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Allgemeines zum Aufbau der Bibel und Vogelschau: die vier Evangelien

Matthäus
Serie•Teil 1 / 9Überblick über die 27 Bücher des Neuen Testaments (NT)
Welches Bild von Jesus prägt dich wirklich: König, Diener, Mensch oder Sohn Gottes? Die vier Evangelien zeigen ihn aus ganz verschiedenen Blickwinkeln – und machen klar, wer er ist und was das mit dir zu tun hat.

Überblick über die Bücher des Neuen Testaments

Ich habe das Vorrecht, an drei Abenden einen Überblick über die 27 Bücher des Neuen Testaments zu geben. Eigentlich machen wir schon an diesem ersten Abend einen vollständigen Überblick, und zwar, indem wir das Neue Testament einfach einmal in der Vogelschau betrachten. Also möglichst auf den Punkt gebracht, indem wir uns damit beschäftigen, was die Botschaft von jedem einzelnen Buch im Neuen Testament ist.
Ich denke, das wäre etwas sehr Nützliches, wenn man sich das so einzuprägen versucht, dass man es immer präsent hat. Dass man also sofort weiß: Zweiter Thessalonicherbrief, Hauptaussage ist das. Da braucht man nicht alle Details zu wissen, wann es geschrieben worden ist und wo man es genau in der Apostelgeschichte einreihen muss. Das sind noch zusätzliche Einleitungsfragen. Sondern einfach: Was ist die Botschaft des Zweiten Thessalonicherbriefes? Ganz kurz, prägnant.
Und wenn man sich damit beschäftigt, sieht man nämlich deutlicher, wie jedes Bibelbuch eine ganz ihm eigentümliche Schönheit und einen einzigartigen Glanz aufweist. Man könnte das dann auch wieder im Verkündigungsdienst verwerten. Im Prinzip hat ja jedes Bibelbuch eine Aussage, die man gut als Predigt weitergeben könnte. So hätte man mit diesem Abend im Grundgerüst schon eine Vorbereitung für 27 Predigten. Nicht schlecht, oder?

Die Ordnung der Schrift und die vier Teile des Neuen Testaments

Ja, zunächst nochmals zur Einteilung der Bibel. Ich habe das auch beim letzten Mal schon angetippt.
Das Alte Testament zerfällt in drei Teile. Das ist die jüdische Einteilung des AT-Kanons, eine Einteilung, die aber im Neuen Testament durch den Herrn selbst bestätigt wird. Denn der Herr Jesus legt in Lukas 24,27 und 24,44 alles aus dem Alten Testament aus, was ihn, den Messias, betraf. Und zwar im Gesetz, das ist die Tora, die fünf Bücher Mose; in den Propheten, das sind die vorderen Propheten wie Josua, Richter, Samuel, Könige und dann das, was wir eigentlich unter Propheten verstehen: Jesaja, Jeremia, Hesekiel und die zwölf kleinen Propheten; und schliesslich in den Schriften, oder man nannte sie im Judentum auch einfach die Psalmen, weil die Psalmen als erste in dieser hebräischen Einteilung stehen, die sich also von unseren deutschen Bibeln etwas unterscheidet.
Das ist nicht tragisch, aber man muss es wissen. Also: Die Psalmen wären der dritte Teil. Das umfasst die Psalmen und eben alle übrigen Bücher, die ich nicht genannt habe. Der Herr Jesus übernimmt diese Einteilung und bestätigt damit, dass das eine gottgegebene Einteilung ist.
Das Neue Testament wurde ja erst nach dem Tod und der Auferstehung Jesu sowie der Himmelfahrt Jesu geschrieben. Aber an diesem Abschiedsabend im Obersaal vor der Kreuzigung hat der Herr Jesus das Kommen des Heiligen Geistes angekündigt. Und in Johannes 14,26 hat er verheissen, der Heilige Geist werde sie an alles erinnern, was er gesagt hat. Das hat neutestamentlich seinen Niederschlag in den Evangelien gefunden. Dort finden wir die durch den Geist Gottes gewirkte Erinnerung an die Worte Jesu auf Erden.
