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Bibelwort mit Kurve

23.08.1959Psalm 73,23

Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Wir wollten in dieser Sommerzeit einige auffallende und seltsame Psalmstellen besprechen. Heute lese ich ein Wort aus dem 73. Psalm:

Dennoch bleibe ich stets an dir. Denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, Herr, heilige Unsinn deiner Wahrheit. Dein Wort ist die Wahrheit. Amen.

Vom bedrückenden Wald zur neuen Landschaft des Glaubens

Vor ein paar Wochen fuhr ich auf dem Weg von einer Freizeit zur anderen ein Stück quer durch den Schwarzwald. Die Straße führte viele Kilometer nur durch Tannenwälder. In der Gegend von Freudenstadt gab es viele Besenfelder.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass das auf die Dauer bedrückend ist: diese schwarzen Tannen rechts und links, endlos dieser dunkle Wald. Doch dann kam eine Kurve, und mit einem Schlag veränderte sich das Bild. Der Wald war weg. Hinter der Kurve lag vor mir im Sonnenglanz ein herrliches Land.

Ein völlig veränderter Blick, eine völlig veränderte Aussicht. Das fiel mir ein, als ich wieder einmal den lieben 73. Psalm las und an unserer Textstelle ankam. Mitten in diesem kurzen Bibelwort gibt es auch eine Kurve, eine Kurve, die auf einmal einen ganz neuen Ausblick bietet. Das möchte ich Ihnen heute Morgen gern zeigen.

Lachen Sie mich nicht aus, wenn ich jetzt als Überschrift über den Text und die Predigt schreibe: „Bibelwort mit Kurve“. Wenn wir das verstehen wollen, müssen wir jetzt einfach mal sozusagen im Bilde bleiben und an diesem Bibelwort entlangfahren.

Dort sehen wir als Erstes einen wundervollen Entschluss: „Dennoch liebe ich stets an dir.“

Der feste Entschluss zum Verbleib bei Gott

Das möchte ich als Erstes zeigen: Ich habe ja drei Teile.

Ein wundervoller Entschluss: Dennoch bleibe ich stets an dir. An wem will der Psalmsänger bleiben? An dem geoffenbarten Gott, der uns in Jesus Christus offenbart ist. Ja, ich bin überzeugt, dass diese Propheten des Alten Bundes Jesus so klar sahen und ihn glaubten wie wir. Deshalb können wir ruhig sagen: Er will an dem geoffenbarten, an dem Jesus geoffenbarten Gott bleiben.

Nun, ich glaube, das wollen die meisten von uns auch. Sehen Sie, wenn ich Hausbesuche mache, höre ich immer wieder: „Ja, wissen Sie, Herr Pastor, ich bleibe bei der Religion, die ich von meiner Mutter gelernt habe oder die meine Großmutter hatte.“ So habe ich das oft gehört, besonders im Dritten Reich, als es immer wieder Druck gab, aus der Kirche auszutreten. „Ich bleibe bei der Religion meiner Eltern.“

Liebe Freunde, ehe man bei diesem Herrn wirklich bleiben kann, muss man zunächst zu ihm kommen. Das muss ich jetzt erst mal sagen. Mit ein bisschen nebulöser Religiosität oder kirchlicher Standhaftigkeit ist eigentlich noch nichts geschehen. So nett das ist, sei dagegen. Aber es ist noch nichts getan. Wer an ihm bleiben will, der muss zuerst zu diesem Herrn Jesus gekommen sein.

Oh, ich wünschte, ich könnte so sprechen, dass Sie gewissentlich wirklich beunruhigt werden und sich fragen: Bin ich eigentlich mal zu ihm gekommen? Das ist eine große Sache. Es braucht eine gründliche Einsicht in die Verlorenheit unseres Lebens und die Verkehrtheit unseres bisherigen Lebens. Das erfordert einen richtigen, radikalen Bruch und eine Umkehr von 180 Grad.

Da muss es gehen wie bei dem verlorenen Sohn. Ich denke, wir kennen die Geschichte: Er saß draußen verloren bei den Schweinen und sagte dann: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.“ Und das genügt noch nicht. Er will zu ihm sagen: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.“ Und er machte sich auf und sagte das.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie diesen Schritt vollziehen, wenn Sie ihn schon getan haben. Es kommt mir wenig darauf an, eine schöne Predigt zu halten. Es kommt mir wenig darauf an, Ihnen zu sagen, dass für Leben, für Zeit und Ewigkeit alles darauf ankommt, dass Sie zu Jesus kommen.

