Einführung in die Stellung des Dienstes bei Gott
Ich habe die Bibelarbeit heute Morgen einmal so überschrieben: „An erster oder zweiter Stelle – oder wie Gott die Stellung des Dienstes zuordnet.“ Wer könnte sich vorstellen, um wen es geht?
Mose stand eigentlich an erster Stelle, oder? Ja, richtig, beide könnten es sein: Josua oder Aaron. Wir werden uns heute mit Aaron beschäftigen und sehen, wie Gott ihn trotz seiner Schwächen erhöht.
Ich glaube, das ist ein Beispiel, das Gott uns in seinem Wort zeigt. Es lässt uns immer wieder staunen, wie Gott mit Menschen umgeht. Obwohl ein Mensch auch ein Versager sein kann, gebraucht Gott ihn dennoch. Er setzt Menschen ein, obwohl sie oft nicht danach aussehen.
Die frühe Lebensgeschichte Aarons
Ein wenig zunächst zur Vorgeschichte von Aaron: Aaron ist der erste Sohn von Amram und Jochebed, den Eltern von Mose. Offensichtlich wurde er noch zu einer Zeit geboren, als das Gebot des Pharao, alle männlichen Söhne der Israeliten bei der Geburt umzubringen, noch nicht erlassen war. Anscheinend kam Aaron kurz vor diesem Befehl zur Welt.
Er erlebt im Grunde schon als Kind die dramatische Geburt und Rettung seines Bruders Mose mit. Wer war im vergangenen Jahr hier? Gut, ihr erinnert euch wahrscheinlich daran: Wir haben uns die Eltern von Mose angesehen und darüber nachgedacht, wie es wohl gewesen sein mag, als Jochebed mit Mose schwanger war und Mose geboren wurde.
Man muss feststellen, dass es damals noch keinen Ultraschall gab. Die Eltern stellten erst bei der Geburt fest, dass es ein Junge war, der getötet werden sollte. Sie sahen aber auch, dass Mose schön für Gott war. Das muss eine dramatische Zeit gewesen sein, auch für Aaron und seine Schwester Mirjam als Kinder.
Sie durften im Grunde nicht in der Nachbarschaft erzählen, dass ein Baby angekommen war. Versucht das mal Kindern klarzumachen: Kinder sprudeln vor Freude, wenn ein Geschwisterchen geboren wird, und diese beiden mussten schweigen. Wahrscheinlich haben Amram und Jochebed ihren beiden Erstgeborenen, also Aaron und Mirjam, gesagt: Wenn das Baby anfängt zu schreien, dann müsst ihr laut singen, damit draußen niemand etwas merkt.
Und dann heißt es daher in 2. Mose 2: Als sie es nicht länger verbergen konnten... Wir können uns vorstellen, was für eine Dramatik das war. Ein Baby kannst du nicht verbergen, es schreit ja. Das ist auch ein gutes Zeichen dafür, dass es lebt.
Dann wird dieser kleine Mose auf eigenartige Weise gerettet, indem die Tochter des Pharao das Baby in einem Körbchen im Schilf am Nil findet. Was muss das für Aaron gewesen sein, den kleinen Bruder so zu erleben! Ich weiß nicht, in welchem Alter das war, vielleicht mit vier Jahren, als er an den Hof des Pharao kam.
Man kann sagen, Aaron bleibt in der Familie, während Mose am Hof des Pharao eine steile Karriere macht und die Aussicht auf den Thron hat. Er wird offiziell als Sohn der Tochter des Pharao geführt. Sie gibt ihm den Namen Mose.
Das Neue Testament sagt sehr deutlich, dass Mose in aller Weisheit der Ägypter ausgebildet wurde. Er erhielt die beste Ausbildung seiner Zeit und hatte damit eine vielversprechende Karriere vor sich. Sein etwas älterer Bruder Aaron bleibt hingegen ein einfacher Israelit.
Die Beziehung zwischen Aaron und Mose in Ägypten
Kommt da nicht Neid auf? Wir lesen nichts davon. Auch erfahren wir nicht, wie Aaron darauf reagiert hat. Wahrscheinlich war er, genauso wie die anderen Israeliten, kein harter Mensch. Er wohnte wie die anderen Israeliten im Land Gosen, einer Enklave innerhalb Ägyptens, und wusste nicht, wie es weitergehen sollte.
Er stand unter der Knechtschaft des Pharao. Ob er seinem jüngeren Bruder Mose gehorsam sein musste? Vielleicht hatte Mose die Aufsicht, denn er bekam durchaus mit, dass ein Ägypter einen Israeliten schlug. Wie Aaron seinen Bruder Mose in diesen ersten vierzig Jahren erlebt hat, steht jedoch nicht in der Bibel.
