Einleitende Gedanken
Ein kleines Flugzeug befand sich in Not. Vier Leute waren an Bord. Der
Pilot sprang in den Passagierraum und schrie: "Alle raus, wir stürzen
ab!" Er nahm einen Fallschirm, öffnete den Notausgang und sprang hinaus.
Unbeabsichtigt riss er dabei einen zweiten Fallschirm mit hinaus. Die
drei anderen Männer starrten sich schockiert an. Ein Mann mittleren
Alters sprang auf und rief: "Ich bin einer der grössten und bedeutendsten
Männer der Welt. Es ist besser, dass eine ganze Hochschule mit
Professoren oder zehntausend Wissenschaftler sterben als ich!" Schnell
sprang er mit einem Fallschirm aus der Tür. Nur ein Pfarrer und ein
Schüler blieben zurück. Der Pfarrer sprach mit Tränen in den Augen: "Nun,
mein Junge, du sollst lieber den letzten Fallschirm nehmen und springen,
ehe es zu spät ist." Der Junge antwortete "Ganz ruhig, Pastor, der
gescheiteste Mann der Welt sprang gerade mit meinem Schulrucksack aus dem
Flugzeug!"
Etwa so hatte sich Israel verhalten. Immer schauten sie auf sich und dabei
verloren sie den Überblick. Oder man kann auch sagen, sie verloren die
Nerven. Sie sprangen wie dieser gescheiteste Mann ins Verderben.
Zugegeben, die Aussichten für das Volk waren nicht sehr ermutigend. Sie
waren gezwungen, 40 Jahre in der Wüste zu leben. 40 Jahre auf
Wanderschaft.
Nun wollen wir sehen, wie sie dieses Schicksal abzuwenden versuchten.
Bibelstellen zum Nachschlagen: 5. Mose 1, 41-46
Herzlose Reue
Nachdem Mose den Israeliten mitteilte, was nun auf sie zukommen würde,
waren sie sehr traurig.
Da begann das Volk zu weinen und zu klagen." 4. Mose 14, 39Sie hatten eben auch miterlebt, wie ernst Gott sein Vorhaben war, denn die
10 Kundschafter, die diese Rebellion gegen Gott in Gang gesetzt hatten,
starben.
Es war also eindeutig, dass es Gott ernst meinte. Eben noch weinten und
klagten sie, weil sie Angst hatten, das Land zu erobern. Jetzt weinen und
klagen sie, weil sie das Land nicht mehr erobern können und in der Wüste
festsitzen.
Unter diesen neuen Umständen sahen sie sogar ein, dass sie sich gegen Gott
versündigten. Es war ihnen plötzlich klar, dass sie sich daneben benommen
hatten.
Wir haben gestern unrecht getan." 4. Mose 14, 40Manchmal brauchen wir einen solchen Rückschlag, damit wir zur Besinnung
kommen. Wenn wir auf uns schauen, dann werden wir früher oder später an
diesem Punkt ankommen. Es ist derselbe Punkt, an dem der verlorene Sohn
gestrandet war: bei den Schweinen.
Plötzlich realisieren wir, dass wir uns selbst in eine schreckliche Lage
gebracht haben. Schön, wenn an diesem Punkt die Einsicht kommt. Verbunden
ist das immer auch mit Schmerz und Trauer, aber es kann eine Trauer sein,
die heilsame Wirkung haben kann. Wie Paulus den Korinthern schrieb:
Denn der Schmerz, wie Gott ihn haben will, ruft eine Reue hervor, die
niemand je bereut; denn sie führt zur ewigen Rettung. Der Schmerz, wie
ihn die Menschen dieser Welt empfinden, führt dagegen zum ewigen Tod."
2. Korinther 7, 10
Wenn Gott einen solchen Schmerz in unserem Leben zulässt, dann möchte er
uns damit helfen. Er möchte, dass wir aus dem, was geschehen war, lernen.
Wir sollen zur Einsicht kommen und daran wachsen und reifen.
Leider muss man diese Trauer und das Klagen. Die Erkenntnis, dass sie sich
gegenüber Gott falsch verhalten hatten, als eine herzlose Reue
betrachten. Wäre die Reue echt gewesen, hätten sie diesmal auf Mose
gehört.
Eigentlich trauerten sie viel mehr über sich selbst. Über das, was ihnen
bevorstehen wird. Die Sünde tat ihnen deswegen leid, weil sie dadurch
massive Folgen zu tragen hatten, aber es tat ihnen nicht leid, weil sie
dadurch Gott beleidigten.
