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Der Heilige Geist als Helfer

Johannes 14,15-2722.05.2025
SerieTeil 3 / 18E21 Hauptkonferenz 2025

Ein unerwarteter Einstieg in eine größere Geschichte

Ich war als Jugendlicher grosser Fan von James Bond 007. Mir ist bewusst, dass diese Filme allerlei ethisch Fragwürdiges beinhalten. Aber als Teenager hat mich eine Sache sehr, sehr fasziniert: dass nämlich dieser Geheimagent James Bond jedes Mal, wenn er wieder zu so einer absurd unmöglichen Mission aufgebrochen ist, zunächst mal bei seinem Freund Q vorbeigeschaut hat.
Wenn ihr die Filme kennt, wisst ihr, Q ist so ein nerdiger Typ, so ein genialer Tüftler da beim britischen Geheimdienst. Und Q hat James Bond jedes Mal, wenn er wieder einen grossen Auftrag zu erfüllen hatte, irgendein technisches Hilfsmittel mit auf den Weg gegeben, irgendeine Sache, die ihm im Zweifelsfall helfen soll, seine Mission zu erfüllen, sich aus irgendwelchen Schwierigkeiten zu befreien, irgendwelche Schwachheiten seines Lebens auszugleichen.
Da gab es ganz coole Sachen, zum Beispiel eine ganz normal aussehende Zigarettenschachtel, nur waren in den Zigaretten Raketenwerfer. Also, falls euch wundert, warum heute auf Zigarettenschachteln steht: Rauchen ist tödlich. Da kommt es her. Ist natürlich genial, wenn man in Schwierigkeiten ist und so etwas hat. Es gab so Kugelschreiber, wenn ihr euch erinnert: Wenn man zweimal draufgedrückt hat, dann wurde die Granate scharf gestellt. Ja, auch ein cooles Gimmick. Oder so eine Armbanduhr mit einer Mini-Kreissäge drin. Oder ihr seht das hoffentlich gleich hier auf der Folie: der Klassiker, der Aston Martin DB5. Mit Schleudersitz, Maschinengewehren, drehbaren Nummernschildern, Ölsprühern, also das volle Programm.
Dass Helden zur Erfüllung ihres Auftrags im Vorfeld irgendwelche Hilfsmittel mit auf den Weg bekommen, ist keine neue Geschichte. Das haben nicht die Macher von James Bond erfunden. Das ist ein Motiv, das wir in unzähligen Geschichten von der Antike bis heute finden.
Und es ist also gar nicht so ungewöhnlich, dass wir in der grössten aller Geschichten, in der ultimativ wahren Geschichte Gottes, auch dieses Motiv finden. Hier in den Abschiedsreden von Jesus im Johannesevangelium verheisst Jesus kurz vor seinem Tod seinen Jüngern, seinen Nachfolgern, einen Helfer, ein Hilfsmittel. Und er sagt: Freunde, ich weiss, dass der Weg steinig wird, dass der Weg der Nachfolger kein Selbstläufer wird. Ich weiss, dass es schwierig sein wird, in den Bewährungsproben der Nachfolge zu bestehen. Ich weiss, ihr braucht Hilfe.
Und diese Hilfe ist Gott sei Dank nicht wie bei James Bond irgendein Gimmick, irgendeine technische Lösung, die all unsere Probleme in Luft auflöst. Sondern die Hilfe, die wir bekommen, ist der vergessene Gott, wie wir heute Nachmittag gehört haben: die dritte Person der göttlichen Dreieinigkeit, der Heilige Geist.
Ich werde heute Abend den Text, den Matthias uns gelesen hat, nicht in allen Details auslegen. Dafür reicht die Zeit nicht. Was ich mit euch machen will, ist, dass ich auf diesen Text einen seelsorgerlichen Blick werfe. Ich will drei seelsorgerliche Perspektiven aus diesem Text herausarbeiten, drei Perspektiven, drei Aspekte, durch die der Heilige Geist uns zur Hilfe kommt.
Bevor wir das tun, müssen wir zunächst mal eine Grundsatzfrage klären. Denn jeder von euch, der sich schon mal oberflächlich mit diesem Text beschäftigt hat, wird festgestellt haben, dass unzählige deutsche Übersetzungen unzählige Begriffe verwenden für dieses griechische Wort Parakletos, das hier steht. Da finden sich Begriffe, je nach Übersetzung: Die einen sagen Fürsprecher, die anderen sagen Beistand, die dritten sagen Unterstützer, die vierten sagen Tröster und manche sagen Helfer.
