Glaube, Hoffnung, Liebe. Er sagt, das ist das, was im Zentrum unseres Lebens stehen soll.
Das ist wieder der Anknüpfungspunkt zu der Beziehung zum Vater, wo du als Sohn Gottes erkannt sein darfst, wo du lebst. Und das ist es, was Paulus jetzt entgegensetzt: Du lebst aus der Hoffnung heraus, aus der Gewissheit, dass jemand für dich bezahlt hat, dass du errettet und geliebt bist. Und weil du diese Hoffnung hast, treibt dich der Geist Gottes an. Diese Hoffnung, dieser Glaube daran, errettet zu sein, treibt dich zu etwas: zu einem Glauben, der nicht passiv auf der Couch sitzt und nicht weiter nur für sich lebt, sondern ein Glauben, der so von Liebe gepackt ist, dass er bereit ist, sein Auge auszureißen – was Paulus den Galatern vorher beschrieben hat –, um für Gott und andere zu leben.
Das ist die Motivation, das ist der Antrieb, von dem Paulus spricht. In der nächsten Galater-Predigt werden wir sehen, was dieses Leben im Geist bedeutet, wohin er damit will, was das mit unserem Leben macht und wie uns das verändern will. Aber der Antriebspunkt ist Glaube, Hoffnung, Liebe – es ist Beziehung.
Das muss ins Zentrum deines Glaubenslebens, jeden Tag, jeden Moment. Du musst gegründet sein auf dem, was Jesus Christus getan hat, und in seiner Gerechtigkeit ruhen. Das muss auch für deine Geschwister um dich herum sichtbar werden. Aber die Gefahr ist da, dass andere und Leute von außen immer wieder versuchen, uns anders zu prägen.
Das ist es, was die Galater erleben. Paulus schreibt in den letzten Versen, die ich heute mit euch anschauen will: „Ihr liefet zu gut. Wer hat euch aufgehalten, der Wahrheit nicht zu gehorchen? Solches Überreden kommt nicht von dem, der euch berufen hat. Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig. Ihr habt das Vertrauen zu euch in dem Herrn. Ihr werdet nicht anders gesinnt sein. Wer euch aber irre macht, der wird sein Urteil tragen, er sei, wer er wolle. Ich aber, liebe Brüder, wenn ich die Beschneidung noch predige, warum leide ich dann Verfolgung? Dann wäre das Ärgernis des Kreuzes aufgehoben. Sollen sie sich doch gleich verschneiden lassen, die euch aufhetzen.“ (Galater 5,7-12)
Warnung vor der zerstörerischen Kraft von Gesetzlichkeit
Zwei Themen möchte ich kurz erläutern, um noch einmal die Brisanz dessen zu zeigen, was Paulus hier macht. Während er im ersten Korintherbrief davon spricht, dass Sauerteig von Gesetzlosigkeit die Gemeinde verderben kann, sagt er hier, dass Sauerteig von Gesetzlichkeit die Gemeinde verderben kann.
Was meint er mit diesem Bild von Sauerteig? Er sagt: Gib ein bisschen davon in den Teig, und der ganze Teig kippt. Genauso ist es mit Gesetzlichkeit – ein bisschen davon reicht, und alles kippt. Das ist die Aussage, die er hier trifft: Ein bisschen Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig. Er zeigt damit die zerstörerische Kraft auf, die das mit sich bringt. Ein wenig Gesetzlichkeit kann dein ganzes Leben in der Beziehung mit Christus kippen lassen und kann auch die Gemeinde zerstören.
Das zweite Thema ist, dass Paulus gezielt diejenigen anspricht, die die Gemeinde auseinanderbringen, und zwar in Richtung Gesetzlichkeit. Die Ansprache ist ziemlich derb. Luther ist da noch recht harmlos. Paulus sagt, sie sollen sich doch gar nicht beschneiden lassen, weil das, was dahinter eigentlich steht, etwas ganz Absurdes ist – nämlich Kastration.
Paulus geht also so vor: Wenn sie unbedingt Beschneidung wollen, wenn sie unbedingt nach dem Gesetz leben wollen, dann sollen sie es richtig machen. Nicht nur ein bisschen die Vorhaut wegnehmen, sondern das Ganze ab. Das ist tatsächlich, was Vers 12 sagt. Er überspitzt das natürlich, meint es aber nicht wörtlich. Er sagt: Wenn das wirklich etwas bringen würde, was euch näher zu Gott bringt, dann macht es doch ganz richtig. Das ist seine Aussage.
Das passt auch zu dem Gedanken, dass, wer ein bisschen Gesetz halten will, das ganze Gesetz halten muss. Und wir wissen alle, dass wir das Gesetz nicht vollständig einhalten können. Der Endgegner ist ziemlich mächtig, und gegen ihn werden wir nicht bestehen. Wir schaffen das nicht.
Paulus sagt nun: Wer immer das tut, wird ein hartes Urteil empfangen. Diese Androhung erinnert sehr an die Pharisäer und Schriftgelehrten bei Jesus. Jesus sagt Ähnliches in Matthäus 23,13:
"Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich verschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein, und die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen! Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr Land und Meer durchzieht, um einen Judengenossen zu gewinnen, und wenn er es geworden ist, macht ihr aus ihm ein Kind der Hölle, doppelt so schlimm wie ihr."
