Einführung in die Heilsgeschichte und die Rolle der Propheten
Gott wird Mensch – Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist.
Episode 651: Die Gefahr des Systems. Jesus erklärt seinen Jüngern, was auf ihn zukommen wird, und weist auf die Propheten des Alten Testaments hin. Diese haben die Ereignisse, die vor dem Messias und seinen Jüngern liegen, bereits lange vorausgesagt. Was jetzt kommt, ist also keine tragische Entwicklung der Ereignisse, sondern eine von langer Hand geplante Heilsgeschichte.
Was mich dabei immer wieder fasziniert, ist die Funktion der Propheten. Sie schreiben unter der Leitung des Heiligen Geistes Offenbarungen auf, verstehen aber selbst nicht genau, was sie da schreiben.
In 1. Petrus 1,10-11 heißt es: Im Hinblick auf diese Rettung suchten und forschten die Propheten, die über die an euch erwiesene Gnade weissagten. Sie forschten, auf welche Zeit oder welches Ereignis der Geist Christi, der in ihnen war, hindeutete, als er die auf Christus zukommenden Leiden und die Herrlichkeiten danach vorher bezeugte.
Merkt ihr? Hier schreibt Petrus über die Propheten des Alten Testaments und beschreibt sie als solche, die einerseits über die Gnade Gottes, also das Evangelium, weissagten und andererseits darüber forschten. Warum tun sie das? Nun, weil sie nicht völlig verstehen, was sie weissagen.
Der Heilige Geist benutzt diese Männer, um über das Leiden und die Verherrlichung des Messias zu schreiben, aber sie begreifen bei weitem nicht alles, was sie sagen.
Das Unverständnis der Jünger und die Grenzen theologischer Systeme
Aber auch wenn die Propheten nicht alles verstehen, tut Jesus es. Deshalb kann er den Jüngern sein Schicksal als Erfüllung von alttestamentlichen Verheißungen präsentieren. Tragisch ist nur, dass die Apostel ihren Rabbi nicht verstehen.
Lukas 18,34: „Und sie verstanden nichts von diesen Worten, und diese Rede war vor ihnen verborgen, und sie begriffen das Gesagte nicht.“
Warum tun sich die Jünger mit dem Gesagten so schwer? Ich frage das, weil Jesus hier recht einfach formuliert. Warum können die Jünger nicht verstehen, dass ihr Meister von seiner Verurteilung durch den Hohen Rat, seiner Kreuzigung und seiner Auferstehung redet?
Die Antwort ist: Weil all das nicht ihrer Erwartung entspricht. Das passt nicht in ihr theologisches System. Merken wir uns das wirklich gut: Denken findet immer in einem Rahmen statt. Irgendwo kommt bei jedem Thema der Punkt, an dem man denkt, das kann nicht sein.
Und genau dieser Punkt kann im Blick auf Theologie und im Blick auf Gott schnell zum Problem werden. Vor allem dann, wenn mein Denkrahmen sich als ein theologisches System präsentiert, das von sich behauptet, wahr zu sein.
Ich kann dann nur sagen: Vorsicht! Theologische Systeme können helfen, Ordnung zu schaffen oder einen ersten Überblick zu gewinnen. Doch wenn sie zu einer hermeneutischen Zwangsjacke werden, verfehlen sie ihren Zweck und versperren den Zugang zur gesund machenden Lehre des Herrn Jesus.
Versteht ihr, was ich meine? Jedes theologische System ist ein Denkrahmen, und wir alle haben solche Systeme irgendwie im Kopf. Gefährlich werden sie, wenn wir ihnen blind vertrauen und aufhören, sie zu hinterfragen.
Noch gefährlicher werden sie, wenn sie uns stolz machen und wir uns etwas auf unsere Erkenntnisse beziehungsweise auf unsere Zugehörigkeit zu einem bestimmten System einbilden. Gerade junge Christen sind da sehr anfällig.
Und wehe, wenn wir dann als Anhänger eines bestimmten Systems anderen Christen, die offensichtlich Jesus nachfolgen und auch den Heiligen Geist besitzen, den Glauben absprechen – und das nur, weil sie nicht so glauben, wie unser System es vorgibt.
Die Bedeutung von Demut und fortwährender Erkenntnis
Erkenntnis ist bei weitem nicht so statisch, wie manche Menschen glauben. Der Prozess, durch den Gottes Geist in alle Wahrheit führt, erfordert Zeit, Demut und Lernbereitschaft.
