Gott wird Mensch – Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist.
Episode 605: Die Auferweckung des Lazarus, Teil 6
Der Fokus Jesu auf Leben statt Schuld und Vergebung
Bevor wir im Text weitermachen, möchte ich eine Sache ansprechen, die ich spannend finde. Ist euch schon einmal aufgefallen, dass Jesus nie sagt: „Ich bin die Vergebung“?
Heute konzentrieren wir unser Denken oft sehr auf das Thema Schuld und Vergebung. Jesus selbst nimmt darauf jedoch nur wenig Bezug. Sein Fokus liegt vielmehr auf der Auferstehung und dem Leben. Das finde ich besonders interessant.
Sein Schwerpunkt ist eine neue Qualität des Lebens. Er tut alles dafür, dass wir Anteil an diesem neuen, ewigen Leben bekommen. Natürlich ist in diesem Zusammenhang das Kreuz wichtig, denn dort wird das Lösegeld bezahlt. Aber es geht um mehr als das.
Am Kreuz wird der Teufel durch den Tod Christi zunichtegemacht. Seit Golgatha ist der Tod für alle Gläubigen nicht mehr Feind, sondern Freund – das bedeutet, endlich beim Herrn zu sein. Paulus kann sagen: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christus zu sein.“
Das Kreuz ist extrem wichtig, aber Jesus will offenbar mehr, als nur unseren Schuldschein zu tilgen. Deshalb betont er immer wieder das Thema Leben. Ein Leben, das nur möglich wird, weil wir glauben.
Dieser Glaube zeigt sich in der Nachfolge und ist nur möglich, weil wir durch den Lehrdienst Jesu wissen, was Gott sich von uns wünscht. Außerdem haben wir durch die Auferstehung Jesu im Himmel einen zweiten Adam sitzen, an dessen Leben wir Anteil bekommen. Dieser Adam betet für uns und hat uns seinen Geist gesandt.
Wie gesagt, das ist nur ein Gedanke, den ich spannend finde.
Jesu Mitgefühl und seine emotionale Reaktion
Machen wir weiter im Johannesevangelium, Kapitel 11, Verse 33 und 35.
Als nun Jesus sie weinen sah und die Juden, die mit ihr gekommen waren, ergrimmte er im Geist und wurde erschüttert. Vers 35: Jesus weinte.
Ich hatte ja schon ein paar Gedanken zur Gefühlswelt des Herrn Jesus gesagt. Mein erster Punkt war, dass er von den Evangelisten häufig etwas gefühlsarm dargestellt wird – wohlgemerkt dargestellt. Hier aber ist er mal etwas aufgewühlter, und so ergibt sich Raum für drei weitere Hinweise.
Erstens: Der Herr Jesus lässt den Schmerz der anderen zu. Er fährt Maria, die weinend vor ihm liegt, nicht an und weist sie für ihren Schmerz nicht zurecht. Er sagt nicht so etwas wie: „Jetzt heul doch nicht, du weißt doch, dass dein Bruder am letzten Tag auferstehen wird, jetzt reiß dich mal zusammen.“ Das tut er nicht. Und merkt ihr, Gott weiß, wie wichtig Trauerarbeit für unsere Seele ist.
Zweitens: Ich nenne den Punkt mal Affektregulation. Der Herr Jesus wird erschüttert, aber er bleibt handlungsfähig. Er weint, aber das Weinen führt ihn nicht in die Ohnmacht. Es ist wichtig, dass wir gut verstehen, was wir hier lesen. Gefühle dürfen sein, aber sie dürfen uns nicht beherrschen. Vor allem dürfen sie uns nicht lähmen, das Richtige zu tun. Auf die Mischung kommt es an: Erschütterung ja, unbedingt – Ohnmacht nein. Das Gefühl darf meine Betroffenheit spiegeln, aber es darf mich nicht dominieren. Ich bin mehr als meine Gefühle, und manchmal muss man sie sogar in ihre Schranken weisen, wie der Psalmist es tut, wenn er formuliert: Psalm 43,5 – „Was bist du so aufgelöst, meine Seele, und was stöhnst du in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihn noch preisen, das Heil meines Angesichts und meinen Gott.“
Drittens: Jesus fühlt echten Schmerz. Seine Tränen sind keine Show. Gott ist kein Gott der künstlichen Gelassenheit. Jesus steht nicht über den Dingen, weil er weiß, dass er Lazarus sowieso gleich aus dem Grab rufen wird. Er weint mit den anderen Weinenden, er empfindet Schmerz. Warum? Weil Leid immer persönlich ist. Deshalb ist es so falsch, einfach zu sagen: „Es wird schon wieder gut.“ Das kann ja sein, aber jetzt tut es weh. Und der Herr Jesus zeigt uns, wie sehr es ihm wehtut, dieser Moment. Und das merken auch die Menschen um ihn herum.
