Liebe Freunde, ich darf einen Abschnitt aus dem großen Römerbrief lesen, ein Wort aus Römer 15, Vers 7.
Anschließend schauen wir uns den gesamten Abschnitt ein wenig genauer an, denn wir sollen die Bibel immer im Zusammenhang lesen.
Römer 15,7 lautet: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, zu Gottes Lob.“
Das Verb „annehmen“ ist ein Begriff, der zu den Kernwörtern der Bibel gehört.
Die Bedeutung des Annehmens in der Bibel
Der Prophet Jeremia musste dem Volk Israel verkünden, dass die Gemeinschaft mit Gott aufgekündigt war. Dabei stellte sich die Frage: Wenn ein Mann seine Frau wegen Untreue entlässt und sie ihn verlässt, um einen anderen zu heiraten, kann er sie dann wieder annehmen? Die Antwort darauf lautet: Die Geschichte ist vorbei, nicht wahr? Es gibt kein Zurück mehr.
Die Grundfrage lautet jedoch, ob Gott uns überhaupt annehmen kann. Wenn das Wort "annehmen" in der Bibel verwendet wird, schwingt darin das Wunder mit, dass Gott uns trotz aller Unwürdigkeit annehmen will. So heißt es im Psalm 73: "Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an."
Auch in der ganzen Verwirrung des Volkes Israel, mit seinen schlechten Königen und Fürsten – den schlechten Hirten, die die Herde Israel so schlecht versorgt haben – lässt Gott ausrichten: "Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen" (Hesekiel 34).
Im Neuen Testament wird im Hebräerbrief erklärt, dass Gott sich nicht der Engel annimmt, denn die brauchen das nicht. Aber er nimmt sich derer an, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Sklaven sein müssen. Das sind die Adressaten des Annehmens, das der Herr Jesus vollbracht hat: wir Menschen, die wir Angst vor unserer Sterbestunde haben.
Das schönste Wort steht in Lukas 15: Jesus nimmt die Sünder an. Dieses Wort ist aufgenommen in dem Choral: "Jesus nimmt die Sünder an, sage doch dies Trostwort allen, welche von der rechten Bahn auf verkehrtem Weg verfallen. Hier ist, was sie retten kann: Jesus nimmt die Sünder an."
Diese heißen Tage erinnern mich daran, wie dieses Wort vor zwei Jahren zu mir gesprochen hat. Damals lag ich schwer krank im Krankenhaus und musste eigentlich damit rechnen, dass das schöne Leben sehr schnell vorbei sein könnte. Doch das war nicht das, was mich beunruhigte, auch nicht die Frage, die manche Menschen quält: ob es nach dem Sterben irgendwie weitergeht, ob es eine ewige Welt Gottes gibt. Das war für mich nie fraglich.
Was mich umtrieb, war die Frage: Kann denn Gott mich annehmen?
Persönliche Zweifel und Gottes Annahme
Ist denn nicht vieles von dem, was ich in dem schönen Pfarrberuf tun darf, auch eine Art Schauspielerei – vor mir selbst und vor anderen Menschen? Wenn ich mich auf eine Bibelstunde, einen Eiding oder einen Gottesdienst vorbereite, ist das dann Routine, oder geht das wirklich in mich hinein?
Vielleicht wollte Gott viel intensiver mit mir persönlich reden, und ich habe ihn stehen lassen. Ich habe sogar vermeintlich wichtige Aufgaben vorgeschoben, die wichtiger erschienen als die Begegnung mit ihm. Jedes beliebige Telefon nehme ich ab, weil es mir wichtig scheint. Aber wenn Gott mit mir reden will, denke ich: „Ach, ich brauche das jetzt nicht, vielleicht später mal.“ Diese Majestätsbeleidigung Gottes.
All das ist mir sehr nüchtern und realistisch eingefallen: Kann Gott mich denn wirklich annehmen? Wenn ich das Vorrecht habe, mit meinen Enkeln ein bisschen Latein zu üben, habe ich den Eindruck, sie wollen nicht nur Geld. Sie hören zu, schwäbisch gesagt, sie „zirbeln“ vor sich hin. Und auf jede Frage, die ich stelle, bekomme ich eine Antwort, bei der man schon weiß: Es ist halb geraten, halb geahnt und vielleicht ein bisschen gewusst.
