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Lukas 5, 27-32

Lukas 5,27-3201.01.2004
SerieTeil 1 / 7Familienfreizeit 2004
Warum folgen ausgerechnet Zöllner und Sünder Jesus nach? Levi riskiert Job, Ruf und Sicherheit – und zeigt: Wer sich von Gott rufen lässt, bekommt ein neues Leben.

Einleitende Gedanken zum Lukasevangelium

in den kommenden zwei Wochen in den Abendstunden insbesondere mit dem Lukasevangelium beschäftigen. Und es wird wahrscheinlich nicht das erste Mal sein, dass ihr im Lukasevangelium lest, hoffentlich auch nicht das letzte Mal, sondern dass euch das etwas mitmotiviert, dieses Evangelium vermehrt vorzunehmen, Jesus dadurch noch mehr kennenzulernen und das, was er uns zu sagen hat.
Zuerst allerdings, ehe ich jetzt zu einem konkreten Text komme, werde ich ein paar einleitende Gedanken zu dem Lukasevangelium versuchen weiterzugeben. So eine erste Frage, die ich an euch habe: Wer hat das Lukasevangelium eigentlich geschrieben?
Ja, einige vermuten jetzt irgendeine Falle, ganz zu Recht. Denn denkt ihr, entweder verkaufe ich euch für dumm, wenn ich euch solch eine einfache Frage stelle, wer das Lukasevangelium geschrieben hat? Das ist ungefähr so, wie: Wer hat das Gedicht von Goethe so und so geschrieben? Ich meine, das ist ja klar: von Goethe. Nein, hier ist es ein bisschen komplizierter. Denn wenn ihr die Bibel einmal aufschlagt, da steht ja im ursprünglichen Bibeltext Lukas gar nicht drin.
Wenn ihr also die Briefe des Paulus aufschlagt, steht fast an jedem Beginn des Briefes dann: „Ich, Apostel Paulus, berufen von Gott, so und so, an die Gemeinde zu so und so.“ Dann ist die Sache ganz klar. Aber im Lukasevangelium finden wir das nicht. Da steht nicht: „Ich, Lukas, Apostel Jesu“ oder sonst wie: „Ich berichte euch von dem, was ich erlebt habe.“ Das steht da nicht. Und im ganzen Lukasevangelium steht kein einziges Mal, dass es von Lukas geschrieben ist.
Sehr wohl gibt es aber die Überschrift, die in eurer Bibel abgedruckt ist. Da steht wahrscheinlich überall drüber: Lukas-Evangelium. Das Problem ist nur, das gehört nicht zum ursprünglichen Text des Lukasevangeliums. Ja, woher wissen wir das denn eigentlich? Sind wir vielleicht irgendeinem Trick nur der alten Katholiken aufgesessen, die vor zweitausend Jahren so klammheimlich das in die Bibel eingeschmuggelt haben? Nein, eigentlich auch nicht ganz.
Es gibt schon einige Hinweise, die uns erkennen lassen: Ja, das muss wohl ein Lukas gewesen sein. Und wir werden dann auch noch ein bisschen feststellen, welche Beziehung er denn zu Jesus gehabt hat. Also erst einmal finden wir den Namen Lukas tatsächlich im Neuen Testament an verschiedenen Stellen.

Hinweise auf den Verfasser und seine Verbindung zur Apostelgeschichte

Was uns aber dazu treibt, die Annahme zu vertreten, dass der Verfasser des Lukasevangeliums auch der Verfasser der Apostelgeschichte ist, ist zunächst die enge Verwandtschaft zwischen dem Lukasevangelium und der Apostelgeschichte.
Jetzt fragt ihr euch vielleicht: Warum sind die denn verwandt? Nun, in erster Linie sind beide demselben Empfänger gewidmet. Ihr lest sowohl am Anfang des Lukasevangeliums als auch am Anfang der Apostelgeschichte, dass der Verfasser sie einem hochgeehrten Theophilus widmet. Das heißt, es ist derselbe Empfänger. In der Apostelgeschichte schreibt der Verfasser dann gewissermaßen weiter: Wie ich dir schon vorgeschrieben habe, geht jetzt die Geschichte weiter. Wie ist es nach dem Tod Jesu weitergegangen? Und dann berichtet er, wie durch das Wirken der Apostel diese Botschaft von Jesus Christus weltweit verbreitet worden ist.
Hier merken wir also schon: Scheinbar hat der Verfasser der Apostelgeschichte auch das Lukasevangelium verfasst. Das ist für uns wichtig, weil wir Hinweise auf den Verfasser in der Apostelgeschichte eher finden als im Lukasevangelium.
Wer die Apostelgeschichte nämlich mehrfach gelesen hat, dem wird aufgefallen sein, dass es dort bestimmte Abschnitte gibt, bestimmte Teile der Apostelgeschichte, die sogenannten Wir-Berichte. Da erwähnt der Verfasser immer wieder: Als wir das und das gemacht haben, als wir dorthin und dorthin gegangen sind. Das heißt, hier handelt es sich scheinbar um einen Augenzeugen, um einen Begleiter des Paulus, der zumindest zu diesem Zeitpunkt bei ihm gewesen ist.
An anderen Stellen verwendet er nicht „wir“, sondern sagt: Paulus mit Timotheus und Titus und so weiter. Er nimmt sich also nicht selbst mit hinein. Wenn das also zuverlässig ist, können wir durch eine Art Ausschlussverfahren zu dem Ergebnis kommen, dass es Timotheus nicht sein kann, denn Timotheus ist mit Paulus unterwegs, aber der Verfasser spricht dort nicht von „wir“. Also kann Timotheus es nicht sein. Das kann auch nicht Titus sein, weil er an dieser und jener Stelle ebenfalls nicht vorkommt.
Ich werde das Ganze ein bisschen abkürzen, weil wir sonst den ganzen Abend nur dieses Ausschlussverfahren vorantreiben müssten. Wir würden dann zu dem Ergebnis kommen, was ich euch auch schon verraten kann, dass nämlich Lukas tatsächlich in Frage kommt. Beispiele dafür finden wir etwa in Apostelgeschichte 16,16 sowie in Apostelgeschichte 16,11-17. Das erste Mal taucht dieses „Wir“ in Troas auf. Dort muss er also scheinbar zu Paulus gestoßen sein. Er reist dann mit ihm weiter nach Philippi. Während der dritten Missionsreise taucht er wieder in Philippi auf und zieht dann mit Paulus nach Jerusalem, etwa im Jahr 57 nach Christus. Das finden wir in Apostelgeschichte 20 und 21.
Auf der Fahrt nach Rom hat der Verfasser Paulus scheinbar wieder verlassen, denn in Apostelgeschichte 27 und 28 ist kein Wir-Bericht mehr zu finden. Dort wird er also nicht mehr genau genannt.

Frühkirchliche Zeugnisse und die Frage nach Augenzeugenschaft

Jetzt gibt es verschiedene Vorschläge, die wir dort machen könnten, wer das ist. Relativ deutlich finden wir allerdings den Lukas erwähnt, wenn ich das jetzt richtig hier notiert habe, in Kolosser 4,11. Da sind einige Grüße, und 14 müsste auch noch einmal auftauchen, nicht? Es grüßt euch Lukas, der geliebte Arzt, und Demas.
Na ja, es fängt eben an hier in Vers 10, also mit den ganzen Grüßen, und dann geht das hier weiter, und Justus und so weiter, und die aus der Beschneidung. Und die aus der Beschneidung sind, diese alle sind meine Mitarbeiter für das Reich Gottes, die mir zum Trost geworden sind. Und dann wird eben abschließend gesagt: Es grüßt euch Lukas, der liebe Arzt, und Demas. Dann sind noch die Brüder aus Laodizea. Also hier scheinbar ist es ein Begleiter des Paulus, der mit Namen genannt wird, auch als Arzt, und der an dieser Stelle, an der der Kolosserbrief geschrieben ist, nach der Apostelgeschichte auch bei Paulus gewesen ist. Wohingegen alle anderen bedeutenden Begleiter des Paulus an anderen Stellen, an denen nicht von denen wir berichten steht, auch bei ihm gewesen waren.
Also wenn wir dieses Ausschlussverfahren betreiben von allen Namen, die uns als Begleiter des Paulus erwähnt werden, dann bleibt einzig dieser Lukas übrig. Hieraus sehen wir dann auch, dass es sich eben um einen Arzt handelt. Manche finden das bestätigt, dass eben Lukas außergewöhnlich viel über Erkrankungen schreibt und dort auch Begriffe benutzt, die der damaligen Medizinsprache entsprachen. Also das kann mit darauf hindeuten, dass es sich tatsächlich auch um einen Arzt gehandelt hat, auch wenn das nicht hundertprozentig sicher ist.
Dann haben wir in der frühen Kirchengeschichte einige Bezeugungen, dass es sich tatsächlich um diesen hier im Kolosserbrief behandelten, besprochenen Arzt handelt. So haben wir nämlich schon relativ früh, also das heißt in den ältesten Abschriften des Lukasevangeliums, die Überschrift, die wahrscheinlich nicht in der Urform da drin war, aber die Überschrift haben wir schon sehr früh in den Manuskripten: κατά Λουκάν, das heißt also „nach Lukas“. Also das bedeutet, das ist von Lukas geschrieben.
Auch Kirchenväter der frühen Zeit, wie zum Beispiel Irenäus von Lyon, also der als Missionar in Südfrankreich arbeitete, der schreibt: Auch Lukas, der Begleiter des Paulus, hat das von diesem verkündigte Evangelium in einem Buch niedergelegt. Oder in einem anderen Buch schreibt er, ja, das ist aus der Schrift Adversus haereses, also er schreibt gegen Heretiker, gegen Irrlehrer, und da sagt er ihm, dass Lukas ein zuverlässiger Zeuge ist. Dabei schreibt er auch: Da aber dieser Lukas von Paulus unzertrennlich war, wie sein Mitarbeiter im Evangelium, machte er es selbst greifbar und rühmte sich dabei nicht selbst, sondern wurde von der Wahrheit selbst weitergeführt.
Wir können also auch hier sehen: In der frühen Kirche, und Irenäus ist nicht der einzige, wir finden das dann bei Eusebius, wir finden das eben bei dem Muratorischen Kanon, einer anderen frühchristlichen Schrift, oder eben auch bei Tertullian oder Clemens von Alexandrien, Origenes, alles frühe Kirchenväter, die uns überliefern, dass aus ihrem damaligen Kenntnisstand dieses Evangelium von Lukas geschrieben worden ist.
Das unterstützt also die Analyse, die wir über diesen Umweg machen: Lukas, Evangelium verwandt mit Apostelgeschichte, Wir-Berichte in der Apostelgeschichte, Ausschlussverfahren, wer kommt nicht in Frage, übrig bleibt Lukas. Diese Rückschlüsse, die wir machen, werden uns bestätigt durch Zeugen der frühen Kirche, die zum selben Ergebnis kommen, aber nicht aus der Analyse heraus, sondern weil sie diese Person kannten, dass es der Begleiter des Paulus ist.
Insofern ist auch deutlich, dass der Lukas selbst nicht Augenzeuge war. Das ist ja auch auffällig, und Lukas verschweigt das nicht. Nämlich am Anfang seines Evangeliums sagt er ja: Wie schon viele unternommen haben, das aufzuschreiben, so habe auch ich nachgeforscht. Das heißt, er musste selbst nachforschen, weil er nicht Augen- und Ohrenzeuge gewesen war, und hat dann das Ergebnis seiner Bemühungen, wir würden heute sagen: die Bemühungen eines ausgewogenen Historikers, der mit den Zeugen spricht, der die vorhandenen Quellen analysiert, zusammengefasst und kommt dann zum Ergebnis: So hat Jesus gelebt, so hat er gehandelt, diese Wunde hat er getan.
Also das vielleicht ganz kurz zu der Verfasserschaft.