In Johannes 15,26 sagt der Herr Jesus, dass der Heilige Geist von ihm Zeugnis ablegen wird. Dieses Zeugnis des Heiligen Geistes ist im Neuen Testament kristallisiert, insbesondere in der Apostelgeschichte. Sie ist die älteste Kirchengeschichte und die einzige inspirierte Kirchengeschichte. Sie beschreibt nämlich die ersten drei Jahrzehnte des christlichen Zeugnisses, von 32 bis 62.
Dann kommen die Lehrbriefe. Sie sind angekündigt in Johannes 16,12-13: Der Heilige Geist wird euch in die ganze Wahrheit leiten. Das finden wir insbesondere in den Lehrbriefen, die viele Dinge enthalten, die der Herr Jesus in den Evangelien überhaupt noch nicht ausgeführt hatte. Der Herr Jesus sagt ja dort in Johannes 16,12: Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr vermögt es jetzt nicht zu tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen sein wird, usw.
Also: Die Lehrbriefe sind ganz wichtig, so zu sehen als eine Vollendung, als ein Abschluss der Offenbarung Gottes. Dort wird wirklich noch in einem letzten Riesenschub das eingefügt, was bisher noch nicht geoffenbart war. Das ist also die Wahrheit.
Und dann, in Johannes 16,13, kündigt der Herr noch an, er werde euch das Kommende verkündigen. Das hat sich ganz besonders in dem einzigen neutestamentlichen, rein prophetischen Buch, in der Offenbarung, niedergeschlagen.
So haben wir vier Teile: erstens die Evangelien, die Erinnerung; zweitens die Apostelgeschichte, das Zeugnis; drittens die Lehrbriefe, die Wahrheit; und viertens die Offenbarung, das Kommende. Zusammen sieben, die Zahl der Vollkommenheit.
Der Kanon ist abgeschlossen, wir brauchen nichts mehr dazu. Und damit ist die Bibel auch selbstgenügsam. Die Reformatoren haben das sehr, sehr betont: die Selbstgenügsamkeit der Schrift. Sie ist nicht nur vollständig Gottes Wort, sondern sie ist auch selbstgenügsam. Das heisst, wir brauchen keine zusätzlichen Offenbarungen mehr, wir brauchen keine weiteren Ergänzungen. Die Offenbarung Gottes an uns Menschen ist vollendet, abgeschlossen, da haben wir alles.

Das erste Evangelium als Königsbuch

Nun gehen wir an die einzelnen Bücher heran. Das Matthäusevangelium betont, dass Jesus Christus der König Israels ist, der verheißene Messias des Alten Testaments.
Woran sieht man das? Es beginnt ja so: Matthäus 1,1: Buch des Geschlechts Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams. In dem ersten Vers wird der Herr Jesus bereits Sohn Davids, Ben David auf Hebräisch, genannt. Das ist ein Titel für den Messias. So hat man im rabbinischen Judentum den Messias genannt: Maschiach ben David, Messias, Sohn Davids. Und gerade so wird im ersten Vers Jesus charakterisiert, als der verheißene Messias-König.
In einem engeren Sinn bedeutete ursprünglich Sohn Davids Salomo. Wir haben ja gleich nachher das Geschlechtsregister, Verse 2 und folgende: Abraham zeugte Isaak und so weiter. Vers 6: David aber zeugte Salomo. Salomo ist in der königlichen Linie der Ben David, der Sohn Davids. Aber nun wird hier im Matthäusevangelium gezeigt: Der Herr Jesus ist der große Salomo, der große Sohn Davids. Salomo war eigentlich nur ein Vorgeschmack. Als Friedensfürst, als König, der die größten Ausdehnungen Israels regiert hat, war er nur ein Vorgeschmack von dem noch größeren Sohn Davids, dem Messias.
Ich lese weiter auf dem Skript: Deshalb wird viel Wert darauf gelegt, zu zeigen, dass sich in ihm die Voraussagen der Propheten auf den kommenden Erlöser hin nachweislich erfüllt haben. Wenn man das Matthäusevangelium liest, und nachher die anderen Evangelien, fällt auf, dass diese Betonung der Erfüllung alttestamentlicher Prophetie nirgends so ausdrücklich ist wie gerade im ersten Evangelium.