Und seht ihr, normalerweise ist es so in der Textauslegung: Wenn man ein Wort unterschiedlich übersetzen kann, dann entscheidet immer der Kontext darüber, welcher Begriff jetzt hier Anwendung findet. Jetzt habe ich mir aber die Frage gestellt: Wenn all diese kompetenten deutschen Übersetzer sich den Kontext der Abschiedsreden im Johannesevangelium anschauen und trotzdem sich nicht einigen können, welcher der beste Begriff ist, was machen wir denn dann?
Jetzt habe ich an dieser Stelle einen Vorteil, weil ich mit einigen der besten Bibelwissenschaftler dieses Landes zusammen wohne, also nicht wohne, wir haben das Büro auf demselben Flur, also so, in diesem Sinne. Und deswegen bin ich zu meinem Kollegen Carsten Ziegert gegangen, ein hervorragender Exeget und früherer Bibelübersetzer, und habe gesagt: Carsten, könnte es sein, dass wir deshalb so viele Begriffe für dieses Wort Parakletos haben, weil die Bedeutungsfülle dieses Wortes grösser ist, als man das mit einem deutschen Wort transportieren kann?
Und er sagt: Ja. Und dann sage ich: Carsten, könnte es sein, dass jeder dieser Begriffe einen anderen Aspekt des Wirkens des Heiligen Geistes transportieren will und dass wir all diese Aspekte irgendwo mal mehr, mal weniger deutlich in den Abschiedsreden Jesu finden? Und dann sagt er zu mir: Philipp, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Dann habe ich zu ihm gesagt: Wofür bezahlen wir dich eigentlich? Spass.
Also, wir haben da ein bisschen nachgedacht, und dann kamen wir gemeinsam darauf, dass wir sagen: Aus unserer Sicht ist der Begriff Helfer das beste Wort, weil Helfer der allgemeinste Begriff ist, sozusagen der Überbegriff. Und alle anderen Begriffe, Fürsprecher, Tröster, Beistand usw., transportieren Unteraspekte dieses helfenden Wirkens des Heiligen Geistes.
Und deshalb schauen wir uns jetzt anhand von Johannes 14 aus drei Perspektiven an, wie der Heilige Geist zu unserem Helfer wird. Der Heilige Geist wird zu unserem Helfer, indem er uns erstens als Fürsprecher gegen jede Anklage verteidigt. Indem er zweitens als Stellvertreter uns das Herz Jesu fühlen lässt. Und drittens, indem er uns als Tröster in unserer Schwachheit ermutigt. Als Fürsprecher verteidigt er uns, er lässt uns das Herz Jesu fühlen, und er ermutigt uns als Tröster in unserer Schwachheit.

Der erste Helfer und seine bleibende Vertretung

Beginnen wir mit Vers sechzehn hier in Johannes. Da sagt Jesus: Und der Vater wird euch einen anderen Helfer geben, der für immer bei euch sein wird. Ich werde ihn darum bitten.
Das heißt, gleich zu Beginn bezeichnet Jesus den Heiligen Geist als den zweiten, den anderen Helfer. Warum? Weil er die Aufgabe des ersten Helfers übernimmt. Das ist die Logik hier.
Von diesem ersten Helfer heißt es in 1. Johannes 2,1: Wenn jemand doch eine Sünde begeht, haben wir einen Anwalt, einen Fürsprecher, der beim Vater für uns eintritt: Jesus Christus, den Gerechten.
Das ist übrigens die einzige Stelle im Neuen Testament, wo das Wort Parakletos nicht für den Heiligen Geist verwendet wird, sondern hier für Jesus. Jesus ist der erste Paraklet, der erste Helfer, und der Heilige Geist ist der zweite, der andere Helfer.
Das sehr reale Bild, das hier gebraucht wird, ist, dass Jesus sich zu unserem Anwalt macht. Jesus ist unser Strafverteidiger im Gerichtssaal Gottes. Wenn Gott als Richter mit seinen heiligen Augen auf unser sündenbeschmutztes Leben schaut, wenn die Anklage eindeutig ist, wenn der Verkläger der Brüder, der Teufel, so heißt es in Offenbarung 12, auftritt und uns beim Vater verklagt, indem er wahrheitsgemäß und sehr genüsslich unsere Übertretungen und unsere Verfehlungen ausbreitet und ein Plädoyer dafür ablegt, dass wir schuldig gesprochen werden und dass man uns aus der Gegenwart Gottes vertreiben sollte.
In diesen Momenten, wo wir selbst nichts mehr zu unserer Verteidigung zu sagen haben, wenn das Urteil ergehen müsste, dann kommt Jesus an unsere Seite als unser Verbündeter. Er spricht für uns, er ist unser Fürsprecher, er verteidigt uns.
