Einführung: Rückblick auf ein bewegtes Leben
Wie ihr im Programm gesehen habt, haben wir heute Psalm 18. Ich habe diesen Psalm mit dem Titel „Wenn man zurückschaut – das Leben im Rückspiegel betrachtet“ überschrieben.
Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, dass man beim Blick in den Rückspiegel eines Autos sowohl nach vorne als auch nach hinten sieht. So ähnlich ist es auch mit diesem Psalm. Er ist überschrieben mit „Dem Chorleiter, dem Knecht des Herrn, von David“. David spricht die Worte dieses Liedes zum Herrn an dem Tag, an dem der Herr ihn aus der Hand aller seiner Feinde und aus der Hand Sauls gerettet hatte.
Es handelt sich also um einen Psalm, den David im Alter geschrieben hat. Dieser Psalm steht auch noch einmal in der Bibel im zweiten Buch Samuel, Kapitel 22. Dort findet sich im Wesentlichen dieselbe Einleitung. David hat am Ende seines Lebens zurückgeschaut und Bilanz gezogen.
Dieser Psalm ist das Ergebnis seiner Lebenserfahrung. Vielleicht ist das auch für uns von Bedeutung. Nicht alle sind in einem Alter, in dem sie zurückschauen, einige von uns sind noch jünger. Aber ich glaube, es ist immer gut, einmal zurückzuschauen und ein Resümee zu ziehen: Wie hat der Herr mich bisher geführt und geleitet? Welche Erfahrungen kann ich daraus weitergeben?
Die Liebeserklärung eines Königs
Was mich besonders beeindruckt, ist der erste Vers dieses Liedes, das er schreibt. Die Überschrift lautet: „Ich liebe dich, Herr, meine Stärke.“ Das ist eine Liebeserklärung, die man einem König eigentlich nicht zutraut – dass er zu seinem Gott sagt: Ich liebe dich.
Ich kenne die Begebenheit, in der der Herr Jesus Petrus am See Tiberias fragt: „Petrus, liebst du mich?“ Dabei haben wir das Gefühl, dass Petrus in dieser Situation herumdruckst und verlegen wirkt. Er antwortet nicht mit „Ja, Herr, ich liebe dich“, sondern sagt: „Ich habe dich lieb.“ In Bayern würde man das anders ausdrücken. Auf die Frage „Liebst du mich?“ würde Petrus, wenn er ein Bayer wäre, sagen: „Herr, i mog di.“
Man merkt, dass das einen Unterschied macht. Ich glaube, meine Frau hätte etwas dagegen, wenn ich nur sagen würde: „Ich mag dich.“ Jesus fragt Petrus noch einmal: „Petrus, liebst du mich?“ Und erneut antwortet Petrus: „Ich habe dich lieb.“ Beim dritten Mal fragt Jesus: „Petrus, mags mi?“ Das finde ich bezeichnend, denn Jesus steigt auf die Ebene von Petrus herab.
Dann steht da: Petrus wurde traurig und sagt: „Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich mag.“ David reagiert hier anders. Er schreibt als Überschrift: „Ich liebe dich, Herr, meine Stärke.“ Es gibt wohl kaum einen König in der gesamten Geschichte des Volkes Israel, der eine solche Beziehung zu Gott hatte – und dabei kannte er den Herrn Jesus noch nicht einmal.
Ich weiß von einem Bruder, der mir einmal erzählt hat, dass er jeden Morgen, sobald er aufwacht und seine Füße aus dem Bett hebt und auf der Bettkante sitzt, betet: „Herr Jesus, ich liebe dich.“ Das ist ähnlich, wie David es hier sagt: „Ich liebe dich.“
Wenn ich Ehevorträge halte, sage ich immer: Das Wichtigste ist, dass wir den Herrn lieben. Erst an zweiter Stelle kommt meine Frau. Sie ist deswegen nicht eifersüchtig, denn sie hat mir damals, als ich sie gefragt habe, ob sie meine Frau werden möchte, genau das gesagt. Sie sagte: „Ebert, ich habe dich lieb, aber ich habe einen anderen noch lieber.“ Und das ist sehr Jesus.