Zum Beispiel Kapitel 1,22: Dies alles aber geschah, auf dass erfüllt würde, was von dem Herrn geredet ist durch den Propheten, welcher spricht: Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären usw.
Dann, in Kapitel 2, wird der Sanhedrin, der oberste Gerichtshof, von Herodes versammelt. Er will wissen, wo der Messias geboren werden soll, und sie zitieren aus der Schrift. Kapitel 2,5: Sie aber sagten ihm: Zu Bethlehem in Judäa; denn also steht durch den Propheten geschrieben: Und du, Bethlehem, Land Juda, bist keineswegs die geringste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird ein Führer hervorkommen usw.
Dazu Kapitel 2,1, wo es heißt: Als aber Jesus zu Bethlehem in Judäa geboren war.
Weiter Kapitel 2,15: Und er war dort bis zum Tod Herodes, damit erfüllt würde, was von dem Herrn geredet ist durch den Propheten, welcher spricht: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen. Die Eltern sind mit dem Kind nach Ägypten geflohen, nachdem die Kinder in Bethlehem und Umgebung ermordet werden sollten. So hat sich das einfach erfüllt. Das betont Matthäus: Der Messias sollte aus Ägypten gerufen werden. Er kam hier zurück, aber gerufen aus Ägypten.
Dann weiter Kapitel 2,17: das Massaker in Bethlehem zunächst. Und dann heißt es: Da wurde erfüllt, was durch Jeremias, den Propheten, geredet ist, welcher spricht: Eine Stimme ist in Rama gehört worden, Weinen und viel Wehklagen und so weiter und so fort.
Also hier wird das Alte Testament dauernd herangezogen, um die messianische Erfüllung in Jesus von Nazaret nachzuweisen. Das Matthäusevangelium stellt eine wunderbare Brücke vom Alten zum Neuen Testament dar. Gerade dadurch, dass so betont wird, wie das Alte Testament den Messias vorausgesagt hat und dies nun in Jesus Christus erfüllt worden ist, werden die beiden Testamente miteinander engstens verbunden und untrennbar verknüpft.
Das Matthäusevangelium zeigt also gewissermaßen auch, was die Bedeutung des Neuen Testaments schlechthin ist. Die beiden Testamente kann man ja so betiteln: Verheißung und Erfüllung. Das gibt das Ganze der zwei Testamente und damit eben die sieben Teile der Bibel.
Bereits gefragt: Wie merkt man, dass es hier besonders um den König geht? Ich habe auf den ersten Vers verwiesen, den Sohn Davids. Aber es kommt noch mehr dazu. Wenn man zum Beispiel etwas Statistik betreibt und Wörter auszählt wie König, Königreich, Herrschen, also Herrschen als König usw., dann kommt man zu dem Schluss: Im Matthäusevangelium finden sich diese Begriffe 78 Mal, in Markus 32 Mal, Lukas 61 Mal, Johannes 21 Mal. Also objektiv kommen diese Ausdrücke in Matthäus mit Abstand am meisten vor.
Natürlich müsste man da gerechterweise noch sagen: Ja gut, aber das Matthäusevangelium ist natürlich viel, viel kürzer. Das Matthäusevangelium ist übrigens nicht das längste; das längste ist Lukas, obwohl es nur 24 Kapitel hat. Matthäus hat 28, aber es ist trotzdem das längste, wenn man die Verse auszählt. Ich habe das auch umgerechnet, indem man die Evangelien quasi so berechnet, als wären sie alle gleich lang. Auch dann ist es prozentual immer noch eindeutig, dass Matthäus durch diese Ausdrücke schlechthin beherrscht und charakterisiert ist.
Noch zum ersten Vers: Buch des Geschlechts Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams. Ich habe erklärt: Der Sohn Davids im engsten Sinn in der Königslinie war Salomo. Der Sohn Abrahams im engsten Sinn ist Isaak. Vers 2: Abraham zeugte Isaak. Aber der Messias sollte der große Isaak sein.