So wie der 1935 geborene Anthony Amsterdam, der einen großen Teil seines beruflichen Lebens in den USA der Verteidigung von Kapitalverbrechern gewidmet hat. In beeindruckender Weise hat sich Anthony Amsterdam immer und immer wieder vor Gericht hingestellt und ein Plädoyer abgelegt für Menschen, denen die Todesstrafe drohte und die sich selbst nicht mehr verteidigen konnten.
In seinem bekanntesten Fall hatte er in den Siebzigerjahren einmal in einem Gerichtsprozess dafür gesorgt, dass über sechshundert zum Tode verurteilte Männer und Frauen nicht hingerichtet werden durften. Anthony Amsterdam war zeitlebens ein Fürsprecher für Menschen, die vom Tod bedroht waren.

Wenn das Herz die Anklage weiterträgt

Jetzt stellt sich mir die Frage: Wenn wir doch wissen, dass wir in Jesus Christus den besten Strafverteidiger aller Zeiten haben, den Staranwalt, der in der Lage ist, uns rauszuboxen, wenn wir all das wissen, wenn er alles getan hat, sodass das Todesurteil über unserem Leben aufgehoben ist, warum brauchen wir dann noch den zweiten Fürsprecher? Warum brauchen wir den Heiligen Geist?
Seht ihr, ich glaube, die plausibelste Antwort lautet: weil das, was Jesus als Auferstandener im Himmel tut, nicht immer unser Herz hier auf der Erde erreicht. Denn das, was Jesus als Auferstandener im Himmel tut, erreicht nicht immer unser Herz hier auf der Erde.
Seht ihr, 1. Johannes 2,1 sagt sehr klar: Wenn wir sündigen und wenn unsere Gewohnheitssünden uns wieder heimsuchen und wenn wir wieder im Gerichtssaal Gottes erscheinen müssen, dann wird Jesus uns verteidigen. Er wird zum Vater gehen und Fürsprache für uns halten.
Und doch habe ich sehr oft erlebt, in meiner pastoralen Praxis und in meinem eigenen Leben, dass in unserem ungläubigen Herzen, obwohl wir 1. Johannes 2 glauben, die Frage hochkommt: Wie oft wird Jesus noch gehen? Kennt ihr diese Frage? Wie oft wird Jesus sich noch aufmachen zum Vater? Wird nicht irgendwann der Tag kommen, wo Jesus sagt: Meine Geduld mit dir ist langsam am Ende?
Es ist faszinierend, aber versteht: Je größer unsere geistliche Reife ist, desto größer auch unsere Sündenerkenntnis und desto tiefer das Bewusstsein, wie oft wir unseren Vater im Himmel enttäuschen. Und desto leichter schleicht sich dieser zweifelnde Gedanke ein: Ist die Geduld Gottes mit mir irgendwann am Ende? Zieht er sich irgendwann frustriert, empört, vielleicht sogar angewidert oder distanziert von mir zurück? Kommt irgendwann der Tag, wo Jesus seiner Aufgabe als Anwalt und Fürsprecher für mich überdrüssig wird, sodass er irgendwann sagt: Weißt du, Philipp, mir gehen die Argumente aus. Ich weiß irgendwann nicht mehr, was ich in meinem Verteidigungsplädoyer dem Vater noch sagen soll?
Und genau dann, ihr Lieben, genau dann, wenn unser eigenes Herz uns verklagt, brauchen wir hier auf der Erde den zweiten Fürsprecher, der uns daran erinnert, dass dem ersten Fürsprecher nie die Argumente ausgehen.
Ich glaube, dass Anthony Amsterdam sehr kluge juristische Plädoyers gehalten hat in seinen Prozessen vor Gericht. Aber Jesus hat doch das beste Argument überhaupt. Es ist doch nicht so, dass Jesus zum Vater geht und um Gnade winselt, ohne Grund, und sagt: Hey, lass mal irgendwie Gnade vor Recht ergehen. Nein, es ergeht Recht, weil Jesus die Anklage übernommen hat, die uns hätte treffen müssen, weil er die Verurteilung getragen hat, die wir eigentlich verdienen.
Seht ihr, in den dunklen Momenten, in denen wir sündigen und unsere Identität als geheiligte Kinder Gottes verleugnen, kann es schnell passieren, dass unser Herz uns verurteilt und wir zweifelnd und manchmal sehr verzweifelt fragen, ob Gott irgendwann genug von uns hat. Und genau dann ist unsere Seele auf Hilfe angewiesen, auf die Hilfe dieses zweiten Fürsprechers, der uns hier auf der Erde versichert, dass der erste Fürsprecher, so sagt es der Autor des Hebräerbriefs in Hebräer 7,25, nie aufhören wird, für uns einzutreten. Nie.
