Zum Inhalt

Psalm 84, 3-4

01.02.1966Psalm 84,3-4

Einleitung und Ausgangspunkt der Sehnsucht

Zahn vierundachtzig wird besser besprochen: Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!

Nun folgt der heutige Text:
Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn. Mein Leib und meine Seele freuen sich im lebendigen Gott. Denn der Vogel hat ein Haus gefunden, und die Schwalbe ihr Nest, wo sie ihre Jungen aufzieht – nämlich deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott.

Die Freude des ganzen Menschen im lebendigen Gott

Ich möchte zuerst den Vers 3b besprechen: „Mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.“

Wunderlich, nicht? Wenn da steht, die Seele freut sich, kann man das noch verstehen. Aber der Leib? Der Psalmist will sagen: Der ganze Mensch – nicht nur von der Haarspitze, falls er noch eine hat, bis zum Fuß – freut sich im lebendigen Gott. Dieses Wort spricht von der Vitalität eines Menschen, der richtig lebt.

Ich wurde einmal aufgefordert, an der Staatsbauschule, als ich noch Studentenfahrer war, einen Vortrag zum Thema „Warum sind die Menschen so langweilig?“ zu halten. Da habe ich gesagt, darüber rede ich gern. Und ich wäre beinahe an der Frage hängen geblieben, dass die Menschen tatsächlich unsagbar langweilig sind. Was ist die Menschheit für ein trantütliches Geschlecht!

Dann habe ich gesagt: Erst wenn ich tatsächlich eine Wiedergeburt erlebe, durch einen Eingriff Gottes in mein Leben, dass ich ein Kind Gottes werde, dann hört die Langeweile auf. Es gibt eine geistliche Vitalität, und es gibt auch natürliche Vitalität, nicht wahr?

In Maleachi 3 zum Beispiel heißt es: „Ihr werdet aus- und eingehen und hüpfen über die Mastkälber.“ Ich denke an David, der vor der Bundeslade her gesprungen und getanzt hat, so dass seine Frau Michal ihn verachtete. Da spürt man so etwas davon. Oder wenn Paulus im Gefängnis schreibt: „Freut euch im Herrn allezeit!“ Und abermals sage ich: Freut euch! Wenn er mit Silas geschlagen und gegeißelt im untersten Kerker um Mitternacht anfängt, lobpreisend zu singen, wissen Sie, da spürt man etwas von dem explosiven Wesen eines wiedergeborenen Christen.

Das meint der Psalmist, wenn er sagt: Mein Leib und Seele, dass der ganze Mensch sich freut im lebendigen Gott. Ich hoffe, dass Sie sich bei jedem Satz, den ich hierzu sage, fragen: Habe ich da etwas von? Ist das bei mir der Fall? Wenn ich diesen Satz lese: „Mein Leib und Seele freuen sich im lebendigen Gott“, dann kommt es mir vor, als spüre ich etwas von dem Glanz der ersten Schöpfungstage vor dem Sündenfall. Wie die ganze Schöpfung, die aus der Hand Gottes hervorging, ihm zujauchzt, nicht wahr?

Und dann der erste Mensch, der die Augen aufschlägt, als Gott ihm seinen Odem einbläst – da war sicher: Mein Leib und Seele freuen sich im lebendigen Gott. Inzwischen ist der Sündenfall geschehen, und wir leben in einer Welt, in der der Teufel regiert und eine Menschheit vom lebendigen Gott abgefallen ist. Da gibt es keine wahre Freude. Sie brauchen einen Karneval mit Suff und Narretei, sonst können sie es gar nicht aushalten. Können sie es nicht – aber machen Sie bitte nicht mit!

Doch es gibt in dieser gefallenen Welt eine Gemeinde Jesu Christi, eine wiedergeborene Gemeinde. Bei ihr bleibt dieses Lob, das vor dem Sündenfall da war, bestehen: Mein Leib und Seele freuen sich im lebendigen Gott. Das durchzieht die ganze Bibel. Das wäre eine Bibelarbeit wert. Und das geht dann durch bis zur Offenbarung in der Neuen Welt. Lesen Sie mal die letzten Kapitel der Offenbarung, wo ja die Rede ist von der Neuen Welt, in der keine Sünde, kein Tod und kein Leid mehr ist. Da heißt es: Mein Leib und Seele freuen sich im lebendigen Gott. Auch hier ist ein Stuhl frei. Kommen Sie gerade nach vorne, wir freuen uns, Sie sind da. Mein Leib und Seele freuen sich im lebendigen Gott.