Nun, der Sohn Davids, Salomo, war der große Friedensfürst, und der Sohn Abrahams war der geliebte Sohn, der geopfert werden sollte. Und zwar mit einer ganz besonderen Zielsetzung. 1. Mose 22, die Geschichte der Darbringung Isaaks. Im Anschluss daran sagt Gott in 1. Mose 22,16: Ich schwöre bei mir selbst, spricht der Ewige, dass, weil du dieses getan und deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast, ich dich reichlich segnen und deinen Samen sehr mehren werde, wie die Sterne des Himmels und wie der Sand, der am Ufer des Meeres ist. Und dein Same wird besitzen das Tor seiner Feinde, und in deinem Samen werden sich segnen alle Nationen der Erde.
Nun spricht Gott über den Samen Abrahams. Der Same Abrahams war ja zunächst Isaak, aber jetzt geht die Prophetie über Isaak hinaus auf den Messias als späteren, aber großen Sohn Abrahams. Zwei Dinge werden gesagt: Er soll das Tor seiner Feinde besitzen, das heißt, er wird der große König sein über alle Feinde. Das Tor war ja im Altertum der Ort, wo die Richter ihre Entscheidungen fällten. Also war das Tor der Ort der Herrschaft. Und wenn nun der Messias das Tor seiner Feinde besitzen wird, dann heißt das, er wird über alle Feinde regieren als König.
Und weiter: In deinem Samen werden sich segnen alle Nationen der Erde. Also ist sein Herrschaftsbereich und sein Segensbereich nicht nur auf Israel beschränkt, sondern soll alle Nationen erreichen. Salomos Herrschaft hat dazu geführt, dass manche benachbarten Nationen ihm unterstellt waren und dadurch auch unter den Segen seines Friedensreiches kamen. Aber der Messias wird allen, allen Nationen zum Segen werden.
Schauen wir uns noch den Schluss von Matthäus an. Der Auferstandene spricht die letzten Worte in Vers 18 bis 20: Und Jesus trat herzu und redete mit ihnen und sprach: Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.
Erstens sagt er: Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. Hier spricht der große Sohn Davids, der große Salomo, der aber nicht nur über ein Großisrael regiert, sondern über die ganze Erde. Und nicht nur über die ganze Erde, sondern über Himmel und Erde. Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.
Dann: Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern. Das ist der große Sohn Abrahams, der zum Segen sein soll für alle Völker, indem sie zum Glauben geführt werden durch die Evangelisation, durch die Weltevangelisation. So wird er zum Segen für alle Nationen. Und das hat er selbstverständlich gesprochen nach seinem Opfertod, Matthäus 27, nach dem vollendeten Werk.
Und so finden wir eine wunderbare Kreisstruktur in Matthäus: Sohn Davids, Sohn Abrahams. Und wenn wir diese Kreisstruktur so im Gedächtnis behalten, dann ist uns eigentlich schon einmal die große, umfassende Aussage des ersten Evangeliums bewusst.

Der Diener im Mittelpunkt des zweiten Evangeliums

Jetzt gehen wir weiter zum Markus-Evangelium.
Das Markus-Evangelium stellt Jesus Christus als den vollkommenen Diener Gottes vor. Es betont die Taten Jesu. Von allen Evangelien enthält es daher am wenigsten Worte Jesu. Markus lässt die Geburtsgeschichte weg, ebenso das königliche Geschlechtsregister.
Nach einer knapp gehaltenen Einleitung beginnt er sogleich mit der Beschreibung des öffentlichen Dienstes Jesu in Israel. Der nur in diesem Evangelium zu findende Vers aus Kapitel 7,37 umschreibt treffend die Botschaft von Markus: Er hat alles wohlgemacht.
Das Markus-Evangelium ist das kürzeste von allen Evangelien. Und es ist auch so: Das meiste, was man in Markus liest, findet man auch in den anderen Evangelien. Nur sieben Prozent im Markus-Text ist, wie man sagt, Sondergut des Evangelisten. Sondergut meint das, was man in den anderen Evangelien überhaupt nicht finden kann.