Dann erfährt Aaron, dass Mose fliehen musste. Das wurde sicherlich in allen ägyptischen Tageszeitungen berichtet: Der angehende Thronfolger flieht, weil er Totschlag begangen hat. Danach vergehen wieder vierzig Jahre, in denen Aaron nichts von seinem Bruder hört und nicht weiß, wo er sich aufhält.
Bis dann Gott zu Aaron spricht. Davon lesen wir in 2. Mose 5,1. Gott begegnet nicht nur Mose am Dornbusch, sondern auch seinem Bruder Aaron.
Die Berufung Aarons zum Dienst an Mose
Als Gott Mose am Dornbusch begegnete, hatte Mose viele Ausreden parat, um Gott klarzumachen, dass er auf keinen Fall der Richtige für die Aufgabe sei. Er sagte, er habe eine schwere Zunge. Das war nicht ganz die Wahrheit, denn das Neue Testament berichtet, dass Mose mächtig war im Wort und Werk. Das deutet darauf hin, dass er wahrscheinlich eine gute rhetorische Ausbildung hatte. Schließlich hätte er als zukünftiger Pharao Reden halten müssen.
Gott geht jedoch auf Mose ein, nimmt ihm jede Ausrede ab und sagt: „Okay, ich gebe dir deinen Bruder Aaron, er darf für dich sprechen.“ Danach spricht Gott auch mit Aaron und führt die beiden Brüder zusammen.
Überlegt mal: Zu diesem Zeitpunkt ist Mose achtzig Jahre alt, und Aaron ist offensichtlich etwa fünfundachtzig, sechsundachtzig oder siebenundachtzig – also nicht gerade mehr die Jüngsten. Ja, sie sind alt, aber das ist sicherlich so. Ich hätte mir gewünscht, dass die Bibel beschreibt, wie die beiden sich nach all den Jahren wiedersehen. Mose, der inzwischen Hirte ist, wirkt völlig überqualifiziert. Aaron, ich weiß nicht, welchen Beruf er hatte. Zwei Rentner begegnen sich nach Jahrzehnten der Trennung, und sie bekommen von Gott gemeinsam einen Auftrag: Sie sollen die Verhandlungen mit dem Pharao führen, dem mächtigsten Mann der damaligen Welt.
Aaron erlebt die zehn Plagen mit, und wir erleben mit, wie Mose jedes Mal wieder zum Pharao gebracht wird – oder sie gehen selbst hin. Sie kündigen das Gericht an, flehen zu Gott und sprechen mit dem Volk. Aaron steht an der Seite seines Bruders.
Ist das die erste oder die zweite Stelle? Man könnte sagen, Aaron ist im Grunde nur der Dolmetscher. Mose sagt ihm, was er sagen soll. Ich glaube, das ist immer ein Problem zwischen zwei Brüdern: Ein Älterer und ein Jüngerer. Egal, wie alt sie werden, es bleibt immer die Beziehung zwischen dem Älteren und dem Jüngeren.
Die Rolle des Älteren Bruders und die Beziehung der Geschwister
Ich merke das auch bei mir in der Gemeinde. Ich bin bei uns in der Gemeinde groß geworden. Seit ich ein Kind bin, werde ich immer der Ewi genannt, auch wenn ich jetzt Opa bin. Das macht nichts. Für die Eltern bin ich immer der Junge. Tja, so geht das, oder? Man bleibt immer der Junge. Ich kann damit leben. Man fühlt sich vielleicht ein bisschen jünger.
Aber ich frage mich manchmal: Wie war das damals bei Aaron und Mose? War Aaron neidisch auf Mose, weil Gott Mose, seinen kleinen Bruder, der jetzt achtzig Jahre alt ist, zum Führer des Volkes auserwählt hat? Aaron stand im Grunde nur an zweiter Stelle, sozusagen die rechte Hand des Chefs. Über ihn redet niemand. Er durfte den Aktenkoffer tragen und die Befehle weitergeben. Aber selbst wenn er die Befehle übermittelte, war es im Grunde der Chef, der sie gegeben hatte.
Ich weiß nicht, wer von euch in so einer Position ist, aber man ist immer an zweiter Stelle. Dann erlebt Aaron das Passahfest, den Auszug der Kinder Israel aus Ägypten mit. Er erlebt, was Gott gesagt hat: dass er vorübergehen und verschonen wird. Dabei lernt er die Bedeutung des stellvertretenden Opfers.
Gott macht das anschaulich deutlich: Die Erstgeborenen müssen nicht sterben, wenn ein Lamm für sie stirbt. Das ist eine grundlegende Lektion, die Aaron später für sein ganzes Leben braucht: das stellvertretende Sterben. Ein anderer tritt für mich ein.