Darf ich das Wörtchen dabei unterstreichen? Ob das alles ankommt? Lebendiger Gott! Sehen Sie, die Welt kann viel von Gott reden, aber meistens ist nicht vom lebendigen Gott die Rede. Die Propheten spotten schon über die Götzen: Sie haben Augen und sehen nicht, sie haben Ohren und hören nicht, sie sind Holz und Stein. Da eppeln sie drüber, die Propheten. Die Heiden haben tote Götter, selbstgemachte.

Die moderne Welt hat auch ihre selbstgemachten Götter, auch die christliche Welt. Vor einigen Jahren, oder vor zwei Jahren, ist ein Buch eines englischen Bischofs erschienen, der Robinson heißt. Es heißt „Gott ist anders“ – in deutscher Sprache. Und dieser englische Bischof sagt, dass es natürlich ein Mythos sei, die Vorstellung eines jenseitigen Gottes, der außerhalb der Welt steht. Er definiert Gott als „die Tiefe des Daseins“. Können Sie sich etwas darunter vorstellen? Oder die Tiefe des Daseins? Ich auch nicht. Verstehen Sie, das ist doch Geschwätz, das ist kein lebendiger Gott.

Ich habe sehr oft den Eindruck, dass man sogar hier unter uns von Gott reden kann – und es ist gar nicht das Schrecken und die Freude darüber, dass er wirklich da ist und wirklich lebt. Das ist unheimlich: Wir können das Wort Gott, den Gottesbegriff und alles gebrauchen, aber es ist nicht die Begegnung mit dem lebendigen Gott dahinter. Freuen kann ich mich nicht an einem Gottesbegriff wie „die Tiefe des Daseins“. Macht mich nicht glücklich.

Mein Leib und Seele freuen sich im lebendigen Gott. Der Mathematiker Pascal, dieser große Geist, hat das so wundervoll ausgedrückt. Er hat in seinen Rock eingenäht, man fand das bei seinem Tod, eine Art Bekenntnis: Nicht der Gott der Philosophen und Gelehrten, sondern der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Wundervoll ausgedrückt, nicht wahr? Der gehandelt hat, der geredet hat, der sich gerufen hat, der hineingewirkt hat in Menschenleben. Der ist gemeint.

Bitte fragen Sie sich mal, ob Sie den lebendigen Gott kennen. Gerade in diesem Jahr geht es mir ganz besonders auf, wie es gerade in der Bibel ist, was die Gelehrten so im Alten Testament ärgert: Dass Gott so menschlich ist oder zornig sein kann. Gerade das ist das Großartige: Dass er ein lebendiger Gott ist, der mich zerschlagen kann, der mir böse sein kann und der sich herumdreht, wenn ich ihn anrufe und mich in die Arme nimmt. Verstehen Sie? Der ein Du ist, dem ich gegenüberstehe.

Ich muss sagen: Wenn ich manchmal morgens aufwache, bin ich glücklich, dass ich mich nicht mit Religion belasten muss, sondern dass ein lebendiger Gott ein Du ist, der mir morgens mit dem ersten Atemzug guten Morgen sagen kann. Was sagen Sie, wie ich so guten Morgen sagen kann? Herr, ich danke Dir, dass ich aufwachen darf und dass immer noch gilt, dass ich Dein Kind bin.

Glauben Sie mir, man ärgert sich an den Geschichten der Bibel nur, wenn man einen Gottesbegriff hat, ein Dogma, eine Lehre, einen ausgehöhlten, selbstgemachten Gott. Dann ärgert man sich an der Lebendigkeit Gottes, die uns in der Bibel gezeigt wird.

Und es geht mir wieder durch den gottfriedischen Krummacher, den Erweckungsprediger des Wuppertals, von dem der Professor Toluk sagte, er sei ein Liebhaber der Torheit Gottes. Was den Menschen in der Bibel ärgert und töricht erscheint, das ist gerade das Schönste. Denn hier wird deutlich: Wir haben es mit einem Gott zu tun, der lebendig ist, der handelt.

Ich hätte nicht vierzig Jahre Pfarrer sein wollen, wenn ich nicht mit einem lebendigen Gott hätte rechnen dürfen. Und eine ganze Menge von Ihnen sind doch ein Beweis dafür, dass Gott in Menschenleben eingreifen kann, sie herausholt und an ihnen etwas tut.