Aufbau und Sondergut des Evangeliums

Dann möchte ich euch einen kleinen Überblick über das Lukasevangelium geben, einmal so in fünf Minuten durch das ganze Lukasevangelium, damit ihr es einordnen könnt, wenn wir hinterher verschiedene Abschnitte gesondert behandeln und intensiver anschauen.
Das Lukasevangelium können wir zunächst in eine Einleitung und in die Vorbereitung des Wirkens Jesu unterscheiden. Die Einleitung reicht von Kapitel 1, Vers 1 bis Kapitel 4, Vers 13. Zu dieser Einleitung gehört sehr viel Sondergut. Sondergut nennt man das, was wir nur im Lukasevangelium finden. Und im Lukasevangelium haben wir eine ganze Menge Informationen, die kein anderes Evangelium berichtet. Gerade ein wichtiger Teil dieses Sonderguts ist der Anfang. Vom zwölfjährigen Jesus im Tempel oder von manchen Dingen rund um die Geburt Jesu lesen wir nur im Lukasevangelium.
Nicht umsonst wird meistens zu Weihnachten in der Gemeinde oder auch zu Hause der Bericht über die Geburt Jesu nach dem Lukasevangelium gelesen, weil er der ausführlichste und detaillierteste ist. Er liefert uns auch sehr viel historischen Hintergrund darüber, wie es im Umfeld Israels damals zuging.
Zur Einleitung gehören also die Ankündigung der Geburt des Täufers, dann die Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel an Maria, der Besuch Marias bei Elisabeth, die Geburt Johannes des Täufers, das alles noch im ersten Kapitel, dann die Beschneidung Jesu und schließlich der zwölfjährige Jesus im Tempel.
Dann beginnt die Vorbereitung des Wirkens Jesu ab Kapitel 3, Vers 1, nämlich mit dem Auftreten von Johannes dem Täufer, der Taufe Jesu am Jordan, der Ahnentafel Jesu und der Versuchung Jesu. Das ist alles noch Vorbereitung, bevor er öffentlich auftritt und seinen Auftrag ausführt.
Übrigens, nebenbei erwähnt, ich habe das ja schon gestern kurz gesagt: Das Lukasevangelium ist mit Abstand nicht nur das längste Evangelium. Wenn wir nur auf die Zahl der Kapitel schauen, wäre es das nicht. Aber weil die Kapitel im Lukasevangelium wesentlich länger sind, ist es von den Versen her und auch von der Anzahl der Worte das längste Evangelium und auch das längste Buch im Neuen Testament überhaupt, deutlich länger als die Apostelgeschichte, deutlich länger als die Offenbarung oder andere lange Bücher im Neuen Testament. Also: das längste Buch des Neuen Testaments.

Jesu Wirken von Galiläa bis Jerusalem

Wir haben dann in Kapitel 4, Vers 14, bis Kapitel 9, Vers 50 die Wirksamkeit Jesu in Galiläa. Die Wirksamkeit Jesu ist in den meisten Evangelien aufgeteilt. Zuerst predigt Jesus sehr viel im Norden des Landes Israel, also dort, wo er auch geboren ist. Dort reist er umher, besucht alle Städte, heilt Menschen und predigt. Erst in einer zweiten Phase geht er in den Süden nach Judäa, und in einer dritten Phase wird er dort auch hingerichtet und steht dann wieder auf.
Diese erste Phase des Wirkens Jesu, Kapitel 4, Vers 14 bis Kapitel 9, Vers 50, ist also die Wirksamkeit Jesu in Galiläa. Dort tritt er auf mit seiner Antrittspredigt in Kapitel 4, ab Vers 14. Dann folgt eine Heilung, der Fischzug des Petrus, und er beruft auch Petrus. Es kommt zur Heilung des Aussätzigen, dann zu Auseinandersetzungen Jesu mit den Pharisäern in verschiedenen Formen. Der Zöllner Levi wird berufen, es wird über die Fastenfrage diskutiert, also darüber, ob die Jünger Jesu fasten müssen oder nicht. Auch die Frage nach der Einhaltung des Sabbats kommt mehrfach vor. Das beginnt dann schon in Kapitel 6, nämlich dort, wo die Jünger Ähren ausraufen am Sabbat und deshalb in Streit mit den Pharisäern kommen. Wenig später heilt Jesus einen Mann mit einer verdorrten Hand, ebenfalls am Sabbat. Das geht dann in der Folge noch weiter.
Es kommt dann ab Kapitel 6, Vers 12, zur Berufung der Jünger. Vorher werden ja einzelne, wie der Levi, schon berufen, jetzt werden alle übrigen berufen. Es kommt dann auch die sogenannte Feldpredigt, die manche parallel zur Bergpredigt setzen, wobei sie ja nicht genau deckungsgleich ist. Ich tendiere eher dazu zu sagen, dass das zwei verschiedene Predigten sind, dass Jesus einfach an verschiedenen Stellen seiner dreieinhalbjährigen Wirkungszeit ähnliche Dinge gesagt hat. Wenn ihr manche Reden des Bundeskanzlers anhört, dann sagt er auch an jeder Ecke und an jedem Ende dasselbe, ohne dass wir sagen würden, das sei nur eine einzige Rede gewesen, die er gehalten hat. So könnten wir, denke ich, durchaus davon ausgehen, dass Jesus, wenn ihm bestimmte Dinge wirklich auf dem Herzen lagen, sie nicht nur einmal gepredigt hat, von einem Berg herab in der Bergpredigt, sondern dass er sie häufiger an die Massen weitergegeben hat, die ihm nachgefolgt sind und zugehört haben. Deshalb bin ich nicht ganz davon überzeugt, dass es sich um dieselbe Predigt handelt, weil es deutliche Unterschiede gibt in dem einen wie in dem anderen. Das heißt, und da könnt ihr nachlesen, in der Länge des Vaterunsers und in den Seligpreisungen sind gewisse Abweichungen. Da tendiere ich eher dazu zu sagen: Jesus hat ähnliche Inhalte mit verschiedenen Worten weitergegeben. Und deshalb gibt es eben auch Unterschiede an verschiedenen Orten in seiner Wirksamkeit, so wie das alle Prediger, Politiker, Redner oder sonst jemand auch tun.
Dann haben wir in Kapitel 7 wieder einige Taten, die aufgezählt werden, so der Hauptmann von Kapernaum, der dann ja auch zum Vorbild für die Juden genommen wird, in seinem Vertrauen, das er Jesus entgegenbringt. Dazu kommt die Auferweckung des Jünglings von Nain. Dann fragt auch Johannes der Täufer: Bist du der Messias, auf den wir warten? Dann wird Jesu Beziehung zu den Frauen in Kapitel 7, ab Vers 36, hervorgehoben. Danach folgt die Verkündigung, also die Predigt Jesu. Dann kommen einige Gleichnisse, wie das Gleichnis vom Sämann, das Jesus selbst dann auch deutet. Ab Kapitel 8, Vers 4, folgen wieder einige Wundertaten Jesu, die ja nur exemplarisch sind, weil, wie wir am Ende des Johannesevangeliums lesen, alle Bücher der Welt die Taten Jesu nicht fassen könnten, wenn man sie alle aufschreiben würde. So finden wir hier natürlich auch nur exemplarisch einige.
Zu den Wundertaten gehört die Stillung des Sturmes, die Heilung des Besessenen aus dem Land der Gerasener, die Auferweckung der Tochter des Jairus. Es werden dann zwölf Jünger ausgesandt, es gibt schließlich die Speisung der Fünftausend. Dann spricht Jesus auch über den Preis der Nachfolge, also: Wenn ihr mir nachfolgen wollt, dann müsst ihr verlassen, und dann kommt alles, was da verlassen und getan werden muss. Dann kommen wieder einige Leidensankündigungen, erstmals zwei Leidensankündigungen Jesu, also dass er leiden wird und deshalb auch nach Jerusalem zieht. Und dann beginnt in Kapitel 9, Vers 51, der lukanische Reisebericht, wie man das auch nennt. Das heißt, Lukas berichtet über die Reise Jesu von Galiläa nach Jerusalem als Vorbereitung seines Leidens und darüber, was er zwischendurch alles erlebt, und insbesondere über seine Wirksamkeit im heidnischen, das heißt hier samaritanischen Gebiet.
Er wird durch die Samaritaner abgelehnt, das finden wir relativ am Anfang dieses Abschnittes, in 9,51. Jetzt werden siebzig Jünger in die samaritanischen Städte ausgesandt, um das Kommen Jesu vorzubereiten. Die kommen dann auch zurück und berichten über ihre Erfolge. In diesen Zusammenhang gehört das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, wo Jesus eben auch hervorhebt, dass die Samaritaner ebenfalls von Gott angesprochen sind. Sie reagieren sogar manchmal vorbildlich auf die Forderungen Jesu, anders als die Juden das getan haben.
Die Konfrontation mit den Pharisäern finden wir dann in Kapitel 11, ab Vers 14. Dann kommen ab Kapitel 12, Vers 1, wieder einige Gleichnisse und auch Lehren Jesu, so über das Sorgen, über den reichen Kornbauern oder über die Wachsamkeit für das zweite Kommen Jesu. Es gibt dann eine Reihe von Gleichnissen, die sich in Kapitel 14 anschließen. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf, vom verlorenen Groschen, vom verlorenen Sohn oder auch von den klugen Haushaltern sind im Großen und Ganzen Sondergut von Lukas. Das begegnet uns auch nur an dieser Stelle.
Dann haben wir das Gleichnis oder eben den Bericht vom reichen Mann und vom armen Lazarus und wieder einige Aussagen über die rechte Form der Jüngerschaft Jesu. Ab Kapitel 19, Vers 28, ist dann das Auftreten Jesu in Jerusalem beschrieben, und das geht dann bis zum Ende, nämlich Kapitel 24, Vers 53. Hier wird zuerst die Wirksamkeit Jesu beschrieben: sein Einzug, der Palmsonntag, die Tränen über Jerusalem, die Tempelreinigung und einige Fragen der Sadduzäer und Pharisäer. Dann wird die Passion Jesu ab Kapitel 22 beschrieben, also das Leiden Jesu, seine Festnahme, sein Prozess, seine Verurteilung und schließlich sein Tod. Und dann finden wir in Kapitel 24 die Auferstehung, das leere Grab, die Emmausjünger an dieser Stelle und schließlich Jesu Himmelfahrt. Die Fortsetzung macht dann die Apostelgeschichte.