Ich habe einmal über die vier Evangelien in Tadschikistan, Zentralasien, gesprochen. Den Tadschiken habe ich das dann so erklärt: Das ist etwa so wie euer Land. 93 ist Gebirge und 7 ist Flachland, so wie auch Duschanbe, die Hauptstadt. So ist es also: Die 93 machen das aus, was man in anderen Evangelien eben auch findet, und dann das 7-Flachland, das entspricht dem Sondergut des Markus-Evangeliums. So war das für sie greifbar.
Und das ist vielleicht auch ein Grund, warum das Markus-Evangelium eher vernachlässigt wird von Bibellesern. Sie denken: Ja, was ich in Markus finde, das finde ich dann sowieso bei den anderen, und dort noch ausführlicher. Vielleicht nicht bewusst, dass man so argumentiert, aber in der Praxis kommt es darauf hinaus: Markus ist vernachlässigt, aber das völlig zu Unrecht, wie wir sehen werden.
Denn in Markus ist nicht nur das wichtig, was steht, sondern gerade auch das, was nicht steht. Ja, wir lesen das Markus-Evangelium und finden nichts von einem königlichen Geschlechtsregister, wie das in Matthäus 1 präsentiert wird. Gleich in Kapitel 1 kommt die königliche Linie über David, Salomo und die Könige von Juda, übrigens bis auf Joseph. Joseph war der Vater Jesu, juristisch gesehen, nicht biologisch. Juristisch. Und darum hatte der Herr Jesus juristisch ein Anrecht auf diese Königslinie, auf die jüdischen Könige.
In Markus steht also gar nichts davon. Und nach einer kurzen Einleitung beginnt schon sein Dienst in Kapitel 1, Vers 14: Nachdem aber Johannes überliefert war, kam Jesus nach Galiläa, predigte das Evangelium des Reiches Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahegekommen; tut Buße und glaubt dem Evangelium.
Sofort beginnt also sein Dienst. Für einen Diener ist es ja nicht wichtig, dass er juristisch Anspruch auf eine Königsabstammungsliste hat. Und wir finden hier übrigens auch keine Beschreibung der wunderbaren Geburt Jesu, wie im Lukasevangelium. Wenn sich jemand in einer Firma vorstellt, ist es ja auch nicht so, dass man ihn fragt, ob die Geburt etwas ganz Besonderes war. Was interessiert, ist, ob jemand arbeitet. Also wird uns in Markus gerade durch die Weglassung deutlich: Der Herr Jesus ist gekommen, um zu dienen, einfach um als Diener hier in dieser Welt da zu sein.
Das kommt in der Weise nicht so zum Ausdruck im Matthäusevangelium. Darum hat Gott uns ein zweites Evangelium gegeben, das durch die Zusammenstellung und gerade durch die Reihenfolge, wie die Dinge dargeboten werden, eine Botschaft hervorbringt, die in Matthäus so nicht herauskäme. Also ist es wichtig, dass wir einen Blick bekommen für jedes einzelne Buch und gerade, dass wir beim Lesen darauf achten: Wie ist die Abfolge der Dinge? Wie ist der Gedankenverlauf? Das knüpft wieder an an das, was ich letztes Mal gesagt habe über Auslegung. Es ist wichtig, dass wir den Gedankenverlauf versuchen, in einem Buch zu entdecken.
Übrigens ist es auch so, wie gesagt, dass der Herr Jesus objektiv in diesem Evangelium weniger spricht als in allen anderen. Man kann nämlich die Verse auszählen, in denen der Herr Jesus spricht, und dann findet man im Matthäus-Evangelium sechzig Prozent Worte Jesu, sechzig Prozent des Textes sind Worte Jesu, in Lukas fünfzig Prozent, in Johannes auch fünfzig Prozent. Überrascht vielleicht, gefühlsmäßig würde man sagen: Es ist mehr, oder? Nein, man kann es ja daheim nachzählen. Und ja, prüft alles, das Gute behaltet. Und in Markus sind es objektiv 42 Prozent.