Das ist nicht harmlos, das ist keine kleine Drohung, die Jesus da ausspricht. Und auch Paulus spricht nicht harmlos. Wenn unser Ziel ist, Menschen ins Gesetz zu bringen, dann droht uns das härteste Urteil überhaupt.
Im Neuen Testament, besonders in den Evangelien, gibt es noch einige weitere Verse, die das belegen. Ich möchte zwei Dinge mitgeben:
Lass dich nicht verwirren, wenn dich jemand in anderes Fahrwasser ziehen will. Soll er doch so viel Gas geben, wie er will. Du stehst auf der Grundlage von Golgatha, auf der Grundlage des Kreuzes, wo Freiheit ist.
Und dann eine Frage an alle, nicht nur an den, der predigt: Was steht im Zentrum deiner Botschaft, die du mit Worten und mit deinem Leben Tag für Tag vermittelst? Steht der Mensch im Mittelpunkt, was er tun muss, oder Jesus Christus, was er getan hat?
Ist es die Botschaft vom Kreuz, von der Paulus hier spricht, die ihn prägt und die ihm Verfolgung und Leid bringt? Dabei geht es nicht nur darum, was du theologisch im Kopf bewahrst – das ist sicherlich der erste Punkt. Es geht auch darum, was du lebst, was dich antreibt, jeden Tag.
Was lässt dich aufstehen? Was treibt dich in die Gemeinde? Warum dienst du dort? Warum möchtest du anderen Menschen vom Glauben weitererzählen? Ist es, weil du ihnen sagen willst, wie alles besser werden müsste? Oder ist es, weil du eine Botschaft hast, nämlich was Jesus getan hat?
Es ist die Botschaft vom Kreuz, die Paulus im ersten Korinther 1 so großartig ausführt: Die Botschaft vom Kreuz ist für die, die verloren gehen, eine Torheit – sowohl für Juden als auch für Heiden. Aber für uns, die gerettet werden, ist sie Gottes Kraft.
In den Versen 23 und 25 heißt es:
"Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit, denen aber, die berufen sind, Juden oder Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser als die Menschen, und die Schwachheit Gottes ist stärker als die Menschen."
Hast du diese Botschaft des Kreuzes im Zentrum? Hast du das Vertrauen, dass sie in der Lage ist, Menschen zu verändern, auch wenn sie zunächst schwach wirkt oder harmlos erscheint? Setzt du alles darauf?
Abschlussappell zur Freiheit in Christus
Ich möchte dir zum Schluss noch einen Vers mitgeben, den ich zuvor etwas übersprungen habe. Es ist Galater 5,1: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit, so steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.“
Jesus Christus hat vor zweitausend Jahren auf Golgatha ein für alle Mal deine Freiheit sichergestellt. Er hat dich herausgerissen aus dieser Welt, aus diesem Hamsterrad, aus diesem Trubel und aus der tiefen Sündenschuld, die dein Leben geprägt hat. Er hat dich nach Hause gebracht, zu seinem Vater, und dich in Beziehung mit ihm gesetzt.
Steh auf dieser Basis fest! Lass dich nicht von Golgatha wegziehen. Lass dir nicht wieder ein Joch auflegen. Lass dich nicht aus dieser Beziehung herausreißen, egal wie heilig es klingt, egal was es dich kostet. Bleib stehen, bleib in dieser Freiheit, auch wenn es Torheit sein mag, auch wenn es schwach wirken mag. Bleib darin stehen – es ist Gotteskraft.
Pflege deine Beziehung mit ihm. Beschäftige dich mit Christus. Stell ihn in das Zentrum deines Lebens. Vertraue darauf, dass Gott tun wird, was er verheißen hat. Dass er Leben verändern wird, dass sein Geist Herzen aufbricht – auch dein Herz – und neue Macht schafft.
Vielleicht hast du Angst, weil es sich so anfühlen würde, als würdest du die Kontrolle abgeben. Vielleicht denkst du manchmal, es wäre einfacher, wenn dieser Regelkatalog fruchtbarer wäre. Aber ich versichere dir: Der Unfruchtbare hat mehr Kinder.
Glaube, Liebe und Hoffnung sind unheimlich fruchtbar und lebensverändernd. Sie haben mehr Kinder als alle Gesetze dieser Welt zusammen je hervorbringen können.
Diese Beziehung zum Vater, dieses Leben durch den Geist wird dein Leben auf den Kopf stellen. Völlig wird das Leben um dich herum auf den Kopf gestellt. Und ich bin überzeugt, dass es auch das Leben von uns als Gemeinde auf den Kopf stellen wird, wenn wir darin tief gegründet sind und Jesus der Mittelpunkt unseres Lebens ist.
Lass dich da nicht wegbringen. Steh in dieser Freiheit! Er ist alles. Bleib in diesem Moment, in dem Gott dich erkannt hat.
Amen.