Das ist die erste, zutiefst seelsorgerliche Hilfe des Heiligen Geistes. Nämlich indem er uns das Herz Jesu fühlen lässt. Und das hat uns Daniel heute Nachmittag schon auf so grandiose Weise ins Herz gepredigt.
Und ihr habt jetzt nur zwei Optionen: Ihr könnt euch darüber ärgern, dass Daniel und ich uns nicht besser abgesprochen haben, oder ihr könnt es als geistgeleitete Wiederholung nehmen, die Gott euch zum Segen vorhergesehen hat. Ich würde mich für Zweites entscheiden.

Die Liebe Christi wird erfahrbar

Der Stellvertreter lässt uns das Herz Jesu fühlen.
Unser Predigttext ist in sich hochkomplex. Und damit wir uns darin nicht verlieren, möchte ich euch mitnehmen in drei kurze Beobachtungen zum Text. Wir bleiben dabei sehr konsequent bei der Frage: Was offenbart uns dieser Text über den Heiligen Geist als Helfer?
Erste Beobachtung: Den Heiligen Geist empfangen nur Menschen, die Jesus lieben. Viermal heißt es in diesem Abschnitt: Wenn ihr mich liebt, wer mich liebt und so weiter. Der Heilige Geist wird Menschen gegeben, die Jesus lieben.
Zweite Beobachtung: Menschen, die Jesus lieben, werden in der Folge seine Gebote halten. Vers 21: Wer sich an meine Gebote hält und sie befolgt, der liebt mich wirklich. Oder Vers 23: Wenn jemand mich liebt, wird er sich nach meinem Wort richten. Das heißt jetzt aber nicht, dass die Liebe zu Jesus und das Gebotehalten genau dasselbe ist. Das wäre ein Missverständnis. Sondern die Dynamik, die Logik hier ist: Unsere Liebe zu Jesus resultiert in einem gehorsamen Leben. Wir richten uns nach seinem Wort. Warum? Weil wir ihn lieben.
Oder wie John Piper es einmal ausgedrückt hat: Jesus zu lieben bedeutet nicht, hervorragende Dinge zu tun. Sondern Jesus zu lieben bedeutet, sich an einem hervorragenden Retter zu erfreuen. Und weil wir uns an diesem hervorragenden Retter erfreuen, halten wir uns an sein Wort.
So weit, so gut.
Jetzt kommt eine dritte, sehr interessante Beobachtung. Denn wenn wir im Zusammenhang der Abschiedsreden Jesu beziehungsweise im ganzen Johannesevangelium nachschauen, wovon Gebote die Rede halten oder welche Art von Geboten da zu halten sind, dann merken wir: Es geht so gut wie nie um moralische Gebote. Es geht im Johannesevangelium so gut wie nie um Dinge, bei denen wir verhaltensmäßig das eine tun sollten oder das andere. Sondern es geht fast immer, wenn Imperative verwendet werden, wenn von Geboten die Rede ist, fast immer um Beziehung.
Die Gebote, die Worte, nach denen wir uns richten sollen, lauten zum Beispiel in Kapitel 14, Vers 11 in unserem Text: Glaubt mir. Das ist das Gebot. Oder in Kapitel 15, Vers 4: Bleibt in mir. Oder in Kapitel 15, Vers 9: Bleibt in meiner Liebe.
Das heißt, es geht darum, dass wir in Jesus unser größtes Glück und unsere tiefste Zufriedenheit finden. Dass wir ihn mehr begehren, schätzen und lieben als alles andere. Und deshalb glauben wir ihm. Deshalb vertrauen wir ihm. Deshalb bleiben wir in ihm.
Das ist die Dynamik hier. Und das ist jetzt der Punkt: Genau dafür brauchen wir den Heiligen Geist. Der Heilige Geist soll uns helfen, mehr und mehr zu Menschen zu werden, die Jesus lieben. Und zwar indem er das, was Jesus ist und das, was Jesus getan hat, in unserem Herzen real und lebendig werden lässt.
Das war auch Daniels Punkt heute Nachmittag. Das ist eine der zentralen seelsorgerlichen Aufgaben des Heiligen Geistes. Und Dane Ortlund hat es in seinem Buch Gütig und sanft wunderschön entfaltet. Im Kapitel über den Heiligen Geist schreibt er Folgendes: Der Geist sorgt dafür, dass wir tatsächlich das Herz Christi für uns fühlen.