Die Wüstenwanderung und das goldene Kalb
Er erlebt dann die dramatische Rettung aus Ägypten, die vielen Wunder der ersten Wochen der Wüstenwanderung und vermutlich, wenn man damals schon mit Google Earth hätte schauen können, wie sie durch das Rote Meer ziehen und dann durch die Wüste bis zum Sinai.
Drei Monate brauchen sie dafür. Wunder über Wunder geschehen. Die Begebenheiten finden wir im 2. Mose ab Kapitel 13.
Dann kommen sie in das zerklüftete Gebirge des Sinai. Ich bin selbst noch nicht dort gewesen, aber das, was ich an Fotos gesehen habe, finde ich schon ergreifend.
Gott gibt die Anordnung, dass sie im Tal vor dem Berg Horeb lagern. Man kann sich solch ein Tal vielleicht vorstellen. Ich weiß nicht, ob ihr genug sehen könnt. Dort lagern sie, und Gott sagt – ich sage mal zu dem kleinen Bruder Mose: „Komm rauf auf den Berg, lass Aaron bei dem Volk unten, ich habe dir etwas zu sagen.“
Sie lagern also am Fuß des Berges, und Mose steigt auf den Berg. Er ist vierzig Tage dort oben. Während dieser Zeit ist Aaron mit dem Volk im Tal und wartet.
Die ersten Tage mögen normal verlaufen sein. Aber dann wird das Volk unruhig. Wo ist Mose? Es ist doch unmöglich, dass Mose vierzig Tage auf dem Berg ist. Er hat auch keinen Wassertank mitgenommen, kein Lunchpaket, kein Zelt. Wie kann man auf diesem Berg vierzig Tage sein?
Das Volk sagt: „Dem muss etwas passiert sein. Aaron, übernimm du die Führung!“ Das hat er sicherlich gerne gehört. Immerhin war er ja älter, und es ist schon ein Zeichen von Vertrauen, wenn das Volk ihm sagt: „Übernimm du die Führung!“
Sie machen ihm den Vorschlag: „Mach uns ein Bild von dem Gott, der uns führt.“ Aaron überlegt: Was ist naheliegend? Ein Götterbild zu machen, das muss etwas kosten. Also sagt er: „Nehmt all euren Schmuck ab, eure Ohrringe. Das Gold, das ihr habt, bringt es mir, ich mache daraus ein Götterbild.“
Wahrscheinlich hatte er damit gerechnet, dass sie zu geistig gewesen wären, aber sie tun es. Er baut das goldene Kalb. Vermutlich sah es vielleicht so aus, ein Abbild des Gottes Apis der Ägypter. Das war naheliegend, das kannten sie.
Er sagt: „Das ist euer Gott, der euch aus Ägypten geführt hat!“ Und sie jubeln und feiern. Brot und Spiele sind das, was auch heute immer noch zieht. Mach ein Fest, und du hast das Volk begeistert. Gib ihnen zu essen, gib ihnen vor allem zu trinken, und sie feiern. Sie tanzen um das Kalb und sind begeistert.
Mose auf dem Berg und die Offenbarung Gottes
Während Mose auf dem Berg ist, beschäftigt er sich mit einem völlig anderen Thema. Gott weiht ihn ein, dass er in der Mitte seines Volkes wohnen möchte. Außerdem zeigt Gott ihm ein Modell von dem, was wir heute Stiftzelt nennen – das Heiligtum Gottes in der Wüste.
Ich finde es schon interessant, dass Gott sozusagen im Himmel ein Modell hat, das Mose sich in den vierzig Tagen anschauen konnte. Ich weiß nicht, wie Mose sich das alles gemerkt hat. Offensichtlich hatte er Joshua dabei. Ob er einen Stenoblock oder sogar einen Laptop mit einem Zeichensystem dabei hatte, auf dem er alle technischen Zeichnungen vermerken konnte, ist unklar. Oder haben sie sich das alles einfach gemerkt? Ich glaube, ich hätte eine Menge vergessen.
Mose und Joshua schauen sich das Modell genau an und hören genau hin, was Gott gesagt hat. Später wird gesagt, Mose machte alles genau so, wie Gott es ihm gesagt hatte. Ihr müsst euch vorstellen, dass Mose in der Gegenwart Gottes war. Das ist ähnlich wie die Jünger, die mit Jesus auf dem Berg der Verklärung sind.
Dann sagt Gott zu Mose: „Schluss jetzt, geh runter, dein Volk ist abtrünnig geworden.“ Mose antwortet: „Gott, das kann nicht sein. Ich habe meinen Bruder da gelassen. Auf ihn ist Verlass. Ich habe immer auf meinen großen Bruder gehört.“ Gott sagt erneut: „Geh runter.“ Mose macht sich auf den Weg.