Nach einer halben Stunde sage ich dann: „Lassen wir es für heute. Es muss ja nicht sein, dass du dich über mich ärgerst und ich mich über dich, gell?“ So hätte auch Gott genug Gelegenheit gehabt, in meinem Leben zu sagen: „Wenn du nicht willst, dränge ich mich dir nicht auf. Das muss nicht sein.“
Kann Gott mich denn wirklich annehmen? War nicht all seine Liebesmühe um mich umsonst, vergeblich?
Am nächsten Morgen lese ich in meiner täglichen Bibelarbeit die Geschichte von Jakob und Esau. Jakob kehrt nach jahrzehntelangem Aufenthalt in der Fremde zurück in die Heimat. Aber da ist ja Esau, dessen Leben ich vermasselt habe. Ich habe ihn betrogen – um das Erstgeburtsrecht und um den Segen des Vaters. Sein ganzes Leben ist wegen mir verpfuscht. Ich kann mich doch nicht mehr unter dessen Augen trauen.
Dann kam die Frage: Kann er mich wohl annehmen? Jakob schickt eine Fülle von Herten, Kamelen, Eseln und Stieren voraus, um den Bruder zu besänftigen. Aber der sonst so wilde und raue Esau …
Jetzt kommen Begriffe, die im Neuen Testament, in Lukas 15, auftauchen: „Als er noch fern war, lief er ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“ Der Esau küsst seinen ungleichen Bruder Jakob. „Lass doch die Herden, die brauche ich nicht. Hauptsache, dass du wieder da bist.“
Jakob sagt: „Du hast mich angesehen, als ob Gottes Angesicht mich angeschaut hätte.“ Wenn Jakob das bei seinem wilden, rauen Bruder Esau erlebt hat, dann wird es mein gnädiger, erbarmender Gott doch auch bei mir fertigbringen.
Das war ein ungemeiner Trost.
Das Wunder der göttlichen Annahme
Und dann bin ich auf diese Spur gesetzt worden, wie dieses Verb „annehmen“ ein Zentralwort der Bibel ist. Jesus nimmt gerade Sünder an. Es ist etwas Besonderes, wenn dieser Hunger aufwächst, diese Frage: Kann denn Gott mich überhaupt annehmen?
Es gibt genug Leute, die um uns herum leben und sagen: „Wenn Gott mich nicht annimmt, wer soll denn dann in den Himmel kommen? Ich habe anständig gelebt.“ Es ist ein Wunder Gottes, wenn uns das Gewissen für die Frage weckt: Kann denn Gott mich überhaupt annehmen?
Der große Pionier der Evangelisationsarbeit in Deutschland war der verkrachte, adlige Fritz von Schlümbach. Er stammte aus Württemberg, war Offiziersanwärter und musste wegen einer dunklen Geschichte Europa verlassen und nach Amerika gehen. Dort hat er zuerst in einem Steinbruch gearbeitet. Im Bürgerkrieg wurde er bis zum Hauptmann ernannt und schwer verwundet.
Als er auf dem Schlachtfeld lag, schwer verwundet, hat er noch einmal nach Gott geschrien. Aber als ihm dann Hilfe zuteilwurde, hat er Gott vergessen. Er wurde bei den deutschen Auswanderervereinen, die sehr freiheitlich waren und sich nicht mehr an die alte Frömmigkeit in der Heimat gebunden fühlten, sogar Redner vom Verband der Atheisten. Er war der wichtigste Redner, der Gottesleugner, und wurde in ganz Amerika herumgereicht.
So saß er eines Samstagabends im Zug, als eine vornehme Gestalt zu ihm kam und sagte: „Captain Schlimbach.“ Das war sein General Albrecht, der inzwischen den amerikanisierten Namen Albright angenommen hatte. General Albright fragte: „Wollen Sie nicht das Wochenende bei uns in Monk Junction verbringen? Meine Frau wird sich freuen, wenn Sie kommen.“
Nach den 24 Stunden in Monk Junction fuhr Fritz von Schlümbach, der spätere große Evangelist und Zeltprediger, weg in der Gewissheit: Dir sind deine Sünden vergeben, sündige hinfort nicht mehr. Und ich weiß, an wen ich glaube, der ehemalige Atheistenvorkämpfer.
