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Der 12-jährige Jesus im Tempel: Wenn man Jesus findet

18.02.1962Lukas 2,48

Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Wir hatten begonnen, in dieser Epiphanias-Zeit die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel zu besprechen. Als seine Eltern ihn verloren hatten, fanden sie ihn im Tempel, mitten unter den Lehrern. Er hörte ihnen zu und stellte ihnen Fragen. Alle, die ihm zuhörten, staunten über seinen Verstand und seine Antworten, wie es im Evangelium nach Lukas beschrieben ist.

Nun folgt der Text für heute:

„Und da sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Seine Mutter sprach zu ihm: ‚Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.‘ Und Jesus sprach zu ihnen: ‚Was ist, dass ihr mich gesucht habt? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?‘“

Herr, Heiliger und Sinn deiner Wahrheit, dein Wort ist die Wahrheit. Amen!

Begegnung im Zug: Ein Gespräch über Kirche und Glauben

In der letzten Woche musste ich nach Frankfurt reisen – ja, genau, die Stadt, die nach meiner Meinung die zweit schönste Stadt ist. Im Zug kam ich ins Gespräch mit einem Mann, der ein rotes Bandolier trug. Ich wusste nicht genau, welchen Titel er hatte, vielleicht Zuführer oder so ähnlich. Offenbar erweckte ich Vertrauen bei ihm, denn er erzählte mir viel aus seinem Leben.

Adam sagte: „Wissen Sie, ich bin natürlich aus der Kirche ausgetreten.“ Das ist in solchen Fällen ja oft so schön, nicht wahr? Er fügte hinzu: „Meine Frau ist natürlich noch in der Kirche und auch meine Kinder sind noch drin.“

Ich fragte ihn: „Warum sind Sie denn ausgetreten?“ Darauf bekam ich eine Antwort, über die ich natürlich lachen musste. Er meinte: „Ach, wissen Sie, in der Kirche ist so viel Drum und Dran.“ Näher erklärte er das nicht.

Ich sagte zu ihm: „Vielleicht haben Sie recht, dass in der Kirche viel Drum und Dran ist. Aber an Ihrer Stelle wäre ich nicht einfach weggelaufen. Ich hätte lieber versucht herauszufinden, was wirklich hinter dem ganzen Drum und Dran steckt.“

Ich drückte es so aus: „Ob in dem Packpapier vom Drum und Dran wirklich etwas drin ist.“ Da war er ganz erstaunt und fragte: „Ist denn da etwas drin?“

Ich antwortete: „Ja, Jesus.“

Die Suche nach dem Wesentlichen im Tempel

In unserer Textgeschichte sehen wir zwei Personen: Maria und Joseph. Sie irren durch das Durcheinander eines religiösen Betriebs. Sie laufen durch den Tempel in Jerusalem, der weitläufig und voller Ablenkungen ist, und suchen ihren zwölfjährigen Sohn Jesus. Sie haben ihn im Trubel des Passahfestes verloren.

Ich glaube, im Tempel in Jerusalem gab es unheimlich viel Drum und Dran. Dann geschieht es, dass sie ihn finden. Sie entdecken Jesus. Sie suchten ihr Kind und finden ihn plötzlich unter den deutenden Lehrern, den ältesten Schriftgelehrten und Theologen Israels. Dort redet und spricht er so, wie der Sohn Gottes redet und spricht.

Das ist der Moment, in dem die Eltern Jesu langsam begreifen, dass dies nicht irgendein Kind ist. Sie entdecken, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Meine Freunde, es ist belanglos, ob er, wie in der Geschichte, als Zwölfjähriger im Gewand eines Menschen auftritt oder ob wir ihn als den Herrn aller Herren kennen.

Es läuft immer ähnlich ab, wenn ein Mensch Jesus entdeckt. Ich möchte als Überschrift über den Text die Predigt schreiben: „Wenn man Jesus findet“. Ich lese noch einmal: „Und da sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Seine Mutter sprach: ‚Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.‘ Und er sprach zu ihnen: ‚Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, das meines Vaters ist?‘“

Das ist das Thema: Wenn man Jesus findet. Ich will mal sehen, was hier darüber gesagt wird.