Damals gab es am heutigen Mosesberg noch keine Seilbahn, keine ausgeschlagenen Wege und keine Treppen. Der Abstieg war sicherlich mühsam – nicht nur der Aufstieg, sondern auch der Weg bergab.
Die Begegnung mit dem goldenen Kalb und Aarons Ausrede
Ist euch schon mal aufgefallen, wie oft Mose damals rauf und runter musste? Siebenmal insgesamt ist er den Berg raufgeklettert und wieder runter.
Einmal kommt er hoch, und dann sagt Gott: „Geh runter! Sagt dem Volk, sie sollen nicht näher an den Berg herankommen.“ Mose antwortet: „Das habe ich schon gesagt, geh runter!“ Also geht er wieder runter und dann wieder rauf.
Mose geht mit Josua runter. Josua sagt: „Ich höre Kriegsgeschrei.“ Doch Mose entgegnet: „Nein, das ist kein Kriegsgeschrei, die feiern am Fest.“
Dann kommt Mose runter und sieht, wie das Volk am Fuß des Berges um das goldene Kalb tanzt. Daraufhin zerschlägt Mose die beiden Gesetzestafeln, die Gott ihm oben gegeben hatte. Damit macht er deutlich: Gott, das Gebot, das du mir gerade gegeben hast und das wir halten sollen, ist schon gebrochen. Du hast gesagt, wir sollen hier kein Bildnis machen.
Wir könnten uns fragen: Ist das das Ende der Bemühungen Gottes, in der Mitte des Volkes zu wohnen? Verwirft er jetzt das Volk und lässt die Stiftshütte nicht bauen? Man könnte es Gott nicht verübeln, wenn er so reagieren würde.
Mose erkennt diese Situation und zankt mit Aaron: „Wie konntest du nur?“ Er stellt seinen großen Bruder zur Rede. Aaron erzählt eine interessante Geschichte: „Das Volk hat mir die Ringe gebracht, hat das Gold gebracht. Ich habe das alles ins Feuer geworfen. Ich wollte das ja verbrennen. Und dann kam da auf einmal ein Kalb heraus. Komisch.“
Mose lässt sich auf diese komische Ausrede nicht ein. Er zerschlägt das Kalb, macht Goldpulver daraus und streut es ins Wasser, damit es wirklich weg ist.
Gottes Geduld und die Erneuerung des Bundes
Und dann geschieht etwas, was für mich unbegreiflich ist. An diesem Punkt erkennen wir die Größe, die Langmut und die Geduld Gottes.
Man könnte meinen, Gott reagiert zuerst so: Er sagt zu Mose, komm heraus aus dem Volk, ich werde das gesamte Volk vernichten und mit dir ein neues Volk machen. Doch Mose widerspricht: Nein, du hast etwas anderes versprochen. Was sollen denn die Völker drumherum sagen? Sollen sie denken, Gott hat es nicht geschafft, dieses Volk durch die Wüste zu führen?
Gott steht zu seinem Wort, und es sieht so aus, als ob Mose Gott besänftigen würde. Wir wissen natürlich, dass das nicht funktioniert. Ich bin überzeugt, Gott hat versucht, Mose deutlich zu machen, wie er eigentlich reagieren müsste. Er ist heilig und gerecht. Die andere Seite kannte Mose noch nicht: dass Gott auch gnädig und barmherzig ist.
Für uns sind das zwei Gegensätze. Wir sagen von einem Menschen entweder, er ist gerecht, oder er ist lieb. Beides passt für uns nicht zusammen. Diese Eigenschaften erscheinen uns als Gegensätze. Aber beide gehören zur Person und zum Wesen Gottes. Er ist heilig und gerecht und gleichzeitig Liebe und Barmherzigkeit.
Das wird an dieser Stelle ungeheuer klar. Gott ruft Mose noch einmal auf den Berg und macht deutlich: Ich gebe euch jetzt nicht einfach so das Gesetz wie beim ersten Mal. Ich erwarte eure Mithilfe. Bereitet zwei steinerne Tafeln vor, und ich werde sie beschriften.
Außerdem macht er ihm noch einmal klar, wie die Stiftshütte gebaut werden soll. Doch er gibt nicht nur die Anweisung zum Bau der Stiftshütte, sondern auch die Anordnungen zum Opferdienst und zum Priesterdienst.
Das begreifen Mose und Aaron sehr schnell: Wir können Gott nicht aus eigener Kraft begegnen. Wir brauchen immer einen Mittler dazwischen. Gott ist heilig und gerecht, und wir sind sündlich und verderbt. Sünde kann nicht in der Gegenwart Gottes sein, sonst müsste Gott uns töten. Kein Mensch kann Gott sehen und leben.
Sie erkennen: Gott hat etwas gefunden, um diese Schlucht, diese Kluft zu überbrücken. Das ist der Opferdienst als stellvertretendes Opfer und der Priesterdienst als Vermittler zwischen Gott und Mensch.