Er schreibt dann weiter: Der Geist nimmt das, was wir in der Bibel lesen und auf dem Papier über das Herz Jesu glauben, und er lässt es von der Theorie zu einer Realität werden, von der Lehre zu einer Erfahrung, von der kognitiven Lehre zu einer Erfahrung.
Seht ihr, es ist eine Sache, ob ein Berufsschullehrer im Klassenraum seinen Lehrlingen erklärt, wie sie ihr Handwerk zu tun haben. Es ist eine andere Sache, wenn der Meister dem Lehrling im Betrieb, in der Praxis, zeigt, wie er bestimmte Werkzeuge zu benutzen hat. Das prägt sich viel, viel tiefer ein.
Es ist die eine Sache, wenn ich auf meinem Schreibtisch eine Postkarte von meinem Lieblingsstrand stehen habe. Es ist eine andere Sache, wenn ich im Liegestuhl liege, mit einem Cocktail in der Hand, an diesem Strand und die Meeresbrise auf meiner Haut spüre und den Sand zwischen meinen Zehen.
Und es ist etwas anderes, ob ich meinen Kindern sage, dass ich sie liebe. Oder ob ich sie, wenn sie etwas falsch gemacht haben, in den Arm nehme und sie spüren, dass ich sie liebe.
Der Heilige Geist macht unser Kopfwissen über das Evangelium zu einem realen Erfahrungswissen. Das ist seelsorgerlich sein Hauptjob. Das ist die Aufgabe des Heiligen Geistes.
Wenn du gerade durch ein finsteres Tal gehst und Tränen deine Speise sind Tag und Nacht, wie der Psalmist sagt, dann genügt es dir nicht, zu wissen, dass Jesus dein Retter ist. Dann musst du fühlen und erfahren, dass sein Herz gütig und barmherzig für dich schlägt. Und dann musst du seine Hand spüren, die dir sanft deine Tränen abwischt.
Wenn der Vergleich mit anderen dich frustriert und diese anklagenden inneren Stimmen deinen Wert und deine Bedeutung infrage stellen, wie kommst du dann zurück zu einer tiefen inneren Zufriedenheit? Indem der Heilige Geist in dir real werden lässt, dass der Vater im Himmel sich über dich freut, weil du mit Christus verbunden bist.
Wenn bestimmte Druckpunkte in deinem Alltag dich überfordern, wenn bestimmte Lasten des Lebens dich fast erdrücken und du ohnmächtig nicht mehr ein noch aus weißt, vielleicht in der Erziehung deiner Kinder, vielleicht mit deinen älter werdenden Eltern, vielleicht aufgrund von Herausforderungen, Krisen und Problemen auf deiner Arbeit oder in der Gemeinde, dann genügt es nicht, nur zu wissen, dass Gott im Chaos deines Lebens da ist. Sondern dann sehnst du dich danach, seine Barmherzigkeit, seine Sanftheit, seine Güte und seinen Trost inmitten deiner Stürme real zu fühlen und zu erfahren.
Natürlich werden die meisten von uns inmitten aller Belastungen und Anfechtungen Jesus im Normalfall nicht komplett aus dem Auge verlieren. Erinnert euch daran, dass Daniel gesagt hat: Natürlich, er hat seine stille Zeit gemacht, er hat Gottes Wort gelesen, er hat davon profitiert. Aber das Problem ist, dass unser trotziges und verzagtes Herz, unsere verzerrten und verdrehten geistlichen Instinkte sich so schwer damit tun, das Herz Jesu für uns auch zu fühlen.
Wir lieben, und genau deshalb brauchen wir den Heiligen Geist als Helfer.
Seht ihr, in unseren Kreisen fallen oft solche Sätze wie: Denk mehr über das Evangelium nach, dann wirst du im Glauben wachsen. Predige dir täglich das Evangelium, und du wirst in der Heiligung Fortschritte machen. Vertiefe dich ins Evangelium, massier dir das Evangelium in dein Herz und so weiter.
Ich habe diese Sätze selbst oft gesagt, weil sie stimmen. Und ich werde sie wieder sagen. Aber die Beschäftigung mit diesem Text und mit diesem Thema hat mich daran erinnert, dass wir uns daran erinnern sollten, was wir damit eigentlich meinen.
Wir meinen nämlich damit nicht, dass wir durch eine kognitive Beschäftigung mit den Wahrheiten des Evangeliums in unserem Herzen verändert werden. Sondern wir meinen damit, dass wir den Heiligen Geist brauchen, der unsere Herzensregungen durch die Wahrheiten des Evangeliums prägt, damit wir verändert werden.