Die Bestürzung der Eltern und die Bedeutung des Entsetzens

Hier wird zunächst gesagt, dass das erstens einen ungeheuren Schock bedeutet, eine Bestürzung, und dass sie sich entsetzten. Ich kann gut verstehen, dass sie sich entsetzen.

Man kann sich das so vorstellen: Eltern suchen ihren Jungen, der weggelaufen ist. Vielleicht haben sie ihn tausendmal geschimpft, den „lause Jungen“ und so weiter. Wissen Sie, ich kenne das als Jugendpfarrer: Wenn die Jungen weglaufen oder ausreisen wollen, zum Beispiel nach Amerika, und dann plötzlich in der Fremde nichts mehr zu essen haben – so etwas passiert. Dabei erinnert die Polizei sie oft an alte Geschichten. Ich kann mir gut vorstellen, wie es den Eltern dabei geht.

Nach drei Tagen ihres Suchens kommen sie schließlich in eine abgelegene Halle des Tempels. Dort sehen sie eine Menge Menschen stehen. Das ist doch kaum vorstellbar! Ich sehe sie förmlich vor mir, wie sie herantreten, wie sie zunächst nichts sehen können, wie sie sich durch die Menschenmenge drängen, immer wieder pusten und rufen. Dann sind sie durch und was sehen sie? Dort sitzen die Ältesten Israels, die Gelehrten, die geistliche Prominenz, im Kreis. Und in ihrer Mitte sitzt der zwölfjährige Junge.

Dann heißt es hier: „Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich seines Verstandes und seiner Antworten.“ Ich kann verstehen, wie Maria und Joseph auf einmal eins werden mit den Menschen, die da herumstehen. Denn jetzt spricht dieser Knabe, und die Leute, die ihm zuhören, spüren plötzlich: Das ist nicht ein frühreifer Junge, der pathologische Meinungen von sich gibt. Wenn er spricht, dann ist es, als sei Gott ganz nah und unterwegs, und ein Licht leuchtet vor uns auf.

Wenn dieser Knabe spricht, so empfinden die Leute das. Ich versuche mal, die Kritik zu verstehen: Wenn dieser Knabe spricht, dann spricht nicht ein frühreifer Bengel religiöse Meinungen, wie die gelehrten Männer religiöse und dialogische Meinungen sagen, von denen am Ende kein Mensch etwas hat. Sondern wenn er spricht, dann ist auf einmal Wahrheit da, man merkt die Wahrheit.

Kristallklar – ich kann mir vorstellen, wie so ein Mann sagt: „Der gehört mir zu.“ Wenn der redet, dieser Knabe, dann höre ich die Quellen des Lebens rauschen. Wissen Sie, die Leute haben das ganz verstanden, so dunkel ein Wort, das Jesus später von sich selbst gesagt hat: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“

Nun stehen die Eltern da und sind mit der Menge, die um sie herumsteht, eins geworden und mitgepackt. Da heißt es, sie entsetzten sich. Es war herrlich, was dieser Knabe sagte, der aus sich selbst sprach, wenn er vom himmlischen Vater redete. Aber es kam etwas so Neues über sie, dass sie bestürzt waren, sie entsetzten sich.

Die wiederkehrende Reaktion: Entsetzen bei der Begegnung mit Jesus

Hören Sie, ich habe diese Woche nachgezählt: In den vier Evangelien – und falls ich mich um einen kleinen Fehler täusche, korrigieren Sie mich gern – steht etwa 35 Mal, dass die Menschen entsetzt waren, wenn sie mit Jesus zu tun bekamen. 35 Mal!

Luther übersetzt es manchmal mit „sie verwunderten sich“. Im griechischen Text steht jedoch immer ein Wort, das Bestürzung oder Fassungslosigkeit bedeutet. 35 Mal im Neuen Testament, vor allem in den vier Evangelien, wird berichtet, dass die Menschen fassungslos und bestürzt waren, wenn sie Jesus begegneten.