Also sehen wir: Man kann das wirklich anschaulich zeigen. Markus legt mehr Gewicht auf Taten als auf Worte. Und wenn er eben den Diener, Jesus als den vollkommenen Diener, vorstellt, dann ist es ja nicht wichtig, dass ein Diener viel spricht. Wenn jemand sich für eine neue Arbeit vorstellt, dann ist man nicht interessiert, ob er bei der Arbeit viel spricht, sondern dass er etwas tut. Es kommt auf die Taten an.
Und in Kapitel 7,37 haben wir den Schlüsselvers. Wie komme ich darauf, zu sagen, es ist der Schlüsselvers? Ganz einfach: Die Geschichte dort gehört zu den sieben Prozent Sondergut. Was hier gesagt wird, kommt nirgends sonst vor. Dann schauen wir, nachdem der Herr Jesus hier geheilt hatte, steht da: Und sie erstaunten überaus und sprachen: Er hat alles wohlgemacht. Er macht sowohl die Tauben hören als auch die Stummen reden. Er hat alles wohlgetan oder wohlgemacht. Nirgends findet man diesen Ausspruch als nur in Markus. Und das zeigt, was wichtig war: die Taten des vollkommenen Dieners.
Wir gehen weiter zum Lukasevangelium.
Das heißt, ich möchte noch ganz kurz zeigen, wie man auch hier eine Kreisstruktur findet. In Kapitel 1 habe ich gezeigt: Nach der kurzen Einleitung beginnt sogleich der Dienst des Herrn Jesus. Und die Geschichten sind hier so zusammengestellt, wie nirgends in einem anderen Evangelium, dass wir zunächst einmal einen ganzen Tagesablauf haben.
Vers 16: Als er aber am See von Galiläa wandelte, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder. Er ruft sie, um Menschenfischer zu werden.
Dann gehen wir weiter zu Vers 21: Und sie gingen hinein nach Kapernaum, und alsbald am Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte.
Und dann lesen wir weiter in Vers 29: Alsbald gingen sie aus der Synagoge und kamen in das Haus Simons und Andreas; da wird die Schwiegermutter von Petrus geheilt.
Vers 32: Als es aber Abend geworden war, als die Sonne unterging, brachten sie alle Leidenden und Besessenen zu ihm. Kein Feierabend, der Dienst geht weiter. Es ist also schon dunkel geworden. Und was geschieht am nächsten Tag? Ja, wenn man Spätschicht hat, dann sollte man ausschlafen, oder?
Vers 35: Und früh morgens, als es noch sehr dunkel war, stand er auf und ging hinaus und ging an einen wüsten Ort und betete dort.
Da geht es weiter. Vers 40: Und es kommt ein Aussätziger.
Also eine Zusammenstellung, die einzigartig in Markus ist. Hätten wir das Evangelium nicht so für sich, käme uns das nicht in dieser Weise durch. Es beginnt gleich mit einer Darstellung dieses hingebungsvollen Dienstes des Herrn Jesus bis in die Nacht, und es beginnt früh morgens, als es noch dunkel war, wieder neu.
Und nun: Der Herr Jesus hat sich so erniedrigt als Diener, schließlich bis zum Tod am Kreuz. Aber Markus spricht über die Auferstehung und die Himmelfahrt: 16,19 Der Herr nun wurde, nachdem er mit ihnen geredet hatte, in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes. Jene aber gingen aus und predigten überall, indem der Herr mitwirkte und das Wort bestätigte durch die darauf folgenden Zeichen.
Wir kennen das Prinzip, das der Herr Jesus gelehrt hat in Matthäus 23,12: Wer irgend aber sich selbst erhöhen wird, wird erniedrigt werden, und wer irgend sich selbst erniedrigen wird, wird erhöht werden. Der Herr Jesus hat sich erniedrigt und wurde dann bis zum Tod am Kreuz erniedrigt. Dann wurde er erhoben aus dem Grab, erhöht in der Himmelfahrt und erhöht in seinem Sitzen zur Rechten Gottes auf dem Thron. Das finden wir hier in Markus, aber in keinem anderen Evangelium.