Mir wurde noch einmal neu bewusst, dass wir, wenn wir davon reden, dass wir vom Evangelium verändert werden wollen, uns nach dem Heiligen Geist ausstrecken müssen. Dann müssen wir ein im besten Sinne charismatisches Leben leben. Evangeliumszentriertes Leben ist geistorientiertes Leben. Evangeliumszentriertes Leben ist geisterfülltes Leben.
Der Geist macht das Evangelium lebendig. Der Geist als Geist der Wahrheit, auch das ist im Text. Ich kann gar nicht darauf eingehen, Rudi wird das morgen in ganzer Fülle auslegen. Wenn der Heilige Geist der Geist der Wahrheit ist, dann heißt das doch mindestens, dass er unser Herz und unseren Verstand für die Schönheiten der Wahrheit des Evangeliums öffnet.
Das ist die zweite seelsorgerliche Aufgabe des Geistes. Und das bringt uns drittens dazu zu sehen, dass der Heilige Geist uns als Tröster in unserer Schwachheit ermutigt.

Trost mitten in Zerbrechlichkeit

Jesus spricht diese Worte in Johannes 14 nur wenige Stunden, bevor er am Kreuz sein Leben lässt. Die Jünger sind in dieser Situation natürlich maximal überfordert. Sie sind verwirrt, irritiert und ängstlich. Sie wissen nicht ein noch aus. Sie können den Weggang Jesu weder einordnen, noch wissen sie, wie sie damit umgehen sollen. Jesus weiß das. Und er weiß auch, dass seine Freunde Ermutigung brauchen.
Deshalb rahmt er seine Abschiedsreden und auch unseren Text durch diese ermutigenden Aussagen, in Vers 1 und 27 in Kapitel 14: Lasst euch durch nichts in eurem Glauben erschüttern. Und lasst euch nicht entmutigen! Und dann vor allem auch in Kapitel 16, Vers 33: In der Welt werdet ihr hart bedrängt. Ist das nicht interessant? Jesus sagt: Ich werde euch den anderen Helfer schicken, aber die Bedrängnisse werden bleiben. In der Welt werdet ihr hart bedrängt, in der Welt habt ihr Angst. Doch ihr braucht euch nicht zu fürchten, ich habe die Welt besiegt.
Das heißt also, ihr Lieben: Wenn Jesus hier in unserem Kapitel 14 ankündigt: Ich werde euch nicht als hilflose Waisen zurücklassen, Vers 18, oder: Ich gebe euch meinen Frieden, Vers 27, dann will er damit sagen: Ich lasse euch nicht allein in euren Bedrängnissen. Ihr müsst euch nicht alleine als Waisen ohne Unterstützung durchschlagen. Ich bin bei euch inmitten eurer Bedrängnisse. Ich will euch Frieden geben in euren Bedrängnissen und Schwachheiten, in all den Unsicherheiten dieser Welt. Und ich tue all das durch den Zweiten, den anderen Helfer, den Heiligen Geist. Er wird euch Zuspruch geben, er wird euch ermutigen, er wird euch stärken, er wird euer Tröster sein, und er wird euch in den Schwachheiten aufhelfen.
Als ich über diese Dynamik nachgedacht habe, hat mich das an die Aussage von Paulus in 2. Korinther 4,7 erinnert. Da schreibt Paulus: Wir allerdings sind für diesen kostbaren Schatz, der uns anvertraut ist, nur wie zerbrechliche Gefäße. Denn es soll deutlich werden, dass die alles überragende Kraft, die unserem Leben wirksam ist, Gottes Kraft ist und nicht aus uns selbst kommt.
Meine Frage ist: Was ist dieser kostbare Schatz? Wir bekommen den Hinweis im Vers vorher, in Vers 6. Der Schatz ist, dass wir in der Person von Jesus Christus den vollen Glanz von Gottes Herrlichkeit erkennen. Und wer lässt uns denn Jesu Herz fühlen? Und wer lässt uns damit den vollen Glanz von Gottes Herrlichkeit fühlen und erkennen? Ja, der andere Helfer, der Heilige Geist.
Und das bedeutet, ihr Lieben: Der Heilige Geist steht im Zentrum dieses kostbaren Schatzes, von dem Paulus redet. Und der Heilige Geist ist deshalb ein helfender Tröster und ein tröstender Helfer in uns schwachen, zerbrechlichen Gefäßen.