Schon beim zwölfjährigen Jesus wird erzählt, dass er, als er eine Rede auf einem Berg hielt – einem jüngeren Berg – am Ende die Leute entsetzt da saßen. Es heißt, sie waren bestürzt, denn er redete in Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten. Ein Wort, das uns Pastoren wie ein Hammerschlag auf den Kopf trifft: Er redet in Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten.

Ja, das verstehe ich. Lesen wir die Bergpredigt in Matthäus 5 bis 7. Dort wurde man förmlich ausgezogen. Wer eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon die Ehe gebrochen. „Liebe deine Feinde“, „Segnet, die euch verfolgen“, „Selig sind die geistlich Armen“ – ach, meine Freunde, da geht ja alle Gerechtigkeit ganz klein gemacht. Man merkt, wie wenig gerecht wir selbst sind.

Während Jesus so redete, spürte man doch, dass Gott jetzt die Tore der Gnade auftun will. Ich verstehe, warum die Leute entsetzt waren über diese Rede. Es heißt wieder, sie waren entsetzt, als er einmal einem Ehebrecher oder einer Dirne das gewaltige Wort sagte: „Dir sind deine Sünden vergeben.“

Sie waren bestürzt. Dachte einer: So redet man? Gibt es das, dass ein Mensch erfährt und weiß: Mir sind meine Sünden vergeben? Ist das wirklich möglich? Ja, sie waren bestürzt.

Muss man denn nicht jeden Tag suchen, wie das Heil erfahren wird? Dass man weiß: „Meine Sünden sind vergeben“ und ich kann jauchzen, weil ich gerechtfertigt bin? Gibt es das?

Es wird erzählt, wie Jesus Dämonen austrieb, und die Menschen entsetzten sich. Heute lachen manche und sagen, Dämonen gibt es ja gar nicht, das sei Mythos. Aber das Unheimliche ist: Im Augenblick, in dem sie mit Jesus zu tun bekamen, entdeckten sie, dass es unheimliche dämonische Mächte gibt, in deren Gewalt man geraten kann. Und mit geradezu freudiger Bestürztheit erkannten sie: Jesus ist noch mächtiger.

Sie kapieren plötzlich, dass sie vorher völlig vordergründig gelebt haben und gar nicht bewusst waren, was eigentlich los ist. Verstehen Sie, warum die Menschen bestürzt wurden, wenn sie die Wirklichkeit der unsichtbaren Mächte in der Gegenwart Jesu entdeckten?

Es wird erzählt, dass die Jünger Jesu einmal im Sturm auf dem See in Seenot waren. So verlassen, wie man nur sein kann – solche verlassenen Stunden kennen Sie alle. So preisgegeben, heißt es, war der Wind ihnen entgegen. Dann kommt Jesus über das Wasser. „Seid getrost, ich bin’s, fürchtet euch nicht!“ Und Sie spüren ihre Entsetzung. Ich verstehe das als Entsetzen.

Hat er so seine Jünger im Blick? Sie entsetzten sich, wenn er Tote auferweckte. Sie entsetzten sich, wenn er einen Aussätzigen, der ansteckend krank war, anrührte. Sie entsetzten sich, als er am Kreuz starb und die Sonne ihren Schein verlor und die Erde bebte.

Und die Frauen am Ostermorgen entsetzten sich, als sie zum Grab kamen und es leer fanden. Stattdessen fanden sie Engel, die ihnen sagten: „Er ist auferstanden, wie er gesagt hat.“

35 Mal steht da, dass sie entsetzt waren, bestürzt, fassungslos.

Die Herausforderung für Kirche und Glauben heute

So, meine Freunde, nun schauen wir uns heute einmal unseren kirchlichen Betrieb an. Betrachten wir unseren Gottesdienst und unser eigenes Christenleben. Ist dort auch nur etwas von Herren zu sehen und zu spüren?