Für mich ist das etwas ungeheuer Großes. Er lässt also die Stiftshütte bauen. Das wäre ein Thema für eine ganze Bibelwoche. Wer sich dafür interessiert, kann sich drüben auf dem Büchertisch die Bücher anschauen, die ich dazu gemacht habe.
Die Bedeutung der Stiftshütte und der Priesterdienst
Gott gibt mit der Stiftshütte, also mit dem Heiligtum, den Ort, an dem er gesagt hat: „Da will ich meinen Namen wohnen lassen.“ Er möchte in der Mitte seines Volkes leben. Gleichzeitig macht er aber auch deutlich, dass kein Israelit in die direkte Gegenwart Gottes treten darf. Das darf nur einmal im Jahr der Hohepriester – und das nicht ohne Blut, nicht ohne dass am Versöhnungstag ein Ziegenbock für die Sünden des Volkes gestorben ist.
Für mich ist es besonders unbegreiflich, dass Gott gerade Aaron, der versagt hat, der ein Götzenbild hat bauen lassen und das Volk irregeführt hat, zum Hohenpriester ernennt. Das ist eines der größten Wunder, die Gott an einem Menschen tut. Und genau dieses Wunder, das er an Aaron vollbringt, hat er auch an dir getan, wenn du mit deinen Sünden zum Herrn Jesus gekommen bist.
Es ist doch unvorstellbar, dass Gott Sünder als Anbeter haben will. Oder versteht ihr das? Ich nicht. Wie sagt der Herr Jesus zur Frau am Jakobsbrunnen? Und das war doch immerhin nicht gerade eine Heilige, oder? Er sagt: „Gott sucht solche als Anbeter.“ Das sagt er nicht zu Nikodemus, sondern zu der Sünderin am Jakobsbrunnen. Gott sucht dich und mich, die wir Sünder sind, als Anbeter.
Petrus sagt später in 1. Petrus 2, dass Gott uns zu Priestern gemacht hat. Das heißt, zu Vermittlern zwischen Mensch und Gott. Du bist sozusagen ein Aaron, obwohl du ein Versager bist, obwohl du ein Sünder bist – aber ein begnadeter Sünder. Gott begnadet Aaron und ernennt ihn, ohne eigenen Verdienst, zum Hohenpriester.
Aarons Dienst im Heiligtum und seine Symbolik
An diesem Punkt wird Gott mir unendlich groß.
Ihr müsst euch vorstellen, hier sozusagen ein Hubschrauberblick von der Stiftshütte: Das ist der Arbeitsbereich Aarons, der Arbeitsbereich dieses vielleicht siebzigjährigen einfachen Mannes. Der Arbeitsbereich ist die Gegenwart Gottes – und das ist auch dein Arbeitsbereich, auch wenn du in dieser Welt lebst.
Aaron lebt inmitten seines Volkes, aber sein Arbeitsbereich ist die Gegenwart Gottes. Die Frage ist: Ist dir das bewusst? Ist dir bewusst, was Gott aus deinem Leben gemacht hat und machen will?
Noch etwas wird bei Aaron sichtbar: Aaron wird zum Vorbild für Christus, den wahren Hohenpriester. Hier ein Blick von oben auf die Stiftshütte: Aaron war der Einzige, der am großen Versöhnungstag hier vom Brandopferaltar am Waschbecken vorbei durch das Heiligtum, durch den Trennvorhang, den Scheidevorhang, ins Allerheiligste durfte – in die Gegenwart Gottes.
Das wird uns besonders beschrieben in 3. Mose 23, wo die Feste, der Versöhnungstag, und auch in Kapitel 16 im dritten Buch Mose beschrieben werden.
Das war schon dramatisch, wenn Aaron, der Hohepriester, nicht in seiner Festtagskleidung, sondern in ganz einfachem weißen Gewand in die Gegenwart Gottes trat – mit dem Blut des geopferten Ziegenbocks.
Am großen Versöhnungstag mussten zwei Ziegenböcke gebracht werden. Auf den einen Ziegenbock musste Aaron die Sünden des ganzen Volkes bekennen, und dann wurde dieser Ziegenbock durch einen bereitgestellten Mann in die Wüste geführt. Daher kommt heute noch der Ausdruck „jemanden in die Wüste schicken“. Das bedeutete für diesen Ziegenbock den sicheren Tod.
Für das Volk Israel war das sinnbildlich: „Meine Sünden sind weg.“
Das andere Bild zeigt den zweiten Ziegenbock: Er wurde geschlachtet, das Fleisch verbrannt, und das Blut wurde ins Allerheiligste gebracht – in die Gegenwart Gottes. Es wurde an die Bundeslade gesprengt, die Bundeslade ist sozusagen der Thron Gottes, wo Gott verheißen hatte zu wohnen.