Der Psalmsänger hat diesen Schritt schon lange getan. Aber nun sind Umstände eingetreten, die einen Entschluss, einen neuen Entschluss nötig machen. Und so passt der neue Entschluss: „Jetzt will ich bei dir bleiben.“ Als Jugendbacher kenne ich es oft, dass Menschen so auf Jesus zugehen. Aber dieser weitere Entschluss ist groß: „Ich will bei dir bleiben!“

Meinem Eigenherz, der Welt und dem Teufel, allem zum Trotz will ich bei dir bleiben. Nicht bei der Kirche, nicht bei der Religion, nicht beim Pastor, nicht beim Weihrauch, sondern beim Herrn Jesus, bei dem geoffenbarten Gott will ich bleiben.

Meine Freunde, dieser Entschluss ist heute sehr unmodern, sehr unmodern. Ich sitze mal wieder völlig daneben mit meinem Bibelwort hier. Denn es ist das Kindzeichen unserer Zeit. Es charakterisiert die geistige Lage unserer Zeit, dass wir uns unter keinen Umständen endgültig festlegen wollen.

Der Mensch von heute ist an vielem interessiert, aber nur nicht daran, sich festzulegen. Das wird sogar gerügt. Eine Festlegung ist der „Verkalkung“ gleich. So muss immer alles in der Schwebe bleiben in unserem Leben. Man weiß auch nicht, was noch kommt, nicht wahr? Wo wir aber männlich nach dem Wind hängen müssen. Und das weiß man alles noch nicht. Um Gottes willen, jetzt nicht festlegen!

Sicher, ich bin für das Christentum und lasse meine Kinder taufen, konfirmieren und alles Mögliche, aber nicht festlegen, so sagt die alte Generation. Und die Jungen sagen: „Wie sollen wir uns festlegen? Wir können ja gar nichts mehr ernst nehmen.“ Das ist gerade das Kennzeichen dieser Generation. Sie machen sich vielleicht selbst nicht klar, dass sie im Grunde gar nichts mehr ernst nehmen können.

Ganz anders unser Psalmsänger, ein unmoderner Mann. Er nimmt ernst und legt sich endgültig fest. Er nimmt den geoffenbarten Gott ernst und legt sich fest auf den Herrn Jesus Christus: „Dennoch bleibe ich stets an dir.“

Der Mann passt nicht in unsere Zeit, nicht? Aber, liebe Freunde, sollten wir bei so einem Wort nicht mal richtig aufhorchen? Meine Freunde, ist das nicht gerade die Not überall, dass wir uns nicht mehr festlegen wollen? Dass wir gar keine Fundamente für unser Leben haben?

Dass die Alten unter uns alles gewesen sind – liberal, Nazi, christlich und alles – und nun hat unser Leben überhaupt kein Fundament mehr und ist sinnlos. Ist das nicht die Not, junges Volk, dass man nichts mehr ernst nehmen kann?

Aber möchte man doch von dieser schrecklich traurigen Situation aus den Psalmsänger fragen: Sage mal, hast du wirklich etwas gefunden, was wert ist, dass man sich für sein ganzes Leben darauf festlegt? Ist ja unerhört! Hast du etwas gefunden, was wert ist, dass man sich der ganzen Welt zum Trotz für ein ganzes Leben darauf festlegt?

Gott sei Dank, sagte Asser, Gott sei Dank! Allerdings habe ich nicht etwas gefunden, was ich ernst nehmen kann, worauf ich mich festlege – nicht etwas, sondern jemanden. Jemanden, den Herrn Jehova, sagt er hier. Und damit weist er uns immer, wo der Herrstätige Jehova ist, auf Jesus hin.

Die Botschaft des Evangeliums von Jesus sagt er, ist so herrlich, dass es wert ist, sich endgültig darauf festzustellen, sie ganz ernst zu nehmen. Liebe Freunde, das kann man von keiner anderen Botschaft der Welt mehr sagen.

Es ist ja auch in der Botschaft, dass der lebendige, verborgene Gott, der zu tausend Dingen schweigt, aber heute plötzlich schweigt, wann zerschlägt die ihn von uns trennt und in Jesus zu uns kommt. Das ist eine aufregende Botschaft.