Besondere Akzente des Lukasevangeliums

Einige wenige Besonderheiten des Lukasevangeliums sind vielleicht die universelle Geltung des Evangeliums. Das ist etwas, das Lukas stärker betont als die anderen Evangelisten: Die Botschaft von Jesus gilt für alle Völker.
Das finden wir schon in der Berufung, die Maria erfährt, dass Jesus geboren wird und dass er Heil bringen wird für alle Völker. Das ist auch das, was die Engel verkündigen, als sie den Hirten erscheinen. Wir finden das also sehr häufig. Auch Johannes der Täufer betont es in seiner Predigt immer wieder: nicht nur für die Juden, sondern für alle Völker.
Deshalb werden wahrscheinlich auch der Hauptmann von Kapernaum oder der barmherzige Samariter schon während der irdischen Wirksamkeit Jesu erwähnt. Matthäus betont ja viel stärker, dass Jesus zuerst gesandt ist für die Juden. Warum? Weil Matthäus selbst erst einmal Jude ist und in erster Linie an Juden schreibt. Wir wissen aus frühkirchlicher Überlieferung, etwa von Papias, dass das Matthäusevangelium wahrscheinlich sogar zuerst in Hebräisch abgefasst worden ist, weil es sich in erster Linie an Juden richtete.
Hier also die universelle Geltung des Auftrags Jesu, insbesondere im Lukasevangelium.
Dann finden wir ebenfalls sehr betont die Liebe Jesu zu den Verlorenen. Sehr häufig, mehr als in den anderen Evangelien, wird betont, wie Jesus sich den Zöllnern, Sündern, Ehebrechern oder auch Samaritanern zuwendet. Also: die Liebe Jesu zu den Verlorenen.
Besonders ist ebenfalls, dass häufig Probleme mit dem irdischen Besitz angesprochen werden. Wir finden das beim reichen Jüngling, der zu Jesus kommt, beim reichen Kornbauern und in weiteren Beispielen. Es gibt also viele Stellen, mehr als in den anderen Evangelien, die uns die Gefahren des Reichtums vor Augen malen. Das ist durchaus etwas, das uns auch herausfordern kann.
Dann haben wir als Nächstes, dass das Wirken des Heiligen Geistes im Lukasevangelium häufiger betont wird als in den anderen Evangelien. Also der Heilige Geist, der bei der Taufe auf Jesus kommt, wie auch später das Wirken des Heiligen Geistes.
Besonders ist ebenfalls, dass im Lukasevangelium sehr viele Einzelpersonen erwähnt werden. Also individuelle Berichterstattung, nicht nur große Massen oder die Pharisäer, sondern Personen werden mit Namen genannt, die manchmal in den anderen Evangelien nur summarisch vorkommen.
Wir haben auch ein besonderes Interesse an Frauen. Wir finden im Lukasevangelium dreizehn Frauen mit Namen erwähnt, in keinem anderen Evangelium so viele. Also auch hier könnten wir sagen: das ist das Evangelium für euch als Frauen, wenn ihr hier seid. Es gibt ja so verschiedene Evangelien, Sportler, Evangelium, Bibel oder Bibel für Bäcker. Hier können wir sagen: Evangelium für Frauen. Lukas legt besonders starken Wert darauf, dass Jesus sich den Frauen zugewandt hat und dass unter den Nachfolgern Jesu, unter den Jüngern Jesu, auch Frauen waren.
Jetzt dürft ihr nicht denken, ich bin jetzt ein Irrlehrer, der hier neue ketzerische Lehren verkündigt, indem er sagt: Wir wissen doch, die zwölf Jünger, das waren doch alles Männer. Das stimmt schon. Aber wir finden ja im Lukasevangelium nicht nur die Zwölf, sondern wir finden dann auch die Zahl der Siebzig, zum Beispiel, die ebenfalls als Jünger Jesu angesprochen werden, die ihm nachfolgten. Und dann finden wir noch eine größere Gruppe, zu der eben auch eine größere Zahl von Frauen gehörte, die ihm nachfolgten und ihn auch direkt unterstützten.
Zu den besonders erwähnten Frauen gehören dann eben natürlich Maria, Maria Magdalena, die Witwe von Nain und auch einige andere Frauen, die namentlich besonders erwähnt werden.
Lukas hat auch ein besonderes Interesse an Kindern. Er erwähnt einmal die Kindheit Johannes des Täufers, die Kindheit Jesu, und er erwähnt dann auch an drei verschiedenen Stellen Jesu Begegnung mit Kindern. Also wie er Kindern gegenübertritt, wie er sie segnet, wie er sie lehrt, wie er sie zu sich kommen lässt.
Er betont ebenfalls stark das Gebet. Wir finden neun verschiedene Gebete, die in keinem anderen Evangelium aufgezeichnet sind. Sie haben häufig mit dem Wirken Jesu zu tun, so wie mit seiner Taufe, nach seinen Wunderwirkungen, wo er sich im Gebet in die Wüste zurückzieht, vor der Erwählung seiner zwölf Jünger verbringt er eine ganze Nacht im Gebet und so weiter und so weiter. Auch das ist eine Besonderheit des Lukasevangeliums.
Besonders betont wird ebenfalls die Freude. Das finden wir schon bei der Verkündigung der Engel, die dann sagen, dass Freude widerfährt oder dass Freude verkündigt wird. Und das zieht sich durch das ganze Evangelium hindurch: Die Leute werden von Jesus geheilt, und dann lesen wir, dass große Freude über sie kam. Manchmal auch Furcht, aber besonders häufig wird bei Lukas Freude erwähnt.
Wir finden dann auch vier, man könnte fast sagen, dichterische Lieder, die man sogar mit lateinischen Namen in der katholischen und evangelischen Kirche benannt hat. Lieder, die zum Beispiel Elisabeth singt, als Maria zu ihr kommt. Dazu gehören das Magnificat, das Benedictus und das Gloria in excelsis. Das ist immer der Anfang, der lateinische Anfang dieser Lieder und Gedichte, die am Anfang des Auftretens Jesu stehen.
Ja, und vielleicht werde ich nun enden mit einem Hinweis darauf, dass Jesus im Lukasevangelium insbesondere tituliert wird als der Menschensohn. Das ist eine besondere Bezeichnung, die wir bei Lukas häufiger finden und die mehr wie eine Überschrift über das bilden kann, wie Jesus von Lukas verkündigt wird.