Das ist gut so. Es ist gut, dass meine Frau den Herrn Jesus lieber hat als mich. Jesus steht an erster Stelle, und ich glaube, dass das Auswirkungen auf unser Leben hat.
Anlass und Aufbau des Psalms
Über diesem Psalm steht auch „Dem Chorleiter“, was darauf hindeutet, dass er offenbar auch vorgesungen wurde. Der Vers 1 macht deutlich, den Zeitpunkt und den Anlass dieses Psalms. Wir haben gelesen, dass er vom Knecht des Herrn, von David, stammt. David redete die Worte dieses Liedes an den Herrn an dem Tag, an dem der Herr ihn gerettet hatte – aus der Hand aller seiner Feinde und aus der Hand Sauls.
Auch das ist eigenartig, nämlich die Reihenfolge, in der David das hier schreibt. Zeitlich gesehen wurde er eher aus der Hand Sauls gerettet als aus der Hand der anderen Feinde. Er schaut zurück, und das ist vielleicht manchmal auch bei uns so, wenn wir auf unser Leben zurückblicken: Man beginnt nicht vorne bei der Geburt, sondern arbeitet sich langsam rückwärts vor. Mir scheint, dass es hier auch so ist. David ist dankbar für das, was Gott an ihm getan hat, und er möchte ihm mit diesem Psalm Dank bringen.
Wir könnten diesen Psalm wieder gliedern. Er ist etwas länger, ich werde ihn gleich lesen. Insgesamt umfasst er 51 Verse. Keine Angst, wir machen keine Überstunden bis zum Nachmittag, denn ich werde einiges zusammenfassen.
Ich habe diesen Psalm in fünf Strophen eingeteilt. Die erste Strophe ist kurz, sie umfasst die Verse 2 bis 4. Hier lobt David Gott, seinen Retter. Die zweite Strophe reicht von Vers 5 bis Vers 20, also ein längerer Abschnitt. Darin beschreibt er die Drangsal, aus der Gott ihn gerettet hat.
Die dritte Strophe umfasst die Verse 21 bis 29. Hier nennt David die Ursachen, warum Gott ihn gerettet hat. Die vierte Strophe reicht von Vers 30 bis 34. Er erkennt Gottes Hilfe in all den Siegen, die er errungen hat. Dabei schreibt er sich seine Siege nicht selbst zu, sondern bekennt, dass sie das Werk Gottes sind.
Den Abschluss bildet die fünfte Strophe, die Verse 44 bis 51. David lobt noch einmal Gott, seinen Retter. Das heißt, er fasst diesen Psalm sozusagen in zwei Rahmen: am Anfang Lob Gottes, am Ende Lob Gottes.
Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, wenn du auf dein Leben zurückblickst. Vielleicht hast du eine Menge zu klagen und stöhnst über manche Dinge oder über Umwege, die du gegangen bist. Aber ich glaube, wenn wir wirklich mit dem Herrn leben, werden wir auch an diesen Punkt kommen, an dem wir Gott loben und anbeten für das, was er getan hat.
Erste Strophe: Lob Gottes als Retter
Ich lese also zunächst die erste Strophe, also die Verse zwei bis vier:
Ich liebe dich, Herr, meine Stärke.
Der Herr ist mein Fels und meine Burg und mein Retter, mein Gott, mein Hort,
bei dem ich mich berge, mein Schild und das Horn meines Heils, meine hohe Feste.
Gepriesen rufe ich zum Herrn, so werde ich vor meinen Feinden gerettet.
Ich sagte schon: Was ist das für ein Bekenntnis, dieser zweite Vers: „Ich liebe dich, Herr, meine Stärke“?
David hatte ein sehr bewegtes Leben. Er war der jüngste Sohn eines reichen Landwirts. In der Familie wurde er ziemlich untergebuttert, und die großen Brüder verachteten ihn. Doch Gott hatte ihn erwählt und gesagt, er sei ein Mann nach seinem Herzen. Wir können uns fragen: Warum?
David war nicht besser als wir. Er war auch ein Sünder. Er ist in schwere Sünden gefallen und hat nicht alles richtig gemacht. Heute Abend beschäftigen wir uns mit einer Begebenheit, in der er sich völlig blamiert hat. Und doch sagt Gott: Er ist ein Mann nach meinem Herzen. Warum?