Wie kam es dazu? Die Albrights hatten an einem Samstagabend einen Gottesdienst besucht. Der Pfarrer hatte so langweilig gepredigt, dass Fritz von Schlümbach bei sich selbst sagte: „Ich brauche keine Reklame mehr für die Atheisten, das besorgen die Christen von selber.“
Abends nahm die Frau Albright Fritz von Schlümbach besonders zur Teestunde und fragte: „Haben Sie auch eine Mutter? Erzählen Sie mir doch von Ihrer Mutter.“ Fritz von Schlümbach traf es wie ein Schlag. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er seine vor kurzem verstorbene Mutter mit seinem Lebenswandel, so wie er später sagte, „Zentimeter um Zentimeter unter den Boden gebracht“ hatte. „Ich habe meine Mutter kaputt gemacht.“
Vor der Frau Albright breitete er alles aus, was er als Schuld in seinem Leben empfand, was er vorher weggesteckt hatte. Plötzlich war er, der Atheistenvorkämpfer, aufgeschlossen für das: „Dir sind deine Sünden vergeben. Ich weiß, an wen ich glaube. Ich bin angenommen.“ Und das wollte er verkündigen.
Er wurde dann Mitarbeiter von Moody und brachte die Sache der Evangelisation zu uns nach Europa, besonders nach Deutschland. Angefangen in Berlin: Jesus nimmt die Sünder an – diese Botschaft ist Trost für alle.
Er hat sich besonders immer gefreut über das Lied „Schlimbach, es stürme, was da kann, mein Haupt nimmt sich mein an“, diesen alten Choral. Mein Haupt, Jesus Christus, nimmt sich meiner verkrachten Existenz an.
Aufforderung zur gegenseitigen Annahme
Also noch einmal der Vers Römer 15,7: Nehmt einander an, wie Christus uns angenommen hat, zu Gottes Lob.
So hat es Paulus geradezu klassisch formuliert. Du, das macht Gottes Rechnung nicht kaputt, wenn Jesus uns annimmt. Das entspricht dem Wesen Gottes. Er hat schon dem armseligen Volk Israel gesagt: Ich habe euch getragen auf Adlersflügeln, habe euch hierher gebracht, habe euch angenommen. Das geschieht Gott zu Lob. Darüber freut sich Gott, wenn Sünder angenommen werden.
Aber der Satz „Nehmt einander an, wie Christus uns angenommen hat, zu Gottes Lob“ klingt ja wie eine Aufforderung: Jetzt tut auch mal ihr das, was Jesus Christus gemacht hat. Wir sollen Jesus zum Vorbild nehmen – das stimmt ja in gewisser Weise auch. Aber zuerst will uns der Apostel Paulus immer vor Augen führen, was wir an Jesus haben.
Den haben wir alle noch gar nicht richtig kennengelernt. Da reicht ein langes Leben nicht aus, um zu begreifen, was wir an Jesus haben. Die Achse dieses ganzen Kapitels Römer 15 – fast die ganze Achse des Neuen Testamentes, um die sich alles dreht – ist immer wieder: Schaut auf Jesus, richtet euren Blick auf Jesus.
So ist es auch in Kapitel 15 des Römerbriefs: Lasst uns der Schwachen Unvermögen tragen, denn auch Christus hatte nicht an sich selbst gefallen. Seid einträchtig untereinander, lebt Jesus Christus gemäß nebeneinander, so wie Christus ein Diener geworden ist.
Die Herausforderung, Schwäche zu tragen
Was ist denn an Jesus so besonders? Im Grunde genommen könnte man vermuten, dass der Apostel Paulus in 14 Kapiteln des Römerbriefs schon genug Lob über Jesus ausgesprochen hat und erklärt hat, was wir an ihm haben.
Jesus stammt aus dem Stamm Davids, ist der erwartete Christus, den Gott für uns hingestellt hat durch sein Blut. Dadurch haben wir etwas zum Glauben, müssen nicht auf unsere eigene Gerechtigkeit schauen und uns fragen, was wir alles getan haben. Stattdessen können wir ihm vertrauen, so wie Abraham Gott vertraut hat.
Es geht weiter: Gott hat diesen Jesus auferweckt, damit wir ihn anrufen können. Wer den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden. Jesus wird also auch ein Erlöser für Israel sein. All das wird vom Apostel Paulus aufgezählt, sodass man eigentlich denken könnte, er hätte nichts mehr übrig, was er uns noch Neues über Jesus sagen könnte.