Sie waren bestürzt, als sie dem Sohn Gottes begegneten. Als ich zum Text kam, war ich erschüttert und habe mich gefragt: Haben wir Gemeinden, Pfarrer und alle miteinander uns in Jesus zurechtgemacht? Haben wir ihn zu einem Vernunftblatt gemacht, so harmlos, dass man ihn in die abendländische Kultur ganz nett mit ein bisschen Kultus, Religion und Kirche einbauen konnte? Haben wir vielleicht im Kirchenjahr Jesus überhaupt noch nicht richtig kennengelernt?

Oder wissen Sie etwas von diesem Bestürztsein?

Ich muss noch etwas zu diesem Bestürztsein erklären, das hier steht. Sehen Sie, „Ihr wart entsetzt“, steht da, „Ihr entsetzten euch“. Das ist nicht das Entsetzen, das in dieser Welt üblich ist.

Als neulich im Saargebiet ein Unglück geschah, als durch Völklingen die Nachricht ging, dass Hunderte tot seien, da war die Stadt im Augenblick entsetzt.

Ich las in dieser Woche die Tragödie, die der große Sophokles im fünften Jahrhundert vor Christus geschrieben hat und die uns immer noch bewegt: die Antigone. Dort lernt man das Entsetzen dieser Welt kennen, wenn König Kreon am Schluss voll Entsetzen sagt: „Auf mich brach das Schicksal Grauen voll herein, ein Schuldig Gewordener, wollte es nicht. Auf mich brach das Schicksal grauenvoll herein.“

Das ist das Entsetzen dieser Welt.

Wenn im Neuen Testament 35 Mal steht, die Menschen entsetzten sich bei Jesus, dann ist das nicht dieses weltliche Entsetzen. Es ist, darf ich so sagen, zu 30 Prozent Entsetzen über sich selbst, weil man auf einem falschen Weg ist, und zu 70 Prozent – verzeihen Sie mir – keine Angst davor, sondern eine Freude, mit der man nicht fertig wird.

Denn das ganze Heil Gottes bricht auf einmal in ein elendes Sünderleben hinein, in Jesus. Wer sollte das fassen? Wie sollte man da nicht bestürzt sein?

Die Frage nach dem Warum: Marias Schmerz und das Ringen mit Jesus

Wenn man Jesus begegnet, dann ist das ein Schock. Das steht hier, und nun folgt das Zweite, was hier steht. Ich trage Ihnen vor, was hier steht, und dann prüfen Sie, ob Sie Jesus überhaupt schon einmal begegnet sind.

Das Zweite, was hier steht, heißt: Wenn man Jesus begegnet, drängt sich eine Frage auf die Lippen. Also zweitens: Es drängt sich eine Frage auf die Lippen. Maria sagt: „Mein Sohn, warum hast du uns das getan?“

Maria wirkt im Augenblick wie ein Mensch, der ein schreckliches Erdbeben erlebt hat. Der Boden wankt, und sie sucht nach etwas Festem, an dem sie wieder Halt finden kann. Sie hat ihr Kind gesucht und begegnet dem, der in Vollmacht des Sohnes Gottes spricht. Doch wo ist etwas Festes? Sie entsetzt sich, und das Einzige, was sie greifen kann, ist die Vorstellung, den alten Zustand wiederherzustellen, in dem sie die Mutter ist und jeden weggelaufenen Jungen zurückholen kann. So versucht sie, diesen Zustand wiederherzustellen: „Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen großgezogen.“

Auf diese Frage bekommt sie keine befriedigende Antwort. Maria muss hier lernen – und das ist sehr wichtig, was ich Ihnen sagen möchte –, was alle lernen müssen, die Jesus kennen und ihm gehören wollen. Maria beginnt hier zu lernen, dass Jesus mit seinen Leuten oft auf wunderliche Weise umgeht.