Wir merken das in den Psalmen, die wir lesen und die als Autor David zugeschrieben werden. David ist ehrlich, er ist offen und vertuscht nichts. Heute würde man sagen, er ist authentisch. Das macht ihn, denke ich, so sympathisch.
Er ist also nicht jemand, der seine Sünden zudeckt und darüber schweigt, sondern jemand, der sie offenlegt und bekennt. Er erlangt Vergebung bei Gott, selbst für die großen Sünden, die er begangen hat, als er Ehebruch beging und unschuldiges Blut vergoss.
Für beide Sünden stand nach dem Gesetz die Todesstrafe, und es gab kein Opfer für diese Vergehen. David hätte nach dem Gesetz als oberster Richter über sich selbst Gericht halten und sich selbst verurteilen müssen. Und er bekennt es vor dem Propheten Nathan: „Ich bin der Mann.“
Wenn wir die Bußpsalmen lesen, die David ebenfalls geschrieben hat – zum Beispiel Psalm 51, den er nach diesem Ehebruch verfasst hat – wird deutlich, wie er wirklich vor Gott Buße getan hat.
Gottesbild in einem Vers
Wir haben in Vers 3 einen eigenartigen Vers, in dem Gott beschrieben wird. Ich habe hier aufgeschrieben, dass acht Metaphern oder Bilder verwendet werden. Was sagt er von Gott? Er ist mein Fels, er ist meine Burg, er ist mein Retter, er ist mein Hort, er ist mein Bergungsort, er ist mein Schild, er ist mein Horn und er ist meine hohe Feste.
In einem einzigen Vers beschreibt er Gott als den, auf den er sich verlassen kann, wo er sich geborgen weiß und wohin er fliehen kann. Bergungsort würden wir heute Asyl nennen. David weiß: Wenn ich in Not bin, habe ich einen Ort, zu dem ich gehen kann – nicht einen äußeren Ort, sondern ich kann, egal wo ich bin, zu Gott rufen, und er ist da. Er ist meine hohe Feste.
Das gibt ihm Mut. Er weiß sich auch in Zukunft durch seinen Gott gerettet.
Vers 4 enthält eine interessante Bemerkung. Er sagt: „Gepriesen rufe ich zum Herrn, so werde ich vor meinen Feinden gerettet.“ Das klingt zunächst komisch, oder? Er preist Gott, bevor der Kampf beginnt. Wir würden sagen: Wir haben Grund zum Preisen, wenn wir einen Sieg errungen haben. Aber er preist Gott schon vorher.
Offensichtlich war das ein Prinzip bei David, von dem wir lernen können. Ich möchte davon lernen. Meist ist es so, dass wir, wenn wir vor einer schwierigen Situation stehen und wissen, dass ein innerer Kampf bevorsteht, zum Herrn schreien. In der Regel preisen wir ihn dann nicht. Stattdessen rufen wir: „Herr, hilf!“
Interessanterweise sagt David: „Gepriesen!“ Worüber kann man Gott preisen, wenn man in einer schwierigen oder fast unlösbaren Situation steht? Hier zeigt sich, dass David eine völlig andere Einstellung zu Gott hat. Er sieht Gott nicht als jemanden, den man in einer Notlage anruft – sozusagen als letzte Rettung –, sondern er dankt ihm schon vorher.
Ich bin überzeugt, wenn wir das lernen könnten – und ich möchte es gerne lernen –, würden wir uns in manchen Situationen anders verhalten und ruhiger bleiben. Euch wird es auch so gehen: Wenn man Lebensberichte liest, staunt man über solche Gottesmänner, die in schwierigen Situationen Gott gelobt haben.
Vor einiger Zeit habe ich die Lebensgeschichte von Johannes Hus gelesen. Das ist unbegreiflich: Wenn er auf dem Scheiterhaufen steht und Gott preist! Wir würden um Hilfe schreien, oder? Und das passiert häufig. Wie nah muss so jemand bei seinem Herrn sein, um so standhaft sein zu können?