Unsere Schwachheit und unsere Unzulänglichkeiten sind vielfältig. Da ist die physische, körperliche Schwachheit, die uns manchmal so schmerzhaft einschränkt. Da ist die intellektuelle Schwachheit, diese Unfähigkeit, diese Welt zu verstehen. Ich verstehe diese Welt manchmal nicht mehr. Wahrscheinlich habe ich sie noch nie wirklich verstanden. Ich kann Dinge nicht einordnen, ich fühle mich intellektuell limitiert. Da gibt es die Schwachheit in Beziehungen, die Tatsache, dass wir gerne bessere Ehepartner, bessere Eltern und bessere Leiter wären, aber es einfach nicht sind. Und da ist die persönlich-moralische Schwachheit, dass wir Dinge tun, die wir eigentlich verabscheuen, und Dinge nicht tun, die wir eigentlich tun sollten.
Ihr Lieben, der Punkt ist: Der Heilige Geist ist kein triumphaler Geist. Der Heilige Geist ist kein triumphaler Geist, der die Schwachheiten und Schwierigkeiten unseres Lebens mit einem Schlag entfernt. Der Heilige Geist wirkt nicht wie ein Unkrautvernichter, der die Schwachheiten unseres Lebens ausmerzt. Und wir machen einen großen Fehler, wenn wir denken, der Heilige Geist optimiere und booste unsere Kraft und Stärke. Das tut er nicht. Und der Heilige Geist formt übrigens auch keine Leiter, Pastoren oder Älteste, die dann unangefochten über den Dingen stehen. Der Heilige Geist geht keinen Weg mit uns ohne Wunden, ohne Brüche und ohne Verletzung.
Man kann es sehr gut mit dem bekannten Beispiel des Kintsugi veranschaulichen. Einige von euch werden das kennen: diese japanische Kunst, entstanden im 14. Jahrhundert, bei der zerbrochene Keramikgefäße wieder zusammengesetzt werden mit einem wunderschönen Lack, der Goldstaub enthält. Diese Kunst besteht darin, dass sie Schönheit zutage fördert im Zerbruch. In der Fehlerbehaftetheit, im Beschädigten, im Unvollkommenen kommt Schönheit zum Ausdruck, und das wieder zusammengesetzte Gefäß ist edler und wertvoller als das Original. Warum? Weil es jetzt Gold enthält.
Freunde, wir sind wie diese zerbrochenen Gefäße: schwach, verletzt, verkrümmt, gebrochen. Aber hier ist das Evangelium: Der Wohnraum des Heiligen Geistes, ihr Lieben, ist unsere Schwachheit. Der Wohnraum des Heiligen Geistes ist unsere Schwachheit, die er durch seine Anwesenheit veredelt. Es ist der kostbare Schatz in unseren gebrochenen Gefäßen.
Und das bedeutet, wenn ihr möchtet, dass Gottes überragende Kraft in euch sichtbar werden soll, dann braucht ihr ein Ja zu eurer Schwachheit. Ich schwitze es zu und sage: Wir brauchen in diesem Land nicht noch mehr starke Leiter. Wir brauchen Leiter, die ein Ja zu ihrer Schwachheit haben, die der Heilige Geist veredeln kann. Wir müssen realisieren, wie sehr wir den Heiligen Geist an wirklich jeder Weggabelung unseres Lebens brauchen. Und dann müssen wir unsere totale Abhängigkeit von diesem Heiligen Geist einüben.
Wenn wir uns wünschen, dass das edle, kostbare Evangelium in unserem Leben sichtbar wird, dann müssen wir verinnerlichen, wie sehr wir den Heiligen Geist als Helfer, als Tröster in unseren Schwachheiten brauchen. Das Evangelium würde sich beispielsweise zeigen, und es ist nur ein Beispiel von vielen, darin zeigen, dass wir zunehmend barmherzig werden. Denn wenn du zu sehr eingenommen bist von deiner eigenen geistlichen Stärke, dann siehst du zwangsläufig auf Menschen herab, die du als weniger glaubensstark oder weniger heilig wahrnimmst. Aber wenn du verinnerlicht hast, dass der Schatz deines Lebens in einem gebrochenen Gefäß daherkommt, dann wird dein Herz weicher. Und dann wirst du weniger harsch und weniger selbstgerecht und weniger kritisch und weniger kleinlich sein. Dann wirst du verurteilende Blicke austauschen mit barmherzigen Umarmungen. Dann werden wir mit den Schwachheiten der anderen anders umgehen. Auf einmal können wir es dann wagen, ehrlich als Sünder miteinander und voreinander zu leben. Und dann werden auf einmal Menschen sich mit ihren Brüchen und Wunden bei uns angenommen fühlen.
Wenn das passiert, dann verändert sich das Klima in unseren Gemeinden zur Ehre Gottes.