Übergang zum konkreten Text

Jetzt wollen wir uns einem Text zuwenden. Da ich im letzten Jahr ausführlich über den Anfang berichtet habe, also gerade über das Auftreten von Johannes und so weiter sowie Jesu Geburt, lasse ich das einmal beiseite. Die meisten von uns werden das kennen, und ich werde in Kapitel 5 einsteigen.
In Kapitel 5, ab Vers 27, finden wir die Berufung des Zöllners Levi, und die wollen wir uns heute Abend etwas näher anschauen. Wenn wir uns den Zusammenhang vor Augen führen, dann sehen wir am Anfang von Kapitel 5 die Begegnung von Jesus mit Simon Petrus und dann den wunderbaren Fischfang. Dieser führt dazu, dass Petrus Jesus nicht nur als besonderen Lehrer anerkennt, was er früher schon getan hat, sondern dass er erkennt: Irgendwie muss in Jesus Gott sein. Das ist viel, viel mehr, als ein normaler Mensch tun kann. Und dann tut er ja diesen bekannten, berühmten Ausspruch: Herr, gehe von mir hinweg, denn ich bin ein sündiger Mensch. Er merkt: Hier ist Gott als Heiliger, der ihm begegnet. Und da er seine ganze Sündigkeit erkennt, will er damit nichts zu tun haben.
Dann sehen wir davor die Heilung eines Aussätzigen. Aussatz galt in der Zeit der Bibel als besondere Strafe Gottes. Häufig wurden diejenigen, die die Gebote Gottes überschritten hatten, mit Aussatz gestraft. Denken wir zum Beispiel an die Strafe von Miriam, die sich gegen Mose auflehnt, also Aussatz dort als Strafe. So wurde das von den Juden häufig nicht nur als körperliche Erkrankung, sondern als besondere Strafe Gottes für Sünde gedacht.
Ich erwähne das hier besonders, weil ich meine, dass die Berufung von Levi hier nicht ganz zufällig steht und dass Jesus das nicht ganz zufällig an dieser Stelle getan hat. Ich glaube vielmehr, dass im ganzen Kapitel 5 das vorbereitet wird oder dass die Berufung des Levi ein wichtiger Bestandteil davon ist. Denn uns wird hier generell gezeigt: Jesus wendet sich den Ausgestoßenen zu. Ich glaube, das ist sozusagen der Titel, den wir über Kapitel 5 setzen könnten.
Bei dem Fischer, der ein einfacher Handwerker ist, mag das noch gehen. Aber bei dem Aussätzigen wird das Ganze schon komplizierter, weil der eben eigentlich, also natürlich weder in die Synagoge noch in den Tempel durfte und auch nicht in Gemeinschaft mit den Menschen lebte. Er war ausgestoßen. Und ähnlich finden wir das ja auch bei dem Zöllner, der dort berufen wird.
Es gibt dann auch die Heilung des Gelähmten, und ich meine, dass das Thema hier auch in etwa mit vorkommt, weil nämlich Jesu Macht gezeigt wird. Wir finden das ja: Jesus sagt am Ende der Berufung des Levi, als die Pharisäer sich gegen ihn stellen, dass er nicht gekommen sei für die Gesunden, sondern für die Kranken. Und das wird ja vorbereitet durch die Aussage Jesu, die vorherkommt, wo er nämlich sagt, was schwieriger zu tun sei: jemandem die Sünden zu vergeben oder jemanden gesund zu machen. Jesus will damit sagen: Ich habe die Macht über beides, Sünde zu vergeben und gesund zu machen.
Hier merken wir ja: Es ist wieder die Parallele zum Arzt. Der Arzt wird gebraucht, also der, der körperlich gesund macht. Aber Jesus ist mehr als nur der irdische Arzt. Er ist derjenige, der die seelische Verlassenheit von Gott, die seelische Rebellion gegen Gott und die geistliche Rebellion gegen Gott auch aufheben kann. Er kann gesund machen, er kann heilen. Also insofern glaube ich auch, dass diese Aussagen Jesu und das Handeln Jesu hier fortgesetzt werden mit der Berufung von Levi.
Ich lese einmal den Text. Das ist ja relativ kurz. Es ist von Vers 27 bis Vers 32:
Danach, also nachdem er diesen Gelähmten geheilt hat, der durchs Dach gelassen wird und Jesus dann Sünden vergibt und ihn auch wieder nach Hause gehen lässt, ging er hinaus und sah einen Zöllner namens Levi an der Zollstätte sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach. Und er verließ alles, stand auf und folgte ihm nach.
Und Levi bereitete ihm ein großes Mahl in seinem Haus, und es saß eine große Schar von Zöllnern und anderen, die es mit ihnen hielten, bei Tisch. Und die Schriftgelehrten unter ihnen und die Pharisäer murrten gegen seine Jünger und sprachen: Warum esst und trinkt ihr mit den Zöllnern und Sündern? Und Jesus antwortete und sprach: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu berufen, sondern Sünder zur Buße.