Man muss schon reichlich unterbelichtet sein, wenn man sie nicht ernst nehmen will und sich dagegen aufbäumt. Und wenn wir von Jesus reden, dann werden wir immer an sein Kreuz geführt.

Das Kreuz als Ort der Umkehr und Kraft

Oh, lassen Sie uns unter Jesu Kreuz gehen, dort nach Golgatha. Sehen Sie den Mann mit der Dornenkrone, dieses Gesicht, in dem die Klarheit Gottes sich spiegelt, überströmt vom Blut, und die mächtigen Hände, angenagelt. Sehen Sie ihn an!

Hier können wir unser Leben im Grund in Ordnung bringen. Das ist keine bloße Botschaft. Ach, was sind wir alle miteinander für friedlose Leute, solange wir unsere Schuld nicht Schuld nennen, solange wir gegen unser Gewissen leben – und wir leben ja dauernd gegen unser Gewissen. Solange wir nur tun, was nützlich ist.

Unter Jesu Kreuz können wir unser Leben in Ordnung bringen. Sehen Sie, da dürfen wir unsere Sünde hinlegen, bekennen und ablegen. Wir dürfen einen Tausch machen: Ich darf diesem Gekreuzigten meine Schuld geben, und er gibt mir seine Gotteskindschaft und Gerechtigkeit. Das ist ein Tausch.

Kraft geht aus von diesem Kreuz. Ich kann Ihnen aber bezeugen: Kraft geht aus von diesem Kreuz. Können Sie das verstehen? Ist der Lautsprecher da oben nicht in Ordnung? Oh je, gut. Wenn ich so ins Mikrofon spreche, dann schimpfen die im Übertragungssaal, weil es so furchtbar dröhnt, nicht? Ich sage ja, wie der Einbrecher: Breche ich eines nicht recht, breche ich auch nicht recht. Was soll ich eigentlich machen?

Und dieser Jesus – es ist gut, dass Sie sich melden. Sehen Sie, ich sagte: Unter dem Kreuz Jesu können wir unser Leben in Ordnung bringen. Da dürfen wir einen unseligen Tausch machen. Wir dürfen ihm, diesem Heiland, alle unsere Schuld und Unruhe einfach geben. Sagen Sie es ihm! Das muss gesprochen sein mit ihm.

Und er gibt mir dafür seine Gerechtigkeit vor Gott und seine Gotteskindschaft. Ich sage kraftvoll: in diesem Kreuz Jesu. Das ist die größte Kraftzentrale der Welt, wo Seelen neu aufleben, die zusammengeschlagen waren von Schulden und von den Schicksalsschlägen des Lebens.

Und dieser Jesus ist auferstanden von den Toten. Verstehen Sie nun? Geht es jetzt besser da oben? Der Psalmist sagt: Ich wäre ja ein Narr, wenn ich nicht bei diesem Herrn bleiben wollte, bei dem ich Leben und Frieden und Seligkeit und Freude und Kraft und neues Leben und ewiges Leben finde. Ich wäre ein Narr, wenn ich nicht bei ihm bleiben wollte.

Wir singen gern im Weichlaus ein Lied, da kommt die Zeit hervor: Soll ich dem nicht angehören, der sein Leben für mich gab? Soll ich ihm nicht Treue schwören, Treue bis in Tod und Grab?

Es ist ein wundervoller Entschluss, ein wundervoller Entschluss: Herr Jesus, bei dir will ich bleiben. Nun sind wir ein Stück an der Straße dieses Bibelwortes gefahren.

Die Kurve: Von Entschluss zur Gewissheit des Haltens

Und wenn wir jetzt weiterlesen, dann kommt die Kurve. Da tut sich uns, wenn wir weiter auslegen, eine ganz neue Aussicht auf, ein völlig neuer Ausblick.

Wenn wir weiterlesen, entdecken wir plötzlich: Es handelt sich in diesem Bibelwort ja gar nicht um einen Schluss. Es handelt sich vielmehr um eine Feststellung. Und das ist das Zweite: Eine Tatsache wird festgestellt. Ich lese weiter: „Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich ja fest.“

„Herr, du hältst mich fest, darum bleibe ich an dir, darum kann ich gar nicht anders.“ Das ist ein völlig neuer Ausblick. Es ist nicht mehr ein Entschluss, sondern einfach die Feststellung einer Tatsache: Er hält mich fest. Wie sollte ich von ihm weggehen können?