Wenn ein Mensch gesündigt hat, so lässt es sich nicht immer genau sagen,
von was er wirklich betroffen ist. Ob er vorwiegend über die Folgen der
Sünde traurig ist, oder ob er erkannte, dass seine Sünde viel
weitreichendere Bedeutung hat.
Sicherlich wird sich beides überschneiden. Und es ist nicht schlechtes
dabei, wenn ich über die Folgen der Sünde traurig bin und darüber
erschrecke, das ist ganz normal. Ob ich mir der tieferen Bedeutung meiner
Sünde bewusst bin, das wird sich dadurch zeigen, wie ich auf diese
Erkenntnis reagiere.
Jedenfalls war es für David ganz klar, als er mit Batseba die Ehe gebrochen
hatte und dann ihren Mann ermorden liess:
Nicht nur an Menschen bin ich schuldig geworden, gegen dich selbst
habe ich gesündigt; ich habe getan, was du verabscheust. Darum bist du
im Recht, wenn du mich schuldig sprichst; deinen Richterspruch kann
niemand tadeln." Psalm 51, 6David erschrak nicht nur über die Nachteile, die er wegen seiner Sünde zu
tragen hatte. David war erschrocken und traurig, weil ihm plötzlich
bewusst wurde, wie sehr er Gott durch sein Verhalten beleidigte. Diese
Haltung machte ihn schliesslich zu einem grossen und vorbildlichen
Gottesmann.
Aber Israels Reue war herzlos. Ihre Umkehr sehr oberflächlich. Hosea sagte
später in einer anderen Situation, was auch gut hierhin passt:
Sie wenden sich um, doch nicht zu mir. Wie ein verzogener Bogen sind
sie, mit dem man das Ziel nicht trifft." Hosea 7, 16Es macht nur den Anschein von Umkehr, wie wir noch sehen werden. Aber es
ist keine echte Umkehr, denn echte Umkehr gibt dem Urteil Gottes recht.
Wer echte Reue lebt, schämt sich zuerst über das, was er Gott angetan
hat.
So berichtet es auch Lukas über die Menschen, die auf die Verkündigung des
Johannes hörten:
Alle, die Johannes zuhörten - das ganze Volk und sogar die
Zolleinnehmer -, gaben Gott ´in seinem Urteil` Recht; sie haben sich
von Johannes taufen lassen." Lukas 7, 29Das ist der Kern jeder Zuwendung zu Gott: Wir geben Gott recht und
akzeptieren seine Sicht der Dinge.
Das ist der Inbegriff für das, was die Bibel unter Busse versteht: Wir
anerkennen, dass Gott Recht hat und wir im Unrecht sind. Wir beugen uns
unter den Willen Gottes. Wie Jesus einmal sagte:
Wer auf mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat
das ewige Leben. Auf ihn kommt keine Verurteilung mehr zu; er hat den
Schritt vom Tod ins Leben getan." Johannes 5, 24Wer das tut, der beginnt ein bedeutungsvolles Leben zu führen. Er rennt
nicht wie die Israeliten in den Tod. Auch der verlorene Sohn, der am Ende
bei den Schweinen landete, fand noch aus seiner aussichtlosen Lage
heraus, weil er erkannte und bekannte, dass er sich gegen seinen Vater
versündigte:
Jetzt kam er zur Besinnung. Er sagte sich: Wie viele Tagelöhner hat
mein Vater, und alle haben mehr als genug zu essen! Ich dagegen komme
hier vor Hunger um." Lukas 15, 17 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen:
Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt." Lukas
15, 18
Darauf hin organisierte der Vater ein riesiges Freudenfest.
Bibelstellen zum Nachschlagen: 1. Samuel 7, 6; 1. Samuel 11, 4; Esra
10, 1; Psalm 51, 6; Joel 2, 12; Hosea 7, 16; Matthäus 26, 75; Lukas 7,
29-30; Lukas 15, 17-18; 2. Korinther 7, 10;
Kopflose Aktion
Auf diese herzlose Reue folgte – wie könnte es anders sein – eine kopflose
Aktion.
Denn in Wirklichkeit sahen sie sich selbst als Opfer dieser Situation und
nicht als Täter. Jetzt wollten sie alles wieder gut machen. Sie sagten
Mose:
Wir sind jetzt bereit! Wir wollen dem Herrn gehorchen und in das Land
ziehen." 4. Mose 14, 40Das klingt doch wunderbar: Wir wollen dem Herrn gehorchen! Von wegen dem
Herrn gehorchen. Mose befragte den Herrn und er bekam folgende Antwort:
Fallt nicht in das Land ein, versucht nicht, es zu erobern! Ich werde
nicht mit euch gehen und ihr werdet von euren Feinden geschlagen." 5.