Dort im Allerheiligsten war es dunkel. Im Heiligtum brannte der goldene Leuchter, aber im Allerheiligsten war es dunkel.
Ich glaube schon, dass das eine spannende Szene gewesen sein muss: Jedes Jahr, wenn Aaron mit diesem Blut ins Allerheiligste ging, um Sühnung zu tun für die Sünden des Volkes, stellte sich die Frage: Würde Gott das Opfer annehmen? Würde er lebend wieder herauskommen?
Die jüdische Überlieferung sagt, man habe dem Hohenpriester dann immer einen Strick um ein Bein gebunden, um ihn notfalls herausziehen zu können. Davon lesen wir zwar nichts in der Bibel, auch nicht, dass das jemals passiert ist, aber man kann sich das schon vorstellen.
Und wenn Aaron wieder herauskam und der Vorhang sich bewegte, was wusste das Volk dann? Gott hat das Opfer angenommen, meine Sünden sind vergeben.
Das zerissene Vorhang und die Vollendung im Neuen Testament
Symbolisch ist das im Neuen Testament genau in dem Moment geschehen, als Herr Jesus am Kreuz starb (Matthäus 27,45).
In dem Augenblick, in dem Jesus nach drei Stunden der Finsternis am Kreuz hing und schrie: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?", geschah etwas Bedeutendes. Als er seinen Geist seinem Vater übergab, zeriss ungefähr hundert Meter vom Kreuz entfernt der Vorhang, der das Heiligtum vom Allerheiligsten trennte, von oben bis unten mitten in zwei Teile.
Hast du schon einmal ein Betttuch durchgerissen? Oder einen Teppich, der vielleicht fünf oder zehn Zentimeter dick ist? Man sagt ja oft, das geht nicht. Aber hier steht, der Vorhang wurde von oben bis unten zerrissen. Gott hat den Teppich zerrissen.
Kannst du dir vorstellen, was für ein Krach das gewesen sein muss und welchen Schrecken die Priester im Heiligtum dabei empfanden? Was hätte in diesem Moment passieren müssen? Eigentlich hätten alle Menschen in diesem Augenblick sterben müssen, nicht nur die Priester im Heiligtum. Denn in dem Moment wären alle Menschen der unmittelbaren Gegenwart Gottes ausgesetzt gewesen, und das hätte den Tod bedeutet.
Warum ist das nicht geschehen? Weil Jesus sozusagen als Blitzableiter starb. Er trug meine Schuld und starb an meiner Stelle. So wie damals das Passahlamm anstelle des Erstgeborenen starb, so starb Jesus in diesem Moment.
Dadurch konnte Gott gnädig sein. Sonst wäre in dem Augenblick, als Jesus starb und der Vorhang zerriss, die gesamte Menschheit vernichtet worden. Das ist Gnade Gottes. Und ich staune jedes Mal aufs Neue darüber.
Ich bin überzeugt, dass Aaron damals das noch nicht verstanden hat. Er hat auch nicht erkannt, dass er ein Vorbild für Jesus ist. Man könnte jetzt stundenlang darüber nachdenken, wie das damals gewesen ist: die Kleidung Aarons und ihre Bedeutung.
Die Bedeutung der priesterlichen Kleidung
Ich möchte jetzt nur kurz andeuten, die Kleiderkammer Gottes. Die Anziehsachen, die Aaron täglich tragen musste, wenn er im Dienst war, bestanden aus sieben Kleidungsstücken. Diese werden uns in 2. Mose 28 und 2. Mose 39 beschrieben.
Es waren der Leibrock, das Oberkleid, das Ephod, der Gürtel, die Schulterstücke, das Brustschild, der Kopfbund und das Diadem. Es ist wertvoll, sich einmal damit auseinanderzusetzen. Ich habe dies ausführlich in meinem Buch „Mitten unter euch – das Heiligtum Gottes in der Wüste“ behandelt und gehe dort auf die verschiedenen Bedeutungen der Kleidung ein.
Ich möchte es hier nur andeuten: Das Untergewand, der Leibrock, bestand aus reinem weißem Bissus. Er macht etwas deutlich von der Reinheit und Heiligkeit des Herrn Jesus. Hier ist der Unterschied: Wenn Aaron Dienst im Heiligtum tat, musste er die Festtagskleidung tragen. War er jedoch, wie hier rechts dargestellt, am großen Versöhnungstag im Allerheiligsten, durfte er nur in weißem Leinen erscheinen. Vor Gott kann man keinen Eindruck schinden.
Das Oberkleid war mit Schellen und Granatäpfeln besetzt. Das bedeutet, wenn der Hohepriester irgendwohin ging, hörte man ihn. Er konnte sich nicht heimlich irgendwo durchschleichen.