Sehen Sie, wir hatten den ersten Teil für sich betrachtet: „Dennoch bleibe ich stets an dir.“ Und wir konnten das gar nicht anders ansehen als einen Entschluss. Nun, allen unseren Entschlüssen, auch unseren besten, hängt etwas an von Krampf, von zusammengebissenen Zähnen, nicht? So mussten wir die erste Hälfte verstehen.

Und nun kommen wir in die Kurve: „Du hältst mich bei meiner rechten Hand, und darum kann ich von dir gar nicht weg.“ Auf einmal ist hier nichts mehr von Kampf und Entschluss zu spüren. Stattdessen umgibt uns großer Friede. „Du hältst mich ja fest bei meiner rechten Hand, darum bleibe ich an dir.“

Man könnte fragen: Hat Herr Pastor Busch seinen ersten Teil falsch ausgelegt? Da sage ich: Nein! Sehen Sie, zu einem Christenstand gehört beides. Zu einem Christenstand gehört beides: ein fester Entschluss – „Ich will beim Herrn bleiben“ – und ein ganz fröhlicher Glaube: „Du hältst mich bei meiner rechten Hand.“

Meine Freunde, da muss ich unwillkürlich an eine Szene denken, die ich neulich vor meinem Haus sah. Da führte eine Mutter ihr Kind spazieren, das gerade eben die ersten Schritte gelernt hatte und so über seine eigenen Beinchen stolperte. Es war furchtbar anzusehen, wie die Mutter das Kind hielt und das Stolpern auffing.

Da war nichts von einem Entschluss des Kindes zu spüren: „Ich werde meine Mutter festhalten.“ Sondern das Kind dachte: „Geht’s schief, wenn du die Mutter hältst, und du kannst laufen, sonst wär’s Gebrüll!“

Und sehen Sie, so ist dieses Wort: „Du hältst mich fest, und darum kann ich laufen, darum kann ich fromm sein, und darum kann ich bei dir bleiben, weil du mich festhältst.“

Und nun sage ich noch einmal: Einen richtigen Christenstand führt beides. Das Kind wird geführt von Jesus, und zugleich gibt es einen kämpferischen Entschluss: „Ich werde dem Teufel zum Trotz bei ihm bleiben.“

Die Sicherheit des Haltens in der Hand Gottes

Aber wir wollen uns jetzt als Zweites diese neue Landschaft ansehen. Du hältst mich bei meiner rechten Hand, darum bleibe ich bei dir.

Liebe Freunde, in der christlichen Kirche gibt es momentan eine merkwürdige Mode, die immer und überall vor zu großer Sicherheit warnt. Mir geht das inzwischen etwas gegen den Strich. Dieser Psalm spricht nämlich von einer geradezu für heutige Theologen bedenklichen Sicherheit. Er sagt: Ich werde bei dir bleiben, weil du mich festhältst. Wenn Verfolgung kommt, werde ich bei ihm bleiben. Und wenn schreckliche Nöte, Zweifel und Probleme kommen, werde ich bei ihm bleiben. Warum? Weil er mich ja festhält.

Dieser Psalm spricht von einer strahlenden Sicherheit. Darf man das eigentlich so sagen? Ja, es sei denn, der Herr Jesus wäre ein Lügner. Aber er ist keiner. Er hat nämlich genau dasselbe gesagt. Der Herr Jesus sagte einmal: Meine Schafe hören meine Stimme, sie folgen mir, und niemand kann sie aus meiner Hand reißen. Niemand kann sie aus meiner Hand reißen.

„Du hältst mich fest, darum bleibe ich an dir.“ Ich vergesse diese Szenen nicht. Ich habe sie wahrscheinlich oft erzählt. Das letzte Mal war es, als ich mit Pastor Weigel, dem Gründer dieses Hauses, bei einer Leiterfreizeit zusammen war. Da sprach er über dieses Wort: Niemand kann dich aus meiner Hand reißen. Er wandte sich an einen jungen Mann, der Fritz Hensel aus Essen-West hieß, Abteilung einundzwanzig, und sagte zu ihm: Niemand kann dich aus Jesu Hand reißen, wenn du ihm gehörst – außer… Da sagte Fritz: „Außer ich selbst.“ Falsch, sagte Weigel, wenn Jesus sagt, niemand kann dich aus meiner Hand reißen, dann kann er sich selbst nicht herausreißen. Fritz wurde blass, so etwas gibt es.