Sie verstehen, ich möchte so gern das betonen, dass es sich um einen lebendigen Gott handelt. Nur im lebendigen Gott kann man sich wirklich freuen.

Die Quelle der Freude: Heimat finden an Gottes Altären

Jetzt folgt der zweite Teil. In Vers 4 wird der Grund genannt, warum man sich im lebendigen Gott freuen kann.

Denn der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ihr Nest, da sie Junge hecken, nämlich deine Altäre, Herr Zebaut, mein König und mein Gott.

Ist Ihnen aufgefallen, dass der Vers, den wir eben besprochen haben, nach unserem Gefühl so heißen müsste: „Mein Leib und meine Seele freuen sich am lebendigen Gott“?

Man sagt ja auch: „Ich freue mich an meiner Frau“, oder „Ich freue mich an dem guten Essen“. Aber hier heißt es nicht „Ich freue mich an Gott“, sondern „Mein Leib und meine Seele freuen sich im lebendigen Gott“.

Das bedeutet, diese Freude kennt man erst, wenn man völlig eins geworden ist mit Gott und völlig im Frieden mit ihm ist.

Ein unbekehrtes, unwiedergeborenes Herz kennt den Frieden mit Gott nicht. Deshalb hat es im Grunde immer Angst vor Gott. Wenn Atheisten bestreiten, es gäbe gar keinen Gott, dann sage ich: Ihr habt bloß Angst vor ihm, darum darf es ihn nicht geben.

Ich kann mich im lebendigen Gott nur freuen, wenn ich völlig im Frieden mit Gott bin.

Und hier in Vers 4 wird nun gesagt, wie ich zum Frieden mit Gott komme.

Die unruhige Seele und die Ruhe an den Altären Gottes

Der Vogel hat ein Haus gefunden, die Schwalbe wie ihr Nest, da sie Junge ausbrütet. Das ist wundervoll – der Vergleich des Psalmisten, seine Seele oder sein Herz mit einer unruhigen Schwalbe.

Ich weiß nicht, ob Sie das schon einmal erlebt haben: Auf dem Land, als Kinder haben wir das immer gesehen, wenn wir in den Ferien bei meinem Großvater waren. In seiner Scheune schossen die Schwalben hinein, brachten den Jungen etwas und schossen dann wieder hinaus. Das war eine ewige Unruhe.

Oder wenn Sie an einem schönen Abend die Schwalben fliegen sehen – man kann den Augen kaum folgen. Sie fliegen schneller als Tischtennisbälle, nicht wahr? Es ist eine merkwürdige Unruhe, die über den Schwalben liegt.

Nun vergleicht der Psalmist sein Herz mit so einer Schwalbe. Es ist voll Unruhe. So ist es doch, oder? Was bringen wir heute Abend an innerer Unruhe mit hierher? An Gedanken, Sorgen, Nöten, Anfechtungen, Sünden, Schulden – eine Herzensunruhe.

Wir sind von Natur aus friedelos, wie eine herumfliegende Schwalbe. Und dann sagt der Psalmist: Mein unruhiges Herz ist zur Ruhe gekommen, hat eine Heimat gefunden.

Die Schwalbe hat ihr Nest gefunden, wo sie Junge ausbrüten kann. Verstehen Sie das Gleichnis jetzt? So hat meine Seele, meine unruhige Schwalbenseele, eine Ruhestätte gefunden an den Altären Gottes.

Bedeutung der Altäre im Alten und Neuen Testament

Und nun muss ich die Altäre Gottes erklären. Sehen Sie, das ist ja ein alttestamentlicher Psalm, den ein Mann im Blick auf den Tempel spricht. Aber alles im Alten Testament ist Weissagung und Vorbild auf den Herrn Jesus hin, auf das Neue Testament.

Darum sind die Altäre im Tempel, an denen der Psalmist zur Ruhe kam, Vorbild auf neutestamentliche Dinge. Im Tempel gab es zwei Altäre. Der eine stand im Vorhof, das war der große Ehrenaltar, auf dem die Schuldopfer dargebracht wurden.

Wenn sich jemand in Israel versündigt hatte, brachte er ein Lamm. Dieses wurde geschlachtet und auf diesem Altar verbrannt. Hier fand die Versöhnung statt. Wenn es keine außergewöhnlichen Opfer gab, brannte immerzu ein Opfer auf diesem Altar, nämlich ein Lamm. Es wurde nur gewissermaßen abgeräumt für besondere Schuld- und Sündopfer. Aber wenn kein besonderes Opfer da war, brannte hier bei kleinem Feuer ein Lamm.