Das Ephod hat ebenfalls eine besondere Bedeutung. Die einzelnen Farben – Purpur, Karmesin und Bissus – waren mit Goldfäden durchwirkt. Der Gürtel bestand aus demselben Material. Darüber trug er die beiden Schulterstücke, auf denen zwei Onyxsteine befestigt waren. Auf jedem Onyxstein waren die Namen von sechs Stämmen Israels in ihrer Geschlechterfolge eingraviert.
Der Hohepriester trug also auf den Schulterstücken zwei Onyx-Edelsteine. Onyx hat die Eigenschaft, dass, wenn man etwas eingraviert, die untere Schicht zum Vorschein kommt. So entstehen nicht nur Reliefs, sondern auch farbliche Effekte. Die eingravierten Namen wurden dadurch sichtbar.
Dies ist ein schönes Bild dafür, wie Jesus uns auf seinen Schultern trägt. Manchmal wird das Bild verwendet, dass der Hirte das Schaf auf den Schultern trägt. Hier wird deutlich gemacht, dass der Hohepriester sein Volk auf seinen Schultern trägt und die Verantwortung dafür hat.
Das Brustschild war aus Gold gefertigt und mit goldenen Ketten am Ephod beziehungsweise an den Schulterstücken befestigt. Es enthielt zwölf Edelsteine in Goldfassung. Auf jedem dieser Edelsteine war der Name eines Stammes Israels eingraviert, und zwar in der Geschlechterfolge.
Auch das kann man neutestamentlich anwenden: Jesus trägt dich und mich auf seinem Herzen. Ich gehe jetzt nicht näher auf die einzelnen Edelsteine ein, sondern zeige nur, wie sie angeordnet waren.
Man kann sich kaum vorstellen, wie das gewesen sein muss, wenn diese zwölf Edelsteine auf dem Brustschild des Hohenpriesters Aaron waren. Wie mag das ausgesehen haben, wenn er ins Heiligtum hineinging?
Das Heiligtum war aus Akazienbrettern gebaut, die mit purem Gold überzogen waren. Wenn etwas nicht mit purem Gold überzogen ist, wirkt es wie ein Spiegel. War jemand schon einmal in einem Spiegelkabinett? Was passiert, wenn du in einem Raum bist, in dem überall Spiegel sind? Du siehst dich bis in die Unendlichkeit, weil du dich immer wieder spiegelst.
Könnt ihr euch vorstellen, was das gewesen sein muss, wenn der Hohepriester im Allerheiligsten vor dem goldenen Leuchter stand? Das Heiligtum war ja aus purem Gold. Die Edelsteine funkelten, und die Herrlichkeit spiegelte sich bis in die Unendlichkeit.
Das macht etwas deutlich: die Kostbarkeit, mit der Gott uns Erlöste sieht. Jeder Edelstein war ein Symbol für einen Stamm der Kinder Israels. Symbolisch trägt Jesus dich auf seinem Herzen und sieht dich wie einen Edelstein – auch wenn wir uns als Versager fühlen oder denken, wir könnten nichts tun.
Es geht nicht darum, was wir tun können, sondern darum, was wir sind. In den Augen des Herrn Jesus bist du ein Edelstein, und er schleift uns, damit das Licht in uns gespiegelt wird.
Aaron hat von dieser Symbolik sicherlich nichts verstanden. Er wusste auch: Im Grunde sieht diese Herrlichkeit nur Gott. Und wir merken, wenn Gott etwas Herrliches macht, dann ist das für ihn und zu seiner Ehre.
Wir staunen schon über die Wunder der Schöpfung. Wie schön hat Gott vieles gemacht! Habt ihr gestern Abend den Sonnenuntergang gesehen? Die, die Fußball geschaut haben, haben ihn vielleicht nicht gesehen, aber die anderen schon. Und ich muss sagen: fantastisch! Gott greift in die Ölfarbpalette und malt und malt und malt.
Gott ist faszinierend. Er ist der beste Designer, den es gibt, der beste Grafiker, den es gibt.
Die Kopfbedeckung als Zeichen der Unterordnung
Aaron trägt den Kopf wund. Das ist ein eigenartiges Bild. Viele Christen verstehen heute nicht mehr, dass Frauen in der Gegenwart Gottes, wenn sie beten oder Weissagungen aussprechen, ihr Haupt bedecken sollen (1. Korinther 11,5-6). Es soll ein Zeichen für die Engel sein, dass sie sich unterordnen.
In Zeiten der Emanzipation fällt das vielen schwer. In Israel hatte damals der Hohepriester eine Kopfbedeckung, die andere Männer nicht trugen. Das änderte sich erst im Mittelalter. Die Käppis der Juden sind nicht in der Bibel erwähnt. Der Hohepriester aber trug einen Kopfbund, eine Kopfbedeckung.