Ich habe ihn aus den Augen verloren. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich ihn am Kirchlichen Tag wiedertraf. Fritz gilt noch immer als in Jesu Hand.

Liebe Freunde, hier sind wir an das tiefste Geheimnis des Christenlebens gelangt, von dem wahrscheinlich viele von Ihnen keine Ahnung haben. Jesus lässt seine Leute immer und überall die heimliche und verborgene Hand ihres Heilands spüren. Christen, also echte Jesusjünger, leben völlig anders als andere Menschen, weil sie in jeder Not, in jeder Anfechtung und in jedem Fall die heimlich verborgene Hand spüren, die sie hält.

Oh, geben Sie sich nur recht in Jesu Hand, dann werden Sie das erfahren.

Biblische Zeugnisse der Führung und Bewahrung

Wissen Sie, ich möchte am liebsten jetzt all die biblischen Geschichten erzählen. Ach, dass man immer so kurz predigen muss! Am liebsten möchte ich jetzt all die biblischen Geschichten erzählen, die davon sprechen. Nur so ein paar.

Zum Beispiel die Geschichte von Josef in Ägypten. Er wird ungerecht in ein schauerliches Gefängnis geworfen. Ich denke mir, dass Sklavengefängnisse in Ägypten wirklich schrecklich waren. Ein dunkler Abgrund tut sich auf. Wie lange wird er dort sein? Vielleicht ein Leben lang, lebendig vermodern. Die Kerkertüren schließen sich hinter ihm.

Und wissen wir, was dann kommt? In der Bibel steht: "Aber der Herr war mit Josef, sodass er ein glückseliger Mann war." Auf einmal ist die Hand da und hält ihn über diesem schrecklichen Abgrund. Das ist wunderbar!

"Aber der Herr war mit Josef." Du hältst mich bei meiner rechten Hand, dennoch bleibe ich stets an dir. Darum bleibe ich stets an dir.

Kurz vorher – ihr kennt die Geschichte – geht Josef durch eine schwüle und sehr gefährliche Versuchungsstunde. Cherche la femme, die Stunde, in der sich seine ganze Charakterbildung entscheidet. Die Frau des Potiphar legt ihre Hand auf ihn.

Es ist etwas Eigenartiges, wie Josef durch diese Stunde hindurchgeht. Niemals als ein großartiger, starker Mann, der fast seufzt: "Wie kann ich sündigen, er schaut mich an?" Nein, er geht hindurch, unberührt. Die Hand hielt ihn fest. Denn: "Du hältst mich bei meiner rechten Hand."

Oder ich denke an die Geschichte, die wir eben hier bei der Schriftlesung hörten, von Petrus, der auf dem Wasser untergeht. Dann ist einmal die Hand da und hält ihn mitten auf dem Meer.

Und das ist es, was wir den Ungläubigen, was wir der ungläubigen Welt, was wir Jesusleuten, ich weiß nicht, ob sie dazugehören dürfen, entgegenwerfen wollen: Wir werden nicht untergehen. Denn die unsichtbare Hand hält uns fest. Wir können in tausend Kämpfen und Niederlagen stecken, aber die Hand hält uns fest.

Der historische Hintergrund des Psalmwortes

Jetzt ein drittes noch. Ich möchte das dritte überschreiben: den Hintergrund des Ganzen. Davon muss ich noch sprechen.

Sehen Sie, mein Kurvenerlebnis begann erst durch den Wald, und auf einmal eröffnete sich eine neue Landschaft der Kurve. Das war im Schwarzwald. Vielleicht könnte man so etwas hier in Essen bei Kraai nicht erleben. Dazu gehört der ganze Hintergrund des Schwarzwalds.

Und so hat auch dieses Bibelwort mit der Kurve einen ganz bestimmten Hintergrund, den wir eben sehen müssen. Ich kann den Hintergrund am besten erklären, wenn ich Ihnen ein kleines Erlebnis aus dem Kampf der Bekennenden Kirche im Hitlerreich erzähle – eine für mich unvergessliche Szene.