Das Opfer wurde morgens und abends dargebracht. Die Rauchsäule von dem Opfer stieg Tag und Nacht auf. Das Lamm, auf das gleichsam die Sünde und Schuld Israels gelegt war, starb stellvertretend. Wenn in Israel jemand Angst hatte und sich fragte: „Wie stehe ich mit Gott?“, schaute er sich um und sah die Rauchsäule. Er wusste, dass das Versöhnungsopfer brannte. Das heißt Vergebung. Das Lamm ist an meiner Stadt gestorben.

Nun wissen wir hoffentlich, dass Johannes der Täufer auf Jesus zeigte und sagte: „Siehe, da ist Gottes Lamm, welches der Weltsünde trägt.“ So ist dieser Opferaltar im Vorhof des Tempels ein Abbild unseres Altars, nämlich das Kreuz von Golgatha.

Wir reden verkehrt, wenn wir das Ding dort drüben Altar nennen. Sie haben ja auch nicht viel Respekt davor; es wird momentan als Garderobe verwendet. Ein richtiger lutherischer Pfarrer würde wahrscheinlich einen kleinen Schlaganfall bekommen, aber das ist ganz in Ordnung.

Unser Altar ist Golgatha, und das Opferlamm, das hier geopfert wird, ist der Sohn Gottes. Es ist für die Seele allein friedensbringend, wenn ich weiß, dass er die Weltschuld weggetragen hat – also auch meine. Hier ist wirklich Vergebung der Sünden. Dieses Kreuz gibt wirklich Versöhnung mit Gott. Das Opferlamm gilt.

Sehen Sie, hier kommt unsere unruhige Seele zur Ruhe am Kreuz Jesu. Ich kann Ihnen sagen, wenn ich das nicht wüsste, dass der Sohn Gottes wirklich die Weltsünde weggetragen hat, dass sein Blut wirklich der Kaufpreis ist, völlig bezahlt, dass ich für Gott erkauft bin und nur noch annehmen muss, dann könnte ich nicht leben.

Der Blick auf dieses Kreuz bedeutet wirklich die Annahme des Friedens mit Gott. Hier kommt unsere unruhige Seele wirklich zum Frieden. Das Vaterhaus ist immer da, wie wechselnd auch die Lage sein mag. Das Kreuz von Golgatha ist Heimat für Heimatlose – und wir sind alle solche Heimatlosen.

Persönliche Erfahrung mit dem Vers und Heimat in Gott

Sehen Sie, in meinem Leben hat dieser Vers eine ganz besondere Rolle gespielt: „Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ihr Nest, deine Altäre, Herr Zeebaut, mein König und mein Gott.“

Es war am 5. März 1943, als über Essen der erste große, schreckliche Fliegerangriff kam, und dabei brannte mein Haus in der Weigelstraße ab. Am Morgen dieses Tages saßen meine Frau, meine damals noch kleinen Kinder und ich völlig abgebrannt, verrußt und dreckig da, nur mit dem einzigen Anzug, den wir hatten, bei meinem Vikar. Wir wussten nicht, wohin wir gehen sollten – so erging es vielen von uns damals.

Es erschütterte mich sehr: Nun bin ich also wirklich richtig heimatlos, arm und heimatlos. Dann haben wir bei meinem Vikar gefrühstückt, manche kennen ihn noch, und er sagte: „Nun wollen wir die Losung lesen.“ Die Losung an diesem Tag lautete: „Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ihr Nest, deine Altäre, Herr Zeebaut, mein König und mein Gott.“ Da konnten wir sagen: „Kinder, wir sind nicht heimatlos.“ Und wenn die Welt unter uns zusammenbricht – es ist das Kreuz von Golgatha, Heimat für Heimatlose. Dort sind wir immer zu Hause.

Warum sind so viele von Ihnen im Grunde noch heimatlose Menschen mit einer unruhigen Seele, mit ihrem Friedlosen? Das Kreuz Jesu, dieser Altar Gottes, wartet ja auf uns alle, nicht wahr? Dort strömt Friede herab wie ein Strom und Gerechtigkeit, die uns Gott schenkt wie Meereswellen. Ich hoffe, wir haben das verstanden.