Doch es sind zwei Aussagen in Römer 15, die mich besonders gepackt haben, als hätte ich sie noch nie zuvor richtig gelesen oder verstanden.
„Wir, die wir stark sind, sollen das Unvermögen der Schwachen tragen und nicht Gefallen an uns selbst haben. Jeder von uns soll so leben, dass er seinem Nächsten Gefallen tut, zum Guten, zur Erbauung. Denn auch Christus hatte nicht an sich selbst Gefallen.“
Hier steht ein weiteres zentrales Bibelwort, das dem Apostel Paulus besonders wichtig ist: Ihr sollt das Unvermögen der Schwachen tragen wie Christus.
Achten Sie mal darauf, wie oft dieses Verb „tragen“ in den Evangelien und im Gesangbuch vorkommt. Zum Beispiel heißt es: Das Lamm Gottes trägt die Sünde der Welt. „All Sünd hast du getragen, sonst müssten wir verzagen.“ Oder: „Ja, Vater, ja, von Herzensgrund leg auf, ich will dir's tragen.“ Auch im Lied „Gott wird ein Kind, hebet und träget die Sünd“ ist dieses Bild zentral.
Dieses Wort ist zuerst beim Propheten Jesaja aufgeklungen, wenn Gott alle unsere Sünden auf Jesus wirft. In Jesaja 53 heißt es: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit.“ Im Hebräischen steht hier noch mehr: Er ist der Sünder, der sich abmüht, so wie sich die Israeliten in Ägypten abgeschleppt haben mit dem Frohndienst und kaum mehr konnten.
Gott hörte ihr Jammern und Stöhnen über die harte Arbeit. So trug Jesus unsere Sünde. Jesaja 53,4 und nochmals Vers 11 sagen: „Denn er hat ihre Sünde getragen.“ Er hat sich abgeschleppt mit der Sünde.
Hier ist das Tragen zum Ziel gekommen, was Gott schon immer getan hat: „Ich will euch tragen, wie ein Mann seinen Sohn trägt.“ Auch in Römer 9 steht, dass Gott in großer Geduld die sündige Welt bis heute getragen hat. Er hat unsere Welt nicht fallen lassen und hätte längst sagen können: Lasst doch das Ding bleiben, ich habe keine Freude mehr daran.
Geduld Gottes und menschliche Verantwortung
Wenn es jetzt schon wochenlang nicht mehr regnet, sagen manche Journalisten zum Trost: Jahrelang haben wir gesagt, es gibt gar keinen richtigen Sommer mehr. Jetzt haben wir einen richtigen Sommer. Aber das ist ein schlechter Trost!
Ich habe vorgestern in meiner privaten Bibellese 3. Mose 26 gelesen. Dort steht: Wenn ihr als mein Volk meine Gebote haltet und danach tut, will ich euch den Regen zur rechten Zeit geben. Wacht denn eigentlich bei uns jemand auf? Das könnte, schwäbisch gesagt, ein Stupfer Gottes sein, wenn ich bloß einen Augenblick ein klein wenig meiner Geduld einschränke. Merkt doch, ich könnte euch ganz fallen lassen. Aber er trägt in großer Geduld die sündige Welt.
Ganz am Anfang der Bibel hören wir die Klage des Kain, als ihm bewusst wurde, was er gemacht hat: „Meine Schuld ist so groß, als dass ich sie tragen kann, als dass ich sie tragen kann.“ Der Prophet Jeremia klagt in Klagelieder 5: Wir müssen die schwere Schuld tragen, die unsere Väter verursacht haben.
Jetzt hat Gott den angekündigt, der die ganze Lasterschuld auf seine Schulter nimmt und trägt. Verstehen Sie, hier wird das, was annehmen ist, noch einmal spezifiziert, besonders gemacht.
Es war etwas Besonderes im Krankenhaus, als ich kaum mehr wagte, die vielbeschäftigten Ärzte nochmals wegen einer besonderen Geschichte anzusprechen. Da sagte der eine Oberarzt mit christlichem Hintergrund: „Ich bin ganz für Sie da! Zeit spielt jetzt gar keine Rolle.“ Verstehen Sie, das ist tragen, das ist annehmen: Ich bin ganz für dich da!
So hat Christus uns angenommen.