Ich sollte in einer Versammlung der Bekennenden Kirche in Wuppertal in der Stadthalle sprechen. Außerdem sollte auch der alte Pfarrer Niemöller sprechen, der Vater von Martin Niemöller. Er war Pfarrer in Wuppertal und eine eindrucksvolle Persönlichkeit.

Gerade als wir anfangen wollten, erschien die Geheime Staatspolizei und sagte zu Pfarrer Niemöller: „Sie dürfen hier nicht sprechen.“ Darauf fragte Niemöller: „Darf ich wenigstens ein Bibelwort vorlesen?“ „Ja“, sagten sie, „ein Bibelwort können Sie vorlesen, aber Sie dürfen nicht sprechen.“

Daraufhin las Niemöller vor. Es war die Stunde, als Hitler auf der Höhe seiner Macht war, als viele unserer Brüder ohne Recht und Gesetz in Gefängnissen lagen, als man begann, Juden umzubringen, als Unrecht triumphierte und keiner etwas dagegen sagen wollte.

Ein Bibelwort durften sie vorlesen. Da schlug der alte Niemöller den 37. Psalm auf, und plötzlich hatte dieser Psalm eine ungeheure Aktualität. Vergessen Sie nicht, wie die Staatspolizeibeamten kamen und über die Schulter schauten, ob das wirklich in der Bibel stand:

„Ihr Frevel muss wohlgetan heißen, sie achten alles für nichts und lästern hoch her. Was sie reden, soll gelten auf Erden, darum fällt ihnen ihr Pöbel zu und laufen ihnen zu in Haufen wie Wasser.“

Wir erschauerten. Das war vor dreitausend Jahren geschrieben. Wir begriffen, dass sich die Welt im Grunde nie sehr ändert, dass Unrecht und Lüge, Segen und das Lästern des Menschenhochmuts die stille Stimme des Heiligen Geistes übertönen.

Der Alte las weiter, und dann merkte ich auf ihr Ende:

„Ja, sie nehmen ein Ende mit Schrecken. Du machst ihr Bild in der Stadt verschmäht.“

Wissen Sie, ich sage: Sie waren auf der Höhe ihrer Macht, aber in dem Augenblick weht uns eine Ahnung von dem schrecklichen Ende an. „Du machst ihr Bild in der Stadt verschmäht.“

Liebe Freunde, das ist doch der Hintergrund dieses Psalms: Wir leben in einer Welt, die Abgründe hat, in der das Herz manchmal wirklich schreien muss: „Wo bleibt dein Gott?“ Wo die Lüge sich aufbläht, wo die Propaganda alles verfälscht.

Man kann nicht dagegen ankommen, dass wir in einer Welt leben, in der Unrecht aufzieht, in der unser Herz auch zertreten wird. Das ist der Hintergrund: Wir leben in einer Welt, in der auch das Festeste zusammenbricht und alles vergänglich wird.

In dieser Welt, in der realistisch gesehenen Welt, steht der Psalmist und sagt: „Und in dieser Welt bin ich auf Felsengrund, und in so einer Welt bin ich geborgen, in so einer schrecklichen Welt.“

Er hält mich bei meiner rechten Hand, und darum ist es keine Frage, dass ich bei Jesus bleibe, der mir Frieden mit Gott schenkt, Seligkeit, Vergebung meiner Sünden, Freude und ewiges Leben.

Unter dem Schatten seiner Flügel ruhe ich in einer solchen Welt. Oh, liebe Freunde, das sollten wir auch haben. Ja, das sollten wir auch haben.

So oft ich ein Bibelwort lese, geht mir auf, wie wenig von unserem sogenannten Christentum wirklich Geistes- und Glaubensleben ist: Die Welt sehen, wie sie ist, und das eigene Herz sehen, wie es ist, und darin geborgen sein unter dem Schatten seiner Flügel.

„Du hältst mich bei meiner rechten Hand, Herr Jesus, der für mich gestorben und auferstanden ist, und darum bleibe ich an dir in Zeit und Ewigkeit. Kein Tod, keine Fürstentümer und Gewalten können mich je von dir trennen.“

Was will mich scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn? Das sollten wir haben.

Wir wollen beten: „O Herr, hilf uns aus den Gedanken ins Leben hinein! Ganz ohne Banken dein Eigen zu sein.“ Amen.