Mose 1, 42
Mose versuchte, sie eindringlich zu warnen. Er erklärte ihnen, sie würden
eine grosse Niederlage erleben. Aber sie hörten nicht auf Mose. Mose
erzählte später:
Ihr hörtet nicht darauf. Ihr widersetztet euch dem Herrn und zogt in
eurem Übermut ins Bergland hinauf." 5. Mose 1, 43Sie waren fest entschlossen, das Land zu erobern. Plötzlich wussten sie,
was Gott von ihnen erwartet hatte. Vorher wollten sie nicht ins Land
ziehen, obwohl sie durch Kaleb und Josua ermutigt wurden, die sagten,
dass Gott ihnen das Land geben würde. Jetzt trauen sie sich zu, sie
könnten das Land erobern, selbst wenn Mose ihnen sagte, Gott würde sie
bei diesem Unternehmen nicht begleiten. Verrückt, wie wir Menschen
manchmal handeln.
Sie aber hatten es sich in den Kopf gesetzt, ins Bergland
hinaufzuziehen." 4. Mose 14, 44Hier sehen wir, dass sich in den Herzen dieser Leute nichts verändert
hatte. Sie waren nicht bereit, auf das zu achten, was Gott ihnen sagte.
Sie waren durch und durch ungehorsam und dementsprechend halsstarrig.
Kopflos liefen sie in ihr eigenes Unglück.
Es ist immer ein schlechter und verhängnisvoller Weg, wenn man die Sünde mit einer weiteren Sünde bekämpfen will.
Als Mose sie warnte, wollten sie einmal mehr nicht auf ihn hören und sie
begingen dieselbe Sünde, wie früher: Ungehorsam. Anstatt auf Mose zu
hören, wollten sie mit dem Kopf durch die Wand. Plötzlich zeigten sie
vordergründig Glaubensmut. Sie wollten jetzt scheinbar Gott vertrauen.
Schliesslich wussten alle, Gott wollte, dass sie dieses Land erobern. Das
wollte Gott tatsächlich immer noch, aber nicht jetzt und nicht mit diesen
Leuten. Der jüdische Geschichtsschreiber begründet den Ungehorsam der
Israeliten so:
Sie fingen an Mose zu beschuldigen und zu verdächtigen, er wolle sie
um jeden Preis in ihrer Not hinhalten, damit sie immer auf seine Hilfe
angewiesen seien."
Und sie schickten sich zum Kriege mit den Chananäern an, indem sie sich
einredeten, Gott gewähre ihnen nicht so sehr um Moyses willen seine
Hilfe, als vielmehr mit Rücksicht auf ihre Vorfahren, die er seiner
besonderen Fürsorge gewürdigt habe, und er werde, wie er ihnen um deren
Tugend willen früher zur Freiheit verholfen habe, so auch jetzt ihnen
beistehen, wenn sie sich wacker hielten.[1]
Ob das Josephus richtig sieht, weiss ich nicht, jedenfalls missachteten sie
die Anweisungen und stürzten sich in einen aussichtslosen Kampf. Die
Folgen waren verheerend.
Die Amalekiter und die Kanaaniter, die das Bergland bewohnten, griffen
sie von oben her an, schlugen sie in die Flucht und verfolgten sie bis
nach Horma." 4. Mose 14, 45 Wie ein Bienenschwarm trieben sie euch vor sich her." 5. Mose 1, 44Ein bekannter Kommentator bemerkte dazu:
Hatten sie früher im Unglauben an die Macht der göttlichen Verheissung
sich geweigert, den Kampf mit den Kanaaniter aufzunehmen, so wollen sie
jetzt im Unglauben an den Ernst des göttlichen Gerichts mit eigener
Kraft ohne Gottes Beistand diesen Kampf unternehmen, und die alte Sünde
ungläubiger Verzagtheit durch die neue Sünde vermessenen
Selbstvertrauens überwinden.[2]
Es ist wirklich traurig, was sich hier abspielte. Aber – wie hätten sie
denn reagieren sollen?