Die Berufung des Levi als Beispiel göttlicher Initiative

Also, erst einmal ist das Thema dieses Abschnitts vollkommen klar: Jesus beruft einen Menschen. Um zu verstehen, wem er sich hier zuwendet, muss man ein paar Hintergrundinformationen dazu geben, wie das damals mit den Zöllnern gewesen ist.
Ich erinnere mich noch an eine Begegnung, die ich in der Gemeinde hatte, die wir in Basel besuchten. In Basel hatte ich ja studiert. Wir besuchten dort eine Gemeinde, und in dieser Gemeinde war eben auch ein Zöllner. Naja, ich meine eigentlich nicht einen Zöllner, sondern ich hatte ihn dort einmal begrüßt. Da habe ich gefragt: Was machst du denn so? Dann sagte er: Ja, ich bin da eben am Zoll und so. Da habe ich gesagt: Ah, bist du ein Zöllner? Und dann rief er sofort: Naja, das ist ja nicht ganz so richtig. Er hat auch darauf betont, dass er Zollbeamter ist.
Das ist natürlich ein Unterschied zwischen den Zöllnern, in gewisser Weise auch, weil die Schweizer Zöllner, das waren Schweizer, nicht ganz so gemein sind wie die Zöllner zur Zeit des Neuen Testaments. Deshalb wurden sie auch durchaus abgelehnt, denn mit den Zöllnern lief das damals anders.
Die hatten eben keinen festen Lohn, sondern sie wurden von ihrem Landesherrn eingestellt, und zwar entweder von dem örtlichen Landesherrn oder von der übergeordneten römischen Behörde. Im Süden des Landes, das heißt in Judäa, wurde damals der Zoll an den Kaiser bezahlt, über den Statthalter Pontius Pilatus usw. Das heißt, der Zöllner war indirekt angestellt von der römischen Besatzungsmacht.
Im Norden Israels, da, wo das hier stattfindet, ist das nicht direkt der Fall. Hier wurde nämlich der Zoll erst einmal dem Herodes bezahlt, dem Herodes, dem einen der vier Fürsten, also dem, dem ein Viertel des Reiches Israel gehörte, dem Sohn von Herodes dem Großen, der Jesus als Kind umbringen wollte, also einem der Söhne. Er herrschte im Norden in Galiläa. Zudem wird Jesus ja auch dorthin gebracht, schließlich, als er gefangen genommen wird. Da will ja Pontius Pilatus sie loswerden, dann schickt er ihn zu Herodes, weil er ja eigentlich aus der Gegend kommt. Also, das ist dieser Herodes. Dieser Herodes ist König von Roms Gnaden, und dem wird die Zolleinnahme ausgehandelt. Und der muss dann eben einen Tribut nach Rom bezahlen.
Normalerweise lief das so, dass eben diese Steuer, die man gegeben hat, in zwei große Gruppierungen eingeteilt worden ist. Die eine Steuer war relativ gut berechenbar, das war nämlich die feste Steuer, die Kopfsteuer. Jeder zwischen 14 und 65 Jahren musste sie bezahlen, ältere wurden steuerfrei. Sie mussten eine Kopfsteuer bezahlen, sozusagen einfach dafür, dass sie Luft geatmet haben, einfach dafür, dass sie lebten, so eine Grundsteuer sozusagen. Und da könnten wir unseren Politikern vorschlagen, denen fehlt doch auch immer das Geld. Vielleicht ist das noch eine neue Steuer, eben eine Kopfsteuer, einfach dafür, dass du lebst in Deutschland. Dafür darfst du dann auch Geld bezahlen. Das gab es damals.
Und dann gab es noch zusätzliche Steuern, nämlich etwa zehn Prozent der Getreideerträge, fünf Prozent der Wein- und Ölerträge. Jetzt dürft ihr mich nicht genau fragen, warum zwischen Wein und Öl und Getreide unterschieden wurde, warum das eine mehr und das andere weniger bezahlt wurde. Manchmal sind Steuergesetzgebungen nicht ganz genau durchschaubar. Das erleben wir heute auch, und das war damals nicht sehr viel anders.
Allerdings von der Lohnsteuer, die damals gezahlt worden ist, dürften wir heute nur träumen. Sie hatten nämlich damals eine einprozentige Lohnsteuer, die gezahlt worden ist. Die ist ja heute bei den meisten von uns zumindest wahrscheinlich höher. Seitdem ihr bezahlt gar keine Steuer, aber für die meisten ist das ja dann ein bisschen mehr: ein Prozent damals.
Das waren also die festen Steuern, die einmal im Jahr eingesammelt wurden. Da ging dann ein Steuereinnehmer von Haus zu Haus und hatte dann genaue Steuerlisten. Diese Steuerlisten wurden anhand der Einwohnermeldelisten erstellt, die wir ja auch im Zusammenhang der Volkszählung mit der Geburt Jesu schon kennengelernt haben. Da wurden die zusammengestellt, und dann wurde nach der Vorschrift gesagt: Aha, du bist von dem Heimatort, du bist also der und der. Denn es gab ja keinen Vor- und Nachnamen, also hat man die Identifikation der Person über den Heimatort vorgenommen. Und dann wurde das Geld eingetrieben, einmal im Jahr.
Man konnte die Steuer entweder in Naturalien bezahlen, also dann musste man Lkw anfahren und so und so viele Säcke mit Getreide mitnehmen. Man konnte es auch in Geldgegenwert bezahlen und dafür das Getreide oder das Öl oder den Wein behalten. Diese Steuern waren relativ berechenbar.
Die anderen Steuern, die es zuhauf gab, waren unberechenbarer, und wahrscheinlich handelte es sich bei dem Levi um solch einen Zöllner, der mehr für diese unberechenbaren Zölle verantwortlich gewesen ist. Da gab es Zölle an Brücken, Toren, an großen Straßen für die Benutzung der Straße, so eine Art Lkw-Maut, nur damals nicht mit der modernen Erfassung, sondern dann saß da einfach jemand und hat das Geld eingesammelt, wenn du vorbeiwolltest.
Und dann, wenn du auf einem Markt etwas verkaufen wolltest, musstest du eine Marktsteuer bezahlen. Also am Anfang des Tores der Stadt stand dann einer, der eingesammelt hat. Er hatte sogar die Freiheit: Wenn du da jetzt Tuche, Ballen gehabt hast, wurden die ausgewickelt, gemessen, so und so viel Tuch. Der hat geschätzt, wie viel das wert war, und dann musstest du dafür einen Gegenwert bezahlen. Wenn du kein Geld hattest, dann lieh dir der freundliche Zöllner das Geld. Allerdings zu einem horrenden Zinssatz. Und wenn du dann in der Stadt verkauft hast, musstest du von dem Verkauften draußen dem Zöllner den Zoll plus die Leihgebühr für das Geld entrichten.
Und da die Zöllner miteinander in Verbindung standen, wussten sie durchaus, sich zu helfen, so dass du nicht einfach am anderen Ende der Stadt rausgehen konntest, ohne den Zoll zu bezahlen. Das wurde dann natürlich alles festgeschrieben und weitergegeben.
Probleme mit diesen Zöllen gab es allerdings, weil keiner so genau wusste, wie viel Zoll der Einzelne jetzt einnehmen durfte. Also: Darf ich so viel einnehmen, darf ich das nicht? Damals wurde nämlich die Zollhoheit per Höchstbietenden versteigert. Also jetzt könnte ich dann einfach sagen: Willst du Zolleinnehmer werden? Okay, bezahl mir 10 Euro, und dann kannst du jetzt sehen, dass du das Geld wieder reinbekommst. Und wenn ich so etwas machen würde, was wäre wahrscheinlich die Folge davon bei dir als Zöllner? Was würdest du machen? 10 Euro wieder einsammeln von den Leuten, die da vorbeikommen? Ein bisschen mehr, nicht?
Und wenn das mit ein bisschen mehr funktioniert, dann kann man noch ein bisschen mehr und noch ein bisschen mehr. Denn es gab ja damals keine angeschlagenen Tafeln. Du konntest nicht ins Internet und nachschauen: Was steht da beim Finanzministerium? Wie viel darf da eingenommen werden bei dieser Brücke, bei dieser Straße, bei diesem Tor? Und so haben die Zöllner relativ frei darüber verfügt, wie viel sie nehmen konnten und wollten und wie viel nicht. Deshalb waren sie natürlich nicht sehr beliebt.
Sie galten auf einer Stufe mit den Mördern und Räubern. Ihnen war deshalb auch verboten, in die Synagogen zu gehen, und in den Tempel schon gar nicht. Die Pharisäer, wie wir hier ja nachher sehen, die Schriftgelehrten, wollen es sogar vermeiden, sie nur zu berühren, geschweige denn, mit ihnen zusammen zu essen. Das ist ganz schlimm, weil du dann an ihrer Sünde Anteil hast, der Sünde der Kollaboration, dass du mit den Heiden und Sündern zusammen die ganze gleiche Sache machst und dass du die eigenen Volksgenossen, nämlich die Juden, betrügst. Sie haben auf ihre Kosten versucht, reich zu werden. Vielfach hatten sie durchaus auch Geld. Die Beispiele der Zöllner, die wir in der Bibel erwähnt finden, sind meistens reich.
Jetzt wird uns hier ein Levi erwähnt, und wir können uns die Frage stellen: Ja, wer war denn das eigentlich? Denn dieser Levi taucht im Verlauf des Neuen Testaments nicht mehr sehr häufig auf. Allerdings, wenn wir die Parallelberichte im Matthäusevangelium, nämlich Matthäus 9,9 lesen, dann fällt uns auf: Da wird dieselbe Sache berichtet, nämlich die Berufung Jesu von dem Zolleinnehmer, der mit seinem Tisch am Rande der Straße sitzt.
Deshalb auch meine Vermutung, dass es sich hier nicht um den jährlichen Steuereintreiber ging, sondern um den, der in der Öffentlichkeit an der Straße sitzt, weil er hier an der Zolleinnehmerstelle, an der Zollstätte sitzt und das einsammelt. Also vermutlich einer, der diese betrügerischen Geschäfte mitgemacht hat. Da wird uns nämlich erwähnt, dass dieser Levi auch den Namen Matthäus trug. Und wenn wir dann weiter im Matthäusevangelium lesen, dann lesen wir: Das ist der Verfasser des Matthäusevangeliums, der hier von Jesus berufen wird, der nach seiner Berufung den Namen Matthäus bekam, also ungefähr übersetzt: Geschenk Javes.
Das ist ja ähnlich, wie das auch bei Petrus ist, der erst den Namen Simon trägt und später den Zunamen Petrus bekommt. So sind all diese Berufungen. Das finden wir auch bei Paulus: Saulus, Paulus. In der Zeit des Neuen Testaments wie auch des Alten Testaments, in dem Geist Abraham und Abraham, da finden wir das häufig. Wenn jemand in den Dienst Gottes tritt, dann bekommt er auch einen neuen Namen.
Und so können wir davon ausgehen, dass der, der hier mit Namen Levi genannt wird, nachdem er Jünger Jesu geworden ist, wie uns das Matthäusevangelium berichtet, den Namen Matthäus bekommen hatte. Übrigens ist diese Namensänderung ja an sich auch gar nicht so schlecht, nur heute wahrscheinlich etwas unüblich geworden. In dem Kloster wird das ja nach wie vor getan, also im Kloster einer katholischen Kirche. Wenn du da eintrittst, bekommst du einen neuen Namen, der jetzt zeigen soll: Jetzt beginnt ein neuer Lebensabschnitt. So wie ja auch der Papst der katholischen Kirche, Papst Johannes Paul II. Der wurde nicht geboren mit dem Titel Johannes Paul II., den hat er sich erst später gegeben, sondern er hieß ja bei seiner Geburt Karol Wojtyła. Und jetzt hat er den neuen Namen. Er ist immer Papst, vorher hatte er schon Zunamen im Kloster bekommen, der kam jetzt noch dazu.
Mich erinnert das immer an ein Erlebnis, das ich gehabt habe mit einem ehemaligen Kommilitonen, der zwischenzeitlich Missionar ist in Bozen in Südtirol. Und zwar: Der kam zum Glauben, kurz bevor er mit dem Studium begann, war früher ganz stark verstrickt in so Esoterik und Okkultismus, und er hieß Rudolf. Rudolf ist ein richtig germanischer Name. So kam er auch an die Ausbildungsstätte, und ich lernte ihn als Rudolf kennen.
Nach ein paar Monaten hat er gesagt: Nein, das stimmt ja eigentlich gar nicht, ich bin nicht mehr derselbe, ich bin nicht mehr Rudolf. Und von fort an wollte er nur noch Christian genannt werden, denn seine Eltern hatten tatsächlich ihm den Doppelnamen Rudolf Christian gegeben. Ich wusste allerdings nicht, was in seinem Pass stand, deshalb hat er sich als Rudolf vorgestellt, also habe ich ihn Rudolf genannt. Aber ab diesem Zeitpunkt bis heute nennt er sich bloß noch Christian Hartmann, früher Rudolf Hartmann, jetzt Christian Hartmann, weil er sagt: Ich bin jetzt nicht mehr der heidnische Rudolf, der germanische hier, der alte Germane, sondern ich bin Christian, und Christian heißt ja tatsächlich Christ, der Christ.
Ich weiß nicht, ob seine Eltern schon vorausschauend unter der Inspiration Gottes ihm diesen Doppelnamen gegeben haben, weil sie eigentlich ungläubig waren. Aber zumindest da sehen wir auch so etwas Ähnliches wie hier bei dem Levi Matthäus: also erst Levi und dann durch die Begegnung mit Gott: Ich bin ein ganz anderer Mensch, und das zeigt sich auch durch meine Namensgebung.
Das ist also dieser. Was lesen wir noch von ihm? Er wird in der Apostelgeschichte auch, nämlich 1,13, wie auch in Markus 3,18 oder Lukas 6,15 erwähnt, als einer der zwölf Jünger Jesu und dann, wie wir schließen können, auch als einer der Verfasser des Matthäusevangeliums. Er wird auch erwähnt in Markus 2,14 als der Sohn des Alpheus, und gleichzeitig wird auch der Jakobus als Sohn des Alpheus genannt. So können wir davon ausgehen, dass er hier ähnlich wie Johannes und Petrus Geschwister waren und beide von Jesus berufen worden sind. Allerdings ist es nicht der Jakobus, der Bruder Jesu, es gibt ja zwei Jakobus. Das ist ein anderer, das ist ja wahrscheinlich der leibliche Bruder Jesu, der auch berufen worden ist.
Wir haben sehr wenig Informationen aus der Apostelgeschichte und auch aus der kirchlichen Geschichte über sein Leben. Einige sagen, dass er möglicherweise in Nordafrika missioniert hätte, nicht ganz sicher. Nicht ganz sicher ist auch die Aussage, dass er eines natürlichen Todes gestorben sein soll, also kein Märtyrertod, wie beispielsweise Jakobus oder wie Petrus oder wie Paulus.
Soweit dazu. Also, das ist der Mann, dem wir hier begegnen.