Die Himmelfahrt wird noch erwähnt in Lukas 24, nicht in Johannes, nicht in Matthäus, aber das Sitzen zur Rechten Gottes wird nur in Markus erwähnt. Es geht hier um den Diener, der sich so tief erniedrigt hat und nun erhöht wird, über alle Maßen erhöht. Und merken wir: Markus nennt ihn der Herr. Der Diener wird hier Herr genannt. Das ist speziell, denn in den Evangelien ist es ja nicht üblich, dass Jesus Herr Jesus genannt wird, wie später dann in der Apostelgeschichte und in den Briefen. Weit über zweihundertmal wird der Herr Jesus nicht nur Jesus, sondern Herr Jesus genannt. In den Evangelien wird der erniedrigte Jesus Jesus genannt, aber hier wechselt Markus auf den Herrn.
Und was tut er jetzt? Ausruhen? Vers 20: Jene aber gingen aus und predigten überall, indem der Herr mitwirkte und das Wort bestätigte durch die darauf folgenden Zeichen. Der Dienst Jesu geht auf Gottes Thron weiter. Er wirkt immer noch als der Diener.
Das sind Beobachtungen, die deutlich machen, wie man auch mit internen Argumenten zeigen kann, warum die letzten Verse von Markus 16 echt sind. Es gibt ja viele Bibelkommentare, die sagen, das sei eine spätere Ergänzung gewesen, ab Vers 9, das sei nicht ursprünglich. Und in Nestle-Aland, der Ausgabe des griechischen Neuen Testaments, die in Europa als Standard angesehen wird, aber ich habe ja letztes Mal Argumente gegeben, ich hoffe, es sind gute gewesen, für die Glaubwürdigkeit des Mehrheitstextes.
Nun, der Nestle-Aland-Text stellt diese Schlussverse prinzipiell in Frage. Aber wir können nicht nur mit Handschriften argumentieren, sondern auch intern. Das ist genau das, was zum Markus-Evangelium passt, denn es zeigt den erniedrigten Diener, der am höchsten erhöht wird. Herr als Herr, aber dann weiter dient. Das finden wir wirklich nur im Markus-Evangelium.
Übrigens hat man auch noch argumentiert: In diesen Schlussversen gibt es siebzehn Wörter, die man nirgends sonst bei Markus findet. Und das zeigt in der Theologensprache, dass dieser Markus-Schluss eben nicht in markanischer Sprache abgefasst worden sei. Nun, ein Schlaumeier hat in der gleichen Anzahl Verse davor, die also echt sein müssen, nachgeschaut und hat auch siebzehn Wörter gefunden, die man sonst nirgends in der markanischen Sprache findet. Ja, so ist das ad absurdum geführt, und wir gehen zum Lukasevangelium weiter.

Der Menschensohn und die Weite der Gnade

Das Lukasevangelium beschreibt Jesus Christus als den vollkommenen Menschen. Es wurde von einem Arzt geschrieben. In diesem Buch wird am ausführlichsten über die wunderbare Geburt des Erlösers gesprochen. Nur hier wird die Abstammung Jesu bis auf Adam zurückgeführt. Das ist die Genealogie, das Geschlechtsregister in Lukas 3,23-38. Gewissermaßen, um zu zeigen, dass der vollkommene Mensch Jesus mit der ganzen Menschheit verwandt ist. Interessant, oder?
In Matthäus ging es ja nur zurück bis auf Abraham. Nirgends wird so betont, welch ein Mitgefühl Jesus Christus für die Menschen in der Not hat. Lukas betont sehr, dass die Gnade Gottes sich nicht auf Israel beschränkt, sondern den Menschen aus allen Völkern gilt.
Lukas war ein Arzt. Kolosser 4,10 erwähnt das. Übrigens sagt Paulus nicht: „Es grüßt euch Lukas, der hochberühmte Arzt“, sondern: „der geliebte Arzt“ in Kolosser 4,14. Es ist nicht wichtig, dass wir berühmt werden, sondern dass wir in dem Beruf, in den der Herr uns hineingestellt hat, treu sind. Das ist die Sache.