Nun steht da „deine Altäre“ im Plural, Mehrzahl. Es gab im Tempel noch einen zweiten Altar. Sehen Sie: Im Tempel gab es drei Teile – das Äußere, den Vorhof, dort stand der große Versöhnungsaltar. Dann kam ein Raum, das Heilige, in den nur die Priester hinein durften, und schließlich das Allerheiligste, ganz dunkel, in dem die Bundeslade stand, der Gnadenstuhl.

In diesem zweiten Raum, dem Heiligtum, wo nur der Priester Zutritt hatte, standen unter anderem der siebenarmige Leuchter – ein Bild der Gemeinde Jesu Christi, die leuchten soll – und ein kleiner goldener Altar. Auf diesem Altar wurde morgens, mittags und abends ein Rauchopfer dargebracht.

Als Zacharias im Tempel war und der Engel des Herrn ihm erschien und sagte, er werde einen Sohn bekommen, stand er an diesem goldenen Räucheraltar. Dieser Räucheraltar und der Weihrauch, der dort geopfert wurde, waren kein Blutopfer, sondern symbolisierten gewissermaßen die Gebete der Gemeinde. Dieser goldene Altar war also ein Symbol des Gebets, das wie ein Rauchopfer vor Gott aufsteigt.

Ach, meine Freunde, dieses Rauchwerk war ein edler Duft, nicht wahr? Man könnte meinen, die Gebete der Kinder Gottes seien oft gar nicht schön. „Ich schreie zu dir“ heißt es im Psalm, „ich bin zermalmt, ich liege im Staube“ – das ist ästhetisch nicht schön. Aber vor Gott ist es köstlicher Weihrauch. Wenn unser Herz seufzt und schreit, wirst du gar bald erweicht, heißt es in einem Lied. Wenn unser Herz seufzt und schreit, ist das köstlicher Weihrauch vor Gott!

Sehen Sie, das ist der zweite Altar, an dem wir beten dürfen. Darum kann sich ein Herz im lebendigen Gott freuen, weil ich mit diesem lebendigen Gott reden kann. Man hat gesündigt, hat keinen Mut, vor Gott zu treten – wie dumm! Er ist ja ein lebendiger Gott. Ich kann ihm sagen: „Herr, du weißt, was für ein elendes Kind ich bin, aber ich gehöre dir, denn du hast mich erkauft. Herr, siehst du, wie trostlos in meinem Leben alles ist?“ Ich kann ihm alles sagen.

Darum kann ich mich am lebendigen Gott freuen, weil ich ihm mein Herz ausschütten kann. Tun Sie das eigentlich? Deshalb braucht man allerdings Stille. Es ist merkwürdig: Wenn ich anfangen will zu beten, dann klingelt das Telefon. Und wenn ich hingehe, ist die Leitung falsch verbunden oder so etwas. Ich wollte eine andere Nummer wählen. Der Teufel ist auf dem Plan, um uns diese Stille nicht kommen zu lassen. Da muss man ein bisschen dagegen ankämpfen.

Ich muss noch kurz ein Drittes sagen. Es ist furchtbar, aber sehen Sie, ich bin so selten dran, dass ich es ein bisschen ausnutzen darf und deshalb fünf Minuten länger sprechen kann. Wer einschlafen will, darf das tun, aber ich muss noch ein Drittes sagen.

Alles, was ich bisher gesagt habe, klingt doch so: „Ich hab’s, ich hab’s, meine Seele freut sich im lebendigen Gott, mein König und mein Gott.“ Das ist auch so tief im Dasein verankert. Da fahren alle Theologen sofort auf, seit ich sie kenne, seit meiner Studienzeit, und sagen: „Du hast aber nicht alles in der Tasche, du hast nicht alles in der Tasche.“ Doch, hier steht „mein Gott“! Ich antworte dann immer: Darauf kommt es auch gar nicht an, sondern darauf, dass er mich in seiner Tasche hat, nicht wahr? Dass er mich in seiner Tasche hat – und das hat er.

Aber es gibt eine falsche Sicherheit. Hier ist alles Gewissheit in diesen Versen, nicht wahr? „Der Vogel hat ein Haus gefunden, nur Ruheort, deine Altäre, ich bin versöhnt am Kreuz Jesu, ich kann ihm mein Herz ausschütten, habe ich, es gibt gar keine Ängste, mein König, mein Gott“ – lauter Gewissheit.