Die praktische Umsetzung des Tragens
Dem Apostel Paulus war dieses Wort vom Tragen so wichtig, dass er es zweimal verwendet hat. Ich habe gehört, dass Sie vor Wochen von Heiko Grimmer die Auslegung gehört haben: „Einer trage des andern Last, so werde das Gesetz Christi erfüllt.“ Das war das Wesentliche an Jesus Christus – dass er getragen hat (vgl. Galater 6,1-2).
Auch hier gilt: Wir, die wir stark sind, sollen tragen, so wie Jesus getragen hat. Matthäus schreibt als Zusammenfassung des ganzen Wirkens Jesu, dass er uns mit unseren Schwachheiten und Krankheiten getragen hat. Das würde ich gern persönlich mit Ihnen besprechen.
Auch wenn Sie Jesus liebhaben und ihn kennen – wie lange hat er Sie ertragen? Er hat ja einmal seinen Jüngern fragend die Frage vorgelegt: „Wie lange muss ich euch ertragen?“ Wir mit unserer Unentschlossenheit, denen oft anderes auch so wichtig ist, wir, die wir uns selbst täuschen in unserem Glauben, die wir Jesus, unseren Mitmenschen und uns selber etwas vormachen – wie lange muss Jesus mich tragen mit meiner Ungeduld, dass ich anderen Menschen auf die Nerven gehe, meiner Streitsucht, mit der Anfälligkeit für so vieles, worüber Jesus nur traurig sein kann?
Wäre es aller Ehren wert, wenn Jesus sagen würde: „Dann lassen wir es, wenn du nicht willst. Da gehe ich einfach weg in aller Stille.“ Aber nein, er hat mich bis heute getragen – in großer Geduld.
Wenn Sie fragen, ob Jesus etwas mit Ihrem Leben zu tun hat, können Sie antworten: „Er hat mich getragen bis heute.“ Wahrscheinlich ist das die ehrlichere Antwort, wenn wir von unserer Liebe zu Jesus reden, von unserem Interesse für Jesus und seine Sache. Das mag auch gelegentlich dabei sein, aber vor allem: Er hat mich getragen. Er hat mich angenommen – daran spüre ich es.
Lange vor dem Kommen Jesu war das angekündigt worden durch den Propheten, wie ein Scheinwerferstrahl: Da kommt der, der uns annehmen wird, der unsere Lasten tragen wird. Dem Apostel Paulus war das wichtig. Im Vers 8 heißt es, um die Verheißungen der Väter zu bestätigen. Paulus war wichtig, dass das nicht bloß eine Zufallsentscheidung Gottes war, sondern dass es lang geplant und vorgesehen war.
Man kann im Alten Testament Spuren entdecken, Hinweise auf Jesus, die schon längst von Gott festgelegt sind und in Jesus erfüllt wurden. Jetzt ist der Augenblick da, der gekommen ist, der trägt – dessen Wesen es ist, Krankheiten zu tragen (vgl. Matthäus 8,17). Alle Sünden hast du getragen!
Die Tragweite des Tragens Jesu
Wirklich alle Sünden, alle Fehler – es beschäftigt viele Menschen, ob Jesus tatsächlich alles trägt, erträgt und duldet, was an Gemeinheit, Falschheit und zerstörerischer Kraft in unserem Leben steckt.
Vor über hundert Jahren gab es in Dänemark den großen Religionsphilosophen Sören Kierkegaard. Er wurde sein Leben lang von Schwermut begleitet, die er von seinem Vater, Peter Kierkegaard, geerbt hatte. Peter Kierkegaard starb im Alter von 72 Jahren in Verzweiflung. Als 15-jähriger armer Hütejunge in Jütland, hungrig und ausgekühlt mit seinen wenigen Schafen, hatte er in einem Schneesturm Gott verflucht, mit Gott gehadert und Gott gelästert.
Als seine Frau starb und von ihren sieben Kindern fünf ebenfalls verstarben, sagte er: „Seht doch, das ist der Fluch! Gott macht mich kaputt, ich habe ihm abgeschworen.“ Wie schade, dass Peter Kierkegaard, der Vater des großen Religionsphilosophen, nicht in das hineingeschaut hat, was dem Apostel Paulus wichtig war: dass Gott auch die Schmähungen derer, die Gott schmähen, auf Jesus gelegt hat.
