Einführung in die Kindheitsberichte Jesu
Gott wird Mensch – Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist.
Episode 56: Das Kindheitsevangelium des Thomas.
Wir sind mit den Berichten zur Kindheit Jesu fast am Ende. Maria, Josef und Jesus sind nach Nazaret gezogen. In Lukas Kapitel 2, Vers 40 lesen wir: „Das Kind aber wuchs und erstarkte, erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade war auf ihm.“ Das ist alles, was die Bibel über Jesu Kindheit berichtet – bis auf eine Geschichte, die den zwölfjährigen Jesus betrifft. Dabei bleibt er nach einem Passafest alleine in Jerusalem zurück.
Die Bibel ist erstaunlich zurückhaltend, wenn es um die Kindheit Jesu geht. Es gibt jedoch andere sogenannte Evangelien, apokryphe Schriften aus dem zweiten Jahrhundert, die diese Lücke füllen. Allen voran das sogenannte Kindheitsevangelium des Thomas.
Das Kindheitsevangelium des Thomas darf nicht mit dem sogenannten Thomas-Evangelium verwechselt werden. In beiden Fällen wird der Text einem Thomas zugeschrieben, aber das ist auch schon die einzige Ähnlichkeit. Das Thomas-Evangelium ist eine Sammlung von Jesus-Aussprüchen und enthält keine Wundergeschichten.
Das Kindheitsevangelium des Thomas hingegen enthält zahlreiche kurze Erzählungen, die meisten davon eher wunderlicher Natur. Alle diese Geschichten betreffen die Kindheit Jesu, also Jesus bis zu seinem zwölften Lebensjahr.
Das Kindheitsevangelium des Thomas wurde vermutlich Ende des zweiten Jahrhunderts geschrieben. Es erfreute sich weiter Verbreitung und wurde in viele Sprachen übersetzt.
Umgang mit apokryphen Schriften und ihre Bedeutung
Was ist vom Kindheitsevangelium des Thomas zu halten? Grundsätzlich möchte ich eine Vorbemerkung zu apokryphen Texten machen.
Viele Christen wissen, dass es die Apokryphen gibt. Das sind Texte, die in der Lutherbibel zwischen dem Alten und dem Neuen Testament eingefügt sind. Luther sagt dazu treffend: Das sind Bücher, die der Heiligen Schrift nicht gleichgehalten, und doch nützlich und gut zu lesen sind. Apokryphen sind also nicht Teil der Bibel, enthalten aber viel Gutes.
So wie in der Zeit zwischen dem Alten und Neuen Testament geistliche Texte geschrieben wurden, die nützlich, aber nicht vom Geist Gottes inspiriert waren, gibt es auch im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus solche Schriften. Diese wurden von den Christen als nicht inspiriert erkannt, erfreuten sich aber trotzdem großer Beliebtheit.
Wenn Sie einige davon lesen möchten, empfehle ich die Didache, den ersten Clemensbrief, den Hirten des Hermas, die Oden Salomos und den Barnabasbrief. Bei all diesen frühchristlichen Schriften gilt: Bevor man sich irgendeiner Verschwörungstheorie hingibt, warum bestimmte Texte nicht in der Bibel gelandet sind, sollte man sie einfach lesen.
Wer den Geist Gottes hat und seine Bibel kennt, wird allein durchs Lesen merken, dass es einen Unterschied gibt, ob man das Matthäusevangelium oder das Thomasevangelium liest. Es besteht kein Grund zur Angst, dass diese „anderen“ frühchristlichen Schriften den Glauben zerstören könnten. Das tun sie nicht. Sie werden einen eher an der ein oder anderen Stelle zum Schmunzeln bringen.
So wie es unter diesen geistlichen Texten aus den ersten beiden Jahrhunderten solche gibt, die von gläubigen Menschen geschrieben wurden und deren Gedanken einem wirklich guttun – wie heute eine Predigt oder hoffentlich dieser Podcast –, gab es damals auch schwarze Schafe und Sektenanhänger. Diese verfassten Texte mit angeblichen Jesus-Zitaten, Fälschungen, die nur dazu dienten, ihre eigene Sicht und ihr falsches Evangelium zu fördern.
Meines Erachtens gehört das Kindheitsevangelium des Thomas in diese Rubrik.
Charakterisierung des Kindes Jesus im Kindheitsevangelium des Thomas
Wie bereits erwähnt, handelt es sich um eine Sammlung von Wundergeschichten aus der Kindheit Jesu. Manches ist sehr süß, anderes wiederum ziemlich ungewöhnlich. Deshalb lohnt es sich, das Kindheitsevangelium ganz durchzulesen. Es umfasst knapp zehn Seiten, was wirklich schnell geht.
Beim Lesen fallen mir sofort folgende Dinge auf:
Erstens wird das Kind Jesus als zorniger Junge dargestellt, mit dem man sich besser nicht anlegt. Im Kindheitsevangelium des Thomas, Kapitel 4, Verse 1 und 2, heißt es: Als Jesus wieder einmal durchs Dorf ging, kam ein Junge gelaufen und rempelte ihn an der Schulter an. Jesus wurde wütend und sagte: „Du sollst deinen Weg nicht weitergehen.“ Sofort fiel der Junge um und war tot. Einige Leute, die das mit angesehen hatten, wunderten sich: Woher kommt dieses Kind nur? Jedes seiner Worte wird ja sofort Wirklichkeit. Die Eltern des toten Jungen liefen zu Josef, machten ihm Vorhaltungen und sagten: „Mit so einem Kind kannst du nicht bei uns im Dorf wohnen. Bring ihm doch lieber bei, zu segnen anstatt zu fluchen, denn er bringt unsere Kinder um.“ So zeigt sich Jesus als zorniger Junge, mit dem man sich besser nicht anlegt.