Darum ist es geradezu verblüffend, dass dieser Vers mit dieser strahlenden Gewissheit anfängt: „Meine Seele verlangt.“ Und es heißt wörtlich: „Verzehrt sich nur nach den Vorhöfen des Herrn.“ Das spricht doch jemand, der ganz fern ist, nicht? „Wenn ich nur die Vorhöfe sehen könnte, danach verzehre ich mich.“ Und auf einmal ist alles voll strahlender Gewissheit: „Ich hab’s.“

Nun, die Ausleger sagen natürlich mit Recht: Das dichtet ein Mann aus Israel, der in der Ferne ist und sich nach dem Tempel sehnt. Aber das klappt dann doch nicht ganz, denn dann könnte er nämlich nicht gleich wieder sagen: „Ich freue mich so an den Altären da.“

Meine Freunde, hier sind wir an einem Geheimnis des Christenstandes. Ein richtiger, wiedergeborener Christ ist ein Mensch, der alles ganz gewiss hat. Er kann sagen: „Mein König und mein Gott, er hat mich erkauft, sein Blut ist für mich geflossen, ich bin versöhnt, meine Sünden sind vergeben, er hat es mit dem Heiligen Geist versiegelt, dass ich ihm gehören darf. Ich darf mein Herz ausschütten.“ Das ist ein richtiger Christ.

Zugleich weiß ein richtiger Christ: „Ich habe es eigentlich noch gar nicht. Das Beste kommt noch.“ Darum bin ich wohl, dass ich 68 bin, ich bin nicht mehr weit davon entfernt. Wenn ich sterbe, dann will ich in dem Augenblick, in dem ich sterbe, meine Augen aufschlagen an ihm, der wirklich mein König und mein Gott ist.

Das ist die Paradoxie des Christenstandes: „Ich habe alles, alles in dir, Herr Jesus Christus, aber ich verzehre mich danach, dass ich es richtig hätte.“ Ach Herr, wenn ich dich doch sehen könnte! Ach Herr, wenn ich doch richtig geheiligt wäre! Ach Herr, meine Sünde ist noch so mächtig! Ach Herr, ich bin oft so traurig, ich bin oft so ungläubig, ich bin oft so draußen vor der Tür!

Verstehen Sie, das gehört beides zusammen. Da sagt ein Weltmensch: „Das klappt doch nicht. Du kannst doch nicht sagen, ich habe ein Portemonnaie voll Geld und bin doch ein armer Kerl.“ So spricht ein Christ doch nicht, das ist doch nicht die praktische Erfahrung. Ich könnte manchmal verzweifeln an meinem ganzen Christenstand und dann schlage ich die Bibel auf und dann kann ich singen: „Mein Leib und Seele freuen sich im lebendigen Gott.“ Und das ist doch wahr.

Lassen Sie mich ein Beispiel brauchen: Eines der großen Erlebnisse meiner Amerika-Reise war für mich der Rückflug. Wir flogen abends weg und hatten nur zwei Stunden Nacht, weil die Sonne uns immer überrundet hat. Das ist ja furchtbar komisch. Auf einmal haben wir Abendbrot gegessen und dann wurde es plötzlich dunkel, und sie löschen alle Lichter. Ich war der Einzige, der noch gelesen hat, und auf einmal sehe ich: Um mich herum schläft alles.

Da habe ich mir ausgemalt und mal gedacht: Also, zwölf Kilometer leere Luft unter mir, und dann kommen etwa acht Kilometer tiefe Wasser. Das ist ja ein grauenvoller Abgrund, nicht wahr? Und von dem trennt mich nur so ein Stückchen Boden. Das ist unheimlich, diese Situation.

Es wurde mir ganz schwindelig bei dem Gedanken, wie man hier im Nichts hängt. Und dann habe ich gedacht: So geht es einem Christen hier. Ich bin geborgen, weil mich Jesus erkauft hat. Ich kann sagen: „Mein König, mein Gott.“ Aber ich bin in diesem Flugzeug über entsetzlichen Abgründen hier. Unser Leben ist angefochten, unser Glaube ist so klein, der Herr ist oft so fern, wir sind so einsam, was weiß ich alles nicht. Das ist die Tiefe des Daseins, diese Abgründe.

Aber darüber schweben wir, in dem Satz, der hier steht: „Mein Leib und Seele freuen sich um den lebendigen Gott, mein König und mein Gott.“ Als ich mir das klar machte, wie ich da über dem Abgrund schwebe, habe ich gedacht: Ich bin dann doch froh, wenn wir landen.