Das steht nämlich in Römer 3,3: „Auch Christus hatte nicht an sich selbst gefallen.“ Es besteht die Gefahr, dass wir an uns selbst gefallen haben. Denn wenn alle so wären wie ich, wäre die Welt ja gut. „Nicht ihr, ich bin eigentlich unschlagbar.“ Ich habe zwar ein paar kleine Macken, aber ich soll mich mit solchen Leuten abgeben?
Es fällt uns schwer, das, was Paulus uns rät, zu beherzigen: das Unvermögen der Schwachen zu tragen. Wir würden gern bedürftigen Menschen helfen, wenn diese nicht dauernd so eingebildet und rechthaberisch wären, uns am Ende noch Vorschriften machen wollten, was wir tun sollen, wenn sie sich helfen ließen.
Paulus sagt: „Sie sind doch Unvermögen, die Schwachen.“ Sie können gar nicht anders, sie sind verbohrt, vielleicht sogar dumm. Aber Jesus hat sogar unser Unvermögen getragen, das der Schwachen. Wie oft hatten wir Ausreden für das, was falsch war? Er hat uns getragen – mit unserer Schwachheit und dem Unvermögen, das da war.
Wir sollen nicht an uns selbst gefallen haben. Christus hatte nicht an sich selbst gefallen, sondern, wie im Psalm 69 geschrieben steht: „Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf dich gefallen.“ Im Psalm 69 sagt ein Märtyrer Gottes, jemand, der um Gottes willen leidet: „Die Schmähungen, lieber Gott, die eigentlich dir gegolten haben, sind auf mich gefallen.“
Der Apostel Paulus sagt dazu: Das ist doch in Jesus erfüllt. Alle Gottlosigkeit, alle Lästerung und alle Schmähung Gottes, die soll der Sohn Gottes tragen. Sie sind auf den Rücken Jesu gefallen.
Theologische Reflexionen zur Annahme
Geschwind ein Einschub, was die Theologen umtreibt. Die hochwissenschaftlichen Theologen sagen, dass Römer 15 eigentlich nicht einzusehen ist. Warum zitiert der Apostel Paulus plötzlich Psalm 69? Er hätte doch viel besser sagen können, dass Jesus nicht Gefallen an sich selbst hatte, sondern die Sünde getragen hat, wie es in Jesaja 53 steht.
Der große Exeget Ulrich Lutz sagt sogar, dass der Apostel Paulus wahrscheinlich Jesaja 53 gar nicht gekannt hat. Ich würde am liebsten sagen: Oh, du armer Kerl, natürlich hat er es gekannt. Das Stichwort vom Tragen, gleich im Vers 1, und vom Annehmen ist voll von Zitaten aus Jesaja 53.
Die Frage ist nur: In welchem Ausmaß geht das Tragen Gottes? Viele sind umgetrieben, weil sie mit ihren Eltern umgegangen sind wie mit einem Dreckeimer. Viele hier können über die große Panne ihres Lebens gar nicht mit anderen reden. Wie weit reicht das Tragen und Annehmen Jesu?
Der Apostel Paulus zitiert sogar Leute, die Gott geschmäht haben, die gelästert haben, deren Sünde auf Jesus geladen wurde. Ich denke, Paulus hat aufatmend gesagt, wie er im ersten Timotheusbrief schreibt: „Ich war einst ein Lästerer, ein Schmähherr und ein Verfolger. Ich habe die Sache Gottes bekämpft. Aber das Erbarmen Gottes hat mich gepackt. Er hat mich stark gemacht und in ein Amt gesetzt.“
Leute, was in Psalm 69 steht, gilt sogar für Leute, die Gott geschmäht haben. Es gibt keine Schuld, keine Sünde, bei der Jesus sagt: „Entschuldigung, dafür bin ich nicht mehr zuständig.“ Was zu weit geht, geht zu weit. Nein, die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf ihn gefallen. Das ist geschrieben, damit wir durch die Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben (Römer 15,4).
Jesus nimmt die Sünder an. Er hat auch mich angenommen und mir den Himmel aufgetan. So konnte Paulus sagen, obwohl er das Lied noch gar nicht kannte: Das ist mehr als alle fromm klingende Vertröstung.