Seht ihr den Weg dieser Welt? Der Weg dieser Welt ist ein Weg der Stärke. Und Facebook und Instagram und diese Bühnen hier, auf denen sich viele von uns regelmäßig bewegen, zwingen uns förmlich dazu, heuchlerisch unsere Schokoladenseiten ins Schaufenster zu stellen und so zu tun, als hätten wir die Dinge im Griff.
Wenn ihr wie ich zu denen gehört, die relativ wenig im Griff haben, dann gebt euch vielleicht dieses Wort Mut von einem meiner Helden, J. I. Packer. Er schrieb vor Jahren gegen Ende seines Lebens in einem kleinen Büchlein Weakness is the Way, als er selbst schon sehr schwach und gebrechlich war. Der Weg zu wahrer geistlicher Kraft und zu echter Frucht im christlichen Leben und Dienst ist der demütige, vom Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit geprägte Weg, auf dem man sich seiner geistlichen und, ich ergänze, auch seiner körperlichen, intellektuellen und beziehungsmäßigen Schwachheit ganz bewusst ist.
Ihr Lieben, und deshalb bitte ich euch: Fahrt von dieser Konferenz nach Hause und zeigt euren Familien, euren Ehepartnern, euren Kindern, euren Freunden nicht nur eure geistlichen Erfolge. Macht sichtbar, dass der überragende Schatz eures Lebens ein Schatz in gebrochenen Gefäßen ist. Seid euren Nächsten brauchende Menschen. Übt geistlichen Einfluss auf sie aus, indem ihr eure Wunden und Brüche zeigt und sie füllen lasst durch die Kraft Gottes im Heiligen Geist.
Und wenn ihr leitende Verantwortung in eurer Gemeinde tragt, dann bitte tut alles dafür, dass nicht der Eindruck entsteht, als sei der Heilige Geist für euch eine ständige Quelle übermenschlicher Kraft und Stärke. Helft eurer Gemeinde. Helft euren Gemeindemitgliedern in ihrer Nachfolge, indem ihr ihnen vorlebt, was Paulus in Römer 8,26 sagt, nämlich dass der Geist euch in euren Schwachheiten zur Hilfe kommt.
Das ist ein Paradigma, das geht gegen den Weg dieser Welt, weil der Weg dieser Welt ein Weg der Stärke ist. Leben wir an der Stelle die Gegenkultur.

Die innere Gewissheit als letzte seelsorgerliche Hilfe

Und ich bleibe zum Schluss bei Paulus.
Was denkt ihr: Wenn wir ihn fragen würden, worin Paulus seelsorgerlich das entscheidende Wirken des Heiligen Geistes sieht, was würde er sagen?
Vielleicht würde er mit Römer 5,5 antworten, wo er sagt: Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. Luther-Übersetzung.
Mit anderen Worten, in der NGÜ: Gott hat uns den Heiligen Geist gegeben und hat unser Herz durch ihn mit der Gewissheit erfüllt, dass er uns liebt. Das ist das seelsorgerliche Tun des Heiligen Geistes, zusammengefasst.
Dieses innere Erleben, wir könnten auch sagen, diese Stimme, kann mal intensiver sein und mal sanfter. Die Puritaner beschreiben sie so. Richard Sibbes schreibt: Manchmal erleben wir Prüfungen, die zu schwer für unsere Seele sind. Darum ist zuweilen das direkte Zeugnis des Geistes nötig. Der Geist sagt uns: Ich bin dein Heil. Und eine unaussprechliche Freude erhebt unser Herz und tröstet uns.
Und William Guthrie ergänzt: Dies ist keine hörbare Stimme, sondern ein Sonnenstrahl der Herrlichkeit, der die Seele mit Leben, Liebe und Freiheit erfüllt.
Ihr Lieben, im Alltag unserer Jesusnachfolge können wir ohne diese Stimme nicht leben. Wir können ohne diese Stimme nicht leben.
Und deshalb lasst uns noch dringlicher als bisher beten. Lasst uns dankbar, hoffnungsvoll, zuversichtlich und sehnsüchtig beten: Komm, Heiliger Geist!
Komm, Heiliger Geist, unser Helfer, verteidige uns als unser Fürsprecher gegen jede innere und äußere Anklage!
Komm, Heiliger Geist, und lass uns als Stellvertreter Jesu dessen Herz für uns fühlen!
Komm, Heiliger Geist, und hilf uns als Tröster in unserer Schwachheit auf, damit das Evangelium in unserem Leben sichtbar wird und damit der Vater und der Sohn geehrt werden.
Amen, Amen.