Und da will ich mal sagen: Als Christ bin ich hier geborgen im Flugzeug, aber ich freue mich, wenn ich lande. Verstehen Sie? Wenn ich lande in der anderen Welt. Wo ich ganz anders noch das alles bin – ja, ich bin derselbe Mensch wie im Flugzeug, aber jetzt habe ich festen Boden unter den Füßen. Jetzt sind die Abgründe zu Ende. Jetzt komme ich wirklich nach Hause.

Diese Paradoxie des Christenstandes, dass wir haben und doch in der Erwartung stehen – verstehen Sie mich richtig –, dass wir haben und doch in der Erwartung stehen, zieht sich durch die ganze Bibel. Ich will Ihnen nur ein Beispiel sagen, weil wirklich die Zeit vorbei ist.

Es steht im ersten Johannesbrief: „Wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben.“ Wer hat, der hat. Und im selben Brief steht: „Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, dass wir ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“

Im selben Brief steht also: „Wer hat, der hat, wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben.“ Und doch ist noch nicht erschienen. Christen sind Leute, die sich auf die zukünftige Welt freuen.

Und ich möchte mich nicht von Leuten dumm machen lassen, die sagen, das kommt erst mit der Auferstehung. Ich bin überzeugt, dass im Augenblick, wenn ich meine Augen schließe, diese andere Welt sich schon für mich auftut. „Wir werden ihn sehen, wie er ist.“ Und darauf freue ich mich dann.

Das ist die Landung.

Die Paradoxie des Christenstandes: Gewissheit und Sehnsucht

Und ich muss noch kurz ein Drittes sagen. Es ist furchtbar, aber sehen Sie, ich komme so selten zu Wort, dass ich es ein bisschen ausnutzen muss und deshalb fünf Minuten länger sprechen darf. Wer dabei einschlafen will, darf das tun. Aber ich muss wirklich noch ein Drittes sagen.

Alles, was ich bisher gesagt habe, klingt doch so: „Ich hab's, ich hab's, meine Seele freut sich im lebendigen Gott, mein König und mein Gott.“ Das ist eine tiefe Erfahrung des Daseins. Da fahren alle Theologen sofort auf – seit ich sie kenne, seit meiner Studienzeit – und sagen: „Du hast es aber nicht in der Tasche, du hast es nicht in der Tasche!“ Doch hier steht: „Mein Gott!“ Ich antworte dann immer: Darauf kommt es auch gar nicht an. Sondern darauf, dass er mich in seiner Tasche hat, nicht? Dass er mich in seiner Tasche hat – und das tut er.

Ja, aber es gibt eine falsche Sicherheit. Hier ist alles Gewissheit in diesen Versen, nicht? Der Vogel hat ein Haus gefunden, einen Ruheort, deine Altäre. Ich bin versöhnt am Kreuz Jesu. Ich kann ihm mein Herz ausschütten – habe ich getan. Es gibt keine Zweifel, mein König, mein Gott – lauter Gewissheit.

Und darum ist es geradezu verblüffend, dass dieser Vers mit dieser strahlenden Gewissheit anfängt: „Meine Seele verlangt.“ Und es heißt wörtlich: „Verzehrt sich nur nach den Vorwürfen des Herrn.“ Das spricht doch jemand, der ganz fern ist, nicht? „Wenn ich nur die Vorwürfe sehen könnte, danach verzehre ich mich!“ Und auf einmal ist alles voll strahlender Gewissheit: „Ich hab's.“

Nun sagen die Ausleger natürlich mit Recht: Das dichtet ein Mann aus Israel, der in der Ferne ist und sich nach dem Tempel sehnt. Aber das klappt dann doch nicht ganz. Denn dann könnte er nämlich nicht gleich wieder sagen: „Ich freue mich so an den Altären da“, nicht?

Na, meine Freunde, hier sind wir an einem Geheimnis des Christenstandes. Ein richtiger, wiedergeborener Christ ist ein Mensch, der alles ganz gewiss hat. Er kann sagen: „Mein König und mein Gott, er hat mich erkauft, sein Blut ist für mich geflossen, ich bin versöhnt, meine Sünden sind vergeben. Er hat es mit dem Heiligen Geist versiegelt, dass ich ihm gehören darf. Ich darf mein Herz ausschütten.“ Das ist ein richtiger Christ.