Aber es ist schon interessant: Ein Spezialist für die Frage, was der Mensch ist, wurde gewählt, um am ausführlichsten über die Menschheit Jesu zu schreiben und eben auch über die Jungfrauengeburt. Das ist schon der Hammer. Also wenn die Leute sagen: „Ja, die haben das früher eben noch nicht so ganz gecheckt, wie das geht oder so“, dann können wir sagen: „Du, hör auf, das ist ein Arzt gewesen, also ein Spezialist, und der schreibt am ausführlichsten über die Jungfrauengeburt.“ Der wusste schon, wovon er schreibt.
Lukas schreibt in Lukas 2,10: „Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht; denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die für das ganze Volk sein wird. Denn euch ist heute ein Erretter geboren in Davids Stadt, welcher ist Christus, der Herr.“ Große Freude, damit beginnt das Lukasevangelium. Der Messias ist in die Welt gekommen, geboren worden in Bethlehem.
Und wie endet das Lukasevangelium? Lukas 24,50-53: „Er führte sie aber hinaus bis nach Bethanien und hob seine Hände auf und segnete sie. Und es geschah, indem er sie segnete, schied er von ihnen und wurde hinaufgetragen in den Himmel. Und sie huldigten ihm und kehrten nach Jerusalem zurück mit großer Freude, und sie waren allezeit im Tempel gottlobend und preisend.“ Das Evangelium beginnt mit großer Freude: Der Messias ist in die Welt gekommen. Das Evangelium endet mit großer Freude: Der Messias ist siegreich in die Herrlichkeit zurückgekehrt.
Das kann man nur im Lukasevangelium machen. Wenn man die Geschichten zusammensucht, wo Menschen geheilt werden oder wo Jesus Menschen begegnet, die am Rand der Gesellschaft stehen, fällt uns auf: Nirgends gibt es eine solche Konzentration wie im Lukasevangelium. Ein Arzt, ein guter Arzt, hat ein Herz für Kranke und auch für solche, die am Rand der Gesellschaft stehen. Er schreibt und betont, wie der Herr Jesus eben ein Herz hatte, gerade für diese Menschen.

Der Sohn Gottes und die Offenbarung des Vaters

Nun gehen wir weiter zum Johannesevangelium.
Das Johannesevangelium zeigt auf einzigartige Weise, dass der Mensch Jesus Christus zugleich ewiger Gott ist. Es teilt uns mit, dass Gott sich in seinem Sohn vollkommen geoffenbart hat. Wer den Sohn Gottes kennt, darf Gott, den Vater, kennen und kann sich des ewigen Lebens als Kind Gottes erfreuen.
Wir lesen die Einleitungsverse im Johannesevangelium:
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eines, das geworden ist.
Ein einzigartiger Anfang. Einen solchen Anfang finden wir bei den anderen Evangelisten nicht. Ich habe gesagt, dass das Johannesevangelium uns besonders die Gottheit Christi aufzeigt, und das wird schon in den ersten Versen betont: Das Wort war Gott.
Der Herr Jesus wird hier das Wort genannt, Logos auf Griechisch. Das muss man vom jüdischen Hintergrund her verstehen. Im Judentum hat man ja schon in vorchristlicher Zeit begonnen, wegen des dritten Gebotes, „Du sollst den Namen des Herrn nicht zum Eiteln aussprechen“, den Namen des Herrn im Normalfall nicht mehr auszusprechen. So hat man Ersatzwörter verwendet für Yahweh.
Nur der Hohepriester sprach am großen Versöhnungstag bei zehn ganz speziell rituell festgelegten Momenten vor dem Volk den Namen Yahweh aus, zehnmal am Jom Kippur. Aber sonst hat man Ersatznamen verwendet, wie zum Beispiel „der Herr“. So haben wir das auch im Neuen Testament. Wenn der unaussprechliche Name Gottes aus dem Alten Testament gemeint ist, finden wir sehr oft „der Herr“ als Ersatzwort.
Jetzt machen wir Pause und fahren dann mit Johannes weiter.

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