„Warum hast du mir das getan?“ – Das habe ich in meinem Leben oft gefragt, seitdem ich zum Herrn gehöre. Ich habe diese Frage gestellt, wenn er mich in Nöte stürzte. Ich sagte: „Ja, du weißt, ich kann so wenig ertragen, meine Nerven sind schwach. Warum hast du mir das getan?“

Ich habe diese Frage gestellt, wenn er mich in Kämpfe führte, etwa um unsere Kirche. Und ich merkte, wie allein ich stand und wie verkehrt ich es vielleicht machte. „Herr, warum hast du mir das getan? Konnte ich nicht in einer kleinen Gemeinde in Bremen etwas Glauben haben? Warum führst du Leute so wunderlich entgegen ihren Begabungen und Wünschen?“

Verzeihen Sie, ich kann es nur persönlich sagen. Übertragen Sie es auf Ihr Leben: „Warum hast du mir das getan?“ Diese Frage musste ich Jesus stellen, wenn er mich geradezu fallen ließ, so dass die Sünde mächtig wurde. Ich wollte loslassen, und dann kam die Alternative. „Herr, warum hast du mir das getan?“

Hat Petrus nicht auch diese Frage gestellt, als er den Heiland verleugnete? „Warum hast du mich fallen lassen? Warum hast du mir das getan?“

Ich habe diese Frage oft gestellt, wenn ich sein Wort verkündigte und seine Siege erleben wollte, aber nur Niederlagen und das Kreuz sah. „Herr, warum hast du mir das getan?“

Machen Sie keine falschen Vorstellungen: Jesus geht mit denen, die ihm gehören, so um, dass er sie hinter sich herführt – über Golgatha ans Kreuz. Das Kreuz hat einen Querstrich. Es ist ein Querstrich durch unsere Wünsche, unsere Ideen und unsere Religion – durch alles.

„Warum hast du mir das getan?“ musste Maria noch öfter fragen, ganz still in ihrem Leben, diesen Jesus. Man erzählt, wie ihr Mann öffentlich aufbrauste. Da nahm Maria die jüngeren Brüder Jesu, um ihn nach Hause zu holen. Das Ganze war ein Skandal.

Sie kommt zu Jesus, der von einer Schar Menschen umgeben ist. Sie lässt ihm sagen: „Deine Mutter und deine Brüder sind hier und wollen dich sprechen.“ Da antwortet Jesus: „Meine Anverwandten sind die, die das Wort Gottes hören und tun.“ Damit lässt er Maria gehen, die nach Hause ging.

„Mein Sohn, warum hast du mir das getan?“ Ich sehe sie auf Golgatha unterm Kreuz stehen. Sie sieht ihrem Sohn ins Gesicht, das von der Sonnenglut dort oben verschmachtet ist. So muss es kommen: „Mein Sohn, warum hast du mir das getan?“ Das wurde die Frage, die das Leben der Maria durchzog.

Jetzt möchte ich mich mit Ihnen alle neben Maria stellen – doch auf Golgatha unter dem Kreuz – und mit Ihnen alle fragen: „Warum hast du uns das getan, Herr Jesus?“

In der Bibel steht, dass du für mich gestorben bist. Was soll das? Warum hast du mir das getan?

Dann antwortet er mit dem Mann mit der Dornenkrone: „Ich habe gesehen, wie du unter Gottes Zorn stehst um deines bösen Wesens willen. Ich habe dich lieb und möchte nicht, dass du verloren gehst. Darum habe ich an deiner Statt den Zorn Gottes und das Gewicht deiner Schuld und Sünde auf mich genommen.“

Und noch einmal sagt er: „Ich habe es getan, weil ich dich liebe und retten will.“

Meine Freunde, wer diese Antwort gehört hat, fragt nicht mehr. Er kann nur noch niederfallen, anbeten und danken, dass er einen Heiland hat.

Die klare Selbstoffenbarung Jesu und ihre Bedeutung

Lassen Sie mich noch kurz ein drittes sagen: Wenn man Jesus begegnet, ist das ein Schock. Da drängt sich die Frage auf die Lippen: Warum hast du uns das getan?

Und das Dritte: Dann muss eine Frage geklärt werden. Meine Freunde, es ist mir in dieser Geschichte von dem zwölfjährigen Jesus geradezu ergreifend, mit welcher Klarheit Jesus die Frage klären will, wer er ist und woher er kommt.