Zweitens ist das Kind Jesus in einer zutiefst patriarchalisch geprägten Gesellschaft verankert. Er zeigt sich alles andere als ehrerbietig im Umgang mit seinem Vater Josef. Wenn man den Text weiterliest, etwa im Kapitel 5, Verse 1 bis 3, steht dort: Da rief Josef seinen Sohn zu sich, nahm ihn sich vor und wies ihn zurecht: „Warum tust du so etwas? Die Leute müssen leiden, und dann hassen und verfolgen sie uns.“ Jesus erwiderte: „Ich weiß, dass dies nicht deine Worte sind. Trotzdem sage ich lieber nichts, weil du es bist. Die Leute aber sollen ihrer Strafe nicht entgehen.“ Kaum hatte er das gesagt, da erblindeten die Leute, die ihn angeklagt hatten.
Als Josef wieder einmal sah, dass Jesus so etwas tat, stand er auf und zog ihm die Ohren lang. Doch der kleine Jesus wurde böse und sagte zu ihm: „Es reicht jetzt, dass du suchst und nicht findest. Dein Tun hat keinen Sinn, das war nicht klug von dir. Du weißt doch, dass ich zu dir gehöre. Mach mich doch nicht traurig.“
So zeigt sich ein kleiner Jesus, der überhaupt nicht einsieht, dass er etwas falsch gemacht haben könnte, sondern stattdessen noch seinen Vater anmeckert.
Jesus’ Verhältnis zu seinen Lehrern und seine besondere Macht
Ein dritter Punkt betrifft den Umgang Jesu mit seinem Vater und seinen Lehrern. So wie er mit seinem Vater umgeht, so verhält er sich auch gegenüber seinen Lehrern. Er wird als jemand dargestellt, der seinen Lehrern haushoch überlegen ist, vor allem in Bezug auf Wissen. Er verfügt sogar über geheimes Wissen.
Wehe den Lehrern, die Jesus eine Ohrfeige geben! Weit davon entfernt, seine Feinde zu lieben, verflucht Jesus solche Lehrer sofort. Sein Umgang mit den Lehrern ist so rabiat, dass es im Kindheitsevangelium des Thomas heißt: Kapitel 15, Vers 3: "Als aber Joseph das hörte, wurde ihm Angst und Bange, und er lief schnell zum Schulhaus. Denn er befürchtete, dass auch dieser Lehrer zum Krüppel werden könnte."
Das Kindheitsevangelium des Thomas präsentiert uns somit ein unberechenbares Kind, das nach Belieben Wunder wirkt. Dabei gibt es auch schöne und positive Dinge, wie Totenauferweckungen, Spatzen aus Lehm, die lebendig werden, Krankenheilungen und eine besonders reiche Ernte.
Oder Jesus macht ein Brett länger, damit Josef es als Bettgestell verwenden kann.
Die Andersartigkeit und Unberechenbarkeit Jesu im Kindheitsevangelium
Im Zentrum dieses Evangeliums steht die Unberechenbarkeit des kleinen Jesus und natürlich seine Andersartigkeit. Niemand kommt so recht mit ihm klar, und wehe, man legt sich mit ihm an. Seine Lehrer können nur furchtsam staunen und dann feststellen:
Im Kindheitsevangelium des Thomas, Kapitel 7, Verse 2 bis 4, sagt hier ein Lehrer:
„Nimm ihn bitte wieder mit nach Hause, Bruder Josef. Ich ertrage seinen strengen Blick nicht, auch nicht noch einmal seine herzlose Art zu reden. Dieses Kind ist nicht von dieser Welt. Es kann sogar Feuer bändigen. Es ist wohl vor der Erschaffung der Welt geboren worden.
Ich bin am Ende, Freund, der Junge bringt mich aus der Fassung, ich verstehe ihn nicht. Ich wollte einen Schüler, doch einen Lehrer habe ich bekommen. Und wenn alle wissen, dass ein Knirps mich eines Besseren belehrt hat, was soll ich da noch sagen? Ich weiß es nicht, Freunde, denn ich habe weder Anfang noch Ende davon verstanden.
Ich bitte dich also, Bruder Josef, nimm ihn wieder mit nach Hause. Dieses Kind ist irgendwie etwas Großes, ein Gott, ein Engel oder ich weiß nicht was.“
Fazit und Ausblick
So viel zum Kindheitsevangelium des Thomas. Es handelt sich um eine Schrift, die man durchaus einmal lesen kann. Wenn man davon hört, sollte man sich nicht beunruhigen lassen. Gleichzeitig ist sie jedoch nichts anderes als eine Erfindung aus dem zweiten Jahrhundert.
Was könntest du jetzt tun? Du könntest dir das Buch „Das Neue Testament und frühchristliche Schriften“ von Berger und Nord kaufen und darin das Kindheitsevangelium des Thomas lesen.
Das war's für heute. Morgen geht es weiter. Skripte zu den Episoden findest du in der App und auf frogwords.de.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.