Die Reaktionen der Umstehenden und Jesu Zorn am Grab
Johannes 11,33-36
Als Jesus sie weinen sah und auch die Juden, die mit ihr gekommen waren, ergriff ihn der Zorn im Geist, und er wurde tief erschüttert. Dann fragte er: „Wo habt ihr ihn hingelegt?“ Sie antworteten ihm: „Herr, komm und sieh!“ Jesus weinte.
Daraufhin sagten die Juden: „Seht, wie sehr er ihn geliebt hat!“ Noch verstanden die Umstehenden nicht, warum Jesus wissen wollte, wo sie Lazarus hingelegt hatten. Doch sie waren überrascht darüber, dass er weinte.
Natürlich gab es auch einige kritische Stimmen.
Johannes 11,37
Einige von ihnen fragten: „Konnte dieser, der die Augen des Blinden geöffnet hat, nicht auch verhindern, dass dieser stirbt?“
Ich möchte nicht zu viel Kritik in diese Aussage hineininterpretieren, auch wenn sie durchaus kritisch gemeint war. Hier wird vor allem deutlich, wie schwer es den Menschen fiel, Jesus richtig einzuschätzen. Sie sahen seine Liebe, wussten aber auch, dass er nicht rechtzeitig in Betanien gewesen war. Wie passt das zusammen?
Johannes 11,38
Jesus, nun wieder innerlich erzürnt, kam zur Gruft. Es war eine Höhle, und ein Stein lag davor.
Ich glaube nicht, dass Jesus den Menschen böse war, die sich fragten, warum Jesus, der Wunderheiler, bei seinem Freund Lazarus versagt hatte. Das würde nicht zu dem passen, dass es heißt, er wurde „wieder in seinem Innern erzürnt“. Dieses „wieder“ bezieht sich auf das, was wir schon gelesen haben.
Vielmehr ist es so, dass Jesus auf dem Weg zur Gruft zuerst weinte, dann aber erneut zornig wurde. So kam er an der Höhle an, in die man Lazarus gelegt hatte.
Es war üblich, natürliche Höhlen außerhalb einer Ortschaft zum Begraben von Toten zu verwenden. Dort lag Lazarus.
Johannes 11,39
Jesus sagte: „Nehmt den Stein weg!“
Martha, die Schwester des Verstorbenen, antwortete ihm: „Herr, er riecht schon, denn er ist vier Tage hier.“
Jetzt wird die Situation spannend. Jesus wollte, dass der Stein vor der Höhle weggerollt wird. Martha machte ihn darauf aufmerksam, dass die Verwesung bereits eingesetzt hatte. Aus dem Grab stank es. Seit vier Tagen lag Lazarus dort und begann zu verwesen.
Für jeden mit einer gesunden Nase war klar: Hier ist nichts mehr zu machen, alles riecht nach Fäulnis und Tod.
Natürlich war Martha mit der Situation überfordert. Jesus wollte, dass der Stein entfernt wird, aber die Familie musste zustimmen. Sie verstand nicht, was Jesus genau vorhatte.
Wer hätte das auch verstehen können? Deshalb insistierte sie: „Herr, er riecht schon.“
Johannes 11,40
Jesus antwortete ihr: „Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?“
Tja, nein, so weit wir wissen, hatte er mit ihr zwar über die Auferstehung und das ewige Leben gesprochen, aber nicht über die Herrlichkeit Gottes. Zumindest überliefert Johannes dieses Gespräch nicht.
Ich habe eine andere Idee, was Jesus damit meinen könnte, aber die werde ich erst in der nächsten Episode vorstellen.
Ihr könnt ja schon einmal darüber nachdenken.
Was könntest du jetzt tun? Du könntest überlegen, welchen Wert du einer gesunden Trauer beimisst.
Das war's für heute.
Mein Tipp: Bekenne jeden Tag mit großer Fröhlichkeit und Aufrichtigkeit die Sünden vom Vortag.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.
Abschlussgedanken zur Trauer und zum Glauben
Was könntest du jetzt tun? Du könntest darüber nachdenken, welchen Wert du einer gesunden Trauer beimisst.
Das war es für heute.
Mein Tipp: Bekenne jeden Tag mit großer Fröhlichkeit und Aufrichtigkeit die Sünden vom Vortag.
Der Herr segne dich, lasse dich seine Gnade erfahren und lebe in seinem Frieden. Amen.