Nachfolge, Berufung und die Freiheit gegenüber Besitz

Wir versuchen nun, wenn wir uns diesen Text vor Augen führen, uns einmal in die Situation des Levi, des Matthäus, hineinzuversetzen und zu sehen: Wo können wir vorbildlich von Levi lernen? Und auf der anderen Seite, dass wir uns in die Situation Jesu hineinversetzen und versuchen, davon zu lernen: Wie können wir vom Auftreten und Handeln Jesu lernen?
Jesus beruft hier. Das ist hier ganz deutlich. Er sieht den Zöllner dort an der Zollstätte sitzen, der ahnt von nichts. Jesus kommt hin und beruft ihn. Ich glaube, hier haben wir ein ganz wichtiges Motiv neutestamentlicher Gemeinde und des Handelns Gottes. Das Handeln Gottes in der Gemeinde läuft normalerweise nicht über persönliche Bewerbung. Ich muss zeigen, wie toll ich bin, wie super ich bin und wie gut ich alles kann. Ich muss keinen Wahlkampf in der Gemeinde betreiben, um als Ältester gewählt oder eingesetzt zu werden, sondern das eigentliche Prinzip Gottes, auch in der Bibel, ist weder Demokratie noch eigener Wahlkampf, sondern es ist Berufung.
Und hier geht es auch darum: Es gibt hier nicht die große Schar der Bewerber, die Jesus nahekommen. Wir merken ja sogar im Verlauf des Lukasevangeliums, dass solche Bewerber kommen, und häufig sind dann die Hürden Jesu da. Da sagt Jesus ja: Wenn du mir nachfolgen willst, dann musst du das alles verkaufen und dann den Armen geben und dann komm und folge mir nach. So ist es beim reichen Jüngling zum Beispiel. Meistens klappt das nämlich nicht so. Aber wenn Jesus beruft, dann klappt das schon.
Was wir auch dahinter sehen, ist ja: Hier besteht nicht nur eine Berufung, Jünger Jesu zu sein, sondern gleichzeitig eine Berufung zum Glauben. Denn wir sehen ja, nachher wird das Wort der Nachfolge erwähnt. Und dieses griechische Wort, das hier verwendet wird, wird normalerweise benutzt, wenn jemand auch religiös überzeugt war von dem, was er getan hat, wenn er einem religiösen Meister nachgefolgt ist. Dann wurde dieses Wort gebraucht. Das heißt also nicht einfach nur nachgehen, ich gehe denselben Weg wie der andere, sondern ich folge dem in der Lebensführung, in der Ideologie, in der Überzeugung. Das ist das Wort Nachfolge, das da gemeint ist. Und hier merken wir: Es handelt sich gleichzeitig um Bekehrung.
Und wenn wir das berücksichtigen, dann merken wir: Auch Bekehrung funktioniert eigentlich nur so, wenn Gott uns ruft. Wir können nicht aus freier Überlegung einmal sagen: Na ja, heute will ich mal zum Glauben kommen. Das ist dieses Geheimnis, das uns in der Bibel genannt wird und das dann manchmal als Prädestination bezeichnet wurde. Gott ist es, der auf uns zukommt und spricht. Und natürlich ist es so: Wir sagen Ja oder Nein dazu. Aber das ist ja auch dieses Geheimnis. Du findest manche Leute, die wachsen in einer Familie auf, und der eine entscheidet sich, der andere nicht. Da kannst du dir sagen: Warum kommt das? Oder da sind sie in derselben Evangelisation. Und manchmal ist es so, ein Mensch fühlt sich angesprochen. Da sitzen Leute in einer Evangelisation, der eine sagt: Ach, wie langweilig und wie blöd war das, und hätte der sich doch anders ausgedrückt. Und dann triffst du da deinen Nachbarn, den du mitgenommen hast, und der bekehrt sich trotz der blöden Predigt des Evangelisten. Und dann merken wir: Gott wirkt dadurch, Gott spricht an, und das ist das Wesentliche.
Karl Barth, der nicht in all seinen theologischen Entwürfen so ganz bibeltreu gewesen ist, hat das, finde ich, gut ausgedrückt, indem er gesagt hat: Gott spricht senkrecht von oben. Damit will er sagen, er hat das dann auch anders ausgedrückt: Mensch, du lebst auf Erden und Gott lebt im Himmel, da ist ein unendlicher Unterschied dazwischen. Du als Mensch kannst ja gar nicht zu Gott kommen, was bildest du dir eigentlich ein? Du kannst auch nicht frei entscheiden: Jetzt will ich mal, jetzt will ich nicht. Das geht nicht. Sondern nur wenn Gott sich, ja, durch seinen Sohn, durch sein Wort, dann hast du die Möglichkeit, ihn zu erkennen und zu ihm Ja zu sagen.
Ich hoffe, die meisten von euch haben das schon getan. Falls es ja jemand ist, der das noch nicht getan hat, dann nutzt die Gelegenheit hier während dieser Zeit in der Bibelschule, Ja zu Jesus zu sagen, ein Leben mit Jesus Christus anzufangen. Denn hier hast du die Möglichkeit, dass Gott dich anspricht, dass Gott dich möglicherweise heute Abend anspricht und dir zeigt: Du hast die Möglichkeit, dein Leben vollkommen zu verändern, wie dieser Levi, der ahnte von nichts. Er war dabei an seiner Arbeit. Stellt euch vor, ihr seid am Job, da kommt ihr nach zwei Wochen oder drei Wochen, je nachdem wie lange ihr Urlaub habt, wieder zurück, sitzt da und murchelt da vor euch hin, und plötzlich erscheint da Jesus und sagt: Schluss mit der Arbeit, kommt mit mir, lasst das alles liegen. Und der tut das sogar noch.
Also, ich weiß nicht, na gut, bei mir in der Bibelschule ist Jesus noch nicht an meinem Beruf vorbeigekommen, aber ich sehe das ja auch als Berufung, Jesu hierher gekommen zu sein, als ein Schritt der Nachfolge. Aber wenn wir uns das vorstellen, das ist ja eigentlich ziemlich krass. Der kannte Jesus vielleicht vom Hörensagen, und jetzt setzt er seine ganze Existenz aufs Spiel, sein Ansehen, zumindest unter den Zöllnern, sein Reichtum, alles aufs Spiel, nur weil da jemand an seinem Zoll kommt und sagt: Also, lass alles liegen, komm und folge mir nach. Und das tut der Matthäus hier.
Und da merken wir: So ähnlich kann es uns auch gehen. Wenn Jesus uns begegnet, wenn Jesus in unser Herz hineinspricht, sei es dazu, dass er uns zum Glauben rufen will, uns zeigen will, wie sündig und schlecht wir eigentlich sind, wie wir in Rebellion Gott gegenüber leben, obwohl wir vielleicht ein schlechter Sünder unter all den Menschen um uns herum sind, dass wir trotzdem Vergebung brauchen, indem wir Jesus im Gebet bitten müssen: Herr Jesus, vergib du mir meine Sünden, ich will jetzt mit dir leben. Das ist ja das, was die Bibel Bekehrung nennt. Das brauchen wir.
Diese Berufung kann aber auch stattfinden, wenn Gott uns in seinen Dienst beruft, wie ihr das vorhin erzählt habt, wie Gott euch gerufen hat, zur Ausbildung an die Bibelschule, später in den Dienst, in den Schaad. Das ist auch Berufung Gottes. Heute geschieht das meistens nicht so, dass du plötzlich eine Erscheinung hast. Ich weiß nicht, wie es bei euch war: Plötzlich wachst du in der Nacht auf und hörst: Hallo Frank, ich berufe dich. Und am nächsten Morgen denkst du, du hast geträumt. Es gibt vielleicht auch Leute, denen es heute so geht. Aber manchmal geschieht das durch ein Bibelwort, manchmal durch andere Geschwister, wo Gott uns anspricht. So ging es mir. Dass ich Theologie studiert habe, war zurückzuführen auf einige Geschwister, unter anderem meinen Ältesten in der Gemeinde, der mir gesagt hat: Michael, wir denken, das solltest du tun. Ich hatte das eigentlich gar nicht vor. Und dann bin ich dem nachgegangen, habe das später durchaus als Berufung Gottes erkannt, und so kann das auch jeder von uns erleben.
Gott beruft also hier nicht nach meiner eigenen Vorliebe, nicht nach meiner eigenen Wahl. Gott ist es, der die Entscheidung trifft. Das lesen wir später auch bei der Einsetzung der Ältesten im Neuen Testament. Da steht nicht: Jetzt wähl die einmal, sondern da steht: Du sollst die bestimmen. Also, Paulus, Petrus, geh jetzt hin oder Timotheus, geh hin, setze Älteste ein. Es ist Berufung, das Prinzip der Berufung.
Auch bei Paulus und Barnabas steht nicht, die Gemeinde hat jetzt mal ausgewählt, wer hat die besten Kenntnisse, wer eignet sich am besten dazu, sondern sie beteten und fasteten eine Zeit lang, und dann sprach der Heilige Geist: Sondert mir aus Paulus und Barnabas zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe. Und dann wurden sie berufen und ausgesandt. Manchmal frage ich mich, ob sie überhaupt gefragt wurden, ob sie vorher ihr Einverständnis gegeben haben. Also, ich gehe mal davon aus, dass sie auch bereit waren, als gläubige Christen das dann zu tun. Es kann uns herausfordern, wenn Gott uns beruft, dass wir auch die Frage stellen müssen: Sind wir bereit?
Und das ist ja hier bei einem gestandenen Mann. Das heißt nicht nur: Okay, das trifft uns nicht, diese Predigt, Michael, die solltest du mal bei den Jugendlichen halten. Die Jugendlichen, die müssen über ihr Leben noch entscheiden. Nein, hier handelt es sich um einen gestandenen Mann, der schon eine Karriere in der Hierarchie der Zöllner hinter sich gelassen hat, der trotzdem berufen wird und zack seine Karriere über Bord wirft und sich jetzt von Gott gebrauchen lässt, in einer ganz anderen Weise.
Ja, dass er die Nachfolge nicht nur ein Nachgehen meint, sondern ein innerliches Mit-dem-Einswerden, habe ich schon erwähnt. Das ist eben dieses Wort Nachfolge, oder eben, dass er ihm nachfolgte. Das ist also das Wort, das auch mit dem Jüngersein zusammenhängt. Es bedeutet ja also mehr als nur einfach nachzugehen. Es wird dann ganz kurz in Vers 28 erwähnt: Er verließ alles, stand auf und folgte ihm nach.
Dabei müssen wir uns die Konsequenzen der Forderungen Jesu wie auch des Risikos, das Matthäus eingeht, vor Augen führen. Auf der einen Seite ist es so, dass er hier einen einträglichen Job verliert, auf der anderen Seite einen Job, den er auch nicht so leicht wieder zurückbekommen kann. Denn wenn er einmal seinen Job aufgegeben hat als Zöllner, das war relativ begehrt, zumindest unter den geldgierigen Leuten, den bekommt er auch nicht mehr so bald wieder. Damit war es dann erst einmal vorbei. Man konnte nicht einfach wieder einen Rückschritt machen in eine ungewisse Zukunft hinein.
Jesus gibt ihm keinen festen Job und sagt: Also gut, das Einkommen, das du bisher gehabt hast, wird dir auch weiterhin gezahlt. Gibt es nicht. Gar keine Zukunft. Er geht mit einem geldlosen, möglicherweise zukunftslosen Wanderprediger einher, weil er innerlich von Gott angesprochen wird. Ökonomisch lohnt sich das nicht.
Auf der anderen Seite müssen wir allerdings auch sagen: Die Berufung Jesu ist ein großer Vertrauensbeweis an Matthäus. Denn der ist ja immerhin Zöllner, das heißt religiös, wirtschaftlich zwar gut stehend, aber religiös ausgesondert, religiös gemieden. Und hier ist ein von vielen verehrter Rabbi, der ihn als Sünder und Zöllner beruft, und das sogar wissend. Denn der Levi musste sich ja nicht verstellen, der saß da ja an seinem Arbeitsplatz an dem Zolltisch und hat den Leuten das Geld abgenommen. Also Jesus wusste das, und trotzdem hat er ihn berufen, weil er wusste: Den will ich in meine Gruppe mit hinein haben.
Wir können sicherlich jetzt auch versuchen, das auf uns zu übertragen und die Frage stellen: Wo sind wir denn an dieser Stelle? Sind wir vielleicht auch manchmal so wie ein Levi, dass wir meinen, wir sind ungeeignet, wir können das gar nicht, wir sind die Schlechten, wir sind viel schlechter als alle anderen, es gibt so viel Heiligere, die in den Dienst Gottes treten können? Und hier merken wir, wie an anderen Stellen auch, Jesus wählt sich Leute aus, nicht unbedingt nach dem äußeren Augenschein. Also nicht nach dem, wo man sagen kann: Der ist besonders fromm, der kennt die Bibel besonders gut, der redet besonders gut, lebt besonders gut, sondern hier beruft er einen, der äußerlich gar nicht dazu geeignet scheint. Ein Vertrauensbeweis Jesu.