Beispiele aus dem Leben für Annahme und Vergebung
Im evangelischen Stuttgart des 19. Jahrhunderts lebte die Kaufmannsfrau Charlotte Reilen, eine echte Unternehmerin. Ihr verdanken wir die Konzeption des Bildes vom breiten und schmalen Weg, das gerade drüben in Holzgerlingen im Heimatmuseum so anschaulich gezeigt wird.
Charlotte Reilen lebte Tag für Tag mit allen Lustbarkeiten, die es gab. Sie war eine Pfarrerstochter und dachte: Letztendlich möchte ich etwas anderes erleben – an der Seite von meinem Friedrich Reilen. Dann aber starb nach einem Luftröhrenschnitt, der nötig war, ihr so geliebter Sohn Julius, das zweite Büblein. Da dachte sie, es sei die Strafe Gottes, weil sie als Pfarrerstochter Gott, die Bibel und das Gebet beiseitegeschoben hatte und nur noch in den Tag hinein gelebt hatte.
Eine Seelsorgerin kam zu ihr und sagte: „Ach, das ist doch keine Schuld. Weißt du, wenn in einer Schafherde das Schaf mit dem Lämmlein nicht mehr richtig weiterwill, nimmt der Hirte das Lämmlein auf den Arm, und dann läuft die Schafmutter von selbst hinten drein. So hat Jesus jetzt dein Kind, das Lämmlein, auf den Arm genommen, und du darfst dem Herrn Jesus hinten dreinlaufen.“
Das war gut gemeint, aber es gibt auch frommes Geschwätz. Trost fand Charlotte Reilen schließlich beim Pfarrer in der Leonhardskirche in Stuttgart. Sie berichtete, dass ihr in einer Predigt plötzlich klar wurde: „Ich will den Kelch des Heils trinken, weil Jesus gesagt hat: zur Vergebung der Sünden.“ In ihrem Leben gab es Sünde – nicht nur Schäflein, die man auf den Arm nehmen muss, sondern Sünde, die Vergebung braucht.
Das veränderte ihr Leben. Jesus nimmt Sünder an. Dieses Annehmen steht nicht unter der Bedingung, dass wir es fertigbringen oder dass wir das Unvermögen der Schwachen tragen können. Nein, es steht fest: Jesus ist da, um unsere Sünde zu tragen und uns mit unserer Sündenlast zu tragen.
Nehmt einander an, so wie Christus uns angenommen hat. Vor drei oder vier Wochen, in einer Bibelarbeit über Galater 1 und Galater 6, Vers 1, heißt es: „Wenn jemand von euch von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid.“ Jesus will uns so sehr annehmen, dass er nicht bloß Vorbild ist, sondern dass seine Art uns durchdringt. So schaffen wir plötzlich auch das, was unserem Wesen widerstrebt.
Da sind die Nichtskönner, die Versager, und wir sollen uns noch um sie annehmen, sie begleiten. Wie lange sollen wir sie eigentlich noch tragen? Das widerstrebt uns. Doch plötzlich trägt Jesus uns, und seine Art geht nach und nach wie ein Heilungsprozess auf uns über.
Wir, die wir stark sind, sollen das Unvermögen der Schwachen tragen. Sind wir stark? Nein, ich nicht. Die kleinste Störung im Tageslauf – ein Rechnungsbetrag, mit dem ich nicht gerechnet habe – bringt mich aus der Ruhe. Aber Paulus sagt: „Ich vermag alles durch den, der mich stark macht.“ Wir sind von Natur aus keine starken Leute, aber Jesus will uns stark machen.
Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. In Vers 5 heißt es: „Jesus Christus gemäß“, das heißt, man soll es uns ansehen, dass Jesus Christus uns angenommen hat, und dass wir dankbar sind, weil er uns trägt. Deshalb können wir auch andere annehmen.
Ich weiß nicht, ob Sie das Bild kennen, das Charlotte Reilen in Auftrag gegeben hat. Wenn nicht, dann sollten Sie es kennenlernen. Es ist ein ganz wichtiges Andachtsbild für die Frömmigkeitsgeschichte in Württemberg.
Es wird viel Törichtes zur Erklärung dieses Bildes gesagt. Auch in der schönen Ausstellung in Holzgerlingen wird manchmal in der Zeitung manches sehr töricht dargestellt. So wird etwa behauptet, auf der linken Seite, beim breiten Weg, würden sich die Frommen über die Sünden dieser Welt mokieren, überheblich seien sie, während sie auf dem schmalen Weg anständig leben. Nein, das Bild hat ein ganz anderes Thema.