Und zugleich weiß ein richtiger Christ: „Ich habe es eigentlich noch gar nicht. Das Beste kommt noch.“ Darum bin ich wohl froh, dass ich 68 Jahre alt bin; ich bin nicht mehr weit davon entfernt. Wenn ich sterbe, dann will ich in dem Augenblick, in dem ich sterbe, meine Augen aufschlagen an ihm, der wirklich mein König und mein Gott ist.

Das ist die Paradoxie des Christenstandes: Ich habe alles, alles in dir, Herr Jesus Christus. Aber ich verzehre mich danach, dass ich es richtig hätte. „Ach Herr, wenn ich doch dich sehen könnte! Ach Herr, wenn ich doch richtig geheiligt wäre! Ach Herr, meine Sünde ist noch so mächtig! Ach Herr, ich bin oft so traurig! Ich bin oft so ungläubig! Ich bin oft so draußen vor der Tür!“ Und dann …

Verstehen Sie, das gehört beides zusammen. Da sagt ein Weltmensch: „Das klappt doch nicht. Du kannst doch nicht sagen, ich habe ein Portemonnaie voll Geld und bin doch ein armer Kerl.“ So, spricht ein Christ, ist doch nicht die praktische Erfahrung. Ich könnte manchmal verzweifeln an meinem ganzen Christenstand. Und dann schlage ich die Bibel auf und kann singen: „Mein Leib und Seele freuen sich im lebendigen Gott.“ Und das ist doch wahr.

Die Hoffnung auf die Vollendung und das ewige Zuhause

Eines der großen Erlebnisse meiner Amerika-Reise war für mich der Rückflug. Wir starteten abends, und wir hatten nur etwa zwei Stunden Nacht, weil die Sonne uns ständig überrundete. Das ist ja furchtbar merkwürdig: Plötzlich hatten wir gerade Abendbrot gegessen, und dann wurde es auf einmal dunkel. Die Lichter gingen aus, und ich war der Einzige, der noch las. Um mich herum schliefen alle.

Da wurde mir bewusst, dass unter mir etwa zwölf Kilometer leere Luft sind. Darunter liegen ungefähr acht Kilometer tiefes Wasser. Das ist ein schrecklicher Abgrund, nicht wahr? Und von diesem Abgrund trennt mich nur ein kleines Stück Boden. Das ist eine unheimliche Situation. Mir wurde ganz schwindelig bei dem Gedanken, wie man hier im Nichts hängt.

Dann dachte ich: So geht es einem Christen hier. Ich bin geborgen, weil Jesus mich erkauft hat. Ich kann sagen: Mein König, mein Gott. Aber ich bin in diesem Flugzeug über entsetzlichen Abgründen. Unser Leben ist angefochten, unser Glaube ist oft so klein, der Herr erscheint oft so fern, wir sind so einsam – all das sind die Tiefen des Daseins, diese Abgründe. Doch darüber schweben wir, in dem Bewusstsein, das hier besteht. Mein Leib und meine Seele freuen sich an dem lebendigen Gott, meinem König und meinem Gott.

Als ich mir klar machte, wie ich da über dem Abgrund schwebe, dachte ich: Ich bin doch froh, wenn wir landen. Und da möchte ich sagen: Als Christ bin ich im Flugzeug geborgen, aber ich freue mich, wenn ich lande. Verstehen Sie – wenn ich lande in der anderen Welt. Dort, wo ich ganz anders bin. Ich bin ja derselbe Mensch wie jetzt im Flugzeug, aber dann habe ich festen Boden unter den Füßen. Die Abgründe sind vorbei, und ich komme wirklich nach Hause.

Diese Paradoxie des Christenstandes, dass wir haben und doch in Erwartung stehen, verstehen Sie mich? Dass wir haben und doch in Erwartung stehen, zieht sich durch die ganze Bibel. Ich will Ihnen nur ein Beispiel nennen, weil die Zeit wirklich knapp ist: Im ersten Johannesbrief steht: „Wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben.“ Und im selben Brief heißt es auch: „Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, dass wir ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“

Im selben Brief steht also: Wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben, und doch ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Christen sind Menschen, die sich auf die zukünftige Welt freuen. Ich möchte mich nicht von Leuten täuschen lassen, die sagen, das kommt erst mit der Auferstehung. Ich bin überzeugt, dass sich im Augenblick, in dem ich die Augen schließe, diese andere Welt schon für mich auftut. Wir werden ihn sehen, wie er ist, und darauf freue ich mich. Das ist die Landung.