Es kommt alles darauf an, dass wir über das Christentum nicht sentimentale Vorstellungen haben, sondern Licht. Licht – und darum drängt schon der zwölfjährige Knabe darauf, festzustellen, wer er ist und woher er kommt.

Da steht Maria vor ihm und sagt: „Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“ Maria meint mit dem Vater natürlich Joseph. Und dann antwortet dieser Knabe: „Nein, mein Vater hat mich nicht gesucht, denn bei ihm war ich die ganze Zeit. Mein Vater ist Gott, und ich war in seinem Hause, das ihm geweiht ist. Er hat mich nicht gesucht, denn mit ihm war ich verbunden. Muss ich nicht sein in dem, was meines Vaters ist?“

Er erklärt hier geradezu mit klärender Härte: „Ich bin der Sohn Gottes.“ Es ist, als wenn dieser zwölfjährige Jesus schon wüsste, dass zweitausend Jahre lang Pöbel und Gelehrte, Laien und Theologen ihm die Gottessohnschaft absprechen werden. Wer das tut, der soll auch die Konsequenz ziehen und sagen: Dieser Jesus war ein Irrer oder ein ganz großer Schwindler.

Denn vom zwölften Lebensjahr bis zur Auferstehung hat er erklärt, dass er von oben und wir von unten sind, dass er aus einer anderen Dimension stammt und der Sohn des lebendigen Gottes ist. Es ist niemals möglich, Jesus zum zweiten Albert Schweitzer zu machen oder zum ersten. Das ist nie möglich.

Entweder ist er der, der aus der anderen Welt gekommen ist, oder er ist vom zwölften Lebensjahr an verrückt. Mit aller Klarheit sagte er hier: „Ich bin bei meinem Vater gewesen.“

Meine Freunde, ich bin dem Herrn Jesus offen gestanden so dankbar, dass er mit solcher Klarheit schon von Anfang seiner Laufbahn erklärt hat, wer er ist und woher er kommt. „Muss ich nicht sein in dem, das meines Vaters ist.“ Der Tempel ist das Haus meines Vaters, hier bin ich bei ihm.

Und als er am Kreuz hängt, da sagt er noch: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Da sagte mir neulich jemand: „Nun, wir Menschen sind alle Kinder Gottes.“ Da habe ich gesagt: „Warten Sie mal ab, ob Gott das anerkennt, wenn Sie in seinem Gericht stehen und Ihre Taten auf die Waage gelegt werden.“

„Sagen Sie, Vater“, sagt der Richter, „bin ich?“ – schweigt still. Ja, ich kann durch Jesus Kind Gottes werden, möchte ich sagen, aber das ist eine große Sache, und ich wünsche es Ihnen.

Zunächst steht er hier und sagt: „Ich bin von oben, ihr seid von unten.“ Ich sage, ich bin dem Herrn Jesus sehr dankbar, dass er es mit solcher Klarheit ausgesprochen hat, denn nun weiß man, woran man ist, und kann Licht haben.

Nun weiß ich, dass er wirklich der ist, der den dunklen, verborgenen Gott offenbart. Gott ist verborgen, Jesus ist die Offenbarung Gottes. Nun weiß ich, dass er wirklich der von Gott legitimierte Hohepriester ist, der mich versöhnen kann, indem er sich selbst zum Opfer macht und am Kreuz stirbt.

Nun weiß ich, dass er wirklich der gute Hirte ist, der in Vollmacht uns ruft. Nun weiß ich, dass er wirklich der Erlöser meines unerlösten Lebens ist.

Ich muss schließen. Es gelte für Sie all das Wort: Wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben. Und dass Sie mit uns, die wir in Weichelhaus viel und gern singen, den Vers singen könnten von Herzensgrund: „Jesus ist mein Leben, mein Teil und mein Gewinn. Drum will ich ihn erheben, weil ich im Leben bin.“

Schlussgebet

Wir wollen beten. Du hast gesagt, dass das ewige Leben darin besteht, dich, den von Gott Gesandten, zu erkennen.

Gib uns in Essen Christen, die dich klar erkennen und durch diese Erkenntnis wiedergeboren werden zu Kindern Gottes.

Amen!