Gemeinschaft, Zeugnis und der Umgang mit Außenstehenden

Ja, dann kommen wir zu Vers 29: Und Levi bereitet ihm ein großes Mahl in seinem Haus.
Erst einmal, wenn wir Vers 28 lesen, müssten wir sagen: Ist das nicht ein gewisser Widerspruch? Denn in Vers 28 sagt er, er gibt alles auf, er verließ alles und folgte ihm nach. Und obwohl er alles aufgegeben hat, hat er trotzdem noch ein Haus und scheinbar auch genügend zu essen, um eine große Menge von ehemaligen Freunden zu bewirten.
Hier müssen wir sehen, dass dieses Allesaufgeben nicht automatisch heißt, dass ich besitzlos bin, also dass ich jetzt nur noch von der Sozialfürsorge lebe. Sondern das bedeutet, dass ich alles, was ich habe, total vorbehaltlos Jesus ausliefere und er damit machen kann, was er will. Und dann kann ich es auch dafür einsetzen, wie hier, die Freunde einzuladen, um sie zu evangelisieren. Denn genau das tut er hier.
Also Besitzlosigkeit wird von Jesus meistens nur dort gefordert, wo die Menschen innerlich den Mammon als Gott haben, wo sie so sehr daran gebunden sind, dass es ihnen ein Hindernis ist, Jesus nachzufolgen, wie beim reichen Jüngling. Bei dem sagt er: Krass, alles weggeben und dann folge mir nach, weil sein Herz so sehr daran hing.
Und so gibt es manche von uns, die Gott vielleicht auch genau dazu beruft: Gib alles weg, weil dein Herz so sehr daran hängt. Und bei anderen ist es so, dass es dann genügt, wenn du alles Jesus auslieferst. Aber nicht nur formal, sondern real.
Also wenn ich sage formal, na ja gut, Jesus gehört alles, aber dann mache ich doch damit, was ich will, dann ist das natürlich nicht Jesus ausliefern, sondern Jesus tatsächlich zur Verfügung stellen.
Er tut das. Er lädt hier Menschen ein. Da steht erst einmal eine große Schar von Zöllnern und anderen, die es mit ihm hielten, das heißt andere Sünder, die mit diesen Sündern auch zu tun gehabt haben und mit bei Tisch lagen. Wir lesen später aus dem Vorwurf der Pharisäer, dass auch der junge Jesus und Jesus selbst mit dabei gewesen ist.
Was wir hier daraus schließen können, wenn wir wieder einmal den Matthäus anschauen, ist, dass die Beziehung zu den ungläubigen Kollegen nicht unbedingt mit der zum Glauben kommenden Person abgebrochen wird. Es gibt ja manche, die auch sagen: Du sollst dich trennen von den Ungläubigen, sobald du zum Glauben kommst, keine Berührung mehr damit, das ist die ungläubige Welt, die hast du hinter dir gelassen.
Das macht Matthäus hier nicht, und sogar Jesus ist mit dabei und legitimiert das Ganze noch. Sondern was er hier macht, ist: Er hat Errettung erfahren, und das Erste, was er tun wird, ist, seinen Arbeitskollegen, den Leuten, die aus seinem Nachbarschafts- und Freundeskreis kommen, zu sagen: Ich bin errettet. Und das tut er nicht nur in einer Evangelisation oder mit einem Traktat, das er in den Briefkasten wirft, sondern er macht genau das, was die Leute nämlich sehr schätzen: Er lädt sie zu einem Festbankett ein.
Also sagt er: Jetzt wird richtig gegessen. Und deshalb kommen sie auch. Und nebenbei erzählt er ihnen: Ich bin Jesus begegnet, ich bin berufen worden, jetzt bin ich Jünger Jesu, jetzt folge ich ihm nach.
Und das kann für uns eine Herausforderung sein, durchaus auch den Kontakt, so wir den noch haben, zu ungläubigen Nachbarn und Kollegen aufrechtzuerhalten. Nicht, um uns ihnen anzupassen, sondern um sie für Jesus Christus zu erreichen. Dabei ist es ja sogar so, dass er hier sogar noch mit ihnen zusammen feiert.
Jetzt könnte man sagen: Ist das nicht unmoralisch? Darf man mit einem Ungläubigen zusammen feiern? Ja, hier wird ja nicht erwähnt, dass sie sich betrunken haben oder dass sie gefressen haben oder dass sie schlüpfrige Witze gerissen haben. Das nicht. Aber feiern, auch mit Ungläubigen, ist scheinbar nach diesem Beispiel des Matthäus, wo Jesus mit dabei ist, durchaus möglich.
Der eine oder andere würde vielleicht jetzt Bauchschmerzen bekommen und sagen: Wenn mein Gemeindeältester mich sieht, wie ich hier mit meinem Arbeitskollegen zusammen in dessen Garten sitze und der sein Bier schlürft und ich vielleicht auch noch, und wir da zusammen grillen, ja, uh, das kann aber schlecht herauskommen, kommt der Gemeindeausschluss vielleicht nächsten Sonntag. Aber hier bei Matthäus ist das scheinbar kein Problem.
Und dass Alkohol getrunken wurde, ist zwar nicht erwähnt, aber höchstwahrscheinlich, weil man nämlich im ganzen Mittelmeerraum fast zu jedem Essen Alkohol getrunken hat, also Wein getrunken hat, einfach weil es desinfiziert war, allerdings meistens sehr stark verdünnt. Also nicht in hoher Konzentration. Und beim Feiern, wie das hier ein Fest gewesen ist, erst recht hat man natürlich Wein getrunken.
Also hier können wir sagen: Jesus gebraucht auch die Situation, aus der du heraus berufen worden bist, die Beziehungen, die du hast, gebraucht er. Und wenn du sie nicht hast, kannst du sie neu knüpfen.
Mir ist da sofort ein Beispiel in Erinnerung gekommen, was ich vor wenigen Monaten kennengelernt habe. Ich war zu einer Freizeit in Bayreuth gewesen, und da habe ich einen jungen Mann kennengelernt, der mir erzählt hatte, dass er wenig vorher zum Glauben an Jesus Christus gefunden hat.
Dieser Mann hatte einen etwas, für mich zumindest, ausgefallenen Beruf. Er war nämlich Besitzer einer Diskothek. Und da hatte er dann eben einen Freund gehabt, der hat ihn dann zum Glauben geführt. Nein, Freund war das gar nicht, das war ein Wunder Jesu, würde ich noch sagen.
Der hatte eine große Krise in seiner Ehe, ist dann von zu Hause ausgezogen und ist dann in ein Apartmenthaus hineingekommen. Und da hat eben der Hausmeister das Apartmenthaus herumgeführt. Und dann fragt er ihn schließlich, was wohnen hier für Leute? Und dann sagt er: Na ja, hier sind lauter gescheiterte Existenzen in dem Haus.
Und dann hat er jetzt nicht gesagt: Oh, das ist aber so schlimm, sondern hat gesagt: Ja, eigentlich bin ich auch einer. Und hat ihm erzählt von seinem Eheproblem. Und dann hat dieser Hausmeister, der aber auch, der hat dann sich vor ihm niedergekniet und hat für ihn gebetet und für seine Situation.
Also ich wundere mich, wie der den Mut gehabt hat, das zu tun. Ich meine, mir wäre das wahrscheinlich peinlich gewesen. Erstmal vielleicht so, vielleicht später mal zum Kaffee einladen und so, wenn der ein Problem hat. Der hat das jedenfalls gemacht, und das hat ihn so angesprochen, überzeugt. Der ist wenige Tage später zum Glauben gekommen.
Aber der hat jetzt seine Diskothek natürlich immer noch gehabt, und der hat auch noch nicht unbedingt eingesehen, dass er sie loswerden muss. Und das ist das einzige Beispiel, was ich bisher kenne, von einem christlichen Diskothekenbesitzer.
Was hat er gemacht? Ein paar Tage später, nachdem er zum Glauben gekommen ist, hat er seine Türsteher beauftragt, hat ein Traktat in die Hand gegeben und jedem, der in die Diskothek gekommen ist, ein christliches Traktat in die Hand gedrückt. Habt ihr das mal erlebt? Bei einer Diskothek kommt ihr rein und bekommt, was weiß ich, statt einem Gutschein für ein Bier ein christliches Traktat in die Hand gedrückt? Wahnsinn!
Erstmal waren natürlich alle plötzlich ganz verwirrt dort. Und nach einer Zeit hat er das auch aufgegeben, weil er gemerkt hat, das geht doch nicht als Christ und als Diskothekbesitzer. Aber da merken wir erst einmal: Es ist noch derselbe Ansatz wie bei Matthäus. Du bist in einer Umgebung drin, und was du machst, ist zuerst nicht, alle Beziehungen zu kappen, sondern den Leuten, mit denen du zu tun hast, Jesus Christus zu verkündigen und ihn weiterzugeben.
Das ist auch hier an derselben Stelle. Wesley hat auch einmal gesagt: Kein Mensch ist jemals allein in den Himmel gelangt, er braucht Freunde dazu. Was er damit meinte, das war ein Zusammenhang in einer Predigt. Er meinte: Wenn du zum Glauben kommst, dann musst du auch anderen davon erzählen, gib denen das weiter, damit du die mit in den Himmel nehmen kannst.
Ernie Klass, wenn ihr auf die Predigt gehört habt, der hat ja scheinbar das so locker drauf, dass er zu manchen Leuten einfach geht: Ich sehe meinen Auftrag, ich gehe in den Himmel, und ich will so viel wie möglich mitnehmen, oder so ähnlich sagt er das, ich sage den Leuten oder den Nachbarn oder sonst was. Eigentlich entspricht das dem, was wir hier bei Levi Matthäus sehen.