Zweite Strophe: Gottes Eingreifen in der Not
David geht im Grunde in der zweiten Strophe darauf ein. Diese zweite Strophe ist länger, ich lese sie mal vor, Verse fünf bis zwanzig. Er schildert dort Situationen in seinem Leben:
„Es umfingen mich Bande des Todes, und Bäche des Verderbens erschreckten mich, Fesseln des Scheols umgaben mich, ich stand vor den Fallen des Todes. In meiner Bedrängnis rief ich zum Herrn und ich schrie zu meinem Gott; er hörte aus seinem Tempel meine Stimme, und mein Schrei vor ihm drang an seine Ohren. Da wankte und bebte die Erde, die Grundfesten der Berge erzitterten und wankten, denn er war von Zorn entbrannt. Rauch stieg auf von seiner Nase und Feuer fraß aus seinem Mund, glühende Kohlen brannten aus ihm. Er neigte den Himmel und fuhr hernieder, und dunkel war unter seinen Füßen. Er fuhr auf einem Cherub und flog daher, so schwebte er auf den Flügeln des Windes. Er machte Finsternis zu seinem Versteck rings um sich her, zu seiner Laube Wasserdunkel, dichtes Gewölk. Aus dem Glanz vor ihm zogen seine Wolken vorüber mit Hagel und Feuerkohlen. Der Herr donnerte im Himmel, und der Höchste ließ seine Stimme erschallen mit Hagel und Feuerkohlen. Er schoss seine Pfeile und zerstreute sie, er schleuderte Blitze und verwirrte sie. Da wurden sichtbar die Betten des Wassers, und die Fundamente der Welt wurden aufgedeckt vor deinen Schelten, Herr, vor dem Schnauben des Hauchs deiner Nase. Er griff aus der Höhe, er fasste mich, zog mich heraus aus großen Wassern. Er rettete mich vor meinem starken Feind und vor meinen Hassern, denn sie waren mächtiger als ich. Sie ereilten mich am Tag meines Unglücks, aber der Herr wurde mir zur Stütze. Und er führte mich heraus ins Weite, er befreite mich, weil er Gefallen an mir hatte.“
Es ist schwierig, diese Situation einer bestimmten Begebenheit im Leben von David zuzuordnen. Offensichtlich hat er etwas erlebt, bei dem er bedrängt war, umgeben von Feinden, die mächtiger waren als er. Er sieht keinen Ausweg und schreit zu Gott.
Vielleicht nebenbei bemerkt: Hier steht, er hörte aus seinem Tempel meine Stimme. Zu dem Zeitpunkt, als David das schreibt, bestand der Tempel in Jerusalem noch nicht. An manchen Stellen wird aber auch die Stiftshütte, also der Ort, den Gott verheißen hatte, als seinen Wohnort, von der Wüstenwanderung her, als Tempel bezeichnet. Wir verstehen meistens unter Tempel ein großes Gebäude aus Steinen. Doch Tempel bedeutet einfach Wohnort Gottes.
Daher wird auch die neutestamentliche Gemeinde als Tempel Gottes bezeichnet, und wir sind ja auch nicht ein Gebäude aus Steinen, sondern aus lebendigen Steinen.
David schildert, wie er geschrien hat und Gott dann antwortet. Das, was er da beschreibt, kann man sich vorstellen als eine gewaltige Naturkatastrophe, vielleicht so etwas wie in den letzten Tagen über Braunsbach. Hat jemand gestern Abend den Himmel hier gesehen, auf der Seite? Ich habe mich geärgert, keinen Fotoapparat dabei zu haben. Wie war der Himmel? Er war dunkel, dann standen einige Wolken, die von der Abendsonne beleuchtet wurden. Das war ungeheuerlich, ein dunkles Blau. Und darauf orangene Wolken – das wäre schon ein Foto wert gewesen.
Offensichtlich war das hier noch viel kräftiger: Ein Gewitter. Er schreibt von Hagel, Feuerkohlen, es muss gekracht haben. Er schreibt von Blitzen, Donner, Erdbeben. Ich weiß nicht, an welche Situation er sich erinnert. Ich kann mir vorstellen, dass er sich vielleicht in einer Höhle im Süden Israels, im Negev, aufgehalten hat. Saul war auf der Suche nach ihm, hat ihn umstellt, und dann greift Gott ein.