Eigentlich ganz schlicht und einfach: Sie hätten das Urteil und die Folgen
aus ihrer Sünde respektieren sollen und eingestehen, dass sie die
Verursacher dieser Situation sind. Wie wir letzten Sonntag gesehen
hatten, hätten sie sich darüber freuen können, dass Gott sie trotzdem
begleitet und ihnen in diesen Jahren helfen wird.
Doch sie wollten erzwingen, was sich nicht erzwingen lässt. Aber wer will
schon von oben herab Israel verurteilen. Vielmehr sollen wir uns durch
dieses Verhalten selbstkritisch fragen, ob wir nicht auch zu solchen
Verhaltensmustern neigen. Ich würde dieses Verhalten als ein
Kompensationsverhalten bezeichnen.
Anhand einer Waage kann man das gut verdeutlichen.
Nehmen wir einmal an, dass ich mit jemandem wegen einer Kleinigkeit
zerstritten bin. Wenn ich ehrlich bin, liegt es eigentlich an mir, weil
ich mich stur verhalte. Eigentlich weiss ich auch, dass das Gott nicht
gefällt, doch lässt es mir mein Stolz nicht zu, die Sache in Ordnung zu
bringen.
Werfen wir nun diese Sünde der Unversöhnlichkeit auf die eine Seite der
Waagschale, dann fällt die Waagschale runter.
Nun kompensiere ich oder wiege diese Schuld auf, indem ich mit anderen
Leuten fast überfreundlich bin. So freundlich, dass es auch nicht mehr
wirklich echt ist.
So werfe ich meine Überfreundlichkeit, die Sünde der Heuchelei, auf die
andere Waagschale in der Hoffnung, dass meine unbereinigte Sache damit
aufgewogen wird.
Bild: Hamburger und Apfel.
Aber eines vergessen wir dabei. Die Schuld ist immer noch in der Waagschale
drin.
Bei Gott funktioniert diese Waage nicht. Der richtige Weg wäre, wenn es an
mir liegt und mir möglich ist, die Beziehung in Ordnung zu bringen.
Man kann auf verschiedene Weise versuchen, seine Schuld zu kompensieren.
Nehmen wir noch ein Beispiel. Wenn ich feststelle, dass mein Gebetsleben
auf sehr tiefem Niveau steht, könnte ich mich dieser Tatsache stellen und
Schritt um Schritt wachsen. Oder ich kann kompensieren. Ich kann mich
dadurch stark machen, dass ich immer und überall betone, wie wichtig das
Gebet sei und dass viel zu wenig gebetet wird. Damit kann ich alle unter
Druck setzen und von mir das Bild eines guten Beters vermitteln. Aber
damit versucht man falsches Verhalten mit falschem Verhalten
auszugleichen.
Der richtige Weg ist immer die Sünde bekennen und die Verantwortung für
sein Verhalten übernehmen. Johannes fordert die Menschen auf und sagt:
Bringt Frucht, die zeigt, dass es euch mit der Umkehr ernst ist."
Matthäus 3, 8Schade, dass Israel einmal mehr nicht auf Gott hörte. Trotzdem sagte Mose
bevor er starb, überwältigt von der Liebe Gottes:
Wie hat er sein Volk so lieb! Alle Heiligen sind in deiner Hand." 5.
Mose 33, 3
Gott blieb seinem Volk trotz allem treu und versorgte sie die ganzen 40
Jahren mit Manna und er sorgte dafür, dass ihre Kleider und Schuhe nicht
zerrissen.
Bibelstellen zum Nachschlagen: 5. Mose 8, 4; 5. Mose 29, 4; 5. Mose 33,
3; Josua 5, 10-12
Schlussgedanke
Leider schaute Israel auf sich, statt auf Gott. Wenn man das konsequent
macht, verliert man früher oder später die Nerven und verliert die
Übersicht.
Auf ihre herzlose Reue folgte eine kopflose Aktion mit verheerendem
Ergebnis.
Wir müssen eben nicht irgendwie kämpfen. Nicht irgendwie dreinschlagen. Der
beste Weg im Leben ist, wenn wir das tun, was Gott gefällt, denn dann
werden wir ein glückliches Leben führen können.
Im Psalm 119 steht ein Wort, das mich als junger Mann sehr geprägt hat.
Wie kann ein junger Mensch sein Leben meistern? Indem er tut, was du
gesagt hast, Herr." Psalm 119, 9 Bibelstellen zum Nachschlagen: 2. Timotheus 2, 5Amen
_
[1] Flavius Josephus: Jüdische Altertümer, IV, 1, 1.
[2] Carl Friedrich Keil: Leviticus, Numeri, Deuteronomium, S. 264.