Warum? Weil er damit zeigte: Ich unterstehe direkt Gott. Es war also auch ein Symbol. Auf diesem Diadem, auf diesem Kopfbund, stand in Siegelstecherei auf Gold geschrieben: „Heilig dem Herrn“. Das sah er natürlich nur, wenn er vor dem Spiegel stand. Doch alle anderen Menschen, die ihm begegneten, konnten immer erkennen, dass er in der Heiligkeit für Gott lebte.
Ich glaube, das ist auch für uns wichtig. Vielleicht wäre es gut, wenn wir Christen alle so ein Schild hätten. „Heilig dem Herrn!“ Manchmal passiert es, dass man so einen Autoaufkleber hinten drauf hat und Leute einen darauf ansprechen: „Das war aber heute nicht ganz so danach.“ Jeder Israelit konnte Aaron sagen: „Aaron, du hast da oben was draufstehen, hast dich aber eben nicht so benommen. Heilig dem Herrn!“
Jesus als der wahre Hohepriester
Seht, der Herr Jesus hat all dies in Vollkommenheit gezeigt. Er ist der wahre Hohepriester, so wird er uns im Neuen Testament dargestellt.
Ich finde es faszinierend, dass Aaron ein Vorbild geworden ist, obwohl er ein Versager war. Aaron vertrat das Volk Israel vor Gott. Wenn man die Geräte der Stiftshütte miteinander betrachtet, fällt auf, dass sich die Gegenstände des Heiligtums Gottes zu einem Kreuz verbinden lassen. Gott spricht im Alten Testament durch Gegenstandslektionen symbolisch zu uns, um uns Jesus vorzustellen.
Johannes Bugenhagen, ein Freund von Martin Luther, sagte einmal: Als Gott anfing, mit dem Menschen zu reden, hatte er mit ihm über nichts anderes zu sprechen als über seinen Sohn. Es ist spannend, Christus im Alten Testament zu entdecken, zum Beispiel im hohen priesterlichen Dienst oder im Priesterdienst Aarons.
Ich fasse das nur noch kurz zusammen, und damit will ich schließen: Der Hohepriester steht am Eingang der Stiftshütte. Von Jesus wird gesagt, dass er der einzige Weg zu Gott ist. Der Hohepriester steht am Brandopferaltar, ein Symbol dafür, dass Jesus als Opfer für mich starb. Drittens steht der Hohepriester am Waschbecken, ein Symbol dafür, dass Jesus mich von aller Schuld reinigt.
Im Heiligtum ist Jesus mein Licht, meine Speise, und er betet für mich. Davon sprechen der goldene Leuchter, der Schaubrottisch und der Räucheraltar. Jesus geht durch den Scheidevorhang, denn er ist mein Zugang zu Gott. Er steht vor der Bundeslade und tut Sühnung vor Gott mit seinem Blut. Im Neuen Testament wird der Deckel dieser Bundeslade der Gnadenstuhl genannt.
Jesus ist nicht nur Richter, sondern auch mein Retter. Er deckt die Forderungen Gottes, das Gesetz, zu – er hat sie erfüllt. Er ist der Mittler, der Hohepriester, der mich vor Gott vertritt. Im Lebensbild von Aaron wird das ein wenig sichtbar.
Jesus war natürlich anders als Aaron. Aaron war ein Mensch wie du und ich. Er hat gesündigt, versagt und war neidisch auf andere. Jesus dagegen war vollkommen, ohne Sünde, er kannte Sünde nicht. Deshalb ist er der bessere Hohepriester, so wie es uns der Hebräerbrief sagt. Dafür bin ich sehr dankbar.
Auf der anderen Seite bin ich auch dankbar, dass ich in Aaron erkennen kann, dass Gott mir gegenüber gnädig und barmherzig ist. Er beurteilt mich nicht danach, was ich versagt habe, sondern vergibt mir. So darf ich unter der Deckung des Blutes Jesu stehen.
Schlussgebet
Vielleicht können wir noch miteinander beten.
Herr Jesus, danke, dass Du mit uns so gnädig umgehst wie damals mit Aaron. Auch wir sind Sünder, auch wir sind Versager, und oft kann man sich nicht auf uns verlassen.
Aber Du bist gnädig und barmherzig. Du hast Aaron zum Hohenpriester geadelt, und Du hast uns gerettet, damit wir ein königliches Priestertum sind, eine heilige Nation. So sollen wir die Tugenden dessen verkündigen, der uns berufen hat.
Danke, unser Herr, für Deine Gnade. Danke, dass Du uns auch in Aaron zeigst, dass es nicht darauf ankommt, was wir getan haben, sondern was wir durch Dich sind.
Wir loben Dich und preisen Dich. Amen.