Werden wir nicht daran erinnert, was im Neuen Testament steht, in Matthäus 27, in der Situation, als Jesus am Kreuz auf Golgatha hängt? Dort heißt es, Vers 45: „Aber von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Um die neunte Stunde aber schrie Jesus mit lauter Stimme auf und sagte: ‚Eli, Eli, Lema Sabachthani?‘ Das heißt: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘ Als einige von den Umstehenden das hörten, sagten sie: ‚Da ruft er Elija.‘ Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm, füllte ihn mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die übrigen aber sagten: ‚Halt, lasst uns sehen, ob Elija kommt, ihn zu retten.‘ Jesus aber schrie wieder mit lauter Stimme und gab den Geist auf.“
Und jetzt die Antwort Gottes darauf: „Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriss in zwei Stücke von oben bis unten, die Erde erbebte, die Felsen zerrissen, die Grüfte öffneten sich, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt.“
Heutige Menschen sagen einfach, na ja, es waren Erdbeben und Gewitter, Naturkatastrophen. David sieht darin die Stimme Gottes, das direkte Eingreifen. Er hat gerufen, er hat um Hilfe gebeten, und Gott antwortet. Gott antwortet mit einer Naturkatastrophe.
Man wird heute ja schlecht angesehen, wenn man sagt, eine Naturkatastrophe sei die Sprache Gottes. Dann wird man als Sektierer bezeichnet, als fanatisch, und man dürfe das so doch nicht sehen. Das wollen die Menschen nicht hören, dass Gott auch durch Naturkatastrophen zu uns redet. David empfindet das hier so. Es ist eine direkte Antwort auf das, was er gerufen hat.
Wenn man sich das vorstellt, dieses Naturschauspiel, diese gewaltigen Elemente, die da ins Beben kommen – ich habe mir Vers 17 unterstrichen: „Ergriff aus der Höhe: ‚Er fasste mich, zog mich heraus aus großen Wassern.‘“ Man möchte draußen Gemälde davon malen, oder? Man kann sich das sehr gut vorstellen: dunkler Himmel, Blitze, es kracht, die Bäume werden hin und her gepeitscht, und plötzlich ein Arm aus dem Himmel. Dann nimmt Gott David und bringt ihn in Sicherheit.
Wie heutige Menschen sagen: Das ist märchenhaft. Aber David erlebt es so. Vielleicht hast du es auch schon erlebt, dass Gott dich aus einer Situation herausgerettet hat – egal, ob selbstverschuldet oder durch andere – und du erlebst, wie Gott wirklich seine Hand über dich gehalten hat, dich herausgenommen hat.
David schildert hier in seiner Beschreibung sehr dichterisch. Er spricht von Todesnähe, von Angst, von Erdbeben, von Feuersbrunst, von Dunkelheit, von Naturgewalten – und dann: „Er zog mich heraus.“
Ihr seht, ich habe dahinter geschrieben: Vergleiche Petrus. Ich denke an die Situation in jener stürmischen Nacht auf dem See Genezareth, wo der Herr Jesus die Jünger vorausgeschickt hatte, ans andere Ufer zu rudern. Es waren erfahrene Fischer, die den See kannten.
Dann kam ein starker Wind auf, der die Wellen hochpeitschte. Die Jünger hatten Mühe, sie kamen nicht gegen den Wind an. Wenn man einmal am See Genezareth gewesen ist und sich das anschaut: So ruhig ist der gar nicht, oder? Man könnte sagen: „Hey, ihr Jünger, warum kämpft ihr gegen den Wind? Lasst euch treiben, kommt doch auch ans Ufer!“
Warum rudern sie gegen den Wind? Wenn sie in Bethsaida ins Schiff gestiegen sind und offensichtlich die Begebenheit einen Westwind schildert – was passiert dann? Wenn sie sich treiben ließen, kämen sie am Ostufer des Sees Genezareth an. Und was war das? Das war Ausland, das war das Gebiet der Dekapolis. Dort lebten Nichtjuden.
Wahrscheinlich haben die Jünger gesagt: „Wenn wir da hinfahren, müssen wir Zoll zahlen, die Beamten kommen, und wir haben unsere Ausweise nicht dabei“ oder ähnliches. Also rudern sie gegen den Wind und kommen nicht vorwärts.