Die Autorität muss in der Schrift liegen, nicht in einem theologischen System – und zwar unabhängig davon, wer es vertritt oder wie eng dieses System Teil meiner gemeindlichen Tradition oder Identität ist. Wer nicht mehr daran glaubt, dass Gottes Wort ihn noch überraschen kann, dem ergeht es wie den Jüngern, die einfach nicht verstehen konnten, was Jesus sagen wollte, obwohl er ganz einfach sprach.
Ich plädiere mit Nachdruck dafür, dass jede Generation die Bibel mit neuem Enthusiasmus studiert, um die Erkenntnisse der Vorväter zu hinterfragen. Nur so wächst hermeneutische Kompetenz. Vielleicht muss man dann die eine oder andere heilige Kuh schlachten. Okay, dann ist das eben so. Lassen wir doch die Wahrheit triumphieren.
Mögen die Älteren sich darüber freuen, dass die Jüngeren ihre theologischen Einseitigkeiten, Engführungen und Auslegungsfehler aufdecken! Ich weiß, dass theologische Konzepte Sicherheit geben. Vermeintlich bewahren sie vor Irrlehre, doch in Wirklichkeit fördern sie Passivität.
Weil man glaubt, schon alles zu wissen, studiert man die Bibel weniger kritisch. Man ist eher auf der Suche nach Bestätigung als nach Herausforderung. Es ist geistlich reif, wenn ich Predigern misstraue.
Wir brauchen in unserem Leben und in unseren Gemeinden so etwas wie eine permanente Reformation. Nicht stehenbleiben, sondern weiterdenken. Ich erlaube jedem Hörer, alles zu hinterfragen, was ich predige. Und das ist keine Floskel: Prüfe, was ich predige. Dein Leben sollte dir diesen Aufwand wert sein. Ich lerne wirklich gern dazu.
Im Leib Christi sind wir viele, weil wir voneinander lernen wollen.
Praktische Empfehlungen für ein tieferes Bibelverständnis
Die Jünger sind so in ihrem Denken gefangen, dass Jesus nicht zu ihnen durchdringen kann. Wir müssen darauf achten, dass es uns nicht ähnlich ergeht.
Drei einfache Tipps:
Erstens: Höre weniger Themenpredigten und mehr Vers-für-Vers-Auslegungspredigten. Höre nicht nur deinen Lieblingsprediger, sondern werde ein Experte in Sachen Bibelauslegung.
Zweitens: Hinterfrage das, was du in einer Predigt hörst. Stelle zu jeder Predigt ein paar einfache Fragen:
Redet der Prediger über den Text, oder benutzt er den Text nur als Sprungbrett für eigene Ideen? Berücksichtigt der Prediger den Kontext, oder reißt er den Predigttext aus dem Zusammenhang? Fallen dir spontan Bibelstellen ein, die nicht zu den Aussagen der Predigt passen?
Trau dich, mit dem Prediger ins Gespräch zu kommen. Trau dich, Aussagen zu recherchieren und nach Originalquellen zu fragen. Arbeite jede Predigt nach und höre nicht mehr Predigten in der Woche, als du nacharbeiten kannst.
Drittens: Lerne Bibelverse auswendig. Wenn du etwas glaubst, lerne einen Bibelvers dazu auswendig. Wo steht, was du glaubst? Nur wenn du weißt, wo das steht, was du glaubst, bleibst du selbst korrigierbar.
Abschluss und Ermutigung zum offenen Herzen
Wozu das Ganze? Weil wir nicht so sein wollen wie die Jünger. Wir wollen zuhören und verstehen, was Jesus uns sagen möchte.
Wenn Gott uns die Bibel nicht als Bekenntnisschrift, Systematik oder Lexikon gegeben hat, dann wusste er, was er tut. Gott sucht keine schlauen Leute, die alles erklären und ordnen können. Er sucht diejenigen mit dem ungeteilten Herzen, die ihn lieben und sich von ihm leiten lassen – egal, was er uns zu sagen hat. Vor allem dann, wenn es uns nicht ins Konzept passt.
Was könntest du jetzt tun? Bitte Gott darum, dass er dir bei diesem abstrakten Thema zeigt, ob und wie es auf dich zutrifft und was du ändern müsstest.
Das war's für heute. Schreibe doch zwei ermutigende SMS an Leute aus deiner Gemeinde, die sich im Hintergrund fleißig engagieren. Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.