Auf der linken Seite, auf dem breiten Weg, sind eigentlich lauter Aktivitäten, bei denen es um das Ich geht: „Ich, ich, ich“, daran habe ich Freude, ich setze meinen Kopf durch, das mache ich. Ob das Lottospielen ist oder das Plagen von Tieren – ich brauche keinen Gottesdienst, ich gehe sonntags in die freie Natur.
Auf der rechten Seite, beim schmalen Weg, den uns Jesus geschildert hat, sieht man die Armenrettungsanstalt, die Trinkerfürsorge, die Diakonissenanstalt, die Sonntagsschule, die Kinderarbeit – lauter Dinge, bei denen Menschen von sich selbst losgekommen sind und für andere etwas tun.
Wer sich von Jesus annehmen lässt, wie Charlotte Reilen sich annehmen ließ, dem kommt plötzlich die Art Jesu in einem großen Heilungsprozess über. So können wir auch einander annehmen, Christus gemäß, so wie Christus uns angenommen hat und mit unserem Unvermögen getragen hat.
Dazu hilfst du uns, lieber Herr und Gott. Es wäre alles ein Schlag ins Wasser, wenn das, was wir aus deinem Wort gehört haben, an uns wieder vorbeirauschen würde. Lass uns heute wenigstens den Tag so leben, dass wir sagen können: Danke, dass du mich trägst, bis heute getragen hast in meinem Unvermögen und in meiner Schwachheit, und dass du mich angenommen hast und annehmen willst.
Durchdringe mich, Herr, wenn es dein Wille ist, mit deiner Art, dass wir eine Hilfe sein können in dieser notvollen Welt. Amen.
Das Bild vom breiten und schmalen Weg als Herausforderung
Ich weiß nicht, ob Sie dieses Bild als Charlotte Reilen in Auftrag gegeben hat. Falls nicht, dann müssen Sie es unbedingt kennenlernen. Es ist ein ganz wichtiges Andachtsbild für die Frömmigkeitsgeschichte in Württemberg.
Es wird sehr viel Törichtes zur Erklärung dieses Bildes gesagt. Auch in der schönen Ausstellung in Holzgerlingen wird manchmal einiges sehr Törichtes in der Zeitung berichtet. So wird zum Beispiel behauptet, dass auf der linken Seite beim breiten Weg die Frommen sich über die Sünden dieser Welt mokieren, überheblich sind und in den Tag hineinleben. Aber sie seien ja anständig, weil sie auf dem schmalen Weg gehen. Nein, das Bild hat ein ganz anderes Thema.
Auf der linken Seite, auf dem breiten Weg, sieht man eigentlich lauter Aktivitäten. Es geht um das Ich: „Ich, ich, ich“, daran habe ich Freude, ich setze meinen Kopf durch, das mache ich. Ob das nun das Lottospielen ist oder das Plagen der Tiere – ich brauche keinen Gottesdienst, ich gehe sonntags in die freie Natur.
Auf der rechten Seite hingegen, beim schmalen Weg, den uns Jesus geschildert hat, sind die Armenrettungsanstalt, die Trinkerfürsorge, die Diakonissenanstalt, die Sonntagsschule, die Kinderarbeit zu sehen. Das sind lauter Dinge, bei denen Menschen von sich selbst losgekommen sind und für andere etwas tun.
Wer sich von Jesus annehmen lässt, so wie Charlotte Reilen sich annehmen ließ, bei dem kommt plötzlich die Art Jesu zum Vorschein. In dem großen Heilungsprozess können wir einander so annehmen, Christus gemäß, so wie Christus uns angenommen hat und mit unserem Unvermögen getragen hat.
Dazu hilfst du uns, lieber Herr und Gott. Es wäre alles ein Schlag ins Wasser, wenn das, was wir aus deinem Wort gehört haben, an uns wieder vorbeirauschen würde. Lass uns heute mindestens den Tag so leben, dass wir sagen können: Danke, dass du mich trägst, dass du mich bis heute getragen hast in meinem Unvermögen und meiner Schwachheit und dass du mich angenommen hast und weiterhin annehmen willst.
Durchdringe mich, Herr, wenn es dein Wille ist, mit deiner Art, damit wir eine Hilfe sein können in dieser notvollen Welt. Amen.