Jesus lässt sie rudern, er sieht, dass sie Not haben, obwohl Unwetter ist, obwohl Nacht ist. Jesus sieht sie. Dann kommt er auf dem See ihnen entgegen. Sie schreien und denken, das sei ein Gespenst. Jesus sagt: „Habt keine Angst, ich bin’s!“
Petrus wird mutig, schwingt seinen Fuß über die Reling: „Wenn du’s bist, dann befiehl mir, zu dir zu kommen.“ Jesus ruft: „Komm!“
Ich kann mir vorstellen, wie die anderen Jünger an der Reling stehen und denken: „Petrus, bist du verrückt? Bei dem Wetter?“ Und Petrus geht auf dem Wasser. Kannst du dich mal im Himmel fragen, wie er das gemacht hat?
Dann heißt es: Als er die Wellen und den Sturm sieht, denkt er: Warum? Weil er nicht auf den Herrn Jesus schaut. Und das ist immer so: Wir gehen in den Wellen des Lebens unter, wenn wir nicht auf den Herrn Jesus schauen.
Wir merken das hier bei David schon: Er kannte den Herrn Jesus nicht, aber er kannte Gott. Und er schaut in dieser Situation auf Gott. Und Gott rettet ihn – so wie Jesus damals Petrus bei der Hand nimmt und ihn herauszieht.
In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über uns Flügel gebreitet? In wie vielen Situationen hat er uns geholfen, hat er uns bewahrt, hat er uns herausgerettet? Vielleicht aus Schwierigkeiten mit Nachbarn oder Vorgesetzten, vielleicht aber auch aus ganz realen Situationen.
Ich denke noch an eine Begebenheit: Ich fahre ja viel mit dem Auto. Es ist etliche Jahre her, ich war auf der A45, und ihr kennt das vielleicht auch: Auf einmal bekommt man Sekundenschlaf. Ich fahre auf der Überholspur, und ich weiß nicht, was auf einmal war – ich war weg.
In dem Moment höre ich aus dem Kassettenrekorder das Lied, das sich angestellt hat: „Und er wird seinen Engeln befehlen über dir.“ Ich war wieder wach.
Da kann man nur sagen: Herr, danke, du hast wirklich deinen Engel geschickt, du hast mich geweckt. Deswegen singe ich manchmal laut im Auto, wenn ich unterwegs bin, um nicht einzuschlafen.
Das ist schon manchmal so, wenn man nach den Diensten am Wochenende wieder nach Hause fährt. Das Auto fährt immer schneller. Aber es ist eben auch die Gefahr, dass man einschläft.
Gott rettet David heraus.
Dritte Strophe: Gründe für Gottes Rettung
In der nächsten Strophe beschreibt David, warum Gott rettet. Ich lese die Verse 21 bis 29:
„Der Herr handelte an mir nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vergalt er mir. Denn ich habe die Wege des Herrn eingehalten und bin von meinem Gott nicht gottlos abgewichen, denn alle seine Rechtsbestimmungen waren vor mir und seine Ordnungen wies ich nicht von mir. Auch war ich untadelig gegen ihn und hütete mich vor meiner Schuld, so vergalt der Herr mir nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vor seinen Augen. Gegen den Treuen verhältst du dich treu. Gegen den untadeligen Mann untadelig, gegen den reinen zeigst du dich rein, gegen den verkehrten aber verdreht. Ja, du rettest das arme Volk und erniedrigst hochmütige Augen, ja, du lässt meine Leuchte strahlen, der Herr, mein Gott, erhält meine Finsternis.“
Und vielleicht sagt man zu David: Du nimmst aber deinen Mund sehr voll. Stimmt das? War denn David gerecht? Hatte er reine Hände? Wir müssen sagen: Nein, an den Händen Davids war Blut.
„Alle deine Rechtsbestimmungen waren vor mir, seine Ordnungen wies ich nicht von mir, ich war untadelig.“ Und wir werden sagen: David, das ist mächtig übertrieben. Ich würde nicht wagen, das von mir zu sagen.