Die Reaktion der Pharisäer und Jesu Antwort

Vers 30: Das Essen und Trinken und die Pharisäer gegen die Jünger
Erst einmal müssen wir sehen: Diese Pharisäer waren in gewisser Weise Schlitzohren gewesen, denn sie scheinen die Jünger still und heimlich beobachtet zu haben. Die sind ja in einem Haus und feiern dort, und trotzdem wissen die Pharisäer Bescheid. Das heißt, sie sind jetzt nicht in der Synagoge und beten, sondern statt fromm zu beten, lungern sie um die Ecken herum und sehen: Ah, die gehen da in das Haus hinein. Vielleicht schauen sie noch durch die Fensterläden hindurch, denn sie dürfen ja nicht mit reingehen, dann würden sie sich ja selbst verunreinigen. Das heißt, sie müssen das von draußen beobachtet haben, um hinterher die Jünger zur Rede zu stellen.
Eigentlich ist das ja verrückt. Da merken wir schon den negativen Ansatz, den die Pharisäer haben. Wenn wir uns jetzt in die Situation der Pharisäer hineinversetzen, hütet euch davor, Pharisäer zu werden. Solche gibt es ja manchmal in der Gemeinde auch: die ganz genau beobachten, was der Bruder oder die Schwester tut, die selbst vielleicht gar nicht so vorbildlich geistlich lebt, aber genau wissen, wenn du mal ein Bier zu viel getrunken hast oder wenn du am Abend nicht in der Bibel gelesen hast oder wenn du in der Abendmahlstunde nicht gewesen bist. Sie wissen dann ganz genau Bescheid und machen dich sofort fertig.
In Wirklichkeit sind sie manchmal neidisch, manchmal einfach ungeistlich, statt sich im Glauben voranzubringen. Und wenn du wirklich Sünde tust, dich in Liebe voranzubringen, das tun die hier auch nicht. Sie warten nur darauf, dass du irgendwo mal einen Fehler machst oder etwas, was in ihren Augen ein Fehler ist, um dich fertigzumachen. Und das sollten wir möglichst nicht tun. Wenn ihr mal in Versuchung gewesen seid, euren Bruder oder eure Schwester in der Gemeinde so zu beobachten und dann nur noch eine ganze Strichliste der Vergehen zu sammeln, dann verzichtet lieber darauf. Das ist eher eine Eigenschaft der Pharisäer, nicht eine Eigenschaft der Jünger Jesu.
Aber das machen die hier genau. Sie schauen von außen durch die Fensterläden zu, was die da drin tun, und nachher kommt dann der große Vorwurf. Für die Pharisäer ist das tatsächlich schlimm, denn einem Zöllner hätten sie nicht einmal die Hand gegeben, geschweige denn mit ihm gegessen. Denn Essen war damals nicht Fast Food, sondern Essen hieß: Ich teile ein Stück des Lebens mit der Person, mit der ich esse. Das heißt, er ist mein Freund. Nicht nur, dass ich ihm begegne, er ist ein enger Freund. Das ist jemand, mit dem ich zusammenlebe, ich identifiziere mich mit ihm.
So ein bisschen würden wir vielleicht herausgefordert: Wie ist das nun? Würden wir den Penner vom Bahnhofsvorplatz bei uns zum Sonntagsmittagstisch einladen? Ich weiß nicht, so gewisse Hemmungen hätte ich wahrscheinlich auch. Nicht nur wegen der Tischmanieren, sondern auch wegen des Gestanks oder der Konversation bei Tisch oder so etwas. Aber das ist ja eigentlich eine gewisse Herausforderung: hier zwar nicht unangenehme Leute, aber sündige Menschen, und trotzdem die Gemeinschaft, sie in das eigene Leben mit aufzunehmen. Und Jesus hat keine Berührungsängste dazu.
Dann kommt schließlich Jesu Antwort darauf. Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder zur Buße.
Jetzt können wir uns die Frage stellen: Ja, sind die Pharisäer denn nicht krank? Sind das denn die Gesunden? Das will Jesus damit gar nicht sagen. Wir erleben nur manchmal Menschen in unserer Umgebung, die meinen, gesund zu sein, obwohl sie es gar nicht sind. Und da sagt Jesus: Wenn ihr selbst nicht einseht, dass ihr Hilfe braucht, dann bin ich ja erst einmal dafür da, dass die einsehen, die selbst sehen, dass sie ein Problem haben.
Da ist vielleicht der Krebskranke, der sagt: Mir geht es doch ganz gut, ich spüre das gar nicht. Zwar zeigt der Ultraschall schon überall Geschwüre, aber ich merke nichts. Das kann beim Krebs tatsächlich so sein. Und dann sagt Jesus: Du bist krank. Und er sagt: Nein, ich bin gesund. Dann sagt Jesus: Okay, wenn du meinst, du bist gesund, dann brauchst du meine Hilfe ja nicht, bis du irgendwann daran stirbst.
Genauso ist das mit der Sünde auch. Es gibt Leute, die halten sich für gut, sind es vielleicht moralisch auch, zumindest besser als andere, aber sie brauchen trotzdem Vergebung Jesu, Erlösung, Befreiung von Sünde, Unterstützung Jesu. So müssen wir uns auch herausfordern lassen. Manchmal können wir als Christen, wenn wir jahrelang in der Gemeinde sind, eine ähnliche Stellung einnehmen wie die Pharisäer und sagen: Wir brauchen Jesus ja gar nicht. Die bösen Leute, die die Diskothek besuchen, die sich abends auf der Straße betrinken, die Arbeitslosen, die Penner vom Bahnhofsvorplatz, die brauchen Jesus. Aber wir? Na ja, theoretisch schon einmal vor zwanzig Jahren, als ich zum Glauben gekommen bin, da brauchte ich Jesus auch.
Na ja, aber ganz so ist es ja nicht. Sondern wir sollten durchaus erkennen: Wir gehören nach wie vor zu denen, die Jesus nötig haben, die seine Hilfe im Alltag brauchen, die Lebensveränderung brauchen, die Umgestaltung in das Bild Jesu nötig haben. Und manches Mal braucht es in der Gemeinde und auch für uns als Christen, ich glaube, mehr Offenheit, auch diese Dinge konkret zu benennen, damit wir einander helfen können, auf dem Weg Jesu nachzufolgen. Und nicht, dass der äußere Schein erweckt wird: Die Bösen sind immer die anderen. Und wir als Christen sind alle lieb und nett zueinander, in der Gemeinde, auch in der Freizeit, weil wir alle so heilig und so gut und so sündlos sind, dass die Befreiungsbotschaft Jesu immer nur für die anderen gilt, für die Bösen, die uns fertig machen, für die Bösen, die etwas gegen uns haben, für die, die noch schlechter sind. Das würde sicherlich nicht der Fall sein.

Schlussgebet und Ausblick

Ja, und dann sind wir hier also ziemlich am Ende. Wolltest du mir das auch zeigen? Ich meine, ich hätte hier zwar noch ein paar Punkte, aber ich werde jetzt einfach am Ende noch mit uns beten, mit euch beten, und dann treffen wir uns in einer Viertelstunde wieder hier zum Vorstellungskreis.
Herr Jesus Christus, vielen Dank dafür, dass du damals diesen Levi berufen hast, dass du diese Schranken zu Sündern überwunden hast und dass für dich keiner zu schlecht und zu schlimm ist. Dass du Menschen in den kommenden zwei Wochen in den Abendstunden insbesondere mit dem Lukasevangelium beschäftigen wirst. Und es wird wahrscheinlich nicht das erste Mal sein, dass ihr im Lukasevangelium lest, hoffentlich auch nicht das letzte Mal, sondern dass euch das etwas mit motiviert, dieses Evangelium vermehrt vorzunehmen, Jesus dadurch noch mehr kennenzulernen und das, was er uns zu sagen hat.
Zuerst allerdings, ehe ich jetzt zu einem konkreten Text komme, werde ich ein paar einleitende Gedanken zu dem Lukasevangelium versuchen weiterzugeben. So eine erste Frage, die ich an euch habe: Wer hat das Lukasevangelium eigentlich geschrieben? Ja, einige vermuten jetzt irgendeine Falle, ganz zu Recht. Denn denkt ihr: Entweder verkaufe ich euch für dumm, wenn ich euch solch eine einfache Frage stelle, wer das Lukasevangelium geschrieben hat. Das ist ungefähr so, wie: Wer hat das Gedicht von Goethe so und so geschrieben? Ich meine, ist ja klar: von Goethe. Nein, hier ist es ein bisschen komplizierter, denn wenn ihr die Bibel einmal aufschlagt, da steht ja im ursprünglichen Bibeltext Lukas gar nicht drin.
Also, wenn ihr die Briefe des Paulus aufschlagt, steht fast an jedem Beginn des Briefes dann: „Ich, Apostel Paulus, berufen von Gott, so und so, an die Gemeinde zu so und so.“ Dann ist die Sache ganz klar. Aber im Lukasevangelium finden wir das nicht. Da steht nicht: „Ich, Lukas, Apostel Jesu“ oder sonst wie: „Ich berichte euch von dem, was ich erlebt habe.“ Das steht da nicht. Und im ganzen Lukasevangelium steht dann kein Mal, dass es von Lukas geschrieben ist. Sehr wohl aber bei der Überschrift, die in eurer Bibel abgedruckt ist; da steht wahrscheinlich überall drüber: Lukasevangelium.