Wieso kann David so etwas sagen? Wir trauen uns ja noch nicht einmal zu sagen, dass wir gerechtfertigt sind durch den Glauben an den Herrn Jesus. Sagen wir: Ich bin ein Heiliger, ich bin ohne Sünde, dann sagen wir: Moment mal, ich bin ein begnadeter Sünder. In den Augen Gottes bin ich heilig und gerecht, nicht weil ich so gut bin, sondern weil der Herr Jesus für mich gestorben ist und weil ich in seiner Gerechtigkeit vor Gott stehe.
David kannte den Herrn Jesus noch nicht, er kannte auch nicht das Werk von Golgatha, aber er hatte Vergebung erlebt, er hatte wirkliche Vergebung erlebt. Er lebte, weil Gott ihm vergeben hat. Gott hatte ihn nicht nur begnadigt – und das ist ein großer Unterschied.
Wenn heute jemand schuldig ist, dann kann er unter bestimmten Umständen beim Bundespräsidenten ein Gnadengesuch einreichen. Voraussetzung ist, dass er sein Urteil anerkennt, dass er schuldig ist. Wir haben das schon mal erzählt. Ich kenne eine Frau, die vor über zwanzig Jahren in Köln-Ossendorf im Gefängnis saß und mehrfach lebenslänglich hatte. Ihr wurde damals angeboten, ein Gnadengesuch einzureichen. Sie hat es abgelehnt, weil sie das Urteil nicht anerkannte. Sie sitzt bis heute.
Ja, sie wird wahrscheinlich jetzt, zwanzig Jahre später, ein Gnadengesuch einreichen. Wenn also der Bundespräsident Zeit hat, das zu unterschreiben, könnte sie freikommen. Sie ist jetzt über achtzig. Ich bin überzeugt, sie wird draußen nicht wieder zurechtkommen. Wer so lange im Gefängnis gesessen hat, der findet selten danach draußen noch seinen Weg in der Freiheit.
Und trotzdem muss man sagen: Eine Begnadigung bedeutet nicht, dass die Schuld weg ist. Das ist etwas anderes. Ein Richter kann nur bestrafen, ein Bundespräsident kann nur begnadigen, aber die Schuld kann nur Jesus wegnehmen. Und ich glaube, das ist wichtig.
David hat das verstanden. Gott hat mich nicht nur begnadigt. Er hat nicht einfach nur die Augen zugedrückt und gesagt: „Jo, tut mir leid.“ Sondern er hat ihm vergeben. Vergebung bedeutet, dass Gott mich so behandelt, als hätte ich nie etwas getan. Das ist Rechtfertigung.
Wenn wir begreifen, was das bedeutet: Gott wäscht nicht nur deine Sünden weg, er drückt nicht einfach die Augen zu, sondern er spricht dich frei, weil ein anderer die Schuld übernommen hat – und nicht nur die Strafe übernommen hat.
Obwohl David nicht vom Werk auf Golgatha wusste, wusste er doch: Gott hat mir vergeben. Nathan hatte ihm das zugesprochen, damals als er seine Schuld bekannt hat. Von daher kann er sagen: Ich bin untadelig. Nicht, weil er ohne Sünde war, sondern weil er wusste, Gott hat mir vergeben.
Und so ist das bei uns auch. Wenn mir einer sagt, er sei so heilig inzwischen, dass er nicht mehr sündigt, dann sage ich ihm: Du hast gerade gesündigt, denn du hast eine Lüge ausgesprochen. Es gibt das nicht, dass ich nicht mehr sündige. Aber dass ich für meine Sünde bestraft werde, das hat Jesus auf Golgatha getan.
Er hat meine Schuld auf sich genommen, und ich darf vor Gott heilig sein. Das Neue Testament spricht von uns als Heilige. In den Augen Gottes bin ich, wenn ich das Werk von Golgatha angenommen habe, heilig.
Aus diesem Grund, denke ich, kann David das hier so sagen.
Vierte Strophe: Gottes Hilfe in den Siegen
In der nächsten Strophe, der vierten Strophe, in den Versen dreißig bis dreiundvierzig, schildert David noch einmal rückblickend seine Erfahrungen. Er erkennt in all seinen Siegen, auch über die Feinde, stets die Hilfe Gottes.
Ich lese die Verse dreißig bis dreiundvierzig:
„Denn mit dir erstürme ich einen Wall, und mit meinem Gott überspringe ich eine Mauer.
Gott, sein Weg ist untadelig. Das Wort des Herrn ist lauter, ein Schild ist er allen, die sich bei ihm bergen.
Denn wer ist Gott außer dem Herrn, und wer ist ein Fels als nur unser Gott?
Gott umgürtet mich mit Kraft und macht meinen Weg untadelig.
Er macht meine Füße den Hirschen gleich und stellt mich hin auf meine Höhen.
Er leert meine Hände vom Kämpfen, meine Arme spannen den Ehrenbogen.
Du gabst mir den Schild deines Heils, und deine Rechte stützte mich.
Deine Herabneigung machte mich groß. Du schaffst Raum meinen Schritten unter mir, und meine Knöchel haben nicht gewankt.
Meinen Feinden jagte ich nach und erreichte sie, und ich kehrte nicht um, bis ich sie aufgerieben hatte.
Ich zerschmetterte sie, dass sie nicht mehr aufstehen konnten. Sie fielen unter meine Füße.
Und du umgürtest mich mit Kraft zum Kampf, beugtest unter mich die, die gegen mich aufstanden.
Meine Feinde aber hast du vor mir in die Flucht geschlagen, und meine Hasser habe ich vernichtet.
Sie schrien, aber da war kein Retter zum Herrn, doch er antwortete ihnen nicht.
Ich zermalmte sie wie Staub vor dem Wind, wie Straßenkot schüttete ich sie aus.“
In seiner Schilderung merken wir: Das ist kein Eigenlob, das er da ausspricht. Vielmehr beschreibt er, dass Gott geholfen hat. Gott hat ihn stark gemacht und ihm Gelingen geschenkt in allen Siegen.
Fünfte Strophe: Lobpreis und Dankbarkeit
Und er beginnt dann wieder in der nächsten Strophe, in der er direkt zu Gott spricht: du.
Die fünfte Strophe ist wieder ein Lobpreis an Gott, seinen Retter (Verse 44 bis 51):
Du hast mich gerettet aus den Streitigkeiten des Volkes. Du hast mich zum Haupt der Nation gesetzt. Ein Volk, das ich nicht kannte, dient mir. So wie dein Ohr hörte, gehorchten sie mir. Die Söhne der Fremden schmeichelten mir. Die Söhne der Fremden sanken hin und zitterten hervor aus ihren Festungen.
Der Herr lebt, gepriesen sei mein Fels und erhoben der Gott meines Heils, der Gott, der mir Rache gab und mir die Völker unterwarf, der mich rettete vor meinen zornigen Feinden. Du erhöhtest mich über die, die gegen mich aufstanden. Von dem Mann der Gewalttat hast du mich befreit.
Darum will ich dich preisen unter den Völkern, Herr, und will spielen unter deinem Namen, der seinen König große Rettungen schenkt und Gnade erweist seinem Gesalbten David und seinen Nachkommen ewig.
Und wir merken wieder: Das Wort „gepriesen“ kommt vor, zum Beispiel in Vers 40 – das, was er am Anfang schon gesagt hatte: „Gepriesen sei mein Fels.“ Darum preise ich dich, ich lobe und singe deinem Namen. Und in Vers 50 wird das auch noch einmal gesagt, was wir in den letzten Tagen schon bei einem anderen Psalm so gesehen haben. Er sagt: „Ich will dich preisen, ich will spielen deinem Namen.“ Also eine ganz bewusste Willensentscheidung.
Er hat Gott in seinem Leben erlebt. Ich weiß nicht, wie das ist, wenn man auf sein Leben zurückblickt. Wenn wir beide so zurückdenken – so langsam kommt man ja in das Alter, in dem man schon mal in den Rückspiegel schaut – dann kann man nur danken.
Das heißt nicht, dass alle Probleme weg sind. Auch heute kennen wir noch Probleme, Sorgen und Nöte. Aber wir sind dankbar, dass Gott uns geführt hat, und wir dürfen bezeugen: Es war ein spannendes Leben. Wir haben viel mit unserem Herrn erleben dürfen, und wir sind dankbar dafür, wie er geführt und geleitet hat.
Wir möchten das auch so sagen, wie David es sagt: Der Herr lebt, gepriesen sei mein Fels und erhoben der Gott meines Heils. Amen.
